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Verfremdete Kirche

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Eine insonders bedeutungsvolle und vorab für aufgeklärte, lichtfreundliche Zeitgenossen, aber auch – nach deren Zweifels ohne absehbarem Hintritt – für künftig nieden Lebende allermassen lehrreiche, höchlich nutzige nachtodliche Unterweisung durch den hochgelehrten, lebenserfahrenen und unvergessenen Herrn

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817),
der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor,
seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübertragung ab 1803 Badischer Hofrat und durch Verleihung ab 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat,

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg/Lahn und dort auch Lehrbeauftragter für operative Ophthalmologie an der Medizinischen Fakultät; davor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Tiermedizin – an der Universität Heidelberg und vordem seit 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern;

weiland Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld, dort seit 1772 auch Arzt für Allgemeinmedizin, Geburtshilfe, Augenheilkunde und seit 1775 staatlich bestellter Brunnenarzt sowie Lehrender in Physiologie; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Königlichen Sozietät der Wissenschaften in Frankfurt/Oder, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie seit 1781 bis zum Verbot der Geheimgesellschaften im kurpfälzisch-bayrischen Herrschaftsgebiet im Juli 1784 der erlauchten
Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied.

Bei Nachhauskunft unter Hintanlassung alles Übrigen ohngesäumt niedergeschrieben, hernach dank zutätiger englischer Handbietung ämsig beflissen gereimt, jetzt auch zur Befrohlockung der Stillings-Freunde nah und fern sowie auch gemeinen Nutzens zu gut geflissentlich in das Internet gestellt, dabei alle Leser mit freundwilligem Gruss gÖttlicher getreuer Obhalt und Verwahrung sowie treusorgenden englischen Schutzes wärmstens empfehlend
von
Duldstill Ihrenspott
zu Lichthausen, in der Grafschaft Leisenburg*

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Markus-Gilde, Siegen

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Die gewerbliche Nutzung des nachstehenden Textes bedarf der schriftlichen Einwilligung der löblichen Markus-Gilde

mailto: merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de


Begegnung an der Universitäts-Bibliothek Heidelberg


Zu Heidelberg ging ich vorbei
Am Haupteingang der Bücherei
Im Plöck, nur etwa fünfzig Meter
Gelegen jenseits von Sankt Peter,
Als jemand in gelenkem Schritt
Die Treppe just heruntertritt
Und mir den Weg grad so verstellt,
Als ob es mich zu stoppen gält.

Erzürnt sah ich den Herrn mir an,
Der klar mich anzurempeln sann.
Wie war jedoch mein Staunen gross
Dass dieser Mann ganz zweifellos
Erwies sich zur Erleichterung
Als Hofrat Johann Heinrich Jung!1

\“Ich sah, Herr Duldstill, euch so eilen,
Wie Sprinter machen dies zuweilen.
Verzeiht, dass ich euch aufhielt hier!
Wohin denn wollt so eilends ihr?\“ –

\“Vorab, Herr Hofrat2, möchte ich
Zutiefst dafür bedanken mich,
Dass sie mir in die Quere traten:
Vom Jenseits sich mir heute nahten.

Sie haben recht: ich geh zu schnell!
Ich leiste Folge dem Appell
Und richte gleich die Schritte ein,
Wie Gehen sollte üblich sein.
Doch gern ich eine Antwort sage
Auf ihre just gestellte Frage.


Vortrag über Verpolitisierung der Kirche


Ein Hauskreis hat mich eingeladen.
Um einen Vortrag sie mich baten:
Wie heute es dem Antichrist
Voll Tücke schon gelungen ist,
Die Landeskirchen bass zu schwächen,
In ihre Mitte einzubrechen.

Es ziehen sich aus diesem Grunde
Zurück in die Versammlungs-Runde
Sehr viele ächte, wahre Christen:
Entgehen so des Teufels Listen.\“ –

\“Mir schmeckte diese Melodie
Bereits zu meinen Tagen nie.3
Sie so zu singen wie ihr heute,
Erst recht ich mich doch weidlich scheute.

Sind denn die Kirchen hierzuland
Vom Satan wirklich überrannt?
Mir scheint das starke Übertreibung,
Doch keine Wirklichkeits-Beschreibung!\“ –

\“Herr Hofrat Jung: sie sind naiv!
Von Kopf zu Fuss liegt Kirche schief.
Politisiert sind die Synoden:
Die Übermacht liegt bei den Roten.

Was dort beantragt, diskutiert,
Verfolgt, erörtert und studiert,
In Arbeitsgruppen nachbereitet,
Dem Plenum wieder ausgebreitet,
Erneut in Diskussion genommen,
Zerredet, bis es ganz verschwommen;

Drum in den Ausschuss wieder geht,
Der wendet, flickt, entstellt und dreht,
In dunkle Sätze dann es fasst
Dass jedem zusagt es und passt,
(Gespickt mit Wörtern rätselhaft:
‚Struktur‘, ‚Konzept‘ gleich massenhaft;
In jedem Satz auch ‚Relevanz‘
Samt ähnlich dummen Firlefanz),
Hat meist mit Gottes Wort zu tun
So viel wie Füchse mit dem Huhn.

Die Kirchenleitung ist durchsetzt
Mit linksig Glaubenslosen jetzt:
Verklemmt-verbohrten Assistenten,
Erfahrungslosen Referenten
Und Kirchenpräsidenten, die
Im Pfarrdienst sich bewährten nie.

Ein Viertel höchstens Theologen:
Juristen meist und Soziologen,
Die reden von ‚Mitmenschlichkeit‘,
Vom Friedensreich in dieser Zeit
Durch Umsturz, Kampf, Revolution,
Gezänk nebst Emanzipation,
Die Freiheit, Gleichheit, Brüderschaft:
Ein Paradies auf Erden schafft.

Die Bibel gilt als Sagenbuch;
Verpönt wird der Missions-Versuch,
Der frommer Heiden Sitten stört,
Zum Ausbeutungs-Geschäft gehört.

In Ortsgemeinden, Kirchen-Kreisen
Bewegt man sich auf diesen Gleisen
Noch rigoroser vorwärts meist:
Gebärdet stürmisch sich und dreist,
Wiewohl kaum vier Prozent bei Wahlen
Bestätigten die Synodalen.

Als Beispiel, wie die Taktik dort
Und wie missbraucht wird GOttes Wort,
Will ich aus einer Stadt berichten,
Die sie, Herr Hofrat, fromm bedichten.
Sie glauben, ja: sie ahnen nicht,
Worüber dort der Pfarrer spricht!\“ –

\“Herr Duldstill\“, Stilling unterbrach,
\“Genug des Klagens allgemach!
Nicht besser schien’s zu meiner Zeit:
Bloss Neologen weit und breit.4

Doch nun kann wohl erkennen ich,
Den Kern der Kirche innerlich:
Geist GOttes hat hier Lagerstatt,
Wie JEsus ihn verheissen hat.5
In diese Mitte einzudringen,
Wird niemand, nimmer je gelingen!

Doch jetzt will über Kirche ich
Nicht weiter zu euch äussern mich.
Nur warnen möchte ich euch sehr
Vor einer Haltung folgenschwer:

Den Auszug offen oder leise
Aus unsrer Kirche reihenweise;
Verpflanzung der agilen Schicht
In Konventikel, die sich nicht
Bekümmern um die grosse Masse,
Selbst bilden eine eigne Klasse
Erweckter, Frommer, Bibeltreuer,
Entflammt, verzehrt vom Pfingsten-Feuer,
Doch scharf umgrenzt und separiert,
Was Stolz und Dünkel rasch gebiert.6


Sondergruppen innert der Kirche sind nützlich


Ich halte es für recht und gut,
Wenn man sich auch zusammentut
In Hausgemeinden und in Kreisen,
Die Menschen eng zusammenschweissen.

Daraus jedoch entquellen muss
Ein starker, tiefer, breiter Fluss
Von Tatkraft und Begeisterung,
Der unsre Kirchen hält in Schwung.
Sowie ein Kreis geflissentlich
Bekümmert ist nur noch um sich,
Bringt Schaden er der Kirche bloss,
Macht Schwache darin heimatlos.


Mahnung an separatistischen Kreis


Der Kreis, zu dem, Herr Duldstill, ihr
Gerade auf dem Weg seid hier,
Ist leider einer von der Art,
Der abgesondert sich gebart.

Ich bitte euch: macht denen klar,
Dass dies für alle bringt Gefahr.
Zeigt auf, dass dann ein Kreis bloss gut,
Wenn er für alle etwas tut.
Bewegt die Leute, dass sie sich
Doch öffnen mögen brüderlich
Auch denen, die als ‚Namens-Christen‘
Verächtlich sind den Pietisten!
Dass Duldsamkeit gewinnt den Sieg,
Ist Wunsch auch meines Freundes Mieg.\“7


Jung-Stilling entzieht sich


Just wollte Stilling ich versprechen,
Zu nennen offen die Gebrechen,
Die Konventikel in sich bergen,
Als plötzlich musste ich bemerken,
Wie Stilling dort, wo er noch stand,
Vom Boden abhob und verschwand.8

Die Stufe, wo er stand vorher,
Erwies sich frei nun: blank und leer.
Zuvor fiel zuckend mehrmals ein
Auf diesen Ort noch bleicher Schein,
Wie er sich zeigt, wenn voller Mond
Nachts über glattem Wasser thront,
Auch wie er silbern reflektiert
Auf Flächen, die der Schnee noch ziert.
Zuletzt sah ich noch einen Strahl:
Erst bläulich, darauf milchig-fahl.


Kirchenrat Johann Friedrich Mieg zeigt sich


Noch schaute staunend ich nach dort,
Wo Stilling eben schwebte fort,
Als just die Stufen aufwärts stieg
Jung-Stillings Weggenosse Mieg.7

Vorm Eingang drehte er sich um,
Sah hold mich an, blieb aber stumm
Und winkte mir nur lächelnd zu,
Entzog dem Blick sich drauf im Nu.


Vortrag wird schlecht aufgenommen


Mein Vortrag kam recht kläglich an.
Man zieh mich, ich sei ganz im Bann
Des Bösen, dessen Sitz ja sei
In Landeskirchen zweifelsfrei.
Ich sei ein ‚falscher Bruder‘ gar,
Der bringe Fromme in Gefahr.
Gelungen war es mir mitnichten,
Die Botschaft Stillings auszurichten.
Gescheitert schien mein Tageswerk
Betrübt verliess ich Heidelberg.


Protokoll im Zug, Verse durch Siona


Im Zug nach Hause schrieb ich nieder,
Was hier in Jamben liest man wieder:
Siona9 fasste es in Reime,
Auf dass im Herz es besser keime.
Denn vielerlei spricht klar dafür,
Dass alle haben ein Gespür
Für Vers und Reim, die dieses lesen,
Weil musisch sie im inneren Wesen.

Gedankt dafür dem Engel sei;
Auch Stilling, der sich liess herbei
Zu kreuzen meinen Weg aufs neue,
Dass er durch Weisung uns erfreue.


Quelle weiterer Belehrung


Wer aber wähnt, des darf nicht sein,
Dass heut Verstorbne tauchen ein
In Leib-Gestalt nochmals auf Erden
Und deutlich auch gesehen werden,
Der lese fleissig die Befunde
In Stillings Werk zur Geisterkunde.1
Auch sind an Einsicht überreich
Die \“Szenen aus dem Geisterreich\“.6

Wem aber alles nicht gefällt,
Wer dies für Sums und Unsinn hält,
Der schimpfe nicht auf Welt und GOtt,
Doch laut auf Duldstill Ihrenspott,
Dem gleichgültig und einerlei
Sind Lästerung und Wutgespei.


Anmerkungen, Hinweise und Quellen


* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); – Œ durch Erbfolge ab 1743 Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen); –  im Zuge der territorialen Neuordnung Deutschlands durch den Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); – Ž nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 an bis heute Bestandteil des Kreises Siegen-Wittgenstein des Regierungsbezirks Arnsberg im Bundesland Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf).

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register).

Lichthausen = bei Jung-Stilling die ehemalige selbständige, durch den Bergbau geprägte Gemeinde Littfeld im vormaligen Fürstentum Nassau-Siegen; seit 1. Januar 1969 Teil der Stadt Kreuztal im Kreis Siegen-Wittgenstein. Durchflossen wird der Ort von der rund 13 Kilometer langen Littfe, einem wasserreichen Zufluss in den rund 24 Kilometer langen Ferndorfbach, der seinerseits ein rechten Nebenfluss der Sieg ist und im Zentrum von Siegen-Weidenau in die Sieg mündet. – Die Littfe ihrerseits wird im Ortsgebiet von Littfeld von Osten durch den Heimkäuser Bach (offizieller Name im Gewässerverzeichnis des Landes NRW: Die Heimkaus, 4,7 Kilometer lang) und von Westen durch den Limbach (2,1 Kilometer lang) gespeist.

Der Name Littfeld leitet sich ab aus dem keltischen Wort \“Let\“ für \“Lehm\“. Die in vielen Gewässernamen der Gegend vorzufindende Endsilbe \“-phe\“ ist die sprachlich abgeschliffene Form von \“apha“ = der Bach.

Aus Littfeld kam die Mutter Johanna Dorothea Fischer (1717-1742) von Jung-Stilling; dort wirkte auch sein Patenonkel Johann Heinrich Jung. – Siehe zu dieser herausragenden Persönlichkeit Gerhard Merk: Oberbergmeister Johann Heinrich Jung (1711-1786). Ein Lebensbild. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989.

Im wirtschaftsgeschichtlich in vieler Hinsicht bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 1) geboren, herangewachsen und dort hat auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Professor Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit (= Philosophie) und Arzneikunde (= Medizin) Doktor. – Siehe zum Wiedereintritt Verstorbener in diese Welt Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so!). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralanti-quariat der DDR] 1987), S. 220 ff.; das Werk erschien seit seiner Erstveröffentlichung in zahlreichen anderen Nachdrucken und Ausgaben. Es wurde auch ins Schwedische, Niederländische, Englische und (noch 1861) ins Französische übersetzt.

Bei nachtodlichen Erscheinungen von Jung-Stilling wir dieser mit \“Herr Hofrat Jung\“, seltener mit \“Ohephiah\“ (= der GOtt liebt) angesprochen. Bei dieser Anrede handelt es sich um den Namen, welchen Jung-Stilling im Jenseits erhielt; siehe [Christian Gottlob Barth:] Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817.

Siehe auch Martin Landmann: Ahnungen, Visionen und Geistererscheinungen nach Jung-Stilling. Eine ausdeutende Untersuchung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, als Download-File kostenlos unter der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> abrufbar.

2 Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Heidelberg durch Erlass des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern vom 31. März 1785 die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 2), S. 427.

Jung-Stilling hatte dem Wittelsbacher Kurfürsten 1772 seine an der Universität Strassburg eingereichte medizinische Doktorarbeit gewidmet und im März 1772 dem Kurfürsten bei Hofe zu Mannheim persönlich überreicht. Diese trägt die Aufschrift \“SPECIMEN DE HISTORIA MARTIS NASSOVICO-SIEGENENSIS\“; sie beschäftigt sich mit der Geschichte des Eisenerzeugung im Fürstentum Nassau-Siegen. – Mars = hier: FERRUM, QUIA ROMANIS OLIM FERREUS MARS FUIT; siehe zur älteren Metall-Lehre übersichtlich, in drei Thesen geordnet Anton Lütgens: METALLORUM NATURAM ET DIFFERENTIAS EXPLICANS DISSERTATIO PHYSICA. Kiel (Barthold Reuther) 1707.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger mancherlei Vergünstigungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt insonders zum Vorteil gereichte) an Wegschranken, Posten, Schildwachen, Stadttoren, Fähren, Übergängen, Brücken sowie an den seinerzeit auch innerlands unzähligen Schlagbäumen vor Post-, Maut- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II. bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die dauernde Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [französisch: Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt.

In Artikel 6 des Vertrags heisst es im einzelnen genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi (nämlich Franz II, der letzte Kaiser des alten Reichs; er legte nach Bildung des Rheinbundes am 6. August 1808 die deutsche Kaiserkrone nieder), tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg du Rhin (= die Schiffahrts-Rinne) soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin zu Regensburg (seit 1663 der Tagungsort des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die ihre (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch besondere günstige Umstände (verwandtschaftliche Beziehungen zu Frankreich traten später hinzu: sein Enkel und Thronfolger Karl [1786/1811–1818] heiratete am 6./7. April 1806 zu Paris Stéphanie de Beauharnais [1789–1860], die 17jährige Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte) vergrösserte Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um mehr das Vierfache; die Bevölkerung stieg von ungefähr 175’000 auf fast 1 Million Bewohner. Die pfälzische Kurwürde ging auf ihn über; Karl Friedrich wurde damit 1803 vom Markgrafen zum Kurfürsten (Recht, den Kaiser mitwählen [küren] zu dürfen) erhoben. – Wenig später rückte er durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf.

(g) Mit dem Besitzwechsel der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der [seit 1720] neuen Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommer-Residenz Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputations-Hauptschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuß des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ Hofrat DE JURE PUBLICO automatisch nunmehr zum \“badischen\“ Hofrat.

Anfang April des Jahres 1808 wird Jung-Stilling dann als persönlicher Berater des Grossherzogs von Baden (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst betont) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404.

Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. – Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergesslichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27.

Jung-Stilling stand nach seinem, aus eigener Entscheidung gewählten Abschied von der Universität Marburg ab 1803 im Dienste des Hauses Baden. – Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Jung-Stilling am Hofe Karl Friedrichs in Karlsruhe, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Bd. 135 (1987), S. 183 ff., Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 219 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32) sowie zum Verhältnis zwischen beiden Persönlichkeiten auch Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

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Karl Friedrich galt in Karlsruhe gleichsam als Übermensch. Als gelegentlich eines Trauergottesdienstes der katholische Stadtpfarrer Thaddäus Anton Dereser (1757-1827) nicht in den übertriebenen Lobgesang für den Verstorbenen einstimmen wollte, sondern am Rande der Predigt auch die teilweise rohe und schamlose Ausplünderung der katholischen Einrichtungen unter seiner Herrschaft ansprach, musste er Karlsruhe unverzüglich verlassen. – Siehe zu den unterdrückenden obrigkeitlichen Massnahmen gegen die katholischen Mitbürger unter der Regierungsgewalt der badischen Grossherzöge auch (Franz Joseph Mone:) Die katholischen Zustände in Baden, 2 Bde. Mit urkundlichen Beilagen. Regensburg (Manz) 1841/1843 und überaus einseitig und unsachlich zur Predigt von Dereser auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 485.

Als Beispiel der bei Hofe zu Karlsruhe genehmen Trauerreden katholischer Geistlicher seien erwähnt –  Bernhard Boll: Trauerrede bey der kirchlichen Todten-Feyer seiner königlichen Hoheit Karl Friedrichs, Großherzogs zu Baden, Herzogs zu Zähringen, gehalten in der Haupt- und Münsterpfarrkirche zu Freyburg den 1. July 1811. Freiburg (Wagner) 1811 (der Zisterzienser und Münsterpfarrer zu Freiburg Bernhard Boll (1756-1836) wurde 1827 erster Erzbischof von Freiburg); –  [Gerhard Anton Holdermann]: Beschreibung der am 30ten Juny und 1ten July 1811 zu Ratsatt Statt gehabten Trauer-Feyerlichkeit nach dem Hintritte unsers (so!) höchstseligen Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Rastatt (Sprinzing) 1811. Holdermann (1772–1843) war katholischer Pfarrer zunächst in Heidelberg und bis 1829 in Rastatt.

Als elektronische Ressource im Rahmen der \“Freiburger historischen Bestände–digitalisiert\“ ist einsehbar –  die in lateinischer Sprache vorgetragene, an Lobpreisungen überladen-theatralische Rede von Johann Kaspar Adam Ruef (1748-1825): JUSTA FUNEBRIA SERENISSIMO DUM VIVERET AC CELSISSIMO PRINCIPI DIVO CAROLO FRIDERICO MAGNO DUCI BADARUM … DIE 22 JULII 1811 IN TEMPLO ACADEMICO PIISSIMA ET GRATISSIMA MENTE PERSOLVENDA INDICIT JOANNES CASPARUS RUEF. Freiburg (Herder) 1811. – Ruef war Professor des katholischen Kirchenrechts an der Universität Freiburg, Oberbibliothekar und (wie Jung-Stilling seit 1806) Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat.

Gleichsam als Heiligen sieht den Verstorbenen –  Aloys Wilhelm Schreiber: Lebensbeschreibung Karl Friedrichs Großherzog von Baden, 1728–1811. Heidelberg (Engelmann) 1811 (Schreiber [1761–1841]) war seit 1805 Professor für Ästhetik in Heidelberg und ab 1813 bis zu seiner Pensionierung Hofgeschichtsschreiber in Karlsruhe)

Vgl. auch –  Gedächtnißreden bey dem Tode Sr. K. Hoheit des Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Gehalten von den Pfarrern der drey christlichen Confessionen zu Mannheim. Mannheim (Schwan) 1811 (Brochure), in der sich der reformierte, lutherische und katholische Geistliche an Lob auf den verstorbenen Karl Friedrich offenkundig überbieten.

Geradezu bescheiden wirken demgegenüber andere Predigten, wie etwa –  [Christian Emanuel Hauber]: Kurze Abschilderung Sr. Königlichen Hoheit Carl Friedrichs Grosherzogs (so!) von Baden. Karlsruhe (Macklot) 1811 (Brochure); –  Theodor Friedrich Volz: Gedächtnißpredigt auf den Höchstseeligen Großherzog von Baden Karl Friedrich, gehalten den 30. Junius 1811 in der Stadtkirche zu Karlsruhe. Karlsruhe (Müller) 1811 (Brochure). Volz [1759-1813]), in Jena 1778 bereits promoviert, bemüht sich erkennbar um die im Rahmen des Anlasses mögliche Sachlichkeit.

Aufgebläht, schwulstig und völlig kritiklos sind auch viele der zahlreichen Zentariums-Reden auf Karl Friedrich von Baden, wie –  Karl Joseph Beck: Rede bei der akademischen Feier des hundertsten Geburtsfestes des Hochseligen Großherzogs Karl Friedrich zu Baden … Gehalten von dem derzeitigen Prorector der Albert-Ludwigs-Hochschule. Freiburg im Breisgau (Wagner) 1828. Karl Joseph Beck (1794-1838) war Mediziner und Stifter des \“Corps Rhenania\“ in Freiburg.

Überspannt auch –  Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. Bei der Säcularfeier der Geburt des unvergleichlichen Fürsten den 22. November 1828 gesprochen in Mannheim. Mannheim (Schwan & Götz) 1829 (Brochure); Junker hatte sich als Interpret des Philosophen Epiktet sowie als Schriftausleger einen Namen gemacht.

Beinahe als Halbgott stellt den badischen Herrscher dar –  Karl Wilhelm Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn: Gemälde über Karl Friedrich den Markgrafen, Kurfürsten und Großherzog von Baden. Ein Beitrag zur Säkular-Feier der Geburt des unvergeßlichen Fürsten. Mannheim (Schwan und Götz) 1828 (Drais [1761–1851] gilt als der Erfinder des Fahrrads (Laufrads, \“Draisine\“); sein Vater war badischer Oberhofrichter und Karl Friedrich sein Taufpate).

Weithin unkritisch gegenüber den Schattenseiten der Regierung von Karl Friedrich neuerdings auch Annette Borchardt-Wenzel: Karl Friedrich von Baden. Mensch und Legende. Gernsbach (Katz) 2006. – Ebenso blendet Gerald Maria Landgraf (Moderate et prudenter, Studien zur aufgeklärten Reformpolitik Karl Friedrichs von Baden [1728-1811] Dissertation Universität Regensburg 2008, im Internet abrufbar) die Schattenseiten gerade der Religionspolitik des Fürsten aus.

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Bei nachtodlichen Erscheinungen wird Jung-Stilling gewöhnlich mit \“Herr Hofrat\“ angeredet, seltener mit \“Herr Geheimrat\“; siehe die in Anmerkung 2c genannten Berichte. Auch Siona, Schutzengel von Jung-Stilling, nennt diesen Dritten gegenüber \“Hofrat Jung\“. – Der Titel ist hier gleichsam als ein fester Bestandteil des Namens (ADJUNCTIO NOMINIS, wie etwa \“Apostel Paulus\“ oder \“Kaiser Karl\“) zu verstehen, und n i c h t als ehrenvolle Benennung (TITULUS HONORIS, wie er zu Lebzeiten Jung-Stillings mit der Verleihung beabsichtigt war).

\“Stilling\“ (= ein friedfertiger, verträglicher Mensch) ist ein individueller Beiname (APPELLATIO PROPRIA; der Sinn dieser Namenszulegung ist beinebens bis heute noch nicht eindeutig und befriedigend erklärt; Jung-Stilling äussert sich selbst dazu nicht) und wirkt sehr vertraulich.

3 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen herausgegeben von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), 1992, S. 345 sowie Johann Heinrich Jung-Stilling: Die Theodicee des Hirtenknaben als Berichtigung und Vertheidigung der Schleuder derselben. Frankfurt (Eichenbergische Erben) 1776, S. 18 f.

4 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 3), S. 621.

5 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Antwort durch Wahrheit in Liebe auf die an mich gerichteten Briefe des Herrn Professor Sulzers in Konstanz über Katholicismus und Protestantismus. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) S. 73 f, S. 77 f. sowie S. 117.

6 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999, S. 199 f. sowie Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 3), S. 291 und S. 342.

7 Kirchenrat Johann Friedrich Mieg (1744–1819), lange Jahre Pfarrer an der Heiliggeistkirche in Heidelberg, war mit Jung-Stilling eng befreundet. Das kinderlose Ehepaar Mieg hatte eine Tochter von Jung-Stilling (Lisette [1786–1802] aus zweiter Ehe mit Selma von St. George) als Pflegekind aufgenommen. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 3), S. 778 (Register, Stichwort \“Mieg\“) sowie Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795–1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 299.

Als Jung-Stilling 1806 seine Familie von Heidelberg nach Karlsruhe umsiedelte (sein Gönner, der Grossherzog Karl Friedrich, wollte Jung-Stilling ständig um sich haben), nahm Kirchenrat Mieg dessen Tochter Caroline (1787-1821), aus der zweiten Ehe von Jung-Stilling mit Selma von St. George (1760-1790), für eine zeitlang bei sich zu Hause in Heidelberg auf; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 376.

Unter dem Namen \“Epictet\“ war Kirchenrat Mieg in \“Utica\“ (so wurde in Kreisen der Eingeweihten die Stadt Heidelberg genannt) einer der führenden Köpfe der Illuminaten. Nach Studien in Herborn, Heidelberg und Den Haag wirkte Mieg zunächst ab 1767 als niederländischer Gesandtschaftsprediger in Wien. Dort trat er 1773 der Loge \“Zu den drei Adlern\“ bei.

Mieg übersiedelte 1776 nach Heidelberg, wo er neben zahlreichen eigenen Publikationen auch die Zeitschrift \“Rheinischer Zuschauer\“ mit herausgab; siehe Wilhelm Kreutz: Der \“Rheinische Zuschauer\“ (1778). Ein rheinisch-pfälzisches Aufklärungsjournal, in: Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Literatur und Kultur im deutschen Südwesten zwischen Humanismus und Aufklärung. Neue Studien, Walter E. Schäfer zum 65. Geburtstag gewidmet (= Chloe. Beihefte zum Daphnis, Bd. 22). Amsterdam 1995, S. 373 ff.

Mehr zu den Aktivitäten von Johann Friedrich Mieg als Freimaurer und Illuminat bei Wilhelm Kreutz: Die Illuminaten des Rheinisch-Pfälzischen Raums und anderer außerbayrischer Territorien. Eine \“wiederentdeckte\“ Quelle zur Ausbreitung des radikal aufklärerischen Geheimordens in den Jahren 1781 und 1782, in: Francia – Forschungen zur Westeuropäischen Geschichte, Bd. 18/2 (1991), S. 117, S. 120 f.

Jung-Stilling nennt diese, jeder Offenbarung gegenüber ablehnend eingestellte und damit antichristliche Geheimgesellschaft eine \“menschenfeind-liche, verabscheuungswerthe und des strengen göttlichen Gerichts würdige Anstalt\“; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Wichtige Berichtigung einer Stelle des ersten Aufsatzes im vierten Stück des vierten Bandes der Eudämonia, über die neuren (so) Arbeiten des Illuminatismus im katholischen Deutschland, in: Eudämonia, oder deutsches Volksglück, ein Journal für Freunde von Wahrheit und Recht, Bd. 5 (1797), S. 465 f.

Es ist indessen als sehr wahrscheinlich anzunehmen, dass Jung-Stilling die wahre innere Geisteshaltung seines Freundes Mieg nicht durchschaute, oder vielleicht doch diese tolerierte. – Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Affinität und Aversion. Jung-Stillings Verhältnis zum Freimaurertum und zum Illuminatenorden, in: Erich Mertens (Hrsg.): Auf den Spuren von Jung-Stilling (Klose-Festschrift). Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1998, S. 53.

Vergessen ist Mieg heute weithin als Linguist, der sich für die Förderung der Muttersprache auch bei den (zu seiner Zeit noch oft Latein oder Französisch bevorzugenden) Zeitgenossen nachhaltig einsetzte. Siehe seine klar geschriebene und argumentativ überzeugende Abhandlung: Ueber das Studium der Sprache, besonders der Muttersprache. Abhandlung in der Kurpfälzischen teutschen Gesellschaft in denen Iahren (so, also mit grossem i) 1779-1781 vorgelesen von ihrem Mitglied Johann Friedrich Mieg. Frankfurt am Main (Esslingersche Buchhandlung) 1782.

Dass Kirchenrat Mieg mit der deutschen Sprache sehr gut umzugehen wusste, bezeugen mehrere seiner Reden; siehe etwa: Johann Friedrich Mieg: Jubelrede, bei der Feier der fünfzigjährigen Regierung unsers gnädigsten Churfürsten und Herrn, Carl Theodors, Churfürsten von der Pfalz und Baiern. Uiber (so, also mit u und i) Psalm. LXI.7.8.9 in der heiligen Geist-Kirche den 31. Dezember 1792 vorgetragen. Heidelberg (Klingelhöfer) 1792 (Brochure).

8 Siehe Apostelgeschichte, Kapitel 1, Vers 6.

9 Schutzengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Er zeigte sich diesem zu dessen irdischer Zeit, nahm ihn von dort ins Jenseits mit und schrieb auch für ihn. – Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999, S. 220 ff. (S. 279: \“Siona hatte mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert\“).

Sion (hebräisch = der von der Sonne bestrahlte Berg; die Hochwarte) war ursprünglich die Bezeichnung für –  den Hügel, auf welchem die Burg und Stadt Davids (die königliche Residenz) und –  dann später der Tempel mit der Bundeslade stand. –  Im weiteren Sinne bedeutet Sion, namentlich bei den Propheten, das ganze Jerusalem als heilige Stätte, von welcher die Kirche und mit ihr das Heil über alle Völker ausgehen sollte. Sion ist darum oftmals Urbild, Symbol, Repräsentant des Thrones Gottes im Himmel (Ps 75,3: HABITATIO EJUS (DEI) IN SION; Ps 147, 1: LAUDA JERUSALEM DOMINUM: LAUDA DEUM TUUM IN SION; Is 62,11: ECCE VENIT AD TEMPLUM SANCTUM SUUM DOMINATOR DOMINUS: GAUDE ET LAETARE, SION, OCCURENS DEO TUO).

Siehe auch die genauere, weitläufige Erklärung dieses Namens bei Philipp Paul Merz: ONOMASTICON BIBLICUM SEU INDEX AC DICTIONARIUM HISTORICO–ETYMOLOCIUM, Bd. 2. Augsburg (Veith) 1738, S. 1161 ff. sowie bei Petrus Ravanellus: BIBLIOTHECA SACRA SEU THESAURUS SCRIPTURAE CANONICAE AMPLISSIMUS, Bd. 2. Genf (Chouët) 1650, S. 627 (hier auch einige seltenere übertragene Bedeutungen wie etwa \“ORNAMENTUM TRACTUS\“ oder \“GAUDIUM TOTIUS TERRAE\“ und \“LOCUS PERFECTISSIMAE PULCHRITUDINIS\“). Beide bis heute kaum übertroffene Werke erfuhren viele Nachdrucke und Übersetzungen in mehrere Sprachen.

Jung-Stilling spricht Siona an als –  \“unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit\“ (Szenen aus dem Geisterreich, S. 219), –  \“göttliche Freundin\“ (ebenda, S. 223), dankt der –  \“erhabenen Dolmetscherin\“ (ebenda, S. 241), die ihm –  als Engel – oft ungesehen – \“immer liebvoll zur Seite ist\“ (Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg [Raw’sche Buchhandlung] 1818, 1. Gesang, Versabschnitt 3), –  den Gedankengang leitet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 282), aber –  auch vom Jenseits berichtet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 308) und

 Jung-Stilling (der im Chrysäon Selmar heisst) auf einer \“Himmels-Leiter\“ zum Sehen führt (Chrysäon, Prolog, Versabschnitt 2; siehe auch Versabschnitt 8) sowie –  zu seiner verstorbenen Tochter Elisabeth (Lisette, 1786–1802) und zu deren Mutter (Jung-Stillings zweiter Ehefrau Selma von St. George, 1760–1790) geleitet (Chrysäon, 4. Gesang, Versabschnitt 2 ff.), –  ihn aber auch von himmlischen Höhen \“in müdes Weltgewühle\“ zurückbringt (Chrysäon, 3. Gesang, Versabschnitt 87).

Siehe zum Verständnis der Engel im religiösen Denken von Jung-Stilling auch Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XX f., S. 30 ff. sowie Gotthold Untermschloß: Vom Handeln im Diesseits und von Wesen im Jenseits. Johann Heinrich Jung-Stilling gibt Antwort. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, S. 16 ff.

Vgl. zum Grundsätzlichen aus neuerer theologischer Sicht Herbert Vorgrimler: Wiederkehr der Engel? Ein altes Thema neu durchdacht, 3. Aufl. Kevelaer (Butzon & Bercker) 1999 (Topos plus-Taschenbücher, № 301) mit ausführlichem Literaturverzeichnis (S. 113 ff) sowie Paola Giovetti: Engel, die unsichtbaren Helfer der Menschen, 8. Aufl. Kreuzlingen, München (Hugendubel) 2003 und im Internet die Adresse <http://www.himmelsboten.de>


There is a God in science, a God in history,
and a God in conscience, and these three are one.



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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