Massnahmen der Zentralbank mit dem Ziel, den Zinssatz künstlich niedrig zu halten. Absicht ist dabei, Investitionen anzuregen. Diese werden jedoch in erster Linie durch Gewinnerwartungen bestimmt, Beim Fehlen entsprechender Erwartungen lockt selbst ein Nullzins grundsätzlich keine neuen Investitionen hervor. Manchmal scheint es, dass diese unbestreitbare Tatsache von Zentralbankern vergessen wird. Auch dürfte eine weitere Zinssenkung der Zentralbank kaum Wirkungen zeigen, wenn das Zinsniveau bereits niedrig ist; mit anderen Worten: die Zinspolitik der Zentralbank ist eingeschränkt. — Wohl aber wird der Niedrigzins die Arbeitslosenquote erhöhen. Denn wenn die realen Löhne nicht im gleichen Masse sinken wie die Kapitalkosten – und das ist angesichts der starren Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt die Regel -, dann werden viele Unternehmen Arbeit durch das nun billiger gewordene Kapital ersetzen. In erster Linie Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor (low-wage sector) gehen dadurch verloren. – Sodann wird das “billige Geld” in Verwendungen gelenkt, die eine vergleichsweise geringe Rendite erzielen (Immobilien, “Zementgold”), anstatt in langfristig (noncurrent) wachstumsfördernde Investitionen zum Zweck von Innovationen bei der Fertigung und am Fabrikat; die knappen Faktoren gelangen über die Zinsallkokations-Funktion also nicht mehr zum besten Wirt (to the most favourable allocation of resources). Als im Zuge der auf die Subprime-Krise folgenden Finanzkrise die EZB den Zinssatz sehr niedrig hielt, verschuldeten sich viele Privathaushalte in Deutschland und legten das Geld spekulativ in Grundbesitz auch im bis dahin noch billigeren Ausland – etwa in Irland und Litauen – an, was dort die Immobilienpreise in die Höhe schnellen liess. Das Kapital fliesst also in weniger produktive und/oder risikoreiche Verwendungszwecke. – Ferner reizt niedriger Zinssatz den Luxuskonsum an. Privathaushalte verschulden sich billig, um etwa eine Weltreise (round-the-world trip) zu unternehmen. Und weil sich das Sparen häufig gar nicht lohnt – die Inflationsrate ist höher als der Zins auf Spareinlagen -, so werden Privathaushalte eh mehr konsumieren; und dies geschieht mit weitreichenden Folgen zu Lasten der Vorsorge für Krankheit und Alter. – Bei freiem Kapitalverkehr werden Carry Trades das billige Geld im Inland – etwa: Japan um 2000, Westeuropa um 2009 – aufnehmen und höher verzinslich (higher interest bearing) im Ausland – seinerzeit: vor allem in Staatsanleihen in den USA – anlegen. Es werden zudem auch international tätige Unternehmen die zum Niedrigzins aufgenommen Mittel im Verbund stehenden Firmen im Ausland zuleiten. Dadurch – sinkt der Wechselkurs des Landes mit der Niedrigzinspolitik; die Importe – in Japan um 2000: Erdöl, Lebensmittel – verteuern sich, und damit steigen auch die Lebenshaltungskosten an, Das jedoch trifft vor allem die Bezieher [CH: Bezüger] niedrigerer Einkommen: es kommt zu einer Einkommensumverteilung (redistribution of income). – Die Finanzgeschichte kann überzeugend nachweisen, dass niedriger Zinssatz die Regierungen reizt, zusätzliche Schulden zu machen und das aufgenommene Geld – besonders bei bevorstehenden Wahlen – an das Wahlvolk (electorate) zu verteilen. Solche Wahlgeschenke (election gifts) tragen in den seltensten Fällen zur Steigerung der volkswirtschaftlichen Produktivität bei. – Aktiengesellschaften nahmen regelmässig in Zeiten der Niedrigzinspolitik billige Kredite auf, um mit dem Geld eigene Aktien zurückzukaufen; auf diese Weise werden die Kurse künstlich nach oben getrieben. – Dazu bedeuten durch die Geldpolitik niedrig gehaltene Zinsen auch Verluste bei den Bankeinlagen der Privathaushalte. Diese erhalten für ihre Depositen jetzt eine nur sehr geringe Verzinsung. Zufolge genauer Berechnungen verloren die Bürger Deutschlands durch die niedrigen Zinsen für Bankeinlagen im Zuge der Niedrigzinspolitik der Zentralbank bei der Bewältigung der durch die Subprime-Krise ausgelösten Finanzkrise jährlich grob 58 Mia EUR. Damit hatte die Gruppe der Sparer und die für ihre Altersrente Einzahlenden gezwungenermassen (of necessity) die Hauptlast der Finanzkrise zu tragen (had to bear the brunt of the financial crisis), was oft überhaupt nicht erwähnt wird. – Auch ist an gemeinnützige Vereine und Stiftungen zu denken, deren Kapital nun weniger Ertrag bringt. Sie müssen jetzt ihre Dienste, wie etwa die Vergabe von Stipendien, zum Nachteil der Gesellschaft gesamthaft vermindern. – Es geraten aber auch Versicherungen und vor allem Lebensversicherungen infolge der Niedrigzinspolitik leicht in eine Schieflage. Denn diese geben herkömmlicherweise ihren Kunden in den Verträgen eine lebenslange Zinsgarantie (interest-rate guarantee). Nun aber können die Versicherungen die eingehenden laufenden Prämien bloss zu einem Zinssatz anlegen, der sehr weit unter dem garantierten Zins liegt. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht verlangt angesichts dessen von den deutschen Versicherungen besondere Rücklagen, um die ihren Kunden garantierten Leistungen erfüllen zu können; nach geltendem Recht ist eine Kürzung von garantierten Zinszusagen seitens der Versicherung so gut wie unmöglich. Auf dem international hart umkämpften Markt (global highly competitive markt) für Versicherungsleistungen haben dadurch deutsche Versicherungen einen Wettbewerbsnachteil (competitive disadvantage). – Schlussendlich treibt die Niedrigzinspolitik die Rohstoffpreise in die Höhe. Denn Versicherungen und Pensionsfonds legen auf der verzweifelten Suche nach Rendite einen Teil ihres Vermögens auf Futures-Märkten mit Rohstoffen an. – Niedrigzinspolitik ist nach alledem ökonomisch folgewidrig, und sie wirkt sozialpolitisch unter Umständen verheerend. Zudem sind ihre langfristigen Auswirkungen kaum abzusehen. Denn wenn dem Zins seine Aufgabe als Preis für Kapital genommen wird, so führt dies zur Orientierungslosigkeit (disorientation: general confusion about financial decisions and generally how to act economically) auf dem Finanzmarkt, und es ist sehr wahrscheinlich, dass so starke Verwerfungen in der Volkswirtschaft gesamthaft verursacht werden die Folge sind. – Siehe Anmassung, zentralbankliche, Aufkäufe, zentralbankliche, Ausschüttungs-Sperre, Auswirkungsstudie zu langfristigen Garantien, Bausparvertrag, übersparter, Blase, spekulative, Blasenbildner, Carry Trades, Cash-Flow-Effekt, Diätrendite, Enteignung, kalte, Finanzialisierung, Finanzinvestition, Fragmentierung, Geld, billiges, Geldüberversorgung, Immobilienblase, Krise, zentralbankbewirkte, Liquiditätsfalle, Lug-und-Trug These, Negativzins, Nullzins, Phillips-Theorem, Quantitative Easing, Renditejagd, Repression, finanzielle, Schuldendroge, Subprime-Krise, Tarnkappen-Politik, Tresorboom, Umverteilung, zentralbankbewirkte, Verfassungsartikel eins, Verschuldungsanreiz, Weginflationierung, Zinsdifferenzgeschäft, Zins, natürlicher, Zinssatz, niedrig gehaltener, Zinsallokations-Funktion, Zinsanreiz, Zinssenkungs-Politik, Zinszusatzreserve, Zombie-Bank. – Vgl. Finanzstabilitätsbericht 2010, S. 102 f. (Auswirkungen einer Niedrigzinspolitik auf die Risikotragfähigkeit der Lebensversicherer), Finanzstabilitätsbericht 2012, S. 42 ff. (Niedrigzinspolitik reizt zum Eingehen höherer Risiken; Versicherungen sind von Niedrigzinspolitik besonders betroffen), Monatsbericht der EZB vom August 2013, S. 50 ff. (Aktienmarktentwicklung unter der Niedrigzinspolitik; viele Übersichten), Finanzstabilitätsbericht 2013, S. 54 (Probleme der Bausparkassen angesichts der Niedrigzinsen), S. 118 ff. (Probleme der Versicherungen), Jahresbericht 2013 der BaFin, S. 133 (Fünf-JahresPrognoserechnung im Rahmen der Präventiven Aufsicht bei Versicherungen und Pensionsfonds angesichts des Niedrigzinsumfelds).
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Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk, Dipl.rer.pol., Dipl.rer.oec.
Professor Dr. Eckehard Krah, Dipl.rer.pol.
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