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Vom folgeschweren Auto-Wahn

veröffentlicht am

Protokoll einer nachtodlichen Belehrung durch den hochgelehrten, lebenserfahrenen und bis anhin unvergessenen Herrn

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817),

der Weltweisheit (= Philosophie) und Arzneikunde (= Medizin) Doktor,

seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübertragung ab 1803 Badischer Hofrat und durch Verleihung ab 1808 Grosherzoglich Badischer Geheimer Hofrat,

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften sowie Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Marburg/Lahn; davor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik – einschliesslich der Tiermedizin – an der Universität Heidelberg und vordem seit 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern,


weiland Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld, dortselbst auch Arzt für Allgemeinmedizin, Augenheilkunde, Geburtshilfe und ab 1775 öffentlich bestellter Brunnenarzt sowie Lehrender in Physiologie; der Kurpfälzischen ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Königlichen Sozietät der Wissenschaften in Frankfurt/Oder, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch von 1781 an bis zum Verbot aller Geheimgesellschaften im kurpfälzisch-bayrischen Herrschaftsgebiet durch Erlass aus München vom 22. Juni 1784 der erlauchten
Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied.


Andurch zu zweckmässiger Belehrung, nützlicher Aufklärung und zur Mehrung erspriesslicher Wohlfahrt unter Anwünschung allen wohlgedeihlichen Gelingens öffentlich bekannt gemacht, hernach in Jamben paarig gereimt sowie gemeinen Nutzens zu Gut ins World Wide Web gestellt, alle Leser dabei beständiger gÖttlicher Obhut und getreuen englischen Schutzes innigst empfehlend durch

Freimund Biederwacker

in Salen, Grafschaft Leisenburg*

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Markus-Gilde, Siegen

Leicht veränderte Online-Fassung des gleichnamigen Buches, ISBN 3-928984-16-0; ohne die der Druckausgabe beigegebenen Abbildungen und ohne das Register. — Die gewerbliche Nutzung des Textes gesamthaft oder Teile daraus bedarf der schriftlichen Einwilligung. Copyright–Inhaber ist die löbliche Markus-Gilde, Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland)

mailto: merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de

Contents

Beherzter Aufbruch zur Gebirgstour

Der Himmel färbte leicht sich fahl
Vom ersten lichten Sonnenstrahl;
Da trat heraus ich schon zur Tour
In meiner Hochgebirgs-Montur.
Ich wollte heut, nach langem Trimmen,
Den Felsengipfel nun erklimmen,
Den wolkenwärts dort sieht man liegen,
Und der bloss selten wird bestiegen.

Bergbesteigung gelingt nach Plan


Drei Wochen lang ich kaum noch ruhte:
Erforschte mit Bedacht die Route
Und übte jeden Tag fünf Stunden,
Bis jetzt ich Kraft und Mut gefunden,
Den Aufstieg wacker vorzunehmen,
Selbst wenn auch Klippen auf mich kämen.
Ich hatte häufig im Gebet
Dazu um GOttes Huld gefleht.

Das Klettern war zwar Plackerei,
Doch fühlte ich mich wohl dabei;
Zumal den Zeitplan ich im Schnitt
In keiner Strecke überschritt,
Weil ich bis hin zum letzten Stück
In jedem Abschnitt hatte Glück.
Sehr angenehm war auch das Wetter:
Grad wie geschaffen für Gekletter.

Es waren hundert Meter noch,
Die mühvoll ich nach oben kroch.
Erfolgreich ich erklommen hatte
Jetzt froh erregt die Gipfel-Platte!
Ich dankte GOtt, der mir gab Kraft,
Dass ich das Ziel so gut geschafft.

Schlimme Überraschung auf der Höhe

Laut jauchzend sah ich mich erst um 
Doch ward vor Ärger gleich schon stumm!
Dort seitwärts Zwei am Felsrand sassen,
Die regten auf mich sondermassen:

Gekleidet fein wie aus Journalen,
In hellem Anzug und Sandalen;
Die Sonnenbrillen elegant;
Ganz teure Uhren an der Hand:
Umfasst sehr reichlich mit Rubinen,
Die funkelnd in der Sonne schienen,
Die Ziffern, Zeiger diamanten,
So auch am Armband längs die Kanten.
Ich schätzte allen Edelstein
Im Wert gleich einem Hochhaus ein;
Bedeckt den Kopf mit bunten Mützen,
Die nimmer gegen Wetter schützen,
Als vielmehr nur nach letztem Schrei:
Allein zum Putz, zur Ziererei.

Die Beiden sahen grad so aus,
Als kämen eben sie heraus
Vom Clubhaus oder einer Bar:
Salon-Bergsteiger offenbar,
Vom Helikopter abgesetzt,
Auf dessen Rückkunft wartend jetzt;
Dazwischen essend, trinkend, rauchend,
Natur in Müll und Schmutz eintauchend:
Ein Musterbild an Unvernunft
Und Greuel für die Kletter-Zunft.

Ärger ob der Salon-Bergsteiger wird bezähmt

Ich überwand mich trotz all dessen;
Denn schliesslich wäre es vermessen,
Genuss und Labsal der Natur
Nach eigner Art zu dulden nur.

Wenn heut es leider ist erlaubt,
Zu fahren auf ein Bergeshaupt
Bequem im Helikopter schon,
Mit Flugzeug und Motor-Ballon,
Dann sollte man nicht Leute schelten,
Die diese Dienste sich bestellten,
Als vielmehr jene, die gestatten,
Dass solches rechtlich geht vonstatten.
Drum ging ich näher jetzt heran,
Dass Beide ich begrüssen kann.

Freudige Überraschung angesichts der Beiden

Ich merke gleich beim Vorwärtsschreiten,
Dass diese süssen Duft verbreiten:
Als wären tonnenweise Nelken
Gerade eben am Verwelken.
Verwundert darob, leicht verwirrt,
Erkenne ich, dass sie umgirrt
Dazu auch noch ein Lichtes-Strahl.
Die Leuchtkraft scheint mir anormal,
Weil diese zeigt sich matt und bleich,
Jedoch in Farben schillernd weich.

Mir ist mit einem Male klar,
Dass wohl vom Jenseits dieses Paar!
Sie drehen sich zu mir nun hin,
So dass ich in den Blick gewinn
Auch deutlich jetzt ihr Angesicht,
Umstrahlt von diesem zarten Licht.

Kein Zweifel, wer die Beiden sind,
Wohl duftend und im Lichtkranz lind:
Es zeigen lächelnd mir sich da
Jung-Stilling1 und Geist Siona!2

Gespräch mit Jung-Stilling und seinem Begleit-Engel Siona wird bezielt und leitet sich ein

Mein Schock und Ärger stracks verwich:
Ich fühlte froh erleichtert mich;
Denn Beide sind mir oft erschienen,
Und ich verdanke vieles ihnen
An Hilfe für mehr Welt-Verständnis
Sowie vom Reiche GOttes Kenntnis.
So schritt gleich auf die Zwei ich zu:
Mein Sinn stand auf ein Interview.

\“Herr Hofrat3 Jung! Herr Siona!\“,
Sprach ich, als nun ich ihnen nah,
\“Ich dachte schon, mit Motor-Kraft
Den Aufstieg hätten sich verschafft
Zwei Wichtigtuer mit viel Geld,
Was mir als Hochtourist missfällt.\“

Jung-Stilling bereitfertig zur Belehrung über die Auto-Nutzung

\“Geschätzter Stillings-Freund4 stimmt ein:
`Gelobt sei GOtt der HErr allein,
Der jeden Menschen herzlich liebt,
Ihn treu mit SEiner Huld umgibt,
Weil er dem Sohne JEsu CHrist
Ja Bruder oder Schwester ist,
Und mit IHm durch den HEilgen GEist
Auf ewig, endlos bleibt verschweisst´\“,
Sprach vorab Engel Siona
Und wies dann auf Ohephiah5,
Der jetzt die Rede an sich nahm
Mit seiner Stimme wonnesam.6

\“Herr Freimund: ihr habt wenig Grund,
Zu öffnen zürnend euren Mund
Ob jener, die zum Gipfel fliegen,
Statt dass zu Fuss sie ihn bestiegen.
Seid doch ein Motor-Fan auch ihr!
Fuhrt nicht im Auto ihr nach hier?\“ —

\“Herr Hofrat Jung! Ein Auto heute
Besitzen doch schier alle Leute.
Was ist denn da so schlimm daran?
Viel Schlechtes ich kaum sehen kann.
Doch lasse gern ich mich belehren!
Vielleicht, dass sie mir dies erklären?\“ —

\“Nun gut: es sei! Ich lasse ranken
Zum Auto einige Gedanken;
Doch ohne dass die Problematik
Umrissen wird mit Systematik.

Lasst mich, um euren Blick zu schärfen,
Ein nur ganz grobes Bild entwerfen:
Wohl eher bloss ein Mosaik,
In dem ich völlig frei verquick
Verschiedene Befindlichkeiten,
Die Einsicht mögen euch bereiten.

Der Grundtrieb jeder Person ist auf das vorbestimmte Endziel gerichtet

In jedem Menschen liegt das Streben,
Sich auf die Reise zu begeben.
Denn unterwegs ein jeder ist:
Die dunkle Strecke er durchmisst
Von der Geburt zum Tode hin:
Das ist des Lebens tiefster Sinn!

Das Sterben ist der Schluss im Leben,
Dem alle zwanghaft hingegeben;
Denn ohne dieses Lebens Ende
Den Weg zum Jenseits keiner fände.
Das Weizenkorn muss in die Erde,
Damit das Leben neu ihm werde:
So lehrt der HErr im Gleichnis dies,
Als ER die Jünger unterwies.7

Das Unterwegssein des Menschen wird durch die wahnsüchtige Herumfahrerei verdreht

Der Grundtrieb wird nun pervertiert,
Wenn fortgesetzt man danach giert,
Ein neues Ziel rasch zu erreichen;
Um dort gleich wieder zu entweichen,
Zu nähern eilends sich sofort
Im Auto schon dem nächsten Ort;

An dem man freilich auch nicht bleibt,
Weil harsch der Wahnwitz dazu treibt,
Erneut zu gehen an den Start:
Der nächste Punkt ja allschon harrt;

An dem man gleichfalls nicht verweilt:
Auch er wird schleunigst nur durcheilt.
Verewigt wird der Leer=Lauf so:
Das Endziel ganz dem Blick entfloh.

Flüchtige Zwischenziele lassen die menschliche Endbestimmung vergessen

Der Eindruck jeweils bleibt bloss flüchtig;
Erwartung, Neugier machen süchtig
Stets schneller `Neues´ rasch zu sehen;
In Wahrheit doch vorbei zu gehen:
Denn echte Nähe bleibt versagt,
Wenn stets man ruhlos auf der Jagd.

Zur Eile nämlich und zur Hast
Es nimmer, nirgends jemals passt,
Dass kommt man einer Sache nah:
Dass sich ihr Sosein bietet da.

Die Washeit8 öffnet sich dem Sinn
Nur wenn man wendet sich ihr hin
In Ruhe, in Be=Schaulichkeit:
Wenn Sammlung, Musse, Rast gedeiht.

Wer mit dem Auto hält kurz an,
Damit er das erfassen kann,
Was er zum Ziel sich grad gesetzt,
Verharrt im Husch-Husch, bleibt gehetzt
Und meint nun, dass dies besser werde,
Wenn er zum nächsten Ort sich kehrte.

So steht die Oberflächlichkeit
Mit jenem Ziel in Widerstreit,
Auf das der Mensch als Kreatur
Ist ausgerichtet von Natur:
Vereint mit GOtt in Glück zu werden
Womöglich allbereits auf Erden,
Zumindest aber nach der Zeit
Im Jenseits, in der Herrlichkeit.

Wie quält mich Kummer doch und Weh,
Wenn ich die Gnade GOttes seh
Zurückgewiesen durch die Leute,
Die wandeln auf der Erde heute!

Ihr Endziel tun sie rasch verkennen:
Besessen drum durch die Weiten rennen,
Wenn sie vom IHm sich abgewendet
Und nun von Tand und Trug geblendet.
Dazu ist meist ja auch zersplissen
Der Sinn fürs Rechte: das Gewissen;
Denn fern von GOtt wird kaum erkannt
Der Dinge Ordnung im Verstand.

Widersinnige Zielfixierung lässt Chancen des Weges entschwinden und geht am Ziel vorbei

Man sucht beinebens bloss das Ziel:
Der Weg darüber ganz entfiel.
Rasch werden Meilen abgefahren:
Dazwischen kann man nichts gewahren.
Die Blume an dem Strassenrand
Kommt nicht zur Sicht, bleibt unbekannt.

Auch Häuser, Weiler, Dörfer sind
Bloss Dinge, die man pfeilgeschwind
Durchfährt, lässt schleunigst hinter sich:
Sie sind dem Ziel nur hinderlich.

Die Menschen sind schon so ver=dreht,
Dass ihrer Einsicht ganz entgeht
Der beispiellose Irr=Sinn, Wahn,
Der hier bereits ist kundgetan.

Denn wem der Weg zu einem Ziel
Dünkt nebensächlich, scheint zuviel,
Den überkommt stetsfort am Schluss
Von selbst dann Dumpfheit, Überdruss,
Woraus er töricht glaubt zu fliehen
Durch Fort=Bewegen, Weiter=Ziehen.
So wirft man – kaum am Ziele dann –
Den Motor auch schon wieder an.

Widersprüchliche Forderungen an die Allgemeinheit

Damit dies stets auch gut gelingt,
Vom Staat man ungestüm erzwingt,
Beständig Wälder abzuhauen,
Um noch mehr Strassen neu zu bauen.

Das Schienen-Netz im deutschen Land
Gut einmal ganz die Welt umspannt,
Indes das Strassen-Netz total
Umgreift die Erde fünfzehnmal!

Ihr seht, Herr Freimund, daraus schon
Die ganz verdrehte Relation,
Die zwischen Kollektiv-Verkehr
Und Autofahrn gestellt ist her.

Beinebens sind dieselben Leute,
Die fordern noch mehr Strassen heute,
Auch jene, die es heftig schiert,
Wenn die Natur wird betoniert.

Von weither kommen sie gefahren;
Sie sammeln sich in grossen Scharen,
Um lauthals sich zu engagieren:
Vor aller Welt zu demonstrieren.

Dass sie durch ihre Zwängerei
(Durch ihr Begehren, dass sie frei
In jeden Winkel mit dem Wagen
Vermöchten ohne Halt zu jagen;
Dass man begegnet jedem Stau
Gleich durch vermehrten Strassenbau)
Just jene sind, die diesen Wahn
Ja selber brachten auf die Bahn,
Scheint denen wohl kein Widerspruch:
In ihrem Denken liegt ein Bruch.

Sie fahren wohlgemut davon
Nach Ende der Demonstration,
Und rasen toll nun stundenweit
Nach Haus in Höchstgeschwindigkeit.

Es zählt zu dem Geheimnisvollen,
Dass Menschen heut leicht viele Rollen,
Die in sich häufig ganz konträr,
Verfolgen leichthin nebenher.
Sie sehen nicht den Gegensatz,
Der offenkundig hier greift Platz.

Das gab es nicht zu meiner Zeit,
Geprägt sonst stark von Albernheit,
Dafern das Land sehr hart bedrückten
Ja ganze Heere von Verrückten,
Die folgten blindlings überreich
Den Phrasen aus dem Frankenreich.
Lest mehr davon in meinen Schriften:
Sie können jetzt noch Nutzen stiften.9

Auto als Burg und Waffe im Kampf wider die anderen Menschen

Gleich einem Bollwerk, wie ein Fort
Dem Fahrer kommt sein Auto vor.
Vor bösem Wetter hat es Schutz;
Den andren Menschen zeigt es Trutz:
Hier fahre ich! Komm du mir ja
An meine Festung nicht zu nah!

Blick meinen Wagen achtsam an,
Begreif, wie er dir schaden kann:
Wie er durch seines Motors Kraft
Im Nu dir Leid und Kummer schafft.

Sieh seine Räder, sein Gestänge,
Womit brutal ich dich bedränge;
Kämst du mir jemals in die Quere:
Dies peinvoll, tödlich für dich wäre!

Betrachte auch das Farbenkleid
Als Ausdruck, wie ich kampfbereit.
Des Autos glitzerndes Metall
Soll warnen dich vor meinem Wall;
Und seiner Vorderlampen Licht
Tut kund: komm nicht heran zu dicht!

Der du zu Fuss gehst, Velo fährst:
Dir muss ich ja nicht sagen erst,
Dass mir die Strasse nur gehört:
Bleib weg! Du wirst sonst schnell zerstört.

Verkneife dir auch das Begehren,
Den Fahrweg bloss zu überqueren.
Zieh stets die Einsicht in Betracht:
Dem Auto ist die Über=Macht!

Behaglichkeit im Inneren des Autos täuscht Schutz und Hut vor

Die Burg ist zart-weich ausgekleidet:
Es wird so das Gefühl verbreitet
Von Schutz und von Geborgenheit,
Von Obhut und Geruhsamkeit:
Man fühlt bedient sich und umhegt,
Entspannt, behütet und gepflegt,
Behaglich, sicher, sorgenfrei,
Misst Schirm und Schild dem Auto bei;
Wie eine Burg das Auto scheint:
Ein Schutz-Ort, wie so mancher meint.

Kommt diese Burg nunmehr in Fahrt,
So ist ihr Schaukeln von der Art
Wie eine Gautsche, eine Wiege,
In der man gleich dem Säugling liege.

Die Burg ist voll klimatisiert:
Das Wetter kaum den Fahrer schiert;
Die Scheiben ringsum sind getönt,
Der Sonnenstrahl dadurch verpönt.

Hier wird ganz deutlich offenbar:
Das Auto sucht zu bieten dar
Geschützten, sichren Aufenthalt.
Der Feind ist die Naturgewalt
Sowie der Mitmensch, wider den
Man auf der Lauer hat zu stehn.

Hohe Aufwendungen für die fahrende Trutzburg

Doch solche Sicherung ist teuer!
Wie um die Burg das Stein-Gemäuer,
Steht hier als Hürde, Ab=Wehr, Wall
Ein Festungs-Gürtel aus Metall,
Der auf vier Rädern rollt daher
Mit hohem Energie-Verzehr.

Denn diese Masse zu bewegen,
Dass über Strassen sie mag fegen,
Braucht ungeheuer viel an Kraft.
Was ist die Hinterlassenschaft?
Nur Russ, Dreck, Auspuff, Lärm, Gestank,
Die machen Mensch und Umwelt krank!

Verkannte passive und aktive Belastung sonderheitlich auch der Auto-Insassen

Kaum wird gezogen in Betracht,
Weil man verhehlt es mit Bedacht:
Belastet wird im Auto mehr
(Ums Doppelte gar ungefähr!)
Mit Schadstoff jeweils der Insasse,
Als wer zu Fuss geht durch die Gasse
Und atmet ein hier mit der Luft,
Was aus den Autos schlimm verpufft
An Abgas-Schwaden und an Gift,
Das voll auf die Passanten trifft.

Ihr argwöhnt, ob denn dies so sei?
Dann lest im Schrifttum, das gibt frei
Den Forschungsstand zum Thema wieder:
Es drückt rasch eure Zweifel nieder!

Wer baut am Steuer darob ab,
Fühlt matt sich, abgespannt und schlapp,
Der greift zumeist zur Zigarette,
Damit er so Be=Lebung hätte.

Schenkt Tobak uns doch die Natur:
In ihm der Sonne Kraft erfuhr
Ein Depot, Lager, das im Nu
Führt Lebensmark der Lunge zu
Und regt den Kreislauf wieder an,
So dass man munter sausen kann.

Abnehmende Obachtsamkeit auf den Verkehrsfluss

Wird schläfrig man des Schadstoffs wegen,
So gilt als Mittel auch dagegen
Musik der überlauten Töne,
Die schwingt in tosendem Gedröhne.
Sie bürgt, dass man bleibt ungestört
Und nicht die Hupsignale hört,
Die andre senden warnend zu:
Man hat vor solchen Fahrern Ruh!

Ihr wähnt, dies sei Karikatur?
Dann stellt euch zehn Minuten nur
Zur Probe an den Strassenrand
In unsrem lieben Vaterland.
Zählt nach, wer dort im Auto raucht,
Wer in Musiklärm eingetaucht!

Ihr werdet dabei fürders sehn,
Dass gut von Hundert derer zehn
Auch essen, trinken, sich rasieren,
Gar durch die Welt telephonieren.
Ihr Auto steuern sie leger
Mit linker Hand durch den Verkehr.

So gibt sich kund, dass man von heute:
Dass man nicht dumm die Zeit vergeude
Wie der, der sich auf eins beschränkt:
Nichts macht, als nur sein Auto lenkt.

Das tun bloss scheue, bange Köpfe
Sowie beengte, flaue Tröpfe,
Die den modernen Lebens-Stil,
Der fordert: `locker und agil´,
Noch immer haben nicht verstanden:
Die sich nicht in die Jetztzeit fanden.

Auch hier, Herr Freimund, frage ich:
Ist dies ein Zerrbild lächerlich?
Satire bloss und Parodie,
Entsprungen meiner Phantasie?
Oh nein: es sind die Autofahrer
Auf Strassen täglich wahrnehmbarer,
Die derart denken, so sich geben,
Wie ich umschrieben es soeben.

Untunliche Vergeudung von Energie

Lasst mich noch einmal gehen ein
Aufs mangelnde Vorhandensein
Des Fühlens um die Kraftverschwendung
In jetziger Verkehrsverwendung.

Zwar wird dies Thema diskutiert.
Die Mehrheit aber es nicht schiert,
Dass jetzt fossile10 Energie,
Die seit dem Kambrium11 gedieh,
Zur Hälfte wird verplempert schon
Von dieser Generation.
Verärgert winkt man dazu ab:
`Wird Energie in Zukunft knapp,
Dann zapft man halt die Sonne an´,
Ich dazu jeweils hören kann.

Umweltverträgliche Antriebsarten werden bis anher sträflich vernachlässigt

Doch wie man technisch es auch schafft,
Zu nutzen recht der Sonne Kraft,
Ist denen meistens ganz egal.
Was ihnen wichtig allemal
Ist nur, dass Autos schneller rasen,
Und man baut stetsfort neue Strassen,
Die es erlauben, so zu flitzen,
Dass nutzt man viel des Motors Spitzen.

Weil nun in einer Marktwirtschaft
Wird hergestellt und angeschafft
Im Grundsatz nur, was Käufer wollen:
Was ihrem Kauf-Entscheid entquollen,
Besteht bis heute andrerseits
Am Markt nicht der geringste Reiz,
Der Autobauer würde zwingen,
Ganz andre Wagen auszubringen.

Die Konstrukteure haben acht,
Wie man die Autos schneller macht
Und so mit Schnick-Schnack takelt auf,
Dass ihr Modell kommt mehr zum Kauf.
Erfolgsmasstab ist dies allein:
Nur so kommt viel Gewinn herein!

Bass hochgezüchtet die Motoren,
Die Technik darauf eingeschworen,
Dass viel `passive Sicherheit´
Dem Fahrer richtig Lust verleiht
Zu fahren rücksichts=los damit
Egal, was kostet dies an Sprit:
Das ist das Ziel der Autobauer:
Man hält sich so am Markt auf Dauer.

Ihr wisst, wie jenen man verlacht,
Der dem entgegen Autos macht,
Die nicht so schnell, die nur drei Gänge,
Die ohne Aufputz und Gepränge
Elektrisch fahrn, mit Sonnenkraft:
Sie gelten spinnert, tölpelhaft.

Sein Image jener drum riskiert,
Der solche Wagen produziert;
Weswegen auch die Grossen nicht
Verlieren möchten ihr Gesicht
Und mit Bedacht es unterlassen,
Den Bau ins Auge nur zu fassen.

Das schliesst nicht aus, dass man auf Messen,
Bei Jubiläen und Kongressen
Voll Stolz auch ein Modell stellt vor,
Das umweltfreundlich ragt empor.

Politische Rahmensetzung für Autos mit anderem Antrieb sind kaum durchsetzbar

Als Ökonom ist mir bekannt,
Dass es der Staat hat in der Hand
Mit Anordnungen und Gesetzen
Den Rahmen dessen festzusetzen,
Was noch erlaubt zu produzieren:
Er kann den Markt so dirigieren.
Das Ordnungsrecht zu meiner Zeit
War darin schon entwickelt weit;
Lest nach, was dazu ich in Reden
Einst habe öffentlich vertreten.12

Doch ist in der Demokratie
Es schwer nur möglich (oft gar: nie!),
Das durchzusetzen, was doch allen
Wirkt letzt zu Nutz und zu Gefallen.

`Für freie Bürger freie Fahrt!´
Als Schlacht=Ruf, Slogan wirkt derart,
Dass selbst bei mildem Vorschlag nur
Man wittert Hang zur Diktatur:
Ein Heer von feilen Schreibern unkt,
Macht diese Furcht zum Mittelpunkt.

Und weil die Auto-Branche grade
Vergibt einträglich Inserate,
Macht jede Zeitung, jeder Sender
Durch ganz Europa, alle Länder
Den Slogan von der `freien Fahrt´
Geflissentlich zur Redens-Art.

Zunehmende `Sicherheit´ erhöht in gleichem Masse auch die Gefahren

Das Auto soll stets sichrer werden,
Den Fahrer weniger gefährden:
Das ist ein wesentliches Ziel,
Und scheinbar tut man dafür viel.
Nur wird das Bollwerk regulär
So grösser, massiger und schwer.

Doch achtet, dass die Sicherheit
Steht prinzipiell im Widerstreit
Mit dem, was Schutz und Wall soll stiften:
Hier Ziele auseinander driften!
Dazu bei Unfall der Insasse
Wird durch die rasch bewegte Masse
Gequetscht, geklemmt, gepresst in Stahl:
Denn Fliehkraft wirkt zentripetal.13

Man steigert sich von Jahr zu Jahr,
Dass bietet sich das Auto dar
Gefahrlos, bombenfest, stabil;
Dass sich der Fahrer drin gefiel
Geborgen wie im Mutterschoss.
In Wirklichkeit wächst zweifellos
Die Aussicht, Unfall zu erleiden,
Gar auf der Strasse zu verscheiden.

Im Auto in ihr Sterben brausend,
Tun hierzulande gut Zehntausend
In einem Jahr; hinzu noch kommen
Zehnmal so viel, die dem entkommen,
Doch nun im Rollstuhl kläglich kleben
Von Tag zu Tag, ihr ganzes Leben!

Wo steht denn mehr in Widerstreit
Verheissung mit der Wirklichkeit?
Wo schränkt die Sicherung mehr ein
Das effektive Sichersein?
Und wo wird solches mehr verschwiegen?
Wo wird denn derart dreist-verstiegen
Die volle Wahrheit unterdrückt,
Dies rosarot zurechtgerückt?

So offenkundig je gedieh
Gar nirgends wohl Demagogie:
Noch nicht einmal in Diktaturen,
Die ja nicht scheu damit verfuhren!

Körperliche und geistige Rückbildung Preis der automobilen Annehmlichkeit

Komfort, Genuss und Schnelligkeit:
Bewegung in Behaglichkeit
Verspricht das Auto seinem Fahrer.
Jedoch wird täglich wahrnehmbarer,
Dass seine Muskeln nehmen ab:
Er kraftlos wird, phlegmatisch, schlapp.

Denn wer die Beine kaum noch nutzt,
Wer schlechtem Wetter nicht mehr trutzt,
Den Schweiss ob steilen Wegs nicht kennt,
Zuweilen nicht in Eile rennt,
Auch Bürden, Lasten nimmer trägt,
Nie seinem Herzen auferlegt,
Dass bis zum Halse laut es pocht,
Und in der Lunge schier es kocht:
Der wird im Körper sehr bald schwach,
Der Kopf folgt nach dann allgemach!

Ein Lehrsatz ist, dass sich zumeist
Bald bildet auch zurück der Geist,
Wenn man den Leib von Müh befreit
Und aalt sich in Bequemlichkeit.
Als Arzt noch auf der Erdenbahn,14
Hat dies sich klar mir kundgetan
Bei manchem meiner Patienten:
Oft konnte ich den Trend noch wenden.

Seht heut die Autofahrer an!
Sagt mir, mein Stillings-Freund, sodann,
Ob ich denn habe übertrieben?
Meist ist es so, wie ich beschrieben!
Wie viele können kaum mehr laufen:
Sie müssen wie ein Dampfross schnaufen,
Wenn nur zehn Stufen sind zu gehen:
Oft bleiben sie auf jeder stehen.

Und was tut sie zumeist bedrücken?
Dass — ach! — so morsch sind Kreuz und Rücken,
Der Kreislauf schwach, der Puls zu lahm,
Der Magen schlapp und träg der Darm,
Der Fuss zum Gehen ausser Stand,
Gewölbt der Nacken und verspannt.

Mit Klagen und mit Jammerei
Sind Autofahrer schnell dabei.
Sie schlucken Pillen haufenweise,
Doch bleiben auf dem falschen Gleise:
Bewegung, Gehen, Velofahren,
Versuchen sie sich zu ersparen.

Merkmale sozialer Vereinsamung spiegeln sich im Auto offensichtlich wider

Entfernt vom andren, der als Feind
Der eignen Auto-Burg erscheint,
Ver=kapselt, völlig ab=geschlossen
Fährt ganz allein man in Karossen;
Im besten Falle mit `Insassen´,
Die man zu sich hat eingelassen.
Spürt nach, Herr Freimund, nur zum Sport
Dem tiefren Sinn von diesem Wort!15

Das Auto drückt aus Isolierung,
Sozialer Wesensart Negierung:
Getrennt=Sein, Scheidung von Personen,
Die mit auf dieser Erde wohnen.

Es zeigt verstärkend, allzeit neu
Ver=Lassenheit und Menschen=Scheu,
Ent=Fremdung, Welt-Angst zweifelsfrei;
Verschärft die Eigenbrötelei;
Schafft Un=Lust, Kummer, Einsamkeit:
Allein=Sein, Hoffnungslosigkeit.

Ich will bloss kurz daran erinnern,
Dass solcher Trennung tief im Innern
Vorausging jene Sicht der Welt,
Wo jeder ganz auf sich gestellt:
Als Mensch, der allerwärts vollendet
Und dem es schadet, den es schändet,
Wenn er mit andren sich verbindet,
Damit er Glück und Wohlsein findet:

So lehrte es die Weltweisheit
Im Aufkläricht zu meiner Zeit;
Als Egoismus ward dies heute
Zum Leitbild für `moderne´ Leute.

Wenn derart Durchblick in den Sinn
Für das Soziale schwindet hin,
Von selbst folgt Aus=Geschlossenheit:
Macht Lebensfurcht und Angst sich breit.

Wollt recht und klar durchblicken ihr
Bedeutung der Gesellschaft hier,
So lest dazu in jenem Werk,
Das schrieb mein Stillings-Freund G. Merk.16
Mit wenig Mühe ihr dann seht,
Dass Individualität
Zwar jedem Menschen geht vorher,
Jedoch im gleichen Masse er
Gerichtet auf Gesellschaft ist:
In ihr Entfaltung erst durchmisst.

Denkt, Freimund, an die Sprache bloss!
Der Einzelne blieb ausdruckslos,
Im Geist verkümmert, stumm und blöde,
Wenn die Gesellschaft ihm nicht böte
Gelegenheit zu sprechen, schreiben:
So seine Bildung zu betreiben.

Humane Werte lassen sich
Verwirklichen nur ordentlich,
Ja: diese haben dann erst Sinn,
Wenn findet man zum Nächsten hin.

Wem immer bisher man entzog
Die Möglichkeit zum Dialog,
Der bildete sich bald zurück,
Und es zerrann sein Erdenglück.

Auto bestimmt jetzig wesentlich den Lebenssinn und die Daseinsfreude

Der Autofahrer kann dem Wagen
Nicht einmal einen Tag entsagen:
Sonst steigt in ihm empor die Öde,
Er spürt auf einmal, wie er blöde,
Weil noch im Geist, noch körperlich
Vermag er zu bewegen sich.

Dynamik hat er nur als Fahrer;
Ihm ist darob nichts untragbarer,
Als los vom Auto jetzt zu sein:
Er glaubt verlassen sich, allein;
Ihm dünkt dahin der Sinn des Lebens,
Er fühlt sich auf der Welt vergebens.
Bekümmernis macht so sich breit,
Verzagtheit, Angst, Beklommenheit,
Weswegen auch dem Körper dann
Leicht haftet eine Krankheit an.

Auch hierin tut sich deutlich da,
Wie eine Rück=Bildung geschah!
Nicht nur Soziales sich verlor:
Auch der Gestaltungstrieb erfror.

Das Auto spaltet auf, entzweit
Die menschliche Persönlichkeit
Und reisst sie bei Entzug des Wagens
In einen Zustand bangen Zagens:
In Kleinmut, Alp, in Düsterheit
Und körperliche Kränklichkeit.

Jeder Mensch strebt nach Glückseligkeit, letztlich nach GOtt

Fürwahr ist jedes Menschen Ziel,
Dass ihn Glückseligkeit umspiel.
Ein jeder spürt stets diesen Trieb,
Der angelegt ihm im Prinzip:
Sich ganz am Hochgefühl zu laben,
Auf Dauer, ewig Glück zu haben.

Die Philosophen, sonst zum Streit
Ob jeden Satzes flugs bereit,
Erstaunlich stimmen überein,
Dass alle wollen glücklich sein.

Das Glück — auch die `Glückseligkeit´ –
Ein Zustand ist, wo macht sich breit
Befriedigung, die ganz vollkommen:
Ein Hochgenuss zu unsren Frommen,
Bei dem kein Wunsch mehr offen steht:
In den Begehrkreis nichts gerät.
Dies Glück dem Menschen unbedingt
Das Wahre, Schöne, Gute bringt.

Ich nenne wahr, was dauerhaft
Beim Menschen Wohl und Nutzen schafft:
Was völlig seinem Zweck entspricht
Aus Diesseits- wie aus Himmels-Sicht.

Das Gute macht vollkommen mehr
Der Seele Kräfte und mither
Die körperlichen Fähigkeiten,
Die beide sich in Tugend weiten.

Was so dem Menschen Heil bereitet,
Dass Freude stetsfort ihn begleitet,
Veredelnd dadurch ihn zu Höhn,
Das heiss ich mit den Alten schön.

Des Wahren, Schönen, Guten Quell
Ist GOtt der Schöpfer prinzipiell.
Wenn dicht ein Mensch daher umhüllt
Vom Schönen, Guten und erfüllt
Von deren Frucht und Wirksamkeit,
So ist er auch von GOtt nicht weit.
Lest, Freimund, was ich schrieb davon
Im Lexikon zur Religion.17

Gleichsetzung mit dem Auto trägt zur Glückseligkeit nu und nimmermehr bei

Das Auto ist wohl kaum ein Gut,
Das echtes Glück dem Menschen tut!
Um nicht zu sehr hier abzuschweifen,
Lasst kurz mich bloss das Eine streifen,
Aus dem man ziemlich klar ersieht,
Wie Wirrsal hier und Wahn geschieht:
Der Fahrer spürt des Motors Kraft
Als Leistung, die er selber schafft!

Das Auto ist mit der Person
Verwachsen tief im Innern schon:
Es scheint des eignen Körpers Stärke,
Die vorwärts-drängend ist am Werke
Und Ansehn, Grösse wähnen lässt:
Man dünkt sich höher als der Rest —
Wiewohl man doch einschwacher Wicht,
Dem nächstens schon das Auge bricht,
Und dessen Leben bald verloht:
Der sicher hinstrebt auf den Tod.

Just davon will man gar nichts hören!
Es täte ja die Fahrlust stören,
Begänne man auch noch zu sinnen,
Dass autolos man muss von hinnen.

Nie war die Wahrheit, dass bestimmt
Das Leben bald ein Ende nimmt
Für jeden, der auf dieser Welt
So hartnäckig abseits gestellt:
Verdrängt so fest, wie grade dort,
Wo Auto-Wahnsinn pflanzt sich fort:
Und dieser macht sich wuchernd breit –
Wie schon gesagt – zu dieser Zeit!

Hingabe an das Auto offenbart ohnzweifelhaft hochgradigen Fetischismus

Beachtet, wie das Auto wird
Geputzt, gestriegelt, aufgeschirrt,
Bemalt, gewachst, zurechtgemacht,
In Schaugepränge, Glanz gebracht,
Verschönt, bordürt, geölt, lackiert,
Mit Hingebung herausstaffiert;
Liebkost, geherzt, umgirrt, gehätschelt,
Gekrault, gestreichelt und betätschelt,
Und wie zu der Geschäftigkeit
Vertan wird gOttgeschenkte Zeit
(Für die am Ende Rechenschaft
Zu geben ist gewissenhaft):
Ich glaube, dass ihr dann erseht,
Wie die Beziehung hier verdreht!

Geht, Freimund, samstags übers Land!
Ihr habt in kurzem dann erkannt,
Dass ich in dem, was ich beschreibe,
Mitnichten irgend übertreibe!

Von morgens früh bis abends zehn
Seht ihr sie bei den Autos stehn.
Dort basteln, werkeln sie herum
Und bücken sich den Rücken krumm.
Kein Mittel bleibt da ungenutzt,
Durch das ihr Wagen aufgeputzt:
Mit Öl, mit Firnis, mit Glasur,
Mit Lack, mit Wachs, mit Politur
Verschönern zäh sie ihr Gefährt
Mit Eifer, der bewundernswert,

Wenn eingesetzt er würde so
In der Gesellschaft anderswo:
An Stellen, da Gefahr, da Not
Und Hilfe steht nicht zu Gebot.

Ich sprach doch wohl mit Richtigkeit
Von Spaltung der Persönlichkeit
Und wie man dadurch weit zurück
Doch bleibt vom wahren, echten Glück,
Das vorher definiert ich habe
Als Seinserfüllung: GOtt-Teilhabe.

Unabhängigkeit durch das Auto?

`Das Auto macht uns unabhängig´:
Ihr kennt den Lockvers, der ja gängig
In jeder Auto-Werbung heute.
Gestattet, dass ich knapp ihn deute.

Die Wirklichkeit sieht anders aus!
Weil jeder fährt just frei heraus
Und dabei jeder denkt an sich,
Wird jeder jedem hinderlich.
Behinderung wird gegenseitig:
Der eine macht dem andern streitig
Zu tun, was jener will gerade:
Baut vor ihn eine Barrikade.
Es grenzt an Irrsinn, Narrigkeit,
Nennt dies man `Unabhängigkeit´.

`Freie Bahn´ für das Auto belastet die Volkswirtschaft vielfältig

Der `freie´ Weg in sich zerfällt,
Wenn klar man sich vor Augen stellt,
Dass auch das Auto dort nur fährt,
Wo man zuvor ihm Weg gewährt:
Auf Strassen, Plätzen, Autobahnen:
Man kann nicht `frei´ die Route planen!

Für Aushub, Steinbett und Asphalt,
Reparatur und Unterhalt,
Für Aufsicht durch die Polizei
Sowie die Strassenmeisterei
Zahlt jeder Steuerzahler Geld —
Auch wenn er sich kein Auto hält.

So wird das Wohlfahrts-Maximum
Als wichtiges Kriterium
Und Ziel für jede Volkswirtschaft
Verfehlt, verzögert dauerhaft,
Weil man die Produktionsfaktoren
Hat nicht für Güter auserkoren,
Die Wahres, Schönes, Gutes bringen:
Die Menschen letzt mit Glück umringen.

Setzt ein man an Faktoren mehr
Für Individual-Verkehr,
Als dies geschieht für solche Waren,
Durch welche alle Wohl erfahren
(Ich spreche hier konkret von Dingen,
Die jedem Menschen Vorteil bringen),
Dann geht bachab es mit dem Land:
Das sieht vorher schon der Verstand,
Auch ohne dass man sich bezieh
Auf Sätze der Ökonomie.

So ist es aber hier und jetzt!
Ein Fünftel gut wird eingesetzt
An Produktionsfaktoren schon
Fürerst zur Auto-Produktion,
Alsdann insonders zu dem Zweck,
Dass Unfall-Opfer schafft man weg,
Um sie zu hospitalisieren,
Für teures Geld zu operieren

Sie drauf zu pflegen im Spital
Durch hoch bezahltes Personal,
Um in der Reha-Klinik endlich –
Mit hohem Aufwand selbstverständlich –
Bereiten sie fürs neue Leben:
Als Krüppel ständig hingegeben
Dem Rollstuhl und der Leidenslast,
Von Schwermut, Schmerz und Harm umfasst.

Das Auto gilt als heilge Kuh!
Das Unfall-Leid ist ein Tabu
Und wird von Medien totgeschwiegen
Genau so hartnäckig-verstiegen,
Wie jene Wahrheit, dass uns CHrist
Als GOttmensch Retter, Heiland ist.
Wer dies bekennt, gilt heut als Mucker,
Als Frömmler oder armer Schlucker,
Den eine `Sekte´ vollgestopft:
Ihm Wahn-Ideen aufgepfropft.

Schwindender Polizeischutz in Stadt und Land als Folge des Autoverkehrs

Beachtet auch, dass zweifelsfrei
Die Hälfte schon der Polizei
Befasst ist mit Verkehrs-Problemen
Wie Unfall-Hergang aufzunehmen,
Verkehr zu regeln und zu leiten,
Defekte Autos auszuscheiden,
Die Raser, Drängler aufzuspüren
Und sie zu mahnen mit Gebühren,
Den Gehsteig soweit freizuhalten,
Dass Menschen können wohlbehalten
Noch um geparkte Autos gehen,
Die dort oft bis zur Hauswand stehen.

Derweil fehlt es an Polizei
Zum Schutz vor Mord und Dieberei.
Es steigt die Kriminalität,
Weil es an Strafverfolgung fehlt.

Gewaltsame Behinderung auf Strassen

Zu sagen, dass die Fahrt ja `frei´,
Verkennt die wüste Zwängerei,
Die jetzt schon üblich auf den Strassen
Und die noch ärger wird, immassen
Steigt ständig an der Auto Zahl.
Der Strassen-Kampf, jetzt schon brutal:
Ein offensiver Krieg im Grunde,
Tritt so in eine schlimme Runde.

Die `Mündigkeit´ tobt auf den Strassen:
Sie äussert sich im Auto-Rasen.
Man glaubt zu spüren seine Macht:
Ein Urgefühl des Triebs erwacht.
Hier darf Gelüste man erproben,
Kann zügellos im Rennen toben.
Das Fahrzeug schafft ja, was der Mann
Sonst nie zuwege bringen kann.
Der Wunsch beim ersten Menschen-Paar:
Wie GOtt voll Macht – hier scheint er wahr!

Doch wehe dem, der Opfer dann:
Wer nicht so schleunig sausen kann!
Er wird zuerst einmal umschwirrt,
Mit Licht und Hupe dann verwirrt
Gedrängt nach aussen an den Rain
Und darf am Ende froh noch sein,
Wenn er am Leib ist nicht verletzt,
Zermalmt sein Auto und zerfetzt.

Ihr, Freimund, kennt die Strassenschlacht.
Entspricht, was ich grad vorgebracht,
Im Kern denn nicht der Wirklichkeit?
Ich ging bestimmt hier nicht zu weit!

Aggressivität im Strassenverkehr ist und bleibt allerwege ein Tabu-Thema

Gewalt-Anwendung auf den Strassen
Bis anhin jene ganz vergassen,
Die sonst zu allen diesen Fragen
Statistiken zusammentragen.

Es bleibt dies ein verschmähtes Thema;
Nicht nur, weil schwer es in das Schema
Des Zählens und des Messens passt,
Womit man Fälle sonst erfasst
(So bei der Frage, inwieweit
Missachtet wird Geschwindigkeit;
Um wie viele Promille wohl
Sich misst im Blut der Alkohol;
Auch wie bei Abrieb in Prozent
Zerschlissen man den Reifen nennt).

Ich glaube, dass dies ein Tabu,
Weil sonst man müsste geben zu,
Dass ohne Zweifel sich zumeist
Als Drängler, Nötiger erweist,
Wer in den Luxus-Autos sitzt
Und rüde über Strassen flitzt.

Wer einen teuren Wagen fährt,
Ihn gar benutzt als Steckenpferd,
Der hält sich für privilegiert,
Dass er die andren schikaniert:
Als `Grosser´ glaubt er sich berechtigt –
Durch Pferdestärken auch ermächtigt –
Die `Lahmen´ recht auf Trab zu bringen
Und sie zur `Zügigkeit´ zu zwingen.

Gewalt auf Strassen, Aggression
Hat damit eine Dimension,
Die auftut einen Kampf der Klassen!
Man will sich damit nicht befassen,
Weil sonst die dreiste Prahlhans-Schicht
Erschien in ihrem wahren Licht,
Und auch die Auto-Industrie
Verlör noch mehr an Sympathie.

Drum deckt man diese Drängler, Würger
Mit `Freie Fahrt für freie Bürger!´
Das ist, Herr Freimund, allemal
Ein Ärgernis, ja ein Skandal
In dieses Wortes Ursprungs-Sinn:18
Ein Fallstrick, der reisst Rechtes hin,
Und der das sittlich gute Handeln
Muss zwingend zur Ver=Kehrtheit wandeln.

Menschlichem Endziel kann man bestimmt nicht durch Autofahren näherkommen

Zum Ziel als angestrebtem Orte
Lasst sagen mich noch ein paar Worte.
Der Mensch, Herr Freimund, von Natur
Mit Vorbedacht ein Ziel erfuhr:
Er strebt danach, sich zu entfalten.
Sein Leben muss er so gestalten,
Dass das, was in ihm angelegt,
Was sonders als Person ihn prägt,
Blüht auf und wächst in ihm heran,
Damit es Früchte tragen kann.

Erst wenn er diese froh umgreift,
Ist er im Mensch-Sein ganz gereift.
Das aber auch Bedingung ist,
Dass er die Seligkeit ermisst.

Gelingen kann die Reifung nur,
Wenn Austausch, Nähe er erfuhr
Mit andren Menschen, auf die hin
Bezogen er von Anbeginn.

Konkret heisst dies: den Nächsten dienen,
Zu nützen, Beistand leisten ihnen.
Man nennt dies jetzt, zu eurer Zeit,
Gewöhnlich dann `Mit-Menschlichkeit´.

Es ist nun aber offenbar,
Dass dessen wird man nicht gewahr,
Wenn mit dem Auto wie zum Spiele
Man anfährt irgend welche Ziele
Im Sinn von Orten auf der Erde,
Zu äugen dort das Sehenswerte.

Es zeigen klar euch die Bezüge,
Dass spricht man eine glatte Lüge,
Wenn Freiheit, Reifung der Person
Behauptet wird als die Funktion
Des Autofahrens, alldieweil
Ganz sichtbar gilt das Gegenteil!

Jung-Stilling selbst verzichtete weithin auf das Fahren mit dem Wagen

Zu Fuss schritt ich durchs Leben hier.19
In Marburg leistete ich mir
Gelegentlich zwar einen Wagen,
Doch tat dem Gehen nie entsagen.

Von Marburg aus nach Kassel hin
Ich jedes Jahr gewandert bin
Mit einer Gruppe von Studenten;20
Als Arzt lief oft ich zu Patienten,
Die zwei, drei Stunden Wegs entfernt:
Ich hab das Gehen nie verlernt!
Doch wichtig ist, dass ich dabei
Mich immer fühlte wohl und frei:

Und dies Gefühl die Vielen hätten,
Die töricht sich ans Auto ketten,
Anstatt vernünftig sich zu regen:
Den Körper sinnvoll zu bewegen.

Wandlung von der freien natürlichen zur zwanghaften maschinellen Bewegung

Dem Fuss passt bald sich an der Schuh;
Dem Kutscher meist gehorcht im Nu
Sein Pferd, das Lebe-Wesen ist:
Das Wasser trinkt, das Hafer frisst
Und dessen ganze Ausscheidung
Begehrt, weil vorteilhaft als Dung.21

Das Auto aber ist Maschine!
Man sagt, der Lenker sie bediene:
Sie sei sein Werkzeug, Apparat,
Entlaste ihn in hohem Grad.
Doch sieht man einmal richtig hin,
Dann zeigt sich klar der Wider-Sinn.

Das Auto bildet regulär
Den Lenker streng zum Funktionär:
Er wird zu seinem Untertan,
Zum Fronknecht, Sklaven abgetan.
Das Auto zwingt dem Fahrer auf
Verrichtung, Rhythmus, Handlungslauf.

Mit Strenge in Unduldsamkeit
Schreibt vor das Auto jederzeit,
Was jetzt der Lenker hat zu tun;
Es fordert eisern der Tribun
Zur Gänze ihm sich anzupassen:
Mit seinen Knöpfen zu befassen,
Mit seinen Hebeln, seinen Zeigern.
Doch wehe dem, der sich wollt weigern!
Er wird vom Auto hart bedroht
Mit Schaden: Unfall, Leiden, Tod;
Bedrohung, die nicht konstruiert:
Sie wird glattweg exekutiert!

Mir ist, Herr Freimund, schleierhaft,
Wie man es hindreht und auch schafft,
Dem Autofahrn als Zwangs-Betreiben
Ganz ernstlich `Freiheit´ zuzuschreiben!
Hier zeigt sich doch, wie sehr es wahr,
Dass Menschen tief beeinflussbar
Durch Werbesprüche, durch Reklame,
Wenn sprachlich nur aufs einprägsame
Ein Slogan ausgesendet wird,
Der Menschen einlullt und umgirrt.
Mein Stillings-Freund G. Merk hat recht:
Die Werbung ist im Grunde schlecht.22

Die echte Freiheit setzt voraus,
Dass stets man übt sein Handeln aus
Ganz ohne Zwang von Lust und Laune,
Dass man die Triebe hält im Zaume
Und ab=hängig von gar nichts ist:
Drum auch kein Auto mehr vermisst.

Dann fühlt man sich von nichts bedroht,
Verliert die Angst auch vor dem Tod,
Den jedermann er=leiden muss:
Denn Sterben ist des Lebens Schluss!

Entlastung des Fahrers durch elektronische Systeme

Nun wird geforscht seit Jahren schon,
Dass man die Handhabungs-Funktion
Des Auto-Fahrens so ersetzt,
Dass Elektronik steuert letzt.

Das ist, Herr Freimund, mir Beweis:
Man sieht Bedienung solcherweis,
Dass läuft sie ab maschinenhaft.
Es wird jetzt bloss Ersatz geschafft
Für Teile binnen des Systems:
Das zeigt den Kern mir des Problems!
Der Mensch ist hier doch in der Tat
Maschinen-Teil: ein Apparat.

Doch schätze ein ich es als gut,
Dass man vermehrt jetzt etwas tut,
Um klug mit pfiffigen Systemen
Den Autofahrern abzunehmen
Des Lenkens Risiko und Last,
Die ja Bedrohung in sich fasst,
Und die steigt an zunehmend mehr,
Weil sich verdichtet der Verkehr.

Wenn ginge, Freimund, es nach mir,
Dann würde aufgewendet hier
Das Tausendfache für Verfahren,
Die schützen Menschen vor Gefahren
Durch Unglücksfälle, deren Pein
Für viele schränkt das Glück harsch ein:
Sei, dass sie selbst betroffen leiblich
Und leiden oftmals unbeschreiblich,
Sei, dass auch ein Familienglied
In Invalidität geriet.

Tiefgreifende und nachhaltige Charakterformung durch das Auto

Lasst, Freimund, hier umreissen mich
Auch noch, wie zu verhalten sich
Der Fahrer zu dem Auto hat.
Es findet eine Prägung statt;
Das Auto zwingt ein Handeln auf:
Mechanischen Bewegungslauf!

Gefühle haben hier zu schweigen;
Man darf nicht Freude, Trauer zeigen:
Muss ruhig, stets im Gleichtakt schalten,
Sich streng an die Maschine halten;
Sonst droht dem Lenker gleich Gefahr:
Ein Unfall, auch der Tod sogar.

Die Unterdrückung der Gefühle
Bewirkt alsbald Charakter-Kühle.
Verhärtet, frostig, mitleidlos,
Gemein, grob, stumpf, derb, rücksichtslos,
Verdriesslich, mürrisch, ungerührt,
Gemüt, dass keine Regung spürt:
Noch Kummer, Wonne oder Scherz,
Der ganze Mensch taub um das Herz:
So wird der Fahrer hingebogen,
Vom Auto nach und nach erzogen.

Doch manchmal im Verkehrsgewühl
Flammt auf, ja kocht gar das Gefühl!
Es ist der Fall dies jeweils dann,
Wenn fremder Fahrer masst sich an,
Dem eignen Willen querzukommen:
Wenn keine Rücksicht wird genommen
Auf das, was just der andre will
Im rüden Tosen und Gedrill.

Erregt wird das Gemüt vor Wut;
Der Zorn lässt sieden schier das Blut;
Es fallen darob die Tabus:
Man zeigt den Autofahrer-Gruss23,
Beginnt sich schimpfend zu ereifern,
Zu fauchen, schäumen, wüten, geifern;
Bald folgt verletzendes Gekeife:
Man schilt den andern `Trottel´, `Pfeife´,
Belegt ihn mit noch Namen schlimmer:
Hier fehlt an Worten es ja nimmer;
Und selbst der Fuhrknecht meiner Zeit
Erblasste alsofort vor Neid,
Wenn hörte er die Schimpferei,
Die heut sich setzt auf Strassen frei.

Doch vielen ist das nicht genug!
Sie reizt nunmehr der Höhenflug
Der lang geknechteten Empfindung,
Dass lösen auf sie jede Bindung.
In Grimm entsteigen sie dem Wagen,
Um auf den andern loszuschlagen.

Erst wird sein Auto attackiert:
Mit Fäusten, Füssen es lädiert.
Dann, wenn der Kontrahent steigt aus,
Schlägt reif man ihn fürs Krankenhaus –
Es sei denn, dieser sich erweist
Als stärker und sich drum befleisst,
Dem Gegner es stracks heimzuzahlen:
Halb totzuschlagen den Rivalen.

Ihr wähnt wohl, dies sei übertrieben?
Dann lest doch nur, was aufgeschrieben
Zu diesem Thema an Berichten
Bei Polizei und den Gerichten.
Ihr seht dann, dass es wirklich so:
Ein Zerrbild ist hier nirgendwo;
Die Akten vielmehr klar beschreiben,
Dass ich tat eher untertreiben!

Da jeder Bursche, jedes Mädel,
Auch Hackel, Packel, Hudel, Hädel
Glaubt mit dem Auto-Führerschein
Erst richtig, völlig Mensch zu sein;
Weil heute Jan und Allemann
Ihr trefft beim Autofahren an,
Sind alle diese Charaktere
Zu dieser Zeit das Reguläre.

Offenkundige Gefühls-Verarmung der heutigen Autofahrer-Generation

Jedwede Zeit prägt das Gesicht;
Selbst eine Handschrift ihr entspricht;
Und auch die Kleidung, die man trägt,
Wird von dem Brauch der Zeit geprägt.

Gefühls-Verarmung könnt ihr sehen
Bei Heutgen im Vorübergehen.
Gesichter so voll Bitterkeit
Gab kaum es noch zu meiner Zeit –
Zumindest nicht in dieser Zahl,
Obschon ja viele dazumal
Sich fühlten dauernd schlapp und matt,
Weil elend sie und selten satt.

Bedenkt, wie die Franzosenplagen
Hart über unsren Landen lagen
Zu meiner Lebenszeit hienieden:
Gut zwanzig Jahre ohne Frieden!
Trotz dessen zeigten meist die Leute
In ihren Mienen innre Freude.
Sie wussten sich in GOttes Hand
Und IHn sich ihrer zugewandt.

Ein Fachmann in Graphologie,
Der jüngst im Jenseits nahm Logis,
Erzählte mir: zu keiner Zeit
Verriet Empfindungslosigkeit
Die Handschrift eines Menschenschlags
Wie derart klärlich heutzutags.

Entwicklung auch zum Schlechten muss bedacht werden

Doch an Entwicklung auch zum Schlechten
Die wenigsten dermalen dächten!
Im Gegenteil: es prägt sich ein
Das Hirngespinst vom Höhersein:
Der Traum, dass alles aufwärts gehe,
Der Mensch kurz vor der Wende stehe,
Ab der er `neu´, `interaktiv´
Wird `postmodern´ definitiv
Hinein in die `Erlebniswelt´:
Ins irdsche Paradies gestellt;
Zumal im Auto man schon jetzt
Sich fühlt vom Raum fast abgesetzt,
Durch Tele-Kommunikation
Der Zeit beinah enthoben schon.

Dergleichen Phrasen brachten Leid
Genug doch schon zu meiner Zeit:
Sie liessen Menschen glatt vergessen,
Dass müssen schlafen sie und essen,
Dass sie erkranken und letzt sterben,
Doch ohne GOttes Huld verderben.

Auch Manipulation der Gene
Erfüllt nie solche Wahnespläne:
Der Leib rückt ab nicht eine Spur
Vom Band und Takt mit der Natur!

Doch, Freimund, lasst mich sagen klar:
Ich halte es für untragbar,
Wenn Gen-Manipulation
Gesehn wird bloss mit Aversion.
Ich stimme solcher Forschung zu;
Auch wenn dermalen sie tabu
Und Widerstand zu Hauf erfuhr
Als Schändung, Missbrauch der Natur
Gerade auch in jenen Kreisen,
Die ohne Scheu mich `Irrgeist´ heissen.

Natürlich seh ich die Gefahr,
Dass tut sich hier auch Missgriff dar.
Doch regelt man die Dinge mehr
Und besser als heut beim Verkehr,
Bringt Manipulation der Gene
Ganz neue Formen, Muster, Pläne,
Wie schon bescherte vorlängst sie
Zu Nutz die Kohlenstoff-Chemie.

Fahrzeug als ein charakteristisches Merkmal des jeweiligen Zeitgeistes

Mitan lasst auch noch dartun mich,
Dass kennzeichnend entsprechen sich
Das Fahrzeug einer Periode
Mit deren Zeitgeist, deren Mode.
Das Fahrzeug ist nur ein Segment:
Man darf nicht sehen es getrennt
Von Haltung und Befindlichkeit,
Die einer Zeit Gesicht verleiht.

Im Fahrzeug-Typ zeigt hell belichtet
Sich eine Einstellung verdichtet,
Die eine Periode prägt:
Als `Zeitgeist´ mannigfach bewegt.24

Die Pferde-Kutsche, Eisenbahn,
Das Luft-Schiff, der Aeroplan:25
Sie alle gleichsam sind bloss Zeichen,
Die einen Zeitraum unterstreichen.

So denkt man heut bei Eisenbahn,
Wie sie hat Weiten aufgetan,
Auch Wirtschafts-Zentren liess entstehen:
Verband mit Häfen sie und Seen,
Wodurch der Austausch aller Waren
Erst konnte steten Takt erfahren.
Ihr wisst, dass drum ich drängte sehr,
Dass mehr man tut für den Verkehr.26

Automobil als Ausdruck des modernen Zeitgeistes und jetzigen Lebensstils

Der Flattersinn, die Fahrigkeit,
Erkünstelte Geschäftigkeit,
Der Drang zu hohlen, seichten Zielen,
Die Lust an leeren Schatten-Spielen
(Gemeint ist hier die Reiserei
Und stumpfe Fernseh-Guckerei,
Womit die Zeit wird dreist vertan,
Die GOtt dem Menschen dargetan),
Benebst der ganzen irren Hatz
Als offensichtlichem Ersatz
Für GOttesnähe, die allein
Ist Schlüssel für das Glücklichsein;

Der deutschen Sprache arge Schändung
In nahzu jederart Verwendung:
Wo deren Klarheit wird verwischt,
Ihr fremde Brocken beigemischt
Die mehrdeutig verstanden werden –
Und dies geschieht gar bei Gelehrten,
Die reden hohl von `Relevanz´,
`Konzept´ und solchem Firlefanz;
Derweil im Alltag seicht verflacht
Das Sprechen und ist schon verbracht
Auf ein Niveau, wo `Tschüs´ und `nee´
Ich schon als das Normale seh
(Bedenkt, dass `Tschüs´ kommt von `à Dieu´:
`Sei GOtt befohlen!´: streb zur Höh!);

Die stundenlange, teure Hetze
Global durch die Computer-Netze,
Wobei man süchtig beigesellt
Sich einer `virtuellen´ Welt,
Anstatt zu kümmern sich ums Jetzt
Sowie um seinen Zustand letzt:
Was beides wird kaum kundgetan
Auf einer Daten-Autobahn;

Der Missbrauch von Konzert und Lied,
Wie derzeit dauernd er geschieht,
Indem Musik wird blind verschlissen
Zu Lärmerei, zu Ton-Kulissen,
Doch ohne dass im Herzen dann
Das Gute auch gedeihen kann;

Der Unfug, den man treibt mit Kunst,
Die steht bloss in der Massen Gunst,
Wenn ganz das Schöne ihr genommen
Und sie zum `Happening´ verkommen:
Wenn nichts an ihr weist schwach nur hin
Auf GOtt und eignen Lebens Sinn;

Die rauhe Ich-Bezogenheit,
Gepaart mit Unzufriedenheit,
Die Grobheit und Brutalität
Samt neidischer Mentalität,
Die ringsum ihr erleben könnt:
Schier keiner Glück dem andern gönnt;

Der Hang, die Gier zur Schmutzerei:
Zu Lüsternheit und Buhlerei,
Zu Wollust, Unzucht, Orgien, Zoten,
Gemeinheit, von Natur verboten,
Sie sei auch noch so widerlich –
Und das sogar noch öffentlich;

Gefallen an der Schmauserei,
Gefrässigkeit und Völlerei;
Der Drang zu Lotterie und Toto,
Verlosung, Glücksspiel, Tippen, Lotto,
Zu Pokern, Skaten, Flipperei
Nebst Wetten, Knobeln, Würfelei;

Die Lust an feilem Tand und Glimmer,
Pompösem Firlefanz und Flimmer,
Gewäsch, Gerede, Dalkerei,
Gefasel, leere Plapperei;

Der ganze heutge Lebens-Stil
Genau passt zum Automobil:
Er drückt sich klar im Auto aus,
Stellt jene Eigenart heraus.
Das Auto ist nur Spiegelbild
Der Lebens-Art, die jetzig gilt!

Doch derzeit will nicht weiter ich
Verliern in dieses Thema mich;
Zumal ich vorher schon genug
Tat dar zu diesem Wesenszug,
Der heute die Moderne prägt:
In Weh mich dieses stark bewegt,
Weil abgewehrt wird nachgerade
Des milden GOttes Huld und Gnade,
Die ER den Menschen zugedacht,
In JEsum ihnen nahgebracht.

Denn alle könnten glücklich sein,
Wenn liessen sie ins Herz hinein
Den HErrn, der sorgend sie umhüllt
Und ganz mit SEiner Liebe füllt.

Fähigkeiten der Autofahrer sind mangelhaft, aber dermalen und in naher Zukunft wohl kaum zu heben

Es fällt mir auf aus Jenseits-Sicht:
Den meisten Fahrern es gebricht
Durchweg an vielen Eigenschaften,
Um Auto-Lenken zu verkraften.
Die Fahr-Kunst ist oft jämmerlich,
Der Geistes-Zustand schauerlich.

Ich heisse es mitnichten gut,
Dass Hütt und Mütt, dass Rapp und Rut –
Und sind sie noch so dumm und dämlich –
Erhalten leichthin, ganz bequemlich
Erlaubnis, Autos zu chauffieren,
Ein Taxi gar zu dirigieren.

Von dem, der Schienenfahrzeug steuert
Verlangt wird, dass er stets erneuert
Den Führerschein und so beweist,
Dass er zu Recht ein `Führer´ heisst.
Dasselbe gilt für die Piloten
Und Kapitäne auf den Booten.

Missglückt die Prüfung, platzt der Test,
Man sie nicht mehr ans Steuer lässt:
Und sicher ist das richtig so,
Denn zu hoch ist das Risiko.

Dazu wird alles aufgeboten,
Dass Trambahn-Fahrer und Piloten,
Die Lenker auch von Schiff und Zug
Geeignet sind: verlässlich, klug.
Sie werden sorgsam ausgesiebt,
Weil ihnen in die Hand man gibt
Verantwortung für fremdes Leben,
Im Fahrzeug von Gefahr umgeben.

Bei Auto-Lenkern bislang war
Kontrolle so nicht durchsetzbar,
Wiewohl sie bitter nötig wäre,
Dass sich die Unfallzahl nicht mehre.
Ihr kennt der Lobby schrillen Schrei:
`Das ist ja Auto-Zwängerei!´

Flugs lädt man ein die Fahrer-Zunft
Zu förmlicher Zusammenkunft,
Die Massregeln entgegentritt
Durch Volksbegehren, Plesbizit,
Woraus erwächst – noch unbeugbarer –
Ein Block: `Partei der Autofahrer´.

Die wird zum Zünglein an der Waage
Im Parlament bei jeder Frage;
Am Ende hat sie ihre Macht
Aus diesem Grund verhundertfacht.

Das reicht voll aus zur Torpedierung
Von Schritten, welche die Regierung
Verbessernd möchte leiten ein:
Des kann der Fahrer sicher sein!
Die Autofirmen treten bei
Durch Werbung, welche `Gängelei´
Nennt alles, was im Staat betrieben,
Um schlappe Fahrer auszusieben.

Gefahr auf den Strassen durch ein Heer ungeeigneter Autofahrer

So lenken Tausende den Wagen,
Die müssten diesen sich versagen:
Wie Trinker, Alkoholiker,
Labile Melancholiker,
Nervöse, Tapprige, Bedrückte,
Verdrehte, Närrische, Verrückte,
An Herz und Kreislauf schwer Erkrankte,
Von Fieber, Schüttelfrost Umrankte,

Beklommene Phlegmatiker,
Ermattete Asthmatiker,
Senile, welke Knittrige,
Verkalkte, alte Zittrige;

Verschwommen Sehende, Halbblinde
Mit Sichtkreis wie im Labyrinthe,
Bereits schon völlig Taube, Stumme,
Bestusste, Geistesarme, Dumme,
Charakterschwache, dumpfe Dussel,
Erfahrungslose, schlaffe Schussel,
Auch Leute, gänzlich vollgesogen
Mit Heroin und andren Drogen:

Sie alle sitzen keck am Steuer
Und spielen sträflich mit dem Feuer:
Sind `freie Bürger´ solcherart,
Dass Anspruch sie auf `freie Fahrt.´

Wer diesen Missstand kritisiert,
Der wird vor aller Welt beschmiert:
Voll Wut als Giftzwerg hingestellt:
Den Freiheits-Feinden beigesellt.
Es ist hier schlimmer schon beinah,
Als wenn man in Amerika
Nennt offen Fluch es und Beschwer,
Dass jedem Bürger sein Gewehr.

Ich bin, Herr Freimund, richtig froh,
Dass nieden ich dem Zorn entfloh,
Und nun im Jenseits bleibe frei
Von grollend wütendem Geschrei,
Wie weiland es die Hacke-Raben
Bös wider mich gerichtet haben.27

Nachhaltige Prägung der Landschaft und der Umwelt durch das Automobil

Wie sonst ein andrer Umstand kaum
Prägt der Verkehr das Land, den Raum.
In hundert Jahren sich vollzog
Veränderung, die ganz verbog
Die Landschaft, wie sie bisher war:
Das Auto herrscht nun ganz und gar.

Gewundner Weg, der Erd-Kontur
Stets folgend an dem Bach, der Flur,
Ward jetzt zu einer glatten Strasse,
Geeignet für Motor-Gerase.
Die Ober-Schicht aus Gras und Lehm
Ist betoniert nun mit System.

Die Bäume, kühle Schattenspender,
Ersetzten Planken und Geländer.
Der Gasthof, der den Wegesbogen
Herbeigelockt, zu sich gezogen,
Heisst nunmehr `Autobahn-Raststätte´;
Doch keine Kundschaft diese hätte,
Wär sie im Standort beigetan
Nicht direkt an der Autobahn.

Das Auto hat die Umwelt so
Entehrt, gebeugt auf ein Niveau,
Bei dem Funktions-Gerechtigkeit
Als einzger Massstab noch gedeiht.
Ist ein Gefilde, eine Au
Geeignet für den Strassenbau:
So heisst die Frage, die sich stellt
Aus solcher engen Sicht der Welt.

Einher ging stumpfe, gleiche Schaltung:
Der Strassen Aussehn und Gestaltung
Ist gradso in Amerika
Wie hier zu Land sie tut sich da.

Bestimmend für die Landschaft sind
Turmhohe Tafeln, wo gewinnt
Der Autolenker Nachricht her,
Wie weit, wohin zu fahren er.
Versagt bleibt ganz ihm die Bekanntschaft
Mit pfeilgeschwind durchraster Landschaft,
Die bei dem Tempo er nicht sieht:
Die schattenhaft vorüberflieht.

Blick für die Vielfalt und den Artenreichtum in der Natur und Kultur geht verloren

Veränderung des Raums entspricht
Der technisch-funktionalen Sicht
Der Umwelt, Landschaft und Natur.
Sie wird als Allgemeines nur
Gesehn, erfasst, gedacht, verstanden.

Es kam zur Gänze schier abhanden
Die Individualität;
Denn Landschaft einzeln ja besteht
Aus Bergen, Tälern, Wäldern, Heiden,
Gefilden, Äckern, Feldern, Weiden,
Aus Pflanzen, Tieren, Teichen, Bächen
Nebst Dörfern und bebauten Flächen,
Die nie sich in der Mischung gleichen,
Verschiedenheit so unterstreichen,
Die zeigt im Kleinsten sich beredt
Und bis zum Duft und Lichtstreif geht.

Den Meisten aber Raum bloss ist,
Was man in Kilometer misst.
Ein Erdstrich kommt nicht sinnlich nah:
Er tut sich bloss dem Messen da.
Weil dem so ist, fehlt auch der Blick
Im Alltag: in der Politik,
In Schulen, Universitäten,
Verbänden, Kirchen, Gruppen, Läden
Für Vielfalt, Formen, Qualität:
Was zählt, ist nur die Quantität.

Mensch als Maschine und Sinnesleere des Lebens

Der Mensch, gesehn maschinenhaft
Und Umwelt, die Probleme schafft,
Weil sie nur technisch wird betrachtet,
Die Eigen-Art jedoch missachtet,
Verquickt zusamt sind offenbar:
Man wird stets dessen neu gewahr,
Wenn man sich umsieht heutzutag
Bei dem `mobilen´ Menschenschlag.

Ihr kennt Verhaltens-Theorie
Und wisst, wie sieht den Menschen sie:
Als maschinell determiniert:
Weit schlimmer noch, als ganz vertiert.
Habt ihr, Herr Freimund, auch gelesen,
Wie Ärzte suchen zu genesen
Die Kranken heute im Spital?
Herr Treugott es beschrieb genial!28
Ich möchte diese Schrift empfehlen:
Man sollte als Geschenk sie wählen.

Als Arzt nahm wahr ich schmerzbewegt,
Wie man die Leute jetzig pflegt
Sogar in jenem edlen Land,
Wo weiland meine Wiege stand.32

Als Folge dieser Art Gestaltung
Verbreitet hat sich heut die Haltung,
Dass alles ohne Sinn und leer;
Dass nichts in sich verschieden wär,
Weil tausend Strassen man durchfahren
Und alles tat sich offenbaren
Von Ost nach West, von Süd nach Nord
Zum Gähnen fad in einem fort:
Allüberall nur Schilder, Strassen,
Auf denen närrisch Autos rasen.

Fernsehen und Autofahren sind gleichgerichtet und artverwandt

Doch etwas Abwechslung muss sein!
Man schaltet – kaum zu Hause – ein
Hierob den Fernseh-Apparat:
Sich kunterbunt die Welt nun naht.

Das Fernsehn, Freimund, ist verwandt
Mit Auto-Wahnsinn recht markant:
Die selbe Näherung des Fernen,
Das flatterhafte Kennenlernen,
Das prinzipielle Nicht-Verweilen:
Husch, husch zum nächsten Eindruck eilen;

Die ruhelose Zapperei
Und ungestüme Hopserei
Von einem Sender zu dem andern,
Um flugs Programme zu durchwandern:
In Wirklichkeit nichts aufzunehmen
Als Fetzen, Happen, Schatten, Schemen;

Die gleiche Pseudo-Sicherheit
Als Polsterstuhl-Geborgenheit,
Wobei sich Taten-Lust zertrümmert
Und jeder Selbst-Antrieb verkümmert.

Törichter Sportsinn mancher Autofahrer und Fernsehgucker

Doch manchen treibt ein Scham-Gefühl
Hinweg zuweilen vom Gestühl
Aufs Velo, das geschraubt ist fest,
Im Stehen so sich radeln lässt,
Und ausstaffiert ist allemalen
Mit Schaltern, Hebeln, Zeigern, Skalen,
Bestückt jeweils mit buntem Knauf,
Der bei Bedienung leuchtet auf.
Ganz ohne solche Spielerei
Zum Treten keiner kommt herbei.

Man stampft, man tritt, man zappelt, strampelt,
Gleich einem Kasperl wird gehampelt:
Man hopst im Sattel auf und ab
Und kommt in den Galopp, in Trab;

Man tobt schier wie verhext herum
Und bückt dabei den Rücken krumm;
Man schnaubt, man keucht, man japst, man pustet,
Fast ausser Atem wird geprustet,
Bis man genug der Wackelei
Und wirren Velo-Treterei.

Dass frische Luft man nun auch hätte,
Geniesst man eine Zigarette:
Vielleicht auch derer zwei und drei,
Damit die Atmung wohl gedeih,
Die — nach der Plackerei lädiert —
Durch Rauch sich bald normalisiert.

Auto ein Glanzstück der Technik, aber ein Nichts im Vergleich zur Natur

Das Auto ist im tiefsten Sinn
Maschine, Apparat schlechthin.
Vollendet sind die Eigenschaften,
Die unvergleichlich an ihm haften:
Die Schnelligkeit, mit der es fährt,
Der Sitz-Komfort, den es gewährt,
Die Panzerung, die es umgibt,
Der Widerstand, den es zerstiebt.
Doch weil das Auto grandios,
Gebärdet es sich rücksichtslos.

Es tötet, wie zuvor die Pest,
Und Invaliden hinterlässt,
Wie weiland aus den grossen Kriegen
Millionen schwer verletzt entstiegen.

Doch andrerseits das Auto ist,
Wenn man an der Natur es misst,
Im Bauplan, in der Konstruktion
Sowie in der System-Funktion
Ein Häuflein Staub nur im Vergleich
Zum Lebensplan so überreich,
Den schon die kleinste Fliege birgt
Und ihre Wachstumsbahn bewirkt.

Zieht gar man auch noch in Betracht
Die Kraftentfaltung, Dehnungs-Macht
Des schmalsten Gräschens, und bedenkt,
Wie viele Pflanzen uns geschenkt:
Den Reichtum an Strukturen, Normen,
Die Vielfalt auch an Farben, Formen:

Dann zeigt sich, wie doch effektiv
Das Auto letztlich primitiv:
Ein einzges Muster, Innres nur,
Das eine Schein-Vielfalt erfuhr
Durch eine Unzahl von Gestellen
Zu Firmen-Marken, zu `Modellen´.

Jedoch: das Auto wird bewundert
Wie nichts und niemand im Jahrhundert,
Derweil den Meisten die Natur —
Auch Tiere, Pflanzen auf der Flur —
Bleibt namenlos; es gibt für sie
Bloss Tiere, Bäume, Blumen hie:
Das Einzelne bleibt unbekannt.
Doch sind auf Anhieb sie im Stand
Ein jedes Auto zu erkennen
Und dessen Eigenheit zu nennen:

Sie wissen hier um alle Daten
Von schier jedweden Fabrikaten:
Vermögen über Einzelheiten
Sich leichthin stundenlang verbreiten.
Zeigt hier, Herr Freimund, sich nicht Wahn,
Dem schon die Mehrheit untertan?

Auto-`gerechte´ Dörfer, Städte und Landschaften haben unbedingten Vorrang

Das Auto duldet anmasslich
Gar nichts und keinen neben sich.
Quartiere hat man weggesprengt,
Die Menschen roh daraus verdrängt,
Und weit sie an der Städte Rand
In triste Wohnsilos verbannt,
Damit dem Auto schnelle Fahrt
Durch kerzengrade Strassen ward.
Denn unzumutbar heut ja ist,
Dass in dem Auto man durchmisst
Die alten, krummen Strassen sacht
Und gibt auf die Bewohner acht.

Auch tat man sich der Grünanlagen
Im Stadtkern vorlängst schon entsagen:
Damit genügend Parkplatz werde,
Hat man durch Teer ersetzt die Erde.
Oft liess man noch ein kleines Fleckchen:
Ein Baum, ein Strauch an einem Eckchen,
Damit die Parker bei Bedrang
Nicht müssen suchen allzulang.

Die Bäume wurden abgesägt,
Weil sie das Auto nicht verträgt.
Gehöfte, stolz umgrenzt mit Eichen,
Längst mussten neuen Strassen weichen.

Der sanfte Hügel ist durchschnitten,
Damit die Autos besser glitten;
Quer durch das Schlamm
Führt jetzt ein betonierter Damm;
Weit überm Dorf braust der Verkehr
Auf hochgestelzter Strasse her.

Die Büsche wurden ausgerissen,
Weil sie bei Sturm die Blätter schmissen
Bis hin zum fernen Strassen-Bette:
Bei Nässe führte dies zu Glätte.

Die Welt `automobil-gerecht´:
Das ist kein Irr-Witz, sondern echt!

Die Kinder, welche sich vergassen
Und suchten Spielraum auf den Strassen,
Sind Krüppel für ihr ganzes Leben:
Die Eltern harsch von Weh umgeben.
Zu Tod kommt eine Kinderschar
Von Tausenden in jedem Jahr.

Doch deshalb wird noch lange nicht
Geübt aufs Auto nun Verzicht!
Oh nein: man passt die Kinder an:
Man bildet derart sie heran,
Dass sie `gewachsen´ dem Verkehr
Und sehen die Gefahr vorher.
Im Kindergarten schon beginnt
Das Training, wie man klug entrinnt
Dem schlimmen, tödlichen Gerase,
Das abspielt sich auf jeder Strasse.
Das Auto erst — und dann das Kind:
So klärlich die Gewichte sind.

`Den Einzlnen selten packt der Wahn:
Ein Volk ist oft ihm untertan,´
So drückten aus es klug die Alten;
Ihr seht: sie haben recht behalten!

Denkt ja nicht, Freimund, dass allschon
Durch Tele-Kommunikation,
Die nun die Menschheit rings verbindet,
Der Wahnwitz aus der Welt verschwindet!

Der kann nun direkt, ruckzuck, stracks
Durch Fernsehn, Telephon und Fax,
Computer-Netze, Mail-Systeme
Fast unbemerkt, auf das Bequeme,
Gesellschaft lautlos schalten gleich
In einem einzgen Narrenstreich:
Und gar kein Viren-Suchprogramm
Spricht an auf solchen Irrsinns-Schlamm.

So kommt es, dass dem Auto-Wahn
Schier alle Welt bleibt untertan:
Man findet selten ihn benannt,
Sein Ausmass wird gar nicht erkannt.

Dorfwege wandelten sich von einer Begegnungsstätte zur Rennbahn

Selbst Dorf-Chausseen ringsum zersplissten
Zu mörderischen Todes-Pisten.
Dahin schwand deren Sach-Funktion
Als Ort der Kommunikation:
Wo man tagsüber sich stellt ein
Zu einem kurzen Schwatz zu zwein,
Um Neuigkeiten auszutauschen,
Vielleicht ein wenig bloss zu plauschen;

Wo man auch Leute kennenlernt,
Die wohnen weiter schon entfernt,
Doch just vorbei zum Dorfkern laufen,
Um dort im Laden einzukaufen:
Wo bildet sich so Nachbarschaft
Ganz eigen=ständig, beispielhaft,
Die alle Menschen letzt verbindet
Und so der Masse sie entwindet:
Die ein Gefühl des Mit-Seins gibt:
Man weiss geschätzt sich und beliebt.

Doch mit dem Auto ging der Sinn
Für Nähe, Nachbarschaft dahin;
Und selbst der Dörfler jetzt vermehrt
Im Wagen schon zum Kaufmann fährt;
Ja, dort man im Vergleich zur Stadt
Noch mehr an Kraftfahrzeugen hat!

Der Duft nach Landwirtschaft, die Ruhe,
Das Schafesblöken und Gemuhe,
Die einst bezeichnend für das Land
Sind heute weithin unbekannt.
Motorenlärm von früh bis spät,
Auch Abgas-Dunst in Dörfern steht;
Und selbst im Bauernhof rumoren
Von früh bis spät im Takt Motoren.

Vergebliche, aussichtslose Flucht vor dem Auto

In Städten macht der Lärm, Gestank
Die Menschen steigend auto-krank.
Um Russ und Krach sich zu entziehen,
Muss man aufs Land, ins Grüne fliehen.

Doch dorthin kommt das Auto mit!
Nicht lange drum nach jenem Schritt,
Sucht man von neuem aufzubrechen
Zu schadstoff-armen Siedlungsflächen.

Es wiederholt sich nun das Ganze,
Gerät zu einem Mummenschanze:
Kurz angekommen, ist Natur
Auch dort ein Auto-Jagdraum nur.
Das Zweitgelass, die Drittwohnung
Gewährt dem Flüchtling keine Schonung.
Noch ehe er sich recht versieht,
Prägt auch das Auto dies Gebiet.

Mit dichten Büschen, hohen Bäumen
Sucht man sein Grundstück abzuzäunen.
Doch kurze Weile bloss vergeht,
Und diese Pflanzung nicht mehr steht.
Die Last des Schadstoffs längs dem Rain
Liess Hecken schrittweis gehen ein.

Mit hohen Mauern, Schallschutzwänden
Sucht jetzt das Unheil man zu wenden;
Auch werden breite Dämme, Wälle
Errichtet rings um die Parzelle.
So bunkert man sich eher ein,
Als gäbe man das Auto drein.

Harsche Spaltung der Gesellschaft infolge der Automobilisierung

Besteigt, Herr Freimund, einen Bus!
Entsagt für einmal dem Genuss,
Allein im Wagen bloss zu fahren,
Wie ihr gewohnt dies schon seit Jahren.

Ihr werdet in dem Bus gewahr
Dann sehr bald einer Menschenschar,
Von der ihr grundsätzlich getrennt
Und die ihr deshalb kaum wohl kennt.

Es sind dies schwache, welke Alte,
Behinderte und Ungestalte;
Bedrückte: sichtlich deprimiert,
An Leib und Seele ruiniert;
Auch Menschen, die nur Pech gekannt:
Von Unbill, Not und Gram umspannt,
Von Kümmernis und Missgeschick:
Mit leerem, stumpfem, bangem Blick;

Nebst Männern, sichtlich stark verkommen:
Vom Alkohol schwer mitgenommen,
Nach Tobak riechend und nach Schnaps:
Kurz vor dem physischen Kollaps;
Sodann auch Taube, Lahme, Blinde,
Verzagt, entmutigt drum Gesinnte;

Oft Frauen mit dem Kind im Arm:
Der Vater weg, sie voller Harm:
Zum Arztbesuch jetzt auf der Fahrt,
Von Leid und Bitternis umschart;

Auch fremde Menschen, Immigranten,
Vertriebene und Asylanten,
Die letzt sich hierher erst begaben
Und daher noch kein Auto haben:
Von Heimweh, Einsamkeit zernagt,
Durch fremdes Umfeld hart geplagt;

Teils Schüler, deren Mütter nicht
Befördern sie zum Unterricht,
Weil sie von Elend sind geschlagen:
Besitzen – ach! – nur einen Wagen;

(Ihr grinst? Ja, wird nicht hier zu Land
Längst die Familie arm genannt,
Die auf dem Dorf, auch in der Stadt,
Nicht einen zweiten Wagen hat,
Den vornehmlich die Hausfrau fährt,
Die damit pendelt zwischen Herd
Und Schule, Einkauf hin und her,
Verstärkend somit den Verkehr?

Sind Mütter nicht – teils mehr, teils minder –
Chauffeusen oftmals ihrer Kinder,
Die auch zur Party, zu den Pferden,
Zur Nachhilfe gefahren werden?

Ihr nickt? Dann ist euch also klar,
Dass stelle ich die Wahrheit dar:
Dass ich Realität beschreibe,
Mitnichten aber übertreibe!).

Ich will es mir ersparen nun,
Noch fürderhin euch darzutun,
Wer in den Omnibussen fährt:
Es scheint genugsam schon geklärt.

Mein Ziel ist ja, euch aufzuzeigen,
Dass, die den Omnibus besteigen,
Gehören meist zu einer Schicht,
Die euch nicht kommt vors Angesicht.
Der Individual-Verkehr
Bewirkt so, dass fast nimmermehr
Die Untren und die Obren sich
Begegnen, sehen öffentlich.

Kontakt der Schichten man nur hat
Ein bisschen noch im Kern der Stadt.
Doch schon am Rand wird ausgesiebt:
Der eine sich zum Bus begibt,
Derweil der andre mit Behagen
Ins Parkhaus strebt zu seinem Wagen.

Ich seh aus eurem Mienenspiel,
Dass euch der Schluss wohl nicht gefiel.
Nun denn: so sagt mir bitte doch:
Wer geht denn auf dem Trottoir noch?
Sieht ab man von der Städte Kern,
So zeigt sich, dass bleibt diesen fern
Die Ober- und die Mittelschicht:
Ihr trefft dort solche Leute nicht!

Die steigen stracks vor ihrem Haus
Gemütlich aus dem Auto aus;
Sie steuern ihre Equipage
Beinebst auch gleich in die Garage.
Ja, selbst wenn sie spazieren gehen,
So bleibt der Wagen nimmer stehen.
Oh nein: im eignen Fahrzeug nur
Begibt man sich in die Natur.

Drum gibt es keine Grünanlage,
Kein Park, kein Stadtwald heutzutage,
Der ohne Abstellplatz für Wagen:
Dies ist längst Standard sozusagen;
Wie auch vor jeder Trainingshalle,
Bei jedem Bad und Pferdestalle
Ein Parkplatz unerlässlich ist,
Wie ihr, Herr Freimund, sehr wohl wisst,
Und ich leicht allerwege sehe,
Wenn nieden ich durch Orte gehe:
Ich trete ja mit Siona
Von Zeit zu Zeit der Erde nah.

Um Kirchen selbst – GOtt sei’s geklagt! –
Hat lieblos Tote man verjagt,
Die dort in ihren Gräbern drinnen,
Um ja viel Parkplatz zu gewinnen.

Doch lasst mich kommen hier zu Ende,
Damit sich Zeit für weitres fände.
Es ist behauptet nicht zuviel,
Dass grad durch das Automobil
Die Menschen sind heut scharf getrennt
In Schichten, wo man sich nicht kennt.

Die Armen, Schwachen, Autolosen
Sind offensichtlich ausgestossen:
In Bus und Gehsteig isoliert,
Als Unterschicht diskriminiert.

Mich wundert nicht, dass Soziologen,
Die fühlen meist sich doch bewogen,
Die Welt des Autos laut zu rühmen,
Dies mit Bedacht so sehr verblümen!

Auto-Wahnsinn ist eine Sucht, die in der jetzigen lichtfreundlichen Zeit nachdrucksam verdunkelt wird

Das Auto hat, Herr Freimund, klar
Die Sucht-Anzeichen ganz und gar.
Betäubt macht es und rücksichtslos:
Für Wirklichkeit empfindungslos.

Damit dies möglichst nicht fällt auf,
Verhüllung wird getan zu Hauf,
Was heisst: dass man kaschiert, verdeckt,
Verschleiert, tarnt und schlau versteckt,
Dass Auto hat mit Sucht zu tun:
Dies lässt bewusst man auf sich ruhn!

In Frankfurt ich mir letzt besah
Zusammen mit Geist Siona
Aus unterschiedlichem Interesse
Der Pilger Ziel: die Auto-Messe.
Zur Auffahrt nach der Autobahn
Wir lauter Wagen stehen sahn
Der Reihe nach in einem Stau,
Der hinzog sich vom Messebau.

Doch an der Ausstellung Fassade
Begannen auch schon die Plakate,
Auf denen leere Strassen prangten
Und froh sich Autofahrer rankten
Vor einem schmucken Hintergrund,
Der Landschaft zeigt in Farbe bunt;
Derweil ein überfüllter Bus
Nicht weiterkommt und halten muss.

Wir konnten Eisenbahnen sehen,
Wo eng verkeilt die Menschen stehen,
Indes ein Auto überholt
Und frohgestimmt der Fahrer johlt.

Hier wird die Wahrheit per=vertiert:
Der schiere Wahn-Witz schon regiert!
Vor Wirklichkeit ist man auf Flucht:
Ein sichres Merkmal jeder Sucht.

Das spüren jene zwar genau,
Geklemmt verdrossen dort im Stau
Mit Blei-Geschmack auf ihrer Zunge
Und Auto-Abgas in der Lunge.
Ein Tag ja auch mit Glatteis bloss:
Sie sind des Trugbilds schmerzlich los.

Doch weil dem so, verweigern sie
Besinnung, wie man sich entzieh
Dem Teufelskreis, in dem sie stecken,
Um neue Wege zu entdecken.

Vorschläge zur Neuordnung des Verkehrs gesamthaft

Ein Mittel der Verteidigung
War stets schon die Beleidigung.
Drum ist es heute Politik,
Einjede Autowahn-Kritik
Als `unfreiheitlich´ zu beschmieren,
Als `Linksgewühl´ zu denunzieren.

Um solches auszuschliessen hier
Will nehmen heut die Zeit ich mir,
Den Plan euch, Freimund, darzulegen,
Wie der Verkehr zu aller Segen
Geordnet baldigst werden könne,
Und man dem Auto-Wahn entrönne.

Zuerst ist nötig, dass man trennt
Verkehr in jeweils ein Segment,
Wobei zu unterscheiden wären
(a) Die Strecken, die man muss durchqueren:
Ob kurz, ob lang, ob gar am End
Von Kontinent zu Kontinent,
Wo heutigs ja sehr viele Waren
Beständig werden schon gefahren.

(b) Hinfürders muss man Mittel sichten,
Womit Verkehr man kann verrichten:
Das Velo, Auto, Schiff, die Bahn,
Raketen, der Aeroplan.

(c) Alsdann genau ist zu umkreisen,
Wer unumgänglich muss wohl reisen:
Der Händler etwa, Lieferant,
Der Importeur, der Fabrikant
(Wobei jetzt Bildschirm-Konferenz
Ersetzt oft leibliche Präsenz),
Weil streng die Reise-Dringlichkeit
Muss Richtschnur sein für den Entscheid,
Wie viel der einzelne trägt bei
Für seine Auto-Fahrerei;

So dass, wer bloss zur Kurzweil fährt,
Mit Lasten wird sehr hoch beschwert:
Die `Freizeitfahrten´ sind im Mittel
Inzwischen hier zu Land zwei Drittel!
Ich will zu diesen Punkten gleich
Mich äussern noch ideenreich.

(d) Wie ich zuvor bereits bemerkte,
Vonnöten ist, dass man verstärkte
Den Bau von technischen Systemen,
Die Funktionen übernehmen
Des Autolenkers; denn Gefahr
Auf Strassen kommt ja nachweisbar
Vom Menschen, der nicht in der Lage,
Verkehr zu meistern heut zu Tage.

Ich sehe für die nächsten Zeiten
Hier noch sehr viele Möglichkeiten.
Lasst gleich mich Neues dazu nennen,
Das selbst die Forscher noch nicht kennen.

(e) Zu sondern schliesslich tut es Not
Bedarf sowie das Angebot.
Lasst mit dem Letztren mich beginnen
Und über Autobau erst sinnen.

Herstellung umweltverträglicher Autos vordringlichstes Gebot

Als erstes ein Totalverbot
Für Strassen-Fahrzeuge tut Not,
Die sich bewegen mittels Kraft,
Wie solche die Verbrennung schafft.
Elektrischen Motoren nur,
Die schützen Umwelt und Natur,
Wird durch Beschluss des Parlaments
Gegeben einzighin Lizenz.
Das ist das primär Wichtige
Und auch das einzig Richtige!

Ihr wisst, dass ich stets Realist:
Ich sah die Welt so, wie sie ist.29
Gebote derart folgenreich
Sind durchzusetzen nicht sogleich.
Man muss darob hier allgemach
Motoren wechseln nach und nach;
Und zwar zunächst bei kleinen Wagen
Den Brennstoffeinsatz untersagen.

Wenn erst die Forschung angeregt,
Dann wird verstärkt auch überlegt,
Wie nunmehr grössere Motoren
Bei Omnibussen und Traktoren
Ersetzbar sind, und dass sich naht
Beim Substitut der Wirkungsgrad
Dem Maximum, das möglich ist
Und physikalisch sich bemisst.\“30

Jung-Stilling und Engel Siona entschwinden völlig unerwartet


Als Stilling sagte dieses eben,
Sah Siona ich sich erheben.
Er beugte sich zu Stilling vor
Und sprach ihm leise in sein Ohr.

Zu mir gewandt, sprach Siona:
\“Man bietet euch, Herr Freimund, da
Geschrieben und in Reim gedichtet,
Was eben Hofrat Jung berichtet.

Entschuldigt uns! Wir müssen leider
Jetzt augenblicklich dringend weiter.
Wir treffen euch in nächster Zeit.
Gelobt sei GOtt in Ewigkeit!\“

Als Siona die Sätze sprach,
Entschwand dem Blick er nach und nach.
Auch Stilling war auf einmal weg:
Wo just er sass, war leer der Fleck.

Zwar sah ich noch ein blasses Flimmern,
Doch war dies stetig am Verschimmern;
Bis bald dem Blick bot da sich nur
Die wundervolle Berg-Natur,
Und auch der Duft süss-delikat
Mir nicht mehr in die Nase trat.

Siona überbringt den Text der Belehrung persönlich ins Quartier

Mein Abstieg von der Gipfel-Platte
Kaum Mühsal, Schwierigkeiten hatte.
Ich war vor acht schon im Quartier.
Beflissen überreichte mir
Der Wirt ein dünnes Eil-Paket.
Es stellte zu am Mittag spät
Zu meiner Hand ein Sonderbote,
Gekleidet fesch in Alpen-Mode.

Die Wirtin ungefragt begann,
Verzückt zu schwärmen von dem Mann:
Sehr hübsch und fein, zart von Gestalt,
So um die dreissig Jahre alt,
Verbreitend um sich eine Helle,
Als sei er eine Lichtes-Quelle;
Mit einer Stimme, wie noch nie
Gehört im Leben habe sie.

Der Wirt schalt seine Gattin dumm:
Betört, verblendet um und um.
Sah er den Boten doch genau:
Es war ganz sicher eine Frau,
Gehüllt in einen frischen Duft,
Der lange lag noch in der Luft.

Ich liess nun weiter sich die Beiden
Ob des Geschlechts des Boten streiten.31
Mir selber schien es sonnenklar,
Wer hier der Überbringer war.

Gleich packte ich die Sendung auf.
Ein Blatt Papier lag obendrauf.
In schöner Schrift verfasst stand da:
\“Wie heut versprochen! Siona.\“

Was Stilling zum Verkehr bedacht,
War in Maschinenschrift gebracht,
Zu Jamben allbereits gefasst
Sowie in Endreim, der stets passt.
Die Noten waren numeriert;
Dazu mit Winken ausgeziert,
Wie derart diese anzubringen
Dass sie in keinem Fall misslingen.

Sponsoren werden von Siona gewürdigt

Am Schluss stand von derselben Hand:
\“Man bittet, dass ihr unverwandt
Bei Stillings-Freunden wolltet gucken,
Dass Geld sie geben, dies zu drucken.
Wer dafür reicht ein Scherflein dar,
Des Name steht in Gold fürwahr
In Stillings Herz, das unentwegt
Im Jenseits für die Seinen schlägt.

Beginnen soll der neue Band
Mit einer Liste, wo genannt
All jene sind mit ihrem Namen,
Die so die Kosten übernahmen.
Der Segen GOttes ruht auf ihnen:
Sie werden mehrfach Geld verdienen
Recht bald und unverhofft am Ende,
Als hierfür zählte ihre Spende.

Grüsst männiglich die Spender ihr
Insonders herzlich auch von mir.
Bleibt stets dem Wahren, Guten nah!
Mit frohem Grusse, Siona.\“

Leser mögen die Niederschrift duldsam aufnehmen

Was hier gedruckt, bringt Wort für Wort
Den Text aus jenen Blättern dort.
Wem samt und sonders dies missfällt,
Wer Einzelnes in Frage stellt,
Der lese mehr in Stillings Schriften:
Sie werden neue Einsicht stiften!

Verschonen mögen wüste Hacker
Zu Salen32 Freimund Biederwacker,
Der bleibt dem Leser auch geneigt,
Der hierfür kein Verständnis zeigt,
Samt jenem, der dem Auto-Wahn
Scheint unbewusst tief beigetan.
Ist doch auch Freimund nimmer frei
Von Blendwerk, Dunst und Narretei.

Ja, manchmal hat er den Verdacht,
Dass Torheit sich verzwanzigfacht
In jedem Abschnitt seines Lebens,
Und er auf Weisheit harrt vergebens.
Drum strebt er aus dem Weltgewimmel
Ganz voller Sehnsucht nach dem Himmel,
Allwo auch, lieber Leser, dir
Bereitet jetzt schon dein Quartier.

Eine Literaturliste kann kostenlos angefordert werden

Wer wissen will, was Stilling lehrte,
Als er zur Welt sich wieder kehrte
Vom Jenseits aus in letzter Zeit,
Den Menschen heute hilfsbereit:
Der fordre eine Liste an,
Die man umsonst erhalten kann
Von der Adresse, die benannt
An des Impressums obrem Rand:
Ganz vorne, auf der Seite vier,
In diesem netten Buche hier.

Wer Freimund einen Brief will senden,
Wer möchte etwas Geld auch spenden,
Vermerke gleich die Anschrift sich
Und melde sich gelegentlich.

Auch eine E-Mail ist erbeten.
Sie geht dann baldigst zum Poeten
Durch jene Anschrift, die benannt
Im Titelbaltt ganz tief am Rand.
Ein Hyperlink ist schon gesetzt:
Nur eines Klicks bedarf es jetzt.

Anmerkungen, Hinweise und Quellen

* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen);
– von 1743 an durch Erbfolge Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen);
– im Zuge der territorialen Neuordnung Deutschlands durch den Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster);
– nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1946 bis heute Gebietsteil des Kreises Siegen-Wittgenstein des Regierungsbezirks Arnsberg des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf).
– Über 70 Prozent der Kreisfläche sind Wälder; Siegen-Wittgenstein steht damit an der Spitze der Bewaldungsdichte in Deutschland.

Salen = bei Jung-Stilling die ehemalige fürstliche Residenzstadt Siegen, heute Universitätsstadt mit etwa 110’000 Bewohnern, am Oberlauf der Sieg (dort 240 Meter über dem Meeresspiegel) gelegen. Die Sieg ist ein 155,2 Kilometer langer, rechter Nebenfluss des Rheins. – Die nächst grösseren Städte von Siegen sind, in der Luftlinie gemessen, im Norden Hagen (83 Kilometer), im Südosten Frankfurt am Main (125 Kilometer), im Südwesten Koblenz (105 Kilometer) und im Westen Köln (93 Kilometer).

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider aber auch in der Zweitauflage ohne Register).

Im wirtschaftsgeschichtlich bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 1) geboren, herangewachsen und hat hier auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Hauslehrer gesammelt.

1 Geheimer Hofrat Professor Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit (Philosophie) und Arzneikunde (Medizin) Doktor. Dieser wurde in der letzten Zeit wiederholt auf Erden gesehen. — Siehe die entsprechenden Erscheinungsberichte zuletzt aufgezählt bei Gotthold Untermschloß: Vom Handeln im Diesseits und von Wesen im Jenseits. Johann Heinrich Jung-Stilling gibt Antwort. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, S. 97 f. – Diese Veröffentlichung ist unter \“handeln_diesseits.doc\“ in die Downloads-Files bei <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> eingestellt (ohne die der Druckausgabe beigegebenen Abbildungen und ohne das Register).

2 Schutzengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Er zeigte sich diesem zu dessen irdischer Zeit, nahm ihn von dort ins Jenseits mit und schrieb auch für ihn. – Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Karl Rohm Verlag) 1999, S. 220 ff. (S. 279: \“Siona hat mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert\“).

Der Name Siona bedeutet letztlich \“die Himmlische\“; siehe die genauere, weitläufige Erklärung dieses Namens bei Philipp Paul Merz: THESAURI BIBLICI PARS SECUNDA, NEMPE ONOMASTICON BIBLICUM SEU INDEX AC DICTIONARIUM HISTORICO-ETYMOLOGICUM. Augsburg [Veith] 1738, S. 1161 ff. sowie bei Petrus Ravanellus: BIBLIOTHECA SACRA SEU THESAURUS SCRIPTURAE CANONICAE AMPLISSIMUS, Bd. 2. Genf (Chouët) 1650, S. 627 (hier auch einige seltenere übertragene Bedeutungen wie etwa \“ORNAMENTUM TRACTUS\“ oder \“GAUDIUM TOTIUS TERRAE\“ und \“LOCUS PERFECTISSIMAE PULCHRITUDINIS\“). Beide bis heute kaum übertroffene Werke erfuhren viele Nachdrucke und Übersetzungen in mehrere Sprachen.

Er spricht Siona an als
– \“unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit\“ (Szenen aus dem Geisterreich, S. 219), – \“göttliche Freundin\“ (ebenda, S. 223), dankt der – \“erhabenen Dolmetscherin\“ (ebenda, S. 241), die ihm oft ungesehen als Engel – \“immer liebvoll zur Seite ist\“ (Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg [Raw’sche Buchhandlung] 1818, 1. Gesang, Versabschnitt 3), – den Gedankengang leitet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 282), aber – auch vom Jenseits berichtet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 308) und – Jung-Stilling (der im Chrysäon Selmar heisst) auf einer \“Himmels-Leiter\“ zum Sehen führt (Chrysäon, Prolog, Versabschnitt 2; siehe auch Versabschnitt 8) sowie
– zu seiner verstorbenen Tochter Elisabeth (Lisette, 1786–1802) und zu deren Mutter (Jung-Stillings zweiter Ehefrau Selma von St. George, 1760–1790) geleitet (Chrysäon, 4. Gesang, Versabschnitt 2 ff.),
– ihn aber auch von himmlischen Höhen \“in müdes Weltgewühle\“ zurückbringt (Chrysäon, 3. Gesang, Versabschnitt 87).

Siehe zum Verständnis der Engel im religiösen Denken von Jung-Stilling auch Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XX f., S. 30 ff. – Vgl. zum Grundsätzlichen Paola Giovetti: Engel, die unsichtbaren Helfer der Menschen, 8. Aufl. Kreuzlingen, München (Hugendubel) 2003 sowie im Internet die Adresse <http://www.himmelsboten.de>.

3 Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Heidelberg durch Erlass des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern (ihm hatte er auch seine medizinische Doktorarbeit gewidmet und auch im März 1772 persönlich zu Mannheim überreicht) vom 31. März 1785 die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992, S. 427.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger manche Bevorzugungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt besonders zum Vorteil gereichte) an Posten, Schildwachen, Stadttoren, Übergängen, Brücken, Fähren sowie an den zu dieser Zeit auch innerlands recht zahlreichen Schlagbäumen vor den Post-, Maut- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II., bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nancy gelegen; ehem. Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt.

In Artikel 6 des Vertrags heisst es genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi, tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg du Rhin (= die Schiffahrts-Rinne) soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin in Regensburg (seit 1663 Sitz des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die ihre (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch besondere günstige Umstände (späterhin kamen auch noch verwandtschaftliche Beziehungen zu Frankreich hinzu: sein Enkel und Thronfolger Karl [1786/1811–1818] heiratete am 7./8. April 1806 zu Paris Stéphanie Louise Adrienne de Beauharnais [1789–1860], die knapp 17jährige Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte, dem Kaiser der Franzosen) vergrösserte Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um mehr das Vierfache; die Bevölkerung stieg von 175’000 auf fast 1 Million Bewohner. Die pfälzische Kurwürde ging auf ihn über; Karl Friedrich wurde damit 1803 vom Markgrafen zum Kurfürsten erhoben.

Wenig später rückte Karl Friedrich durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf. – Die 1818 zur Witwe gewordene Grossherzogin Stéphanie nahm übrigens später wieder den Titel \“Kaiserliche Hoheit“ an.

Mit dem dadurch veranlassten Übergang der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen [seit 1720] Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommerresidenz Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputationsschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuss des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ Hofrat DE JURE PUBLICO automatisch nunmehr zum \“badischen\“ Hofrat.

Anfang April des Jahres 1808 wird Jung-Stilling als Berater des Grossherzogs von Baden (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst betont) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404.

Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen.

Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin; wahrscheinlich die Sankt Galler Autorin und Laientheologin Anna Schlatter, geborene Bernet [1773-1826], mit der Jung-Stilling befreundet war): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergesslichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27.

Bis anhin ist nicht geklärt, wer diese Schrift verfasst hat. Im Vorwort heisst es: \“Euch, ohne Ausnahme Allen, ihr geliebten, bekannten und unbekannten Stillingsfreunden, [so!] die ihr ja auch Christus=Freunde seyd! sind diese Blätter gewidmet. Ihr werdet es nicht lächerlich, nicht unschicklich finden, dass sie so spät erst nach dem Hinscheid [so!] des Unvergesslichen erscheinen, wenn ich euch zum Voraus sage: dass ich, als Weib vorerst Männer ausreden lassen – abwarten wollte mit weiblicher Bescheidenheit, was solche zum Denkmal des Allgeliebten aufstellen würden\“ (Orthographie wie im Original).

Jung-Stilling stand nach seinem selbst gewählten Abschied von der Universität Marburg ab 1803 im Dienst des Hauses Baden; bis zum Tod von Karl Friedrich im Jahr 1811 als dessen persönlicher Berater in geistlichen Sachen.

Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Jung-Stilling am Hofe Karl Friedrichs in Karlsruhe, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Bd. 135 (1987), S. 183 ff., Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 219 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32) sowie zum Verhältnis zwischen beiden Persönlichkeiten auch Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

Karl Friedrich (1728/1746-1811) galt in Karlsruhe gleichsam als Übermensch. Nachdem gelegentlich eines Trauergottesdienstes der gelehrte katholische Stadtpfarrer Dr. Thaddäus Anton Dereser (1757-1827) nicht in den übertriebenen Lobgesang für den Verstorbenen einstimmen wollte, sondern die teilweise rohe und schamlose Ausplünderung der katholischen Einrichtungen unter seiner Herrschaft am Rande einer Predigt ansprach, musste er Karlsruhe unverzüglich verlassen.

Siehe zur Person von Dereser die Broschüre von Joseph Gass: Der Exeget Dereser. Eine geschichtliche Studie. Strassburg (Le Roux) 1915 (mit einem Portrait von Dereser), Franz Xaver Münch: Der äußere Lebensgang des Aufklärungstheologen Thaddäus Anton Dereser. Bonn (Dissertation der Katholisch-Theologischen Fakultät) 1929 (auszugsweise im Druck) sowie Karl-Friedrich Kemper: Artikel \“Dereser, Thaddaeus a Sancto Adama\“, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Bd. 32 (2003), Spalte 222-229.

Siehe zu den unterdrückenden obrigkeitlichen Massnahmen gegen die katholische Kirche unter der Regierungsgewalt der badischen Grossherzöge auch (Franz Joseph Mone [1796-1871]): Die katholischen Zustände in Baden, 2 Bde. Mit urkundlichen Beilagen. Regensburg (Manz) 1841/1843 sowie Carl Bader: Die katholische Kirche im Großherzogthum Baden. Freiburg (Herder) 1860. – Sehr einseitig und unsachlich zur Predigt von Dereser auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 485.

Als Beispiel der bei Hofe genehmen Trauerreden katholischer Geistlicher seien erwähnt
– Bernhard Boll: Trauerrede bey der kirchlichen Todten-Feyer seiner königlichen Hoheit Karl Friedrichs, Großherzogs zu Baden, Herzogs zu Zähringen, gehalten in der Haupt- und Münsterpfarrkirche zu Freyburg den 1. July 1811. Freiburg (Wagner) 1811 (der Zisterzienser und Münsterpfarrer zu Freiburg Bernhard Boll (1756-1836) wurde 1827 erster Erzbischof von Freiburg);
– Gerhard Anton Holdermann]: Beschreibung der am 30ten Juny und 1ten July 1811 zu Rastatt Statt gehabten Trauer-Feyerlichkeit nach dem Hintritte unsers (so!) höchstseligen Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Rastatt (Sprinzing) 1811 oder
– die an Lobpreisungen überladene Rede von Johann Kaspar Adam Ruef (1748-1825): JUSTA FUNEBRIA SERENISSIMO DUM VIVERET AC CELSISSIMO PRINCIPI DIVO CAROLO FRIDERICO MAGNO DUCI BADARUM … DIE 22 JULII 1811 IN TEMPLO ACADEMICO PIISSIMA ET GRATISSIMA MENTE PERSOLVENDA INDICIT JOANNES CASPARUS RUEF. Freiburg (ohne Verlagsangabe) 1811.

Vgl. auch – Gedächtnißreden bey dem Tode Sr. K. Hoheit des Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Gehalten von den Pfarrern der drey christlichen Confessionen zu Mannheim. Mannheim (Schwan) 1811, in der sich der reformierte, lutherische und katholische Geistliche an Lob auf den verstorbenen Karl Friedrich überbieten.

Geradezu bescheiden wirken demgegenüber andere Predigten, wie etwa – Christian Emanuel Hauber]: Kurze Abschilderung Sr. Königlichen Hoheit Carl Friedrichs Grosherzogs (so!) von Baden. Karlsruhe (Macklot) 1811;
– Theodor Friedrich Volz: Gedächtnißpredigt auf den Höchstseeligen Großherzog von Baden Karl Friedrich, gehalten den 30. Junius 1811 in der Stadtkirche zu Karlsruhe. Karlsruhe (Müller) 1811 (Volz [1759-1813]), in Jena 1778 bereits promoviert, bemüht sich erkennbar um die im Rahmen des Anlasses mögliche Sachlichkeit) oder die zahlreichen Zentariums-Reden wie

– Karl Joseph Beck: Rede bei der akademischen Feier des hundertsten Geburtsfestes des Hochseligen Großherzogs Karl Friedrich zu Baden … Gehalten von dem derzeitigen Prorector der Albert-Ludwigs-Hochschule. Freiburg im Breisgau (Wagner) 1828 (Karl Joseph Beck [1794-1838] war Mediziner und Stifter des \“Corps Rhenania\“ in Freiburg) oder
– Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. Mannheim (Schwan & Götz) 1829.

Überspannt auch
– Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. bei der Säcularfeier der Geburt des unvergleichlichen Fürsten den 22. November 1828 gesprochen in Mannheim. Mannheim (Schwan & Götz) 1829 (Brochure); Junker hatte sich als Interpret des Philosophen Epiktet sowie als Schriftausleger einen Namen gemacht.

Geradezu als Heiligen stellt den badischen Herrscher dar
– Karl Wilhelm Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn: Gemälde über Karl Friedrich den Markgrafen, Kurfürsten und Großherzog von Baden. Ein Beitrag zur Säkular-Feier der Geburt des unvergeßlichen Fürsten Mannheim (Schwan und Götz) 1828. Drais (1761–1851) ist der Erfinder des Fahrrads (Laufrads, \“Draisine\“); sein Vater war badischer Oberhofrichter und Karl Friedrich sein Taufpate.

Weithin unkritisch gegenüber den augenfälligen Schattenseiten der Regierung von Karl Friedrich neuerdings auch Annette Borchardt-Wenzel: Karl Friedrich von Baden. Mensch und Legende. Gernsbach (Katz) 2006. Dasselbe gilt für Gerald Maria Landgraf: \“Moderate et prudenter\“. Studien zur aufgeklärten Reformpolitik Karl Friedrichs von Baden (1728-1811), als Download-File bei dem URL <http://epub.uni-regensburg.de/10710/>. Für die Schikanen gegen die katholische Bevölkerung und das dadurch hervorgerufene Leid vieler Menschen hat Landgraf kein Wort übrig.

Bei nachtodlichen Erscheinungen wird Jung-Stilling gewöhnlich mit \“Herr Hofrat\“ angeredet, seltener mit \“Herr Geheimrat\“; siehe die in Anmerkung 1 genannten Berichte. Auch Siona, Schutzengel von Jung-Stilling, nennt diesen Dritten gegenüber \“Hofrat Jung\“. – Der Titel ist hier gleichsam als ein fester Bestandteil des Namens (ADJUNCTIO NOMINIS, wie etwa \“Apostel Paulus\“ oder \“Kaiser Karl\“) zu verstehen, und n i c h t als ehrenvolle Benennung (TITULUS HONORIS, wie er zu Lebzeiten Jung-Stillings mit der Verleihung beabsichtigt war).

\“Stilling\“ ist ein individueller Beiname (APPELLATIO PROPRIA; der Sinn dieser Namenszulegung ist beinebens bis heute noch nicht eindeutig und befriedigend erklärt) und wirkt sehr vertraulich. – \“Ohephiah\“ (= der GOtt liebt) ist der Name von Jung-Stilling in der Seligkeit; siehe (Christian Gottlob Barth): Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817.

4 Stillings-Freund meint zunächst
– Gönner und Förderer von Jung-Stilling und später dann
– Verehrer oder zumindest
– dem Autor gegenüber wohlwollender Leser der Schriften von Jung-Stilling. Der Begriff wurde in diesen beiden Bedeutungen von ihm selbst eingeführt. Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 3), S. 213, S. 441, S. 513, S. 566.
— Auf der anderen Seite gibt es aber auch (bis heute) \“Stillings-Feinde\“; siehe ebendort, S. 316.

Stillings-Freunde gab und gibt es nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern in aller Welt; siehe beispielsweise Maarten van Rhijn: Jung Stilling en Nederland, in: Nederlands Archief voor Kerkgeschiedenis, Bd. 45 (1963), S. 228 ff.

5 Einjeder Christ, der in die Seligkeit eingeht, erhält von GOtt einen neuen Namen, siehe Offb 2, 17. Der besondere Name, mit dem Jung-Stilling im Jenseits beschenkt wurde, ist Ohephiah (= der GOtt liebt). – Siehe hierzu (Christian Gottlob Barth): Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817.

6 Neben einer überragenden Anlage zur Beredsamkeit eignete Jung-Stilling eine \“reine männliche Stimme\“, wie er selbst bestätigt; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 3), S. 662; siehe dort auch S. 296.

7 Siehe Joh 12, 24.

8 Die Washeit (Wesenheit, QUIDDIDAS) eines Seienden bezeichnet näher, welche Bestimmtheit es hat: seine Essenz: was ein Seiendes ausmacht. Die Washeit ist mit anderen Worten die Summe seiner Merkmale, die ein Ding zu dem machen, was es ist. – Siehe hierzu vertiefend und erklärend Alfons Lehmen: Lehrbuch der Philosophie auf aristotelisch=scholastischer Grundlage. Erster Band, 3. Aufl. Freiburg (Herder) 1909, S. 329 ff.

9 Siehe hierzu näher Johann Heinrich Jung-Stilling: Ueber den Revolutions=Geist unserer Zeit zur Belehrung der bürgerlichen Stände. Marburg (Neue Akademische Buchhandlung) 1793 sowie die entsprechenden vielfältigen Aussagen von Jung-Stilling in seiner Lebensgeschichte (Anm. 3) und in der von ihm herausgegebenen Monatsschrift \“Der Volkslehrer\“ (Anm. 19).

10 Fossil = als urweltliches Überbleibsel aus der Erde gegraben; bergmännisch gewonnen. – Siehe zu allen diesen Fragen vertiefend auch Hanspeter Padrutt: Der epochale Winter. Zeitgemässe Betrachtungen. Zürich (Diogenes) 1990 (Diogenes Taschenbuch № 21845).

11 Kambrium = älteste Formation des Erdaltertums (Paläozoikum). Die grossen Sumpfwälder als Grundlage der heutigen Steinkohlen- und Erdölgewinnung entstanden höchst wahrscheinlich drei Formationen später, im Karbon (etwa vor 250 Mio Jahren, mit einer Dauer von gut 50 Mio Jahren).

12 Siehe hierzu Johann Heinrich Jung-Stilling: Sachgerechtes Wirtschaften. Sechs Vorlesungen, neu hrsg. von Gerhard Merk. Berlin (Duncker & Humblot) 1988, S. 17 ff.

13 Fliehkraft (Zentrifugalkraft) = Kraft, die einen krummlinig bewegten Körper von einem Zentrum nach aussen fortzuziehen sucht. Sie entsteht, wenn der Körper durch eine andere Kraft (Zentripetalkraft) aus der gradlinigen Bewegung herausgezwungen wird, wie dies beim Autofahren der Fall ist.

14 Jung-Stilling war bis zu seinem Lebensende auch als (Augen)Arzt tätig; er hatte in Strassburg Medizin studiert. Etwa 3 000 Menschen befreite er durch Operation aus der Blindheit, ohne dafür ein Honorar zu verlangen. Gut 25 000 Menschen dürfte er zeitlebens ophthalmologischen Rat angedient haben.

Siehe hierzu Johann Heinrich Jung-Stilling: Geschichte meiner Saar Curen und Heylung anderer Augenkrankheiten, hrsg. von Gerhard Berneaud-Kötz. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1992. – Vgl. auch Gerhard Berneaud-Kötz: Jung-Stilling als Arztpersönlichkeit. Laienmediziner, Arzt, Augenarzt und Staroperateur, in: Michael Frost (Hrsg.): Blicke auf Jung-Stilling. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1991, S. 19 ff., Gerhard Berneaud-Kötz: Kausaltheorien zur Starentstehung vor 250 Jahren. Eine Auswertung der Krankengeschichten und Operationsprotokolle von Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995 und die dort (S. 95 ff.) angegebene Literatur sowie Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Lexikon Medizin. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996, S. 9 ff.

15 Wahrscheinlich will Stilling hier mit dem Begriff ein Tollhaus oder ein Gefängnis verbinden.

Das Wort \“Insasse\“ geht auf \“sitzen\“ zurück und bedeutet \“Ein=gesessener\“, \“Ein=wohner\“. Der Ausdruck \“Sasse\“ bezeichnet einen angesessenen Dienstmann (heute noch als Familienname), während \“Beisasse\“ (Bewohner einer Stadt ohne Bürgerrechte) und \“Hintersasse\“ (hinter einem [als dessen Pächter] Ansässiger) in ihrer Bedeutung nicht mehr verstanden werden.

16 Gemeint ist hier vermutlich wohl Gerhard Merk: Grundbegriffe der Erkenntnislehre für Ökonomen. Berlin (Duncker & Humblot) 1985. Auf dieses Buch wies Jung-Stilling schon bei früheren Erscheinungen hin. – Über die Dialogizität des Menschen siehe dort S. 62 f. – Der Text ist für den privaten Gebrauch kostenlos downloadbar bei der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/downloads> dort auf \“Erkenntnislehre\“ klicken.

17 Siehe Jung-Stilling-Lexikon Religion (Anm. 2), S. 139 f. (Stichwort \“Schöne, Gute\“).

18 Das Wort \“Skandal\“ kommt über das Lateinische aus dem Griechischen und bedeutet eigentlich das Stellholz in einer Falle, einen Fallstrick, ein Fallnetz.

19 Siehe hierzu Johann Heinrich Jung-Stilling: Gesellschaft, Leben und Beruf. Geschichten aus dem \“Volkslehrer\“. Berlin (Duncker & Humblot) 1990, S. 89 ff., wo sich Jung-Stilling eingehend über die Nützlichkeit des Gehens (vor allem bei jüngeren Menschen) äussert.

20 Siehe Ingeborg Schnack (Hrsg.): Ein Schweizer Student in Marburg 1794/95. Tagebuch des Melchior Kirchhofer aus Schaffhausen. Marburg (Elwert) 1988, S. 80 ff.: ein sehr lehrreicher Bericht über die alljährlichen Exkursionen, die Jung-Stilling mit Studenten von Marburg nach Kassel zu Fuss unternahm.

Von Heidelberg aus (wo er von 1784 bis 1787 an der Universität als Ökonomieprofessor wirkte) besuchte Jung-Stilling in der Regel an jedem Mittwoch mit Studenten Fabriken und landwirtschaftliche Betriebe; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Sachgerechtes Wirtschaften (Anm. 12), S. 91, S. 114. — Bis in sein hohes Alter nahm Jung-Stilling gelegentlich seiner augenärztlichen Reisen die Möglichkeit zu Betriebsbesichtigungen wahr. Auf seiner dritten augenärztlichen Reise in die Schweiz Ende September 1806 machte er beispielsweise in Lahr Station und besichtigte dort \“Tramblers Cichorien Fabrike\“ und \“Lottsbeks Tabaks Fabrike\“; siehe Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 119 (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

21 Siehe hierzu Johann Heinrich Jung-Stilling: Sachgerechtes Wirtschaften (Anm. 12), S. 25 ff., S. 50 ff. sowie Gerhard Merk: Johann Heinrich Jung-Stilling als Landwirt, in: Land, Agrarwissenschaft und Gesellschaft, Bd. 7 (1990), S. 251 ff.

Zu den agrarwissenschaftlichen Grund-Sätzen von Jung-Stilling gehörte es, dass – durch mehr Viehhaltung
– zusätzlicher Mist anfällt; mehr Dung aber
– die Voraussetzung einer Erhöhung der Ernten ist. In verschiedenen Veröffentlichungen zeichnet er diesen natürlichen Kreislauf im einzelnen nach. – Siehe auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe eines reisenden Schweizers über die Einrichtung der Pfälzischen Fruchtmärckte herausgegeben von einem Pfälzischen Patrioten. Aus der Handschrift übertragen und mit Anmerkungen versehen von Anneliese Wittmann. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Schriften, Bd. 6).

22 Wahrscheinlich nimmt Stilling hier Bezug auf Gerhard Merk: Zur Begrenzung der Offensivwerbung. Berlin (Duncker & Humblot) 1977. Darin wird aber nicht die Wirtschaftswerbung generell als schlecht hingestellt! Abgelehnt wird vielmehr nur eine ganz besondere Art der Reklame, die sich dort (S. 17 ff.) von der Informationswerbung (Orientierungswerbung) abgegrenzt findet.

Siehe hierzu auch Ambrosius K. Ruf: Werbung und Ethik, in: Die Neue Ordnung, Bd. 33 (1979), S. 232.

23 Autofahrer-Gruss = mehrmaliges Antippen der Stirn mit dem Zeigefinger in der Bedeutung: \“Sie sind wohl geistesgestört?\“

24 Jung-Stilling schätzt (wohl sehr zurecht) den Einfluss des Zeitgeistes auf das Fühlen und Denken der Menschen hoch ein. – Siehe Belege im Jung-Stilling-Lexikon Religion (Anm. 2), S. 182 f. (Stichwort \“Zeitgeist\“) sowie die in Anm. 9 genannte Schrift über den Revolutionsgeist.

25 Aeroplan = Flugzeug. – Das Wort \“Flugzeug\“ als Eindeutschung setzte sich ab 1910 (auch gegen den neuen Ausdruck \“Flieger\“) durch. In fast allen anderen Sprachen blieb es bei \“Aeroplan\“, wobei das Wort manchmal dem eigenen Sprach-Rhythmus angeglichen wurde (wie etwa \“airplane\“ im Englischen).

Siehe zur Luftfahrt in der Beurteilung von Jung-Stilling auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Gesellschaft, Leben und Beruf (Anm. 19), S. 182 f.

26 Jung-Stilling erinnert in seinen ökonomischen Lehrbüchern und Aufsätzen immer wieder an die Tatsache, dass regelmässiger Warenaustausch (und damit eine ökonomische Integration von Räumen) zuverlässige Verkehrswege voraussetzt. Er tritt daher für den Ausbau des Strassennetzes, für den Kanalbau und besonders für den Rhein-Donau-Kanal ein; siehe Jung-Stilling-Lexikon Wirtschaft. Berlin (Duncker & Humblot) 1987, S. 127.

27 Siehe hierzu vor allem Johann Heinrich Jung, genannt Stilling: Vertheidigung gegen die schweren Beschuldigungen einiger Journalisten. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1807 sowie auch Johann Heinrich Jung genannt Stilling: Apologie der Theorie der Geisterkunde veranlasst durch ein über dieselbe abgefasstes Gutachten des Hochwürdigen geistlichen Ministeriums zu Basel. Als Erster Nachtrag zur Theorie der Geisterkunde. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1809.

Die letztgenannte Schrift von Jung-Stilling liegt kommentiert im Neudruck vor; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades. Wahre und falsche Ansichten, hrsg. und eingel. von Gerhard Merk. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 2). – Jung-Stillings Originalwerk hat im Titel \“Geister=Kunde\“ (mit [dem damals üblichen doppelten] Bindestrich). Die darauf bezüglichen Schriften schreiben in aller Regel \“Geisterkunde\“ (in einem einzigen Wort).

Vgl. neuerdings auch Martin Landmann: Ahnungen, Visionen und Geistererscheinungen nach Jung-Stilling. Eine ausdeutende Untersuchung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995. Darin werden die Lehren von Jung-Stilling wissenschaftlich überprüft. – Die Studie ist unter dem Titel \“geistererscheinungen.pdf\“ in die Download-Files \“Nachtodliche Belehrungen zur Theologie\“ bei <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> eingestellt (ohne die in der Druckausgabe beigegebenen Abbildungen und ohne das Register).

28 Siehe Treugott Stillingsfreund: Erscheinungen im Siegerland. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1987, S. 62 ff.

Hierin wird sehr treffend beschrieben, wie Ärzte bei Visiten am Krankenbett sich ganz auf die
(– wie zustande gekommenen?,
– wie zu interpretierenden?,
– welchen Grad von Gewissheit besitzenden?) Messwerte konzentrieren, und wie sie den Patienten selbst kaum eines Blickes würdigen.
– Nicht also der Erfahrungsgegenstand (= der Kranke) steht im Mittelpunkt, sondern ein Abbild dessen, nämlich die vordergründig messbare (und nur die!) körperliche Funktionen. Sie allein bilden den Erkenntnisgegenstand.

29 In seinen Lehrbüchern zeichnet sich Jung-Stilling in allem durch einen sehr realistischen Blick für sämtliche Erscheinungen des ökonomischen und sozialen Lebens aus. Besonders gut zum Ausdruck kommt dies bei Johann Heinrich Jung: Lehrbuch der Staats=Polizey=Wissenschaft. Leipzig (Weidmannische Buchhandlung) 1788 sowie bei Johann Heinrich Jung: System der Staatswirthschaft. Erster Theil welcher die Grundlehre enthält. Marburg (neue academische Buchhandlung) 1792 sowie bei den einzelnen Stichwörtern im Jung-Stilling-Lexikon Wirtschaft (Anm. 26).

30 Jung-Stilling spricht hier wahrscheinlich den Zweiten Hauptsatz der Wärmelehre an. Er sagt aus, dass bei einer Wärmekraftmaschine nur ein kleiner Teil der hineingesteckten Wärmeenergie in Form von mechanischer Arbeit an der Welle der Maschine abgenommen werden kann und drückt den höchsterreichbaren Wirkungsrad in einer dem Physiker bekannten Formel aus.

31 Jung-Stilling selbst legt dem Engel Siona weibliches Geschlecht bei; siehe Anm. 2.

32 Salen heisst in der Lebensgeschichte von Jung-Stilling die Stadt Siegen im ehemaligen Fürstentum Nassau-Siegen, heute zum Bundesland Nordrhein-Westfalen der Bundesrepublik Deutschland gehörend. In ihrer Nähe ist Jung-Stilling geboren und aufgewachsen; siehe die einleitende Anmerkung. – Das Fürstentum Nassau-Siegen nennt Jung-Stilling in seinem 1785 erschienenen Roman \“Theobald oder die Schwärmer\“ Grafschaft Leisenburg.

Siehe auch Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. 4 ff. sowie (mehr die innere Entwicklung von Jung-Stilling feinfühlig beschreibend) Otto W. Hahn: \“Selig sind, die das Heimweh haben.\“ Johann Heinrich Jung-Stilling: Patriarch der Erweckung. Giessen, Basel (Brunnen) 1999 (Geistliche Klassiker, Bd. 4).


A motor-fool is a child with edged weapons.
He hurts himself and puts others in pain.



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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