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Kaffee ist Schädlich

veröffentlicht am


Beweis

für den Bürger und Landmann, daß der Kaffee für die Gesundheit,
für die Haushaltung und für das ganze Land ein höchstschädliches
Getränk sei. Seinen nassauischen Landsleuten gewidmet von

Dr. Johann Heinrich Jung,

ordentlichen öffentlichen Professor der Landwirtschaft, der Fabri-
kenkunde, der Handlungswissenschaft und der Vieharznei an der
Kurpfälzischen Kameral Hohenschule zu Lautern und ordentlichen
Mitglied der physikalisch-ökonomischen Gesellschaft daselbst.

Nunmehro aber zum 250. Geburtstag des weitbelobten Herrn Verfassers im Jahr des HErrn 1990 in itziger deutscher Rechtschreibung und in
Antiquaschrift obsorglich erneut zum Druck gebracht sowie mit
höchstnützlichen Anmerkungen ausgezieret durch

Dr. Gerhard Merk,

der Ökonomik Professor an der Universität Siegen
und der dasigen löblichen Jung-Stilling-Gesellschaft hoher Präsident.

Das Original erschien zu drei Teilen in der Wochenschrift \\“Dillenburgische Intelli-genz-Nachrichten\\“ im 30. bis 33. Stück, Juli bis August 1782.


Erster Abschnitt: Beweis, daß der Kaffee für die Gesundheit ein höchstschädliches Getränk sei


Die so beliebten Kaffeebohnen sind ursprünglich ein arabisches Gewächs. Sie gedeihen auf Bäumen und befinden sich in einer roten, schönen Kirsche, in welcher zwei aufeinander liegen und zusammen den Kern ausmachen. Die Holländer, welche alle Winkel der Welt durchschiffen, wo es nur etwas zu handeln gibt, kamen auch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem Roten Meer nach dem sogenannten glücklichen Arabien,1 und zwar nach der Stadt Mocha.2 Dort wächst in der Nachbarschaft häufig der Kaffeebaum, und es wird auch vielfältig Kaffee getrunken. Sie suchten Pflanzen oder Samen von diesem Baum zu bekommen. Auf ihrer Insel Java in Ostindien3 bauten sie diesen Baum an. Der Kaffee gerät dort gut, und von daher bekommen wir die berühmten Javanischen Bohnen.

Nachher bauten sie ihn auf der Insel Ceylon,4 desgleichen in Amerika in Surinam.5 So hat dieses Gewächs sich aus einem Weltteil in andere fortgepflanzt und mächtig ausgebreitet.

Die Franzosen machten sich nun ebenfalls den Kaffeebaum zunutze. Ihre vornehmste Plantage haben sie auf der Insel Bourbon ostwärts von Afrika.6 Dort werden die Bourbonischen Kaffeebohnen gezogen. Ebenso haben sie auch auf Martinique in Amerika7 gute Ernten von dieser Frucht. Sie handeln damit, so lange wir Deutschen noch so gute Narren sind und sie ihnen für unser sauer erworbenes Geld abkaufen.

Eigentlich von 1720 an hat, man in Deutschland angefangen, Kaffee zu trinken. Seit dieser Zeit sind viele Millionen für diese Ware nach Holland und Frankreich gegangen. Doch von diesem schädlichen Ausfluß unseres Geldes soll im letzten Abschnitt ausführlich gehandelt werden. Jetzt will ich nur die Wirkungen erklären, die das Getränk in unserem Körper zuwege bringt.

Ein recht guter und wohlgerösteter Kaffee ist ein wahres Arzneimittel. Durch das Rösten bekommt, das subtile Öl,8 welches die Bohnen in sich enthalten, eine angenehme Schärfe. Diese wirkt sonderlich auf die festen Teile unseres Körpers. Sie stärkt den Magen, befördert die Verdauung und reizt besonders die Nerven dergestalt, daß sie gleichsam mit neuer Kraft belebt werden. Daher wird man auf den Kaffee munter. Man verliert den Schlaf und wird fähiger und geneigter, über tiefsinnige Sachen nachzudenken. Zugleich haben die Kaffeebohnen ein Mehl in sich, so daß sie auch nähren und sättigen können. Vermöge der reizenden Kräfte, welche der Kaffee besitzt, verdünnt er auch das Geblüt. Er vermehrt zudem die Bewegung des Herzens und des Pulses, mithin auch die Wärme des Körpers.

Dieses alles sind Wahrheiten, die sich auf Vernunft und Erfahrung gründen. Aber eben darum, weil der Kaffee ein nützliches Arzneimittel ist, ist er ein desto schädlicheres Nahrungsmittel. Wie manche ehrliche alte Hausmutter hält den Theriak9 für die köstlichste Arznei der Welt. Aber darum schmiert sie ihn doch nicht ihren Kindern statt Birnen- oder Zwetschgenmus auf das Brot. Sie würde dann aber auch erfahren, daß der liebe Freund Theriak es doch gar nicht gut mit ihr meinte. Er würde sich bald als ein betäubender, tödlicher Feind entdecken.

Der Kaffee wirkt indessen nicht so schleunig. Lange Jahre braucht er dazu, um seinen Freund zu Grunde zu richten. Darum ist er auch so viel gefährlicher. Man merkt es nicht; und da er angenehm schmeckt, so verfährt hier der Mensch den Trieben seiner verdorbenen Natur.10 Er genießt das, was ihm vor der Hand angenehm ist, und bekümmert sich dann selten um die späteren Folgen.

Es ist wahr: der Kaffee stärkt. Das heißt, durch seine Schärfe reizt er die Muskelfasern des Magens und der Eingeweide zum Zusammenziehen. Geschieht dies nun zur Zeit, da es der Magen nötig hat, nämlich wenn er verschlappt ist, so wird eine gute Wirkung davon entstehen. Man wird sich wieder wohl befinden. Nun denke man aber nach: wenn man sich dieses Mittels täglich im Überfluß bedient, was dann nach und nach daraus werden müsse? Nichts anderes als eine Stumpfheit und Unempfindlichkeit des Magens. Er wird an das ewige Prickeln gewöhnt, so gut wie die Nase an den Schnupftabak. Folglich stärkt nun der Kaffee ebenso wenig mehr, als der Schnupftabak die Feuchtigkeit abführt.11 Im Gegenteil: der Magen wird steifer und härtiger. Man wird nicht mehr so hungrig; der Appetit mindert sich. Folglich ißt und trinkt man weniger. Wenn nun aber der Körper die notwendige Nahrung nicht mehr bekommt, so kann er nicht lange gesund bleiben. Auch vermag er nicht alt zu werden.

Das aber ist noch nicht alles, was aus der Unempfindlichkeit des Magens entsteht! Der Magen muß auch frisch und wacker arbeiten, damit er Speise und Trank verdaue, und ein guter, wohlbereiteter Nahrungssaft – mithin auch ein gesundes Geblüt – daraus verfertigt werde. Allein, das alles geschieht nun nicht. Das Geschäft der Verdauung geht träg vonstatten. Die Gedärme werden vom Gebrauch des Kaffees endlich ebenso untätig und steif. Die natürliche Ausleerung, der Stuhlgang, geht langsamer. Ein unreiner, dicker, ungesunder Nahrungssaft kommt in das Geblüt.

Indessen spielt der Kaffee immer seine Rolle fort. Er geht ins Geblüt über, kitzelt die Nerven, schmeckt uns gut, macht uns munter und überredet uns also, daß er ein herrlicher Kerl sei, der es gar gut mit uns meine. Insgeheim aber belagert er immer mehr und mehr die edle Festung unseres teuren Lebens. Er rückt uns beständig näher, schwächt uns unvermerkt und reißt endlich unsere Mauern nieder. Da tritt dann der schmalbeinige Knochenmann12 zu uns ein und setzt uns das Messer an die Kehle. Das also ist die traurige Wirkung des stärkenden Kaffees, wenn man ihn zum täglichen Getränke macht.

Da denkt nun manche dicke und gesunde Bürgers- oder Bauersfrau, die das liest oder lesen hört: \\“Ja, wenn das wahr wäre, dann lebten nur noch wenig Leute. Man sieht doch nicht, daß eben darum mehr Menschen sterben als sonst! Auch werden sie noch immer so alt wie vorher\\“.

Nun, liebe Frau Base: darauf will ich ihr dienen! Dieses ihr Urteil zeigt, daß der Bezirk ihres Verstandes ein ganz kleines Plätzchen einschließe; und sie sich also von mir sagen lassen müsse, daß sie korpulent sei.13 Dies ist eben kein sehr gesundes Zeichen. Fett und stockende Säfte sind heimliche Mörder, die sich im Hause versteckt halten, um sie zu töten, sobald sich eine bequeme Gelegenheit dazu bietet. Es gehört eine sehr starke Natur dazu, um bis ins siebzigste Jahr fett und am Leben zu bleiben. Und was ihre Gesundheit betrifft, darüber sollte sie nicht urteilen. Sie kann sich gesund fühlen; Munterkeit und Wohlbehagen mag ihr der Kaffee geben. Und doch kann der Tod in ihren Gliedern ruhen.

Was endlich ihr Urteil über das Sterben der Menschen betrifft, so muß ich ihr sagen, daß sie davon nichts weiß. Rund um uns her merken wir es nicht so sehr, ob alle sechs Wochen zehn oder fünfzehn Menschen in einem Kirchspiel14 sterben. Allein, im ganzen sieht man es in den Totenlisten, welche in den Zeitungen stehen, daß seitdem Tee und Kaffee so sehr getrunken werden, viel mehr Menschen sterben als vorher. Die Körper werden geschwächt und können die Krankheiten nicht mehr aushalten. Ich glaube, daß die vielen faulen Krankheiten,15 die so häufig seit einigen Jahren um sich griffen, ihren Grund in dem Trinken des Tees und Kaffees haben.

Daß es noch immer alte Leute gibt, ist kein Beweis, daß der Kaffee der Gesundheit nicht schade. Denn wer heute alt ist, hat sich gewiß in seiner Jugend nicht mit diesem Getränke verdorben. Denn damals war es noch nicht so allgemein. Ob die jetzigen Kaffeetrinker alt werden, das ist ja noch nicht ausgemacht. Ich behaupte fest, daß von hundert Kindern, die mit Kaffee und Tee großgezogen wurden, kein einziges über 50 Jahre kommen wird.

Noch eine andere Kaffeeschwester wendet ein, sie müsse ihn trinken, sonst sei sie krank. Nun denke sie, wie tief sie schon ins Verderben geraten ist! So weit sind ihre Nerven schon gekommen, daß sie von dem natürlichen Feuer des Lebens nicht mehr entzündet werden. Sie müssen fremdes Feuer, sie müssen Kaffee haben. Es ist hohe Zeit, daß sie sich alle Monat täglich eine Tasse abzieht. Statt dessen sollte sie mittags ein Glas Bier bei Tische trinken, bis sie ganz davon ab ist.

Der Kaffee stärkt die Nerven. Dies geschieht aber nur dann, wenn sie wirklich schwach sind: wenn das Geblüt arm an Lebensgeistern oder das Nervenmark nicht stark genug ist, um die Lebensgeister zu bewegen. Findet sich auch hier und dort eine einzelne Person, die bei alledem alt wird, so denke sie nur immer an das wahre Sprichwort, daß eine Schwalbe noch keinen Sommer macht. Wendet mir ein Kaffeetrinker ein, er habe schwache Nerven, darum trinke er Kaffee, so antworte ich: Wenn ein Arzneimittel zur Gewohnheit wird, so wirkt es nicht mehr zum Nutzen, sondern zum Schaden. Die Nerven gewöhnen sich an den immerwährenden Reiz ebenso wie der Magen. Sie sind daher nach und nach auf gleiche Weise überspannt und untätig.

Dies alles ist aber der Zustand des Alters. Wenn ich also die Sache so erkläre: Der Kaffee macht die Menschen alt vor den Jahren, so habe ich alles gesagt, was ich zu erinnern habe. Da nun das Alter an sich eine verdriesliche Sache ist (besonders wenn es jemanden übereilt, ehe er noch sein Haus bestellt hat), so kann mir niemand absprechen, daß der Kaffee ein gefährlicher Feind sei.

Der Kaffee verdünnt das Geblüt, wenn nämlich jemand kalte schleimige Säfte hat. Diese Art Menschen können auch am längsten ohne sonderlichen Schaden Kaffee trinken. Hingegen macht er gesunden Leuten, deren Geblüt eine ordentliche Mischung hat, bei immerwährendem Gebrauch das Geblüt dick und stockig. Denn da der Kaffee das Geschäft der Verdauung hindert, so werden lauter rohe Nahrungssäfte erzeugt. Die Muskelfasern werden an das ewige Prickeln gewöhnt, so daß sie in den Adern ihre gehörige Bewegung nicht mehr verrichten. Das Herz hingegen als das allerreizbarste Organ im Körper wird den Kaffee noch immer empfinden. Daher treibt es das Geblüt durch die verengten Adern. Dadurch entsteht bei vielen nach dem Kaffeetrinken eine fliegende Hitze ohne Ausdünstung. Sie ist in allem Betracht ein gefährliches Zeichen eines phlogistisch verdorbenen Geblüts.16

Allein, noch eine traurige Wirkung dieses schädlichen Getränkes äußert sich bei dem weiblichen Geschlecht, besonders zur Zeit der Schwangerschaft. Warum hat man, besonders in den Städten, jetzt mehr den Arzt bei den Geburten nötig als ehemals? Das hat man bloß den warmen Getränken zuzuschreiben! Alle oben genannten Unordnungen in der Natur wirken mit gesamter Kraft auf die Geburtsteile und spielen daselbst ebenwohl ihre traurige Rolle.

Die armen Kinder empfangen in ihrem ersten Keim den Kaffeegeist und mit ihm all sein Gefolge. Deshalb sind auch unsere Kinder viel weichlicher und erliegen allen auf sie stürmen¬den Feinden (wie dem Freisam,17 dem Zahnen, der schweren Krankheit, den Röteln, den Pocken usw.) um so viel eher. Daher kommt es auch, daß Knaben und Mädchen vor dem elften und zwölften Jahr schon mannbar werden. Sie besitzen mehr Verstand, Vorwitz und verdorbene Lüste als unsere Vorfahren in ihrem zwanzigsten Jahr. So vergährreifen18 unsere armen Würmer. Und wem wird der Vater der Menschen schwere Rechenschaft darüber abfordern? Wem anders als uns Eltern?

Mir kommt da gerade noch eine wahnsinnige Einrede ins Gedächtnis, die mir einer machte, wenn vom Verkürzen des Lebens die Rede war. Unter den gemeinen Leuten gibt es viele, die sagen: \\“All das Geschwätz da ist nichts! GOtt hat jedem Menschen ein Ziel gesetzt. Das kann er nicht überschreiten. Ich mag nun Kaffee trinken oder nicht: ich sterbe immer dann, wenn die mir gesetzte Stunde gekommen ist.\\“

Das ist ein erschrecklicher Mißverstand! Jeder menschliche Leib ist so eingerichtet, daß er alt werden kann, wenn ihn kein Zufall krank macht. GOttes gnädiger Wille ist es, daß er auch ein hohes Alter erreicht. Der Mensch soll alles vermeiden, was sein Leben verkürzen könnte. Hingegen muß er sich alles dessen bedienen, was es zu verlängern vermag. Dies ist ein Gesetz, welches GOtt dem Menschen geboten hat.

Dann endlich, wenn der Körper vor Alter nicht mehr leben kann, so kommt der Tag oder das Ziel, das dem Menschen gesetzt ist, und das er nicht überschreiten kann. Aber sooft ein Mensch früher stirbt, so rührt das entweder von den Zufälligkeiten der Natur oder von des Menschen angeborenen verdorbenen Lüsten und Neigungen her.19 Diese machen ihn unmäßig, so daß er auf seine eigene Gesundheit losstürmt.

Freilich wirkt auch hier die Vorsehung GOttes zum Besten des menschlichen Geschlechtes mit. Sofern der Mensch sich ohne sein Wissen das Leben verkürzt, so schadet es ihm auch nicht an seiner Seligkeit Allein, GOttes wohlgefälliger Wille ist es nie, daß der Mensch früh sterben soll. Wer es nun aber weiß, daß der Kaffee ihm und seinen Kindern das Leben verkürzt und ihn dennoch trinkt: wer ohne Rücksicht auf die schädlichen Folgen seinen Stolz und seine Lust nicht überwindet, der wird sich nicht am Tage des Gerichtes damit losschwätzen können, daß ihm ja der Todestag bestimmt gewesen sei.

In den Niederlanden20 trinkt man den Kaffee sehr schwach und mit vielem Wasser. Im übrigen Deutschland und in anderen Ländern nimmt man ihn sehr stark zu sich, freilich in geringerer Menge. In Ansehung der Wirkung ist das eine so schädlich wie das andere. Was der Kaffee in den Niederlanden schwächer und unschädlicher ist, das verdirbt die Menge des warmen Wassers, womit er getrunken wird. Der Körper wird dabei so bleich, mager und schwammig, daß es ein Elend ist. Daher sieht man dort auch eine solche Menge Kinder mit dicken Köpfen, dicken Bäuchen, altem Mannsgesicht sowie Armen und Beinen wie die Stecken. Dies fällt besonders bei den armen Leuten auf, welche den mageren Kaffee in großer Menge dreimal täglich hinunterschlurfen und ihre tägliche Nahrung daraus machen.
Der Tee ist gar nicht besser als der Kaffee. Er richtet seine Anbeter ebenso zu Grunde. Nur daß er vielleicht noch ein wenig unmerklicher wirkt. Seinen größten Verteidiger, den berühmten Bontekoe, tötete er zur Belohnung durch einen Schlagfuß.21

Der Kaffee allein ist noch nicht schädlich genug. Nein, er muß auch noch einen Wasserträger haben: und das ist der Zucker. Dieses süsse Salz ist ein schleimiges Wesen, welches saure Schärfe in sich verschließt und zur Gärung sehr geneigt ist.22 Wenn man ihn häufig braucht, so bringt er allerhand Übel in den Körper. Genannt seien Scharbock, 23 allerhand unreiner Ausschlag und kalte faulige Krankheiten. er ist also ein eben so schädliches Mittel zum täglichen Gebrauch wie der Kaffee.

Dies mag nun von der Schädlichkeit dieses Getränkes in Hinsicht auf die Gesundheit genug sein. Ich will noch folgende Erinnerung hinzusetzen. Wer sich einmal stark an den Kaffee gewöhnt hat, der muß nicht auf einmal damit aufhören. Er soll dies nach und nach tun, weil die Natur solche heftige Veränderungen in der Lebensart nicht ertragen kann. Der Bürger und Handwerksmann, der in den Städten wohnt, und der durch fleißige Arbeit etwas Nahrhaftes braucht, kann sich morgens warmes Bier machen lassen und am Nachmittag kaltes Bier trinken. Denn auch der Wein bleibt an Plätzen, wo er nicht angebaut wird und daher teuer ist, für Menschen unerschwinglich, deren Einkünfte nur zur Notdurft des Lebens zureichen.

Welch ein Verderben ist es doch für einen Bürgersmann, der glaubt, er müsse sich schämen, wenn er keinen Wein tränke! Sollte er sich nicht viel mehr schämen, daß er den dritten Teil seines Tagelohns in Wein vertrinkt? Das ist einer wahre Schande! Ein reines, starkes, wohl gegorenes Bier ziemt sich für den Bürger, eine gute Milchsuppe oder gebrannte Mehlsuppe für den Bauern.

Es ist ein Unglück, daß bei dem Kaffee und dem Wein immer ein unpassendes Schamgefühl aufkommt. Mancher ehrliche Mann ließe wohl den Kaffee fahren, wenn er sich nicht vor seinem Nachbarn schämen würde, keinen zu trinken. Das heißt eben so viel, als wenn ich meinen Freund sähe ins Wasser fallen und in Gefahr des Ertrinkens geraten; und ich würde mich dann schämen, nicht auch hineinzuspringen, um mit ihm zu ertrinken.

Nein, ehrliche deutsche Männer! Vereinigt euch doch mit euren Nachbarn. Macht einen Bund miteinander, keinen Kaffee mehr zu trinken, und zeigt euch so wieder in eurem alten Heldenmut. Was? Sollen wir uns denn von schlechten Bohnen unsere teure Gesundheit nehmen lassen? Sollen uns diese arabischen Räuber früher ins Grab bringen?

Die Herren Holländer lachen in ihre Faust, daß wir ihnen unsere sauer verdienten Kreuzer gleich ganze Säcke voll nach Amsterdam schicken. Sie selber aber wissen sich wohl in Acht zu nehmen, daß sie sich nicht arm daran trinken. Mir ist ein wackerer Mann bekannt, der einmal einen Kaufmann in Amsterdam besuchte, welcher wenigstens etliche Millionen reich war. Nun sagte der Holländer: \\“Jetzt, Frau, mußt du noch von den besten Kaffeebohnen ein Lot24 ansetzen lassen, weil uns ein Freund besucht.\\“ Der Holländer wollte nun doch einmal recht verschwenderisch sein und seinem aus der Ferne kommenden Freunde ein Lot vom besten Kaffee geben. Und doch war er nichts weniger als geizig. So sind nun die Holländer freilich nicht alle. Aber daß sie klüger und geschickter als wir sind, reich zu werden, das ist gar nicht zu bezweifeln.


Zweiter Abschnitt: Beweis, daß der Kaffee für die Haushaltung ein höchst schädliches Getränk sei


Es geht den Ärzten wie den Predigern. Man hört sie an und tut doch, was man will. Ich habe während des Schreibens daher oft gedacht: jetzt werden alle, die dies lesen, mich ehemals kannten und wissen, daß ich recht gern Kaffee trank, wohl sagen: \\“Wie kommt denn gerade der dazu, so gegen den Kaffee zu predigen, da er doch ein Freund davon war?\\“

Hört, liebe Leute: darauf will ich euch dienen! Wer einen Weg gegangen ist, kann ihn einem anderen am besten zeigen. Habt ihr mit mir Kaffee getrunken, so hört auch nun mit mir auf; denn ich kenne seine Schädlichkeit. Und wenn ich kein Verräter an mir selbst werden will, so muß ich ihn meiden. Auch habe ich das Heimweh25 nach dem lieben Kaffee schon ganz überwunden. Bei mir trifft es also nicht zu, was ihr so oft von euren Predigern sagt: \\“Man muß nach ihren Worten leben, aber nicht nach ihren Werken.\\“26

Über das alles denkt der gemeine Mann noch immer so: „Ja, wer kann denn das alles so genau nehmen! Die Gelehrten müssen eben etwas zu sagen haben.\\“ Gutem Rat folgt man daher nicht.

Ich fürchte sehr, so wird es mir auch mit meinem vorhergehenden Beweis gehen. So mancher denkt und sagt: \\“Ja, ich befinde mich wohl beim Kaffee: mag der doch, schreiben was er will.\\“ Nun ja, guter Freund! Ich habe dann wenigstens das Meinige getan.

Aber ihr seid doch durch die Bank alle miteinander große Liebhaber eines wohlgespickten, dicken Beutels.27 Nun laßt uns einmal untersuchen, ob da nicht auch der Kaffee ein heimlicher Dieb sei? Ich hoffe, dieser Beweis wird euch begreiflicher sein als der vorige. Und wolle GOtt, er wirkte zu eurem Besten!

Wir können den Kaffee nicht geringer anschlagen als einen Kreuzer das Lot, wenn er gebrannt ist. Ich weiß wohl, daß der schlechteste Kaffee zur Zeit 2 Kreuzer kostet; und daß auch bei den wohlfeilsten Zeiten der beste höher zu bezahlen ist. Aber um der Sache nicht zu viel zu tun, will ich bei dem einen Kreuzer stehen bleiben.

Das Maß fette Milch28 kann der Bauer zum wenigsten auf 3 Kreuzer ansetzen. Nun will ich gar nicht in Anschlag bringen, daß viele puren süßen Rahm zum Kaffee brauchen. Vielmehr will ich auf das Lot Kaffee nur für Milch und Zucker 1,5 Kreuzer rechnen. Sollte nun der eine oder andere den Kaffee magerer trinken, so genießt er statt dessen vier bis fünf Köpfchen29. Er braucht dann also mehr an Zucker und Milch.

Den geringsten Anschlag, den ich machen kann, ist mithin der folgende. Ein Mensch, der ordentlich Kaffee trinkt, verzehrt 2,5 Kreuzer. Ich hätte füglich einen Batzen30 veranschlagen können. Allein, wie gesagt, will ich den geringsten Anschlag zugrunde legen. Eine Person also, die jeden Tag Kaffee trinkt, verzehrt im Jahr bloß an diesem Getränk 15 Gulden und noch darüber. Trinkt sie ihn täglich zweimal, so gehen jährlich 30 Gulden weg. Und merkt wohl: so viel kostet nur eine Person – und zwar auf das Geringste gerechnet! Nun nehmt Mann und Frau zusammen, so habt ihr 60 Gulden.31 Rechnet jetzt auch noch zwei Kinder hinzu, deren ich jeweils eins auf die Halbscheid32 anschlagen will. Dann kommen im Jahr zum wenigsten 90 Gulden heraus.

Wird denn nun auch durch den Kaffee Essen oder Trinken verspart? Nein, blutwenig! Das Nachmittagstrinken spart schon einmal nichts. Und wer brav dabei arbeiten muß, der muß auch morgens noch ein tüchtiges Butterbrot darauf essen, wenn er es bis zum Mittag aushalten will. Wenn der Kaffee auch den Appetit stillt und zu sättigen scheint, so stärkt er doch den Arbeitsmann nicht. Man verliert nach und nach doppelt an Arbeit, was man an der Kost zu gewinnen scheint. Es ist also ausgemacht, daß die Kosten, welche man an den Kaffee wendet, am Essen und Trinken nichts ersparen. Mithin ist dieses Geld schlechterdings so gut wie auf die Gasse geworfen!

Nun stelle man sich einmal einen ehrlichen Handwerksmann vor, der jährlich 60 bis 90 Gulden so verschwendet. Ist das nicht zu beklagen? Er mag einwenden, es mache ihm nicht viel aus. Denn er bestreite ja seinen Kaffeeaufwand mit nur 6 Kreuzer am Tag. Wohlan! Ich will es einmal zugeben. Aber wir haben dann doch 36 Gulden pro Jahr. Freilich müßte er etwas anderes an Stelle des Kaffees haben. Aber das würde ihm auch mehr Stärke geben und ihn nicht halb so viel kosten.

Eine Mehlsuppe des Morgens oder auch eine Biersuppe bereitet er sich aus seiner und seines Nachbarn Küche. Das Geld bleibt unter den Einwohnern eines Ortes: er vermag, den anderen zu bezahlen; und also können Handlung und Gewerbe richtig fortdauern. Der Schuhmacher gibt sein Geld dem Bierbrauer und dem Bäcker. Diese bringen es wieder dem Schuhmacher und dem Tagelöhner. Der Tagelöhner ist jetzt im Stande, dem Schuhmacher mehr Verdienst zu geben und ihn zu bezahlen, anstatt sich ohne Schuhe zu behelfen. Beide essen nun zu ihrer Stärkung Fleisch. Der Metzger und der Bäcker aber erhalten die für ihr Geschäft notwendigen Rohmaterialien bei den Bauern.

So sieht es aus, wenn man den sonst aus dem Lande gegangenen Kaffeeaufwand für eine Haushaltung auf nur 36 Gulden rechnet. Wie wird es aber aussehen, wenn eine größere Haushaltung täglich 10 Kreuzer und also jährlich 60 Gulden verbraucht; oder wenn gar solche Haushaltungen des Tags zweimal Kaffee trinken und sogar morgens das Gesinde damit bewirten? Hier berechne man, wieviel an barem Geld aus solch einer Haushaltung gehe. Das ist doch eine wahre Schwindsucht der Glückseligkeit eines Hauses, und in der Folge des ganzen Landes! Ist es wohl möglich, daß es auf die Länge Stand halten könne?

Wenn ein ehrlicher Mann das Geld zurücklegte, welches in seinem Haus jährlich auf solch unnötige Weise verschwendet wird, so könnte er jedem Kind bei seiner Aussteuer33 eine gute Summe mitgeben. Laßt uns auch hier einmal eine Rechnung anstellen.

Gesetzt, ein Handwerksmann heiratet und fängt mit seiner Frau an, zweimal täglich Kaffee zu trinken. Nach Ablauf eines Jahres haben sie schon 60 Gulden zuviel verzehrt. Doch da sie morgens anstatt des Kaffees etwas haben müssen, so will ich ihnen dafür 15 Gulden nachlassen. Folglich rechne ich ihnen nur 45 Gulden jährlich an.

Nach einem Jahr bekommen sie einen Sohn. Wenn dieser 24 Jahre alt ist, so verheiraten sie ihn. Nun sind die Eltern 25 Jahre verheiratet. Während dieser Zeit haben sie schon für 1 125 Gulden Kaffee getrunken, und zwar bloß die beiden Eltern allein! Die Kinder habe ich gar nicht gerechnet.

Nun will ich ihnen vier Kinder geben. Alle sollen zwei Jahre voneinander geboren worden sein. Das älteste Kind wird im 24. Jahr verheiratet. Bis nach dem 16. Lebensjahr will ich ihm nur die Hälfte des Kaffeeverbrauchs zurechnen, und wegen der stärkeren Zehrung34 im 14., 15. und 16. Jahr die ersten Lebensjahre mitlaufen lassen. Von da an aber bis ins 24. Jahr rechne ich das Ganze. Folglich hat er 16 mal 11,25 Gulden und 8 mal 22,50 Gulden an Kaffee vertan. Das macht zusammen 360 Gulden.

Wenn nun der Vater den ersten Sohn verheiratet, so hätte er ihm 360 Gulden Aussteuer mitgeben können, falls er keinen Kaffee getrunken hätte. Die Eltern selbst hätten bereits 1 125 Gulden sparen können. Berechnen wir nun auf diese Weise jedes der vier Kinder, so verheiraten sie das letzte Kind, nachdem sie 32 Jahre in der Ehe gelebt haben. Jedem hätten sie 360 Gulden Aussteuer geben können. Sie würden nun schon bloß durch Ersparung des Kaffees 1 140 Gulden übrig haben. Dabei rechne ich die Mitgift der Kinder nicht dazu, die zusammen auch 1 140 Gulden beträgt. Leben nun die Alten noch acht Jahre, in allem also 40 Jahre in der Ehe, so haben sie bloß durch Vermeidung des Kaffeetrinkens 1 800 Gulden gespart!

Wo aber gibt es einen Handwerksmann, der jedem seiner Kinder 360 Gulden Aussteuer mitgeben kann? Glücklich würden sie sein, wenn ein jedes zur Anfahung35 seines Gewerbes nur 200 Gulden erhielte. Geschähe dieses, so hätte der Vater bei jedem Kinde 160 Gulden für sich erspart. Dies macht bei allen vier Kindern zusammen 640 Gulden. Diese und die oben errechneten 1400 Gulden ergeben eine Summe von 2 080 Gulden.

Wahrlich: man bedenke das einmal! Das ist keine übertriebene Rechnung: sie ist grundwahr. Was dünkt euch, ehrliche Bürger? Das ist doch wirklich ein rechtschaffener Handwerksmann, der seinen Kindern, außer dem von seinen Eltern Ererbten, außer dem durch seinen Fleiß Gewonnenen, auch noch über 2 000 Gulden Erspartes hinterläßt. Das könnt ihr alle. wenn ihr nur das elende Kaffeetrinken aufgebt. Wir leben in Zeiten, wo etwas zu verdienen ist, und wo wir alle reich werden können, wenn wir nur hauszuhalten wüßten. Klagt nicht darüber, daß das Geld so rar ist! Ihr sollt im letzten Abschnitt, hören, woher das kommt.

Bedenkt nun: wenn ein solcher Mann, wie ich ihn oben zum Exempel gestellt habe, noch mit seinem Geld ordentlich in seinem Handwerk gearbeitet oder es auf Zinsen gelegt hätte, so hätte er es auf 4 000 Gulden bringen können!

Dies aber ist noch lange nicht der ganze Schaden, den ein Haushalt vom Kaffeetrinken hat! Es muß auch noch Geschirr angeschafft werden. Man will weiterhin einen Kaffeekessel haben; oft auch eine messingene, kupferne oder zinnerne Kaffeekanne nebst einem Milchkännchen. Am Anfang behilft man sich, so gut man kann. Nach und nach aber möchte die Hausfrau auch damit prunken. Sie muß dann anstatt des halben Porzellans36 gutes, echtes haben. Das ist nun zerbrechliche Ware. Wie oft sieht man bei Bauersleuten, wenn man in ihre Stube kommt, auf den Schäftern37 oder in eigens dazu angefertigten Schränken dieses Geschirr der Reihe nach glänzen! Ist das nicht ein totes Kapital, das immer an sich selbst zehrt? Denn so oft ein Schälchen zerbricht, muß wieder ein neues beschafft werden.

Zum äußersten Schaden der Haushaltung wird bei solchen Umständen auch die Milchnutzung verdorben. Der fette süße Rahm geht unnütz verloren. Man trinkt die süße Milch mit Tee und Kaffee. Wie kann man da Butter machen, wie Käse? Und darin besteht doch der einzige Nutzen, den man neben dem Dung von der Viehzucht hat.38 Wir wollen auch dieses Verderben näher beleuchten.

Gesetzt, ein Hausmann hält so viele Kühe, daß er neben dem Kaffeetrinken noch die zu seinem Verbrauch nötige Butter selber macht. (Denn das ist ein Unglück: man spart durch den Kaffee nicht einmal die Butter. Vielmehr muß der Arbeitsmann noch ein Butterbrot dazu haben. Und bei dem Nachmittagstrinken, welches völlig unnütz ist, wird dieses kostbare Fett ganz verschwendet. Mittags und abends wird dem ungeachtet all die Butter verbraucht, die auch ohne das Kaffeetrinken benötigt wird). Ein solcher Hausmann also, der dem ungeachtet mit seiner eigenen Butter auskommt, hätte jährlich so viel verkaufen können, als im Kaffeetrinken verschwendet wird. Dies wird wohl niemand leugnen können.

Von 9 Maß Milch hätte doch ein Pfund Butter gemacht werden können.39 Die abgerahmte Milch nebst der Buttermilch hätte des Morgens anstatt des Kaffees Suppen gegeben, wie den Bauersleuten gar wohl bekannt ist. Werden nun nicht

alle vierzehn Tage in einer Haushaltung, wo Kaffee getrunken wird, 9 Maß fette Milch verbraucht? Ich glaube ganz gewiß, daß man selten damit auskommt. Folglich verliert man alle vierzehn Tage 10 Kreuzer; denn so hoch darf ich doch das Pfund Butter rechnen. Will ich aber den Wert der Milch anschlagen, so kostet die fette Milch in den Städten nie unter 3 Kreuzer. Mithin hätte man aus den 9 Maß Milch 27 Kreuzer lösen können.

Nicht jeder jedoch kann die Milch in die Stadt zum Verkauf tragen. Ich bleibe also bei den 10 Kreuzer. Die abgerahmte saure Milch will ich nicht rechnen, weil der Kaffee ihre Stelle ersetzt. Man verliert also jährlich 26 Pfund Butter oder 4 Gulden 20 Kreuzer bares Geld. Dadurch wird aber auch im ganzen Land der Butter soviel weniger. Folglich wird sie auch teurer. Die übrige Butter, welche also der Haushalt verzehrt, verteuert sich durch sein Kaffeetrinken. Und was noch das Ärgste ist: für eben diese Butter geht das Geld außer Lande! Dadurch verdoppelt sich der Schaden.

Endlich macht der Kaffee den Arbeitsmann zärtlich und weichlich. Dies aber wirkt in den Haushaltungen wie ein schleichendes Übel. Das Nachmittagstrinken nimmt überdies auch Zeit weg. Dadurch entsteht in dem Fleiß und in der Wirksamkeit ein unersetzlicher Schaden, der größer ist, als man denken kann.

Lasset uns dies alles nun einmal ruhig miteinander überlegen. Kann denn ein vernünftiger Mann so töricht sein, eine schädliche Mode länger mitzumachen, von der er ganz und gar keinen Nutzen, aber einen höchst verderblichen Schaden hat? Haben wir denn ein einziges wesentliches Vergnügen vom Kaffee? Ich weiß gewiß keines.

Ihr sagt: \\“Er schmeckt gut.\\“ Ei – gewiß nicht so gut wie ein gutes warmes Bier, mit Honig versüßt und mit etwas Gewürzen veredelt: und dies stärkt! Laßt euch auch das Bier eben so viel wie den Kaffee kosten. Ich habe es schon einmal gesagt: das Geld bleibt dann in der Nachbarschaft, und ihr könnt es wieder verdienen. Aber für Kaffee und Zucker geht es in andere Länder, so daß ihr es nie wieder bekommt.

Wollt ihr einwenden, der Wohlstand erfordere es, daß man die Mode mitmache? Nun, so macht denn noch eine Weile mit, bis euch die Armut wie ein bewaffneter Mann übereilt. Dann ist es um den Wohlstand geschehen! Das ist fein und das steht wohl, wenn ein ehrlicher Mann seine Kinder mit Ehren gesund großgezogen hat, und ihnen dann ein hübsches Stück Geld zum Anfang mitgeben kann.

Und das verhaßte Weintrinken! Das Fürstentum Nassau-Siegen ist ein von Gott gesegnetes Land; dies will ich nun einmal zum Beispiel setzen. Ach, möchte ich hier meinen lieben Landsleuten die Augen öffnen können! Die mächtige Stahl- und Eisenfabrik,40 welche dort blüht, könnte das ganze Land mit Geld anfüllen. Allein, die meisten Einwohner kämpfen mit aller Macht gegen den Reichtum. Die Fabrik ist ganz in den Händen der Landleute,41 so daß ein großer Teil des Fürstentums aus fabrizierenden Bauern bestellt. Durch Erbschaftsteilungen werden die Güter klein, und ebenso die Anteile an den Fabriken. Diese Mittelleute zwischen Bauern und Bürgern geraten seit einigen Jahren in den schädlichsten Grad der Üppigkeit. Diese herrliche Fabrik – mithin das Glück des ganzen Landes – geht binnen kurzer Zeit ganz gewiß zu Grunde, wenn deren Genossen42 sich nicht bald besinnen und umkehren.

Es ist bereits soweit gekommen, daß viele täglich im Wirtshaus liegen und Wein trinken, indessen das Weibchen zu Hause ihren fetten Kaffee genießt. Oft genug trinkt der Mann noch Kaffee mit, ehe er ins Wirtshaus geht. Da wird nun die Arbeit versäumt und das Geld verschwendet. Freilich leben nicht alle so; aber doch sind die Beispiele nicht selten. Daher ist nun die verderbliche Mode eingerissen, daß ein ehrlicher Mann dieser Klasse, der ins Wirtshaus kommt, sich schämen muß, etwas anderes als Wein zu bestellen.

Im ganzen Lande wächst kein Wein. Er muß also in großer Menge vom Rhein und der Mosel herangeschafft werden. Welche ungeheuren Summen Geldes dadurch unnötiger Weise aus dem Lande gehen, ist leicht zu denken. Doch davon will ich nun im folgenden Abschnitt reden.


Dritter Abschnitt: Beweis, daß der Kaffee endlich auch für das ganze Land ein höchstschädliches Getränk sei


Wenn man bei den Landleuten in Deutschland herumreist und mit ihnen ins Gespräch kommt, so hört, man überall die bitterste Klage über Geldmangel. Fragt man sie, woher es komme, daß das Geld so rar sei, so ist die gewöhnliche Antwort: \\“Alles, was man aufbringen und beibringen kann, das muß man der Obrigkeit geben.\\“ Nun freilich: es gibt leider Herrschaften, welche die Untertanen bis aufs Blut aussaugen. GOttlob sind das aber weniger, als der gemeine Mann glaubt.

Nein, ihr guten Leute! Das ist der allgemeine Fehler in Deutschland nicht. Wenigstens gehören die kurpfälzischen Lande, in welchen ich wohne,43 und die nassauischen Lande, mein geliebtes Vaterland – andere zu geschweigen – nicht unter diese Zahl. Die Milde derer höchsten Beherrscher sind in ganz Europa bekannt.44 Von diesen will ich aber nicht reden. Ich will nur bei denen stehen bleiben, über deren Regenten der Landmann zu seufzen Ursache zu haben glaubt. Auch in diesen Ländern vertrinkt ein großer Teil der Einwohner dreimal mehr im Kaffee, als er der Obrigkeit zu geben braucht. Kann man hier wohl, ohne sich zu versündigen, der Obrigkeit die Verantwortung aufbürden? Ist es denn billig, der Obrigkeit eine Schuld beizumessen, die auf euch liegt?

Es ist ein Unglück für euch, wenn eure Herren, über die ihr euch beschwert, nicht die wahre Quelle eures Verderbens aufsuchen und sich bemühen, diese zu verstopfen. Gute Fürsten, die um das Wohl ihrer Untertanen bekümmert sind und ihre Not fühlen, wissen und kennen die Ursache des Verderbens. Sie sind auf Mittel bedacht, ihre Untertanen bei Vermögen und Brot zu erhalten. Sie sind bekümmert, wenn sie beinahe kein ausreichendes Mittel finden, der Kaffee-Raserei Einhalt zu tun.

Diesem Unwesen zu steuern, haben einige Fürsten ein gänzliches Verbot des Kaffeetrinkens versucht: allein vergeblich! Der große und weise Friedrich45 hat diesen Gegenstand ebenfalls einer besonderen Aufmerksamkeit wert erachtet. Er hat durch ein königliches Monopolium46 und aufgelegten ferneren Akzise47 den weisen Endzweck zu erreichen getrachtet. Und doch wird Kaffee getrunken!

Würde man Aufseher bestellen, die keinen Kaffee in das Land hereinlassen dürfen, so müßte man das ganze Land mit Wachen umzingeln. Ein großer Teil von ihnen würde sich gar gern bestechen lassen. Folglich würde der Kaffee nach wie vor getrunken werden.

In dieser Erwägung haben andere große Fürsten abweichende und mildere Mittel eingeschlagen, welche den Untertanen zu eigenem Nachdenken Gelegenheit geben. So schränkte die großbritannisch-kurbraunschweigisch-lüneburgische Verordnung den Verkauf des rohen Kaffees auf ein Pfund ein und verbietet den Handel mit gebranntem Kaffee im kleinen. In den fürstlich-hildesheimischen Landen ist der Verkauf des ungebrannten Kaffees auf 2 Pfund und im kurkölnischen Herzogtum Westfalen auf 5 Pfund eingeschränkt, der Handel mit gebranntem Kaffee aber allenthalben verboten.

Das beste und wirksamste Mittel wäre, wenn der Bürger und Landmann selber so klug würde, und dieses höchstschädliche Getränk abschaffte.

Doch ich eile zu meinem Zweck: um klar zu zeigen, woher es komme, daß das Geld unter den gemeinen Bürgers- und Handwerksleuten in Deutschland so rar ist?

Ich will das sonst glückliche Siegerland zum Muster nehmen, obgleich dieses in Ansehung des baren Geldes unendliche Vorzüge vor vielen anderen hat.

Die Stadt Siegen mag nahezu 1 000 Haushaltungen haben. Nun tue ich sicher der Sache nicht zu viel, wenn ich jede Haushaltung für Kaffeeverzehr (Zucker und Milch mit eingerechnet) auf 90 Gulden veranschlage. Denn wenn da auch einige arme Häuser sind sowie Haushaltungen, in denen weniger vertan wird, so gibt doch dreimal so viel, die gewiß ein Mehreres verbrauchen. Also 90 mal Tausend: macht 90 000 Gulden, die alle Jahre aus der Stadt Siegen nach Holland gehen.

Fernerhin rechne ich das Land auch auf 1 000 Haushaltungen, die Kaffee trinken; das ist gewiß nicht zu viel.48 Da haben wir abermals 90 000 Gulden.

Folglich schickt das Siegerland bloß für Kaffee und Zucker in einem Jahr 180 000 Gulden nach Holland! Freilich bleibt der fünfte Teil davon für Milch im Lande. Aber diesen können wir füglich für fremde Butter aufrechnen, welche dagegen von außen in das Land gebracht werden muß, oder für Tee, oder endlich für Zucker, der noch außerdem unnötiger Weise in den Speisen vertan wird. 180 000 Gulden jährlich aus einem so relativ kleinen Lande, aus einem Teil des Fürstentums Nassau! Das ist doch erschrecklich!

Was meint ihr wohl, ihr lieben Landsleute! Wenn diese Summe Geld jährlich im Land bliebe: sollte man dann noch in ein paar Jahren über Geldmangel klagen müssen? Gewiß nicht! Nun laßt uns weiter gehen.

Bis daher ist im Siegerland keine einzige Tabakpflanze gebaut worden. Und doch rauchte und schnupfte fast einjeder! Es läßt sich an den Fingern zählen, daß das Siegerland für Tabak jährlich mehr als 20 000 Gulden außer Land schickt. Dieses zu obiger Kaffeesumme gerechnet, ergibt einen Betrag von 200 000 Gulden!

Für den Wein rechne ich auch nur 25 000 Gulden; ich könnte jedoch gewiß noch einmal so viel nehmen. Folglich haben wir schon 225 000 Gulden. Sie gehen bloß für nichts, aus lauter Verschwendung alle Jahre fort. Sollte das wohl lange dauern können?

Nun, man bedenke! Wenn ein so kleines Land (das noch nicht einmal den dritten Teil aller fürstlich-nassauischen Reichslande ausmacht) jedes Jahr 225 000 Gulden – ja ich will nur 150 000 Gulden sagen – von einem weit überwiegenden Gewinn dadurch erspart, daß es den Kaffee und Wein abschafft und sich seinen Tabak selber baut: sollte da wohl noch Geldmangel sein können? Dies Geld würde im Lande bleiben und unter den Untertanen zirkulieren. Alle Jahre würde diese zirkulierende Geldmasse um soviel vermehrt. Mithin würde das Land in wenigen Jahren unermeßlich reich werden. Geht noch weiter und berechnet die Ersparnis und den Vorteil für Nassau im Ganzen!

Ein jedes Land hat seine Handelsbilanz. Das heißt: jedes Land schickt, jährlich eine gewisse Menge Waren außer Land und bekommt dafür Geld. Dies ist die Landeseinnahme. Alles Geld, das im Lande zirkuliert, rührt von daher, wenn der Fürst nicht selbst münzt. Ferner: alle ausländischen Waren, die man im Lande braucht, werden an die Ausländer bezahlt. Dies ist die Landesausgabe. Nun ist klar, daß wenn die Landesausgabe größer ist als die Landeseinnahme, das Geld immer rarer und das Land endlich bettelarm wird. Nimmt aber das Land mehr ein, als es ausgibt, so wird es immer reicher.

Man nennt nun Handelsbilanz eines Landes, wenn man die Einnahme und die Ausgabe miteinander vergleicht. Darauf beruht das Kunststück der Regierung: daß sie den Ackerbau, die Handwerker und die Handlung so zu leiten versteht, daß immer der Gewinn der Handelsbilanz auf Seiten ihres Landes ist; das heißt: die Einnahme größer als die Ausgabe sei.49

Zu dem Ende sucht, ein weiser Regent den Ackerbau durch Einführung des Kleebaues und der Stallfütterung50 zu verbessern, damit man desto mehr Frucht, Tabak und andere geldkostende Gewächse im Land selber erziehen könne. Aus eben diesen und anderen Rücksichten ist er bedacht, die Viehzucht zu vermehren und zu verbessern. Daher kommt es, daß man so sorgfältig bemüht ist, Bierbrauereien, Branntweinbrennereien und andere Fabriken in den Ländern zu errichten: auch die Handwerker wie Künste zu befördern und zu verbessern, damit man von dem, was man braucht, so viel als möglich selber bereite, ohne es aus der Fremde kommen zu lassen.

Eben darum ist es auch des Bürgers und Landmanns Pflicht, der Obrigkeit gern zu gehorchen, wenn sie Verordnungen macht. Sehr selten seht ihr guten Leute den Nutzen ein, den solche Verordnungen haben. Dann murrt ihr dagegen. Gerade so machen es auch eure Kinder, wenn ihr ihnen nicht ihren Willen tut.

Seht: nun habe ich euch die drei versprochenen Beweise geliefert. Sie sind wahr und richtig. Bedenkt nun auch, daß es eine schwere Sünde ist, bloß aus verwegener Wollust seine Gesundheit, seine eigene Haushaltung und ein ganzes Land zu Grunde zu richten. Kein Kaffeetrinker kann leugnen, daß er nicht alle diese drei Dinge tut. Geht einmal mit tapferem Mut gegen diese greuliche Gewohnheit an. Wenn ihr sie dann überwunden habt, so werdet ihr finden, daß GOttes Segen über euch und eure Kinder walten wird. Dazu breitet sich dann Flor51 und Wohlergehen über das ganze Land aus.

Anmerkungen


1 Unter \\“Arabien\\“ verstand man zu Jung-Stillings Zeit die westlichste und größte der drei südlichen Halbinseln Asiens, einschließlich der Halbinsel Sinai. Von den 3 Mio qkm Fläche sind ein Drittel Wüste (arabia deserta), fast zwei Drittel Steppe (arabia petraea) und bloß 4% waren um 1780 anbaufähiges Land. Dieses nannte man das \\“glückliche Arabien\\“ (arabia felix).

2 Mocha (Mokka, Mukha) ist eine Hafenstadt im Süden von Jemen; früher mit bedeutender Kaffeeausfuhr. Danach benannt: stark zubereiteter Kaffee, besonders aus kleinbohnigem, bitter-aromatisch riechendem Java- oder Brasilkaffee.

3 Java ist die kleinste, aber wichtigste der großen Sunda-Inseln. Seit 1520 portugiesische, ab 1596 niederländische Kolonie mit der Hauptstadt Batavia. Ab 1946 zur Republik Indonesien gehörend, ist Batavia unter dem Namen Djakarta seit 1950 Landeshauptstadt und zählt fast 9 Mio Einwohner. – Der Begriff \\“Ostindien\\“ schloß zu Jung-Stillings Zeit auch die ganzen Malaischen Meeresinseln mit ein.

4 Ceylon ist die große Insel vor der Südspitze (Vorder)Indiens; heute Sri Lanka. Das ehemals unabhängige Königreich wurde 1517 portugiesisch und war ab 1638 holländisch, bis es 1795 von England erobert wurde. Seit 1948 selbständig; Hauptstadt: Colombo.

5 Surinam oder niederländisch Guayana liegt an der Nordostküste von Südamerika. Ab 1667 holländische Kolonie, ab 1949 autonomer Teil der Niederlande, seit 1975 selbständig; Hauptstadt: Paramaribo. – Die Holländer erwarben Surinam von England auf dem Wege eines Tauschgeschäftes gegen Neu Amsterdam an der Hudson-Mündung in Nordamerika, dem heutigen New York.

6 Bourbon heißt seit 1793 Réunion und ist eine der Inseln der Maskaren-Gruppe im Indischen Ozean, 676 km östlich von Madagaskar. Schon 1505 von den Portugiesen entdeckt; 1643 französische Kolonie, seit 1947 französisches Übersee-Departement (département d’outre-mer) und seit 1982 französische Übersee-Region (région d’outre-mer), damit als Teil Frankreichs auch Gebiet der Europäischen Union mit dem Euro als Währung ; Hauptstadt: Saint Denis.

7 Insel der kleinen Antillen. 1502 von Columbus entdeckt und ab 1635 französische Kolonie. Seit 1946 französisches Übersee- Departement, seit 1982 Übersee-Region und damit als Teil Frankreichs auch Gebiet der Europäischen Union mit dem Euro als Währung; Hauptstadt: Fort de France.

8 Subtiles Öl meint einen zarten, dünnen Stoff mit der Fähigkeit des fein Durchdringenden. Der Begriff Öl umfaßte zu Jung-Stillings Zeit flüchtige Flüssigkeiten aus dem Pflanzen- und Tierreich gesamthaft. Fette Öle (heute vorherrschende Bedeutung) waren nur ein Teil davon. – Das Coffein (Methyltheobromin) wurde erst 1820 durch den deutschen Chemiker Friedlieb Runge (1794-1867) entdeckt.

9 Um 1780 versteht man unter Theriak ein stark opiumhaltiges Arzneimittel. Es kam in erster Linie aus Italien, vor allem aus Venedig.

10 Jung-Stilling steht zu dieser Zeit noch grundsätzlich auf dem Standpunkt, daß die menschliche Natur vollkommen verdorben sei; und daß der Mensch weder als einzelner aus sich selbst noch im sozialen Verband verbesserungsfähig sei; siehe Gerhard Merk (Hrg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. 33 f. Erst später schreibt er dem Staat (der Rechtsordnung) die Fähigkeit zu, den Menschen durch verhaltenssteuernde Regeln auch zum Guten zu formen, ohne daß freilich damit eine heilsnotwendige Rechtfertigung erworben werden kann. Siehe Gerhard Merk (Hrg.): Jung-Stilling- Lexikon Wirtschaft. Berlin (Duncker & Humblot) 1987, S. 109 f. S. 124 ff.

11 Man nahm zu dieser Zeit an. daß Schnupftabak allzu starke Absonderungen der Nasenschleimhäute verhindern könne, mithin als Heilmittel wirke. Das Nikotin (Methylpyrolidin) kannte man noch nicht; auch die anderen chemischen Verbindungen im Tabak(rauch) waren noch unerforscht.

12 Der Tod. Dieser wurde früher regelmäßig als Gestalt in vollständigem menschlichen Gerippe dargestellt. Oft hielt er eine Sense oder (und) eine Sanduhr (Stundenglas) in der Hand.

13 Korpulent meint wohlgenährt, dickleibig, feist. Jung-Stilling will hier sagen, daß dicke Menschen wenig Verstand haben: ein zu jener Zeit auch in der Medizin weit verbreitete Lehrmeinung.

14 Gemeindebezirk; Verband aus mehreren Gemeinden, die einer Pfarrei angehören.

15 Faule Krankheiten (Fäule) sind in der alten Medizin (Entzündungs)Krankheiten, deren Ursache man im Befall durch Fäulniskeime sah. Bakterien als Krankheitserreger wurden erst um 1860 genau erkannt.

16 Die damalige Medizin nahm mehrheitlich an, daß auch im menschlichen Körper ein brennbarer Stoff (das Phlogiston) sei. Dieser kann unter bestimmten Bedingungen flammig werden; und es gibt Stoffe, die das auslösen können. Solche phlogistisierende Wirkung schreibt Jung-Stilling hier dem Kaffee-Übergenuß zu.

17 Freisam bedeutet die Epilepsie (Fallsucht); siehe zur Wortgeschichte Jacob Grimm und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Bd. 4. Leipzig (Hirzel) 1877, Sp. 121.

18 Austrocknen der (Getreide)Kömer vor der Reife; von Jung-Stilling auch im übertra¬genen Sinne gebraucht. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Sachgerechtes Wirtschaften. Berlin (Duncker & Humblot) 1988, S. 44.

19 Siehe Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. 32 ff., S. 168.

20 Jung-Stilling versteht unter Niederlanden stets das nördliche Deutschland; das heutige Königreich der Niederlanden nennt er Holland.

21 Der holländische Arzt Cornelius Bontekoe (1647-1685), ein damals viel gelesener volkstümlicher medizinischer Autor, sah im Tabak und Tee ein Allheilmittel. Bontekoe starb freilich nicht, wie Jung-Stilling hier bemerkt, am Schlagfuß, sondern an den Folgen eines Treppensturzes in Berlin, wo er als Leibarzt des Kurfürsten von Brandenburg wirkte.

22 Zucker ist zur Zeit von Jung-Stilling noch eine teure \\“Kolonialware\\“. Beginnend ab 1802, wird in Deutschland auch Rübenzucker gewonnen; allerdings nimmt die Produktion erst in der zweiten Hälfte des 19. Jhts. größeren Umfang an. Daß Zucker eine wichtiger Nährstoff ist, wußte man noch nicht.

23 Zahnfleischfäule, Skorbut, Mundfäule. Die alte Medizin schrieb diese Krankheit verdorbenen scharfen Säften zu. Sie galt als \\“besondere Art der Blutverderbung\\“, von den Holländern um 1600 aus den Polarländern eingeschleppt.

24 Im Nassauischen (der Heimat von Jung-Stilling) war zu jener Zeit 1 Lot = 15,625 Gramm; in Holland galt 1 Lot = 16,667 Gramm.

25 Heimweh ist ein damals noch ungewohntes (und erst kurz vor 1700 aufgekommenes) Wort. Verbreitet wurde es vor allem auch durch den Fortsetzungs-Roman \\“Heimweh\\“ von Jung-Stilling, der in vier Teilen zwischen 1794 und 1796 erschien und weithin Beachtung fand.

26 Das (calvinistische) Fürstentum Nassau-Siegen hatte zu Jung-Stillings Lebzeiten offenbar weniger vorbildliche Prädikanten; siehe hierzu Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede), S. 151. – Siehe zum heutigen Zustand der Menschen seiner Heimat in der Beurteilung von Jung-Stilling Glaubrecht Andersieg: Allerhand vom Siegerland. Siegen (Höpner) 1989, S. 111 ff.
27 Jung-Stilling schreibt hier seinen nassauischen Landsleuten gesamthaft eine starke Geldversessenheit zu. Diese aber ist bestimmt nicht bloß dort eigentümlich, sondern eine wohl auch anderswo verbreitete Haltung.

28 1 Maß für flüssige Dinge entsprach in den nassauischen Ländern damals 2 Liter.

29 Köpfchen = Köpflein = ein kleines Trinkgefäß; es wurde bei der Metrifikation auf 0,12403 Liter definiert.

30 Es galt in den nassauischen Ländern im Jahre 1782: 1 Reichstaler = 22,5 Batzen = 45 Albus = 90 Kreuzer = 360 Pfennige. Daraus errechnet sich: 1 Kreuzer = 0,25 Batzen, und 2,5 Kreuzer (die Jung-Stilling als Mindestsumme annimmt) = 0,625 Batzen.

31 Man rechnete: 1 Gulden = 60 Kreuzer = 15 Batzen. Gewöhnlich setzte man den Gulden = zwei Drittel Reichstaler, unbeschadet der Verschiedenheit des Münzfußes. Jung-Stilling nimmt also an, daß Mann und Frau zusammen 40 Reichstaler = 60 Gulden für den Kaffee jährlich ausgeben. – Der Tagelohn für einen Arbeiter betrug 1782 (bei in der Regel zehnstündiger Arbeit) um die 25 Kreuzer, maximal aber 30 Kreuzer. Für einen Gulden hatte der Taglöhner also mindestens drei Tage zu arbeiten; und die 30 Gulden jährlich für Kaffee entsprachen damit der Arbeitsleistung eines Lohnarbeiters von 3 Monaten.

32 Halbscheid = das halb Geteilte, die Hälfte.

33 Aussteuer meint hier Weggang aus dem elterlichen Haus zwecks Gründung eines eigenen Hausstandes.

34 Zehrung meint hier Essensbedarf, Nahrungsaufwand, Verzehr.

35 Anfang, Beginn; als Substantiv nicht im Wörterbuch der Brüder Grimm.

36 Steingut; aus Feldspat, Kalk oder Ton bzw. aus Mischungen dieser Stoffe hergestelltes Geschirr.
37 Schaft meint hier Gestell bzw. auch freiliegender Balken.

38 Siehe hierzu ausführlicher Johann Heinrich Jung-Stilling: Sachgerechtes Wirtschaften. Sechs Vorlesungen. Berlin (Duncker & Humblot), S. 46 ff.

39 1 Maß im Nassauischen vor 1815 = 2 Liter; 1 Pfund = 34 Lot = 531,25 Gramm. – Heute rechnet man im Durchschnitt 25,5 Liter Milch für ein Kilogramm Butter.

40 Fabrik meint hier Gewerbe, Industrie; siehe Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Wirtschaft. Berlin (Duncker & Humblot) 1987, S. 26 f.

41 Teilhaber an den Bergwerken und eisenverarbeitenden Betrieben waren größtenteils (selbständige, grundbesitzende) Bauersleute.

42 Anteilseigner, Gewerken.

43 Jung-Stilling lebte von 1778 bis 1784 in der Stadt (Kaisers)Lautern. Diese gehörte (zusammen mit dem Herzogtümern Jülich und Berg sowie mehreren kleineren Besitzungen) zum Herrschaftsbereich des Wittelsbacher Fürsten Karl Theodor. Ihm fiel durch Erbschaft 1777 auch Bayern zu, worauf er zum Jahresbeginn 1778 seinen Hof von der kurpfälzischen Residenzstadt Mannheim nunmehr nach München verlegte. Karl Theodor verlieh Jung-Stilling im März 1785 den Titel eines \\“kurpfälzischen Hofrats\\“. – Siehe Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. 86 ff.

44 Nach dem Aussterben der Fürstenhäuser in Dillenburg 1711 und Siegen 1743 fielen die Länder an das Haus Nassau-Diez-Oranien. Im Jahre 1782 (als Jung-Stilling diesen Text schrieb) war Wilhelm V. Batavus Landesherr. Dieser bekleidete gleichzeitig das Amt eines Statthalters der Vereinigten Provinzen der Niederlande und residierte in Den Haag. Dessen Sohn Wilhelm Friedrich Prinz von Oranien-Nassau wurde 1815 König der Niederlande. Seine deutschen Erblande tauschte er gegen Luxemburg ein; die nassauischen Länder wurden preußisch.

45 Gemeint ist der preußische König Friedrich II. (1712-1786), der zur Zeit des Erscheinens des Artikels noch lebte; siehe auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Wirtschaftslehre und Landeswohlstand. Sechs akademische Festreden. Berlin (Duncker & Humblot) 1988, S. 130.
46 Kaffee durfte nur in \\“Staatskaffeebrennereien\\“ geröstet werden; der Handel des Kaffees wurde einer Monopolgesellschaft übertragen. Lediglich der Adel, Geistliche und höhere Beamte erhielten \\“Brennscheine\\“, die zum privaten Rösten des Kaffees berechtigten. Das Landvolk sollte sich auf keinen Fall an den Kaffee gewöhnen.

47 Akzise ist ein älterer Ausdruck für jederart Verbrauchssteuer. Die preußische Steuer war zusammen mit der Monopolrente so hoch, daß sie den Kaffee auf das Sechsfache verteuerte, was nun wieder nachhaltig zum Schmuggel reizte. Auch andere Staaten besteuerten den Kaffee sehr stark.

48 Jung-Stilling setzt den Verbrauch eher zu niedrig an. Nach der Statistik von 1817 zählte die Stadt Siegen 5 088 Bewohner und das ganze Siegerland 27 031 Einwohner; siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820 (Reprint Kreuztal 1981), S. 35.

49 Die hier von Jung-Stilling hier vorgetragene Lehre war die herrschende Meinung unter den Ökonomen seiner Zeit. Man nennt sie heute Merkantilismus. – Siehe zur Einnahme- Ausgabe-Wirtschaft des Staates auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Lehrbuch der Finanz=Wissenschaft. Leipzig (Weidmannsche Buchhandlung) 1789 (Reprint Wiesbaden 1978), S. 11 ff. sowie Johann Heinrich Jung-Stilling: Die Grundlehre der Staatswirthschaft. Marburg (neue academische Buchhandlung) 1792 (Reprint Königstein 1978), S. 819 ff.

50 Für diese beiden, die Viehzucht verbessernden Maßnahmen (Kleebau und Stallfütterung) setzte sielt Jung-Stilling als akademischer Lehrer und als Schriftsteller nachdrücklich ein; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Sachgerechtes Wirtschaften. Sechs Vorlesungen. Berlin (Duncker & Humblot) 1988. S. 42 ff. (kurzer Abriß der Leitidee).

51 Flor meint Blüte, gutes Gedeihen, einträglicher Wirtschaftserfolg: ein bei den älteren ökonomischen Schriftstellern dauernd benutzter Ausdruck. Heute durch \\“Konjunktur\\“ ersetzt; lediglich das Zeitwort \\“florieren\\“ wird noch (freilich auch immer seltener) gebraucht.





Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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