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Dankvergessene Patienten

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Ach, wie wenig sich doch der achtenswerte und bis anhin unvergessene Herr

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817)

der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor,

seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübertragung ab 1803 Badischer Hofrat, durch Verleihung ab 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat,

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften sowie Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Marburg/Lahn; hiebevor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Tiermedizin – an der Universität Heidelberg und anvorderst seit 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule Kaiserslautern,

weiland Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld, dortselbst seit 1772 auch praktischer Arzt, Geburtshelfer, Augenarzt und Brunnenarzt sowie Dozent in Physiologie; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel sowie auch der Leipziger ökonomischen Sozietät Mitglied

als Ophthalmologe der Dankbarkeit der von ihm geheilten Augenkranken erfreuen durfte.

Aus genauer Kenntnis der bezüglichen Akten geschildert und behörig kundbar gemacht; dabei alle, die solches lesen, mit freundwilligem Gruss beständiger gÖttlicher Obhut und Verwahrung sowie getreuen englischen Schutzes wärmstens empfehlend von

Glaubrecht Andersieg

in Salen, Grafschaft Leisenburg*

₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪ Markus-Gilde, Siegen

Die gewerbliche Nutzung dieses Textes bedarf der schriftlichen Einwilligung der löblichen Markus-Gilde, Postfach 10 04 33, Siegen (Deutschland).

mailto: merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de

Dankvergessene Patienten

Dreitausendmal den grauen Star
Jung-Stilling1 heilte nachweisbar.2
Er scheute Mühe nicht und Zeit,
Zu lindern blinder Menschen Leid.

Dazu beriet er, nimmer pausend,
Zeitlebens über Zwanzigtausend,
Die an erkranktem Auge litten
Zu Hause wie auch bei Visiten.
Wo immer Stilling tauchte auf,
Umscharten Kranke ihn zu Hauf.

Als junger Mann gelobte er,
Dass keinen Kranken er beschwer:
Nur wer zufrieden mit ihm war,
Der zahle auch ein Honorar.
An Armen wollt er nichts verdienen:
Umsonst sein Lebtag helfen ihnen.3

Sehr viele nun bestürmten ihn,
Ja: lagen vor ihm auf den Knien,
Versprachen Geld ihm wohlbedacht,
Wenn Stilling sie nur sehend macht!

War dieser aber hingeeilt
Und hatte mit Erfolg geheilt,
Dann gaben sie noch nicht einmal,
Was Stilling hatte jedesmal
An Kosten für die Fahrt herbei,
Verbandszeug, Salbe und Arznei.

Ach schnöder Dank! Man ist empört,
Wenn man von Stillings Schicksal hört.
Erst jammern sie, dass GOtt erbarm,
Dann machen sie den Retter arm!
Der muss, damit er helfen kann,
Verschulden sich sein Leben lang.4

Ach nein! Wie schlecht war einst die Welt;
Die Tugend ganz und gar entstellt!
Jung-Stilling: wenn du lebtest heute,
Du fändest nur noch gute Leute;
Die Menschen sind in dieser Zeit
In allem voller Dankbarkeit!

Du, lieber Leser, tust sehr gut,
Wenn packt dich ob des Undanks Wut.
Doch ist denn eigentlich dir klar,
Dass auch du selber undankbar?

Erfüllst du deine Dankes-Pflicht
An GOtt, der gab dir Augenlicht?
Der so viel dir bislang geschenkt,
Dein Leben voller Huld gelenkt?

Es sollte kommen dir sofort
Des Dankes wenigstens ein Wort,
So wie es just dem Herz entstieg
Zu Salen Glaubrecht Andersieg.

Anmerkungen, Hinweise und Quellen

* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); nach Aussterben der heimischen Fürstenlinien durch Erbfolge von 1742 an Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg), im Zuge der territorialen Neugestaltung Deutschland durch den Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute Bestandteil des Kreises Siegen-Wittgenstein im Regierungsbezirk Arnsberg des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf). Über 70 Prozent der Kreisfläche sind Wälder; Siegen-Wittgenstein steht damit an der Spitze der Bewaldungsdichte in Deutschland. – Salen = bei Jung-Stilling die ehemalige fürstliche Residenzstadt Siegen; heute Universitätsstadt mit derzeit etwa 110 000 Bewohnern.

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register).

Im wirtschaftsgeschichtlich in vieler Hinsicht bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 1) geboren, herangewachsen und hat dort auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor. – Siehe über seinen Lebensweg ausführlich Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen, hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992. – Mehr den äusseren Lebensweg von Jung-Stilling schildert knapp Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988 und mit Schwerpunkt auf die innere Entwicklung Otto W. Hahn: Selig sind, die das Heimweh haben. Johann Heinrich Jung-Stilling: Patriarch der Erweckung. Gießen (Brunnen Verlag) 1999 (Geistliche Klassiker, Bd. 4).

2 Jung-Stilling galt als einer der geschicktesten Ophthalmo-Chirurgen seiner Zeit. Er hat ungefähr 3 000 Menschen durch Operation aus der Blindheit befreit. Mehr als 25 000 Menschen dürfte er augenärztlichen Rat angedient haben. – Als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg hielt Jung-Stilling auch Übungen zur Operationstechnik an der medizinischen Fakultät ab und verfasste hierzu ein eigenes Lehrbuch.

(a) Siehe zu dieser Seite seines erfolgreichen und gesegneten Wirkens —  Johann Heinrich Jung-Stilling: Geschichte meiner Staar Curen und Heylung anderer Augenkrankheiten, hrsg. von Gerhard Berneaud-Kötz. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1992; —  Gerhard Berneaud-Kötz: Kausaltheorien zur Starentstehung vor 250 Jahren Eine Auswertung der Krankengeschichten und Operationsprotokolle von Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995 und die dort (S. 95 ff.) angegebene Literatur sowie —  Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Lexikon Medizin. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996.

(b) Übrigens hat Jung-Stilling noch in seinem 76. Altersjahr als Augenchirurg gewirkt. Im Sommer 1816 gab er 17 Blinden das Augenlicht wieder; siehe Wilhelm Heinrich Elias Schwarz: Vater Stilling’s Lebensende, beschrieben von seinem Enkel, in: Johann Heinrich Jung’s, genannt Stilling sämmtliche Werke. Neue vollständige Ausgabe, Bd. 1. Stuttgart (Scheible, Rieger & Sattler) 1843, S. 799.

(c) Von Interesse ist, dass Jung-Stilling – wie übrigens auch sein Freund Johann Wolfgang Goethe – selbst im hohen Alter offenbar keiner Brille bedurfte. Jung-Stilling hatte wahrscheinlich ein kurzsichtiges und ein normalsichtiges Auge. Mit dem kurzsichtigen Auge sieht man in der Nähe gut, mit dem normalsichtigen in der Ferne. Das Gehirn wählt immer das Bild, das im Augenblick scharf ist.

3 Siehe hierzu Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 240 ff. — Jung-Stilling wurde über seinen Patenonkel, Oberbergmeister Johann Heinrich Jung (1716–1786) in Littfeld (seit Jahresbeginn 1969 Ortsteil der Stadt Kreuztal, Kreis Siegen-Wittgenstein, Land Nordrhein-Westfalen) mit dem katholischen Priester Johann Baptist Molitor (1702–1768) in Attendorn bekannt. Dieser vermachte Jung-Stilling schriftliche Anweisungen und Gerätschaften zur Ophthalmologie und nahm ihm das Versprechen ab, \“jederzeit arme Nothleidende umsonst zu bedienen\“ (Lebensgeschichte, S. 242). – Siehe auch Gerhard Merk: Oberbergmeister Johann Heinrich Jung. Ein Lebensbild. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989, S. 33 ff.

4 Jung-Stilling kam erst in seinem letzten Lebensabschnitt im Jahre 1801 aus Geldschulden heraus, nämlich durch eine Schenkung der Kauffrau Anna Margarete Frey-Biedermann (1734–1814), der er das Augenlicht wiedergab. – Siehe hierzu im einzelnen Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 542 f. und S. 692, Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 279 sowie Werner Ganz: Jung-Stilling und seine Freunde in Winterthur, in: Zeichen und Werte. Kulturelle Beilage zum \“Landboten und Tagblatt von Winterthur und Umgebung“, № 156 vom 10. Juli 1982, S. 17 f.

A thankful thought toward heaven is of itself a prayer

(Gotthold Ephraim Lessing, 1729-1781, German dramatist and critic)



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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