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Zum Begriff der Erwartungen in der Wirtschaft

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Überblickt man die jüngsten Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Nationalökonomie, so ist unter anderem eine verstärkte Beschäftigung mit dem Problem der Erwartungen erkennbar. Bereits Keynes1, mehr noch die neuere Investitionstheorie und die Konjunkturtheorie3, rückten die Erwartungen in das Scheinwerferlicht der Nationalökonomie. Bei der Lektüre des Schrifttums, das sich mit dem Fragekreis der Erwartungen beschäftigt, gewinnt der unbefangene Leser leicht den Eindruck, als befinde sich nunmehr die gesamte Wirtschaftswissenschaft in einem Umgestaltungsprozeß. \“Economists who are bent on constructing in economic dynamics have now come to a parting of the ways: either they must be content with mechanical systems which ignore the complexity of men’s thoughts and motives and treat past and future as essentially indistinguishable from each other; or else they must try to understand how men decide upon their courses of action when they cannot feel sure … what the outcome of any course will be.\“4 Es erscheint überhaupt unverständlich, nicht schon lange die Erwartungen zum Leitprinzip der Wirtschaftstheorie gewählt zu haben. \“I find it strange and ludicrous that people should attempt to create a theory of the Trade Cycle, for instance, without putting a theory of changing expectations of business men right at the centre of it.\“5

Nun mag man ja manche der Behauptungen, die in diesem Zusammenhang vorgetragen werden, als Übertreibung bezeichnen. Auch kann man die Theorie der Erwartungen als Modewelle in der Nationalökonomie betrachten. Beide Stellungnahmen aber berühren nicht die Notwendigkeit einer genauen Klärung des Begriffes Erwartungen. Das nämlich lehrt ein Blick in die neuesten Veröffentlichungen auch: eine systematische Theorie der Erwartungen fehlt bis jetzt noch. Jede systematische Theorie muß sich jedoch auf logisch einwandfreie Begriffe gründen, will sie Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben. Aus diesem Grunde seien einige begriffliche Grundlegungen im folgenden vorgetragen.

Begriffsinhalt (I)

Den Begriff Erwartungen (expectations) bestimmen inhaltlich zwei Merkmale. Das erste Merkmal ist eine gegenwärtige Vorstellung, das zweite Merkmal der Bezug dieser Vorstellung auf wirtschaftliche Gegebenheiten in der Zukunft. Mithin kann definiert werden: Erwartungen sind gegenwärtige Vorstellungen über wirtschaftliche Verhältnisse der Zukunft.

\“Die Einstellung des Menschen zum Leben ist ihrem Charakter nach vorausschauend. Zum Unterschied zu dem zukunftsbezogenen Verhalten insbesondere der höheren Tiergattungen, die ausschließlich vom Instinkt gelenkt werden, sind die menschlichen Aktionen in ihrer Zukunftsgerichtetheit nicht nur als Instinktreaktionen zu sehen, sondern auch aus dem menschlichen Geist, der menschlichen Einsicht in den Zusammenhang der Dinge unterworfen. Von dieser Überlegung zu dem Problem der Erwartungen zu gelangen, bedarf es nur eines Schrittes. Da die Zukunft unbekannt ist, das, was sie uns bringen wird, im Ungewissen ruht, vermögen wir sie nur mit Hilfe bestimmter Erwartungen in unseren Gedankenkreis einzubeziehen.\“7

Begriffsumfang (II)

Der Begriff Erwartungen ist inhaltlich klein: nur zwei Merkmale bestimmen ihn. Nun stehen aber Inhalt und Umfang der Begriffe in umgekehrtem Verhältnis. Je kleiner der Inhalt, desto größer ist der Umfang und umgekehrt. Durch Einteilungen muß der Begriff Erwartungen umfänglich (nämlich alle Teilvorstellungen, die in ihm enthalten sind und aus denen die beiden den Inhalt bestimmenden Merkmale abstrahiert wurden) deutlich gemacht werden.

Die Qualität der Erwartungen (A)

Als erster Einteilungsgrund kann die Qualität der Erwartungen gewählt werden. Unter der Qualität der Erwartungen ist der Sicherheitsgrad (degree of certainty) zu verstehen, mit dem gegenwärtige Vorstellungen auf künftige wirtschaftliche Verhältnisse bezogen werden.

Sichere und unsichere Erwartungen (1.)

Sichere Erwartungen sind solche, bei denen mit Bestimmtheit die jetzige Vorstellung mit dem Eintritt künftiger wirtschaftlicher Ereignisse übereinstimmen wird. Diese Übereinstimmung wird durch verfügbare Informationen belegt. Bei sicheren Erwartungen besteht also auf Grund der vorhandenen Informationen kein Zweifel darüber, daß die erwarteten Gegebenheiten eintreten werden8. Alle anderen Erwartungen sind unsichere Erwartungen9.

Die unsicheren Erwartungen lassen sich durch Subdivision in Risiko-Erwartungen, objektiv unsichere Erwartungen und subjektiv unsichere Erwartungen zerlegen. Einteilungsgrund ist dabei abermals der Sicherheitsgrad.

Risikoerwartungen sind Vorstellungen über zukünftige Ereignisse, wobei eine Abweichung zwischen gegenwärtiger Vorstellung und kommendem Eintritt der Ereignisse vorausgesehen wird. Diese Abweichung ist aber mathematisch genau rechenbar10. Als Beispiel denke man an die Ausschußquote bei der Erwartung über den künftigen Materialverbrauch bei einem bestimmten Fertigungsprozeß.

Subjektiv unsichere Erwartungen sind solche, bei denen die Abweichungen künftiger Gegebenheiten mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit vorhergesehen werden können. Beispielsweise hält man die Produktionsmenge x der Konkurrenz für wahrscheinlicher als die Produktionsmenge y11. Bei subjektiver Unsicherheit hat der Vorausschauende also keine Kenntnis der Wahrscheinlichkeitsdistribution. Die mathematische Erwartung und die Varianz des möglichen Ergebnisses einer Vorausschau sind nicht bekannt.

Objektiv unsichere Erwartungen sind solche, bei denen die künftigen Gegebenheiten in ihrer Abweichung überhaupt nicht vorhergesehen werden können. Der Vorausschauende muß die möglichen Werte künftiger Ereignisse als gleichwertig ansehen, weil keinerlei Informationen zur Verfügung stehen12.

Einwertige und mehrwertige Erwartungen (2.)

Bei der Unterscheidung der Erwartungen in einwertige und mehrwertige ist PRINCIPIUM DIVISIONIS wiederum der Sicherheitsgrad, diesmal unter dem Aspekt seiner Rechenhaftigkeit.

Läßt sich der Sicherheitsgrad in einem ganz bestimmten Wert ausdrücken, so spricht man von einwertigen Erwartungen. Zu den einwertigen Erwartungen gehören die sicheren Erwartungen und die Risikoerwartungen.

Bei mehrwertigen Erwartungen vermag der Sicherheitsgrad nicht in einem bestimmten Wert angegeben zu werden. Vielmehr ist das Eintreten erwarteter Ereignisse innerhalb einer Bandbreite von Werten möglich. Mehrwertige Erwartungen sind subjektiv unsichere und objektiv unsichere Erwartungen13.

Diese Einteilung der Erwartungen in einwertige und mehrwertige spielt für die Theorie der Erwartungen eine entscheidende Rolle. Denn es bedarf besonderer Methoden, um bei völlig oder teilweise fehlenden Informationen die Erwartungen theoretisch in den Griff zu bekommen. Die Division der Erwartungen in einwertige und mehrwertige ist mithin für die Theorie der Erwartungen wesentlich14.

Zusammenfassung (3.)

Begriff Erwartungen

Die vorgenommenen Divisionen und Subdivisionen der Erwartungen aufgrund des Einteilungmerkmals \“Qualität der Erwartungen\“ lassen sich anschaulich so darstellen:

Die hier wiedergegebene Einteilung ist logisch insoweit richtig, als alle aufgeführten Teilungsglieder durch divisives Urteil vom Oberbegriff Erwartungen getrennt sind und sich gegenseitig ausschließen. Die Einteilung ist jedoch nicht vollkommen, weil aus dem gewählten Einteilungsgrund noch andere Einteilungsglieder abgeleitet werden können. So sind etwa Mittelbegriffe zwischen den beiden Extrempolen sichere Erwartungen und unsichere Erwartungen denkbar und in der Theorie der Erwartungen unter Umständen auch von Wichtigkeit.

Die Fristigkeit der Erwartungen (B)

Unter Fristigkeit der Erwartungen ist die Dauer zwischen gegenwärtigen Vorstellungen (Planungszeitpunkt) und dem Eintritt künftiger wirtschaftlicher Gegebenheiten (Bezugszeitpunkt) gemeint. Als Einteilungsgrund bestimmt die Fristigkeit des näheren den zeitlichen Abstand zwischen Gegenwart und Zukunft, ein implizite in der Definition des Begriffes Erwartungen enthaltenes Merkmal.

Kurzfristige, mittelfristige und langfristige Erwartungen (1.)

Der zeitliche Abstand zwischen Planungszeitpunkt und Bezugszeitpunkt kann kurz oder lang sein oder dazwischen liegen. Stellt man sich eine Zeitachse vor, deren Anfangspunkt und Endpunkt durch Werte bestimmt sind, so läßt sich ein weiterer typischer Punkt durch Halbierung der Zeitachse angeben. Dieser gibt die mittelfristige Erwartung an.

Diese Einteilung der Erwartungen in kurzfristige, mittelfristige und langfristige trägt weithin (aber nicht ausschließlich) rein formalen Charakter. Denn ebenso wie bei der Periodenbetrachtung im Zuge der Erörterung von Kostenproblemen muß man auch in der Regel bei Erwartungen eine sachlich begründete \“operational time\“, nicht unbedingt die Kalenderzeit zugrunde legen15. Zudem gilt es zu beachten, daß die Teilungsglieder lediglich drei typische Punkte der gedachten Zeitachse benennen. Sie bleiben auch deshalb für sich allein ziemlich vage. Wichtig ist jedenfalls die Erkenntnis, daß Erwartungen auch eine Zeitdimension (–horizont) haben16.

Träger der Erwartungen (C)

Nach der Stellung der Erwartungen innerhalb der Wirtschaft lassen sich Produzentenerwartungen und Konsumentenerwartungen unterscheiden17. Dabei wird in der Literatur der Begriff Konsumentenerwartungen dann und wann weiter beinhaltet als in der nationalökonomischen Literatur üblich. Hinzugerechnet werden \“auch die Probleme der Vorratshaltung von Endprodukten im allgemeineren Sinne …, also die Vorratsplanung bei Händlern und Besitzern von Anlageportefeuilles. Beim Produzenten steht im Vordergrund die Entscheidung, ob und welches Projekt er ausführen soll (Optativaspekt), beim Konsumenten (Vorratshalter) hingegen die Frage, wann er ein bestimmtes Geschäft tätigen soll (Temporalaspekt)\“18.

Diese Ausdehnung des Begriffes Konsumenten auch auf den Handel scheint überflüssig, weil kein wesentlicher Grund zu dieser Begriffsumdeutung zwingt. Die Erwartungsbildung des Handels ist zwar in ihrer Fristigkeit in der Regel von den Produzentenerwartungen verschieden. Dieser Unterschied spielt aber für die Theorie der Erwartungen prinzipiell keine bedeutsame Rolle. Unter Konsumenten sind die im Haushaltsverband stehenden Endverbraucher zu verstehen, und Konsumentenerwartungen sind allein Vorstellungen dieser Verbraucher über künftige wirtschaftliche Verhältnisse.

Der Gegenstand der Produzentenerwartungen (D)

Als Einteilungsgrund der Produzentenerwartungen kann der Bezug der Erwartungen auf bestimmte Gegenstände19 gewählt werden, die zusammen den Begriff \“wirtschaftliche Verhältnisse\“ konstituieren. Unter Gegenstand ist dabei nicht nur ein dingartiges Seiendes zu verstehen (Begriff im gewöhnlichen Sprachgebrauch). Vielmehr sei Gegenstand alles, womit sich mensch-liches Erkennen beschäftigt (Begriff der Erkenntnistheorie20).

Der Begriff \“wirtschaftliche Verhältnisse\“ ist keiner Definition zugänglich, weil ein Genusbegriff, über welchem kein Genua mehr steht. Er umschließt als absolut größter Begriff eine so große Zahl von Merkmalen, daß sie nicht in die Schranken einer Definition eingeschlossen werden können. Mithin läßt sich auch formallogisch vollkommen eine erschöpfende Einteilung der Erwartungen aus ihrem Bezugsgegenstand nicht herleiten. Wenn aufgrund des Merkmales Gegenstand der Erwartungen durch Division Teilvorstellungen des Genusbegriffes wirtschaftliche Verhältnisse gewonnen werden, so kann die Angemessenheit allein durch sachlogische Begründungen bewiesen werden.

Allgemeine und besondere Erwartungen (1)

Wirtschaftliche Verhältnisse können gesamtwirtschaftlicher oder einzelwirtschaftlicher Natur sein. Beziehen sich die Erwartungen der Produzenten auf gesamtwirtschaftliche Größen und Größenbeziehungen, so spricht man von allgemeinen Erwartungen. Demgegenüber sind besondere Erwartungen solche Vorstellungen, die sich auf den betriebssubjektiven Markt des einzelnen Unternehmens beziehen21.

Keirstead beinhaltet den Begriff allgemeine (Produzenten-) Erwartungen darüber hinaus noch mit den Trägern der Erwartungen. Allgemein seien die auf gesamtwirtschaftliche Größen gerichteten Erwartungen auch deshalb, weil diese Erwartungen allen Unternehmern gemein seien. Die Unternehmerschaft habe über die wirtschaftliche Entwicklung der nächsten Zeit eine Meinung. Das liege darin begründet, daß die Unternehmer dieselben Zeitschriften, Zeitungen und privaten Mitteilungsblätter läsen, auf Konferenzen und Tagungen wie auch im persönlichen gesellschaftlichen Verkehr unter sich seien. Dadurch bilde sich zwangsläufig eine bestimmte Ansicht über die wirtschaftliche Zukunft heraus22. Den Beweis dieser Annahme entnimmt Keirstead der Erfahrung. Mag Keirsteads Unterstellung richtig sein oder nicht: Die Variante allgemein = allen (Unternehmern) gemein, sei hier ausgeschlossen. Sie trägt zur umfänglichen Begriffsbestimmung nichts wesentliches bei23.

Aktions-, Reaktions- und Trenderwartungen (2)

Gutenberg führte Aktionserwartungen und Reaktionserwartungen auf der einen Seite und Trenderwartungen auf der anderen Seite ein24. Aktionserwartungen sind Vorstellungen, die sich die Unternehmer über die (als exogene Größe gedachten) Maßnahmen der Konkurrenten machen. Reaktionserwartungen sind mutmaßliche Aktionen des Konkurrenten auf eigene Maßnahmen aller Art. Gutenberg legt bei Einführung dieser beiden Begriffe einen Oberbegriff \“besondere Erwartungen\“ wohl stillschweigend zugrunde25. Aktions- und Reaktionserwartungen sind als ausgewählte Erwartungsarten aus dem Bereich der besonderen Erwartungen anzusehen. Trenderwartungen sind in der Terminologie von Gutenberg die allgemeinen Erwartungen, nämlich gegenwärtige Vorstellungen über die zukünftige Entwicklung gesamtwirtschaftlicher Größen und Größenbeziehungen.

Nun scheint der Ausdruck \“Trenderwartungen\“ wenig treffend gewählt. Denn mit dem Wort Trenderwartungen ist zu sehr die Vorstellung von einmaligen Veränderungen langfristiger Art in der Wirtschaft verbunden26. Entscheidend für die allgemeinen Erwartungen sind jedoch auch mittelfristige oder kurzfristige wiederkehrende Änderungen in der Wirtschaft (Konjunkturzyklus, Lagerzyklus, Modeschwankungen). Es empfiehlt sich daher, die allgemeinen Erwartungen statt Trenderwartungen einfach gesamtwirtschaftliche Erwartungen zu nennen. Dieser Terminus hat Überdies den Vorteil, daß mit ihm sogleich die richtige Vorstellung seines Inhalts verbunden wird (Erfahrungsbegriff). Den gesamtwirtschaftlichen Erwartungen wären dann die betriebsindividuellen Erwartungen gegenüberzustellen. Diese sind durch Division in Aktionserwartungen und Reaktionserwartungen. gegliedert.

Markterwartungen und Produktionserwartungen (3)

Kuhlo27 versteht unter Markterwartungen künftige Vorstellungen über die Lage auf Bezugs- und Absatzmärkten. Produktionserwartungen sind demgegenüber Erwartungen hinsichtlich des eigenen Unternehmens, des Produktionsbereichs im weitesten Wortsinne. – Bei dieser Einteilung ist zu bemängeln, daß der Unterschied zwischen gesamtwirtschaftlichen und betriebsindividuellen Erwartungen nicht zum Ausdruck kommt. Neu in die Debatte bringt Kuhlo jedoch den Unterschied zwischen außerbetrieblichen und innerbetrieblichen Erwartungen. Dies ist ohne Zweifel für die Gliederung der Erwartungen nach ihrem Gegenstand ein äußerst wichtiger Gesichtspunkt.

Konstellationserwartungen und Positionserwartungen (4)

Im Anschluß an Kuhlo unterscheidet auch Albach28 zwischen Vorstellungen des Unternehmens über die Verhältnisse außerhalb des Betriebes und Vorstellungen hinsichtlich künftiger Verhältnisse innerhalb des Betriebes. Die ersteren nennt er Konstellationserwartungen, die letzteren Positionserwartungen. Positionserwartungen bezeichnen nach Albach \“die Vorstellungen des planenden Unternehmens über den Umfang und die Wirkung des betriebspolitischen Instrumentariums, welches dem Unternehmen in zukünftigen Situationen zur Verfügung stehen wird\“29. – Die Positionserwartungen lassen sich wiederum in Instrumentarerwartungen und Bilanzerwartungen untergliedern. Instrumentarerwartungen sind Vorstellungen über Art und Umfang des betriebspolitischen Instrumentariums, das einem Unternehmen in einem bestimmten triftigen Zeitraum zur Verfügung steht. Der Einsatz dieses Instrumentariums hängt aber weitgehend von den künftigen finanziellen Mitteln ab, über die das Unternehmen verfügen wird. Albach hält die Bilanz für den wesentlichsten Ausdruck der Art und Höhe verfügbarer Mittel und spricht deshalb von Bilanzerwartungen30.

Der Einteilung von Albach wird man ohne weiteres zustimmen müssen. Zu kritisieren bliebe lediglich die umständliche Benennung der Divisions- und Subdivisionsglieder. Einfacher und prägnanter wären die Konstellationserwartungen mit Markterwartungen ausgedrückt, die Situationserwartungen mit Betriebserwartungen. Die Instrumentarerwartungen seien instrumentale, die Bilanzerwartungen finanzielle Erwartungen genannt.

Zusammenfassung (5)

Die aus dem Einteilungsmerkmal Gegenstand der Produzenten-Erwartungen abgeleiteten Divisions- und Subdivisionsglieder lassen sich in einer Übersicht wie folgt darstellen:

Produzentenerwartungen

Die Haupteinteilung gründet in ihrer logischen Disjunktion im kontradiktorischen Gegensatz, weitere Einteilungsglieder sind ausgeschlossen. Dasselbe gilt für die Teilung der Markterwartungen in gesamtwirtschaftliche und betriebsindividuelle. Alle anderen Einteilungen sind zwar logisch richtig, nicht aber vollkommen. Sie können diesem Anspruch nicht genügen, weil der Begriff wirtschaftliche Verhältnisse ein Indefinibile ist.

Gegenstand der Konsumentenerwartungen (E)

Die Vorstellungen der Konsumenten (im engeren Wortsinn) über künftige wirtschaftliche Gegebenheiten können zweigeteilt werden in Preiserwartungen und Einkommenserwartungen. Preiserwartungen beziehen sich auf künftige Preise von Gütern. Einkommenserwartungen richten sich auf die Höhe des zukünftigen disponiblen Einkommens. Auch diese Dichotomie leidet darunter, daß das TOTUM DIVIDENDUM (nämlich das Merkmal wirtschaftliche Verhältnisse) indefiniert ist. Trotzdem scheint die Unterscheidung zwischen Preiserwartungen und Einkommenserwartungen das Wichtigste auszudrücken.

Abschließende Bemerkungen (III)

Abgesehen von den eingangs gerügten begrifflichen Unklarheiten, hat die moderne ökonomische Erwartungstheorie bereits heute einen Stand erreicht, der aller Hochachtung wert erscheint. Besonders hat die Einführung spieltheoretischer Ansätze (aber auch anderer, nicht dem engeren Bereich der ökonomischen Theorie entwachsender Instrumentarien) auf das Problem der Erwartungen und der Unsicherheit zu sehr fruchtbaren Ergebnissen geführt31.

Es scheint an der Zeit, nunmehr auch die rein praktischen Phänomene des Erwartungsproblems verstärkt anzugehen. Die theoretischen Modelle sind letztlich ja nicht Selbstzweck, sie müssen vielmehr (um eine treffende, bildhafte Formulierung zu gebrauchen) mit konkreten Größen gefüttert werden. Es fehlt beispielsweise immer noch eine systematische Darstellung all jener Größen, die bei (unsicherer) Investitionsplanung zu beachten sind, samt einer zwangsläufig notwendigen Gewichtung dieser Größen. Erst wenn man alle infragekommenden Faktoren erfaßt und geordnet hat, können die Modelle der Theorie nutzbringend für Zwecke der wirtschaftlichen Praxis eingesetzt werden.

Es ist zu hoffen, daß das stiefmütterlich behandelte Gebiet der realen Erwartungsstruktur recht bald von Sachkennern mit demselben Eifer wie die \“reine Theorie\“ der Erwartungen behandelt wird. Dann werden auch all diejenigen vom Wert der Erwartungstheorie überzeugt werden, die diese bisher noch als wenig nutzbringendes Theoretisieren verurteilen.

Anmerkungen

1 Vgl. J. M. Keynes: The General Theory of Employment, Interest and Money. London: 1956, Kapitel 22 (besonders S. 315 f.).

2 Vgl. H. Albach: Wirtschaftlichkeitsrechung bei unsicheren Erwartungen. (Beiträge zur betriebswirtschaftlichen Forschung, herausgegeben von E. Gutenberg und anderen, Band 7.) Köln und Opladen: 1959.

3 Vgl. W. A. Jöhr: Theoretische Grundlagen der Wirtschaftspolitik. Zweiter Band: Die Konjunkturschwankungen. Tübingen und Zürich:1952.

4 Carter-Meredith-Shackle: Uncertainty and Business Decisions. A Sympo-sium. Liverpool: 1957, S. V (Vorwort).

5 G. F. Carter: A Revised Theory of Expectations, in: Carter-Meredith-Shackle, a.a.O., S. 50.

6 Vgl. zum Ganzen Wilhelm Weber und E. Streißler: Artikel Erwartungen, Unsicherheit und Risiko. Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, Band 3. Stuttgart-Tübingen-Göttingen: 1960, S. 330 ff.

7 H. St. Seidenfus: Zur Theorie der Erwartungen, in: Schmölders–Schröder–Seidenfus: John Maynard Keynes als \“Psychologe\“. Berlin: 1959, S. 99 – Historisches zum Begriff der Erwartungen in der Wirtschaft bringt Seidenfus anschließend, S. 110 ff. – Vgl. auch F. A. Hayek: Economics and Knowlegde. Economica N.S. 4 (1937), S. 33. (In deutscher Sprache unter dem Titel \“Wirtschaftstheorie und Wissen\“, in F. A. Hayek: Individualismus und wirtschaftliche Ordnung. Erlenbach-Zürich: 1952, S. 49 ff.). Hayek schreibt hier Irving Fisher das Verdienst zu, Erwartungen in die Wirtschafts-wissenschaft eingeführt zu haben.

8 Vgl. H. Albach, a.a.O., S. 3 sowie F. H. Knight: Risk, Uncertainty and Profit. London: 1957 (8. Abdruck), S. 197 ff.

9 Vgl. Wilhelm Weber und E. Streißler, a.a.O., S. 333.

10 Vgl. H. Albach, a.a.O., S. 3; H. St. Seidenfus, a.a.O., S. 127 f. sowie Wil-helm Weber und E. Streißler, a.a.O., S. 331 f. (,,Von Risiko spricht man, wenn eine größere Zahl von gleichartigen oder zumindest ähnlich gelagerten Ereignissen Rückschlüsse auf den wahrscheinlichen Ausgang des betrach-teten Ereignisses erlaubt.\“)

11 Vgl. G. Tintner: A Contribution to the Non-Static Theory of Production, in: Studies in Mathematical Economics and Econometrics, herausgegeben von O. Lange und anderen. Chicago: 1942, S. 92, und H. Albach, a.a.O., S. 123 ff.

12 Vgl. H. Albach, a.a.O., S. 4 und S. 166; G. Tintner, a.a.O., S. 92.

13 Vgl. H. Albach, a.a.O., S. 4.

14 Vgl. hierzu Wilhelm Weber und E. Streißler, a.a.O., S. 334, sowie die Gliederung der Arbeit von H. Albach, a.a.O., S. VI ff.

15 Vgl. E. Gutenberg: Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre. Erster Band: Die Produktion. 3. Aufl. (Enzyklopädie der Rechts- und Staatswissenschaft. Abteilung Staatswissenschaft. Berlin-Göttingen-Heidelberg: 1957, 306 f.

16 Vgl. J. M. Keynes, a.a.O., Kapitel 12.

17 Vgl. Wilhelm Weber und E. Streißler, a.a.O., S. 332 ff.

18 Wilhelm Weber und E. Streißler, a.a.O., S. 332.

19 H. Albach (a.a.O., S. 4) spricht vom \“Sachbereich\“ der Erwartungen. Es scheint aber geboten, den Sachbegriff zu vermeiden, um unnötige Verwirrung von vornherein auszuschließen.

20 Vgl. B. Erdmann: Logik. Erster Teil: Logische Elementarlehre. Halle: 1907. S. 55 ff.

21 Vgl. B. S. Keirstead: An Essay in the Theory of Profits and Income Dis-tribution. Oxford: 1953, S. 16 ff.; R. A. D. Egerton: Investment, Uncertainty and Expectations. Review of Economic Studies, 22 (1954/55), S. 143 f., sowie H. Albach, a.a.O., S .4.

22 Vgl. B. S. Keirstead, a.a.O., S. 22.

23 Nach dem Grad der Eigenständigkeit der Meinungsbildung unterscheiden auch Wilhelm Weber und E. Streißler (a.a.O., S. 332) individuelle und kollektive Erwartungen. Die kollektiven Erwartungen entsprächen den allge-meinen Erwartungen bei Keirstead.

24 Vgl. E. Gutenberg, a.a.O., 2. Aufl., S. 311 ff. – In der überarbeiteten dritten Auflage nahm Gutenberg die Begriffe heraus. Die gleiche Einteilung findet sich bei Wilhelm Weber und E. Streißler, a.a.O., S. 331.

25 Vgl. H. Albach, a.a.O., S. 5.

26 Vgl. W. Siekaup: Volkswirtschaftslehre. Wolfenbüttel: 1957, S. 167 f.

27 Vgl. K. Ch. Kuhlo: Zur Systematik des Wirtschaftsplans der Unterneh-mung. Ifo-Studien, Jg.1956, Heft 1, S. 27.

28 Vgl. H. Albach, a.a.O., S. 5.

29 H. Albach, a.a.O., S. 6.

30 Vgl. auch K. Ch. Kuhlo, a.a.O., S. 28.

31 Vgl. zum Ganzen die zusammenfassende Übersicht bei H. St. Seidenfus sowie die vorzügliche Darstellung von H. Albach, der seiner Monographie ein umfassendes Literaturverzeichnis (a.a.O., S. 226 228) beigibt.


Days and moments quickly flying
Speed us onward to the dead:
O, how soon shall we be lying
Each within this narrow bed!

Soon before the Judge all glorious
We with all the dead shall stand;
Saviour, over death victorious,
Place us then on Thy right hand.

Edward Caswall, 1814-1878



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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