Schuldendroge (debt drug)
In Zusammenhang mit der Griechenland-Krise und den erheblichen Ungleichgewichten in den Staatshaushalten südeuropäischer Mitgliedsländer der EWU im Finanzjournalismus aufgekommene Bezeichnung (derogatory term). Der Ausdruck will kennzeichnen, dass ähnlich wie eine Person sehr rasch dem Rauschgift verfallen ist und dann das vernünftige Denken aussetzt, so auch Staaten abhängig werden von der wie ein Suchtmittel wirkenden Staatsverschuldung. Dies gilt zumal dann, wenn andere Staaten – bzw. in der EWU auch die Zentralbank – die verschuldeten Mitglieder immer wieder mit Geld versorgen. Die Bürger in den Defizitstaaten (countries with excessive deficits) sehen binnen kurzem nicht mehr ein, dass Einschränkungen nötig sind, um Einnahmen und Ausgaben wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Regierungen wollen sich nicht den Unmut des Staatsvolks zuziehen und verhandeln lieber mit Geldgebern über neue Kredite; wobei freilich Aufmärsche von Wutbürgern (enraged citizens) durchaus gelegen kommen, weil diese einen Erpressungsdruck (pressure: an insistent, forcefully appeal to act) gegenüber den Kreditgebern unterstützen. Auf diese Weise verfestigt sich die Gepflogenheit, mehr auszugeben als einzunehmen. Gleich einer Droge ist der Staat so der Verschuldung ausgeliefert. – Die Kreditgeber glauben, der bessere Weg sei es, laufend Kaufkraft auf die Defizitstaaten zu übertragen, in der blassen Hoffnung (vague hope), das Geld eines Tages wiederzusehen. – Siehe Bazooka, Bail-out, Bilanzbereinigung, Binnenflexibilität, Blame game, Defizit-Finanzierungsverbot, Enteignung, kalte, Europäische Währungsunion, Grundfehler, Europäischer Stabilisierungsmechanismus, Europayer, EZB-Sündenfall, Finanzsolidarität, Geldkuh, Geldvermehrung, währungsunion-interne, Gläubigervorrang, Hegemon, milder, Inverzugsetzung, Italienische Methode, Moral Suasion, Niedrigzinspolitik, Nullzins, Plan C, Politikklammer, Politikverzug, Repression, finanzielle, Retterei, Rettungseuropäer, Rettungsroutine, Risikoträger, endgültiger, Rogoff-Studie, Schattenstaat, Schulden-Schulden-Rezept, Schuldenunion, Solidarität, finanzielle, Stabilitäts- und Wachstumspakt, Grundfehler, Südfront, Verfassungsartikel eins, VerschuldungProduktivität-Verkettung, Verschuldungsanreiz, Vertragstreue, Wachstum-SchuldenTatsache, geschichtliche, Weginflationierung, Zwei-Wege-Option. – Vgl. Monatsbericht der
Deutschen Bundesbank vom Oktober 2012, S. 13 ff. (tiefe Erörterung der schuldenbedingten Hemmnisse in der EWU; Übersichten; Literaturhinweise), Monatsbericht der Deutschen Bundesbank vom November 2012, S. 22 ff. (Defizite im Staatshaushalt im Euroraum gesamthaft und in den Problemländern; Übersichten), Monatsbericht der Deutschen Bundesbank vom Januar 2014, S. 41 ff. (ausführliche, tiefgreifende Erörterung der Lage in der EWU).
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Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk, Dipl.rer.pol., Dipl.rer.oec.
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