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Was ist local manufacturing?

veröffentlicht am
Im Druck erschienen in: Wirtschaftsdienst, Bd. 42 (1962), Heft 11, S. XII.

Literaturzitate nach der in dieser Zeitschrift üblichen Form.

Ein der Sprache der Wirtschaftspraxis entstammender Fachausdruck beginnt nun auch in wissenschaftlichen Abhandlungen mehr und mehr Eingang zu finden: \“local manufacturing\“.

Begriffsinhalt

Der Begriffsinhalt muß die Merkmale angeben, die das Wesen des Begriffes bestimmen. Nun sind dem Begriff \“local manufacturing\“ inhaltlich zwei Merkmale zuzuordnen, nämlich:

1. vollständige Fertigung von Gütern im Ausland, 2. Teilfertigung von Gütern im Ausland.

Es ist vertretbar, beide Merkmale zu einem den Inhalt des Begriffes bestimmenden Satz zusammenzufassen. Dann gibt der Satz: \“local manufacturing ist die vollständige oder teilweise Herstellung von Gütern im Ausland\“ den Begriffsinhalt eindeutig wieder.

Begriffsumfang

Neben einer genauen Beschreibung des Inhalts erfordert eine Definition auch eine Beschreibung aller Teilvorstellungen, die den Umfang (die Sphäre) des Begriffes füllen. Der Weg zur umfänglichen Begriffsbestimmung sind Einteilungen (Divisionen), denen jeweils ein wesentliches Einteilungsprinzip zugrunde liegen muß.

Aus sachlogischen Gründen muß als Einteilungsgrund bei der Division des Begriffes \“local manufacturing\“ einmal der Kapitaleinsatz, zum anderen die Einbringung von know how und schließlich die Leitungsfunktion ausgewählt werden. Der Begriff \“local manufacturing\“ ist also dreimal, jeweils unter verschiedenem Einteilungsgrund, in Teilvorstellungen zu zerlegen.

Kapitaleinsatz

Es ist betriebswirtschaftlich und volkswirtschaftlich wesentlich, ob eine Unternehmung ganz, teilweise oder überhaupt nicht Kapital nach dem Ausland (in eine ausländische Firma) bringt.

Unter Kapitaleinsatz ist hier jede \“Kaufkraftübertragung für Investitionszwecke\“1 zu verstehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob Geld (Kaufkrafttransfer, finanzieller Kapitalexport) oder Sachkapital (Maschinen, Fabrikeinrichtungen; Realtransfer, güterwirtschaftlicher Kapitalexport) eingebracht wird.2

Einbringung von know how

Als wesentlich wird ferner die Einbringung von know how anzusehen sein. Auch hier kann prinzipiell know how ganz, teilweise oder überhaupt nicht in eine Auslandsfirma gebracht werden.

Unter know how ist technisches Wissen in weitestem Sinne zu verstehen. Der Begriff deckt sich etwa mit dem, was die betriebswirtschaftliche Funktionalbetrachtung3 mit Gestaltungsfunktion bezeichnet. Diese wird aufgefaßt als \“Inbegriff der schöpferischen, erfinderischen, neugestaltenden Tätigkeit, die zu einer Gestalt, einem Plan, Modell usw. der Erzeugnisse und zur Entwicklung von Produktionsverfahren führt.\“4 Es ist also neben dem technischen Wissen im engeren Sinne auch das betriebsorganisatorische Wissen zum know how zu zählen.

Leitungsfunktion

Schließlich ist es nicht einerlei, ob die Leitungsfunktion eines im Ausland gelegenen Unternehmens ganz, teilweise oder überhaupt nicht von der heimischen Firma wahrgenommen wird. Die Teilhabe an der Leitung wird man sogar in der Rangordnung der Kapitaleinbringung voranstellen müssen.

Unter Leitungsfunktion oder Kontrollfunktion5 ist der direkte Einfluß der heimischen Firma auf den Produktionsablauf und die Geschäftstätigkeit der ausländischen Unternehmung zu verstehen. Innerhalb der betrieblichen Willensbildung fällt der Leitungsfunktion jede Planungs- und Entscheidungsbefugnis zu.

Definition des Begriffes

Auf Grund der gefundenen Inhaltsbestimmung, der drei zur Division wesentlichen Merkmale Kapitaleinsatz, Übertragung von know how und Leitungsfunktion sowie der denkbar möglichen Fälle ganz, teilweise, nicht muß definiert werden:

Unter \“local manufacturing\“ ist die vollständige oder teilweise Fertigung von Gütern im Ausland zu verstehen. Darunter fallen die im folgenden aufgezählten und eine Tätigkeit bezeichnenden Formen für sich allein sowie alle Formen in sinnvoller Kombination:

1. Der Kapitaleinsatz erfolgt ganz — teilweise — nicht durch die heimische Firma;

2. know how wird ganz — teilweise —nicht durch die heimische Firma übertragen;

3. die Leitungsfunktion liegt ganz —teilweise — nicht bei der heimischen Firma.

Wie zu erkennen ist, kann der Ausdruck \“local manufacturing\“ ohne lange und umständliche Umschreibung nicht eingedeutscht werden. Darin liegt sein Vorzug, gleichzeitig aber auch seine Gefahr.

Anmerkungen

1 Vgl. H. Jannsen: \“Aktuelle Fragen des Kapitalexports und der Exportfinanzierung\“, Frankfurt am Main 1958, S. 3.

2 Vgl. G. Neuhauser: \“Der deutsche Kapitalexport im Rahmen des volkswirtschaftlichen Ge-samtkreislaufs\“, in: Aussenwirtschaft, Bd. 9 (1954), S. 612 f. sowie L. W. Towle: \“International Trade and Commercial Policy\“, New York und London 1947, S. 655.

3 Vgl. F. Henzel: \“Die Funktionsteilung der Unternehmung\“, in: Zeitschrift für Betriebswirtschaft, Bd. 9 (1932), S. 193 ff.

4 F. Henzel: \“Betriebsplanung\“, Wiesbaden o. J., S. 12.

5 Vgl. W. Guth: „Der Kapitalexport in unterentwickelte Länder“, Basel und Tübingen 1957, S. 33 sowie L. W. Towle, a. a. O., S. 666.



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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