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Glaube und Frömmigkeit bei Johann Heinrich Jung-Stilling

veröffentlicht am



Glaube und Frömmigkeit
bei
Johann Heinrich Jung-Stilling

von

Dr. Dr. Gustav Adolf Benrath
Universitätsprofessor in Mainz

Leicht veränderte, autorisierte Online-Fassung aus Michael Frost (Hrsg.): Blicke auf Jung-Stilling. Festschrift zum 60. Geburtstag von Gerhard Merk. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1991, Seite 95 bis 113. – Die gewerbliche Nutzung des Textes bedarf der schriftlichen Zustimmung des Copyright-Inhabers, der Jung-Stilling-Gesellschaft e.V., Postfach 10 12 72, 57223 Kreuztal (Deutschland)


Abgesehen von der spannenden Dramatik der Jugendjahre war es die Intensität und die Vielseitigkeit der beruflichen Wirksamkeit als Arzt und Augenarzt, Wirtschaftswissenschaftler und Schriftsteller, was das Leben und Lebenswerk Jung-Stillings in den Rang des Außergewöhnlichen erhoben hat. In diesem intensiven, vielseitigen Leben Jung-Stillings waren christlicher Glaube und christliche Frömmigkeit aber nicht nur irgendeines unter anderen Elementen, sondern sie waren das leitende Motiv seines Lebens. \“Das erste, wonach er fragte, wenn er von jemand etwas las oder reden hörte, bezog sich auf seine Gesinnung gegen Gott und Christentum\“, – so heißt es schon von dem Schulkind.1 Und noch von dem über siebzigjährigen Hofrat ist es ganz ähnlich bezeugt: \“… ihm stellte sich alles, was er vernahm, sogleich in eine Beziehung auf die Religion.\“2 Glaube und Frömmigkeit machten den Kern seines Lebens und Denkens aus. Wir besinnen uns daher mit unserem Thema nicht auf Nebensächlichkeiten, sondern auf die Grundlage, auf die tragende Mitte, auf das Wesentliche am Leben Jung-Stillings, und dazu ist das Gotteshaus der rechte Ort.3

Wenn von tragender religiöser Mitte die Rede ist, so heißt das bei Jung-Stilling aber nicht, daß hier eine Gestalt vor uns sichtbar würde, die fest gefügt dasteht wie ein Denkmal aus Erz oder Stein. Jung-Stilling war ein Mann aus Fleisch und Blut. Man kann daran zweifeln, ob der Beiname \“Stilling\“, den er sich als Schriftsteller zulegte und beibehielt, lebenslang auf ihn gepaßt hat. Denn zu den \“Stillen im Lande\“ (Psalm 35, 20), die sich von der Welt zurückziehen, gehörte er seinem Wesen nach bestimmt nicht. Es drängte ihn vielmehr immer wieder, das Wort zu nehmen, zur Feder zu greifen und rastlos tätig zu sein. Am bloßen Theoretisieren, Reflektieren, Meditieren, Spekulieren lag ihn auch in geistlicher Hinsicht so viel wie nichts:

\“Wer stets sich will erbauen,
nicht wirken, sondern schauen,
der fördert sich nicht viel …\“,

so reimte er selbst gelegentlich einmal.4 Die Geschichte seines inneren Lebens verlief in mancher Hinsicht vielmehr ebenso dramatisch bewegt wie das äußere Leben, das wir kennen. Es ist spannend, ihr nachzugehen, und zwar um so mehr, als sich in ihr wichtige Aspekte der Geistes- und Frömmigkeitsgeschichte seines ganzen Zeitalters widerspiegeln.

In fünf Wegstrecken führt sie uns an seiner äußeren Lebensgeschichte entlang:
(1) von seiner Jugend und der Prägung durch die reformierte Konfession und durch den kirchenkritischen Pietismus,

(2) in seine Studienzeit und in die erste Hälfte seiner Berufs- und Schriftstellerjahre hinein, die im Zeichen der frommen Aufklärung standen.

(3) Seit dem Beginn der Französischen Revolution (1789) gelangte Jung-Stilling dann aber zu einer Neuorientierung seines religiösen Denkens, indem er sich von der frommen Aufklärung allmählich löste.

(4) Und seit 1794, im Alter von 54 Jahren schließlich, stellte er seine religiösen Schriften entschieden in den Dienst der Erweckung, zunächst noch neben seinem Hauptberuf her, dann aber

(5) seit 1803 bis an sein Lebensende mit voller Arbeitskraft. Wie zu einem Patriarchen blickten seine Familie und viele Freunde zu dem greisen Jung-Stilling auf,5 und als einen \“Patriarchen der Erweckung\“ hat das spätere 19. Jahrhundert das Andenken an ihn hochgehalten.

Aber eben ein solcher Patriarch war Jung-Stilling nicht von Anfang an: Erst durch mancherlei Schwierigkeiten, Enttäuschungen und Anfechtungen hindurch, nach Überwindung von Umwegen und Irrwegen, gelangte er zu diesem Ziel. Die fünf genannten Wegstrecken seines inneren Lebens gilt es zu verfolgen; am Schluß sind drei bezeichnende Elemente seiner Frömmigkeit festzuhalten.

A. Stillings Jugend

Nach dem frühen Tod der Mutter wurde die Frömmigkeit des aufgeweckten Kindes im Kreis der dörflichen Großfamilie vor allem von dem strengen Vater bestimmt: das gemeinsame Morgengebet auf den Knien und das Lesen und Auswendiglernen des Heidelberger Katechismus gehörte zu seinem regelmäßigen Tagesablauf. Schon früh las der Junge nicht nur Homer und Vergil in deutscher Übersetzung und dazu die späteren Volksbücher wie \“Die vier Haimonskinder\“ und \“Die schöne Melusine\“, sondern auch so entschieden pietistische Schriften wie \“Das Leben der Altväter\“ von Gottfried Arnold und die \“Historie der Wiedergeborenen\“ von Johann Heinrich Reitz. Was wunder, wenn er dann im Garten die Worte und Taten seiner Helden nachspielte und sich bald in einen edlen Ritter und bald sogar in den heiligen Einsiedler Antonius verwandelte.

Obgleich sich der Vater von separatistischen Pietisten aus der Gegend von Berleburg besuchen und wohl auch beeinflussen ließ, blieben in der Familie Jung die landeskirchlichen Grundsätze in Geltung. Der Großvater Ebert Jung, jenes Urbild eines treuen und redlichen Siegerländers, war Kirchenältester in Hilchenbach. Dort wurde der vierzehnjährige Johann Heinrich konfirmiert, und sein Pfarrer und Seelsorger unterstützte ihn in den folgenden Jahren bei der Suche nach dem richtigen Lebensberuf. An ein akademisches Studium, und zumal an den Beruf des Pfarrers, von dem das Kind geträumt hatte, konnte die wenig bemittelte Familie nicht denken.6

Seine Begabung und seinen Willen zur Weiterbildung, seine Lesewut und seinen umfassenden Wissensdurst nahm der junge Mann nach der Schulentlassung in die nächsten Lebensjahre ebenso mit hinein wie jene Lehre des Heidelberger Katechismus, \“daß wir in aller Widerwärtigkeit gedultig, in Glückseligkeit danckbar und auffs zukünfftig guter zuversicht zu unserm getreuen Gott und Vater sein sollen\“.7 Beides, Schöpfung und Vorsehung, führte er auf den himmlischen Vater zurück, war es doch derselbe Gott, der ihm als Schöpfer die Geistesgaben und seinen Bildungstrieb eingepflanzt hatte und dessen Vorsehung und väterliche Führung er sich auf seinem Weg in die Zukunft anvertrauen sollte und wollte. Aber beides kam nun einfach nicht überein!

Sein siebenmaliges berufliches Scheitern innerhalb von sieben Jahren brachte Jung-Stilling in den ersten langwierigen Glaubenskonflikt, der ihn aufbegehren ließ: \“Es wäre doch entsetzlich, wenn mir Gott Triebe und Neigungen in die Seele gelegt hätte und seine Vorsehung weigerte mir, so lang ich lebe, die Befriedigung derselben!\“8 Es kam ihm vor, als stünde die Absicht, die Gott der Schöpfer mit ihm hatte, zu Gottes Vorsehung, so wie er sie nun tatsächlich an sich erfuhr und erlitt, in grellem Widerspruch. Aus diesem Glaubenskonflikt half ihm ein entfernter Vetter insofern wenigstens theoretisch etwas heraus, als er ihn davon überzeugte, daß Gott den Frommen nicht einfach so geraden Wegs auf sein Lebensziel hinführte, sondern durch mannigfache Bewährungsproben hindurch, um ihn auf diese Weise von der Selbstsucht und vom Hang zur bloßen Selbstverwirklichung zu reinigen. \“Aber\“, so sagte ihm der Vetter, \“Er liebt den Mann, der im Stillen und Verborgenen zum Wohl der Menschen arbeitet … Diesen zieht Er durch Seine gütige Leitung … endlich hervor, und setzt ihn hoch hinauf.\“9

Der Zwanzigjährige nahm sich die Belehrung zu Herzen. Doch der Konflikt zwischen seinem Berufswunsch und der demütigen Unterwerfung unter die Situation und unter den Willen Gottes hielt an und dauerte auch noch fort, als er im Alter von 21 Jahren die Siegerländer Heimat verlassen mußte, um in der Fremde sein Brot zu verdienen. An seinem biblischen Wahlspruch und an dem Glauben an Gottes Führung und Vorsehung hielt er aber wie der Erzvater Abraham immerzu fest: \“DOMINUS PROVIDEBIT\“ – \“der Herr wird’s versehen; er wird Vorsorge treffen\“ (Genesis 22, 8).

Auf seiner Wanderschaft im Bergischen Land kam Jung-Stilling in pietistische Kreise. Er besuchte ihre Versammlungen und schloß Bruderschaft mit den \“frommen und erweckten Leuten.\“10 Hier nun geschah, was ihm sein Vetter vorausgesagt hatte. Der Unternehmer Peter Johannes Flender in Kräwinklerbrücke bei Radevormwald nahm ihn im Jahre 1763 als Hauslehrer und Verwalter in seinen Dienst: \“Flenders Haus\“, so schrieb Jung-Stilling später im Rückblick, \“war meine Academie, wo ich Oeconomie, Landwirtschaft und das Commerzienwesen aus dem Grund zu studiren Gelegenheit hatte.\“11 Damit nicht genug, ebnete ihm Flender schließlich sogar den Weg zum Universitätsstudium. So kam jener erste Glaubenskonflikt nach zehn Jahren endlich zur Ruhe: Den Frommen, der sich demütigt, führt Gott aus dem Winkel heraus, nach den bestandenen Bewährungsproben gewährt er ihm die Erfüllung seiner Wünsche. Gottes Schöpferwille und Gottes Vorsehung und Führung standen in Jung-Stillings Augen nun nicht mehr im Widerspruch zueinander, sie waren in seinem Lebenslauf endlich in Einklang gekommen. Doch eben in diesem Augenblick der Lösung seines ersten Glaubenskonfliktes wurde Jung-Stilling in einen zweiten, schwereren Glaubenskonflikt hineingeführt.

B. Stilling im Banne der frommen Aufklärung

Bei seinem Selbststudium zur Vorbereitung auf die Universität lernte er zum Lateinischen und Französischen nicht nur Griechisch und Hebräisch hinzu, sondern er verlegte sich auch auf die Schulphilosophie: Er las die deutschen Schriften von Christian Wolff und Christoph Gottsched, er las die \“Theodizee\“ von Gottfried Wilhelm Leibniz, und er vertiefte sich in Logik und Metaphysik. Hier stieß er nun auf eine der bewegenden Fragen des Jahrhunderts, auf die Frage nach dem Verhältnis von Vernunft und Glauben. Ist die Vernunft die entscheidende Instanz, die zur Erkenntnis des Menschen, der Welt und aller Dinge führt, oder ist es der Glaube, der sich auf die biblische Offenbarung stützt? Oder sind sie beide zu gebrauchen, Vernunft und Glaube? Und wenn ja, wie ergänzen sie sich?

Den dominierenden Anspruch der Vernunft und die abstrakte Gottes-idee, die ihm in den philosophischen Schriften entgegentrat, vermochte er seitdem mit seinem Abrahams-Glauben an die Vorsehung und an seine persönliche Führung durch Gott den himmlischen Vater nur immer schwerer in Übereinstimmung zu bringen. Er sagt davon selbst: Die philosophischen Systeme \“erstickten wahrlich alle kindliche Empfindung gegen Gott.\“12 Die begriffliche Kausalkette, mit der die Philosophen Gott und Welt ein für allemal so überzeugend verknüpften, schien für ein konkretes, individuelles Eingreifen des lebendigen Gottes keinen Platz mehr zu lassen. Der Glaube an die Führung des Frommen, an seine Gotteskindschaft und an die Erhörung seiner Bittgebete, kurz: seine ganze Frömmigkeit war in Frage gestellt. Nicht als ob Jung-Stilling seinen durch Erfahrung geläuterten Glauben nun angesichts des Determinismus der Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie einfach preisgegeben hätte. Aber diesen neuen Glaubenskonflikt, in den er nunmehr geraten war, vermochte er noch weniger aufzulösen als jenen ersten. Er wirkte in ihm ganze zwei Jahrzehnte hindurch wie ein bohrender Stachel, der bald mehr, bald weniger schmerzte, aber beständig spürbar war.

Ja, dieser Konflikt wurde nun gesteigert, als er das dörfliche Kräwinklerbrücke im Bergischen Land als Dreißigjähriger verließ, um in der Stadt Straßburg das Medizinstudium aufzunehmen. Damit trat er in die große Bildungswelt der deutschen Aufklärung ein. Die bekannte Tischgesellschaft in Straßburg, an der er regelmäßig teilnahm, war so etwas wie ein Abbild dieser Bildungswelt im kleinsten Maßstab: Ihr jüngstes und zugleich genialisch überragendes Mitglied war der 21jährige Johann Wolfgang Goethe.13 Auch beeindruckte ihn in Straßburg der 26jährige Theologe Johann Gottfried Herder, der ihm \“einen Umriß von allem in einem\“ entwarf. Aber, wie er selbst schreibt, \“in dem Kreis, worinnen sich Stilling jetzt befand, hatte er täglich Versuchungen genug, ein Religionszweifler zu werden. Er hörte alle Tage neue Gründe gegen die Bibel, gegen Christenthum und gegen die Grundsätze der christlichen Religion …\“14

Als einzige Waffe verblieb ihm der ständige Rekurs auf eben jenen Glauben an Gott den Schöpfer und an die besondere göttliche Vorsehung und Führung, in dem er sich gerade in Straßburg durch mehrere überraschende Rettungen aus auswegloser materieller Not bestätigt fand. Ja, er fühlte sich sogar stark genug, zum Zeugnis für die Freunde, deren \“Glaubensgrund in der Religion schwankte\“, seine Lebensgeschichte nachträglich niederzuschreiben, um sie von den \“deutlichen Fustapfen der göttlichen Fürsicht\“ ebenfalls zu überzeugen.15 Ihnen gegenüber erhob er seinen Lebensgang geradezu zum Gottesbeweis.

Bei allen Vorbehalten gegenüber der dort verbreiteten Kritik am Christentum fühlte er sich in der Bildungswelt der Aufklärung jedoch recht bald wohl und heimisch. Er verdankte ihren Anregungen sehr viel. Als er sich, inzwischen verheiratet und zum Doktor der Medizin promoviert, in Elberfeld als Arzt niederließ (1772), nahm er sich ihre literarischen Mittel und Ziele zum Vorbild, um an seinem Teil an der Verbreitung \“wahren Christentums\“ mitzuwirken.

Wahres Christentum – was war das nun? Jung-Stilling setzte es inzwischen nicht mehr einfach mit der Frömmigkeit gleich, die ihm als Kind und Konfirmand beigebracht worden war. Er hatte inzwischen erkannt, daß ihn jene enge und strenge religiöse Erziehung von der Welt und namentlich von der Bildungswelt der Aufklärung ferngehalten hatte. Ja, er meinte, sie habe ihn geradezu falsch orientiert. Anstatt ihm nahezubringen, auch in religiösen Dingen die Vernunft zu gebrauchen, hatte sie ihn dazu verleitet, bei manchen seiner Lebensentscheidungen bloßen Eingebungen des Augenblickes zu folgen, die er allzu leichtgläubig für göttliche Winke und Gebote hielt. So blickte er jetzt auf seinen religiösen Werdegang kritisch zurück.

Zumal seit er als Arzt in der Öffentlichkeit zu wirken hatte, waren ihm die Grundsätze der pietistischen Kreise, in denen er doch zuvor so gerne verkehrt hatte, fragwürdig geworden. Zwar konnte und wollte er auch jetzt nicht bestreiten, daß dort \“wahre Christen\“ und \“wahre Pietisten\“ zu finden seien. Aber die Schattenseiten am Pietismus erschienen ihm jetzt weit gefährlicher als das Gute, das von ihm ausging. Zu viel Gefühl und Überschwang, zu wenig Vernunft, – so lautete jetzt sein Urteil über die Freunde von früher.

Damit hielt er auch nicht zurück, und die Frommen in Elberfeld reagierten darauf. Sie hatten ihn zuerst herzlich willkommen geheißen. Aber was sie dann befremdete, war nicht so sehr nur ein gewisses Maß weltförmigen Auftretens ihres Bruders, der da meinte, er müsse jetzt Hemden mit Hand- und Halskrause und eine gepuderte Perücke samt Haarbeutel tragen, sondern vielmehr die Tatsache, daß er bald immer seltener zu ihren Versammlungen kam und dazu unumwunden erklärte, \“er habe nun lange genug von Pflichten geschwatzt, jetzt wolle er schweigen und sie ausüben.\“16 Sondergeist, Überheblichkeit, Schwärmerei und \“Maulchristentum\“ statt Tatchristentum – das waren die Vorwürfe, die er gegen sie richtete.

Sie hinwiederum beargwöhnten ihn zunehmend wegen seiner weltlichen literarischen Ambitionen und Konnexionen und verachteten ihn als Romanhelden und Phantasten und schließlich sogar als \“einen Mann, der keine Religion habe\“, als Freigeist. Damit schossen sie auf seiner Seite ebenso weit übers Ziel hinaus wie Jung-Stilling auf der ihren. Denn ein Freigeist war Jung-Stilling niemals. Er wollte das sein, was er von einem seiner neuen Bekannten in Elberfeld voller Anerkennung sagte: \“ein Mann voller Religion – ohne Pietismus\“. In einer seiner ersten Schriften, in der \“Schleuder eines Hirtenknaben gegen den hohnsprechenden Philister\“ (1775), trat Jung-Stilling sogar mutig zur Verteidigung von Christentum und Frömmigkeit wie ein David wider Goliath gegen den mächtigen Publizisten der Aufklärung Friedrich Nicolai in die Schranken. Aber ein Ja zum Pietismus bedeutete das nicht mehr. Auch \“dummorthodox\“, wie er sagte, wollte er nicht sein.17

Jung-Stilling verfolgte nunmehr einen eigenen Weg, einen Mittelweg zwischen der Aufklärung, welche die Vernunft zum Maßstab der Erkenntnis machte und das biblische Christentum in Frage stellte, und dem Pietismus, der die Vernunft verwarf und die Welt sich selbst überließ.18 Sah er dort Mißverständnisse und Verkürzungen am Werk, so hier eine schädliche Übertreibung, – schädlich, weil in seinen Augen die pietistischen Absonderlichkeiten das wahre Christentum in Verruf brachten und vor der Welt unglaubwürdig machten. Der wahre Christ hingegen folgt der richtigen Mittelstraße zwischen \“Vernünftelei\“ und \“Empfindelei\“, zwischen Unglauben und Aberglauben, wie er die Alternative zuspitzte, mitten hindurch. So lautete dementsprechend das Motto, dem sich Jung-Stilling jetzt verschrieb: \“Mittelmaß die beste Straß\“.19 Wahres Christentum war für ihn ein vernünftiges Christentum der guten Tat in der Nachfolge Jesu mit dem Ziel der persönlichen Vervollkommnung und der allgemeinen Verbesserung von Staat und Gesellschaft.

Dieses wahre, echte Christentum, wie es Jung-Stilling nunmehr mit Entschiedenheit vertrat, war aber nichts anderes als ein Christentum der frommen Aufklärung, ein Mittelding zwischen Aufklärung und Pietismus, das, obschon der Aufklärung viel näher als dem Pietismus, auf beiden Seiten Anleihen machte. Dementsprechend formulierte Jung-Stilling sein Glaubensbekenntnis damals folgendermaßen: \“Wer ein wahrer Knecht Gottes seyn will, … schließe sich nicht an eine besondere Gesellschaft an, die sichs zum Zweck gemacht hat, Gott besser zu dienen als andere … – Jüngling, willst du den wahren Weg gehen, so zeichne dich durch nichts aus als durch ein reines Leben und edle Handlungen; bekenne Jesum Christum durch eine treue Nachfolge seiner Lehre und seines Lebens. Traue ihm in jeder Lage deiner Schicksale und bete zu ihm mit Zuversicht, er wird dich gewiß zum erhabenen Ziel führen.\“20

Nach seinem Abschied aus Elberfeld, das ihm schließlich zum \“Schauplatz seiner sechs- und einhalbjährigen Prüfung\“ geworden war, mußte er in Kaiserslautern allerdings erfahren, daß er hier durchaus noch im Ruf der Schwärmerei und des Pietismus stand.21 Daher legte er sein Bekenntnis zum Mittelweg in drei religiösen Romanen nieder, die er innerhalb der nächsten fünf Jahre verfaßte (1779–1783). In einer eigenen Monatsschrift mit dem bezeichnenden Titel \“Der Volkslehrer\“ (1781–1784) ging er noch weiter.22 In der aufklärerischen Absicht, die Moral der Landbevölkerung zu heben, griff er auch allgemeine Probleme auf. Folgen der Trunkenheit, Auswanderung, Förderung des Bauernstandes, Verbesserung der Dorfschulen, Verhütung von Unzucht, Lehren für Eheleute, Gebetserhörungen, – das waren die Themen seiner vernünftigen Belehrungen, mit denen er aber doch nur den ohnehin vielstimmigen Chor der Volksaufklärer um eine weitere Stimme vermehrte.

Schließlich steigerte er seine Kritik in dem stark autobiographisch getönten Roman \“Theobald oder die Schwärmer\“ (1784/85) zu einer wahren Abrechnung mit dem Pietismus. Während er in seinem Hause abends mit seiner Frau einen Choral zu singen pflegte, zögerte er nicht, vor der Abhaltung von Erbauungsstunden und Hauskreisen ausdrücklich zu warnen: \“ein Jeder lese und bete und singe für sich im Verborgenen, lasse dann seine guten Handlungen, sein Licht leuchten, so sehr er kann und bediene sich endlich der öffentlichen Erbauungsmittel in der Kirche … \“23 Der Bruch mit dem Pietismus war nunmehr perfekt. Er nahm ihn in Kauf. Eine Art Ersatz für diese Abkehr und ein Akt konsequenten Fortschreitens auf dem Weg der frommen Aufklärung läßt sich darin erkennen, daß Jung-Stilling in Kaiserslautern den Freimaurern beitrat.24 Gleichwohl blieb er doch, was er sein wollte: ein wahrer christlicher Einzelkämpfer, der bei aller Loyalität gegenüber der Landeskirche seinen Mittelweg verfolgte und auf seine Unabhängigkeit bedacht war.

Enttäuschend muß es freilich für ihn gewesen sein, daß er mit diesem seinem \“wahren Christentum\“ bei den über die Aufklärung hinausdrängenden Philosophen und Dichter keinen Anklang fand. Die anfangs verheißungsvolle Freundschaft mit dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi in Düsseldorf löste sich, die Beziehungen zu Goethe brachen ab, und selbst bei dem Theologen Johann Caspar Lavater, der ihn mit Goethe zusammen in Elberfeld besucht hatte (1774) und auf dessen Freundschaft er großen Wert legte, erntete Jung-Stilling für seinen \“Volkslehrer\“ herbe Kritik, so daß der Briefwechsel ins Stocken geriet. Es war, als hätte er sich zwischen alle Stühle gesetzt. Unterdessen war er von jenem Glaubenskonflikt, dem Widerspruch zwischen Vernunft und Offenbarungsglauben, der ihm immer wieder zusetzte, noch immer nicht befreit, – ganz zu schweigen von neuen äußeren Schicksalsschlägen, die über ihn hereinbrachen, und von der Last der Geldschulden, die ihn Jahre hindurch bedrückten.

C. Stillings Rückwendung

Der Beitritt zur Freimaurerloge war der äußerste Punkt auf dem Mittelweg der frommen Aufklärung, den Jung-Stilling erreichte. Dann setzte er – nicht plötzlich und nicht mit einer Kehrtwendung, sondern allmählich, wie in einem weit ausholenden Bogen – zum Einlenken und zur Umkehr an. Diese Umkehr dauerte mehrere Jahre. Sie führte ihn nicht einfach zum Ausgangspunkt des Glaubens seiner Jugend- und Jünglingsjahre zurück, wohl aber, wie auf einer höheren Ebene, in dessen Nähe und von da mit dem Blick in die Zukunft weiter vorwärts.

Inzwischen war er von Kaiserslautern über Heidelberg als Professor der ökonomischen Wissenschaften an die Universität Marburg gelangt.25 Im Herbst 1788 las er dort Kants \“Kritik der reinen Vernunft\“, und nach dieser Lektüre löste sich für ihn endlich jener zweite, tief reichende Glaubenskonflikt auf. Indem Kant darlegte, daß das menschliche Erkenntnisvermögen auf diese unsere Welt, die Welt der Erscheinungen in Raum und Zeit, beschränkt sei, war in Jung-Stillings Augen der Widerspruch zwischen Vernunft und Glauben aufgehoben. Die Funktionen und Zuständigkeitsbereiche erschienen ihm nunmehr klar verteilt: Das vernünftige Denken ermittelte die Wahrheit des diesseitigen, irdischen Lebens; Offenbarung, Bibel und Glaube hingegen hatten ihr Recht und ihre Autorität im Blick auf die jenseitigen, ewigen Wahrheiten. Zwar war Kant vor allem am Nachweis der Grenzen menschlichen Denkens gelegen. Aber als Jung-Stilling ihn brieflich darüber befragte, warnte und wehrte er nicht etwa ab, sondern antwortete ermunternd: \“Auch darinnen thun Sie wohl, daß Sie ihre einzige Beruhigung im Evangelio suchen, denn es ist die unversiegbare Quelle aller Wahrheiten, die, wenn die Vernunft ihr ganzes Feld ausgemessen hat, nirgends anders zu finden ist.\“26

Für Jung-Stilling waren diese Worte \“ewig unvergeßliche Worte\“. Erfreut notierte er in sein Notizbuch: \“Merkwürdige Veränderungen in meinem ganzen System durch das Studium der Kantischen Philosophie … wohlthätiger Einfluß in meinen innern und äußern Wirkungskreyß\“.27 Jener \“finstere fatale Determinismus\“ der Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie war damit für ihn besiegt. \“Zwanzig lange Jahre hab ich mit diesem schrecklichen Feind gekämpft, ehe ich ihn bezwingen konnte\“.28 Jetzt sah er seinen Glauben und seine Frömmigkeit durch die kritische Philosophie Kants bestätigt.

Auf diese hilfreiche, beruhigende Erkenntnis folgten recht bald Erfahrungen, die ihn erschütterten: die Ereignisse der Französischen Revolution. Jung-Stilling stand nicht, wie die meisten seiner früheren Freunde einschließlich Goethe, auf der Seite der Literaten, welche die Revolution jubelnd begrüßten. Er fürchtete und verabscheute sie von Anfang an. Aber sein Motiv war nicht einfach nur die Anhänglichkeit des Staatsdieners an seinen Fürsten. Als die Revolutionstruppen die Reichsstadt Speyer eroberten, fuhr diese Nachricht \“wie ein electrischer Schlag durch Stillings Existenz\“.

Im Rückblick diagnostizierend, beurteilte er den Überfall der Franzosen als Strafe für den Abfall der Deutschen vom christlichen Glauben. Die Theologen der Aufklärung machte er dafür mitverantwortlich, denn sie hatten das Christentum auf dem \“Weg der Accomodation\“ fahrlässig verkürzt, um Christus und Belial, Licht und Finsternis, zu einem \“Christo-Belialschen System\“ zu verschmelzen.29 Der Kompromiß war an der Katastrophe schuld!

Vorwärts in die Zukunft blickend, sah er die Revolution als den Anfang des biblisch prophezeiten Endkampfes und des Weltendes an. Früher hatte er an die Endzeit kaum jemals ernstlich gedacht. Jetzt wurde seine Frömmigkeit vom Gedanken an das herannahende Ende aufgerüttelt und in Bewegung versetzt. \“Hier\“, so stellte er nachträglich fest, \“fängt nun Jung-Stillings wichtigste Lebensperiode an; es giengen Veränderungen in und außer ihm vor, die seinem ganzen Wesen eine sehr bedeutende Richtung gaben.\“30

Der Standpunkt eines tatenlosen Zuschauers kam für ihn nicht in Betracht. Er fühlte sich unmittelbar getroffen und zur Tätigkeit aufgerufen. Von neuem griff er zur Feder. Aber was er jetzt schrieb, hatte mit dem Vervollkommnungsstreben der frommen Aufklärung nichts mehr zu tun. Vor allem wurde ihm klar, daß er kein literarischer Einzelkämpfer mehr bleiben dürfe. Seit Ende 1794 trug er sich daher mit dem Plan, einen \“Deutschen Gelehrtenbund zur Aufrechterhaltung der Religion und der Staatsverfassung\“ zustande zu bringen. Mochte sein Vorhaben an das Vorbild elitärer aufgeklärter Gesellschaften und an das bekannte Programm der Volksbelehrung durch Verbreitung populärer Schriften erinnern, so stand es doch unter entgegengesetzem, endzeitlichem Vorzeichen. Jung-Stilling trug damals in sein Notizbuch ein: \“Mir däucht, die Vorsehung bereite von ferne die entfernten Ursachen zu einer grosen und wichtigen Conföderation derer, die dem Lamm nachfolgen, wo es hingeht; es geht bald eine Art der Versiegelung vor. Es scheint, ich soll gebraucht werden.\“31

Zwar kam dieser Gelehrtenbund nicht zustande. Wohl aber ergab sich daraus, nachdem Jung-Stilling bereits der Brüdergemeine nähergetreten war (1789), eine Annäherung nun auch an die Christentumsgesellschaft, die 1780 von Vertretern des süddeutschen Pietismus in Basel begründet worden war und über ein Netz von Verbindungen zu gleichgesinnten Freunden in zahlreichen deutschen Städten verfügte. Noch in Kaiserslautern hatte Jung-Stilling den Beitritt zur Christentumsgesellschaft abgelehnt, und mit Recht hielten ihm die Basler Brüder seine frühere Frontstellung gegen den Pietismus vor. Jung-Stilling bedauerte seine Polemik von damals und beteuerte, er habe als Pietisten stets nur die selbstgerechten Mystiker und Schwärmer angreifen wollen, nicht aber die \“wahren Christen\“.32 Während er jedoch bis vor kurzem den \“wahren Christen\“, wie er ihn verstand, die Tugenden der frommen Aufklärung beigelegt hatte, suchte er sie jetzt \“gegen die wütenden Fortschritte der Aufklärung des Unglaubens\“ zu mobilisieren und gemeinsam mit den Pietisten \“dem grund- und bodenlosen Verderben unserer Zeit Dämme [entgegen zu] setzen\“. Die Basler Brüder revidierten daraufhin ihr Urteil und bezeichneten Jung-Stilling bald darauf als einen der \“freimüthigsten Bekenner der Wahrheit … , welcher in seinen weit und breit gelesenen Schriften dem antichristlichen Geiste unserer Zeit muthig entgegen arbeitet.\“33

D. Stillings Durchbruch zur Erweckung

Die erste dieser neuartigen Schriften war der Roman \“Das Heimweh\“ (1794–1796), dem Jung-Stilling zur Erklärung der zahlreichen allegorischen Figuren und Szenen einen eigenen \“Schlüssel zum Heimweh\“ beigab (1796), – eine Anknüpfung an die Frömmigkeit seiner Kindheit insofern, als sich einst schon – man höre und staune – das achtjährige Schulkind unter dem Eindruck der Lektüre von John Bunyans \“Pilgerreise\“ vorgenommen hatte, einmal ein ähnliches \“Buniansbuch\“ zu verfassen.34 Hier begibt sich der Christenmensch Christian Eugenius von Ostenheim auf die Pilgerfahrt in seine Heimat im Osten, wobei er eine Unzahl von Versuchungen und Prüfungen zu bestehen hat, bis er schließlich ans Ziel gelangt.

Anders als Bunyan, forderte Jung-Stilling aber nicht nur die einzelnen Christen, sondern auch ihre verantwortlichen Führer, die \“Kreuzritter\“, und die Kirche insgesamt dazu auf, die Modephilosophie mit ihrer Empfehlung von Natur und Sinnlichkeit den Abschied zu geben, der neologischen Modephilosophie mit ihrer irreführenden Bibelauslegung den Rücken zu kehren und die Pilgerreise in die himmlische Heimat anzutreten. \“Glaubt an Jesum Christum, der von den Toden auferstanden ist, oder Ihr seyd verlohren\“, so rief er seinen Lesen jetzt zu. – \“Das Accommodiren hilft nicht, im Gegentheil es verdirbt uns alles …\“, \“die Lehre von der Versöhnung … ist warlich die Hauptsache und der ganze Grund des Christenthums.\“35 \“… bestellet die Lehrämter in Kirchen und Schulen mit frommen christlichen Männern, und last die stolzen Aufklärer ihre eigene Wege gehen.\“36 Aufrufe dieser Art waren in den früheren Romanen Jung-Stillings nirgends zu finden.

Mit seinem \“Heimweh\“ erregte Jung-Stilling großes Aufsehen. Es wurde nicht nur in Deutschland, sondern auch in Amerika und in Rußland gelesen, und zustimmende und weiterfragende Zuschriften \“aus allen Ständen vom Thron bis zum Pflug\“ gingen bei ihm in Marburg ein.37 Er fand sich rundum bestätigt und bestärkt. Ja, er fragte sich bereits, ob er seine Lebensaufgabe nicht jenseits der Grenzen seines bisher von ihm geliebten akademischen Lehrberufs im Dienst der Erweckung zu suchen habe. Jedenfalls setzte er in den folgenden \“Scenen aus dem Geisterreiche\“ (1795) und in der \“Siegsgeschichte der christlichen Religion\“ (1799) seine erwecklichen Mahnrufe fort.

Für unsere Frage nach der Frömmigkeit Jung-Stillings ist die Tatsache wichtig, daß mit seiner Umkehr, die durch diese Schriften in der Öffentlichkeit bekannt und wirksam wurde, auch eine Einkehr, eine Erneuerung und Intensivierung seines persönlichen geistlichen Lebens Hand in Hand ging. Während er noch am \“Heimweh\“ schrieb, entschloß er sich, regelmäßig jeden Morgen vor Beginn seiner Berufsarbeit – zunächst aus einem der verbreiteten Spruchbüchlein, später aus dem Herrnhuter Losungsbuch – einen Bibelspruch vorzunehmen, um in dessen Licht die wichtigsten Glaubenslehren, die Heilsgeschichte und seinen eigenen Glaubensstand zu überdenken. Seine Reflexionen legte er teils in Prosa, teils in gereimter Form schriftlich nieder. Oft schloß er sie mit einem Gebetsvotum ab. Diese Andachten – Bibelübungen nannte er sie – machte er sich Jahre hindurch zu einer Pflicht, die er treulich erfüllte. An eine Veröffentlichung dachte er nicht.

Die Bibelübungen vermitteln einen wertvollen Einblick in die individuelle Bibelauslegung oder besser: Bibelanwendung Jung-Stillings, in sein Denken und Glauben und in die Eigenart seiner Frömmigkeit. Sie dienten ihm zur Vertiefung im biblischen Wort, zur Vergewisserung seines Glaubens und zur Ermunterung im Leben der Heiligung. Die Einsichten und Motive, die ihn seit seiner Umkehr leiteten, finden sich hier oft wie in einem Brennspiegel gebündelt: Nicht mehr \“Glaube und Vernunft\“, sondern \“Glauben jenseits und wider die Vernunft\“, so hieß von nun an sein Weg zur Erkenntnis des Gotteswillens.37

Seine oft wiederholte Bitte um Glaubensbestärkung verwundert nicht. Denn mit der Behebung jenes Glaubenskonflikts war ja der Glaube nicht zum Wissen geworden. Die Bewährung im Kreuz und im Leiden dauert, wie er auch im \“Heimweh\“ betonte, fort bis ans irdische Ende. Und vollends die Heiligung war eine Aufgabe, die unaufhörlich gestellt war und stets von neuem erfüllt werden mußte. Außerdem galt es aber auch, die heilsgeschichtliche Situation zu bestimmen und die Zeichen der Zeit zu erkennen. Dazu kam schließlich das besondere Berufungsbewußtsein, das ihn seit seiner Umkehr erfüllte. So faßte er einmal die Verurteilung des gottgesandten Propheten Micha mit Blick auf sich selbst in die folgende Strophe:38

Die Wahrheit rein und treu zu sagen,
Auch wenn sie wehetut,
Nach Menschenbeifall nicht zu fragen,
Begabt mit hohem Mut, —
Dies sei die Richtschnur meines Lebens,
Gerader Sinn mein Ziel.
Dein Reich sei Endzweck meines Strebens,
Sonst alles Kinderspiel.

Die Ernsthaftigkeit seiner Bemühungen um das biblische Wort hielt in der zweiten Hälfte der 1790er Jahre durchweg an; ja, sie steigerte sich sogar noch. Selbst in seiner Lebensgeschichte verheimlichte er später nicht, daß sich \“damals Stillings Leiden eher vermehrten als verminderten – ihn drückte beständig eine innige Wehmuth, eine unbeschreibliche Freudenlosigkeit raubte ihm allen Genuß.\“39

Um so deutlicher verurteilte er den Abfall seiner Zeit von Christus, um so tiefer versuchte er sich im biblischen Wort zu festigen, und um so schärfer überwachte er seinen eigenen Glaubensstand. Die biblische Devise \“Wachet und betet\“ (Lukas 22, 46) erweiterte er zum Gebot ständiger, stündlicher Überprüfung seiner Beziehung zu Gott im Sinne des immerwährenden, wortlosen geistlichen Herzensgebets, der ORATIO MENTALIS (orasion mentale) der quietistischen Mystik. Damit griff er auf Frömmigkeitsformen und -inhalte zurück, die er seit langer Zeit kannte, von denen er aber Jahre hindurch für sich keinen Gebrauch mehr gemacht hatte.

Den Beweis dafür liefert das in Geheimschrift und Geheimzeichen abgefaßte Tagebuch von 1799, in dem er seine geistliche Selbstüberwachung festhielt.40 Ziel der \“Einkehr\“ und des mystischen \“Wachens und Betens\“ war es hier, das wache Bewußtsein auch während der alltäglichen Arbeit und Gespräche auf Gott zu konzentrieren und \“in der Nähe des Herrn\“ zu verharren. Gelang dies, so notierte er jeweils ein Zeichen für \“Sammlung\“ oder \“gesammelt\“; mißlang es, so vermerkte er: \“Zerstreuung\“ oder \“zerstreut\“. Aber auch Zeichen für untergründige Seelenzustände wie \“Schwermut\“, \“innerer Kampf\“, \“dunkler Glaube\“ fehlen nicht. Dazu kommen jene Adjektive \“düster\“, \“dürre\“, \“träge\“, \“arm\“ und \“elend\“, die im Zusammenhang der alten dreistufigen Mystik den beklagenswerten Zustand der Gottesferne des Gottesfreundes zu umschreiben pflegten. Im Verhältnis zu den negativen Bemerkungen kommen positive wie z.B. \“Ruhe und Frieden in Gott\“ nicht so häufig vor. In späteren Tagebüchern finden sich geistliche Notizen dieser Art seltener. Seine extreme Selbstbeobachtung nahm Jung-Stilling nach 1799 offenbar wieder zurück, und seine Frömmigkeit gewann von neuem freiere Züge.

E. Stilling als „Patriarch der Erweckung“

Nicht als Entlastung und schon gar nicht als Entlassung in den Ruhestand, sondern als Auftakt zu neuem Tun verstand Jung-Stilling seinen Abschied aus der Professur in Marburg und seinen Übergang als freier Schriftsteller nach Baden im Jahre 1803. Für ihn war die Berufung durch Karl Friedrich von Baden der zuletzt heiß ersehnte Durchbruch zur eigentlichen Bestimmung seines Lebens, brachte sie ihm doch die Erfüllung jenes Grundtriebs, \“der von Jugend auf in ihm zur Entwicklung gearbeitet hat und jetzt erst reif geworden ist, nämlich als ein Zeuge der Wahrheit für Jesum Christum, seine Religion und sein Reich zu wirken … \“41 – \“Denken Sie nicht, Mein allertheuerster Fürst!\“, so schrieb er, \“daß ich in Heidelberg müsig sitzen werde – Nein! jetzt will ich erst anfangen zu würcken, Alles! Alles soll nun auf den einen grosen Gesichtspunct Christum und sein Reich gerichtet seyn.\“42

In den \“Lehr-Jahren\“ (1804), seiner ersten Schrift nach der Ankunft in Heidelberg, vervollständigte der Dreiundsechzigjährige seine Lebensgeschichte, indem er unter letztmaliger Revision aller früheren Aspekte die nunmehr beginnende Tätigkeit im Dienst der Erweckung zum Zielpunkt seines Lebens erklärte. War seine Frömmigkeit auf seine Glaubenserfahrung gebaut und war seine Glaubenserfahrung mit seinem äußeren Lebensgang so eng verbunden, wie es von jeher der Fall war, so mußte sein Glaubenszeugnis bis zuletzt zum autobiographischen Gottesbeweis werden. Es enthielt eine in der Tonart noch einmal gesteigerte Abrechnung mit der Theologie der Aufklärung, eine dringende Warnung vor dem Mittelweg,43 – den er zuvor doch selbst beschritten hatte, – und ein vermächtnisartiges Glaubensbekenntnis.

Als Jung-Stilling in seiner erwecklichen Zeitschrift \“Der graue Mann\“ den Vorschlag machte, zur Bekämpfung der Neologie eine eigene theologische Hochschule zu begründen, wollte er in ihr \“nur das Wesentliche des christlichen Glaubens, das zum Seeligwerden erforderlich … ist\“, zugrundegelegt wissen.44 Als wesentliche Stücke bezeichnete er dabei die Lehre von der völligen Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, von der Gottmenschheit Jesu und von seinem Versöhnungsleiden am Kreuz. Darin stimmte er auch mit den Basler Brüdern überein. Jetzt fügte er noch zwei weitere Glaubensartikel hinzu: die Lehre von der Existenz und Wirksamkeit der Geisterwelt und die Lehre vom apokalyptischen Endkampf mit der Überwindung des Reiches der Finsternis. So griff er in diesem seinem \“Glaubens-, Lehr- und Lebens-System\“, wie er es nannte, auf die Dogmen der \“alten christlichen Glaubens- und Heilslehre\“ zurück.45 Aber sie waren für ihn keine ferne Theorie, sondern Elemente seines Glaubens und seiner Frömmigkeit. Das geht sowohl aus den Bibelübungen als auch aus seiner \“Theorie der Geister-Kunde\“ von 1808 hervor, in der er, ohne dem Spiritismus im mindesten das Wort zu reden, die Wirklichkeit der Geisterwelt zwischen Himmel und Erde nachzuweisen versuchte.

Während er damit einerseits auf den heftigen Widerspruch der Aufklärung stieß, kam er damit andererseits, ohne es zu wollen, dem Interesse der aufkommenden Romantik am Nicht-Rationalen entgegen. Er erlebte es noch, wie sich die totgesagten emotionalen und religiösen Kräfte erholten, wie sie sich gegen die Mächte der Aufklärung aufzulehnen begannen und wie sie schließlich in den Freiheitskriegen gegen Napoleon zu mitreißender politischer Wirkung gelangten. Ex OCCIDENTE CRUX, EX ORIENTE LUX: Die Verfolgung des christlichen Glaubens hatte im Westen, im revolutionären Frankreich, begonnen, – sollte nicht der Schutz und wohl gar die Erneuerung des Christentums aus dem Osten, aus Rußland, kommen?

Schon 1799 hatte Jung-Stilling seine Blicke auf Rußland gerichtet. Seit 1808 mit der baltischen Baronin Juliane von Krüdener und seit 1814 mit einer einflußreichen russischen Hofdame und mit dem Kultusminister des Zaren bekannt,46 wurde Jung-Stilling ein erstes Mal im März 1814 in Bruchsal von Alexander I. zur Tafel geladen, und am Sonntag, den 10. Juni 1814 empfing ihn der Zar, wiederum in Bruchsal, zu einer fünfviertelstündigen Audienz. Die Gesprächsthemen waren: die Lage des Christentums in West und Ost, Rußland als eventueller endzeitlicher Zufluchtsort der frommen Christen, die weltweite Verbreitung der Heiligen Schrift durch die Bibelgesellschaften und die christlichen Konfessionen mitsamt ihren Unterschieden. Dabei faßte Jung-Stilling das Wesen der christlichen Frömmigkeit noch einmal in drei Begriffen der quietistischen Mystik zusammen: Der wahre Glaube an den Gekreuzigten verwirklicht sich im  abandon parfait, in der vollkommenen Hingabe an Christus, im  receuillement parfait, in der vollkommenen Konzentration der Geisteskräfte auf ihn, und in der  oraison interieure parfaite, im vollkommenen Herzensgebet zu ihm.

Jung-Stilling im geistlichen Gespräch mit dem Befreier Europas und im Einklang mit seiner Frömmigkeit – das war ein Höhepunkt seines Lebens! – Geradezu begeistert meldete er seinen Freunden in Basel: \“Meine Ansichten der Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft und überhaupt des zukünftigen Reiches Gottes sind genau auch die Seinigen … Gelobt sey der Herr, der den grösten Monarchen der Welt und besonders der Christenheit zu einem grosen Werkzeug ausgerüstet hat, die Vorbereitung zu seinem Reich zu machen!\“47

Die Erweckten waren aufs höchste gespannt, als in Paris am 14. September 1815 Oesterreich, Preußen und Rußland die Heilige Allianz ausriefen, das Bündnis zur Austilgung der Napoleonischen Ära und zur Begründung eines neuen Europa im Zeichen erweckten lebendigen Christentums. Das Programm der \“Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit\“ der gottlosen Französischen Revolution sollte abgetan sein. An seiner Stelle wurde die christliche Eintracht der Völkerfamilie, die fromme Dienstbereitschaft der Untertanen unter ihren Fürsten und die Glaubensbrüderschaft aller Konfessionen unter dem Einen proklamiert, in dem verborgen sind alle Schätze der Liebe, der Weisheit und der Erkenntnis (Kolosser 2, 3), \“c‘ est à dire Dieu notre divin Sauveur Jésus-Christ, le Verbe du Très-Haut, la Parole de vie.\“48 Der erweckliche Glaube der drei christlichen Herrscher sollte zugleich der Glaube ihrer Millionen von Untertanen sein! Wie aus heiterem Himmel war die Frömmigkeit der Erweckung zur Frömmigkeit des Kontinents erklärt!

Der fünfundsiebzigjährige Jung-Stilling hat die Kunde davon durchaus noch vernommen. Auch er war der Meinung, die Erweckung der letzten Jahre sei einzig mit der Blütezeit des apostolischen Zeitalters zu vergleichen.49 Aber daß die Finsternis dieser Welt durch die bloße Willenserklärung dreier christlich gesinnter Monarchen zu besiegen sei, dürfte er bezweifelt haben. Ohnehin blickte er jetzt immer weniger nach draußen und auf das Weltgeschehen und immer öfter auf sich selbst und sein eigenes Ende. Seine Lebenskräfte nahmen ab.

\“Die große Reihe durchlebter Jahre\“, so schrieb er gegen Ende des Jahres 1816, \“gehet wie Schattenbilder an der Wand vor meiner Seele vorüber, und die Gegenwart kommt mir vor, wie ein großes feyerliches Bild, das aber mit einem Schleyer bedeckt ist, den ich erst lüften werde, wenn meine Hülle im Grabe ruht, und der Auferstehung entgegen reift.\“50 – \“Nie werde ich auch vergessen\“, – so der Schwiegersohn – \“wie sich beide über diesen gemeinsamen Übergang in die Ewigkeit unterhielten. Das war eine Heiterkeit, womit sie darüber sprachen, wie sie wohl sonst von einer vorgenommenen Reise redeten … die lieben Eltern freuten sich auf diese Reise …\“51 – Den Blick auf den Gekreuzigten gerichtet, inmitten der Nöte der letzten Tage und Stunden dieses irdischen Lebens, von der Verheißung und Erwartung des zukünftigen Lebens umgriffen, – dieses Abschiedsbild gehört zur Frömmigkeit Jung-Stillings mithinzu.52

F. Stillings Vermächtnis

Anläßlich des 150. Todestages Jung-Stillings hat vor 32 Jahren in Siegen der 1977 verstorbene Basler Kirchenhistoriker Max Geiger einen bedenkenswerten Vortrag gehalten,53 in dem er Jung-Stilling als \“gewissermaßen Aufklärer von Natur, aber ebenso ungeteilt verwurzelt in evangelischer Gläubigkeit\“ charakterisierte und ihn mit seinem lebenslangen Ringen um Glaubensgewißheit geradezu als \“Weggefährten\“ des modernen Christen dargestellt hat.54 Max Geiger formulierte damals: \“Es ist diese direkte Spiegelung seiner Zeit und seines eigenen Wesens, die uns diesen, in so viel innerer und äußerer Bedrängnis seinen Weg suchenden Mann des 18. Jahrhunderts noch heute, in einer sehr anderen Welt, unmittelbar zugänglich macht.\“55

Man kann dieser Kennzeichnung aus dem Abstand eines weiteren Vierteljahrhunderts noch immer folgen. Da wir aber dazu angehalten sind, aus der Vielseitigkeit und Intensität des inneren Lebens unserer christlichen Vorfahren jeweils dasjenige festzuhalten und mitzunehmen, was einem jeden von uns bedeutsam erscheint, sei zum Schluß insbesondere auf drei Elemente der Frömmigkeit Jung-Stillings hingewiesen, und zwar mit drei Begriffen, die sich in keinem seiner zu verschiedenen Zeiten so verschieden formulierten Glaubensbekenntnissen finden. Diese Begriffe sind: Beständigkeit, Lebendigkeit, Freiheit.

Jung-Stillings Beständigkeit in seinem Vertrauen auf Gott auch angesichts widriger Lebenserfahrungen läßt erkennen, wie Glaube und Frömmigkeit im Verlauf des äußeren Lebens mitwachsen können und müssen, wobei sich eines entfaltet und anderes verkümmert, dieses abgestoßen wird, jenes aber Früchte trägt. Jung-Stillings Frömmigkeit war schließlich weit mehr als die Frömmigkeit des Schulkindes Heinrich Jung, mehr als der fromm-aufgeklärte Glaube des Arztes und jungen Professors und mehr als die Überzeugung des gealterten Patriarchen der Erweckung am Ende seines Lebens. Auch war sie weit mehr als die Summe der Lehren der rechtgläubigen reformierten Konfession, des Pietismus, der Mystik und der frommen Aufklärung, die schließlich in ihr aufgehoben waren. Jung-Stillings Beständigkeit im Bund mit Gott führte zu lebenslangem Wachstum seines inneren Lebens, und die Ausdauer in der Reflexion und Aufzeichnung seiner Glaubenserfahrungen war es schließlich, was seine in ihrem Jahrhundert einzig dastehende, umfassende religiöse Autobiographie entstehen ließ.

Der zu keiner Zeit preisgegebene Glaube an Gottes Vorsehung und individuelle Führung bewirkte die außergewöhnliche Lebendigkeit der Frömmigkeit Jung-Stillings. Indem er sich immerfort dazu genötigt sah – um mit den Worten des Psalmisten (Psalm 121, 1) zu reden –: \“meine Augen aufzuheben zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt\“, und seine Hände immer von neuem nach oben auszustrecken, blieb er offen für seine Zukunft und für unerwartete Wendungen seines Lebensweges bis zuletzt.

Die Beständigkeit und Lebendigkeit seines Glaubens führten Jung-Stilling zunächst zu einer engen und strengen Bindung an das Gesetz und Gebot Gottes. Mehrfach hat sein Schwiegersohn an seiner Frömmigkeit den Zug der Ernsthaftigkeit und Gewissenhaftigkeit hervorgehoben.56 Hieraus ergab sich beides: sowohl ein wachsendes Begreifen der Sündhaftigkeit des Menschen und ein immer intensiveres Ergreifen der Erlösung in Christus als auch die tief empfundene Pflicht zur Heiligung des persönlichen Lebens. Eben dies verschaffte ihm dann aber, obschon oftmals durch Kämpfe hindurch, die Freiheit gegenüber den Verlockungen und Schrecknissen, die von den Erscheinungen dieser Welt ausgehen, und ermöglichte ihm schließlich den frohen, freien Abschied aus dem Leben. Durch die Bindung an Gott und die Ewigkeit gewann er die Freiheit von der Welt und ihrer Wirklichkeit. Beständigkeit, Lebendigkeit und Freiheit von der Welt, so einmalig ausgeprägt sie uns im Leben Jung-Stillings begegnen, sind aber Elemente eines jeden bewußten christlichen Lebens; sie gehören zum Wesen christlicher Frömmigkeit.

Anmerkungen

1 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen, hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. durchgesehene und verbesserte Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992, S. 46.

2 [Alexander Vömel:] Jung-Stillings Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt. Neu bearbeitet von einem seiner Urenkel. Konstanz (Christliche Verlagsanstalt) 1907, S. 216.

3 Vortrag am 17. September 1990 in der Martinikirche in Siegen, an dem auch der verehrte Jubilar und Präsident der Jung-Stilling-Gesellschaft in Siegen teilnahm. – Ich danke ihm für die freundliche kritische Durchsicht auch dieses Vortragsmanuskripts.

4 Bibelübung vom 16. September 1796, in: Johann Heinrich Jung-Stilling: Tägliche Bibelübungen, hrsg. von Gustav Adolf Benrath Gießen/Basel (Brunnen Verlag) 1989, Nr. 350, S. 322.

5 [Alexander Vömel:] Jung-Stillings Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt. Neu bearbeitet von einem seiner Urenkel. (Anm. 2), S. 210; Erich Mertens: Max von Schenkendorf und Johann Heinrich Jung-Stilling, in: Jung-Stilling-Studien von Johannes Harder und Erich Mertens, 2. Auflage, Siegen (Verlag der J. G. Herder-Bibliothek) 1987, S. 81 f., S. 100 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd15).

6 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 39, S. 40–45, S. 46 f., S. 60, S. 62, S. 87, S. 90. — Neuere erläuternde Nachzeichnungen bei Rainer Vinke: Jung-Stilling und die Aufklärung. Die polemischen Schriften Johann Heinrich Jung-Stillings gegen Friedrich Nikolai (1775/76) Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 1987, S. 26–53 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Bd. 129) und bei Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989, S. 9–24; Otto W. Hahn: Johann Heinrich Jung-Stilling. Wuppertal (R. Brockhaus) 1990, S. 13–24. (R. Brockhaus Bildbiographien, hrsg. von Carsten Peter Thiede).

7 Heidelberger Katechismus, Antwort auf Frage 28.

8 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 138.

9 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 155. – Man vergleiche den Schluß von Jung-Stillings \“Theobald oder die Schwärmer\“: \“nichts … zu beginnen, als nur, daß sie in der Stille an ihrer eigenen und anderer Menschen Vervollkommnung thätig arbeiten mögen …\“; Sämtliche Werke, Bd. 6. (Stuttgart. 1841) S. 434.

10 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 214, S. 219.

11 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 231. – Im Zusammenhang vergleiche Rainer Vinke: Jung-Stilling bei Flender (1763–1770). Ein Abschnitt auf dem Weg zu seiner Bestimmung, in: Theologische Zeitschrift Bd. 14 (1985) S. 359–390, sowie Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989, S. 43–55.

12 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 232.

13 Über die Beziehung Jung-Stillings zu Goethe vergleiche jetzt Gerhard Schwinge: Prophet und Weltkind – Jung-Stilling und Goethe, in: Jung-Stilling, Arzt, Kameralist, Schriftsteller zwischen Aufklärung und Erweckung, Ausstellungskatalog, hrsg. von der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. Karlsruhe (Badische Landesbibliothek) 1990, S. 112–141 sowie derselbe: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795–1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1993, S. 362 (Register, Stichwort \“Goethe\“) (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32).

14 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 268, S. 271.

15 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 655.

16 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 291.

17 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), Zitate S. 348, S. 322, S. 340.

18 Detaillierter Nachweis bei: Otto W. Hahn: Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung. Sein Leben und sein literarisches Werk 1778–1787. Frankfurt a. M., Bern, New York, Paris (Peter Lang) 1988; Zusammenfassung S. 429–494 (Europäische Hochschulschriften, Reihe 23 (Theologie), Bd. 344).

19 Jung-Stilling nahm es zum Motto seines Romans \“Theobald oder die Schwärmer\“ (1784/85).

20 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 345.

21 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 369, S. 370.

22 Diese sehr selten gewordene Monatsschrift zum größeren Teil wiederaufgefunden und in Auswahl bekanntgemacht zu haben, ist eines der zahlreichen Verdienste, die sich der Jubilar um Jung-Stillings Lebenswerk erworben hat: (1) Johann Heinrich Jung-Stilling: Gesellschaftliche Mißstände. Eine Blütenlese aus dem \“Volkslehrer\“. Neu herausgegeben, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Gerhard Merk. Berlin (Duncker & Humblot) 1990; (2) Johann Heinrich Jung-Stilling: Gesellschaft, Leben und Beruf. Geschichten aus dem \“Volkslehrer\“. Herausgegeben, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Gerhard Merk. Berlin (Duncker & Humblot) 1990. — Zu den Romanen vgl. Hans Grellmann: Die Technik der empfindsamen Erziehungsromane Jung-Stillings. Ein Beitrag zur Empfindsamkeit der Aufklärung. Neu hrsg. von Erich Mertens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1993 sowie Anne Marie Stenner-Pagenstecher: Das Wunderbare bei Jung-Stilling. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der Romantik. Hildesheim (Olms) 1985 (Germanistische Texte und Studien, Bd. 24).

23 Otto W. Hahn: Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung. Sein Leben und sein literarisches Werk 1778–1787 (Anm. 18) S. 284–376, Zitat: S. 371.

24 Otto W. Hahn: Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung. Sein Leben und sein literarisches Werk 1778–1787 (Anm. 18) S. 368–376.

25 Zum religiösen theologischen Klima im damaligen Marburg siehe Wilhelm Maurer: Aufklärung, Idealismus und Restauration. Studien zur Kirchen- und Geistesgeschichte in besonderer Beziehung auf Kurhessen 1780–1850. Bd. 1: Der Ausgang der Aufklärung. Gießen (Töpelmann) 1930.

26 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 450.

27 Gustav Adolf Benrath: Jung-Stillings Notizbuch aus den Jahren 1778–1818, in: Monatshefte für die evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes 39 (1990) S.85 – 113, Zitat S. 97.

28 Der Schlüssel zum Heimweh von Heinrich Stilling 1796, S. VIII; ähnlich: Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 449; (Lehrjahre 1804).

29 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 479.

30 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 478.

31 Zitat aus dem in Anm. 27 genannten Aufsatz, S. 103.

32 Ernst Staehelin: Die Christentumsgesellschaft in der Zeit der Aufklärung und der beginnenden Erweckung. Basel (Theologische Zeitschrift, Sonderband 2) 1970, S. 385 ff., S. 388, S. 390 ff.; zum Ganzen Gerhard Schwinge: Jung-Stilling und seine Beziehungen zur Basler Christentumsgesellschaft. In: Theologische Zeitschrift Bd. 44 (1988), S. 32–53.

33 Die drei letzten Zitate finden sich bei Ernst Staehelin (Anm. 32), S. 385, S. 391, S. 431.

34 Der Schlüssel zum Heimweh von Heinrich Stilling 1796, S. IV f. — Siehe zum Heimweh-Roman das Wesentliche tief und klar nachzeichnend Otto W. Hahn: Jung-Stillings \“Heimweh\“, in: Michael Frost (Hrsg.): Blicke auf Jung-Stilling. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1991, S. 115–132.

35 Johann Heinrich Jung-Stilling: Das Heimweh, Bd. III. Marburg (Neue akademische Buchhandlung) 1795, S. 477 und S. 483.

36 Johann Heinrich Jung-Stilling: Das Heimweh, Bd. III. Marburg (Neue akademische Buchhandlung) 1795, S. 453 f.

37 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 492.

38 Bibelübung vom 27.03.1796 (Anm. 4) Nr. 314, S. 289.

39 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 511.

40 Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (Theologischer Verlag) 1963, S. 89–125, besonders S. 99–102 (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

41 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 596. – Siehe zum literarischen Wirken im letzten Lebensabschnitt ausführlich Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung (Anm.13).

42 Jung-Stilling an Karl Friedrich von Baden, Marburg 28.08.1803, Original im Generallandesarchiv Karlsruhe, Großherzogliches Familienarchiv.

43 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 596.

44 Ernst Staehelin: Die Christentumsgesellschaft in der Zeit der Aufklärung und der beginnenden Erweckung (Anm. 32), S. 421.

45 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 618–621.

46 Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie (Anm. 40), S. 253–332. — Die seit 1805 in russischer Sprache erschienenen Schriften Jung-Stillings sind verzeichnet bei Klaus Pfeifer: Beitrag zu einer Jung-Stilling-Biographie, in: Das achtzehnte Jahrhundert Bd. 14 (1990), S. 122–130, hier: S. 123 sowie mit Standortnachweisen bei derselbe: Jung-Stilling-Bibliographie. Siegen (Verlag der J. G. Herder-Bibliothek) 1993 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28).

47 Ernst Staehelin: Die Christentumsgesellschaft in der Zeit von der Erweckung bis zur Gegenwart. Basel (Theologische Zeitschrift, Sonderband 3) 1974, S. 282.

48 Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. (Anm. 40), S. 333–345; Zitat: S. 338 f.

49 Ernst Staehelin: Die Christentumsgesellschaft in der Zeit von der Erweckung bis zur Gegenwart (Anm. 47), S. 284.

50 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 629.

51 [Alexander Vömel:] Jung-Stillings Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt. Neu bearbeitet von einem seiner Urenkel (Anm. 2), S. 223.

52 [Alexander Vömel:] Jung-Stillings Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt. Neu bearbeitet von einem seiner Urenkel (Anm. 2), S. 208.

53 Max Geiger: Johann Heinrich Jung-Stilling. Christlicher Glaube zwischen Orthodoxie und Moderne. Historisch-theologische Meditation anläßlich des 150. Todestages. Zürich (Theologischer Verlag) 1968.

54 Max Geiger: Johann Heinrich Jung-Stilling. Christlicher Glaube zwischen Orthodoxie und Moderne. Historisch-theologische Meditation anläßlich des 150. Todestages (Anm. 53), S. 15 und S. 25.

55 Max Geiger: Johann Heinrich Jung-Stilling. Christlicher Glaube zwischen Orthodoxie und Moderne. Historisch-theologische Meditation anläßlich des 150. Todestages (Anm. 53), S. 10.

56 [Alexander Vömel:] Jung-Stillings Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt. Neu bearbeitet von einem seiner Urenkel (Anm. 2), S. 216, S. 219.




Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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