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Zum religiösen Denken von Jung-Stilling

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Zum religiösen Denken von Jung-Stilling

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Professor Dr. Gerhard Merk

Vorbemerkung der Schriftleitung: Herr Prof. Dr. Gerhard Merk ist Präsident der Jung-Stilling-Gesellschaft in Siegen. Am 4. September 1999 durften wir ihn im Swedenborg-Zentrum zu einem hochinteressanten Vortrag über Jung-Stillings Weltsicht aus dem Diesseits und Jenseits begrüssen. Daraus ist nun der folgende Beitrag für unsere Zeitschrift hervorgegangen mit einem Schwerpunkt bei den Jenseitsvorstellungen.

Lebensweg von Jung-Stilling

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817) hat die Geschichte seines Lebens selbst niedergeschrieben; Goethe beförderte den ersten Teil zum Druck. Sie wurde in viele Sprachen übersetzt und blieb bis heute auf dem Büchermarkt. Danach lässt sich der äussere Lebensweg von Jung-Stilling in vier Abschnitte gliedern.

(1) Jugendzeit im Siegerland. Jung-Stilling wächst in einer Grossfamilie von Handwerkern und Bauern im Siegerland auf, einer der ältesten Bergbauregionen in Europa. Nach sorgfältiger Erziehung daheim besucht er die Grundschule und Lateinschule. Von kleinauf steht der frühreife Hochbegabte als Handreicher im Köhlerhandwerk dem Grossvaters zur Seite, lernt beim Vater die Schneiderei und arbeitet als Schulmeister, Vermessungsgehilfe sowie in der Landwirtschaft in seiner Heimat.

Auf nahezu allen Gebieten bildet sich der wissensdurstige und bis zu seinem Lebensende lerneifrige Jung-Stilling weiter. Der Knabe ist durch die häusliche Erziehung besonders auch mit der christlichen Frohbotschaft wohl vertraut. Er beantwortet die Gnade der Erlösung mit einem festen, lauteren und treuen Glauben. Die Familie ist reformierter Konfession, und Jung-Stilling blieb zeit seines Lebens in diesem religiösen Umfeld. Der katholische Glaube blieb im letztlich fremd. Was er vom Luthertum kannte, ist nur Stückwerk geblieben.

(2) Reifung im Bergischen Land. Das wirtschaftliche Klima im Siegerland ist um 1760 verhältnismässig schlecht. Demgegenüber erfreut sich das benachbarte Bergische Land einer Phase günstiger industrieller Entfaltung. Getragen wird diese von der eisenverarbeitenden Industrie sowie von zahlreichen Textilfabriken im Talgebiet der Wupper. Viele Menschen wandern in das Bergische Land ein, darunter so mancher Siegerländer. Auch Jung-Stilling entschliesst sich in seinem 22. Altersjahr, als Wandergeselle ins Bergische zu ziehen.

Den Schneidergesellen entdeckt einer der damals bedeutenden Gewerbetreibenden an der Wupper: der Fabrikant, Gutsbesitzer, Viehzüchter, Grosshändler und Transportunternehmer Peter Johannes Flender (1727–1807). Er macht Jung-Stilling zum Hauslehrer seiner Kinder und zu seiner rechten Hand im Geschäftlichen. Flender ist wie Jung-Stilling reformierten Bekenntnisses; er entstammt väterlicherseits dem Siegerland. Gottesdienstbesuch und Gebet bei Tisch sind eine Selbstverständlichkeit. Religiöse Fragen beschäftigen Flender immerzu. Er liest entsprechende Bücher; zweimal in der Woche ist der Pfarrer am Abend sein Gast. Jung-Stilling bleibt sieben Jahre im Hause Flender. Er bezeichnet diese Zeit als seine ökonomischen Studienjahre. Jung-Stilling, ländlicher Herkunft, wächst daneben hier auch in die kultivierte Lebensart des städtischen Bürgertums hinein.

Bereits 30 Jahre alt, verlässt Jung-Stilling das Haus Flender, um in Strassburg Medizin zu studieren. Er hatte sich im Selbststudium bereits die Grundlagen dieser Wissenschaft angeeignet. Dazu wirkte er in seiner Freizeit als Laienarzt bei Augenkrankheiten; Jung-Stilling erhielt von einem Bekannten seines Onkels eine Handschrift mit entsprechenden Anleitungen. In nur drei Semestern schaffte es Jung-Stilling, das Medizinstudium abzuschliessen. In Strassburg lernte er auch Johann Wolfgang Goethe und Gottfried Herder kennen.

Noch vor seiner Abreise nach Strassburg hatte sich Jung-Stilling mit einer kränklichen jungen Frau aus einer Bergischen Unternehmerfamilie verlobt, die er 1771 heiratete. Im Frühjahr 1772 liess er sich als praktischer Arzt in Elberfeld nieder. Bald verlegt er den Schwerpunkt auf Augenkrankheiten, und hier wieder im besonderen auf die Operation des grauen Stars. Bis zu seinem Lebensende schenkt Jung-Stilling über 2 000 Menschen durch Operation das Augenlicht wieder. Ein Honorar verlangte er nicht, wiewohl er die meiste Zeit seines Lebens Geldschulden hatte.

(3) Hochschullehrer für Ökonomik. Während seiner Zeit als Arzt in Elberfeld hatte Jung-Stilling auch Abhandlungen über betriebswirtschaftliche Themen veröffentlicht. Diese Arbeiten und seine gute Beziehungen bei Hofe zu Mannheim (das Bergische Land gehörte damals zum Herrschaftsbereich des Kurfürsten von der Pfalz, der in Mannheim residierte) trugen ihm 1778 die Berufung zum ordentlichen Professor für angewandte ökonomische Wissenschaften an die Kameral Hohe Schule in Kaiserslautern ein. Im Herbst dieses Jahres zieht Jung-Stilling mit seiner Familie in die Kurpfalz.

Die Kameral Hohe Schule wird 1784 der Universität Heidelberg angegliedert. Jung-Stilling übersiedelt mit seiner Familie dorthin. Er hatte 1782 ein zweites Mal geheiratet, nachdem seine erste Frau in Kaiserslautern starb. Zum Sommersemester 1787 erhält Jung-Stilling unter Verdoppelung seiner bisherigen Bezüge einen Ruf an die Universität Marburg, dem er gern folgt. Bis zum Jahr 1803 lehrt Jung-Stilling nun Ökonomik in Marburg. An der medizinischen Fakultät hält er auch Übungen zur operativen Augenheilkunde ab. Denn Jung-Stilling gibt auch als Ökonomieprofessor seine Tätigkeit als Augenarzt nie auf. Jung-Stilling schrieb zur Ökonomik elf Fachbücher und zahlreiche Aufsätze. Auch veröffentlichte er eine Anleitung zur Operation des Grauen Stars.

(4) Berater am Badischen Hof. Die Französische Revolution von 1789 wirkt sich in Deutschland verheerend aus. Krieg, Mangel, Hunger, Elend, Verarmung, Leid, Trümmer, Plünderungen und Unsicherheit sind die Folge. Ab 1794 steht Deutschland ganz unter dem Druck der Franzosen. Die linksrheinischen Lande werden Frankreich einverleibt, alle anderen Gebiete von Frankreich beherrscht. Die Universität Marburg verkümmert; in den Vorlesungen von Jung-Stilling sitzen nur noch zwei bis drei Hörer.

Angesichts dieser widrigen Umstände entsagt Jung-Stilling dem Lehramt und tritt im Herbst 1803 in die Dienste des ihm geistig nahestehenden Karl Friedrich von Baden (1728–1811) als dessen persönlicher Berater. Wieder verlegt Jung-Stilling mit seinem ganzen Hausstand den Wohnsitz, und zwar auf Wunsch seines Gönners zunächst nach Heidelberg, im Jahre 1806 dann nach Karlsruhe. Diesmal zieht seine dritte Ehefrau mit ihm. Jung-Stilling war 1790 in Marburg ein zweites Mal Witwer geworden.

Karlsruhe ist um diese Zeit ein Mittelpunkt wieder aufblühender Kultur im Südwesten Deutschlands. Das badische Herrscherhaus hatte sich klug an die neue Machtverhältnisse angepasst. Karl Friedrich hatte gar seinen Nachfolger einer Adoptivtochter von Napoleon Bonaparte zum Mann gegeben. Aufgrund dieser Politik wurde er von Frankreich mit Gunstbezeugungen überhäuft. Er stieg vom Markgrafen zum Grossherzog auf; sein Staatsgebiet erweiterte sich beträchtlich durch von Frankreich verfügte Zuweisungen aus anderen deutschen Territorien. Karlsruhe galt als \“befreundeter Hof\“ und war ob dessen dem unmittelbaren Druck Frankreichs und der rohen Willkür seiner Krieger entzogen. Jung-Stilling findet damit in Baden die nötige äussere Ruhe zum Arbeiten.

Hier in Karlsruhe stirbt Jung-Stilling im April 1817, zwei Wochen nach dem Hinschied seiner dritten Ehefrau. In Karlsruhe liegt Jung-Stilling auch begraben; das Grabdenkmal befindet sich heute auf dem (neuen) Hauptfriedhof. Bei seinem Heimgang waren ihm bereits sieben Kinder in das Jenseits vorangegangen. Sie alle sah Jung-Stilling samt ihren Müttern gelegentlich einer Verzückung im Himmel, wo sie sich der Seligkeit erfreuen.

Versuch einer natürlichen Gotteserkenntnis

In seiner Zeit als Arzt in Elberfeld beschäftigte sich Jung-Stilling einlässlich mit der Frage, wie Gott und die Welt nicht nur aus biblischer Belehrung zu erkennen seien, sondern auch durch vernünftiges Nachdenken. Dieses Anliegen ist in der christlichen Theologie nicht neu. Vor allem Thomas von Aquin (1227–1274) und seine Schule brachten es hierbei, an die Schriften des Aristoteles (384–321 v.Chr.) anknüpfend, zu Lehrsätzen, die bis heute als Glanzstück natürlicher (= nur auf Vernunftschlüssen beruhender) Theologie gelten.

Freilich blieb Jung-Stilling zeitlebens die Ergebnisse dieses Denkens unbekannt. Wie viele Genies, so achtete er wenig auf das, was andere vor ihm und neben ihm an Erkenntnissen gewannen. So glaubte Jung-Stilling 1774, sein \“eigenes System\“ entdeckt zu haben. Frucht dessen ist sein \“Theosophischer Versuch vom Wesen Gottes und dem Ursprung aller Dinge\“ aus dem Jahr 1776; die Schrift ist nur als Manuskript auf uns gekommen. Doch 1787 gibt Jung-Stilling diese Gedanken in dem anonym erschienenen Buch \“Blicke in die Geheimnisse der Natur=Weisheit\“ in veränderter Form zum Druck.

Jung-Stillings Anliegen ist es letztlich, die Übereinstimmung von Wissen und Glauben, von Denken und Offenbarung zu beweisen, wie er im Vorwort betont. Jedoch sind die Ausführungen an vielen Stellen sehr schwer verständlich und schleierig. Jung-Stilling hat ganz offensichtlich Lehren der westöstlichen Geheimwissenschaft (hermetische Schriften) in \“sein System\“ hinein gemischt. Dazu fehlt ein Inhaltsverzeichnis, und die an den Schluss gestellten \“Anmerkungen über vorgehendes philosophisches System\“ stehen teilweise in Widerspruch zum Hauptteil. Jung-Stilling räumt freilich selbst ein, dass \“sein System\“ noch \“ausserordentlich viel Unverdautes und Baufälliges\“ habe. So ist es nicht verwunderlich, dass dieses Buch selbst von den Widmungsträgern (Dalberg, Herder, Kant) mit Kopfschütteln aufgenommen wurde.

Eintreten für den Pietismus

Zu Lebzeiten von Jung-Stilling vollzog sich ein beachtlicher, bis heute nachwirkender Aufstieg der Naturwissenschaften. Viele Gesetze und Zusammenhänge wurden erstmals entdeckt. Im Zuge dessen änderte sich allgemein das Verständnis von Gott und der Welt. Denn manches, was man bis anhin als unmittelbares Wirken Gottes ansah, erwies sich jetzt als in die Dinge hineingelegte Regelung. Dies führte nun bei vielen zu falschen Folgerungen. Die einen behaupteten, Gott kümmere sich gar nicht mehr um die Welt und um den Menschen; er habe alles wie ein Uhrwerk vorgeordnet. Andere kamen gar zu dem Schluss, Gott habe sich vergegenständlicht: er sei in der Welt aufgegangen. Diese Gott-Welt-Wirklichkeit sei in immerwährendem Werden. Goethe huldigte solchen Gedanken.

Gelehrte und Ungelehrte fühlten sich berufen, die Menschen von dieser neuen Weltsicht \“aufzuklären\“. Die christliche Botschaft wurde als nicht mehr in die \“neue Zeit\“ passend abgelehnt, darüber hinaus oft auch mit Spott und Hass verfolgt. Als Zerrbild des im \“Aberglauben\“ verhafteten Christgläubigen galt den Philosophen und Literaten vornehmlich der \“Pietist\“. Über ihn schütten sie Hohn und Schimpf aus.

Solche Hetzjagd rief Jung-Stilling auf den Plan. Er verwahrte sich dagegen, die Pietisten allesamt als hinterwäldlerische Tölpel hinzustellen. In vielen Schriften wies er nach, dass das gläubige Vertrauen in den persönlichen Gott sogar Voraussetzung dafür ist, sich der Welt zuzuwenden und sie zum Besseren zu gestalten. Auch deckte Jung-Stilling auf, wie das Fehlen der Herzensfrömmigkeit zur Kälte gegen die Mitmenschen führt. Zwar wurden sie von den \“Aufklärern\“ hochtrabend als \“Brüder\“ gefeiert. Die tätige Nächstenliebe jedoch blieb ganz auf der Strecke. Statt dessen verkündeten die \“Aufklärer\“ unbestimmte sittliche Forderungen in Menge. Im besonderen schärfte man die auch von Jesus als Richtschnur anempfohlene Goldene Regel (\“Handle so, wie du willst, dass andere handeln\“) ein – freilich ohne deren Verpflichtung im vor Gott zu verantwortenden Gewissen zu verankern.

Jung-Stilling hielt es für anmassend, diese neue Weltanschauung als \“Aufklärung\“ zu bezeichnen, und gar noch aus dem Evangelium alles zu streichen, was von der Vernunft nicht zu begreifen sei. Wahre Aufklärung ist vielmehr (so schreibt er in einem Lehrbuch) \“die richtige Erkänntniss von Gott, von der Natur, besonders von dem Menschen, und von dem Verhältniß desselben zu Gott, und den daher entspringenden Pflichten gegen den Vater im Himmel, und gegen den Nächsten. Aus der wahren Aufklärung folgt also reine und thätige Liebe gegen Gott und seinen Mitmenschen.\“

Man kann sich leicht vorstellen, dass Jung-Stilling für die tonangebende Schicht der Philosophie und Aufklärungs-Theologie als altmodischer Unbelehrbarer galt. Auf vielfache Weise wurde er angefeindet. Andererseits aber scharten sich gläubige evangelische Christen aus vielen Ländern um ihn. Für sie galt er als Bewahrer der unverfälschten christlichen Botschaft. Jung-Stilling bediente seine Anhänger durch eine Vielzahl frommer Schriften, in denen er das Vertrauen auf das Heilswirken Gottes an jedem einzelnen Menschen stärkte.

Jenseitsvorstellungen

Die zu Jung-Stillings Zeiten herrschende Aufklärungsphilosophie hatte für ein Leben nach dem Tod wenig übrig. Andrerseits war – ausgelöst vor allem durch die grosse wirtschaftliche Not in breiten Volksschichten infolge der Kriege – vielenorts eine Endzeitstimmung aufgekommen. Im Zuge dessen sprossten in manchen christlichen Kreisen krause, wirre Lehren über Tod und Jenseits auf. Auch \“Seher\“ jeder Art meldeten sich zu Wort, oft genug mit der Behauptung, von Geistern aus dem Jenseits belehrt worden zu sein. Beides, sowohl die Leugnung der jenseitigen Welt als auch die übertriebene Geisterseherei, veranlassten Jung-Stilling, sich vor allem in seinem letzten Lebensabschnitt mit diesen Dingen näher zu beschäftigen. Hatte er zu seiner Zeit in Marburg bereits die \“Szenen aus dem Geisterreich\“ herausgegeben, so folgte 1808 in Buchform die \“Theorie der Geister=Kunde\“: ein Werk, dass auch ins Englische, Französische, Niederländische und Schwedische übersetzt wurde. Darin sowie in entsprechenden Stellen seiner Volksschriften legte Jung-Stilling seine Schau der Jenseits dar.

(1) Raum und Zeit. Jung-Stilling leugnet weder die Zeitlichkeit noch die Räumlichkeit des Wirklichen. Die unseren Wahrnehmungen zugrunde liegenden Dinge füllen tatsächlich einen Raum aus. Der Wahrnehmung von Gestalt, Abstand, Ausdehnung, Lage, Entfernung und Bewegung entspricht etwas Gleichartiges in der Wirklichkeit. Auch erscheint uns nichts als \“stehendes Jetzt\“. Vielmehr erfahren wir die Dinge als fliessend, beginnend, sich ändern. Wo aber Veränderung ist, da muss ein Nacheinander, also Zeitlichkeit sein.

In der Schöpfung (in der Natur) gibt es also Raum und Zeit. Es muss daher nach den Bedingungen von Raum und Zeit sowohl geurteilt als geschlossen werden, und das Ergebnis ist wahr. Gott freilich und die von ihm erschaffenen Geister sehen die Welt anders. Für sie gibt es weder Raum, noch Zeit, noch ein kopernikanisches Weltsystem. Daher darf man das nur den körperlichen Wesen (den Menschen, Tieren, Pflanzen und der Materie) anhaftende raumzeitliche Sosein nicht auf die Geisterwelt übertragen. Aus der Sicht des Schöpfers ist das Weltall weder körperlich, noch im Kräftespiel, noch in Bewegung, noch genau so geordnet, wie es sich dem forschenden Menschengeist zeigt.

Man warf nun Jung-Stilling vor, er entnehme solche Unterscheidungen den Geheimlehren. Doch steht Jung-Stilling hier voll und ganz in der Überlieferung der christlichen Theologie. Obendrein bezichtigte man ihn der Leugnung des kopernikanischen Weltsystems. Dabei ging es Jung-Stilling doch darum, Folgerungen aus dem naturwissenschaftlichen Weltbild für das Jenseits als unstatthaft aufzudecken.

(2) Engel und Geister. Aus dem Nichts erschaffen hat Gott nicht nur die sichtbare Welt, sondern auch die Engel. Sie sind reine Geistwesen (Körperlosigkeit), unter sich verschieden (Einzigkeit), mit freiem Willen begabt (Selbstbestimmung) und schauen in Gottes Angesicht (Seligkeit). Jung-Stilling schreibt den Engeln einen Einfluss in allen Ebenen der die Welt zu. Sie sind \“Werkzeuge, durch welche der Herr die ganze Schöpfung, also auch unsre Sinnenwelt regiert.\“ Aber grundsätzlich steht es dem Menschen nicht an, Umgang mit Engeln zu suchen.

Schutzengel sind Geister, die jedem Menschen von Gott beigestellt sind. Sie wenden Gefahren des Leibes und der Seele von ihren Schützlingen ab, eifern sie zum Guten an und begleiten sie in die zukünftige Welt. Es muss ihnen eine gewisse Wirkmacht zu Gebote stehen, wodurch sie auf die Aussenwelt Einfluss nehmen. Wie gross diese ist, bleibt offen. Die von Jung-Stilling angeführten biblischen Beispiele und auch eigene Erfahrungen (sein Schutzengel Siona diktierte ihm die Schrift \“Lavaters Verklärung\“ in die Feder) sind sicher als von Gott erteilte Wirkmacht für einzelne Fälle zu verstehen. Jung-Stilling geht davon aus, dass die Engel in Bezug auf die Spielweite ihrer Machtbetätigung jederzeit an den göttlichen Willen gebunden sind.

Eine fromme abgeschiedene Menschenseele kann nach Jung-Stilling zu einem engelgleichen Zustand aufsteigen. In seinen \“Szenen aus dem Geisterreich\“ zählt Jung-Stilling beispielsweise die beiden Zürcher Pfarrer Johann Kaspar Lavater (1741–1801) und Johann Konrad Pfenninger (1747–1792) zu solchen seligen Geistern. Sicher knüpft Jung-Stilling hier an die altkirchliche (und noch heute von der katholischen und orthodoxen Kirche gelehrte) Lehre von den Heiligen an. Es sind dies verstorbene Menschen, die der Gotteskindschaft teilhaftig wurden. \“Sie erkennen im Willen Gottes, in dessen Angesicht sie leben, besser als wir, was für uns nüzlich ist, und beten gewiss mit vieler Liebe für uns\“, meint Jung-Stilling. Grundsätzlich ist er nicht gegen eine Verehrung der Heiligen, wie sie die frühe Kirche pflegte. Freilich sieht er die Gefahr, dass Heilige – ebenso wie Engel – sehr leicht in den Mittelpunkt des Glaubens rücken können. Daher warnt er vor dem Kult der Engel und Heiligen.

(3) Teufel und Dämonen. Ein Teil der Engel hat sich in freier Entscheidung von Gott abgewendet und steht ihm in Feindschaft gegenüber. Dies sind die bösen Geister (Dämonen). Diese \“würken zum Verderben, erhitzen die Leidenschaften, und locken zum Laster\“, wie Jung-Stilling ihr Tun kennzeichnet. Der abgefallene oberste Engel, dem die Leitung der irdischen Dinge oblag, heisst Teufel (Satan, Luzifer).

Nach Jung-Stilling kann der Einfluss des \“bösen Feindes\“ nicht geleugnet, darf jedoch auch nicht übertrieben werden. Die Erkenntnis des Teufels und der bösen Geister überhaupt (als frühere Engel) ist geblieben. Sie übersteigt daher die menschliche. Jedoch erkennt der Satan nicht das Zukünftige und auch nicht die Gedanken (alle Denkerlebnisse) der Menschen. Er vermag auch keine Wunder zu wirken, sondern höchstens Taten, welche die menschlichen überragen (\“Trugwerk\“, \“Blendwerk\“). — Gott gestattet dem Teufel, uns zu versuchen. Aber nicht jede Versuchung ist vom Teufel, weil Fleisch und Welt auch versuchlich sind. Der Satan kann nie zur Sünde zwingen; denn es gibt keine Sünde ohne Freiheit. Teufelsbündnisse sind möglich. Niemand freilich, der sich mit einem bösen Geist verbündet, kann Nebenmenschen schaden, \“wenn ihm nicht jemand selbst die Gelegenheit dazu giebt, und die Gottesfurcht beyseite sezt\“, wie Jung-Stilling betont.

(3) Himmel und Hölle. Jeder einzelne Mensch ist von Gott berufen, für einige Zeit an seiner Schöpfung auf Erden mitzuwirken. Je nachdem, wie er Gott und seinem Nächsten an dieser Lebens-Aufgabe gedient hat, wird seine Bestimmung nach dem Tode sein. Die Gerechten kommen sofort nach ihrem Ableben auf der Erde in den Himmel. Die von Gott abgewandten Bösen werden in einen jenseitigen Strafzustand versetzt, in die Hölle.

(4) Hades. Die entleibten Seelen all jener, die sich im irdischen Leben nicht grundlegend für das Gute oder Böse entscheiden haben, kommen in einen Mittelort (Totenreich, Hades, Scheol). Mit dieser Lehre steht Jung-Stilling zwar nicht in Widerspruch zur Geschichte der christlichen Theologie, wohl aber zur reformierten Lehre seiner Zeit. Im einzelnen macht Jung-Stilling zum Hades acht wesentliche Aussagen.

1. Im Hades reifen die Seelen für kürzere oder längere Zeit entweder zum Himmel oder zur Hölle heran. Es gibt also im Hades \“Gute und Böse, Halbgute, und Halbböse.\“

2. Die nach dem Tode im Hades angekommene Seele verspürt die Sinnenwelt nicht mehr. Sinnenwelt meint dabei die irdische Aussenwelt, die durch Empfindungen wie Licht, Ton, Wärme, Kälte, Geruch oder Geschmack wahrgenommen wird. Sie erkennt jedoch \“die Geister, die im Hades sind.\“

3. Die Seelen im Hades können vom Geschick noch lebender Menschen (vor allem der Angehörigen) Kenntnis erhalten. Dies geschieht einmal durch Nachricht von Seelen, die eben entleibt im Hades ankommen. Zum anderen aber kann auch Wissen vermittelt werden \“aus Anstalten, die in Ansehung unserer im Geisterreich gemacht werden.\“

4. Die Seele besitz im Hades die Vorstellung von Raum und Zeit. Jedoch ist ihr nun im Raum alles nahe und in der Zeit nichts fern. Sie kann deshalb wissen, was in der Ferne und was in der Zukunft geschieht, \“insofern es ihr die Gesetze des Geisterreichs erlauben.\“ Freilich kann sich die Seele irren. In Unkenntnis ihrer Falschheit werden dann Aussagen als wahr behauptet.
5. An und für sich betrachtet ist der Hades ein leidensfreier Ort. Die eigentlichen Leiden im Hades sind das Heimweh nach der auf immer verlorenen Sinnenwelt der nun leeren, entblössten Seele, die auf die Hölle zugeht. Seelen, die auf den Himmel vorbereitet werden, erleiden keine Pein, ausser der, die sie sich selbst machen. So empfinden etwas jene Seelen Leiden, die mit einer nicht abgelegten Begierde aus diesem Leben schieden.

6. Auf noch lebende Menschen können Seelen im Hades nur einwirken, wenn sie sich mit ihnen in Verbindung setzen können und dürfen. Sie vermögen dann Menschen auch absichtlich zu täuschen und in die Irre zu führen. Manche machen es sich gar zum Vergnügen, Menschen zu betrügen.

7. Seelen aus dem Hades vermögen sich grundsätzlich körperlich sichtbar zu machen. In diesem Falle können sie von vielen Menschen gesehen werden. Jedoch fällt dem Betrachter auf, dass es sich um keinen natürlichen, lebendigen Menschen handelt. Dies geschah beispielsweise massenhaft beim Tode Jesu (Mt 27, 52).

(8) Es ist nützlich und heilsam, für Seelen im Hades zu beten. Niemand ist indessen zu solchem Gebet verpflichtet.

Zur katholischen Lehre von der Läuterung (in der deutschen Sprache früher auch \“Fegfeuer\“ genannt) besteht ein wesentlicher Unterschied. Bei Jung-Stilling bereitet der Hades für Himmel und Hölle vor. Nach der altchristlichen und katholischen Lehre von der Läuterung jedoch sind nur solche Seelen in diesem Zustand, die nach einiger Zeit auch in den Himmel kommen. – Der arge Missbrauch, der mit dem \“Fegfeuer\“ getrieben wurde, rechtfertigt nach Jung-Stilling keineswegs, dass die Reformatoren eine Reinigung nach dem Tode zur Gänze ausschliessen. Andrerseits widerstrebt es Jung-Stilling auch, diese Lehre \“auf die Canzel zu bringen.\“

Abschliessende Bemerkungen

Die theologischen Aussagen von Jung-Stilling stehen in keinem planvollen, sorgsam durchdachten Zusammenhang. Die mangelnde Systematik erklärt sich daraus, dass Jung-Stilling als Ökonom, Arzt und Literat die Theologie nicht als sein näheres Aufgabengebiet ansah. So nimmt er meistens nur zu einzelnen Fragekreisen Stellung. Dies geschieht in Büchern (wie etwa in seiner Erklärung der Offenbarung Johannis), in Volksschriften und Romanen sowie in – vor allem der Seelsorge dienenden – persönlichen Schreiben. Jung-Stilling dürfte zeitlebens gut 20 000 Briefe verfasst haben; die Korrespondenz belegt besonders im letzten Lebensabschnitt einen Gutteil seiner Zeit. In allem aber steht die praktische Frömmigkeit im Vordergrund. Lehrmeinungen treten demgegenüber zurück.

Hinzu kommt, dass sich Jung-Stilling selbst als Mitglied der reformierten Kirche sah, wie er mehrmals betonte. Von deren Kernlehren wollte er nicht abweichen – wiewohl er das etwa in Bezug auf seine Aussagen zum Wirken der Engel und seine Beschreibung des Hades offenkundig tat. Das brachte ihm schon zu Lebzeiten harsche Kritik seitens der Theologen ein. Bis heute hält dies an; und noch im Katalog der Jung-Stilling-Ausstellung 1990 zählt ein Theologe und Jung-Stilling-Kenner die \“Theorie der Geister=Kunde\“ den \“abstrusen spiritistischen\“ Büchern bei. Der Lehre von Engeln und Geistern gegenüber reagiert man im reformierten Umfeld günstigstenfalls mit mildem Lächeln, oft genug mit Entrüstung und Empörung. Dass der unendlichen Vielfalt der sichtbaren Schöpfung Gottes auch eine Vielfalt in der nichtkörperlichen Welt entspricht, gilt als ausgeschlossen.

Endlich aber hatte Jung-Stilling ein Misstrauen gegen jede Art von Separatismus, verstanden hier als Abspaltung von der Volkskirche. In seiner Jugend zuhause und in seiner Zeit im Bergischen Land lernte er religiöse Gemeinschaften kennen, die er in seinem Buch \“Theobald oder die Schwärmer, eine wahre Geschichte\“ schildert. Je mehr sich diese von der Leitlinie der Kirchenlehre entfernten, desto überspannter und wirklichkeitsfremder gestalteten sie sich selbst: das zeichnet Jung-Stilling deutlich nach. Deshalb schreibt er auch als Motto \“Mittelmass die beste Strass\“ in den Untertitel seines Theoblad-Romans.


In seinem letzten Lebensabschnitt verdächtigte man Jung-Stilling, geistiger Vater vieler damals aufblühender religiöser Gruppen mit schwärmerischer, ja teilweise sogar revolutionärer Lehre zu sein. Er musste sich gegen solche Vorwürfe in einer eigenen Schrift wehren. Auch das festigte Jung-Stilling in seiner Haltung, die verfasste Grosskirche zu bestärken und der Glaubensüberzeugung ihrer Vorsteher gemäss Hebr 13, 7 zu folgen. Jung-Stilling beeinflusste aber ohne Zweifel die gelebte Glaubenspraxis, die Frömmigkeit der reformierten Kirche seiner Zeit. Zumindest Rinnsale dieses Stromes sind bis heute spürbar.



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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