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Aufwendige Krankenbehandlung

veröffentlicht am

Bericht über ein wundersames nachtodliches Zusammentreffen in Lausanne am Genfer See mit dem hochgelehrten, lebenserfahrenen und unvergessenen Herrn

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817),
der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor,
seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübergang ab 1803 Badischer Hofrat,
durch Verleihung ab 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg/Lahn und dortselbst auch Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät; vordem bis 1787 Professor vor angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Tiermedizin – an der Universität Heidelberg und davor seit 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule in Kaiserslautern;

weiland Gründungsmitglied der geschlossenen Lesegesellschaft in Elberfeld, dortselbst auch seit 1772 Arzt für Allgemeinmedizin, Geburtshilfe, Augenheilkunde und seit 1775 behördlich bestellter Brunnenarzt sowie Dozent in Physiologie; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie bis zum 1784 erfolgten Verbot der Freimaurerei
im kurpfälzisch-bayrischen Herrschaftsgebiet auch der erlauchten
Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied.

Dank himmlischer Unterstützung in lebhaftem Befolgungseifer kundbar gemacht und zu gemeinen Nutzens Vorschub und Beförderung ins World Wide Web gestellt, alle Leser dabei gÖttlicher Gnade und Verwahrung sowie getreulichen englischen Schutzes bestens empfehlend

durch

Stestmehr Diesseitsfremd
zu Lichthausen, Grafschaft Leisenburg*

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Markus-Gilde, Siegen

Die gewerbliche Verwertung des Textes bedarf der schriftlichen Einwilligung der löblichen
Markus-Gilde, Postfach 10 04 33, 57223 Siegen (Deutschland)

mailto: merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de

Jung-Stilling zeigt sich zu Lausanne

Gemächlich schritt ich just bergan
Zur Kathedrale von Lausanne.1
Das Wetter war sehr schwül und feucht,
Die Luft mit üblem Dunst verseucht.
Entsagend darum aller Hast,
Hielt ich am Wege mehrmals Rast.

Auf einer Bank ich ruhe grad,
Als dieser sich ein Fremder naht.
Er setzt sich neben mich mit Schwung:
Ganz ohne Zweifel Hofrat Jung!2

Entleibte Menschen können zu Boten Gottes werden

\“Herr Hofrat3 Jung\“, entfuhr es mir,
\“Was machen sie denn jetzt noch hier?
Das ist doch nicht mehr ihre Zeit,
Lausanne ja auch von Baden weit!\“4

\“Mein Stillings-Freund:5 dass ich gestellt
Bin derzeit wieder in die Welt,
Erklärte klar ich bis zum Grunde
In meinem Buch zur Geister-Kunde.6

Doch bleibt es Ausdruck grosser Gnade:
Von GOttes Huld in hohem Grade,
Wenn ein Entleibter im Gebein
Taucht wieder in die Erde ein.
Er hat stets eine Sendung dann:
Regt Menschen meist zum Heile an.

Allein, es gibt auch viele Fälle,
Wo solche an der Engel Stelle
Zu Menschen hier auf Erden wandeln
Und dort nach GOttes Weisung handeln.

Ihr findet reichlich hier Berichte
Erzählt sehr gut aus der Geschichte
Der frühen Kirche und der Christen:
Lest dazu nur die Bollandisten.7
Jedoch erscheinen ohne Frage
Entleibte bis in diese Tage.

Boten GOttes darf es nach einigen Theologen nicht geben

Das wollen viele zwar nicht hören:
Es würde ihre Ruhe stören;
Denn selbst bekannte Theologen
Dreist haben hier Partei bezogen:
Der HErr darf keinesfalls auf Erden
Nach SEinem Willen tätig werden!

Weit bleibe ER entfernt im Himmel
Und lasse in dem Weltgewimmel
Die Menschen bitte ganz allein;
Auch stelle ER es völlig ein,
Den Christen hier auf ihrem Pfade
Zu schicken ganz spezielle Gnade,
Erst recht durch SEine Engel nicht;
Denn sie sind ja in vieler Sicht
Nur ‚Abergeister‘, die fortan
Es weder geben darf noch kann;

Wiewohl man doch in Heilger Schrift
In jedem Buch, Herr Stetsmehr, trifft
Auf Engel, Geister jeden Stands:
Schlagt nach in eurer Konkordanz!8

Wer daher sagt, dass heidnisch sei
Die Engelslehre: Gaukelei,
Beweist, dass ihm ist kaum bekannt,
Was klar uns hat die Schrift genannt.

GOtt ganz allein bestimmt SEine Wege

Man sollte eines nicht vergessen
Und eingedenk sein immer dessen:
Kein Glaubensfeger auf der Welt,
Dem ‚abzuschaffen‘ es gefällt,
Kann GOttes Geister je gebieten:
Nicht droben, gOttlob auch nicht nieden!

Es deutet auf Vermessenheit,
Auf Anmassung und Dreistigkeit,
Wenn man in Besserwisserei,
Aus Hang und Sucht zur Rüffelei
Dem HErren GOtt schreibt vor, wie ER
Kontakt zu SEiner Welt stellt her.9

Auftrag in Genf bei einer Schwerkranken

Genug jedoch mit dem Geklage!
Zurück nochmals zu eurer Frage:
Weshalb in dieser Gegend ich
Gerade heut befinde mich?

Gerufen mich als Arzt man hat,
Dass ich in Genf, der Nachbarstadt,
In schwerer Krankheit stehe bei:
Von Schmerzen eine Frau befrei‘,
Die dort schon liegt ein halbes Jahr;
Sie galt zunächst als unheilbar.

Nun habe just ich aufgezeigt:
Wenn Nervenbahnen man verzweigt,
Lässt nach der Schmerz; tritt Heilung ein.
Die Frau wird bald gesund dann sein.

Der Eingriff freilich heikel ist:
Es kann ihn bloss ein Spezialist
An einer Klinik zu Berlin;
Per Flugzeug muss die Frau dorthin.
Doch zur Behandlung dieser Kranken
Braucht grob man hunderttausend Franken.

Doch hier beginnt nun neuer Harm:
Die Sieche ist zwar fromm, doch arm!
Drum bitte ich, Herr Stetsmehr, sehr,
Dass ihr für diesen Zweck gebt her
Die hunderttausend Franken, die
Man braucht rasch für die Therapie.\“

Jung-Stilling scheint klärlich an den Falschen geraten zu sein

\“Herr Hofrat Jung\“, sprach ich entsetzt;
\“Sie haben weidlich überschätzt
Die Mittel, welche GOtt mir gab!
Gerade denn so viel ich hab‘,
Dass ich im Monat komme hin;
Sonst jeden Reichtums bar ich bin.

Auch kann ich niemanden beerben,
Noch anders so viel Geld erwerben.
Ich schlage vor, sie sprechen an,
Hier besser einen reichen Mann.\“

Entsprechender Geldzufluss wird angekündigt

Jung-Stilling reichte mir ein Blatt.
\“Man hierauf aufgezeichnet hat
Die Konto-Nummer, Bankleitzahl
Für diesen Zweck, den ich empfahl.
Gesorgt ist, dass man passend Geld
Euch demnächst zur Verfügung stellt.

À Dieu! Ich muss jetzt schleunigst gehen:
In Wien nach einem Blinden sehen.10
Ich hoffe, dass ich wieder bald
Begegne euch in Leibsgestalt.

Denkt stets, Herr Stetsmehr, ans Gebet,
Weil sonst euch Gnaden-Gunst entgeht,
Die GOtt euch gütig zugewiesen,
Dass fröhlich ihr sie mögt geniessen.\“11

Jung-Stilling entzieht sich der Sichtbarkeit

Da Stilling diese Worte spricht,
Entzieht er langsam sich der Sicht.
Er zeigt sich plötzlich nun verschwommen:
Konturen scheinen weggenommen,
Wiewohl ich noch erkennen kann,
Wie er mich milde lächelt an.

Der Schwund an Umriss wird nun krasser,
Dazu auch Stilling immer blasser,
Was nächstens dann zur Folge hat,
Dass bloss ein Schatten schummrig-matt
Erkennbar ist, wo Stilling eben
Ins Geisterreich ist am Entschweben.
Zuletzt zeigt kurz sich noch ein Strahl:
Erst farbig, darauf milchig-fahl.

Die Bank ist wieder völlig frei

Allein befinde wieder ich
Auf dieser Sitzbank fraglos mich:
Ringsum der Lärm und Krach der Stadt;
In meiner Hand liegt noch das Blatt,
Das Stilling freundlich mir soeben
Mit Ziffernfolgen hat gegeben.

Mir fällt jetzt auf: mit breitem Stift
In einer runden, deutschen Schrift
Schrieb jemand diese Zahlen nieder:
Die Schrift erkannte ich leicht wieder!
So schön und rein – wie Druck beinah –
Alleinig schreibt Geist Siona.12

Arbeiten im Umschwung des Hauses

Des mittwochs drauf stach mühsam aus
Ich Löwenzahn um unser Haus.
Da kam ein Herr, mir wohlbekannt,
Der lange schon im Ruhestand
Und täglich geht zur gleichen Zeit
Mit seinem Hund zehn Strassen weit.

Erst sprachen über Unkraut wir,
Vom Frühling, der ein Winter schier,
Von überhohen Heizungskosten;
Wie rasch Geräte heut verrosten;
Dass gestern er gesehen habe
Im Fernsehn, wie man trug zu Grabe
Die Filmdiva, von der er schwärmte,
Wie sehr er drum sich heut noch härmte.
Er freute sich, dass ich ein Mann,
Der aufmerksam ihn hörte an.

Plunder im Dachgeschoss

Schon war er weg ein ganzes Stück,
Da kam er mit dem Hund zurück.
\“Herr Diesseitsfremd! Verzeihen sie,
Dass zeitig es mir einfällt nie!
Ich räumte diesen Winter aus
Das Dachgeschoss bei mir zu Haus.

Da fand ich einen Stapel Bücher:
Schön eingepackt in alte Tücher.
Sie sind vom Opa meiner Frau,
Der Doktor war und äusserst schlau.
Ich habe schon hineingeguckt:
Sie sind in einer Sprach‘ gedruckt,
Die leider ich nicht deuten kann.
Vor kurzem nun ich mich entsann,
Dass sie die Bücher lesen können,
Die fast schon wollte ich verbrennen.

Gern schenke ich die Bände ihnen:
Vielleicht sie noch zu etwas dienen?
Die Schwarten sind ein wenig schwer;
Doch bringe morgen ich sie her!\“
Ich sagte drauf, dass käme ich
Noch diesen Abend sicherlich;
Er solle schonen seine Kraft:
Ich hätte das ja leicht geschafft.

Bücher werden von mir abgeholt: Ein Schatz!

Am Abend ging ich zu dem Herrn.
Er sass im Lehnstuhl und sah fern,
Als seine Frau mich zu ihm liess.
Er kurz auf einen Karton wies.
In dieser Kiste waren fein
Gepackt die Bücher alle ein.

Ich dankte kurz und ging nach Haus,
Nahm gleich das Schriftgut sacht heraus.
Es waren vierzehn Inkunablen13
Die mir gelang es aufzugabeln!
Latein geschrieben fand ich sie;
Ihr Gegenstand war Pharmazie.

Verkaufsauftrag an Antiquar in Bern

Acht Tage später ich dann war
In Bern bei einem Antiquar.
Man diesen mehrfach mir empfahl,
Weil ehrlich, bieder und loyal,
Dazu mit bestem Kundenkreis,
Kulant auch stets im Ankaufspreis.

Ihm legte ich die Bücher vor.
Er nahm sie gleich in den Tresor
Und sagte zu, sie durchzusehen,
Zu schätzen und – wenn das geschehen –
Mir kundzugeben gleich darauf,
Wie viel mir brächte ein Verkauf.

Antiquar schätzt Bücher ein und bittet um Anweisung

Sechs Tage später er schon schrieb:
Der Atem mir schier stehen blieb!
Die Drucke seien unversehrt.
Er schätze ihren Handelswert
Auf achtmal hunderttausend Franken:
Um den Betrag der Preis wird schwanken.

Er habe aus dem Kreis der Kunden
Bereits schon etliche gefunden,
Die am Erwerb Interesse haben,
Ihm gar ein Angebot schon gaben.

Gern kann er – falls mir dies sei recht –
Vermitteln, was für mich nicht schlecht:
Der Handel ganz privat dann sei,
Drum von der Umsatz-Steuer frei.

Die Käufer – Apotheker nur –
Vermieden gerne jede Spur.
Sie schätzten die Verschwiegenheit
Und seien anstandslos bereit,
Geld über Taxwert anzudienen,
Wenn sie mit Namen nicht erschienen.

Doch sollte dieses mir nicht passen,
Dann könnte er ins Auge fassen,
Die Bücher nächstens zu verganten,14
Das Aufgeld dann für den Agent
Betrage zweimal zehn Prozent.
Noch Umsatz-Steuer falle an;
Ich müsse den Erlös sodann
Als Einkunft nächstens Jahr versteuern:
Der Handel täte sich verteuern.

Der Vorteil dieses Weges wäre,
Dass Sicherheit er mir gewähre,
Den höchsten Preis dafür zu kriegen,
Nicht falscher Schätzung zu obliegen.

Als Kenner habe er taxiert
Die Wiegendrucke zwar fundiert.
Jedoch nicht unfehlbar sei er:
Vielleicht bringt eine Gant14 doch mehr?

Zu Zürich sei im Herbst Auktion.
Er bitte mich um Instruktion,
Auf welchem Weg ich gehen wolle,
Ob er privat verkaufen solle?

Privatverkauf über Antiquar verläuft reibungslos

Ich rief den Antiquar stracks an
Und bat ihn, dass er gleich begann,
Die Wiegendrucke anzubieten:
Mit seinem Plan sei ich zufrieden.

Kaum vierzehn Tage später schon
Rief an er mich am Telephon.
Er bat um Weisung, wie soll senden
Mein Geld er, das in seinen Händen.
Ich gab ihm nun die Nummern an,
Die Stilling nannte in Lausanne.

Engel Siona bedankt sich für die Hilfe

In Winterthur am Bahnhof sah
Ich bald darauf Geist Siona.12
\“Herr Stetsmehr\“, sprach mich dieser an,
\“Die Frau dem Schlimmsten schon entrann.
Gedankt sei euch, dass folgsam ihr
Bereit wart, gleich zu helfen hier.
Ohephiah15 ist auf euch stolz:
Ihr seid von ächtem Stillings-Holz!
Es brachte Frucht in höchstem Grade
Bei Stillings-Freunden GOttes Gnade.
Ich trage gern das Meine bei,
Dass dies auch weiterhin so sei.

Auch euch, Herr Stetsmehr, bitte ich,
Dass ihr bleibt unerschütterlich
In GOttes Wort lasst euch nicht
Durch Spott in eurer Zuversicht
Auf SEine Gnade irre machen:
Bleibt treu im Beten und im Wachen.\“ –

Engel Siona übergibt USB-Stick und entschwindet

\“Herr Engel Siona\“, sprach ich,
\“Ganz sicher soll ich öffentlich
Erzählen, was jetzt jüngst geschah
Und wie man mich mit Geld versah.
Ach bitte: helfen sie beim Dichten
Natürlich auch schon beim Berichten!\“ –

\“Man sah schon euren Wunsch voraus!
Nehmt diesen Stick hier und druckt aus
Den Text, der drauf gespeichert ist:
Wie man das macht, ihr sicher wisst.\“

In Vollgestalt steht Siona
Beim letzten Satz noch vor mir da.
Auf einmal löst er sich jetzt auf:
Entzieht sich wohl dem Erdehnlauf.
Sein Körper hell beginnt zu flimmern,
Um dann allmählich zu verschimmern.
Zuvor fiel zuckend mehrmals ein
Auf diesen Ort noch bleicher Schein
Wie er sich zeigt, wenn voller Mond
Nachts über glattem Wasser thront,
Auch wie er silbern reflektiert
Auf Flächen, die der Schnee noch ziert.

Daheim bald wieder ganz allein,
Schob gleich ich nun den Stick hinein
Und druckte diesen Text hier aus:
Er quoll dem Drucker glatt heraus.
Die Niederschrift enthält exakt,
Was hier geschah, was hier gesagt.

Zweifler mögen sich an der eigenen Nase zupfen

Wer glaubt, es dürfe gar nicht sein,
Dass aus dem Jenseits tauchen ein
Verstorbne Menschen oder Engel:
Wer Stetsmehr nervt drum mit Gequengel,
Vertiefe sich in die Befunde
In Stillings Werk zur Geister-Kunde.6

Auch sei den Nörglern anempfohlen,
Sich aus der Bücherei zu holen
Ein Werk, an Fällen überreich:
Die \“Szenen aus dem Geisterreich\“.16
Dies Werk, das Stilling vordem schrieb,
Bis heute auf dem Buchmarkt blieb.

Nur: wer nicht will, der glaubt auch nicht,
Selbst wenn der HErr vom Himmel spricht.
Man lese dazu einmal fleissig
Bei Lukas sechzehn einunddreissig:17
Erkannt wird nur als wirklich an,
Was man auch wägen, messen kann.

Dass diese Haltung dümmlich, blöde,
Betont auch Stillings Duzfreund Goethe.18
Trotz dessen hält man bloss für wahr,
Was bietet sich den Augen dar;
Insonders, was das Fernsehn sendet,
Das heimlich, still die Sinne blendet.

Anmerkungen, Erläuterungen und Quellen

* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); –  durch Erbfolge ab 1743 Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen); –  im Zuge der territorialen Neuordnung Deutschlands durch den Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); –  nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 an bis heute Bestandteil im Kreis Siegen-Wittgenstein des Regierungsbezirks Arnsberg im Bundesland Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf).

(a) Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register), siehe auch Anm. 12 in Bezug auf weitere Literatur.

(b) Lichthausen = bei Jung-Stilling die ehemalige selbständige, durch den Bergbau geprägte Gemeinde Littfeld im vormaligen Fürstentum Nassau-Siegen; seit 1. Januar 1969 Teil der Stadt Kreuztal im Kreis Siegen-Wittgenstein. Durchflossen wird der Ort von der rund 13 Kilometer langen Littfe, einem wasserreichen Zufluss in den rund 24 Kilometer langen Ferndorfbach, der seinerseits ein rechten Nebenfluss der Sieg ist und im Zentrum von Siegen-Weidenau in die Sieg mündet. – Der Name Littfeld leitet sich ab aus dem keltischen Wort \“Let\“ für \“Lehm\“. Die in vielen Gewässernamen der Gegend vorzufindende Endsilbe \“-phe\“ ist die sprachlich abgeschliffene Form von \“apha“ = der Bach.

(c) Aus Littfeld kam die Mutter Johanna Dorothea Fischer (1717-1742) von Jung-Stilling; dort wirkte auch sein Patenonkel Johann Heinrich Jung.

(d) Im wirtschaftsgeschichtlich in vieler Hinsicht bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 2) geboren, herangewachsen und dort hat auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Lausanne = Hauptstadt des schweizerischen Kantons Waadt, am Nordufer des Genfer Sees gelegen. Die frühgotische, fünftürmige Kathedrale Notre-Dame aus dem 12. Jahrhundert befindet sich in der hochgelegenen Cité.

(a) Im Oktober 1536 wurde – im Zuge der unter Berner Vogtei durch Pierre Viret (1511-1571) eingeführten \“Re=Formation\“ à la façon de Génève – diese (architektonisch einzigartige) alte Bischofskirche durch fanatisierte Horden \“gesäubert\“ und bis auf die Steine allen Schmucks beraubt. – Siehe zur Religionsgeschichte ausführlich die zweibändige Chronik von Martin Schmitt: Mémoires historiques sur le Diocèse de Lausanne; publiés et annotés par l’abbé Jean Germaud. Fribourg (Piller) 1858/59 (Reihe Mémorial de Fribourg, Bd. 5 und 6).

(b) Stadtpatron von Lausanne ist der Märtyrer Thyrsus; sein Fest wurde in der katholischen Zeit zu Lausanne am 24. September gefeiert. Vor dem Bau der Kathedrale stand auf diesem Platz seit dem 6. Jhts. eine ihm geweihte Kirche.

2 Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor. Siehe kurz zusammenfassend die Lebensbeschreibung von Eduard Manger in der Allgemeinen Deutschen Biographie, Bd. 14, S. 219 ff. sowie ausführlicher Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989 (mit Abb. und Registern). – Mehr die innere Entwicklung beschreibt Otto W. Hahn: \“Selig sind, die das Heimweh haben\“. Johann Heinrich Jung-Stilling: Patriarch der Erweckung. Giessen, Basel (Brunnen) 1999 (Geistliche Klassiker, Bd. 4). — Jung-Stilling wurde in letzter Zeit wiederholt auf Erden gesehen. Siehe eine Aufzählung der entsprechenden Berichte zuletzt bei Bleibfest Stillingtreu: Wundersame Begegnung an der Sal. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 2000, S. 52 ff.

3 Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Heidelberg durch Erlass seines Landesherrn, des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern (1724/1742-1799), datiert vom 31. März 1785, die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 2), S. 427.

(a) Jung-Stilling hatte dem Wittelsbacher Kurfürsten 1772 seine an der Universität Strassburg eingereichte medizinische Doktorarbeit gewidmet. Diese trägt die Aufschrift \“SPECIMEN DE HISTORIA MARTIS NASSOVICO-SIEGENENSIS\“; sie beschäftigt sich mit der Geschichte des Eisenerzeugung im Fürstentum Nassau-Siegen. – Mars = hier: FERRUM, QUIA ROMANIS OLIM FERREUS MARS FUIT; siehe zur älteren Metall-Lehre übersichtlich, in drei Thesen geordnet Anton Lütgens: METALLORUM NATURAM ET DIFFERENTIAS EXPLICANS DISSERTATIO PHYSICA. Kiel (Barthold Reuther) 1707. – Zu jener Zeit waren alle Naturwissenschaften, und so auch die historische Metallurgie, bei der Medizinischen Fakultät angesiedelt. Eigene Technische Hochschulen, zunächst unter dem Namen \“Polytechnikum\“, entstanden erst etwa sechzig Jahre später

(b) Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger mancherlei Vergünstigungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt insonders zum Vorteil gereichte) an Schlagbäumen, Posten, Schildwachen, Stadttoren, Fähren, Übergängen, Brücken sowie an den damals auch innerlands zahlreichen Wegschranken mit Post-, Maut- und Grenzstationen.

(c) Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II. bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die dauernde Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [französisch: Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt.

(d) In Artikel 6 heisst es im einzelnen genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi (nämlich Franz II, der letzte Kaiser des alten Reichs; er legte nach Bildung des Rheinbundes am 6. August 1808 die deutsche Kaiserkrone nieder), tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg du Rhin (= die Schiffahrtsrinne) soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

(e) Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin zu Regensburg (seit 1663 der Tagungsort des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die ihre (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

(f) Infolge besonderer günstiger Umstände (verwandtschaftliche Beziehungen zu Frankreich traten hinzu: sein Enkel und Thronfolger Karl [1786/1811–1818] heiratete zu Paris am 7./8. April 1806 Stéphanie de Beauharnais [1789–1860], die 17jährige Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte) vergrösserte Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) bei dieser Gelegenheit sein Herrschaftsgebiet um mehr als das Vierfache; die Bevölkerung stieg von ungefähr 175 000 auf fast 1 Million Bewohner. Die pfälzische Kurwürde ging auf ihn über; Karl Friedrich wurde damit 1803 vom Markgrafen zum Kurfürsten erhoben. – Wenig später rückte er durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf.

(g) Mit dem Besitzwechsel der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen [seit 1720] Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommer-Residenz Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputations-Hauptschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuß des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ Hofrat DE JURE PUBLICO nunmehr automatisch zum \“badischen\“ Hofrat.

(h) Im April des Jahres 1808 wird Jung-Stilling dann als Berater des Grossherzogs Karl Friedrich in Karlsruhe (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst hervorhebt) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404 (Anm. 10).

(i) Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. – Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergesslichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27.

(j) Jung-Stilling stand nach seinem, aus eigener Initiative gewählten Abschied von der Universität Marburg ab 1803 im Dienst des Hauses Baden. Ein Ruhegehalt erhielt er von der Universität Marburg bzw. der Regierung in Kassel nicht. – Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Jung-Stilling am Hofe Karl Friedrichs in Karlsruhe, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Bd. 135 (1987), S. 183 ff., Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 219 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32) sowie zum Verhältnis zwischen beiden Persönlichkeiten auch Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

(k) Karl Friedrich (1728/1746-1811) galt in Karlsruhe gleichsam als Heiliger. Nachdem gelegentlich eines Trauergottesdienstes am 1. Juli 1811 der hochgelehrte katholische Stadtpfarrer und (seit 1805) Grossherzoglich Badische Geistliche Rat Dr. Thaddäus Anton Dereser (1757-1827) nicht in den übertriebenen Lobgesang für den Verstorbenen einstimmen wollte, sondern die teilweise rohe und schamlose Ausplünderung der katholischen Einrichtungen unter seiner Herrschaft bei einer Predigt beiläufig ansprach, musste er Karlsruhe unverzüglich verlassen. – Siehe zur Person von Dereser kurz Joseph Gass: Der Exeget Dereser. Eine geschichtliche Studie. Strassburg (Le Roux) 1915 (mit einem Portrait von Dereser) sowie Franz Xaver Münch: Der äußere Lebensgang des Aufklärungstheologen Thaddäus Anton Dereser. Bonn (Dissertation der Katholisch-Theologischen Fakultät) 1929 (auszugsweise im Druck).

(l) Siehe zu den unterdrückenden obrigkeitlichen Massnahmen gegen die katholische Kirche unter der Regierungsgewalt der badischen Grossherzöge näherhin (Franz Joseph Mone [1796-1871]): Die katholischen Zustände in Baden, 2 Bde. Mit urkundlichen Beilagen. Regensburg (Manz) 1841/1843 sowie Carl Bader: Die katholische Kirche im Großherzogthum Baden. Freiburg (Herder) 1860. – Sehr einseitig und unsachlich zur Predigt von Dereser auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 485.

(m) Als Beispiel der bei Hofe genehmen Trauerreden katholischer Geistlicher seien erwähnt –  Bernhard Boll: Trauerrede bey der kirchlichen Todten-Feyer seiner königlichen Hoheit Karl Friedrichs, Großherzogs zu Baden, Herzogs zu Zähringen, gehalten in der Haupt- und Münsterpfarrkirche zu Freyburg den 1. July 1811. Freiburg (Wagner) 1811 (der Zisterzienser und Münsterpfarrer zu Freiburg Bernhard Boll (1756-1836) wurde 1827 erster Erzbischof von Freiburg); –  [Gerhard Anton Holdermann]: Beschreibung der am 30ten Juny und 1ten July 1811 zu Ratsatt Statt gehabten Trauer-Feyerlichkeit nach dem Hintritte unsers (so!) höchstseligen Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Rastatt (Sprinzing) 1811 oder –  die an Lobpreisungen überladene Rede von Johann Kaspar Adam Ruef (1748-1825): JUSTA FUNEBRIA SERENISSIMO DUM VIVERET AC CELSISSIMO PRINCIPI DIVO CAROLO FRIDERICO MAGNO DUCI BADARUM … DIE 22 JULII 1811 IN TEMPLO ACADEMICO PIISSIMA ET GRATISSIMA MENTE PERSOLVENDA INDICIT JOANNES CASPARUS RUEF. Freiburg (ohne Verlagsangabe) 1811.

(n) Vgl. auch  Gedächtnißreden bey dem Tode Sr. K. Hoheit des Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Gehalten von den Pfarrern der drey christlichen Confessionen zu Mannheim. Mannheim (Schwan) 1811, in der sich der reformierte, lutherische und katholische Geistliche an Lob auf den verstorbenen Karl Friedrich überbieten.

(o) Geradezu bescheiden wirken demgegenüber andere Predigten, wie etwa –  [Christian Emanuel Hauber]: Kurze Abschilderung Sr. Königlichen Hoheit Carl Friedrichs Grosherzogs (so!) von Baden. Karlsruhe (Macklot) 1811; –  Theodor Friedrich Volz: Gedächtnißpredigt auf den Höchstseeligen Großherzog von Baden Karl Friedrich, gehalten den 30. Junius 1811 in der Stadtkirche zu Karlsruhe. Karlsruhe (Müller) 1811 (Volz [1759-1813]), in Jena 1778 bereits promoviert, bemüht sich erkennbar um die im Rahmen des Anlasses mögliche Sachlichkeit) oder die zahlreichen Zentariums-Reden wie –  Karl Joseph Beck: Rede bei der akademischen Feier des hundertsten Geburtsfestes des Hochseligen Großherzogs Karl Friedrich zu Baden … Gehalten von dem derzeitigen Prorector der Albert-Ludwigs-Hochschule. Freiburg im Breisgau (Wagner) 1828 (Karl Joseph Beck [1794-1838] war Mediziner und Stifter des \“Corps Rhenania\“ in Freiburg) oder –  Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. Mannheim (Schwan & Götz) 1829.

(p) Ziemlich unkritisch gegenüber den augenfälligen Schattenseiten der Regierung von Karl Friedrich neuerdings auch Annette Borchardt-Wenzel: Karl Friedrich von Baden. Mensch und Legende. Gernsbach (Katz) 2006.

4 Jung-Stilling verbrachte in seinem letzten Lebensabschnitt ab 1803 in Baden. Zunächst wohnte er mit seiner Familie (wieder) in Heidelberg, wo er zwischen 1784 und 1787 als Professor für angewandte Ökonomik mit Einschluss der Vieharzneikunde wirkte. Die rechtsrheinische Kurpfalz mit der Stadt Heidelberg war inzwischen an das Haus Baden gefallen (siehe Anm. 3 c).

(a) Im Winter 1806 übersiedelt Jung-Stilling auf Wunsch des inzwischen vom Markgrafen zum Grossherzog aufgestiegenen Karl Friedrich (siehe Anm. 3) in die badische Hauptstadt Karlruhe. Im folgenden Jahr lässt er seine Familie nachkommen. In Karlsruhe ist Jung-Stilling 1817 auch gestorben und liegt dort begraben. – Siehe auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe mit Anmerkungen, hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchhandlung) 1992, S. 593 ff. sowie Gerhard Merk: Jung-Stilling (Anm. 2), S. 167 ff.

5 Stillings-Freund meint zunächst –  Gönner und Förderer von Jung-Stilling und später dann –  Verehrer oder –  zumindest dem Autor gegenüber wohlwollender Leser der Schriften von Jung-Stilling. Der Begriff wurde in diesen Bedeutungen von ihm selbst eingeführt, er schliesst in jedem Falle auch die weibliche Form ein. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 4), S. 213, S. 441, S. 513, S. 566. Auf der anderen Seite gibt es aber auch (und zwar  bis heute!) \“Stillings-Feinde\“; siehe ebendort, S. 316.

6 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so!) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, also mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralantiquariat der DDR] 1987 und öfters).

(a) Die \“Theorie der Geister=Kunde\“ von Jung-Stilling wurde seither bis in unsere Tage in vielen Ausgaben veröffentlicht und auch –  1812 ins Schwedische (veranlasst durch Prinz Karl von Hessen-Kassel [1744–1836], mit dem Jung-Stilling zu jener Zeit in enger Verbindung stand); –  1814 ins Niederländische (durch Joan Petrus Kleyn [1760-1805], –  1834 ins Englische (durch Samuel Jackson aus Tulse Hill, heute Stadtteil von London), –  1851 ins Amerikanische (durch Pfarrer George Bush) und –  1862 ins Französische übersetzt.

(b) Für die deutschsprachigen Leser in den Vereinigten Staaten kam 1816 eine Ausgabe bei dem Verleger Heinrich B. Sage in Reading, Pennsylvania heraus; Jung-Stilling hatte dort eine ansehnliche Lesergemeinde, und Sage brachte auch andere Werke von Jung-Stilling dort zum Druck. Siehe hierzu und zur Jung-Stilling-Literatur gesamthaft die Zusammenstellung bei Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1993 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28).

(c) Vgl. zu Themenkreis der \“Theorie der Geister=Kunde\“ auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades. Wahre und falsche Ansichten, herausgegeben und eingeleitet von Gerhard Merk. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 2) sowie Martin Landmann: Ahnungen, Visionen und Geistererscheinungen nach Jung-Stilling. Eine ausdeutende Untersuchung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995. Diese Schrift ist auch unentgeltlich als Download-File bei <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling>abrufbar.

7 Bollandisten = nach dem belgischen Jesuiten Jan Bolland (1596–1665) benannte Arbeitsgemeinschaft zur Herausgabe der ACTA SANCTORUM, einer 64 Foliobände umfassenden Lebensbeschreibung frühchristlicher und katholischer Heiliger.

Siehe mehr dazu bei Paul Peeters: L’oeuvre des Bollandistes, 2. Aufl. Brüssel (Société des Bollandistes) 1961 (Reihe Subsidia Haigiographica, № 24 a) sowie im Internet die Adressen http://www.bollandistes.be> sowie <http://www.heiligenlexikon.de>

8 Konkordanz = sachlich in alphabetischer Reihenfolge geordnetes Verzeichnis von Fundstellen aus der Heiligen Schrift. Früher in Buchform, jetzt auch auf elektronischen Speichermedien, etwa in verschiedenen Sprachen kostenfrei downloadbar bei dem URL <http://www.koenigsmuenster.de/rsk/index.shtml.>

9 Siehe hierzu Gotthold Untermschloß: Vom Handeln im Diesseits und von Wesen im Jenseits. Johann Heinrich Jung-Stilling gibt Antwort. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, S. 16 ff. – Als Download-File nunmehr auch kostenlos abrufbar bei der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/~stilling>

10 Jung-Stilling gilt als einer der berühmtesten Augenärzte seiner Zeit. Er befreite ungefähr 3 000 Menschen durch Operation aus der Blindheit; etwa 25 000 Menschen dürfte er ophthalmologischen Rat angedient haben. – Siehe hierzu Gerhard Berneaud-Kötz: Jung-Stilling als Arztpersönlichkeit, in: Michael Frost (Hrsg.): Blicke auf Jung-Stilling. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1991, S. 19 ff. sowie Klaus Pfeifer (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Medizin. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996, S. 9 ff.

11 Siehe Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. 44 (\“Wir können gewiß versichert seyn, daß der Herr jedes gläubige Gebet erhört, wir erlangen immer etwas dadurch, was wir ohne unser Gebet nicht erlangt haben würden, und zwar das, was für uns das beste ist.\“).

12 Schutzengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Er zeigte sich diesem zu dessen irdischer Zeit, nahm ihn von dort ins Jenseits mit und schrieb auch für ihn. – Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 8. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999, S. 220 ff. (S. 279: \“Siona hatte mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert\“).

(a) Der Name Siona bedeutet letztlich \“die Himmlische\“; siehe die genauere, weitläufige Erklärung dieses Namens bei Philipp Paul Merz: ONOMASTICON BIBLICUM SEU INDEX AC DICTIONARIUM HISTORICO–ETYMOLOCIUM, Bd. 2. Augsburg (Veith) 1738, S. 1161 ff. sowie bei Petrus Ravanellus: BIBLIOTHECA SACRA SEU THESAURUS SCRIPTURAE CANONICAE AMPLISSIMUS, Bd. 2. Genf (Chouët) 1650, S. 627 (hier auch einige seltenere übertragene Bedeutungen wie etwa \“ORNAMENTUM TRACTUS\“ oder \“GAUDIUM TOTIUS TERRAE\“ und \“LOCUS PERFECTISSIMAE PULCHRITUDINIS\“). Beide bis heute kaum übertroffene Werke erfuhren viele Nachdrucke und Übersetzungen.

(b) Jung-Stilling fasst den Engel als weiblich auf. Er spricht Siona an als –  \“unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit\“ (Szenen aus dem Geisterreich, S. 219), die ihn \“immer ungesehen umschwebt\“ (ebenda, S. 271) –  \“göttliche Freundin\“ (ebenda, S. 223) bzw. –  \“göttliche Lehrerin\“ (ebenda, S. 228), dankt der –  \“erhabenen Dolmetscherin\“ (ebenda, S. 241), die ihm – oft ungesehen –  als Engel \“immer liebvoll zur Seite ist\“ (Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg [Raw’sche Buchhandlung] 1818, 1. Gesang, Versabschnitt 3), –  den Gedankengang leitet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 282), aber –  auch vom Jenseits berichtet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 308) und –  Jung-Stilling, der im Chrysäon Selmar (wohl in Anlehnung an den Rufname Selma seiner zweiten Ehefrau Maria Salome) heisst, auf einer \“Himmels-Leiter\“ zum Sehen führt (Chrysäon, Prolog, Versabschnitt 2; siehe auch Versabschnitt 8) sowie –  zu seiner verstorbenen Tochter Elisabeth (Lisette, 1786–1802) und zu deren Mutter (Jung-Stillings zweiter Ehefrau Maria Salome von St. George, 1760–1790) geleitet (Chrysäon, 4. Gesang, Versabschnitt 2 ff.), –  ihn aber auch von himmlischen Höhen \“in müdes Weltgewühle\“ zurückbringt (Chrysäon, 3. Gesang, Versabschnitt 87).

(c) Siehe zum Verständnis der Engel im religiösen Denken von Jung-Stilling auch Jung-Stilling-Lexikon Religion (Anm. 11), S. XX f., S. 30 ff. sowie Gotthold Untermschloß: Vom Handeln im Diesseits und von Wesen im Jenseits (Anm. 9), S. 16 ff. — Vgl. zum Grundsätzlichen auch Paola Giovetti: Engel, die unsichtbaren Helfer der Menschen, 8. Aufl. Kreuzlingen, München (Hugendubel) 2003 sowie im World Wide Web die Adresse

13 Inkunabeln = Wiegendrucke: die ältesten Drucke in der Zeit von der Erfindung der Buchdruckerkunst 1445 bis zum Jahre 1500. Wegen ihrer relativen Seltenheit werden sie heute weltweit sehr hoch bezahlt. – Bereits vor fast hundert Jahren waren Inkunabeln fast unerschwinglich; siehe Max Sander: Prices of Incunabula. Mailand (Ulrico Hoepli) 1930.

14 Verganten = im Binnendeutschen: versteigern; die Gant = öffentliche Versteigerung.

15 Ein jeder Christ, der in die Seligkeit eingeht, empfängt von GOtt einen neuen Namen, siehe Offenbarung 2, 17 sowie (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Die Siegsgeschichte der christlichen Religion in einer gemeinnüzigen (so!) Erklärung der Offenbarung Johannis. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1799, S. 89. – Der besondere Name, mit dem Jung-Stilling im Jenseits beschenkt wurde, ist Ohephiah (= der GOtt liebt). Siehe (Christian Gottlob Barth): Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817.

16 Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Karl Rohm Verlag) 1999.

17 Dort heisst es: \“Wenn sie Moses und die Propheten nicht hören, so würden sie auch nicht glauben, wenn jemand von den Toten auferstände.\“

18 \“Daran erkenn‘ ich die gelehrten Herrn:

Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern;
Was ihr nicht fasst, das fehlt euch ganz und gar;
Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr;
Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht;
Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht,\“

schreibt Johann Wolfgang Goethe: Faust, der Tragödie zweiter Teil, Vers 305–310.

Siehe zum Verhältnis von Jung-Stilling zu Goethe feinfühlig nachzeichnend Gustav Adolf Benrath: Jung-Stilling, Goethes Freund, in: Siegerland, Bd. 76 (1999), S. 135 ff. und die dort angegebene Literatur sowie die nachtodliche Begegnung mit Jung-Stilling zu diesem Thema; bei der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> die Datei \“goethe_und_jung_stilling.pdf\“ unter der Rubrik \“Nachtodliche Belehrungen zu Persönlichkeiten\“.

What greater calamity can fall upon a nation than the lack of
engaged clergymen and clergywomen!



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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