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Von der Wahren Kirche

veröffentlicht am


Eine nachtodliche Unterweisung im Stadtkern von Wien durch den
hochgelehrten, lebenserfahrenen und bis anhin unvergessenen Herrn

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817),

der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor,
seit 1785 Kurpfälzischer, ab 1803 durch Rechtsübergang Badischer Hofrat,
durch Verleihung 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat,

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg/Lahn, dort auch Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät der; davor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Tiermedizin – an der Universität Heidelberg und vordem seit 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern;

weiland Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu (Wuppertal)Elberfeld, dortselbst auch praktischer Arzt, Geburtshelfer, Augenarzt und seit 1775 Brunnenarzt sowie Unterrichtender in Physiologie; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Königlichen Sozietät der Wissenschaften in Frankfurt/Oder, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch seit 1781 bis zum Verbot der Geheimgesellschaften im kurpfälzisch-bayrischen Herrschaftsgebiet durch Erlass vom 22. Juni 1784 aus München der erlauchten
Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied

Dank englischen Beistandes emsig beflissen niedergeschrieben, hernachmals gemeinen Nutzens zu gut dienstfertig ergeben ins Internet gestellt und dabei alle Leser guter Gesundheit, beständiger gÖttlicher Verwahrung sowie getreuen
englischen Schutzes wärmstens empfehlend
von
Tubrav Immergern
Salen, Grafschaft Leisenburg*

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Markus-Gilde, Siegen

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Gluthitze über Wien


Die Sonne unbarmherzig schien
Seit früh dem Morgen über Wien.
Kaum jemand auf die Strasse trat:
Es hatte über dreissig Grad.

Das Lüftchen, das sonst hier zuhaus,
Blieb nun den fünften Tag schon aus.
Die Menschen stöhnten, waren schlapp;
Schon wurde Bade-Kleidung knapp.

Geschäfte zwangen mich, um zehn
Ab Schotten-Tor zur Stadt zu gehn.1
Ich kam dort mit der U- Bahn an;
Zum Ziel wollt‘ ich zu Fuss alsdann.


Seltsamer Mensch geht durch die Strassen


In Richtung Dom ich grad verlasse
Die schattig-kühle Nagler-Gasse,
Als mir ein Mann ins Auge fällt,
Der gleich dort vorn sich unterhält
Mit einer noblen, ältren Frau
Von korpulentem Körperbau.

Bei dreissig Grad und Sonnen-Hitze
Einjeder klagte, dass er schwitze.
Doch dieser Herr schien davon frei:
Das Wetter ihm wohl einerlei.
Die Kleidung war, als ob es gälte
Zu schützen sich vor strenger Kälte!

Kniehohe Stiefel, pelzverbrämt,
Mit Bohner-Wichse eingecremt;
Ein langer Mantel. schwarz und dick,
Wie er zu Olims Zeiten schick:
Die Knöpfe spiegelnd, aus Metall,
Gesäumt mit funkelndem Kristall;
Ein Schal, im Grundton dunkles Grau,
Verwebt mit Fäden veilchenblau;
Die Mütze ganz aus schwarzem Samt,
Wie Richter tragen sie im Amt,
Doch oben rechts, zunächst dem Gipfel,
Aus Plüsch genäht ein kurzer Zipfel;

Der Handschuh wohl aus Garn gestrickt,
Die Finger vorn rundum verdickt;
Ein schwarzer Lack-Stock in der Hand,
Der Griff verziert mit Silber- Rand;
Am Mantel seitlich eine Schlaufe,
Es hing daran, an einem Knaufe,
Ein Regenschirm gleich einem Degen:
Der Schirm tat ständig sich bewegen.

Nun sieht man manchmal hier in Wien
Noch Leute durch die Strasse ziehn,
Die in der Kleidung originell;
Auch manchen komischen Gesell
Gekleidet ganz in Alpen-Tracht,
Worüber man woanders lacht.

Doch dieser Mann schien darin Spitze,
Zumal nicht Winter, sondern Hitze,
Die Kleidung drum zur Sommerzeit
Erschien ein halbes Jahr zu weit.

Vielleicht nutzt jemand mit Geschick
Den Mann hier als Reklame-Trick?
Natürlich! Werbung er betrieb!
Mir keine andre Deutung blieb.
Er wirbt vermutlich für den Prater2,
Womöglich auch für das Theater.

Das alles durch den Kopf mir ging,
Da sah ich diesen Sonderling;
Jedoch blieb ich allda nicht stehen,
Nahm wahr dies vielmehr bloss im Gehen.


Der winterlich Angezogene ist Hofrat Jung-Stilling


Schon weiter nun ein gutes Stück,
Sah ich zu diesem Mann zurück.
Ich traute meinen Augen nicht,
Als ich gewahrte sein Gesicht:
Der Herr, gekleidet sonderbar,
Ganz sicher doch Jung-Stilling3 war!

Ich blieb vor Schreck zunächst ganz stumm,
Doch wandte dann im Gang mich um,
Schritt ohne lang zu überlegen
Jung-Stilling gradewegs entgegen.

\“Herr Hofrat4 Jung! Ich bin entsetzt,
Wie sie zu Wien sich zeigen jetzt!
Sie waren doch ein guter Schneider5,
Doch sehe heut ich sie in Kleider,
Die aus der Motten-Kiste stammen,
In sich schon passen kaum zusammen,
Und angesichts der Hitze gar
Sich tun als reichlich albern dar.
Ich dachte erst, als ich sie sah,
Zur Werbung zeigt ein Kerl sich da.\“ –

\“Mein Stillings-Freund6: ihr redet hart,
Das war bisher nicht eure Art!
Doch lasset mich zu euren Klagen
Zwei Dinge zur Erklärung sagen.


Mode in der Kleidung früher und heute


Die Kleidung, die an mir ihr seht,
Fast ganz ward von mir selbst genäht!
Zu meiner Zeit galt sie modern –
Und ist es immer noch im Kern.

Denn Mantel, Stiefel, Handschuh, Schal
Trägt heute man noch allemal;
Der Zuschnitt höchstens anders ist,
Auch Farben sind nicht mehr so trist.
In Toga oder Bären-Fell
Auch heut geht keiner doch so schnell!

Zum andern aber sehet ihr –
Sonst niemand – mich in Kleidung hier.
Ich bin für alle unsichtbar:
Als Geist selbst nimmt man mich nicht wahr.\“ —

\“Ich bitte um Vergebung sie,
Dass ich sie Mode-Muffel zieh!
Ich dachte, sie blamierten sich
Bei jener Frau – wohl adelig –
Mit der sie eben grad gesprochen;
Sie schien sehr vornehm, hochgestochen.
Ihr Kleid und Schmuck mir zeigte an,
Dass wohl sehr reich sein muss ihr Mann.\“ –


Stilling unterhält sich mit Maria Theresia


Zu lachen Stilling nun begann;
Noch schmunzelnd sagte er sodann:
\“Die Frau ist reicher tausendmal
Zum wenigsten als ihr Gemahl,
Wenn man in Diesseits-Gütern zählt
Und bloss die Liegenschaften wählt,
Aus denen Einkunft sie bezieht,
Doch alles andre gar nicht sieht.7
Die Frau, Herr Tubrav, von vorhin
War in Person die Kaiserin!\“8


Voreingenommenheit gegen die Kaiserin


\“Die Kaiserin, Herr Hofrat Jung!?
Was tat die nicht zur Schädigung
Der reinen, lichten CHristus- Lehre!
Wenn sie einst nicht gewesen wäre,
Die wahre Kirche würde jetzt
In Österreich allseits geschätzt;
Das Land im Glauben wäre frei,
Nicht unter Papstes Tyrannei.\“ —

\“Mein Stillings-Freund: ihr schaltet mich,
Nur weil in alten Kleidern ich.
Doch ihr in Vorurteilen seid,
Veraltend schon zu meiner Zeit!

Ihr macht der reformierten Lehre
Mit solcher Denkart keine Ehre,
Zumal gerade nicht in Wien,
Wo früh schon Duldsamkeit gediehn.

Die Kaiserin war toleranter,
Als unsre Leute zueinander
Noch häufig dieser Tage sind:
Ich bitte: seid nicht darin blind!


Was ist die „wahre Kirche“?


Zur wahren Kirche namentlich
Lasst sagen ein paar Worte mich.
Ach, hättet ihr doch recht darin,
In dem, was meintet ihr vorhin,
Dass wären die, so reformiert
Mit diesem Segen nur geziert!

Doch leider GOttes sei’s geklagt,
Dass unsre Kirche überragt
Die andren meist an Schattenseiten
Statt ihnen Vorbild zu bereiten.


Ist die evangelisch-reformierte Kirche Vorbild?


Man schimpfte auf die Teufelei,
Die bei den andren Christen sei,
Auf trottelige Lutheraner,
Auf Jesuiten, Franziskaner.

Doch solch ein harsches Regiment,
Wie früh es unsre Kirche kennt:
Mit eisernem Gewissens-Zwang,
Der brachte jeden in Bedrang,
Selbst wenn er noch so fromm und rein,
Auch Gutes tat noch obendrein,
Gab nie und nirgends es zuvor:
Bis heut es sich nicht ganz verlor.

Dabei war dies nicht unser Stil:
Gewissens-Freiheit doch das Ziel,
Das leider völlig dann verbannten
Die herrisch-brüsken Prädikanten.

Ihr kennt ja Pfarrer Stollbein9 wohl:
Als Typ war er der Zeit Idol.
Mehr denn der schlimmste Jesuit,
Verbohrtheit dieser Schlag verriet.

Herr Tubrav: da wir hier grad stehn
Markante Bauten um uns sehn,
Vergessen werden sollte nicht,
Woran es uns seit je gebricht:

Ergötzen, Charme, Vergnüglichkeit,
Gesittung, Grazie, Heiterkeit,
Kultur-Genuss wie Malerei,
Musik, Gedicht und Reimerei,
Des guten Schauspiels Förderung,
Der feinen Baukunst Würdigung,
Gefühl für Schönheit, Eleganz,
Für Feiern, Feste, Spiel und Tanz.

Nun möchte ich mitnichten sagen,
Dass andere uns überragen:
Dass diese also frömmer sind,
In JEsu tiefer wärn gesinnt!
Was mir am Herzen liegt ist dies:
Der HErr der Kirche einst verhiess,
Dass ER in ihrer Mitte bleibe.
Sie auf die rechten Pfade treibe.

Vermessen ist es, stolz und dreist,
Wenn wähnt man, dass sich JEsu Geist
Allein in unsrer Kirche finde,
Sei reformiertes Angebinde.


Lutherische und Katholische Kirche


Es täuschen wohl sich jene auch,
Die folgen Luthers Lehr‘ und Brauch
Und tönen, dass nur die Partei
Allein bloss wahre Kirche sei.

Sehr laut gab vor zu meiner Zeit,
Geist JEsu sei nur ihr Geleit,
Die ganze Geistlichkeit von Rom:
Hier flösse er in reinstem Strom.

Auch sprach im Innern viele an
Und zog so sanft in ihren Bann
Die Vielfalt alter Liturgie,
Der galt auch meine Sympathie.

Drum drängte es mich aufzuweisen,
Dass jene teils mit Blendwerk gleissen.10
Doch solcher Auswuchs durchwegs fiel
Im zweiten Vatikan-Konzil.11
Oft Glieder unsrer Kirche jetzt,
Sind fremder sich, stehn weiter letzt
Als mit modernen Katholiken:
Das kann ich überall erblicken


Was ist die „wahre Kirche“?


Ich sagte eben mehrerlei
Was n i c h t die wahre Kirche sei.
Doch positiv nunmehr gewendet:
Ihr wahre Kirche dorten fändet,
Wo ganz in JEsu Geist und Sinn
Man gibt sich andren Menschen hin;
Wo Bruder, Schwester jeder heisst,
In Liebe alle sind verschweisst12,
Doch GOtt zuerst die Ehre ist
Und IHn man preist in JEsu Christ.13

Der Kirchen keine, die ihr kennt,
Mit Fug sich ‚wahre‘ Kirche nennt,
Immassen diese Kirchen sind
Der wahren Kirche Sorgenkind.14

Zerstreut in allen Kirchen zwar,
Tut heut sich wahre Kirche dar.15
Doch JEsus kennt die SEinen gut,
Sie sind bei IHm in Schutz und Hut
Ganz gleich, wo jetzt sie sich befinden
Selbst unter lauter Wahrheits- Blinden.16

Einst lässt der HErr in SEinem Reich
Die wahre Kirche engelgleich
Vor aller Augen sichtbar werden –
Im Himmel wohl, nicht mehr auf Erden.17

Nehmt deshalb auch recht fleissig wahr,
Was unsre Kirche bietet dar
An Mitteln, die zu JEsus führen
Und GOttes Gnade lassen spüren. –


Jung-Stilling hat einen Heilauftrag


Herr Tubrav: sehr viel Zeit verstrich;
Gleich muss ich gehn; entschuldigt mich
Erwartet werde ich da draus
Im Allgemeinen Krankenhaus.
Den Ärzten soll ich Rat erteilen,
Wie einen Stillings-Freund sie heilen,
Geplagt durch schlimmes Ohrensausen,
Das zwang ihn, im Beruf zu pausen.\“ —

\“Herr Hofrat: wird der Mann gesund?
Wie lautet ärztlich der Befund?
Sind Stillings-Freunde noch in Wien?
Ist jener gläubig nach Calvin?\“ —

\“Syrigmus heisst die Diagnose:
Im Ohr ein Resonanz-Getose.
Der Stillings-Freund wir neu belebt,
Weil voll Vertrauen er erhebt
Sein Herz zum HErren JEsu Christ,
Der aller Menschen Heil-Kraft ist.

Nach dem, was ich zuvor gesagt,
Mir eure Frage nicht behagt,
Ob dieser Mann sei reformiert:
Im Jenseits solches niemand schiert!
Doch sei es offen euch publik:
Der Stillings-Freund ist Katholik.

In dieser Stadt sucht ihr beinebens
Nach Stillings-Freunden nicht vergebens
Doch mehr will ich hierzu nicht sagen,
Weil nun die Ärzte fast verzagen,
Da ich noch auf mich warten lasse;
Verzeiht, wenn deshalb ich jetzt passe.

Lebt wohl und bleibet im Gebet:
Es dringt zu GOttes Majestät
Und bringt stets Gnaden in die Welt
Die sonst nicht wärn bereitgestellt.\“18

In Richtung Michaeler Platz
Jung-Stilling schritt in grosser Hatz
Den Kohlmarkt vorwärts, sah sich um,
Mir winkend kurz und nickend stumm
Ich meinerseits hob meine Hand
Und schwenkte sie, bis er verschwand


Stillings Botschaft wird niedergeschrieben und mit Hilfe von Engel Siona in Reime gefasst


Da meinem Ziel ich näher ging
Gedanklich ich noch immer hing
An dem, was Stilling grade sprach,
Verstand so manches erst hernach.

Am Abend schrieb ich dann gleich auf
Der Rede Inhalt und Verlauf.
Beim Reimen half Siona19 mir:
Ihm öffentlich sei Dank dafür!

Doch schelte man ob mancher Mängel
Nicht ärgerlich berührt den Engel.
Die Schwächen rechne sämtlich man
Herrn Immergern zu Salen an.


Meckerer und Rechthaber mögen sich doch mit ihrem Lästergespei bitte anderen Dingen zuwenden


Ach je! Wie ist die Welt verrückt!
Man sagt nicht Dank, ist nicht beglückt,
Dass Stillings Botschaft wird verbreitet:
Dem Wahren so der Weg bereitet.

Oh nein! Man schreit dreist: \“Spiritismus,
Gespenster-Wahnsinn, Okkultismus,
Verdummung, Scharlatanerie,
Ergüsse kranker Phantasie,

Chimäre, Aberwitz: ein Schmarren,
Geschrieben wohl von einem Narren;
Geschäker, Blödsinn, Unfug, Possen,
Aus einem wirren Hirn entflossen,

Geflunker, Machwerk, Schwindel, Lug,
Fiktion, Geplapper, Bluff und Trug;
Groteske Phantasmagorie,
Im Kern die reine Idiotie;

Geheimnisvolle Kabbalistik,
Gefälschte, gleisnerische Mystik,
Verruchte Wortverdreherei,
Dämonenhafte Zauberei:
Ein Zeugnis von Besessenheit,
Verhexung und Verlogenheit:

Ein aberwitziges Gedudel,
Gebräu von höllischem Gesudel;
Empörende Provokation,
Des Satans Manifestation!\“

Ihr Leute! Packt euch an die Nase:
Entbindet euch von Zorn-Gerase!
Denkt ihr darüber tiefer nach,
Was Stilling über Kirche sprach,
Und lasst es bitte endlich sein,
Zu dreschen dauernd wütig ein
Gehässig lästernd allemalen
Auf Tubrav Immergern zu Salen.


Anmerkungen, Hinweise und Quellen


* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); –  durch Erbfolge ab 1743 Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen); –  im Zuge der territorialen Neuordnung Deutschlands durch den Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); –  nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 an bis heute Bestandteil im Kreis Siegen-Wittgenstein des Regierungsbezirks Arnsberg im Bundesland Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf). – Über 70 Prozent der Kreisfläche sind Wälder; Siegen-Wittgenstein steht damit an der Spitze der Bewaldungsdichte in Deutschland.

Salen = bei Jung-Stilling die ehemalige fürstliche Residenzstadt Siegen, heute Universitätsstadt mit etwa 110’000 Bewohnern, am Oberlauf der Sieg (dort 240 Meter über dem Meeresspiegel) gelegen. Die Sieg ist ein 155,2 Kilometer langer, rechter Nebenfluss des Rheins. – Die nächst grösseren Städte von Siegen sind, in der Luftlinie gemessen, im Norden Hagen (83 Kilometer), im Südosten Frankfurt am Main (125 Kilometer), im Südwesten Koblenz (105 Kilometer) und im Westen Köln (93 Kilometer).

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register).

Im wirtschaftsgeschichtlich bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 3) geboren, herangewachsen und hat auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Schotten-Tor = Knotenpunkt des innerstädtischen Nahverkehrs am Rande des I. Bezirks (Zentrum von Wien). – Abbildung bei Franz Gall: Vom Schottentor zum Drachengaßl. Was Straßennamen der Wiener Innenstadt erzählen. Hrsg. von der Ersten Österreichischen Spar-Casse. Wien (Dynamis) 1970.

Was heute weithin unbekannt ist: vor dem Schottentor fanden auch bis in die Neuzeit öffentliche Hinrichtungen statt; viele Drucke in der Oesterreichischen Nationalbibliothek berichten darüber im einzelnen; beispielsweise –  Wohl-verdientes Todtes-Urtheil, Einer Verheyrathen Manns-Persohn S. O. ein Jud. Gegen 31. Jahr alt, von dem Markt Reichensachsen in Hessen gebürtig; Welcher heut Dienstags, als den 17. Junij 1749., wegen vielfältig von ihme ausgeübten Fälsch- und Betrügereyen vor dem Schotten-Thor auf dasiger Richtstatt mit dem Strang vom Leben zum Todt hingerichtet wird. Wienn 1749 gedruckt bey Maria-Eva Schilgin oder –  Wohl-verdientes Todtes-Urtheil, Einer Ledigen Manns-Persohn, Nahmens Frantz W. Gegen 16. Jahr alt, Auf der sogenannten Wind-Mühl ausser der Stadt alhier gebürtig, Catholischer Religion ; Welcher Heut Dato den 28. Aprilis 1751. vor dem Schotten-Thor auf der aldasigen Richtstatt mit dem Schwerdt vom Leben zum Todt hingerichtet wird. Wienn 1751, gedruckt bey Maria Eva Schilgin, Wittib.

2 Prater = Vergnügungsviertel im II. Bezirk zwischen Donau-Kanal und Donau in Wien. Im 16. Jahrhundert Tierpark; im Jahre 1873 Ort der Weltausstellung. – Siehe Felix Salten: Wurstelprater. Mit 75 Originalaufnahmen von Emil Mayer. München (Goldmann) 1981 (Taschenbuchausgabe des erstmals 1911 erschienen Buches), und zu diesem: Siegfried Mattl (Hrsg.): Felix Salten: Wurstelprater. Ein Schlüsseltext zur Wiener Moderne. Wien (Promedia) 2004 (mit vielen Literaturangaben).

3 Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit (Philosophie) und Arzneigelehrtheit (manchmal findet sich auch geschrieben: Arzneikunde = Medizin) Doktor. – Siehe über ihn ausführlich Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen, hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992 sowie kurz zusammenfassend Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988. – Mehr die innere Entwicklung von Jung-Stilling schildert Otto W. Hahn: \“Selig sind, die das Heimweh haben\“. Johann Heinrich Jung-Stilling: Patriarch der Erweckung. Giessen, Basel (Brunnen) 1999 (Geistliche Klassiker, Bd. 4).

Siehe zum Wiedereintritt Verstorbener in diese Welt Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, also mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralantiquariat der DDR] 1987), S. 220 ff. – Diese Arbeit wurde seit ihrem Erstdruck in vielen Ausgaben veröffentlicht und auch ins Englische, Schwedische, Französische und Niederländische übersetzt; siehe die Zusammenstellung bei Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1993 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28).

Vgl. zu diesem Themenkreis auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades. Wahre und falsche Ansichten, hrsg. und eingel. von Gerhard Merk. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 2). sowie Martin Landmann: Ahnungen, Visionen und Geistererscheinungen nach Jung-Stilling. Eine ausdeutende Untersuchung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995. Diese Schrift und weitere Veröffentlichungen sind frei downloadbar unter der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling>

4 Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Heidelberg durch Erlass des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern (ihm hatte er auch seine medizinische Doktorarbeit gewidmet und diese persönlich bei Hofe zu Mannheim überreicht) vom 31. März 1785 die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger manche Bevorzugungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt ganz besonders zum Vorteil gereichte) an den zu jener Zeit noch häufig anzutreffenden Schlagbäumen, Wegschranken, Posten, Schildwachen, Stadttoren, Überfuhren, Fähren, Brücken sowie an den zu jener Zeit auch innerlands zahlreichen Schlagbäumen, Zoll-, Maut- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II., bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [französisch: Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt.

In Artikel 6 heisst es genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi, tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg (= Fahrt-Rinne für die Schiffahrt) du Rhin soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin zu Regensburg (seit 1663 der Tagungsort des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch besondere günstige Umstände (verwandtschaftliche Beziehungen zu Frankreich traten bald hinzu: sein Enkel und Thronfolger Karl [1786/1811–1818] heiratete zu Paris am 7./9. April 1806 Stéphanie de Beauharnais [1789–1860], die 17jährige Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte) vergrösserte Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um mehr das Vierfache; die Bevölkerung stieg von ungefähr 175’000 auf fast 1 Million Bewohner. Die pfälzische Kurwürde (das Recht, den Kaiser mitzuwählen) ging auf ihn über; Karl Friedrich wurde damit 1803 vom Markgrafen zum Kurfürsten erhoben. – Wenig später rückte er durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog (Grand Duc) mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf.

Mit dem Übergang der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen [seit 1720] Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommerresidenz Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputationsschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuss des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ Hofrat DE JURE PUBLICO automatisch nunmehr zum \“badischen\“ Hofrat.

Zu Beginn des Jahres 1808 wird Jung-Stilling als Berater des Grossherzogs von Baden in Karlsruhe dann (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst hervorhebt) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt; . siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404 (dort die Anm. 10).

Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. – Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergesslichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27.

Bis anhin ist nicht mit letzter Sicherheit geklärt, wer diese Schrift verfasst hat. Indessen spricht vieles dafür, dass die Autorin Helene Schlatter-Bernet (1764-1832) ist, mit ihr und ihrer Familie war Jung-Stilling befreundet.

Im Vorwort heisst es: \“Euch, ohne Ausnahme Allen, ihr geliebten, bekannten und unbekannten Stillingsfreunden, [so!] die ihr ja auch Christus=Freunde seyd! sind diese Blätter gewidmet. Ihr werdet es nicht lächerlich, nicht unschicklich finden, dass sie so spät erst nach dem Hinscheid [so!] des Unvergesslichen erscheinen, wenn ich euch zum Voraus sage: dass ich, als Weib vorerst Männer ausreden lassen – abwarten wollte mit weiblicher Bescheidenheit, was solche zum Denkmal des Allgeliebten aufstellen würden\“ (Orthographie wie im Original).

Jung-Stilling stand nach seinem frei gewählten Abschied von der Universität Marburg ab 1803 im Dienst des Hauses Baden. – Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Jung-Stilling am Hofe Karl Friedrichs in Karlsruhe, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Bd. 135 (1987), S. 183 ff., Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 219 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32) sowie zum Verhältnis zwischen beiden Persönlichkeiten auch Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

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Karl Friedrich galt in Karlsruhe gleichsam als Halbgott. Als gelegentlich eines Trauer-Gottesdienstes der katholische Stadtpfarrer Dr. Thaddäus Anton Dereser (1757-1827) nicht in den übertriebenen Lobgesang für den Verstorbenen einstimmen wollte, sondern am Rande einer Predigt auch die teilweise rohe und schamlose Ausplünderung der katholischen Einrichtungen unter seiner Herrschaft ansprach, musste er Karlsruhe unverzüglich verlassen.

Siehe zur Person von Dereser kurz die Broschüre von Joseph Gass: Der Exeget Dereser. Eine geschichtliche Studie. Strassburg (Le Roux) 1915 (mit einem Portrait von Dereser) sowie Franz Xaver Münch: Der äußere Lebensgang des Aufklärungstheologen Thaddäus Anton Dereser. Bonn (Dissertation der Katholisch-Theologischen Fakultät) 1929 (auszugsweise im Druck) sowie Bartolomé Xiberta: Artikel \“Dereser, Thaddaeus a Sancto Adamo\“, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 3. Berlin (Duncker & Humblot), S. 605.

Siehe zu den unterdrückenden obrigkeitlichen Massnahmen gegen die katholischen Bürger unter der Regierungsgewalt der badischen Grossherzöge auch –  (Franz Joseph Mone [1796-1871]): Die katholischen Zustände in Baden, 2 Bde. Mit urkundlichen Beilagen. Regensburg (Manz) 1841/1843 sowie –  Carl Bader: Die katholische Kirche im Großherzogthum Baden. Freiburg (Herder) 1860. – Sehr einseitig und unsachlich zur Predigt von Dereser auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 485.

Als Beispiel der bei Hofe zu Karlsruhe genehmen Trauerreden katholischer Geistlicher seien erwähnt –  Bernhard Boll: Trauerrede bey der kirchlichen Todten-Feyer seiner königlichen Hoheit Karl Friedrichs, Großherzogs zu Baden, Herzogs zu Zähringen, gehalten in der Haupt- und Münsterpfarrkirche zu Freyburg den 1. July 1811. Freiburg (Wagner) 1811 (der Zisterzienser und Münsterpfarrer zu Freiburg Bernhard Boll (1756-1836) wurde 1827 erster Erzbischof von Freiburg); –  [Gerhard Anton Holdermann]: Beschreibung der am 30ten Juny und 1ten July 1811 zu Ratsatt Statt gehabten Trauer-Feyerlichkeit nach dem Hintritte unsers (so!) höchstseligen Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Rastatt (Sprinzing) 1811. Holdermann (1772–1843) war katholischer Pfarrer zunächst in Heidelberg und bis 1829 in Rastatt.

Als elektronische Ressource im Rahmen der \“Freiburger historischen Bestände–digitalisiert\“ ist einsehbar –  die in lateinischer Sprache vorgetragene, an Lobpreisungen überladen-theatralische Rede von Johann Kaspar Adam Ruef (1748-1825): JUSTA FUNEBRIA SERENISSIMO DUM VIVERET AC CELSISSIMO PRINCIPI DIVO CAROLO FRIDERICO MAGNO DUCI BADARUM … DIE 22 JULII 1811 IN TEMPLO ACADEMICO PIISSIMA ET GRATISSIMA MENTE PERSOLVENDA INDICIT JOANNES CASPARUS RUEF. Freiburg (Herder) 1811. – Ruef war Professor des katholischen Kirchenrechts an der Universität Freiburg, Oberbibliothekar und (wie Jung-Stilling seit 1806) Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat.

Gleichsam als Übermenschen sehen den Verstorbenen –  Aloys Wilhelm Schreiber: Lebensbeschreibung Karl Friedrichs Großherzog von Baden, 1728–1811. Heidelberg (Engelmann) 1811 (Schreiber [1761–1841]) war seit 1805 Professor für Ästhetik in Heidelberg und ab 1813 bis zu seiner Pensionierung Hofgeschichtsschreiber in Karlsruhe)

Vgl. auch –  Gedächtnißreden bey dem Tode Sr. K. Hoheit des Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Gehalten von den Pfarrern der drey christlichen Confessionen zu Mannheim. Mannheim (Schwan) 1811 (Brochure), in der sich der reformierte, lutherische und katholische Geistliche an Lob auf den verstorbenen Karl Friedrich offenkundig überbieten.

Geradezu bescheiden wirken demgegenüber andere Predigten, wie etwa –  [Christian Emanuel Hauber]: Kurze Abschilderung Sr. Königlichen Hoheit Carl Friedrichs Grosherzogs (so!) von Baden. Karlsruhe (Macklot) 1811 (Brochure); –  Theodor Friedrich Volz: Gedächtnißpredigt auf den Höchstseeligen Großherzog von Baden Karl Friedrich, gehalten den 30. Junius 1811 in der Stadtkirche zu Karlsruhe. Karlsruhe (Müller) 1811 (Brochure). Volz [1759-1813]), in Jena 1778 bereits promoviert, bemüht sich erkennbar um die im Rahmen des Anlasses mögliche Sachlichkeit.

Aufgebläht, schwulstig und völlig kritiklos sind auch viele der zahlreichen Zentariums-Reden auf Karl Friedrich von Baden, wie –  Karl Joseph Beck: Rede bei der akademischen Feier des hundertsten Geburtsfestes des Hochseligen Großherzogs Karl Friedrich zu Baden … Gehalten von dem derzeitigen Prorector der Albert-Ludwigs-Hochschule. Freiburg im Breisgau (Wagner) 1828. Karl Joseph Beck (1794-1838) war Mediziner und Stifter des \“Corps Rhenania\“ in Freiburg.

Überspannt auch –  Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. Bei der Säcularfeier der Geburt des unvergleichlichen Fürsten den 22. November 1828 gesprochen in Mannheim. Mannheim (Schwan & Götz) 1829 (Brochure); Junker hatte sich als Interpret des Philosophen Epiktet sowie als Schriftausleger einen Namen gemacht.

Fast schon als Heiligen stellt den badischen Herrscher dar –  Karl Wilhelm Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn: Gemälde über Karl Friedrich den Markgrafen, Kurfürsten und Großherzog von Baden. Ein Beitrag zur Säkular-Feier der Geburt des unvergeßlichen Fürsten. Mannheim (Schwan und Götz) 1828 (Drais [1761–1851] gilt als der Erfinder des Fahrrads (Laufrads, \“Draisine\“); sein Vater war badischer Oberhofrichter und Karl Friedrich sein Taufpate).

Weithin unkritisch gegenüber den augenfälligen Schattenseiten der Regierung von Karl Friedrich neuerdings auch Annette Borchardt-Wenzel: Karl Friedrich von Baden. Mensch und Legende. Gernsbach (Katz) 2006. – Auch Gerald Maria Landgraf: \“Moderate et prudenter\“. Studien zur aufgeklärten Reformpolitik Karl Friedrichs von Baden (1728–1811) (als Online-Ressource abrufbar) übergeht diese Seite der Herrschaft des badischen Regenten.

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Bei nachtodlichen Erscheinungen von Jung-Stilling wird dieser gewöhnlich mit \“Herr Hofrat\“ (seltener mit \“Herr Geheimrat\“) angesprochen, auch von seinem Engel Siona. – Der Titel \“Hofrat\“ ist gleichsam fester Bestandteil des Namens (ADJUNCTIO NOMINIS), wie etwa \“Apostel Paulus\“, \“Kaiser Karl\“ oder \“Prinz Eugen\“ zu verstehen, und nicht als ehrenvolle Benennung (TITULUS HONORIS).

\“Stilling\“ ist ein individueller Beiname (APPELLATIO PROPRIA) und klingt zu vertraulich. – \“Professor Jung\“ und \“Doktor Jung\“ greift eine Stufe niedriger als \“Hofrat Jung\“; das heisst: der Titel \“Hofrat\“ steht über der Amtsbezeichnung \“Professor\“ oder dem akademischen Grad bzw. volkstümlich der Berufsbezeichnung (= Arzt) \“Doktor\“.

Ein jeder Christ, der in die Seligkeit eingeht, empfängt von GOtt einen neuen Namen, siehe Offenbarung 2, 17 sowie (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Die Siegsgeschichte der christlichen Religion in einer gemeinnüzigen (so!) Erklärung der Offenbarung Johannis. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1799, S. 89. – Der besondere Name, mit dem Jung-Stilling im Jenseits beschenkt wurde, ist Ohephiah (= der GOtt liebt). Siehe [Christian Gottlob Barth:] Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817. – Siehe über die Ankunft von Jung-Stilling in der Seligkeit auch Helena Schlatter-Bernet (?): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergeßlichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 7 ff.

5 Jung-Stilling half seinem Grossvater beim Kohlebrennen; lernte bei seinem Vater das Schneiderhandwerk und zog in diesem Beruf auch als Wandergeselle umher; betätigte sich bei seinem Paten-Onkel als Vermessungs-Gehilfe und war auch als Schulmeister, Hauslehrer und kaufmännisch-technischer Direktions-Assistent beschäftigt, ehe er in Strassburg Medizin studierte.

Wie aus seinen (in einer den arabischen Lautzeichen nachgebildeten Geheimschrift verfassten) Tagebüchern hervorgeht, blieb Jung-Stilling noch bis ins hohe Alter handwerklich tätig. – Siehe hierzu Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992, S. 38 ff. sowie Erich Mertens: Jung-Stilling im Bergischen Land. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 3).

6 Stillings-Freund meint –  Gönner, Förderer, später –  Verehrer und Anhänger (\“Fan\“: dieses heute gebräuchliche Wort vom lateinischen FANATICUS = begeistert, entzückt) oder auch –  nur wohlwollender Leser der Schriften von Jung-Stilling. Der Ausdruck stammt von Jung-Stilling selbst. Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 213, S. 441, S. 513, S. 536, S. 566. – Auf der anderen Seite gibt es aber auch  \“Stillings-Feinde\“, siehe ebendort, S. 316.

7 Siehe zu diesen Erträgnissen und ihrer Berechnung Johann Heinrich Jung-Stilling: Lehrbuch der Finanzwissenschaft. Leipzig (Weidmannische Buchhandlung) 1798, Reprint Wiesbaden (Gabler) 1978, S. 136 ff.

8 Maria Theresia (1717–1780), Erbtochter von Kaiser Karl VI. Sie vermählte sich 1736 mit Franz Stephan von Lothringen, dem sie 16 Kinder gebar. – Siehe zu ihrem Wiedererscheinen in Wien Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde (Anm. 3), S. 137 f.

9 Pfarrer Stollbein = reformierter Pfarrer in Jung-Stillings Kirchengemeinde Hilchenbach in Fürstentum Nassau-Siegen; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 3), S. 781 (Register, Stichwort \“Seelbach, Johann\“) sowie Hermann Müller: Heinrich Jung-Stilling. Ein Wort zu seiner rechten Würdigung. Siegen und Leipzig (Schneider-Verlag) 1947, S. 21.

10 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Antwort durch Wahrheit in Liebe auf die an mich gerichteten Briefe des Herrn Professor Sulzers in Konstanz über Katholicismus und Protestantismus. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1811. – Sulzer hatte ein (in vier Auflagen erschienenes) Buch mit Briefen an Jung-Stilling veröffentlicht, in dem er Stilling aufforderte, zur Katholischen Kirche (der er ja offensichtlich in vielem bereits nahestehe) überzutreten.

11 Zweites Vatikanisches Konzil der Katholischen Kirche. Es tagte 1962 bis 1965 in Rom; und man bemühte sich, Missbräuche und Schlamperei einzudämmen sowie einer theologischen Neubesinnung den Weg zu eben.

12 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Antwort durch Wahrheit in Liebe (Anm. 9), S. 73 f.

13 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Antwort durch Wahrheit in Liebe (Anm. 9), S. 77 ff..

14 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Antwort durch Wahrheit in Liebe (Anm. 9), S, 243.

15 Siehe hierzu Jung-Stilling-Lexikon Religion, hrsg. von Gerhard Merk. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. 92 ff.

16 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Antwort durch Wahrheit in Liebe (Anm. 9), S. 112.

17 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Antwort durch Wahrheit in Liebe (Anm. 9), S. 236 f.

18 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 3), S. 474 sowie Jung-Stilling-Lexikon Religion (Anm. 14), S. 44.

19 Siona = Schutzengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Er zeigte sich diesem zu dessen irdischer Zeit, nahm ihn von dort ins Jenseits mit und schrieb auch für ihn. – Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 9. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999, S. 220 ff. (S. 279: \“Siona hatte mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert\“).

Der Name Siona leitet sich ab von Sion (hebräisch = der von der Sonne bestrahlte Berg; die Hochwarte), –  ursprünglich und im engeren Sinne der Hügel, auf welchem die Burg und Stadt Davids (die königliche Residenz) sowie –  später auch der Tempel mit der Bundeslade stand.

In weiterem Sinne bezeichnet Sion –  das ganze Jerusalem, nämlich die heilige Stätte, von welcher die Kirche und mit ihr das Heil über alle Völker ausgehen sollte. Sion ist daher in der Literatur oftmals Typus (Repräsentant, Sinnbild, Urbild) des Thrones Gottes bzw. der Kirche im Himmel. \“IPSA (ECCLESIA) EST SION SPIRITUALITER: QUOD NOMEN LATINE INTERPRETATUM, ‚SPECULATIO‘ (= eine Warte zum Ausspähen, die Auskundschaftung, die Beschauung) est. ‚SPECULATUR‘ ENIM FUTURI SAECULI MAGNUN BONUM (ihr Sinnen und Trachten, ihre Betrachtung und Erwartung geht nämlich auf das hohe Gut des ewigen Lebens): QUONIAM ILLUC DIRIGITUR EIUS INTENTIO\“ (AURELIUS AUGUSTINUS: DE CIVITATE DEI, LIBER 17, CAPITULUM 16, NUMERUS 2).

Siehe zum Namen Sion auch die weitläufige Erklärung bei –  Philipp Paul Merz: ONOMASTICON BIBLICUM SEU INDEX AC DICTIONARIUM HISTORICO–ETYMOLOCIUM, Bd. 2. Augsburg (Veith) 1738, S. 1161 ff. sowie bei –  Petrus Ravanellus: BIBLIOTHECA SACRA SEU THESAURUS SCRIPTURAE CANONICAE AMPLISSIMUS, Bd. 2. Genf (Chouët) 1650, S. 627 (hier auch einige seltenere übertragene Bedeutungen wie etwa \“ORNAMENTUM TRACTUS\“ oder \“GAUDIUM TOTIUS TERRAE\“ und \“LOCUS PERFECTISSIMAE PULCHRITUDINIS\“). Beide bis heute kaum übertroffene Werke erfuhren viele Nachdrucke und Übersetzungen in mehrere Sprachen.

Jung-Stilling spricht Siona an als –  \“unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit\“ (Szenen aus dem Geisterreich, S. 219), die ihn \“immer ungesehen umschwebt\“ (ebenda, S. 271) –  \“göttliche Freundin\“ (ebenda, S. 223) bzw. \“göttliche Lehrerin\“ (ebenda, S. 228), dankt der –  \“erhabenen Dolmetscherin\“ (ebenda, S. 241), die ihm –  als Engel – oft ungesehen – \“immer liebvoll zur Seite ist\“ (Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg [Raw’sche Buchhandlung] 1818, 1. Gesang, Versabschnitt 3), –  den Gedankengang leitet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 282), aber –  auch vom Jenseits berichtet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 308) und

 Jung-Stilling (der im Chrysäon Selmar heisst) auf einer \“Himmels-Leiter\“ zum Sehen führt (Chrysäon, Prolog, Versabschnitt 2; siehe auch Versabschnitt 8) sowie –  zu seiner verstorbenen Tochter Elisabeth (Lisette, 1786–1802) und zu deren Mutter (Jung-Stillings zweiter Ehefrau Selma von St. George, 1760–1790) geleitet (Chrysäon, 4. Gesang, Versabschnitt 2 ff.), –  ihn aber auch von himmlischen Höhen \“in müdes Weltgewühle\“ zurückbringt (Chrysäon, 3. Gesang, Versabschnitt 87).

Siehe zum Verständnis der Engel im religiösen Denken von Jung-Stilling auch Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XX f., S. 30 ff. sowie Gotthold Untermschloß: Vom Handeln im Diesseits und von Wesen im Jenseits. Johann Heinrich Jung-Stilling gibt Antwort. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, S. 16 ff. — Vgl. zum Grundsätzlichen auch Paola Giovetti: Engel, die unsichtbaren Helfer der Menschen, 8. Aufl. Kreuzlingen, München (Hugendubel) 2003 sowie im Internet die Adresse <http://www.himmelsboten.de>


1. The church’s one foundation
is Jesus Christ her Lord;
she is his new creation
by water and the Word.
From heaven he came and sought her
to be his holy bride;
with his own blood he bought her,
and for her life he died.

2. Elect from every nation,
yet one o’er all the earth;
her charter of salvation,
one Lord, one faith, one birth;
one holy name she blesses,
partakes one holy food,
and to one hope she presses,
with every grace endued.

3. Though with a scornful wonder
we see her sore oppressed,
by schisms rent asunder,
by heresies distressed,
yet saints their watch are keeping;
their cry goes up, \“How long?\“
And soon the night of weeping
shall be the morn of song.

4. Mid toil and tribulation,
and tumult of her war,
she waits the consummation
of peace forevermore;
till, with the vision glorious,
her longing eyes are blest,
and the great church victorious
shall be the church at rest.

Samuel John Stone (1839-1900)



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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