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Ursachen und Bedingungen einer Inflation

veröffentlicht am

Im Druck erschienen in: ÖSTERREICHISCHES BANK-ARCHIV,
Bd. 23 (1975), S. 261 bis 263.

(0.1) Nach der heute vorherrschenden wissenschaftstheoretischen Meinung in den Sozialwissenschaften ist die Frage nach den Ursachen der Inflation falsch gestellt. Der Beobachtungsgegenstand (Vorgang) Inflation müsse aus anderen Vorgängen1 erklärt werden. Aufgabe der Wissenschaft sei es, beobachtete Vorgänge miteinander zu verknüpfen. Theoretische Begriffe (,,constructs\“) seien nur insoweit zulässig, als sie zur Verknüpfung von Beobachtungsgegenständen beitrügen. Sonst aber müßten sie als ,,unbeobachtbar\“, als nicht in wahrnehmbare Gegenstände zurückführbar, vermieden werden.

(0.2) Dieser Standpunkt soll hier nicht im einzelnen kritisiert werden.2 Erlaubt sei aber, den biblischen Prüfsatz: ,,A FRUCTIBUS EORUM COGNOSCETIS EOS\“ (Matth. VII, 16) anzuwenden. Dann erkennt man eine Unsicherheit und Ratlosigkeit, ja eine Verwirrung hinsichtlich des Inflationsphänomens, die man manchmal schon als Tohuwabohu bezeichnen könnte. Alles, was in Zusammenhang mit der Inflation ,,beobachtet\“ und als ,,empirisch greifbar\“ gilt (was noch lange nicht heißt, daß es auch empirisch greifbar ist: der Dilettantismus gerade auf dem Gebiet der empirischen Wirtschaftsforschung ist ja beinahe schon ein Skandal), stellt man einfach nebeneinander. – Geht man hingegen auf die heute so verschrieenen ,,Konstrukte\“ zurück, nämlich auf die in der Wissenschaft jahrhundertlang gebrauchten Begriffe, so kommt man einer gedanklichen Durchdringung der Inflation doch bei weitem näher. Das soll nachstehend in Kürze geschehen. Dabei soll zwischen Ursachen und Bedingungen einer Inflation unterschieden werden.

(1.0) Unter Ursache ist ein Sein zu verstehen, das durch seine Tätigkeit etwas hervorbringt.3 Das Hervorgebrachte ist die Wirkung.4 Beispiel: ich zünde mit dem Streichholz die Gasflamme an; diese brennt. – Dabei ist zu unterscheiden zwischen auslösender (mittelbarer) Ursache und wirkender (unmittelbarer) Ursache. Auslösende Ursache (CAUSA OCCASIONALIS) ist eine ,,Kraft\“ als Fähigkeit, etwas zu vollbringen; im Beispiel die Zündfähigkeit des Streichholzes. Wirkende Ursache (CAUSA EFFICIENS) ist der Anstoß, der diese Kraft erregt; im Beispiel die Entflammung des Streichholzes.5 – Eine Wirkung kann mehrere Ursachen haben.

(1.1) Als auslösende Ursachen der Inflation kann man kreislaufbedingte und systembedingte Kräfte ansehen. Zur ersten Gruppe wären Cost-push, Demand-pull und Demand-shift zu zählen.6 Zur zweiten Gruppe könnte (CONJUNCTIVUS DELIBERATIVUS) man aus der Systemtheorie ableitbare Ursachen rechnen, wie etwa gegen-entrope Kräfte.7 – Wirkende Ursache der Inflation ist immer die Vermehrung der Geldmenge oder die Erhöhung der Umschlagsgeschwindigkeit des Geldes. — Hält man die mittelbare und die unmittelbare Ursache auseinander, so löst sich die ganze Verwirrung um die Quantitätstheorie.

(2.0) Auf eine Wirkung haben immer auch Umstände einen Einfluß. Es gibt gleichgültige, bedeutungslose Umstände, etwa die Tageszeit, zu der ich die Gasflamme anzünde. Diejenigen Umstände, die Einfluß auf die Wirkung haben, heißen Bedingungen. Beispiel: ein Schlag auf eine Glocke bringt diese zum Klingen. Wird sie aber von einem starren Körper am Rande berührt, so wird der Klang gedämpft. Oder: ein bestimmtes Heilmittel wirkt je nach der bleibenden oder wechselnden Disposition des Patienten.8 — Es gibt unter den Bedingungen solche besonderer Art. Beispiel: der Tau entsteht durch Ausstrahlung infolge Abkühlung der Erde. Dies geschieht aber nicht immer, sondern nur unter besonderen Umständen: nur bei klarem, windstillen Wetter. Die logische Bezeichnung für dieses ,,nur\“ ist: notwendige Bedingung (CONDITIO SINE QUA NON). Sie ist derjenige Umstand, der die Wirksamkeit des Grundes erst möglich macht und dessen Fehlen diese Wirksamkeit unmöglich machen würde. – Weiter: ein Funke bringt Pulver zur Explosion; aber nasses Pulver explodiert nicht. Hier handelt es sich um eine notwendige Bedingung besonderer Art: Wasser darf nicht da sein. Das ist eine negative Bedingung.9

(2.1) Bedingungen für das Eintreten einer Inflation wären, daß erstens das vermehrte Geld im Inland ausgegeben wird und zweitens in makroökonomischer Betrachtung die monetäre Nachfrage das vorhandene Angebot übersteigt.10

(3.0) Die vorgeschlagene Unterscheidung in – ➀ wirkende Ursache, – ➁ auslösende Ursache und – ➂ Bedingungen könnte dazu verhelfen, die wissenschaftliche Erforschung des Inflationsphänomens zu fördern. Sie zeigt im übrigen, daß im Sinne einer „symptomatischen Therapie\“ die von manchen kritisierte Geldmengenbegrenzung durch die Zentralbank grundsätzlich richtig ist. Gleichzeitig erkennt man, daß eine ,,kausale Therapie\“ auf die wirkenden Ursachen ausgerichtet sein muß. Damit ist nichts grundsätzlich Neues ausgesagt. Aber es erscheint angesichts der Unsicherheit um die wissenschaftliche Bewältigung der Inflation doch schon als Vorteil, wenn bereits Bekanntes im Lichte der Methodenlehre nochmals bestätigt wird.

Anmerkungen

1 Zum Inhalt des Begriffes \“Vorgang\“ siehe Karl R. Popper: Logik der Forschung, 5. Aufl., Tübingen 1973, S. 57. [Dieses Werk ist inzwischen nach der 11. Auflage 2005 auch als Digitalisat verfügbar].

2 Siehe hierzu neuerdings Ralph W. Pfouts: Some Proposals for a New Methodology for Economics, in: Atlantic Economic Journal, Bd. 1 (1973), S. 13 ff.

3 Siehe erläuternd und vertiefend Hans Titze: Der Kausalbegriff in Philosophie und Physik, Meisenheim 1964, S. 165 ff.

4 Die Behauptung, Kausalität sei überholt, weil in der Quantenphysik nicht nachweisbar, hat mich bisher nicht überzeugt. Sie ist dort doch nur deshalb nicht erfaßbar, weil die Orts- und Geschwindigkeitsbestimmung eines Teilchens nicht gleichzeitig durchgeführt werden können. – Siehe hierzu auch Arthur Papp: Analytische Erkenntnistheorie, Wien 1955, S. 132 f.

5 Siehe Christoph Sigwart: Logik, Bd. 2, 4. Aufl., Tübingen 1911, S. 149 f.

6 Nach Gerhard Merk: Programmierte Einführung in die Volkswirtschaftslehre, Bd. 3: Geldwesen, Makrogleichgewicht und Wachstumskräfte, Wiesbaden 1974, S. 28.

7 Siehe hierzu Jean-Pierre Daloz: Inflation et entropie du système économique, in: Économie Appliquée, Bd. 27 (1974), S. 10 ff.

8 Siehe Ernst Mutscheler: Arzneimittelwirkungen, 2. Aufl., Stuttgart 1973, S. 4 zu den Wirkungsbedingungen von Pharmaka.

9 Siehe vertiefend Christoph Sigwart, a. a. O., S. 508 ff.

10 Über die Möglichkeiten der Reaktion bei makroökonomischer zusätzlicher Nachfrage siehe Erich Preiser: Bildung und Verteilung des Volkseinkommens, 4. Aufl., Göttingen 1970, S. 130 ff.


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Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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