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Johann Heinrich Jung-Stilling und Immanuel Kant

veröffentlicht am

Johann Heinrich Jung-Stilling
und Immanuel Kant.1

von

Dr. theol. Rainer Vinke,
Mainz

Leicht veränderte, autorisierte Online-Fassung aus Michael Frost (Hrsg.): Blicke auf Jung-Stilling. Festschrift zum 60. Geburtstag von Gerhard Merk. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1991, Seite 79 bis 93. – Die gewerbliche Nutzung des Textes bedarf der schriftlichen Zustimmung des Copyright-Inhabers, der Jung-Stilling-Gesellschaft e.V., Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland)

Das Erscheinen der Lebensgeschichte von Johann Heinrich Jung2 war im 18. Jahrhundert eine literarische Besonderheit. Bereits im Alter von gut dreissig Jahren schrieb er, angeregt von keinem Geringeren als seinem Strassburger Studienfreund Johann Wolfgang Goethe,3 den ersten Teil, der viel beachtet von der geistig interessierten Öffentlichkeit 1775 unter dem Titel \“Henrich Stillings Jugend\“ herauskam.4 Das Pseudonym Stilling, das er hier erstmals verwendete, bildete er möglicherweise in Anlehnung an Psalm 35, 20, wo von den \“Stillen im Lande\“ die Rede ist: ein Hinweis, wie der Verfasser sich selbst und seine Lebensgeschichte einschätzt.5

A. Frühe Entwicklung Jung-Stillings

Der Leser erfährt daraus etwas von der Familie, der geographischen und geistig-religiösen Umwelt sowie dem Heranwachsen des Autors selbst. Schon früh verliert er seine körperliche gebrechliche und seelische zarte Mutter, wird als Kleinkind zunächst von der Grossmutter und ab dem 3.-4. Lebensjahr von seinem Vater erzogen. Religiös herrscht im Hause Jung eine strenge reformierte Kirchlichkeit, die allerdings durch den lebensklugen Grossvater, der immerhin das Amt eines auf Lebenszeit gewählten Kirchenältesten versieht, erträglich abgemildert scheint. Der Ortspfarrer Johann Seelbach, in der Lebensgeschichte Pastor Stollbein genannt, wird wegen seines gelegentlich amtsbewusst herrischen Auftretens mit deutlicher Kritik, aber nicht ohne Sympathie geschildert.

Der Vater des kleinen Johann Heinrich stand nach dem Tode seiner Frau, der ihn in tiefe Trauer fallen liess, unter dem Einfluss mystisch gesinnter Spiritualisten, wodurch er auf den Weg der Abtötung aller äusseren Einflüsse und der stillen Einkehr nach innen gewiesen wurde. Diese Abkehr von der Welt kann allerdings nicht total sein, wenn der Lebensunterhalt mit dem Schneiderhandwerk verdient wird und Massnehmen sowie Anprobieren der anzufertigenden Kleidung unabdingbar notwendige Bestandteile der Tätigkeit ausmachen. So erscheint die Isolation des Vaters gelegentlich übertrieben, wenn der Leser den Ausführungen des Sohnes in der Lebensgeschichte allzu stringent folgt.

Richtig daran ist jedoch, dass der Kleine die asketisch harte Lebenseinstellung des Vaters als überstrenge Erziehung zu spüren bekommt. Völlig isoliert von anderen Kindern wächst er auf, bis er siebenjährig die Schule seines Heimatdorfes Grund zu besuchen beginnt. Schon früh, d.h. vor dem Besuch der Schule, lernt er lesen und schreiben, liest die Imitatio Christi des Thomas von Kempen, aber auch Traktate des französischen Erzbischofs Fénelon und darüber hinaus ebenfalls erzählerische Werke der Volksliteratur, das heisst Sagen- und Märchenbücher. Seine Phantasie wird angeregt, der Kleine wird etwas vorwitzig und altklug, weshalb er später Schwierigkeiten mit seinem ersten Grundschullehrer bekommt.6

Neben dem täglichen Gebet und sicher auch der täglichen Bibellektüre (die wohl deshalb in der Lebensgeschichte nicht erwähnt wird, weil sie selbstverständlich zu einem geistigen Leben dazugehört) ist es der Heidelberger Katechismus der nach und nach auswendig gelernt werden muss. Zwar scheint der Vater seinen Sohn darauf hingewiesen zu haben, dass er die Katechismuskenntnisse nicht als Christ, sondern nur als Glied der reformierten Kirche benötige;7 aber immerhin bringt er dem Kleinen bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt den Katechismusstoff nahe. Johann Heinrich geniesst folglich später genau wie seine Altersgenossen auch den Konfirmandenunterricht und wird konfirmiert.

Es ist deshalb nicht richtig, den Vater als religiösen Schwärmer zu bezeichnen. Vielleicht geht er innerlich zu seiner Kirche auf Distanz. Aber zu keinem Zeitpunkt versäumt er den Gottesdienst oder andere kirchliche Verpflichtungen, die, wären sie versäumt worden, der gestrenge Pfarrherr des Ortes gewiss angemahnt hätte. Es ist daher wohl angebracht, die bestimmenden religiösen Elemente von Jung-Stillings Erziehung zuerst und vor allem in der reformierten Kirchlichkeit des grosselterlichen Hauses zu suchen, danach allerdings auch in der mystischen spiritualistischen Einstellung des Vaters, die jedoch nie zum Separatismus führte, also stets im Rahmen seiner Kirche blieb.

B. Berufsjahre und Weiterbildung

Der Zweite Teil der Lebensgeschichte kam 1778 unter dem Titel \“Henrich Stillings Jünglingsjahre\“ heraus.8 Er schildert die weitere schulische Ausbildung und vor allem die unglücklichen Versuche, eine Beschäftigung zu finden, die ihm neben dem Broterwerb auch Zeit zu weiterbildender Lektüre lässt. Von seinem Vater hatte er das Schneiderhandwerk erlernt, das ihm gar nicht behagte. Das Unterrichten von Kindern, das ihm bereits kurz nach der Konfirmation ein erstes Mal anvertraut wurde, ist ihm nur dann erträglich, wenn genügend Zeit zu eigener Lektüre bleibt. Das führt gelegentlich zu Spannungen mit den Eltern der Kinder, beinahe immer aber zum Konflikt mit der Schulaufsicht, die damals in der Hand des jeweiligen Pfarrers lag.

Insgesamt scheitert Jung-Stilling von 1756–1763 in nicht weniger als vier Stellen an öffentlichen Schulen und in zwei Fällen als Lehrer an einer Privatschule.9 Auch wenn ihm einmal eine verzeihliche Dummheit unterläuft und er ein anderes Mal das Opfer einer Intrige wird; wenn er darüber hinaus ein weiteres Mal einfach formal gegen eine Anordnung der Schulaufsicht handelt oder wenn er einfach unglücklich ist im Hause seines Arbeitgebers: der tiefere Grund liegt jedesmal in dem Konflikt zwischen der Erfüllung der Anforderungen, die ihm das Schulamt stellt und dem Wunsch, sich selbst weiterbilden zu wollen und dafür möglichst viel Zeit zur Verfügung zu haben.

In die im zweiten Teil der Lebensgeschichte beschriebene Periode fällt auch die erste Beschäftigung mit den Anfangsgründen der philosophischen Aufklärung, und zwar zunächst einmal in der unverfänglichen Gestalt von Christian Wolffs: \“Anfangsgründe sämtlicher mathematischer Wissenschaften\“ (1710).10 Daneben führt er sich eine Reihe von Romanen und Erzählungen zu Gemüte; aber er liest auch Gottfried Arnolds \“Leben der Altväter\“ sowie seine \“Kirchen- und Ketzerhistorie\“11, zwei Werke, die ganz im Geist eines radikalen Pietismus geschrieben sind, den man sich allerdings auch wiederum nicht zu radikal vorstellen darf. Jung-Stillings geistiger Horizont erfährt durch die Lektüre eine Erweiterung, aber seine geistige Position einer reformierten Kirchlichkeit, die durch Elemente des mystischen Spiritualismus angereichert ist, wird dadurch nicht entscheidend verändert.

Eine solche Veränderung tritt auch nicht in den Ereignissen ein, die im dritten Teil der Lebensgeschichte beschrieben werden, der ebenfalls im Jahre 1778 unter dem Titel \“Henrich Stillings Wanderschaft\“ herauskam.12 Da er in der Heimat kein angemessenes Auskommen findet, geht er in die Fremde. Hier, d.h. zunächst in Solingen, arbeitet er als Schneider, kann aber der Verlockung, noch einmal eine Hauslehrerstelle anzutreten, nicht widerstehen und scheitert erneut. Nach einer weiteren Tätigkeit als Schneidergeselle findet er 1763 endlich eine Anstellung als Hauslehrer und Handlungsgehilfe, in der ihm sieben Jahre kontinuierlichen Arbeitens auch im Sinne der eigenen Fortbildung vergönnt sind.13

Zuvor in Solingen hatte er im Juli 1762 ein Erweckungserlebnis gehabt, das ohne vorherigen Buss- und Bekehrungskampf und auch, ohne durch biblische Lektüre veranlasst zu sein, ihn einfach unter freiem Himmel ergriffen hatte und in ihm das Gefühl auslöste, \“ganz für die Ehre Gottes, und das Wohl seiner Mitmenschen zu leben und zu sterben\“.14 In der Folge dieses Erlebnisses hatte er einen Bund mit Gott geschlossen und sich dabei verpflichtet, keine eitlen und ehrgeizigen Wünsche zu verfolgen, sondern sich ganz der Führung Gottes anzuvertrauen, und auch zu akzeptieren, wenn dies Gottes Wille sei, das ganze weitere Leben als Handwerker zu arbeiten.

Dieser Bundesschluss hindert ihn zwar nicht, erneut dem Wunsch nachzugeben, als Hauslehrer tätig zu sein. Immerhin bemerkt er, als er in dieser Anstellung gescheitert ist, dass er sein Bundesversprechen gebrochen hat und konsequent erneuert er den Bund mit Gott. Während einer nochmaligen Tätigkeit als Schneider in Radevormwald kommt er in Kontakt mit frommen Kreisen, die unter dem Einfluss des damals noch lebenden Mystikers Gerhard Tersteegen standen. Jung-Stilling lässt keinen Zweifel aufkommen: hier ist seine geistige Heimat, hier ist er zu Haus.15

Von daher bedarf der Wechsel zu einer neuen Hauslehrertätigkeit gerade der Überredungskunst der in diesem Kreis beheimateten Freunde, um ihn zu überzeugen, dass der Wille Gottes ihn jetzt in der Tat in die neue Stellung führen will. Während der sieben Jahre, die er im Hause des Unternehmers Peter Johannes Flender verbringt, arbeitet er sich in das Fabrikwesen ein, macht sich mit einer professionell betriebenen Landwirtschaft vertraut, unterrichtet die Kinder der Familie in der lateinischen und französischen Sprache sowie in der reformierten Religion, im Lesen, Schreiben und Rechnen und bildet sich selbst auf verschiedenen anderen Gebieten weiter. Er liest John Miltons \“Verlorenes Paradies\“, Edward Youngs \“Nachtgedanken\“ und den \“Messias\“ von Friedrich Gottlieb Klopstock, drei Werke \“die recht mit seiner Seele harmonierten\“, wie er ausdrücklich hinzufügt.16 Darüber hinaus arbeitet er sich zum erstenmal mit einer gewissen Systematik in die Philosophie ein, die damals die geistige Szene weitgehend beherrschte.

Er liest Christian Wolffs Schriften, so weit sie deutsch geschrieben waren, vollständig, ebenso die Philosophie Gottscheds17 sowie die \“Theodizee\“ von Gottfried Wilhelm Leibniz und die Logik und die Metaphysik Baumeisters.18

C. Religiöse Beglaubigungsversuche

Im Zusammenhang mit der Erwähnung dieser Lektüre begegnen zum ersten Mal Äusserungen Jung-Stillings, die auf den ersten Blick so scheinen, als wäre er in seinem reformiert-pietistischen Glauben verunsichert. Zwar betont er, dass ihm nichts auf der Welt angenehmer war, als die Übung in diesen Wissenschaften;19 aber das meint eher die formale, die logische Seite der Sache. Inhaltlich spürt er dagegen ein Misstrauen gegen diese Systeme in sich, weil sie seiner Meinung nach alle kindlichen Empfindungen des Herzens gegen Gott ersticken. Er gesteht ihnen sachliche Teilwahrheiten zu, aber spricht ihnen dem umfassenden Wahrheitsanspruch ab, den sie aufgrund ihrer äusserlich geschlossenen Systematik erheben. Er äussert, dass er selbst einmal glaubte, die \“wahre philosophische Kette, an welche sich alles anschliesst\“20 gefunden zu haben, sieht sich aber zu dem Eingeständnis des Scheiterns gezwungen und wandelt weiter traurig auf dem Wege der Erkenntnissuche fort, weil sich ihm noch Aussicht auf Erfolg eröffnet.

Die richtige Einschätzung dieser Äusserungen muss eine Abhandlung Jung-Stillings berücksichtigen, die bisher unveröffentlicht im Archiv der Universitätsbibliothek Basel liegt und den Titel trägt: \“Theosophischer Versuch vom Wesen Gottes und vom Ursprung aller Dinge\“.21 Bei der Abfassung des zweiten Teils seiner Lebensgeschichte scheint er diesen \“Versuch\“ noch als erfolgversprechend beurteilt zu haben, wenige Monate später, als er den dritten Teil schrieb, müssen ihm seine Überlegungen dann zweifelhaft geworden sein. Nicht zuletzt deswegen wandelt er traurig auf dem Weg der philosophischen Erkenntnissuche fort. Er will den Zentralpunkt, von dem aus sich alles Wissen erschliesst, finden, aber das gelingt nicht.

Deutlich ist das Bemühen Jung-Stillings, seine religiöse Position mit den Mitteln der Philosophie als wahr zu erweisen. Deutlich ist ebenfalls, dass dies nicht gelingt. Aber von Glaubenszweifeln, von Anfechtungen, die ihn verunsichert hätten, ist nicht die Rede. Der Vollständigkeit halber sei noch berichtet, dass Jung-Stilling 1787, also ein Jahr vor der Begegnung mit Kant, den \“Theosophischen Versuch\“ in stark überarbeiteter Form doch herausbrachte.22 Als so ganz gescheitert, wie es nach der oben zitierten Formulierung schien, scheint er sein Unternehmen knapp zehn Jahre später also nicht mehr angesehen zu haben.

I. Anfechtungen durch die Umgebung

Durch höhere Eingebung wird während seiner Zeit bei Flender der Wunsch in ihm wach, Medizin zu studieren.23 Unter Mithilfe einer ganzen Serie von Zufällen, in denen Jung-Stilling den deutlich wirksamen Finger Gottes sieht, gelingt es, das Vorhaben finanziell auf den Weg zu bringen, obwohl bis zur Promotion noch viele helfende Hände, die er als \“Zahlmeis-ter aus der Kasse der Vorsehung\“ deutet, nötig sind. Hier zum ersten Mal, im Zusammenhang mit dem Medizinstudium in Strassburg, genauer im Blick auf den Kreis seiner Kommilitonen, ist vom Zweifel die Rede. Aber man muss genau darauf achten, was Jung-Stilling äussert, will man verstehen, was er meint:

\“In dem Kreis, worinnen sich Stilling jetzt befand, hatte er täglich Versuchungen genug, ein Religionszweifler zu werden. Er hörte alle Tage neue Gründe gegen die Bibel, gegen Christenthum, und gegen die Grundsätze der christlichen Religion. Alle Beweise die er jemahls gesammlet, und die ihn immer beruhigt hatten, waren nicht hinlänglich mehr, seine strenge Vernunft zu beruhigen; bloß diese Glaubensproben, deren er in seiner Führung so viel erfahren, machten ihn ganz unüberwindlich\“.24

Von diesen Erfahrungen ausgehend, schlussfolgert er, dass Christus unstreitig wahrer Gott sein muss, seine Lehre Gottes Wort ist und folglich seine Religion, wie er sie gestiftet hat, der Wahrheit entspricht.25

Was besagt das? Nicht die innere Überzeugung Jung-Stillings ist ins Wanken geraten. Durch die Gebetserhörungen wird sein Glaube immer wieder gefestigt. Allein seine strenge Vernunft, angegriffen von den spitzen und witzelnden Fragen seiner Kommilitonen, ist beunruhigt. Er ist also nicht in der Lage, seine religiöse Position denkerisch adäquat zu fassen, zu artikulieren und zu verteidigen. Aus Goethes \“Dichtung und Wahrheit\“ ist zu entnehmen,26 dass Jung-Stilling stets in Schwierigkeit geriet, wenn ihm widersprochen wurde. Es ist daher auch in dem speziellen Fall der Unfähigkeit, seine Glaubensüberzeugung zu verteidigen, zu berücksichtigen, dass Jung-Stilling – verständlich bei einem Autodidakten, dem Diskussionen fremd sind – stets ins Stocken geriet, wenn er auf Widerspruch stiess. Emotional aber ist Jung-Stillings Glaube fest durch die Gebetserhörungen abgesichert, die er stets neu erfahren darf. Lediglich die Verteidigung und denkerische Absicherung des Geglaubten bereitet Schwierigkeiten.

Im folgenden ist in der Lebensgeschichte immer wieder davon die Rede, wie fest der Glaube Jung-Stillings verankert ist. \“Tüncher mit losem Kalk\“27 nennt er die Deisten. Er glaubt unbeirrt an Christi Weltregentschaft und wendet sich angriffslustig gegen seine Gegner: \“Was helfen da Sophisten-Spinnen Gewebe von logisch richtigen Schlüssen, wo eine Erfahrung der andern auf dem Fuß nachfolgt\“.28 Auch als er in seiner Praxis nicht erfolgreich ist, und er nur mit Mühe aus Elberfeld fortziehen kann (1778), weil sein Schuldenberg eine solche Höhe erreicht hat, dass die Eintürmung in den Schuldturm droht; auch als er in der ersten schwierigen Zeit als Professor der Kameralhochschule (1778–1789) mit noch stärkeren Geldproblemen zu kämpfen hat; als seine Frau stirbt und ihn mit seinen zwei Kindern allein zurücklässt: niemals ist von Glaubensanfechtungen oder Zweifeln die Rede. Im Gegenteil: Jung-Stilling wirft sich stets vertrauensvoll in die Arme der väterlichen Vorsehung Gottes und fühlt sich darin geborgen und erhalten.29

II. Handlungsgebot in der Welt

Diese Grundposition bleibt, folgt man der Lebensgeschichte, auch erhalten, als Jung-Stilling von 1784–1787, bedingt durch die Verlegung der Kameral Hohen Schule, als Professor in Heidelberg lehrte30 und ab 1787 dann in derselben Funktion in Marburg tätig war.31 Im Jahre 1775 hatte er seinen reformiert-pietistischen Glauben sogar heftig gegen den im kämpferischen Geist der Aufklärung geschriebenen Roman: \“Das Leben und die Meinung des Magisters Sebaldus Nothanker\“ von Friedrich Nicolai verteidigt,32 und dabei nicht nur, wie eine neuere Arbeit meint, beabsichtigt, die angegriffenen Pfarrer in Schutz zu nehmen,33 sondern ganz deutlich den Zweck verfolgt, diese aufklärerische Position zu vernichten, um sie unwirksam zu machen.

Im Adaptieren von praktischen Vorschlägen dagegen zeigt sich der reformiert-pietistische Autodidakt Jung-Stilling ausgesprochen weitherzig. Das Prinzip des SYLLOGISMUS PRACTICUS, nach dem sich die Richtigkeit eines Handelns am deutlich messbaren äusserlichen Erfolg ablesen lässt, ist ihm, dem nüchternen Siegerländer Calvinisten, von Kind auf an vertraut. Danach kann er aus allen geistigen Orientierungen, Anregungen und Ideen aufnehmen, sofern sie nur erfolgversprechend aussehen und zu seiner Grundposition nicht in kategorialem Widerspruch stehen. In einer gegen Ende des Jahres 1775 geschriebenen Schrift formuliert Jung-Stilling klar das Grundprinzip seines Handelns in der Welt:

\“Ich muß… die Menschen um Gotteswillen lieben. Diese Liebe erfordert aber auch, dass ich für seine Bedürfnisse sorge, so viel ich kann; denn wer schwache Erkenntnisse von Gott hat und im fehlen seine Bedürfnisse zum Leben und Bestehen, so kann er Gott nicht lieben. Wenn ich sie ihm aber im Namen Gottes reiche, so befördere ich die Verherrlichung Gottes\“.34

Mit seiner Arbeit als Mediziner, als Professor der Wirtschaftswissenschaften sowie als Schriftsteller verfolgt Jung-Stilling demnach das Ziel, die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Verhältnisse so zu verändern und zu erneuern, dass jedem Menschen genügend Mittel zu erwerben möglich sind, um sein Leben und Bestehen zu garantieren. Dies ist ihm jedoch nicht Selbstzweck, sondern lediglich Voraussetzung für ein religiöses Ziel. Jeder soll zur wahren Gottesliebe gelangen können. Leidet jemand wirtschaftlich Not, so ist er daran gehindert, sein Leben auf dieses Ziel auszurichten. Folglich muss jeder in der Welt tätige Christ danach streben, Verhältnisse herzustellen, die es einem Mitchristen ermöglichen, die wahre Gottesliebe in sich zu erwecken. Woher, das heisst aus welcher geistigen Orientierung heraus, die Vorschläge zur Erneuerung kamen, war ihm ziemlich gleichgültig. Sie mussten nur geeignet sein, ihren – vordergründig gesehen – ganz profanen Zwecken zu erreichen.

Es passt durchaus zu der so bestimmten Grundposition, dass Jung-Stilling an Tersteegen und seinen Anhängern kaum – im engeren Sinn verstanden – theologische Kritik übt, sondern lediglich bemängelt, dass sie zum ehelosen Leben und zur Weltflucht neigten.35 Auf diese Weise war es nämlich nicht möglich, der Zielsetzung zu dienen, Bedingungen zu schaffen, die jedem die wahre Gottesliebe ermöglichten. Darin aber sah er, und das ist bei einem Arzt und Wirtschaftswissenschaftler gar nicht weiter verwunderlich, zunehmend seine Aufgabe. Wenn deswegen im vierten Teil der Lebensgeschichte, der, zu Beginn der Marburger Zeit geschrieben, 1789 herauskam,36 weniger religiös bestimmte Passagen enthalten sind, so ist darin keine Abkehr von den religiösen Grundüberzeugungen früherer Jahre zu erblicken. Jung-Stilling sieht seine Tätigkeit, die nun einmal auf den profanen Gebieten von Medizin und Ökonomik liegen, auch zu dieser Zeit an der letztlich religiös bestimmten Grundüberzeugung orientiert, solche Bedingungen für seine Mitmenschen zu schaffen, die ihnen das Streben nach reiner Gottesliebe ermöglichen.

Von Glaubenszweifeln und Anfechtungen ist während dieser Zeit überhaupt nicht die Rede. Die wenigen einschlägigen Belege, die Max Geiger diesbezüglich beigebracht hat, dürfen inzwischen als widerlegt gelten.37

III. Einfluss der Kantschen Philosophie

Umso überraschender ist daher, was Jung-Stilling im fünften Teil der Lebensgeschichte über seine Begegnung mit der Philosophie Kants schreibt. Zum Verständnis der Passage muss beachtet werden, dass sie Ende des Jahres 1803 geschrieben wurde, als er von Marburg nach Heidelberg übergesiedelt war, um, besoldet durch Karl Friedrich von Baden, ausschliesslich als religiöser Schriftsteller und Berater des Regenten tätig zu sein. Inzwischen hatten auch die Ereignisse der Französischen Revolution und ihre Auswirkungen auf Deutschland stattgefunden und war der überwältigende Erfolg seines Heimwehromans eingetreten. In seiner akademischen Lehrtätigkeit hatten sich dagegen Misserfolge, ja starke Rückschläge eingestellt. Es musste daher seinem am SYLLOGISMUS PRACTICUS orientierten Denken so erscheinen, als sei es nicht mehr Gottes Wille, dass er sein Professorenamt versah.

Seine zunehmend sichere Erkenntnis, das Ende der Welt und damit die Wiederkunft Christi stehe bevor, verwies ihn mehr und mehr auf das Gebiet der religiösen Schriftstellerei. Hatte er zuvor versucht, indirekt dazu beizutragen, dass jedem die wahre Gottesliebe ermöglicht wird, so möchte er jetzt jeden direkt auf diese Zielsetzung des Lebens verpflichten. Damit ändert sich sein Tätigkeitsfeld nicht, wohl aber der Zweck, auf den sich seine Tätigkeit richtet.

Aber hören wir, was Jung-Stilling in der Lebensgeschichte über seine Begegnung mit Kants Kritik der reinen Vernunft schreibt, auf die ihn der Heidelberger Kirchenrat Johann Friedrich Mieg durch einen entsprechenden Hinweis verwiesen hatte:38

\“Stilling war durch die Leibniz-Wolfische Philosophie in die schwere Gefangenschaft des Determinismus gerathen – über zwanzig Jahre lang hatte er mit Gebet und Flehen gegen diesen Riesen gekämpft, ohne ihn bezwingen zu können. Er hatte zwar immer die Freyheit des Willens und der menschlichen Handlungen in seinen Schriften behauptet, und gegen alle Einwürfe seiner Vernunft auch geglaubt; er hatte auch immer gebetet, obgleich jener Riese ihm immer ins Ohr lispelte: dein Beten hilft nicht, denn was Gott in seinem Rathschluss beschlossen hat, das geschieht, du magst beten, oder nicht. Dem allen ungeachtet glaubte und betete Stilling immer fort, aber ohne Licht und Trost, selbst seine Gebets-Erhörungen trösteten ihn nicht: denn der Riese sagte, es sey blosser Zufall. – Ach Gott! – Diese Anfechtung war schrecklich! – Die ganze Wonne der Religion, ihre Verheißungen dieses und des zukünftigen Lebens – dieser einzige Trost im Leben, Leiden und Sterben, wird zum täuschenden Dunstbild, so bald man dem Determinismus Gehör giebt. Mieg wurde von ohngefähr der Retter Stillings aus dieser Gefangenschaft: er sprach nämlich von einer gewissen Abhandlung über die Kantische Philosophie, die ihm außerordentlich gefallen hatte; dann führte er auch das Postulat des Kantischen Moralprinzips an, nämlich: Handle so, dass die Maxime deines Wollens jederzeit allgemeines Gesetz seyn könne. Dies erregte Stillings Aufmerksamkeit; die Neuheit dieses Satzes machte tiefen Eindruck auf ihn; er beschloß Kants Schriften zu lesen, bisher war er dafür zurückgeschaudert, weil ihm das Studium einer neuen Philosophie – und zumal dieser – ein unübersteiglicher Berg zu seyn schien.

Kants Kritik der reinen Vernunft las er, natürlicher Weise zuerst, er faßte ihren Sinn bald, und nun war auf einmal sein Kampf mit dem Determinismus zu Ende: Kant beweist da, durch unwiderlegbare Gründe, daß die menschliche Vernunft außer den Gränzen der Sinnenwelt ganz und gar nichts weiß – daß sie in übersinnlichen Dingen, allemal – so oft sie aus ihren eigenen Principien urtheilt und schließt – auf Widersprüche stößt, das ist: sich selbst widerspricht; dies Buch ist ein Commentar über die Worte Pauli: der natürliche Mensch vernimmt nichts von den Dingen, die des Geistes Gottes sind, sie sind ihm eine Thorheit, u.s.w.

Jetzt war Stillings Seele wie emporgeflügelt; es war ihm bisher unerträglich gewesen, daß die menschliche Vernunft dies göttliche Geschenk, das uns von den Thieren unterscheidet, der Religion, die ihm über alles theuer war, so schnurgerade entgegen seyn sollte; aber nun fand er alles passend, und Gottgeziemend, er fand die Quelle übersinnlicher Wahrheiten in der Offenbarung Gottes an die Menschen, in der Bibel, und die Quelle aller der Wahrheiten, die zu diesem Erdenleben gehören, in Natur und Vernunft. Bey einer Gelegenheit, wo Stilling an Kant schrieb, äußerte er diesem großen Philosophen seine Freude und seinen Beifall. Kant antwortete; und in seinem Brief an ihn, standen die ihm ewig unvergeßlichen Worte:

Auch darinnen thun Sie wohl, daß Sie Ihre einzige Beruhigung im Evangelio suchen, denn es ist die unversiegbare Quelle aller Wahrheiten, die, wenn die Vernunft ihr ganzes Feld ausgemessen hat, nirgends anders zu finden sind\“.39

Beginnen wir mit dem Ende des Zitats. Jung-Stilling ist mehr als erfreut, er ist begeistert von der Philosophie Kants. Wir hatten bereits früher gesehen, dass er von der formallogischen Seite der aufklärerischen Philosophie fasziniert war. Die Übung in diesen Wissenschaften erschien ihm höchst angenehm.40 Es war aber auch zu bemerken gewesen, dass er gegenüber ihrem Inhalt starke Vorbehalte hegte, ebenso musste jedoch auch notiert werden, dass er stets nachdrücklichst betonte, sein Glaube sei dadurch nicht angefochten, sondern durch die vielen Gebetserhörungen immer wieder neu befestigt worden.

IV. Rang und Bedeutung der Determinismuszweifel

Auf diesem Hintergrund berührt das obige Zitat merkwürdig: die \“Gefangenschaft des Determinismus\“, die \“schreckliche Anfechtung\“, die \“ganze Wonne der Religion… wird zum täuschenden Dunstbild\“, diese starken Worte lassen sich an den Briefen und Schriften der Jahre 1775–1788 nicht verifizieren. Ihr Verständnis muss deshalb die leicht entflammbare Begeisterung Jung-Stillings berücksichtigen, die hier ein zuvor zweifellos vorhandenes Problem aus der Perspektive seiner Überwindung sehr viel grösser macht, als es in Wirklichkeit war. Wie sah nun das Problem aus und wie die Lösung, die Kant anbot?

Jung-Stilling hätte gern, wie andere theosophisch orientierten Denker vor ihm, eine Zentralerkenntnis gehabt, von der ausgehend sich ihm das ganze Spektrum möglicher Teilwahrheiten erschlossen hätte. Ein Versuch, diese Erkenntnis selbst zu gewinnen, war fehlgeschlagen. Die inhaltlichen Bestimmungen von möglichen weltanschaulichen Positionen, die ihm die Philosophie bisher angeboten hatte, waren mit seiner religiösen Grundüberzeugung nicht vereinbar gewesen. Jung-Stilling hatte deswegen darunter gelitten, dass ihm die rationale Absicherung seiner Glaubensüberzeugung nicht gelingen wollte.

Das aber leistete Kant auch nicht. Was er aber für Jung-Stilling unwiderleglich bewiesen hatte, war, \“dass die menschliche Vernunft außer den Gränzen der Sinnenwelt ganz und gar nichts weiß – daß sie in übersinnlichen Dingen, allemal – so oft sie aus ihren eigenen Principien urtheilt und schließt – auf Widersprüche stößt\“. Kant schien ihm demnach bewiesen zu haben, was der Apostel Paulus im 1.Korintherbrief 2, 14 so formuliert. \“Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm ein Torheit.\“ Kant bietet ihm demnach keine Möglichkeit, seinen Glauben rational abzusichern, sondern beweist ihm lediglich, dass eine solche Absicherung überhaupt nicht möglich ist.

Genau dies aber hatte Jung-Stilling immer behauptet. Besonders seine polemischen Frühschriften sind voll von der zumeist apodiktisch geäusserten Überzeugung: Keine Demonstrationen, das heisst kein inhaltlich philosophischer Einfluss auf die Theologie. Die Heftigkeit, mit der er seine Auffassung gerade zu diesem Problem äussert, lässt gelegentlich schon vermuten, dass eine gewisse Unsicherheit verdeckt werden soll. Jetzt aber bestätigt ihm die wissenschaftliche Philosophie mit der ihr eigenen logischen Stringenz und deshalb Kompetenz, dass ihr gar keine Funktion für die inhaltliche Fassung des Glaubens zukommen kann. Was er also vielleicht mit einem gewissen Gefühl der Unsicherheit stets vertreten hatte, wird ihm hier von einer Seite bestätigt, auf der er sonst nur Gegnerschaft sehen musste.

V. Vernunft und Religion

Bereits ein halbes Jahr nach der Lektüre schreibt Jung-Stilling am 1. März 1789 einen überschwenglichen Dankesbrief an Kant.41 Auch darin überzeichnet er aus dem Blickwinkel der vermeintlichen Überwindung die Problematik. Wenn auch die Antwort, die Kant gibt, in der Wiedergabe Jung-Stillings geglättet ist (der erhaltene Entwurf Kants bestätigt es): er konzediert, dass der Freiraum, der durch die Begrenzung der Vernunft entsteht, mit dem Evangelium ausgefüllt wird. Der Königsberger Philosoph verweist zwar darauf, dass \“eine ihre Spekulation vollendende Vernunft\“ stets mit dem Evangelium zusammentrifft. Aber er konzediert darüber hinaus, was immerhin erstaunlich ist, dass die Vernunft vom Evangelium \“ein neues Licht in Ansehung dessen bekömmt, was, wenn sie gleich ihr ganzes Feld durchmessen hat, ihr noch immer dunkel bleibt, und wovon sie doch der Belehrung bedarf\“.42 Das musste Jung-Stilling als Bestätigung und damit Bestärkung seiner vielleicht zuvor mit einer letzten Unsicherheit vertreten Auffassung verstehen, dass der Vernunft allenfalls eine formal ordnende aber niemals eine inhaltlich nominierende Aufgabe im Blick auf den Glauben zukommt.

Zwar äussert Jung-Stilling in dem bereits erwähnten Brief an Kant, er habe auch die \“Kritik der praktischen Vernunft\“, die gerade 1788 erst erschienen war, gelesen.43 Das dürfte jedoch noch nicht der Fall gewesen sein, da sein verbales Jubilum wohl erheblich moderater ausgefallen wäre, hätte er bereits erkannt, dass Kant selbst den durch die Begrenzung der Vernunft entstandenen Freiraum eben nicht durch das Evangelium sondern durch das Sittengesetz ausfüllt. Fünfzehn Jahre später, als er den fünften Teil seiner Lebensgeschichte schreibt, hat er die \“Kritik der praktischen Vernunft\“ gelesen und äussert sich entsprechend enttäuscht. Die \“Kritik der reinen Vernunft\“ aber bleibt ihm \“die einzig mögliche Philosophie, dies Wort im gewöhnlichen Verstande genommen\“.44

D. Abschliessende Würdigung

Mit Selbsteinschätzungen ist bei Jung-Stilling stets vorsichtig umzugehen. Bereits im Jahre 1795, als er die \“Zueignungsschrift\“ an die Leser seines Heimwehromans verfasst, irrt er sich in der Datierung der Kantlektüre um zwei Jahre und verlegt sie in das Jahr 1790.45 Hier schildert er die Anfechtungen seiner früheren Zeit in dunklen Farben, um dann mit dem glaubensmutigen Satz zu schliessen: \“Zwanzig Jahre hab ich mit diesem schrecklichen Feinde gekämpft, ehe ich ihn bezwingen konnte, dann aber gelang es mir, ihn so stark zu fesseln, dass er mir wohl schwerlich je wieder Mühe machen wird\“.46 Beides aber ist übertrieben. Die Kämpfe mit \“diesem schrecklichen Feinde\“ waren längst nicht so intensiv, wie er es andeutet. Aber auch der mit Hilfe von Kant errungene Sieg war nicht so nachhaltig, wie er hier behauptet,47 zeigen doch die in Geheimschrift geschriebenen Tagebücher, dass sein späteres Leben nicht ganz ohne Anfechtung und Zweifel blieb.

Gewiss, zu einem in die Verzweiflung geführten Zweifler ist Jung-Stilling nie geworden; aber die Herrlichkeitsgestalt des Glaubens hat er nur sehr selten erfahren und geniessen dürfen. Mehr und öfter als ihm lieb war, wurde er unter das Kreuz geführt, das er so gern abgeschüttelt hätte, wenn ihm das möglich gewesen wäre.

Dem an kreuzestheologische Denkformen gewöhnten Leser will es bei der Lektüre von Jung-Stillings Lebensgeschichte so scheinen, dass hier eine christliche Existenz, die so gern am Kreuz vorbei die Herrlichkeit Gottes gespürt hätte, eben immer wieder unter das Kreuz gezwungen wird, aber beim Tragen dieser Last auch stets Trost und Stärkung erfahren darf. Ein Element dieses Trostes und dieser Stärkung war gewiss auch die Philosophie, wie Kant sie in der \“Kritik der reinen Vernunft\“ niedergelegt hatte. Sie befreite ihn nicht von allen Problemen, aber bestärkte ihn in einer bereits seit den schriftstellerischen Anfängen vertreten Auffassung. Sie machte dem unfreiwilligen Kreuzträger Jung-Stilling gewiss, in gefährlicher Zeit auf dem richtigen Weg zum wahren Ziel zu pilgern.

Anmerkungen

1 Vortrag gehalten auf Einladung der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e.V. am 4. Dezember 1990 in Siegen. Für den Druck wurde der Text überarbeitet und mit Anmerkungen versehen. Dabei fand die Diskussion Berücksichtigung, die sich an den Vortrag anschloss und an welcher der Jubilar Gerhard Merk, dem die vorliegende Festschrift gewidmet ist, teilnahm. Einige Anmerkungen gehen auf Voten der Diskussionsteilnehmer zurück.

2 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. v. Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992.

3 So Goethe in Dichtung und Wahrheit: \“besonders erzählte er seine Lebensgeschichte auf das anmutigste… Ich trieb ihn, solche aufzuschreiben, und er versprach’s\“. Abgedruckt im Anhang der in Anm. 2 genannten Ausgabe der Lebensgeschichte, S. 648.

4 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 1–79. Goethe hatte den ersten Teil ohne Wissen des Autors zum Druck gegeben; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte, S. 323, 343 f. und S. 655 sowie Leo Reidel: Goethes Anteil an Jung-Stillings \“Jugend\“. Neu hrsg. und bearbeitet von Erich Mertens. Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1994 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 29).

5 Leider hat sich bisher kein Hinweis darauf finden lassen, dass sich Jung-Stilling selbst auf Psalm 35, 20 bezog, als er das Pseudonym \“Stilling\“ wählte. Nicht einmal eine auf ihn selbst zurückgehende Deutung ist bekannt. – Dass er aber mit der Abfassung ein religiöses Ziel verfolgte, spricht er klar aus in den Rheinische(n) Beiträge(n) zur Gelehrsamkeit Jg. 1779, abgedruckt in Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 653–658, bes. S. 655.

6 Dies berichtet er zwar nicht in der Lebensgeschichte, hält es aber in einem Merkbuch fest, das im Anhang der Anm. 2 genannten Ausgabe der Lebensgeschichte veröffentlicht ist; siehe dort S. 690–697, bes. S. 696, Eintrag 11. November.

7 Das äussert Jung-Stilling im Vorwort zum \“Lehrbuch der Staats-Polizey-Wissenschaft\“; abgedruckt in Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 666–683, hier S. 669.

8 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 81–186.

9 Im Gespräch mit seinem späteren Dienstherrn Peter Johannes Flender spricht Jung-Stilling sogar von einem siebenmaligen Scheitern; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 221. Er bezieht also auch seine Anstellung in Kredenbach, die er auf eigenen Wunsch verliess (weil er bei seinen Eltern wohnen und in ihrem bäuerlichen Betrieb mithelfen musste) in den Prozess des Scheiterns ein. – Die Kredenbacher Zeit findet sich in Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 114–118.

10 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 122.

11 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 125.

12 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm.2), S. 188–288.

13 Zu dieser Periode 1763–1770 vgl. meinen Aufsatz: Jung-Stilling bei Flender (1763–1770). Ein Abschnitt auf dem Weg zu seiner \“Bestimmung\“. In: Theologische Zeitschrift, Jg. 41 (1985), S. 359–390 sowie Erich Mertens: Jung-Stilling im Bergischen Land. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 3).

14 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 198.

15 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 212.

16 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 231.

17 Es scheint heute nahezu unbekannt zu sein, dass der Literaturreformer, Dichter und Poetiker Johann Christoph Gottsched (1700–1766) seit 1734 den Lehrstuhl für Logik und Metaphysik an der Universität Leipzig innehatte. 1734 erschien auch sein philosophisches Hauptwerk: \“Erste Gründe der gesamten Weltweisheit\“. Darin erweist er sich als Anhänger und Popularisator Christian Wolffs. Möglicherweise ist das der Grund, warum ihm die Geschichte der Philosophie zumeist übergeht. — Zu Gottsched vgl. Kurt Wölfel: Artikel \“Gottsched.\“ In: Neue Deutsche Biographie, Bd. 6, S. 686–688.

Die Theologen scheinen Gottsched nahezu vollständig zu verschmähen. Die neue Theologische Realenzyklopädie widmet ihm keinen Artikel. Lediglich in der Germanistik schenkt man ihm eine gewisse Aufmerksamkeit. – Zu seiner bisher in der Forschung völlig vernachlässigten Rhetorik vgl. die Mainzer Dissertation von Hermann Staufer: Erfindung und Kritik. Rhetorik im Zeichen der Frühaufklärung bei Gottsched und seinen Zeitgenossen. Frankfurt am Main, Bern, New York, Paris (Peter Lang) 1997 (Europäische Hochschulschriften, Reihe I, Bd. 1621):

18 Friedrich Christian Baumeister (1709–1785) war ab 1736 Schulrektor in Görlitz. Baumeister \“gehört in der Philosophie der Wolff’schen Schule an und hat für Verbreitung dieses Systems durch seine didaktisch brauchbaren und vielfach verwandten Lehrbücher Bedeutung. … B. war ein überaus fruchtbarer Schriftsteller\“. Über ihn vgl. Raoul Richter: Artikel \“Baumeister.\“ In: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 2, S. 156.

19 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 231 f.

20 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 232.

21 Vgl. dazu meine Dissertation: Jung-Stilling und die Aufklärung. Die polemischen Schriften Johann Heinrich Jung-Stillings gegen Friedrich Nicolai (1775/76). Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 1987, S. 305–307 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Bd. 129) sowie Otto W. Hahn (Anm. 33), S. 383–394.

22 Das Werk wurde veröffentlicht unter dem Titel: \“Blicke in die Geheimnisse der Natur=Weisheit denen Herren von Dalberg Herdern und Kant gewidmet.\“ Es erschien anonym und umfasst lediglich 156 Seiten, die zum Teil mit sehr grossen Lettern bedruckt sind. Wer zuvor die grossmundige Ankündigung dieses Buches in Jung-Stillings Brief an Lavater vom 20. Juli 1780 gelesen hat (Zentralbibliothek Zürich, Lavater Manuskripte 515, 318), muss beim Anblick des Büchleins enttäuscht sein.

Jung-Stilling scheint Kant ein Exemplar nach Königsberg gesandt zu haben, der es dann an Johann Georg Hamann weitergab. Hamann jedenfalls schreibt am 17. Dezember 1787 an Johann Friedlich Hartknoch: \“die unserem Herder und Kant dedicierten Blicke sind von Jung. Kant schenkt mir sein Exemplar, das ich ebensowenig habe ausstehen und lesen können, so sehr ich mich über dieses Geschenk auch gefreut habe\“. – Siehe Immanuel Kant: Briefwechsel. Mit Einleitung, Anmerkungen, Personen- und Sachregister versehen von Otto Schöndörffer. Leipzig (Meiner) 1924 (Philosophische Bibliothek, Bd. 52), Bd. 2, S. 853, Nr. 191,2.

23 Vgl. dazu meinen in Anm. 13 genannten Aufsatz.

24 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 268. Es sollte nicht übersehen werden, dass Jung-Stilling sich so offen äussert, kurz nachdem er eine der gemeinten Glaubensproben mit positivem Ausgang geschildert hat.

25 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 268 f.: \“Folglich ist Jesus Christus unstreitig wahrer Gott, seine Lehre ist Gottes Wort, und seine Religion, so wie er sie gestiftet hat, die wahre\“.

26 \“Und wenn er in freundlicher Mitteilung unerschöpflich war, so stockte gleich alles bei ihm, wenn er Widerspruch erlitt\“; abgedruckt in Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 2), S. 649.

27 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 344.

28 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 344.

29 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 385–393.

30 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 427–431.

31 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 431–598.

32 Diesen Kampf habe ich in meiner o.g. (s. Anm. 21) Arbeit nachzuzeichnen versucht.

33 So Otto Wilhelm Hahn: Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung. Sein Leben und sein literarisches Werk 1778 bis 1787. Frankfurt a. M., Bern, New York, Paris (Peter Lang) 1988 (Europäische Hochschulschriften, Reihe 23, Bd. 344), S. 177: \“Daher wird man Jung-Stillings Haltung besser gerecht, wenn man ihn in seinem Kampf gegen Nicolai als ‚Anhänger der orthodoxen Geistlichkeit‘ bezeichnet\“.

Diese Einschätzung greift viel zu kurz und kann vor allem nicht erklären, warum Jung-Stilling die angegriffenen Pietisten so vehement verteidigt. – Ausführlich habe ich mich mit der Position von Otto W. Hahn auseinandergesetzt in: Jung-Stilling-Forschung von 1988–1990, in: Pietismus und Neuzeit, Bd. 17 (1991), S. 199 – 207.

34 \“Die Theodicee des Hirtenknaben…\“ In: Johann Heinrich Jung’s, genannt Stilling, Doktor der Arzneikunde und der Weltweisheit, Großherzoglich-Badischer geheimer Hofrath, sämmtliche Schriften. Zum erstenmale vollständig gesammelt und herausgegeben von Verwandten, Freunden und Verehrern des Verewigten. Stuttgart (J. Scheibles Buchhandlung) 1835–1837, 13 Bände und ein Ergänzungsband. Neudruck in 8 Bänden, Hildesheim (Olms) 1979. Ergänzungsband, Stuttgart 1838, S. 811 f.

35 Das geht deutlich aus seinem Roman: \“Theobald oder die Schwärmer\“ hervor; dieser in Johann Heinrich Jung’s, genannt Stilling, Doktor der Arzneikunde und der Weltweisheit, Großherzoglich-Badischer geheimer Hofrath, sämmtliche Schriften. Zum erstenmale vollständig gesammelt und herausgegeben von Verwandten, Freunden und Verehrern des Verewigten. (s. Anm. 34), Bd. 6, S. 7–358.

36 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 289–440.

37 Siehe dazu meine o.g. (s. Anm. 21) Arbeit S. 298–316.

38 Jung-Stilling gibt als Zeitpunkt Sommer 1788 an. Richtiger dürfte wohl Herbst 1788 sein. Vgl. die in Anm. 21 genannte Arbeit, S. 317.

39 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 448–450.

40 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 231 f.

41 Immanuel Kant: Briefwechsel (s. Anm. 22), Bd. 1, S. 365–367.

42 Immanuel Kant: Briefwechsel (s. Anm. 22), Bd. 1, S. 366.

43 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 450.

44 Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (s. Anm. 2), S. 451.

45 Johann Heinrich Jung’s, genannt Stilling, Doktor der Arzneikunde und der Weltweisheit, Großherzoglich-Badischer geheimer Hofrath, sämmtliche Schriften. Zum erstenmale vollständig gesammelt und herausgegeben von Verwandten, Freunden und Verehrern des Verewigten (s. Anm. 34), Bd. 5,2, S. 267.

46 Johann Heinrich Jung’s, genannt Stilling, Doktor der Arzneikunde und der Weltweisheit, Großherzoglich-Badischer geheimer Hofrath, sämmtliche Schriften. Zum erstenmale vollständig gesammelt und herausgegeben von Verwandten, Freunden und Verehrern des Verewigten (s. Anm. 34), Bd. 5,2, S. 265.

47 Während er 1795 in der \“Zueignungsschrift\“ behauptet hatte, er habe den \“schrecklichen Feind\“ des Determinismus fest im Griff, äussert er sich in einem Brief an bergische Freunde (abgedruckt in Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte [s. Anm. 2], S. 683–690) aus dem Jahre 1801 ganz anders: \“Ich studierte in Strassburg, hatte aber das Unglück, daß mir der Geist dieser Zeit Pfeile der Versuchung und des Unglaubens in mein Herz schoß, welche Wunden hinterließen, die mich noch immer schmerzen und mir sehr viele Kämpfe verursachen\“ (S. 686).

Interessant ist weiterhin, dass Jung-Stilling die Leibniz-Wolffsche Philosophie pauschal für seine Determinismuszweifel verantwortlich macht. In seinen polemischen Frühschriften hatte er differenziert. Zu Leibniz selbst hatte er sich kaum geäussert. Christian Wolff dagegen hatte er immer von seiner Kritik ausgenommen und lediglich diejenigen seiner Schüler getadelt, die seine philosophischen Grundsätze unzulässig auf die Theologie anwandten: \“da konnten alle warnende Einschränkungen des grossen Wolfs nicht helfen, wenn er die Demonstration blos auf die Wissenschaften verwies, in der Religion aber die Offenbarung zur Richtschnur des Glaubens setzte\“ (Johann Heinrich Jung’s, genannt Stilling, Doktor der Arzneikunde und der Weltweisheit, Großherzoglich-Badischer geheimer Hofrath, sämmtliche Schriften. Zum erstenmale vollständig gesammelt und herausgegeben von Verwandten, Freunden und Verehrern des Verewigten [s. Anm. 34], Ergänzungsband, S. 634).

Jung-Stilling schrieb diesen Satz im Jahre 1775. Von hier aus muss die pauschale Anklage an die Leibniz-Wolffsche Philosophie, sie hätte ihm die Determinismuszweifel verursacht, als nachträgliche Übertreibung beurteilt werden. – Ebenso übertrieben erscheint aber auch die jubelnde Beurteilung von Kants \“Kritik der reinen Vernunft\“. Denn das soeben angeführte Zitat beweist ganz klar: im Jahre 1775 schreibt Jung-Stilling Wolff sachlich identisch dieselbe Lösung des Determinismusproblems zu, als deren Erfinder ihn später Kant gilt, nämlich: die inhaltlich normierende Vernunft darf auf die Glaubenslehre keine Anwendung finden. Hier hat die Offenbarung ihren Platz. Sie allein darf die Inhalte des Glaubens bestimmen und formen. Der menschlichen Logik kommen dabei lediglich formal-ordnende Aufgaben zu.

Unterschiede zwischen Wolff und Kant, auch wenn sie, wie wir sahen, in der erwähnten Frage übereinstimmen, bestehen vielleicht für Jung-Stilling (auch wenn er das direkt nicht so ausspricht, weil er später keinen Bezug mehr zu Wolff herstellt) im Grade der Genauigkeit, mit der die Nicht-Zuständigkeit der Vernunft bewiesen wird. Dies musste ihm bei Kant umfassender und gelungener erscheinen. Das alles ändert aber nichts an der Tatsache, dass Kant ihm lediglich – vermutlich mit besserer Begründung – bestätigt, was er, angeregt durch Wolff, schon zuvor vertreten hatte.

Diese Sicht wird m. E. bestätigt durch eine kurze Notiz, die sich in \“Jung-Stillings Notizbuch aus den Jahren 1778-1813\“ findet, das Gustav Adolf Benrath 1990 in Ausschnitten veröffentlicht hat (Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes, Bd. 39 [1990], S. 85 – 113). Dort heisst es: \“Merkwürdige Veränderung in meinen ganzen System, durch das Studium der Kantischen Philosophie im October und November. Einfluß, wohltthätiger Einfluß in meinem inneren und äussern Würkungskreyß\“ (ebend., S. 97).

Der Eintrag stammt aus der Zeit nach dem 3. März 1789 und steht unter der Rubrik \“Nachlese vom vorigen Jahr bis daher\“; er ist also ein knappes halbes Jahr nach der Kantlektüre verfasst. Jung-Stillings Eintragungen in diesem Notizbuch sind sporadisch und lückenhaft, so dass der Zeitpunkt, zu dem etwas aufgeschrieben wurde, nicht unbedingt eine bestimmte Aussagekraft besitzt. Trotzdem ist festzuhalten, dass die rückblickend-summierende Notiz nicht hervorgehoben wird oder als Besonderheit gekennzeichnet ist, sondern sich als eine Bemerkung unter anderen findet.

Zwar ist die Aussage positiv, aber keineswegs so jubelnd wie die viel später niedergeschriebene Beurteilung in der Lebensgeschichte. Jung-Stilling spricht darin nicht von \“Determinismuszweifeln\“ und ihre absolut gewisse Überwindung, sondern von einer \“merkwürdigen Veränderung in meinem ganzen System\“. Die einzige Veränderung, die jedoch festzustellen ist, besteht darin, dass Jung-Stilling nach der Kantlektüre keine Versuche mehr unternimmt, einen umfassenden philosophischen Entwurf zu erstellen, in dem der religiöse Bereich spannungsfrei integriert ist.

Auch zuvor hatte er den inhaltlich normierenden Einfluss menschlichen Denkens auf religiöse Inhalte stets abgelehnt. Trotzdem hat er versucht, ein umfassendes System zu entwerfen, in dem theologische Fragen, die nach der Heiligen Schrift dargestellt werden, nicht nur einbezogen sind, sondern einen integralen Bestandteil ausmachen Nach der Kantlektüre, die ihm mit systematisch-philosophischer Konsequenz bestätigte, dass das Evangelium einen völlig eigenständigen Denkraum nicht nur beanspruchen darf, sondern dass ihm dieser Freiraum zweifelsfrei zukommt, schienen ihm diese früheren Versuche nicht nur zum Scheitern verurteilt, sie schienen ihm auch völlig überflüssig.

So besteht die \“Veränderung\“ in einer zuvor so nicht vorhandenen Gewissheit, eine religiöse Position zu vertreten, die formal-logisch vor dem Forum der menschlichen Vernunft bestehen kann, die aber keiner inhaltlichen Begründung von dieser Seite bedarf. – Festzuhalten ist jedoch, dass Äusserungen des Zweifels und der Anfechtung auch noch nach der Kantlektüre bei Jung-Stilling durchaus zu finden sind.

Philosophy goes no further than probability, and in every assertion keeps a doubt in reserve.



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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