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Die „Ursachen“ der Inflation

veröffentlicht am

Im Druck erschienen in: Monatsblätter für freiheitliche Wirtschaftspolitik,
Bd. 21 (1975), S. 276 bis 278.

Die Inflation – darüber gibt es wohl keine Meinungsverschiedenheit – ist ein nur schwer durchdringbarer Vorgang. Ihre wissenschaftliche Erforschung muß schon deshalb nach den nämlichen Grundsätzen geschehen, wie die Untersuchung aller anderen Vorgänge in der Welt auch. Diese Grundsätze bestehen darin, daß man die sämtlichen Bedingungen (conditions) des Vorgangs zu ermitteln sucht: alle Einflußgrößen1, von denen der Vorgang abhängig ist.

Man pflegt freilich heute noch, altem Herkommen folgend, den Bedingungen eines Vorgangs seine Ursache (cause) gegenüberzustellen. Diesem einen Faktor legt man dabei ganz besondere, ausschlaggebende Bedeutung für das Zustandekommen des Vorgangs bei2. Indessen, ein solcher Unterschied zwischen der Ursache und den Bedingungen läßt sich nach dem heutigen Stande der wissenschaftlichen Erkenntnis kaum mehr aufrecht erhalten3. Was man, gerade in Hinblick auf das Inflationsproblem, als „Ur-Sache” zu nennen pflegt, ist in Wirklichkeit ebenfalls nur eine Bedingung. Diese fällt besonders in die Augen, nur weil sie vielleicht eindeutig meßbar (Quantitätstheorie!) oder die zuletzt hinzugetretene Bedingung (Cost-push These!) ist. In Wirklichkeit hat sie für den Vorgang keine größere Bedeutung als alle übrigen Bedingungen. Sie ist wie jede Bedingung notwendig zum Zustandekommen der Inflation4.

Alle wissenschaftliche Forschung besteht grundsätzlich darin, die sämtlichen Bedingungen eines Vorgangs aufzuzeigen. Ein Vorgang wie die Inflation ist mithin nicht wissenschaftlich erforscht, wenn man lediglich seine „Ursachen\“ – nämlich irgendwelche augenfälligen Bedingungen – ermittelt hat. Sie ist erst dann erkannt, wenn wir ihre sämtlichen Bedingungen kennen. Nun besteht aber das, was wir „Bedingungen” nennen, auch aus Vorgängen oder Zuständen, die ihrerseits wieder abhängig sind von anderen Bedingungen. So findet die wissenschaftliche Analyse nirgends und nie „absolute Dinge”, hingegen überall Abhängigkeitsverhältnisse in unendlichen Zusammenhängen.

Die Bedingungen für das Zustandekommen einer Inflation sind vielfältig. Es ist daher naheliegend, Gruppen von Bedingungen zu unterscheiden. Mit Daloz5 halte ich die Zweiteilung in eine Gruppe kreislaufbestimmter Bedingungen und in eine Gruppe systembedingter Bedingungen für eine nützliche Untergliederung.

Zur ersten Gruppe zählt Daloz die herkömmlichen Inflationstheorien, wobei er bekennt: „l’auteur du pressent article a eu de plus en plus de difficultés à repousser l’idée selon laquelle les théories actuelles de l’inflation ont davantage comme rôle d’occulter la vrai nature du phénomène que de l’écairer6.\“

Zur zweiten Gruppe rechnet Daloz aus der Systemtheorie kommende Ansätze. Im Gegensatz zu Daloz scheint es mir aber nicht ratsam, hierbei auf Ludwig Boltzmann zurückzugreifen. Eher schon sollte man sich von Ilya Prigogine Einsichten in das Verständnis für die Ordnung von Prozessen holen7. Seine quantitative thermodynamische Theorie der Selbstorganisation physikalischer und chemischer Systeme geht aus von der Annahme teilweise offener (das heißt: im Austausch mit der Umgebung stehender) Systeme in einem Zustand hinreichenden Ungleichgewichts. Diese nennt er „dissipative structures”. Hingegen hatte Boltzmann seine Ergebnisse für geschlossene Systeme im Gleichgewichtszustand erhalten.

Nach Prigogine besteht die Welt, soweit wir sie kennen, zum größten Teil aus solchen teilweise offenen Ungleichgewichtssystemen. Sie reichen von Molekülen bis Galaxien, von Zellen und Bioorganismen bis zu Gesellschaften, vom menschlichen Bewußtsein und Ideen bis zu ganzen Kulturen. Prigogine legt einsichtig dar, daß all diesen Systemen ein Prinzip gemeinsam ist, das er „Ordnung durch Fluktuation” nennt. Dieses Prinzip verhilft Mutationen zu neuen dynamischen Regimen zum Durchbruch, in der Regel zu Regimen höherer Komplexität. Dies geschieht immer dann, wenn die Entropieerzeugung des Systems nach dem alten Regime im anfallenden „Entropieschutt” steckenzubleiben droht. Die „dissipative structures” sichern mit anderen Worten die Kontinuität ihres Energieaustauschs (ihres Metabolismus) und ihrer Energieproduktion durch Selbstorganisation zu immer neuen Strukturen.

Wenn nun „Ordnung durch Fluktuation” ein dynamisches Grundprinzip darstellt, das für alle teilweise offenen Systeme im Ungleichgewicht gilt, so ist es auch ein Grundprinzip der Evolution sozialer Systeme. – Die Folgerungen daraus für die Erkenntnis von Bedingungen für Inflation unterscheiden sich am Ende nicht sehr wesentlich von denen, die Daloz vorträgt. Grob gesprochen befinden wir uns in einem autokakalytischen, mutierenden Bewußtseinsprozeß, der zu einer neuen gesellschaftlichen Verteilung evolviert.

Daloz ist voll zuzustimmen in seiner Forderung, der zweiten Bedingungsgruppe mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Von hier aus müßten sich neue Einsichten in die Inflationsbedingungen ergeben. Denn man kann sagen, daß bislang „les possibilités de lutte classiques contre l’inflation sont pratiquement réduites à l’aspect conjoncturel; leurs succès éventuels ne peuvent donc être que limités et passagers8.”

Anmerkungen

1 Einflußgrößen meint hier dasselbe wie Determinanten (determinants). – Umstände (circumstances) „sind die Bedingungen, unter denen sich ein Ereignis vollzieht” (Hans Titze: Der Kausalbegriff in Philosophie und Physik, Meisenheim 1964, S. 181).

2 Auch neuere Lehrbücher der Geldtheorie sprechen schlicht von „Ursachen” einer Inflation; siehe etwa Otmar Issing: Einführung in die Geldtheorie, Heidelberg 1974, S. 125 oder Gerhard Merk: Einführung in die Geldlehre, Frankfurt 1974, S.30.

3 Siehe Karl R. Popper: Logik der Forschung, 5. Aufl., Tübingen 1973, S. 31 ff.

4 Eine Bedingung im definierten Sinne ist immer notwendig. Sie kann nicht mehr oder weniger wichtig für einen Vorgang sein, als daß sie eben notwendig ist.

5 Jean-Pierre Daloz: Inflation et entropie du système économique, in: Économie Appliquée, Bd. 27 (1974), S. 5 ff.

6 Jean-Pierre Daloz, a.a.O., S. 9.

7 Siehe vor allen Ilya Prigogine: Introduction to Thermodynamics of Irreversible Processes, 3. Aufl. New York, Chichester 1968 sowie Paul Glansdorff und Ilya Prigogine: Thermodynamic Theory of Structure, Stability and Fluctuations, Chichester 1971.

8 Jean-Pierre Daloz, a.a.O., S. 25.


As professor of economics during some decades I have come to
have serious and deep-rooted doubts whether economics, as
taught at present in universities, will ever do anything to
make the world a better and happier place to live in.



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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