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Kann die Kirche Christi auf Erden eine Kontrast-Gesellschaft sein?

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Diese heutigentags oft erörterte Frage beantwortet in einem nachtodlichen Gespräch mit dem hochgelehrten, lebenserfahrenen und bis anhin unvergessenen Herrn

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817),
der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor,

seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübergang ab 1803 Badischer Hofrat,
durch Verleihung ab 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat;

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg/Lahn, dortselbst auch Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät; hiebevor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Tiermedizin – an der Universität Heidelberg und anvorderst seit 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern,

ehedem Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld, dort auch seit 1772 Arzt für Allgemeinmedizin, Geburtshilfe, Augenheilkunde und ab 1775 behördlich bestellter Brunnenarzt sowie Lehrender In Physiologie; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Königlichen Sozietät der Wissenschaften in Frankfurt/Oder, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch der erlauchten Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied

Dank verhülflicher englischer Gunst emsig beflissen, ohne Verweilung niedergeschrieben und behörigermassen lautmährig gemacht sowie gemeinen Nutzens zu Gut ins World Wide Web gestellt, alle Leser dabei beständiger gÖttlicher Obhut wärmstens empfehlend
von

Tubrav Immergern,
Lichthausen, Grafschaft Leisenburg*

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Markus-Gilde, Siegen

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Elevatorphobie und Vorliebe für das Treppengehen

Beklemmung, Angst mich stets dann trifft,
Soll ich benutzen in einem Lift;
Drum ziehe ich die Stiegen vor.
Zu Fuss treppab wie auch empor
Zu gehen, kann ich leicht verkraften:
Nie dass die Beine mir erschlafften.

Weil ringsumher im Treppenhaus
Man morsche Fenster riss heraus,
Nahm ich den Aufzug letzten Morgen,
Um Frühstücks-Einkauf zu besorgen.

Beim Bäcker wollte Brötchen ich
Samt einem Streifen Bienenstich
Erstehen, weil dort alles frisch
Und ich bei Backwerk wählerisch.
Ansonsten beim Discounter kaufe
Ich alles und drum weiter laufe;
Man kann so sparen doch viel Geld:
Und damit bin ich knapp bestellt.
GOtt gebe, dass im Jenseits dann
Ich über mehr verfügen kann.

Ob unentbehrlich auch das Geld
In jener andren, bessren Welt?
Als Masstab, um den Wert zu messen,
Kann man vermutlich es vergessen;
Ob nötig es, um zu bezahlen?
Das mag sich zeigen erst dermalen.
Es scheint die Geld-Theologie
In diesem Punkt wohl einig nie;
Und tiefe Denker selbst wie Beutter1
Erscheinen hier wie Sternendeuter.

Jung-Stilling und Engel Siona im Lift und zur Belehrung bereit

Ich rief den Fahrstuhl, der gleich kam.
Den Türgriff in die Hand ich nahm
Und öffnete die Aufzugstüre,
Als jäh ich einen Schreck verspüre:
Es standen in dem Fahrstuhl da
Jung-Stilling2 und Geist Siona3!

\“Herr Tubrav\“, sagte Siona,
\“Im Jenseits schon voraus man sah,
Dass ihr wollt just beim Bäcker kaufen,
Doch nicht wie sonst zur Treppe laufen.
Drum sind in diesem Aufzug wir
Euch zu begegnen diesmal hier.
Doch wollten wir euch nicht erschrecken,
Als vielmehr Gutes bloss bezwecken.

Steigt ein! Begrüsst Herrn Hofrat4 Jung,
Der steht zu eurer Förderung
Zu Diensten gern auch heute wieder:
Stieg drum mit mir zur Erde nieder.\“5

(I) \“Herr Hofrat Jung! Herr Siona!
Ich danke GOtt, dass sie sind nah
Im Körper jetzt an diesem Tage.
Ich habe an sie eine Frage
Betreffend das soziale Leben,
Von dem wir nieden sind umgeben.

Kirche als Modell und Vorbild der Gesellschaft Sowie des Umgangs mit der Natur

(1) Es scheint mir hier die Kirchenlehre
In Dokumenten oft voll Schwere:
Begrifflich schwer, Gedanken-Spiele,
Abstrakte Sätze, hohe Ziele
Wie Gleichheit, Solidarität,
Dazu auch Subsidiarität6;
Doch spärlich nur von dem, was Bibel
An Lebens-Regeln macht plausibel.

(2) Die Bibel ist doch GOttes Wort,
Drum auch sozialer Normen Hort:
Sie reicht dem Menschen huldreich dar,
Verhaltens-Richtschnur ewig wahr.
Weil sie in ihrer Einzigkeit
Missachtet wird in jüngster Zeit,
Ist unsre Welt so übel dran:
Zeigt so viel Schlimmes jetzt sich an.

(3) Die Kirche kann in Erdgefilden
Gewiss Kontrast-Gesellschaft bilden,
Aus der sodann die Welt ersieht,
Wie rechter Umgang hier geschieht
Der Menschen unter ihresgleichen
Sowie mit den Natur-Bereichen.

Engagement, Betroffenheit
Statt schwieriger Begrifflichkeit!
Verkündigung, Propheten-Wort
Statt nur Prinzipien immerfort!\“ –

Jung-Stilling ist zur Antwort bereit

(II) \“Mein Stillings-Freund7\“,sprach Hofrat Jung,
\“Ich seh‘ in eurer Schilderung
Enthalten dreierlei an Fragen:

 Fürerst, kann uns die Bibel sagen,
Wie menschliche Gesellschaft wäre
Zu ordnen in der Welten-Sphäre?

 Nächstem, ob Kirche hier auf Erden
‚Kontrast-Gesellschaft‘ könnte werden?

 Und dann, ob denn die Prophetie
Nicht besser Durchschlagskraft verlieh‘?

Gern will zu diesen drei Problemen
In Kürze ich das Wort mir nehmen;
Denn alles sind ja solche Fragen,
Die aktuell in diesen Tagen.

Die Bibel ist nicht unmittelbar „Wort GOttes“

(1) Wie oft hört man auch selbst noch heute,
Die Bibel schlösse ein und deute
Das Wort, das GOtt zu Menschen spricht:
Gehorsam sei drum strenge Pflicht.
Die Bibel halte in Verwahrung
Allein und ganz die Offenbarung.

(a) Gerade das ist Bibel nicht!
Tatsächlich ist sie ein Bericht,
Wie Menschen glaubten durch die Zeiten,
Von GOttes Hand sich liessen leiten.

Was GOtt mit Welt und Menschheit tat,
Wie ER durch JEsum uns sich naht,
Ein menschliches Gedächtnis-Buch,
Gedenken, Protokoll-Versuch,
Annalen, eine Rückschau-Fibel:
Allein doch so zeigt sich die Bibel!

(b) Es kann und darf nicht Schrift allein
Der Massstab unsres Glaubens sein:
Erkenntnis über GOtt kann schenken
Sehr wohl auch folgerechtes Denken!

Dass Einheit, Ordnung8 Eigenschaften,
Die tief in GOttes Wesen haften,
Tut deutlich sich für Menschen da
Aus Informatik, Algebra,
Mechanik und Astronomie
Atomphysik, Biochemie.
Ja, selbst Musik und Malerei,
Die Sprachkunst – auch die Reimerei! –
Vermögen manches uns zu lehren:
Vom Sosein GOttes viel erklären.9

Die Bibel ist auch kein Leitfaden für Handeln in der Gesellschaft

(c) Die Bibel kann erst recht nicht sein
Ein Handbuch, das schliesst Regeln ein,
Wie so zu gliedern diese Welt,
Dass Menschheit sich perfekt gesellt.
Die Bibel sagt an keiner Stelle,
Sie sei für solches Richtmass Quelle.

(ca) Im Neuen Testament zumal
Gering bloss ist der Stellen Zahl,
Die haben irgendwie Bezüge
Zum irdischen Sozial-Gefüge.

(cb) Es ist erlaubt und nicht verkehrt,
Wenn führt die Obrigkeit das Schwert.10
Der Christ soll seine Steuern zahlen,11
Nicht vor Gericht ziehn mit Rivalen,12
Als Herr die Sklaven fair behandeln;13
Die Frau soll eingezogen wandeln.14

(cc) Mehr findet nicht sich ausgesagt!
Doch selbst aus dem ihr sehen magt,
Wie zeitbedingt15 es gültig nur:
Von ‚ew’ger Regel‘ keine Spur!

(cd) Ich will dabei jetzt nicht Autoren
Auch trennen von den \“Redaktoren\“;
Denn das führt tief in solche Sphären,
Die sich nicht leichthin lassen klären
Und die zu ordnen musterhaft
Ist Zweck der Bibelwissenschaft.16

Volk und Kirche sind ineinander verwobene und ineinandergreifende Sozialgebilde

(2) ‚Kontrast-Gesellschaft‘ Kirche sei!
Herr Tubrav: das ist Faselei!
Wenn immer ich dies Schlagwort höre,
Von neuem ich mich dran empöre.

(a) Die Kirche ganz das Volk umfasst:
Sie steht damit nicht in Kontrast;
Zumindest nicht in dieser Zeit,
Die von der Urgemeinde weit.
Weil Volk und Kirche so umschlungen,
Dass wechselseitig sie durchdrungen,
Vermögen höchstens sie zum Schein
Getrennt nur voneinander sein.

(b) Man überdem auch hier vergisst:
Die Kirche nicht Reich GOttes ist!
Das wird dereinst uns erst zuteil,
Wenn mit der Endzeit strömt das Heil
Auf alle Dinge dieser Welt:
Wenn Eden wieder hergestellt.17

Auserwählte Gruppen begründen mitnichten das Reich GOttes auf Erden

(c) Meint aber hier mit ‚Kirche‘ man
Die Kerngemeinden und peilt an
Die Christen in Genossenschaften,
In elitären Jüngerschaften,
Auch Bünden, Klöstern, Prioreien,
Konventen, Stiften und Abteien;
In Bruderschaften, Seminaren,
Gemeinschaftszirkeln, Gilden, Scharen:

Dann, Tubrav, möchte ich euch fragen,
Der in Geschichte ihr beschlagen:
Wo ist wohl grösser die Gefahr,
Dass Menschenrechte18 offenbar
Sich arg verletzt, erstickt erweisen
Als just in diesen frommen Kreisen?

(ca) Ob Meinungsfreiheit, Redlichkeit,
Geradheitssinn, Wahrhaftigkeit,
Ob Emanzipation der Frau,
Ob dezentraler Staatsaufbau6,

Ob Selbstbestimmung, Rechtlichkeit,
Charakterstärke, Lauterkeit,
Ob Ehrfurcht, Achtung der Person,
Die freie Wahl der Konfession;

Ob Recht auf Ehre, guten Ruf,
Entscheidung über den Beruf,
Genuss von Habe, Eigentum,
Von Bildung, Schule, Studium,

Gewerbefreiheit, Rechtsgehör,
Ein Hilfeanspruch bei Malheur,
Befugnis, auszuwandern frei,
Verbot ein jeder Sklaverei,

Als Homosexuelle hie
Zu leben ohne Diffamie,
Mehr Recht in der Besteuerung;
Der Aufstieg nach Befähigung
Anstatt nach Klasse, Würde, Stand,
Geschlecht, Beziehung, Herkunfts-Land:

(cb) Bloss selten in den Fällen hier
War Wiege, Vortrupp, Pionier
Die enge Schar der sonders Frommen!
Ja, wie oft ist es vorgekommen,
Dass Menschenrecht sie aufgehalten,
Anstatt es christlich zu gestalten.

Ritual der Betroffenheit und des angeblichen prophetischen Auftrags

(3) Doch lasst mich zu dem Letzten kommen,
Das mich besonders macht beklommen:
Gerede von ‚Betroffenheit‘,
‚Engagement‘, ‚Parteilichkeit‘,
Vom ‚christlichen Propheten-Amt‘,
Das Herzen lodernd heiss entflammt;
Statt Rückführung auf Theoreme,
Durchdenken logisch die Probleme.

(a) Gesellschaft heut ist kompliziert:
Der Durchblick stets sich mehr verliert.
Um ethisch etwas auszusagen,
Muss erst man nach Verknüpfung fragen:
Modellhaft denken, abstrahieren,
Die Einzelteile definieren;
Bezugsgeflechte offenlegen,
Erörtern das Dafür, Dagegen;

Zurückverfolgen dann das alles
Nicht auf die Sonderheit des Falles
Und auch nicht bloss auf die Symptome,
Als vielmehr deutlich auf Axiome,
Die stetsfort, zeitlos gültig sind:
Sonst führt der Schluss ins Labyrinth!
Lernt mehr dazu aus einem Werk,
Das schrieb mein Stillings-Freund G. Merk.19

(b) Es scheint mir unverantwortlich,
Wenn ‚engagierte‘ Christen sich
‚Prophetisch‘ äussern laut zu Fragen
(Zumeist auch noch mit bittren Klagen)
Von denen sie rein nichts verstehen,
Geschweige Einzelheiten sehen –
Auch kaum als Kirchenpräsident
Und nicht als Superintendent,
Als synodaler Würdenträger
Schon gar nicht wohl als Seelenpfleger20
Wiewohl gerade diese sich
Hier äussern meist höchst anmasslich.

Als Beispiel lasst nur nennen mich,
Wie manche ‚tief betroffen‘ sich
Zur Neuordnung der Steuerklassen
‚Prophetisch wirkend‘ ausgelassen:
Zwar lautstark und mit Vehemenz,
Doch bar ein jeder Kompetenz.

Protestieren satt nüchternen Denkens scheint leider eine reformatorische Erblast

(c) Es gab, Herr Tubrav, stets allhie
Verdrehte, falsche Prophetie!
Sie blüht auch heute immer dann,
Wenn nicht das Wahre, Rechte man
In mühevollem Ringen sucht;
Als vielmehr leichthin das verflucht –
Als ‚unchristlich‘ gar maledeit –
Was ‚eigene Betroffenheit‘
Erkennen lässt als bös und schlecht –
Ganz gleich, ob sachlich man im Recht!

(d) Bekenntnismässig dies betrachtet,
Sind wohl am meisten wir befrachtet
Mit solcherlei Prophetenbrut:
Weil Anmassung und Übermut,
Verblasenheit, Rechthaberei,
Verkappte Besserwisserei,
Getarnte Selbst-Gefälligkeit,
Bemäntelte Vermessenheit,
Verdeckte Schelte, Lästerung,
Des Neides böse Wucherung,
Herb-säuerliche Elegie
Und missvergnügte Melodie
Schon immer Schutz und Zuflucht fanden
Bei reformierten Prädikanten,
In deren Stand speziell gedieh
Drum manche schieche Prophetie.

Zweireichslehre der Lutheraner und Naturrecht im katholischen Denken

(e) Die Lutheraner mit zwei Reichen
Der Problematik klug entweichen.21

(ea) Die andern sogen vieles auf,
Was bot das Römerreich zuhauf;
In diesem Fall zu ihrem Glück:
Naturrecht ist ein Meisterstück
Der Lehrdoktrin der Alten Welt:
Von GOtt geschenkt, damit erhellt
Der Weg für jene könnte werden,
Die GOttes Wort direkt entbehrten.22

Jung-Stilling dachte und argumentierte als Mediziner und Staatswirt vom Naturrecht aus

(eb) Ihr wisst, dass ich in meinem Denken
Liess mich in allem hiervon lenken.23
Wenn hob ich dies nicht stets hervor,
Dann drum, weil damals es in Flor.

Macht eine Arbeit man publik
Zur Jetztzeit in Mathematik,
Dann steht ja auch nicht erst dabei,
Dass Eins und Eins ergeben Zwei.
Auch seht ihr in Artikeln nie,
Die handeln von Geographie,
Dass Darlegung vorweg geschieht:
Die Erde ist Ellipsoid.

Was selbstverständlich jedem ist,
Bleibt ungesagt, wie ihr ja wisst
Aus andren Wissenschaften auch:
Schon immer fand sich dieser Brauch.\“

Aufzug hält; Jung-Stilling steigt aus und entschwindet

Der Lift traf ein im Erdgeschoss,
Als Stilling diese Rede schloss.
Behutsam langte ich zum Knauf
Und tat die Aufzugstür nun auf.

Jung-Stilling stieg als erster aus.
Er schritt alsdann im Treppenhaus
Entgegen rasch dem Eingangstor,
Wo jäh er sich dem Blick verlor.

Zuvor fiel mehrmals flackernd ein
Rechts auf die Wand noch bleicher Schein,
Wie er sich zeigt, wenn voller Mond
Nachts über glattem Wasser thront;
Auch wie er silbern reflektiert
Auf Wiesen, die der Schnee noch ziert.

Verblüfft sah ich zu Siona.
Der legte mir erklärend da:
\“Entschuldigt bitte Hofrat Jung!
Fasst nicht es als Beleidigung,
Wenn flugs er sich entzog uns grad:
Er dies im Jenseits-Auftrag tat.

Er soll schnell treten in Aktion
Bei Katarakt-Operation,
Die äusserst heikel sich erwies,
Den Arzt drum schier verzagen liess.

Der Engel der Patientin trat
An GOtt heran und flehend bat,
Dass helfen möge Hofrat Jung,
Dem dazu ja Befähigung.24
Er steht nun bei in Geist-Gestalt,
Berät den Arzt im Hinterhalt.\“

Jung-Stilling leitet mittelbar die Handlung eines Ophthalmo-Chirurgen

Ich sah Siona fragend an,
Worauf er mir erklärte dann:
\“Als Geist kann er erkennen leicht,
Was andren durch die Köpfe streicht;
Vermag zu leiten auch ihr Denken
Und weiss das Handeln dann zu lenken.

Vorausgesetzt bei alldem ist
Der Wille unsres HErren CHrist.
Er handelt nur auf SEin Geheiss:
Bringt Menschen SEiner Huld Erweis.
Für IHn ein Bote ist er dann:
Aus sich heraus er gar nichts kann. –

Siona übergibt USB-Stick und verabschiedet sich

Herr Tubrav: seid mir jetzt nicht böse,
Wenn gleich auch ich mich von euch löse!
Ich bitte euch, dass ihr notiert,
Der Rede Kern, damit studiert
Von vielen Menschen diese werde,
Die heutigs leben auf der Erde.

Dass tritt auch alles voll in Blick,
Gespeichert ist hier auf dem Stick,
Was ihr habt Hofrat Jung gefragt
Nebst dem, was er zu euch gesagt.

Druckt aus den Text, der schon in Reim,
Dass alle lesen ihn daheim,
Die Stillings-Unterweisung schätzen:
Die Seele damit sich benetzen.

Reiht ein in jene Sammlung dies,
Für die euch Hofrat Jung verhiess,
Dass bald Verbreitung sie erführe,
Weil man vom Jenseits Menschen rühre,
Zu spenden für des Druckes Kosten
Je nach Vermögen einen Posten.

Wer solches tut, wird Huld zuteil:
Es nützt ihm vielfach für sein Heil,
Was er an Geld dafür gespendet,
Dass bald das Büchlein wird vollendet.

Versäumt mitnichten das Gebet,
Weil sonst euch Gnade ganz entgeht,
Die GOtt euch gütig zugewiesen,
Dass freudig ihr sie mögt geniessen.
Herr Hofrat Jung hob dies hervor,25
Und jeden Stillings-Freund7 beschwor,
Im Beten nie zu werden träge:
Dass dies man doch viel mehr erwäge!\“

Als Siona die Worte sprach,
Entschwand dem Blick er nach und nach.
Sein Körper fahl begann zu flimmern,
Um dann allmählich zu verschimmern.
Der Platz, an dem er stand vorher,
Erwies sich nunmehr blank und leer.

Gesprächsverlauf wird ausgedruckt

Zum Bäcker ging ich; drauf nach Haus
Und druckte Stillings Rede aus.
Ich stellte ein den Text komplett
Schon nächstentags ins Internet,
Auf dass die Stillings-Botschaft dann
Auch jedermann erfahren kann.

Unmut ob der Stillings-Botschaft voraussehbar

Nun weiss ich leider bloss zu gut,
Wie solche Botschaft bringt in Wut
Die Glaubensfeger, Kantianer
Samt unduldsame Barthianer.26

Sie schreien giftig \“Spiritismus,
Gespenster-Wahnsinn, Okkultismus,
Verdummung, Scharlatanerie,
Ergüsse kranker Phantasie;
Vielleicht auch Täuschung, Illusion,
Verrückte Halluzination,
Chimäre, Wahnbild, Schwindel, Lug,
Geschwätz, Geflunker, Bluff und Trug,
Geheimnisvolle Kabbalistik,
Gefälschte, gleisnerische Mystik,
Verruchte Wortverdreherei,
Dämonenhafte Reimerei,
Die sündhaft nach der Lehrdoktrin
Des Christenglaubens nach Calvin;

Verworren-närrisches Gedudel,
Gebräu aus Teuflischem Gesudel:
Ein Zeugnis von Besessenheit,
Verhexung und Verlogenheit;
Abscheuliche Provokation,
Des Satans Manifestation!

Es bleibe Tubrav Immergern
Mit diesem Höllenspuk uns fern:
Er trolle sich mit solcher Mär
Zu seinem Meister Luzifer!\“

Euch bitte ich: gesteht doch zu,
Dass kund sich andre Meinung tu,
Zumal wenn logisch sie begründet
Und ohne Hader wird verkündet.

Dass Zank und Streit sei von uns fern,
Das wünscht sich Tubrav Immergern.
Mit Einsicht möge GOtt versehen
Die Streiter, welche Tubrav schmähen:
ER schenke ihnen reichlich Gnaden
Und schütze sie auf ihren Pfaden.

Anmerkungen, Quellen und Erläuterungen

* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling (siehe Anm. 2) das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); –  von 1743 an infolge Erbgangs Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit der Residenz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen), –  ab 1815 im Zuge der territorialen Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster), –  nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 an bis heute Gebietsteil des Kreises Siegen-Wittgenstein im Regierungsbezirk Arnsberg des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf).

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register), siehe auch Anm. 12 in Bezug auf weitere Literatur.

Lichthausen = bei Jung-Stilling die ehemalige selbständige, durch den Bergbau geprägte Gemeinde Littfeld im vormaligen Fürstentum Nassau-Siegen; seit 1. Januar 1969 Teil der Stadt Kreuztal im Kreis Siegen-Wittgenstein. – Durchflossen wird der Ort von der rund 13 Kilometer langen Littfe, einem wasserreichen Zufluss in den rund 24 Kilometer langen Ferndorfbach, der seinerseits ein rechten Nebenfluss der Sieg ist und im Zentrum von Siegen-Weidenau in die Sieg mündet.

Die Littfe ihrerseits wird im Ortsgebiet von Littfeld von Osten durch den Heimkäuser Bach (offizieller Name im Gewässerverzeichnis des Landes NRW: Die Heimkaus, 4,7 Kilometer lang) und von Westen durch den Limbach (2,1 Kilometer lang) gespeist.

Der Name Littfeld leitet sich ab aus dem keltischen Wort \“Let\“ für \“Lehm\“. Die in vielen Gewässernamen der Gegend vorzufindende Endsilbe \“-phe\“ ist die sprachlich abgeschliffene Form von \“apha“ = der Bach.

Aus Littfeld kam die Mutter Johanna Dorothea Fischer (1717-1742) von Jung-Stilling; dort wirkte auch sein Patenonkel Johann Heinrich Jung. – Siehe zu dieser herausragenden Persönlichkeit Gerhard Merk: Oberbergmeister Johann Heinrich Jung (1711-1786). Ein Lebensbild. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989.

Im wirtschaftsgeschichtlich in vieler Hinsicht bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 2) geboren, herangewachsen und dort hat auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Siehe Friedrich Beutter: Zur ethischen Dimension des Geldes, in: Acta Monetaria, Bd. 1 (1977), S. 11 ff. sowie derselbe: Zur sittlichen Beurteilung von Inflationen. Grundsätze und Mass-Stäbe. Freiburg (Herder) 1965, insbes. S. 36 ff. sowie das (S. 16 ff.) vorangestellte umfangreiche Literaturverzeichnis (Freiburger Theologische Studien, Heft 83).

2 Hofrat Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817). Siehe über ihn kurz zusammenfassend Gustav Adolf Benrath: Artikel \“Jung-Stilling, Johann Heinrich\“, in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 17. Berlin, New York (de Gruyter) 1987, S. 467 ff. und ausführlicher Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989.

Mehr die innere Entwicklung schildert sehr feinfühlig Otto W. Hahn: \“Selig sind, die das Heimweh haben\“. Johann Heinrich Jung-Stilling: Patriarch der Erweckung. Giessen, Bern (Brunnen) 1999 (Geistliche Klassiker, Bd. 4).

3 Schutzengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Er zeigte sich diesem zu dessen irdischer Zeit, nahm ihn von dort ins Jenseits mit und schrieb auch für ihn. – Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999, S. 220 ff. (S. 279: \“Siona hatte mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert\“).

Der Name Siona bedeutet letztlich \“die Himmlische\“; siehe die genauere, weitläufige Erklärung dieses Namens bei Philipp Paul Merz: ONOMASTICON BIBLICUM SEU INDEX AC DICTIONARIUM HISTORICO–ETYMOLOCIUM, Bd. 2. Augsburg (Veith) 1738, S. 1161 ff. sowie bei Petrus Ravanellus: BIBLIOTHECA SACRA SEU THESAURUS SCRIPTURAE CANONICAE AMPLISSIMUS, Bd. 2. Genf (Chouët) 1650, S. 627 (hier auch einige seltenere übertragene Bedeutungen wie etwa \“ORNAMENTUM TRACTUS\“ oder \“GAUDIUM TOTIUS TERRAE\“ und \“LOCUS PERFECTISSIMAE PULCHRITUDINIS\“). – Beide bis heute kaum übertroffene Nachschlagewerke erfuhren viele Nachdrucke und Übersetzungen.

Jung-Stilling spricht Siona an als –  \“unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit\“ (Szenen aus dem Geisterreich, S. 219), die ihn \“immer ungesehen umschwebt\“ (ebenda, S. 271) –  \“göttliche Freundin\“ (ebenda, S. 223) bzw. –  \“göttliche Lehrerin\“ (ebenda, S. 228), dankt der –  \“erhabenen Dolmetscherin\“ (ebenda, S. 241), die ihm – oft ungesehen –  als Engel \“immer liebvoll zur Seite ist\“ (Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg [Raw’sche Buchhandlung] 1818, 1. Gesang, Versabschnitt 3), –  den Gedankengang leitet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 282), aber –  auch vom Jenseits berichtet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 308) und –  Jung-Stilling, der im Chrysäon Selmar (wohl in Anlehnung an den Rufname \“Selma\“ seiner zweiten Ehefrau Maria Salome) heisst, auf einer \“Himmels-Leiter\“ zum Sehen führt (Chrysäon, Prolog, Versabschnitt 2; siehe auch Versabschnitt 8) sowie –  zu seiner verstorbenen Tochter Elisabeth (Lisette, 1786–1802) und zu deren Mutter (Jung-Stillings zweiter Ehefrau Maria Salome von St. George, 1760–1790) geleitet (Chrysäon, 4. Gesang, Versabschnitt 2 ff.), –  ihn aber auch von himmlischen Höhen \“in müdes Weltgewühle\“ zurückbringt (Chrysäon, 3. Gesang, Versabschnitt 87).

Siehe zum Verständnis der Engel im religiösen Denken von Jung-Stilling auch Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XX f., S. 30 ff. sowie Gotthold Untermschloß: Vom Handeln im Diesseits und von Wesen im Jenseits. Johann Heinrich Jung-Stilling gibt Antwort. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, S. 16 ff.

Vgl. zum Grundsätzlichen aus neuerer theologischer Sicht Herbert Vorgrimler: Wiederkehr der Engel? Ein altes Thema neu durchdacht, 3. Aufl. Kevelaer (Butzon & Bercker) 1999 (Topos plus-Taschenbücher, № 301) mit ausführlichem Literaturverzeichnis (S. 113 ff.), Paola Giovetti: Engel, die unsichtbaren Helfer der Menschen, 8. Aufl. Kreuzlingen, München (Hugendubel) 2003 sowie im Internet die Adresse <http://www.himmelsboten.de>

4 Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Heidelberg durch Erlass seines Landesherrn, des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern (ihm hatte er auch seine medizinische Doktorarbeit gewidmet und auch persönlich im März 1772 bei Hofe zu Mannheim überreicht), datiert vom 31. März 1785, die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger manche Bevorzugungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt ganz besonders zum Vorteil gereichte) an Posten, Schildwachen, Stadttoren, Übergängen, Fähren, Brücken sowie an den auch innerlands zahlreichen Schlagbäumen mit ihren Post-, Maut- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II., bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [französisch: Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt.

In Artikel 6 des Vertrages heisst es genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi, tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg (= die Fahr-Rinne für die Schiffart) du Rhin soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin in Regensburg (seit 1663 der Tagungsort des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch besondere günstige Umstände (verwandtschaftliche Beziehungen zu Frankreich traten hinzu: sein Enkel und Thronfolger Karl [1786/1811–1818] heiratete am 7./8. April 1806 zu Paris Stéphanie de Beauharnais [1789–1860], die 17jährige Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte) vergrösserte Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um mehr das Vierfache; die Wohnbevölkerung des Landes stieg von knapp 175’000 auf fast 1 Million Bewohner. Die pfälzische Kurwürde ging auf ihn über; Karl Friedrich wurde damit 1803 vom Markgrafen zum Kurfürsten erhoben. – Wenig später rückte er durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf.

Mit dem Besitzwechsel der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen [seit 1720] Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommerresidenz Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputations-Hauptschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuß des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ DE JURE PUBLICO automatisch zum \“badischen\“ Hofrat.

Anfang April des Jahres 1808 wird Jung-Stilling dann als Berater des Grossherzogs Karl Friedrich in Karlsruhe (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst hervorhebt) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404 (dort Anm. 10).

Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. — Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergeßlichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27.

Bis anhin ist nicht geklärt, wer diese Schrift verfasst hat. Im Vorwort heisst es: \“Euch, ohne Ausnahme Allen, ihr geliebten, bekannten und unbekannten Stillingsfreunden, (so!) die ihr ja auch Christus=Freunde seyd! sind diese Blätter gewidmet. Ihr werdet es nicht lächerlich, nicht unschicklich finden, dass sie so spät erst nach dem Hinscheid (so!) des Unvergeßlichen erscheinen, wenn ich euch zum Voraus sage: dass ich, als Weib vorerst Männer ausreden lassen – abwarten wollte mit weiblicher Bescheidenheit, was solche zum Denkmal des Allgeliebten aufstellen würden\“ (Orthographie wie im Original).

Jung-Stilling stand nach seinem, aus eigener Initiative gewählten Abschied von der Universität Marburg ab 1803 im Dienst des Hauses Baden. – Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Jung-Stilling am Hofe Karl Friedrichs in Karlsruhe, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Bd. 135 (1987), S. 183 ff., Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 219 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32) sowie zum Verhältnis zwischen Karl Friedrich von Baden und Jung-Stilling auch Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

Karl Friedrich (1728/1746-1811) galt in Karlsruhe gleichsam als Heiliger. Nachdem gelegentlich eines Trauergottesdienstes der gelehrte katholische Stadtpfarrer Dr. Thaddäus Anton Dereser (1757-1827) nicht in den übertriebenen Lobgesang für den Verstorbenen einstimmen wollte, sondern die teilweise rohe und schamlose Ausplünderung der katholischen Einrichtungen unter seiner Herrschaft ansprach, musste er Karlsruhe unverzüglich verlassen. – Siehe zu den unterdrückenden obrigkeitlichen Massnahmen gegen die katholische Kirche unter der Regierungsgewalt der badischen Grossherzöge auch (Franz Joseph Mone [1796-1871]): Die katholischen Zustände in Baden, 2 Bde. Mit urkundlichen Beilagen. Regensburg (Manz) 1841/1843 sowie Carl Bader: Die katholische Kirche im Großherzogthum Baden. Freiburg (Herder) 1860. – Sehr einseitig und unsachlich zur Predigt von Dereser auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 485.

Als Beispiel der bei Hofe genehmen Trauerreden katholischer Geistlicher seien erwähnt Bernhard Boll: Trauerrede bey der kirchlichen Todten-Feyer seiner königlichen Hoheit Karl Friedrichs, Großherzogs zu Baden, Herzogs zu Zähringen, gehalten in der Haupt- und Münsterpfarrkirche zu Freyburg den 1. July 1811. Freiburg (Wagner) 1811 (der Zisterzienser und Münsterpfarrer zu Freiburg Bernhard Boll (1756-1836) wurde 1827 erster Erzbischof von Freiburg); [Gerhard Anton Holdermann]: Beschreibung der am 30ten Juny und 1ten July 1811 zu Ratsatt Statt gehabten Trauer-Feyerlichkeit nach dem Hintritte unsers (so!) höchstseligen Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Rastatt (Sprinzing) 1811 oder die an Lobpreisungen überladene Rede von Johann Kaspar Adam Ruef (1748-1825): JUSTA FUNEBRIA SERENISSIMO DUM VIVERET AC CELSISSIMO PRINCIPI DIVO CAROLO FRIDERICO MAGNO DUCI BADARUM … DIE 22 JULII 1811 IN TEMPLO ACADEMICO PIISSIMA ET GRATISSIMA MENTE PERSOLVENDA INDICIT JOANNES CASPARUS RUEF. Freiburg (ohne Verlagsangabe) 1811.

Vgl. auch: Gedächtnißreden bey dem Tode Sr. K. Hoheit des Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Gehalten von den Pfarrern der drey christlichen Confessionen zu Mannheim. Mannheim (Schwan) 1811, in der sich der reformierte, lutherische und katholische Geistliche an Lob auf den verstorbenen Karl Friedrich überbieten.

Geradezu bescheiden wirken demgegenüber andere Predigten, wie etwa: [Christian Emanuel Hauber]: Kurze Abschilderung Sr. Königlichen Hoheit Carl Friedrichs Grosherzogs (so!) von Baden. Karlsruhe (Macklot) 1811; Theodor Friedrich Volz: Gedächtnißpredigt auf den Höchstseeligen Großherzog von Baden Karl Friedrich, gehalten den 30. Junius 1811 in der Stadtkirche zu Karlsruhe. Karlsruhe (Müller) 1811 (Volz [1759-1813]), in Jena 1778 bereits promoviert, bemüht sich erkennbar um die im Rahmen des Anlasses mögliche Sachlichkeit) oder die zahlreichen Zentariums-Reden wie Karl Joseph Beck: Rede bei der akademischen Feier des hundertsten Geburtsfestes des Hochseligen Großherzogs Karl Friedrich zu Baden … Gehalten von dem derzeitigen Prorector der Albert-Ludwigs-Hochschule. Freiburg im Breisgau (Wagner) 1828 (Karl Joseph Beck [1794-1838] war Mediziner und Stifter des \“Corps Rhenania\“ in Freiburg) oder Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. Mannheim (Schwan & Götz) 1829.

Ziemlich unkritisch gegenüber den augenfälligen Schattenseiten der Regierung von Karl Friedrich neuerdings auch Annette Borchardt-Wenzel: Karl Friedrich von Baden. Mensch und Legende. Gernsbach (Katz) 2006.

Bei nachtodlichen Erscheinungen von Jung-Stilling wird dieser gewöhnlich mit \“Herr Hofrat\“ (seltener mit \“Herr Geheimrat\“) angesprochen, auch von seinem Engel Siona.

Der Titel \“Hofrat\“ ist gleichsam fester Bestandteil des Namens (ADJUNCTIO NOMINIS), wie etwa \“Apostel Paulus\“, \“Kaiser Karl\“ oder \“Prinz Eugen\“ zu verstehen, und sicher nicht als ehrenvolle Benennung (TITULUS HONORIS). – \“Stilling\“ ist ein individueller Beiname (APPELLATIO PROPRIA) und klingt zu vertraulich. – \“Professor Jung\“ und \“Doktor Jung\“ greift eine Stufe niedriger als \“Hofrat Jung\“; das heisst: der Titel \“Hofrat\“ steht über der Amtsbezeichnung \“Professor\“ oder dem akademischen Grad bzw. volkstümlich der Berufsbezeichnung (= Arzt) \“Doktor\“.

Ein jeder Christ, der in die Seligkeit eingeht, empfängt von GOtt einen neuen Namen, siehe Offenbarung 2, 17 sowie (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Die Siegsgeschichte der christlichen Religion in einer gemeinnüzigen Erklärung der Offenbarung Johannis. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1799, S. 89. – Der besondere Name, mit dem Jung-Stilling im Jenseits beschenkt wurde, ist Ohephiah (= der GOtt liebt). Siehe (Christian Gottlob Barth): Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817.

5 Zum Wiedereintritt Verstorbener in diese Welt siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so!) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so: mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralantiquariat der DDR] 1987, S. 220 ff.

Die \“Geister=Kunde\“ von Jung-Stilling blieb bis heute in zahlreichen Ausgaben im Buchhandel; siehe Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie. Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1993, S. 104 (Register, Stichwort \“Theorie\“).

Gegen dieses auch ins Niederländische, Schwedische, Französische und Englische übersetzte Buch erschien: Abgefordertes Gutachten einer ehrwürdigen Geistlichkeit der Stadt Basel über Herrn Dr. Jungs genannt Stilling Theorie der Geisterkunde. Basel (Samuel Flick) 1809. – Jung-Stilling wehrt sich gegen die Basler Gutachter in der Schrift: Apologie der Theorie der Geisterkunde veranlasst durch ein über dieselbe abgefasstes Gutachten des Hochwürdigen (so, also mit grossem Ha) geistlichen Ministeriums zu Basel. Als Erster Nachtrag zur Theorie der Geisterkunde. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1809 (weitere Nachträge erschienen nicht).

Das Originalbuch hat im Titel \“Geister=Kunde\“ (mit dem bis 1902 üblichen Doppel=Bindestrich), die darauf bezüglichen Werke schreiben meistens \“Geisterkunde\“ (in einem Wort).

Zu Basel seien nach dem Verkauf der \“Theorie der Geister=Kunde\“ tausendmal soviel Gespenster erschienen denn zuvor, behaupten die Verfasser des Gutachtens. Das veranlasste weitere Schriften gegen Jung-Stilling, so etwa die Broschüre von Johann Jacob Faesch: Predigt über den Gespenster=Glauben, nach Timotheum IV., v. VII. Gehalten in der Kirche St. Theodor, den 9ten Weinmonat 1808. Auf hohes Begehren und dem Wunsche mehrerer ansehnlichen (so!) Zuhörer gemäß zum Druck befördert. Basel (Schweighausersche Buchhandlung): eine Jung-Stilling bös herabsetzende, brandmarkende Schrift.

Gleich in zwei Bänden erschien: Geister und Gespenster in einer Reihe von Erzählungen dargestellt. Ein nothwendiger Beitrag zu des Hofraths Jung genannt Stilling Theorie der Geisterkunde. Basel (Samuel Flick) 1810. Als Verfasser gilt der Basler Gottlob Heinrich Heinse.

Siehe auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades. Wahre und falsche Ansichten, hrsg. von Gerhard Merk. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 1). Dort auch die Titelblatt-Kopien der genannten und anderer Schriften gegen Jung-Stilling.

6 Leitender Grundsatz auch der Präambel und in Artikel 2 des EU-Vertrags. Das Subsidiaritätsprinzip besagt: was einzelne und kleine Sozialgebilde (\“Entitäten\“, wie man auch neuerdings zu sagen beliebt) aus eigener Inangriffnahme und Kraft vollbringen können, darf ihnen nicht entzogen und umfassenderen, übergeordneten Sozialgebilden zugewiesen werden. Auf diese Weise bleibt sichergestellt, dass die Personen in grösstmöglicher Freiheit und in persönlicher Mitverantwortung an den Sozialgebilden beteiligt sind.

Siehe kurz erklärend Gerhard Merk: Grundbegriffe der Erkenntnislehre. Berlin (Duncker & Humblot) 1985, S. 74 ff. Das Buch ist kostenlos downloadbar bei der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk>

7 Stillings-Freund meint –  Gönner, Förderer, später –  Verehrer und Anhänger (\“Fan\“: vom lateinischen = begeistert, entzückt) von Jung-Stilling. Der Ausdruck stammt von Jung-Stilling selbst. Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992, S. 213, S. 441, S. 513, S. 536, S. 566. – Auf der anderen Seite gibt es aber  auch \“Stillings-Feinde\“, siehe ebendort, S. 316.

8 Ordnung meint allgemein, dass eine Vielfalt von Gliedern, Elementen oder Teilen von einem Gesetz, einem Sinn, einem Plan durchwaltet und beherrscht wird.

9 GOtt teilt durch die Vielheit der Wesen, Dinge und Formen letztlich die Einheit seines Reichtums mit.

10 Siehe Römerbrief 13, 4.

11 Siehe Matthäus 22, 21; Römerbrief 13, 7.

12 Siehe 1. Korintherbrief 6, 4–6.

13 Siehe Kolosserbrief 4, 1.

14 Siehe Epheserbrief 5,24; 1. Timotheusbrief 2, 9; 1. Petrusbrief 3, 1-5.

15 So gilt etwa in Bezug auf die in der Bibel ausgesprochene untergeordnete Stellung der Frau: \“Wenn der freye Wille die Menschheit, so wie der Instinkt die Thierwelt bestimmt, so sind die Weiber in eben dem Grad Menschen in dem es die Männer sind; sie haben auch die nämlichen Menschenrechte\“, Johann Heinrich Jung-Stilling: System der Staatswirthschaft. Erster Theil welcher die Grundlehre enthält. Marburg (neue academische Buchhandlung, 1792, S. 273; Reprint Königstein (Scriptor Verlag) 1978.

16 Es besteht heute kein Zweifel mehr daran, dass viele Schriften der Bibel nicht von denjenigen verfasst wurden, die als Autoren angegeben sind.

Grundsätzlich nämlich wurde die Verfasserschaft in der Antike anders gesehen und bewertet, als wir es heutzutage tun.

In biblischen Zeiten war es die Regel, dass sich Autoren in ihren Werken nicht zu erkennen geben. Der Einzelne sah sich selbstredend als Teil eines grösseren Ganzen, als \“zoon politikon\“. Das Individuum, die Privatperson, war gewissermassen noch nicht hervorgetreten. Die Persönlichkeit des Schreibenden trat so hinter das Werk zurück.

Man signierte seine Werke auch nicht. Eher verbarg man sich hinter dem Namen eines anderen, eines Bekannteren. Ausnahmsweise bloss treten einzelne Schriftsteller so klar hinter ihren Texten hervor, dass man mit Bestimmtheit sagen: diese oder jene Passage der Heiligen Schrift stammt eindeutig von dieser oder jener Person.

Ganz sicher haben viele Texte des Alten Testaments eine überaus lange mündliche Weitergabe im Volk Israel oder in seinen Nachbarvölkern hinter sich. Erst dann, oft nach Jahrhunderten, wurden die Überlieferung gezielt gesammelt und aufgeschrieben. \“Verfasser unbekannt\“, \“mündlich überliefert\“ oder \“Volksweise\“ müsste die einschlägige Herkunftsangabe nach unseren heutigen Zitierregeln lauten.

Auch die Sammler sind weitgehend unbekannt. Man stellt sie sich vor wie heutige Herausgeber, die reichlich nachgelassenes Schriftgut sichten, sinnvoll anordnen und in eigenen Zwischentexten erläutern. Man spricht in Bezug auf die Bibel auch von \“Redaktoren\“. Ein Redaktor bezeichnet in den historischen Textwissenschaften eine namentlich häufig nicht bekannte, nur aus dem Textbefund erschlossene Person, die dem untersuchten Text seine derzeitige (Endredaktor) oder eine vorläufige (Zwischenredaktor) Fassung zukommen liess.

Die Redaktoren halten sich ebenfalls vornehm im Hintergrund. Nur manche sind bis heute an einem charakteristischen Sprachstil oder einer jeweils besonderen Theologie zu erkennen. Manche Sammlungen sind vermutlich nicht von einzelnen Personen, sondern von bestimmten theologischen Schulen bearbeitet worden. Für den Forscher ist es wichtig zu erfahren, welche Stoffauswahl die einzelnen Schulen treffen und wie diese die überlieferten Texte miteinander verbinden.

Am Beispiel der fünf Bücher Mose sie dies erläutert. Umherziehendes Leben (Nomadentum) und schreibende Kultur passen hier nicht zusammen. Aber Mose als beherrschende Persönlichkeit eines ganzen Zeitalters gibt seinen Namen für die gesammelten Überlieferungen dieser Epoche. So erkennt man in den fünf Büchern Mose verschiedene unbekannte, namenlose Sammler, Redaktoren und Schulen. Die Forschung unterscheidet so den \“Jahwisten\“, den \“Elohisten\“, die \“Priesterschrift\“ und den \“Deuteronomisten\“, die sich unter anderem darin voneinander abgrenzen lassen, mit welcher Bezeichnung sie Gott in ihren Texten benennen.

Mehr persönliche Eigenart, einen höheren Grad an Individualität, zeigen beispielsweise die grossen Propheten Jesaja und Jeremia. Unter dem Namen \“Jesaja\“ scheinen mindestens drei grosse Persönlichkeiten zu schreiben, die man üblicherweise als \“Protojesaja\“, \“Deuterojesaja\“ und \“Tritojesaja\“ benennt. Der Prophet Jeremia scheint einen eigenen Schreiber namens Baruch angestellt zu haben, der mit Sorgfalt aufzeichnet, was ihm sein Meister als Gottesrede zu Niederschrift gibt.

Im Neuen Testament sind die Evangelien in dem auf uns gekommenen griechischen Urtext überschrieben \“kata matthaion\“, \“kata markov\“, \“kata loukav\“, \“kata joanneiv\“, also \“gemäss Matthäus\“, \“gemäss Markus\“ und so weiter. Das trifft sich gut mit der heutigen Erkenntnis, dass Evangelien nicht von den genannten Personen verfasst, sondern \“in der Überlieferung des Matthäus\“, \“in der Überlieferung des Markus\“ und so weiter entstanden sind.

Das Evangelium des Johannes, die drei Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes (Apokalypse) weisen zwar sprachliche Ähnlichkeiten auf. Sie sind einander dennoch nicht verwandt genug, um sie deutlich ein und demselben Verfasser zuzuordnen. Was die Apostelgeschichte des Lukas betrifft, so gibt es durchaus stilistische Ähnlichkeiten zum Evangelium des Lukas. Der Verfasser bzw. Redaktor beider Schriften dürfte wohl derselbe \“in der Überlieferung des Lukas\“ sein.

Hingegen ist hinter den Paulusbriefen sehr wohl eine eigene, ganz bestimmte Persönlichkeit zu erkennen. Es besteht heute auch unter kritischen Forschern kein Zweifel daran, dass der Römerbrief, die beiden Korintherbriefe, der Galaterbrief, der Philipperbrief, der 1. Thessalonicherbrief sowie auch der Philemonbrief aus der Feder der historischen Person Paulus aus Tarsus und aus der Zeit der Urgemeinde stammen.

Umstritten ist die Herkunft der Briefe (des Paulus) an die Epheser, an die Kolosser und sein zweiter Brief an die Thessalonicher. Sie sind bei näherem Hinsehen geprägt von einer anderen Theologie als jener des Paulus.

Ähnlich verhält es sich mit den Briefen (des Paulus) an Timotheus und Titus. Sie sprechen deutlich hinein in die Lebenslage einer Generation nach Paulus und verweisen in eine Zeit, in der sich die junge Kirche einen Platz in der Gesellschaft suchen muss.

Die beiden Petrusbriefe sind mit Sicherheit nicht vom gleichnamigen Jünger Petrus verfasst. Sie entsprechen keineswegs der Sprachwelt des Fischers vom See Genezareth. Deutlich genug zielen sie inhaltlich auf die seit den irdischen Tagen Jesu merklich veränderte Verhältnisse. Ähnliches gilt vom Brief des Jakobus und des Judas sowie vom Brief (des Paulus) an die Hebräer.

Leicht erkennbar ist, dass geschichtlich gesicherte Verfasser oder Schriftsteller und theologische Schulen, die unter Pseudonym schreiben, ihr menschliches (manchmal allzu menschliches) Wort sowie ihre zeitgebundenen Vorstellungen einbringen (\“transportieren\“, wie man hier zu sagen beliebt). Im Kern jedoch verkündigen sie allemal das göttliche Wort, das freilich immer neu inmitten der menschlichen Zutaten entdeckt werden muss. Dies ist Aufgabe der Theologie und hier im besonderen der Exegese.

17 Siehe Römerbrief 8, 19–21. – Dass die Schöpfung (i =  ACTUS CONDENDI, INSTITUENDI,  ACTUS CREANDI; CREATIO, CREATURA) der \“Dienstbarkeit des Verderbens\“ (SERVITUS CORRUPTIONIS) unterworfen ist, wird in Vers 21 beschrieben. In der neueren Theologie spricht man in diesem Zusammenhang gern von \“Strukturen der Sünde\“.

Dazu ist anzumerken, dass es sehr wohl unterschiedliche Grade eines solchen \“Verhaftenseins an die Sünde\“ gibt! Dieser Grad ist (in Bezug auf die soziale Organisation) in einer demokratisch, subsidiär gegliederten Gesellschaft (CETERIS PARIBUS: unter sonst gleichen Gegebenheiten) sicher geringer als etwa in einer marxistisch-lenini¬stischen oder national-sozialistischen, zentral gelenkten Gesellschaft.

18 \“Das Recht der Selbsterhaltung, und der Vervollkommnung der Person, des Eigenthums, der Ehre und der Freyheit, nenne ich die Rechte der Menschheit. – Jeder Mensch hat das Recht, diese Rechte der Menschheit zu geniessen und auszuüben, aber nur in so fern als er dadurch keinen seiner Mitmenschen im ruhigen Genuß eben dieser Rechte hindert. Dieser Saz (so!) ist der Grundsatz des Natur-Rechts, welches hernach durch mannigfaltige positive Gesezze (so!), auf die vielfältigen Collisionsfälle ausgedehnt, und erklärt wird\“ schreibt Johann Heinrich Jung-Stilling: Lehrbuch der Staats-Polizey-Wissenschaft. Leipzig (Weidmannische Buchhandlung) 1788, S. 2; Reprint Frankfurt am Main (Keip) 1970. – Siehe auch Gerhard Merk: Das ideale politische System nach Jung-Stilling, in: Gertraud Putz et al. (Hrsg.): Politik und christliche Verantwortung. Innsbruck-Wien (Tyrolia) 1992, S. 117 ff. (Veröffentlichungen des Internationalen Forschungszentrums für Grundfragen der Wissenschaften Salzburg, N.F., Bd. 53).

19 Gemeint ist wohl Gerhard Merk: Grundbegriffe der Erkenntnislehre. Berlin (Duncker & Humblot) 1985, S. 60 ff.; siehe oben Anm. 6.

20 Seelenpfleger und Stundenhalter sind Laien, die innert der Gemeinschaftsbewegung (vor allem des Siegerlandes und des Bergischen Landes) \“Bekehrte\“ und \“Erweckte\“ besuchen, im Glauben befestigen und sie teilweise auch bei wichtigen bürgerlichen Entscheidungen beraten.

Deren Wirken wird kritisch gesehen, weil sie (mit biblischer Begründung!) Handlungsanweisungen einmal gegenüber \“Geschwistern\“ (Angehörigen der \“Versammlung\“), zum andern aber gegenüber \“Unbekehrten\“ lehren. – Siehe auch Jakob Schmitt: Die Gnade bricht durch. Aus der Geschichte der Erweckungsbewegung im Siegerland, in Wittgenstein und den angrenzenden Gebieten, 3. Aufl. Giessen (Brunnen Verlag) 1984, insbes. S. 139 ff.

21 Die Zweibereichslehre besagt grob, dass das Evangelium kein Programm zur Weltgestaltung enthält. Daher ist das \“weltliche Regiment\“ (die Gestaltung der politischen und ökonomischen Verhältnisse) allein Sache der \“Obrigkeit\“.

Diese Haltung führte beim frühen Luthertum weitgehend zu politischer Abstinenz (teilweise bis heute nachwirkend!) und behinderte das Entstehen einer eigenen sozialethischen Lehre. Statt dessen widmete man sich stärker der praktischen Diakonie. – Siehe vertiefend dazu mit ausführlichem Literaturverzeichnis (S. 469 ff.) Gunther Wolf (Hrsg.): Luther und die Obrigkeit. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1972 (Wege der Forschung, Bd. 85).

22 Siehe Römerbrief 1, 19–20.

Naturrecht (siehe auch Anm. 17) im hier gemeinten Sinne heisst: Sollenserkenntnis folgt aus der Seinserkenntnis. Aus dem, was etwas ist oder wie es ist, erschliesst es sich der Vernunft auch als Wert, nämlich wie es sein soll oder wie es nicht sein darf. – Siehe kurz dazu Gerhard Merk: Grundbegriffe der Erkenntnislehre (Anm. 18), S. 60 ff.

23 Siehe hierzu Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XIV.

24 Siehe hierzu Gerd Propach: Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817) als Arzt. Köln (Institut für Geschichte der Medizin der Universität Köln) 1983, Johann Heinrich Jung-Stilling: Geschichte meiner Staar Curen und Heylung anderer Augenkrankheiten, hrsg. von Gerhard Berneaud-Kötz; Gerhard Berneaud-Kötz: Kausaltheorien zur Starentstehung vor 250 Jahren. Eine Auswertung der Krankengeschichten und Operationsprotokolle von Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, S. 36 ff. sowie Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Lexikon Medizin. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996.

25 Siehe Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion (Anm. 22), S. 44 (\“Wir können gewiß versichert seyn, daß der Herr jedes gläubige Gebet erhört, wir erlangen immer etwas dadurch, was wir ohne unser Gebt nicht erlangt haben würden\“).

26 Der einflussreiche reformierte Theologe Karl Barth (1886–1968) ist letztlich Kantianer, und von deren Selbstsicherheit durchdrungen. Eine natürliche Gotteserkenntnis ist nach ihm unmöglich; er betrachtet sie als eine \“fatale Angleichung des Christlichen an das Menschliche\“.

Barth blieb der grundlegende Unterschied zwischen der Vernunft als Grundlage (FUNDAMENTUM) der Glaubens und als Werkzeug (INSTRUMENTUM) des Glaubens letztlich verborgen. – Siehe hierzu mehr bei Gerhard Merk: Theologische Einwände gegen ethische Normenfindung, in: Walther Kalzua et al. (Hrsg.): Glaube und Politik. Festschrift für Robert Prantner. Berlin (Duncker & Humblot) 1991, S. 99 ff.

Judge eternal, throned in splendour,
LOrd of lords and KIng of kings,
With Thy living fire of judgment
Purge this land of bitter things:
Solace all its wide dominion
With the healing of Thy wings.

Still the weary folk are pining
For the hour that brings release;
And the city’s crowded clangour
Cries aloud for sin to cease;
And the homesteads and the woodlands
Plead in silence for their peace.

Crown, o GOd, Thine own endeavour;
Cleave our darkness with thy sword;
Feed the faint and hungry people
With the richness of Thy word;
Cleanse the body of our nation
Through the glory of the LOrd.

Henry Scott Holland (1847-1918)



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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