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Was bestimmt die Investitionen?

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Investition ist der Einsatz von – ① Produktionsfaktoren (reale Seite) oder
– ② Geld (monetäre Seite) zur Herstellung, Erweiterung oder Verbesserung von
Kapitalgütern (= Anlagevermögen, Produktionsmittel; capital goods, producer
goods, material assets, fixed assets).

Die Investitionen in einer Volkswirtschaft werden von zwei Faktoren bestimmt, nämlich einmal von subjektiven Erwägungen und zum anderen von objektiven Gegebenheiten.

Investitionsneigung (I)

Zunächst muss der mögliche Investor willens sein, eine Investition vorzunehmen. Diese Investitionsbereitschaft (inducement to invest) ist eine subjektive Grösse. Sie hängt im wesentlichen von zwei Determinanten ab, nämlich (1) vom erwarteten Gewinn aus der Investition und (2) vom herrschenden Investitionsklima.

Gewinnerwartungen (1)

Niemand wird investieren, ohne die Aussicht auf einen Gewinn (P) aus dem Kapitalgut zu haben. Dabei wird sich der veranschlagte Gewinn in den Perioden 1 + a (wobei a die tatsächliche, nicht die rechnungstechnische Nutzungsdauer anzeigt) am erzielten Gewinn der Vorperioden t – b für dasselbe oder ähnliche Gut ausrichten, so dass man für die Gewinnerwartung aus der Investition schreiben kann:

Pt+a = f (Pt-b).

Investitionsklima (2)

Unstreitig ist, dass die Investitionsneigung auch von der zum Zeitpunkt der Investitionsplanung herrschenden Geschäftslage (current conditions of business) bestimmt wird: das lässt sich für die Vergangenheit empirisch zweifelsfrei nachweisen. Als Massgrösse dessen sei das Sozialprodukt (Yt) herangezogen. Die Investitionsneigung (In) gesamthaft wäre demnach dazustellen als:

Itn = a Pt+a + b Yt   (a > 0, b > 0),

wobei a und b anzeigen, mit welchem Gewicht der erwartete Gewinn und das herrschende Geschäftsklima auf die Investitionsneigung einwirken.

Investitionsdurchführung (II)

Bei der Möglichkeit zur Durchführung der Investition (realisation of investment) ist (1) an die Erreichbarkeit von Eigenmittel und (2) an den Zugang zu Fremdmittel zu denken.

Eigenfinanzierung (1)

Die Selbstfinanzierung seitens eines Unternehmens wird in erster Linie durch die Höhe der unverteilten (thesaurierten, nicht ausgeschütteten) Gewinn der Vorperioden (Put-b) nach Abzug der hierfür zu zahlenden Steuern (Tu) bestimmt sein. Diese Grösse der Investitionsdurchführung (Id) lässt sich darstellen als:

Itd = g (Put-b – Tut-b)   g > 0.

Fremdfinanzierung (2)

Die Fremdfinanzierung einer Investition kann man als abhängig vom Zinssatz (i in Prozent ausgedrückt) für Investitionskredite ansehen, so dass auch gilt:

Itd = d i   d > 0.

Investitionsfunktion (III)

Fügt man die für die Investitionsneigung (In) als subjektive Grösse und die für die Investitionsdurchführung (Id) als objektive Grösse geltenden Determinanten zusammen, so erhält man als Investitionsfunktion:

It = a Pt+ a + b Yt + g (Put-b – Tut-b) + d i.

Diese Investitionsfunktion hat vier Parameter, die sehr schwer festzulegen sind. Schon a und b als Ausdruck für die Ausmasse –für das subjektive Gewicht –der Gewinnerwartung sind kaum bestimmbar. Auch g und d, die angeben, wie stark die aus Vorperioden zur Verfügung stehenden Eigenmittel sowie die Fremdmittel die Investition dieser Periode bestimmen, sind nicht allgemeingültig numerisch auszudrücken – ganz abgesehen von den Problemen einer Periodenabgrenzung. Die Übertragung von Ex-post-Werten der Parameter auf die Zukunft birgt eine Reihe von Schwierigkeiten (vor allem: Autokorrelation) in sich.

Weil sich eine Investitionsfunktion mit allgemeiner Geltung nicht aufstellen lässt, so wird die Investition in den Modellen der Volkswirtschaftslehre als Konstante behandelt; im Gegensatz zur Konsumfunktion [C = f(Y)] und zur Sparfunktion [S = f(Y)].

Investitionspolitik (IV)

Die notwendige Bedingung für Investitionen in einer Volkswirtschaft ist eine bestehende Investitionsbereitschaft. Massnahmen, die auf eine verstärkte Investitionstätigkeit abzielen, müssen daher zunächst auf die Gewinnerwartungen der Unternehmen einwirken und das Investitionsklima günstig beeinflussen.

Steuerpolitische Schritte, die geeignet sind, die Selbstfinanzierungskraft der Unternehmen zu stärken, können CETERIS PARIBUS zu zusätzlichen Investitionen führen.

Wie – ① aus der Investitionsfunktion zu erkennen ist und – ② durch die Erfahrung immer wieder bestätigt wurde, wirken zinspolitische Massnahmen für sich allein n i c h t vermehrend auf die Investitionstätigkeit. Denn die Höhe der Fremdfinanzierung wird in aller Regel am wenigsten durch den Zinssatz (Preis) beschränkt; eine Unternehmung kann bei gegebenem Zinssatz nicht beliebig viel Kredite erhalten. Vielmehr schränken die von einer Unternehmung zu bietenden Sicherheiten die Kredithöhe (Menge) ein.

Durch Basel-III sind die Banken angehalten, die Sicherheitsgrenze gerade bei der Vergabe von Krediten an Unternehmen durch ein genaues Rating zu ermitteln. Damit wird aber für die Zukunft der eigenen Finanzkraft eines Unternehmens noch mehr Gewicht zukommen.

Dies wird die Aktiengesellschaften veranlassen, zugunsten der Selbstfinanzierung die Dividendenzahlungen knapper zu bemessen. Kleinere und mittlere Unternehmen werden versuchen, auf dem Wege der Garantieerklärungen von Kommunen an ihrem Standort günstigere Rating-Ergebnisse zu erreichen.

Aus alledem ist es falsch, von der Zentralbank und ihrer Zinspolitik die Vermehrung der Investitionen in einer Volkswirtschaft zu erwarten.

Die Zinspolitik der Zentralbank hat die primäre Aufgabe, die Masstab-Eigenschaft des Geldes als Recheneinheit und Zwischentauschmittel zu sichern. Investitionspolitik ist Sache anderer Träger der Wirtschaftspolitik.

Eine Investitionsentscheidung aus der Praxis (V)

Sitzung des Investitionsausschusses der Firma X in Y Dienstag, den xx. Mai 20xx, 9:00 Uhr, Kleiner Sitzungssaal der Direktion

Einziger Tagesordnungspunkt: Investierung von 300’000 Euro in neue Maschinen zur Herstellung des Produktes \“Novitas\“

Herr Dr. A., Generalsekretär des Vorstands, eröffnet die Zusammenkunft um 9:05 Uhr.

Meinungsbild:

Leiter Entwicklung: Wie Ihnen ja schon durch unseren Bericht vom 15. Januar bekannt ist, wurde \“Novitas\“ hier im Betrieb ausgearbeitet. Der Prototyp bestand alle Tests im Hause. Zwei in Auftrag gegebene und inzwischen eingetroffene externe Prüfungen bestätigen die hohe Qualität. Die Gutachten der beiden auswärtigen Forschungsanstalten haben wir ihnen in der grauen Mappe auf den Platz gelegt.

Leiter Produktion: Von der produktionstechnischen Seite entstehen keine grösseren Schwierigkeiten. Etwa 70 Prozent der Fabrikation kann mit vorhandenen und nicht voll ausgelasteten bzw. in Reserve stehenden Maschinen gefahren werden. In einer Ypsilon-Erweiterung können wir in Halle 4 durch zusätzliche Installation der beantragten neuen Maschinen \“Novitas\“ in gewohnt bester Qualität herstellen.

Leiter Finanzen: Die beantragten 300’000 Euro sind mit Einwilligung des Finanzvorstands bereits aus dem erwarteten Halbjahresgewinn für das Vorhaben zurückgestellt. Von der Finanzierungsseite her bestehen keine Bedenken.

Leiter Recht und Patente: Wir haben die patentrechtliche Seite von \“Novitas\“ eingehend geprüft; von uns aus gesehen auch Zustimmung. Die versicherungsrechtliche Seite dürfte keine grösseren Probleme aufwerfen. Wir werden nach Fertigstellung der Investition wegen der Vertragserweiterung mit dem Versicherer tätig werden.

Leiter Marktforschung: Die Verkaufsaussichten für \“Novitas\“ sind gut. Das Produkt passt sehr gut in unser Angebot. Mögliche Käufer sind über drei Viertel unserer inländischen Kunden. Allerdings sind die umliegenden europäischen Märkte schwer für \“Novitas\“ zu bearbeiten, weil dort überall \“Invehitus\“ seit Jahren zur vollen Zufriedenheit der Kunden eingeführt ist. Das eingehende Gutachten liegt als Tischvorlage aus.

Leiter Zentraleinkauf: Die uns von der Abteilung Entwicklung zugeleitete Spezifikation haben wir eingehend geprüft. Vom Materialeinkauf einschliesslich Transport und Lagerung steht dem Vorhaben nichts im Wege.

Leiter Verkauf Inland: Mit \“Novitas\“ bringen wir ein Produkt an den Markt, das ein direktes Substitut von \“Invehitus\“ unseres grössten inländischen Konkurrenten \“Ad-versarius\“ ist. Darauf weist ja auch das Gutachten der Abteilung Marktforschung hin. Wir haben nach langen, zähen Verhandlungen mit der Firma \“Adversarius\“ erst vor anderthalb Jahren eine Absprache getroffen, wonach wir uns aller akquisitorischen Massnahmen südlich des Mains enthalten, und \“Adversarius\“ seine Akquisition nördlich des Mains einstellt. Das hat dazu geführt, dass unsere Auslastung um fast 20 Prozent gestiegen ist und der Fixkostendruck von uns genommen wurde.

Es wäre töricht, wenn wir jetzt wegen vielleicht fünf Prozent Umsatzwachstum die Leute von \“Adversarius\“ verärgern und gegen uns aufbringen wollten. Ich darf daran erinnern, dass bei \“Adversarius\“ der Staatsfonds von Arabland inzwischen Mehrheitsaktionär ist. Ohne unserer zweifellos sehr gut geführten die Abteilung Finanzen Mahnungen zukommen zu lassen: aber bitte bedenken sie, gegen die hinter \“Adversarius\“ stehende Finanzmacht kommen wir nicht an. Ich rate daher im Interesse unseres Unternehmens dringend von der Herstellung und Markteinführung des Produktes \“Novitas\“ ab.

Leiter Verkauf Ausland: Nach dem Gutachten der Abteilung Marktforschung könnten wir \“Novitas\“ problemlos allenfalls nach Polen verkaufen; in allen anderen Nachbarstaaten stossen wir auf \“Invehitus\“. Unter diesen Umständen lohnt es sich aus unserer Sicht nicht, \“Novitas\“ ins Programm aufzunehmen. Auch teile ich die Bedenken meines Kollegen aus dem Verkauf Inland.

Wir haben uns bisher mit \“Adversarius\“ im Auslandsgeschäft immer gut abstimmen und in brenzligen Fällen auch verständigen können. \“Adversarius\“ wird das von uns produzierte \“Novitas\“ als Fehdehandschuh betrachten. Ich wüsste keinen einzigen Vorteil, der uns ein Streit mit \“Adversarius\“ bringen könnte. Wenn die Fachleute unseres Ressorts Entwicklung schon nach neuen Produkten suchen, dann doch bitte möglichst solche, die uns nicht in genau vorhersehbare Konflikte mit \“Adversarius\“ bringen und am Ende unseren Gewinn nicht mehren, sondern kurz- und langfristige mindern.

Dr. A., Generalsekretär des Vorstands, bittet um weitere Wortmeldungen. Nachdem solche nicht gestellt werden, schreitet er zur Abstimmung. – Der Investitionsausschuss beschliesst mit 6 zu 2 Stimmen, dem Vorstand zu empfehlen, die Produktion von \“Novitas\“ nicht weiter zu im Auge zu behalten.

Die Sitzung wird um 10:15 Uhr geschlossen. Herr Dr. A. wird das Ergebnisprotokoll bis etwa 15:00 Uhr in das Intranet des Vorstands und der Abteilungsleiter stellen.

Anmerkung

Siehe auch die Dateien – ① \“Investition und Zins\“ sowie – ② \“Investition und Gewinn\“ bei den Lehrmitteln unter der Adresse:

http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/downloads


What greater calamity can fall upon a nation than

the lack of engaged clergymen and clergywomen!



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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