Zu Jahresbeginn 2011 stellte sich eindeutig heraus, dass das Mitglied des Eurosystems Portugal so hoch verschuldet ist, dass es aus eigener Kraft kaum mehr zum finanzielle Gleichgewicht zurückfinden wird. Wie im Falle von Griechenland und Irland musste ein Hilfspaket (aid package) geschnürt werden; Deutschland hatte im Zuge dessen eine Bürgschaft von (zunächst) 15 Mia EUR zu leisten. – Nicht nur in Deutschland löste dies heftigen Streit über das Vorgehen zur Hilfe von Portugal aus. Denn die portugiesischen Abgeordneten hatten ein Programm der eigenen sozialistischen Regierung als unannehmbar abgelehnt, das einen strikten Sparkurs (rigid austerity course) mit Schritten wie längere Arbeitszeit und einen Lohnstop vorsah. Dass nun schon wieder den europäischen Steuerzahlern die Sanierung eines Landes zugemutet wird, das offensichtlich jahrelang über seine Verhältnisse gelebt hatte, führte nachweislich zu einer Zunahme der Europaverdrossenheit (dissatisfication towards Europe) in weiten Kreisen der Bevölkerung. Der Unmut gerade in Deutschland verstärkte sich noch, weil – wie im Falle der Griechenland-Krise – die Schuld für das eigene Unvermögen und Versagen in der portugiesischen Öffentlichkeit weithin den “starken” Euroländern zugeschoben wurde, vor allem Deutschland und den Niederlanden. Auch in Kreisen der Wissenschaft wurde jetzt das bis dahin regelmässig und formelhaft als “unsinnig” oder “indiskutabel” bezeichnete Exit eines Mitgliedes des Eurosystems erörtert. – Aufgrund der schlechten Wirtschaftslage setzte in Portugal ein verstärkter Brain Drain ein. Allein im Jahr 2011 verliessen über 150’000 gut ausgebildete jüngere Personen Portugal, die meisten davon wanderten nach Brasilien und Angola aus. Dies und andere Umstände – die Innovationskraft ist gleich Null: von den 52’000 in Europa erteilten Patente im Jahr 2009 entfielen auf Portugal gerade einmal 24 – lassen es als unwahrscheinlich (remote) erscheinen, dass Portugal in absehbarer Zeit wieder auf eigene Güsse zu stehen kommt. – Siehe Bail-out, Blame game, ClubMed, Currency-Swing, Ekart, Euro-Anleihen, gemeinsame, Europäischer Stabilitätsmechanismus, Exit, Griechenland-Krise, Irland-Krise, Minhas-Gerais-Problem, Moral Hazard, Patenterteilungen, Plan C, Politikklammer, Politikverzug, Solidarität, finanzielle, Stabilisierungsmechanismus, europäischer, Stabilitäts- und Wachstumspakt, Grundfehler, Staatsverschuldung, Wirkungen, Stabilisierungsmechanismus, europäischer, Statistikbehörde, Südfront, Transferunion, Verschuldung-Produktivität-Verkettung, Vertragstreue. – Vgl. Monatsbericht der Deutschen Bundesbank vom April 2011, S. 53 ff. (Massnahmen zur Vermeidung weiterer Staatsschulden-Krisen), Monatsbericht der EZB vom März 2012, S. 109 ff. (zur Staatsverschuldung in Portugal; viele Übersichten; verschiedene Projektionen), Monatsbericht der Deutschen Bundesbank vom November 2014, S. 23 ff. (Arbeitsmarkt in Portugal seit 2008; Übersichten).
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Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk, Dipl.rer.pol., Dipl.rer.oec.
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