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Vom rechten Verstehen der Bibel

veröffentlicht am

Über Sinn, Bedeutung und Stellenwert der Heiligen Schrift äussert sich gelegentlich einer nachtodlichen Belehrung im V. Bezirk der alten Reichshauptstadt Wien der hochgelehrte, lebenserfahrene und bis anhin unvergessene Herr

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817),

der Weltweisheit(= Philosophie) und Arzneikunde (= Medizin) Doktor,

seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübergang ab 1803 Badischer Hofrat und durch Verleihung ab 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat;

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg/Lahn, dort auch Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät; davor bis 1786 Professor für angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Veterinär-Medizin – an der Universität Heidelberg und vordem seit 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern

Ehedem Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld (heute Teil der Stadt Wuppertal), dortselbst auch seit 1772 praktischer Arzt, Geburtshelfer, Augenarzt und öffentlich bestellter Brunnenarzt; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Königlichen Sozietät der Wissenschaften in Frankfurt/Oder, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch seit 1781 bis zum Verbot der Geheimgesellschaften im kurpfälzisch-bay¬rischen Herrschaftsgebiet durch Erlass vom 22. Juni 1784 aus München der erlauchten Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied

Wortgetreu aufgezeichnet, hernächst gereimt und mit hilfreichen Anmerkungen füglichst ausgeziert sowie aus aufhabender Fürsorge ins Internet gestellt, dabei alle Leser gÖttlicher Verwahrung und beständigen englischen Schutzes wärmstens empfehlend von

Haltaus Unverzagt

zu Salen in der Grafschaft Leisenburg*

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Markus-Gilde, Siegen

Leicht veränderte Online-Fassung aus dem Buch \“Mixta Alfrediana\“, erschienen 1988 zu Ehren von Universitätsprofessor Komtur Dr. Dr. Dr. Alfred Klose, Wien. – Copyright-Inhaber ist die Markus-Gilde , Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland). Die gewerbliche Verwertung und die Vervielfältigung des Textes bedarf der schriftlichen Einwilligung der löblichen Markus-Gilde.

mailto:

Begegnung mit Stilling im V. Wiener Bezirk

Ich hatte jüngst in Margareten1
Den Bacher-Platz2 gerad betreten,
Um auszuruhen kurz allda,
Als plötzlich ich Jung-Stilling3 sah.

\“Herr Hofrat Jung,\“ sprach an ich ihn,
\“Sie halten auf sich heut zu Wien?
Ich nehme an, dass sie hier weilen,
Um einen Stillings-Freund4 zu heilen?\“ —

\“So ist es, lieber Haltaus auch!
Ein Stillings-Freund ist im Gebrauch
Des Auges unliebsam behindert:
Die Sehkraft zeigt sich stark vermindert.
Er ist zum Augenarzt bestellt,
Der dies für einen Tumor hält.

Ich will nun dem Kollegen raten,
Aus dessen Diagnose-Daten.5
Es bat des Kranken Engel6 mich,
Dass diene an mein Wissen ich.\“ —

Dass Stilling noch ophthalmologisch tätig ist, wird bestritten und als schiere Gaukelei eingestuft

\“Herr Hofrat Jung: dass sie noch heilen,
Zur Erden kommen drum bisweilen,
Jüngst einem Pfarrer ich erzählte,
Der darob voller Ingrimm schwelte:
Das sei satanischer Humbug,
Vielleicht auch einfach bloss Betrug!

Die Bibel schlösse klärlich aus,
Dass, wer im Jenseits ist zu Haus,
Zurück auf unsre Erde käme
Und Einfluss auf die Ärzte nähme,
Damit die besser heilen können,
Gar neue Therapie begönnen.\“ —

\“Mein Stillings-Freund: wann wird plausibel
Den Pfarrern endlich denn die Bibel!?
Nur, dass die Bibel dies nicht kennt,
Ist doch kein Gegen-Argument!
Lasst mich zur Bibel etwas sagen,
Was wichtig just in diesen Tagen.7

Wesen der Heiligen Schrift

(1) Wie oft hört selbst man auch noch heute,
Die Bibel schliesse ein und deute
Das Wort, das GOtt zu Menschen richtet,
Zum Glauben diese drum verpflichtet;
Die Bibel halte in Verwahrung
Allein und klar die Offenbarung.

(a) Gerade das ist Bibel nicht!
Tatsächlich ist sie ein Bericht,
Wie Menschen durch die Zeiten glaubten,
Vertraun zu GOtt dem HErrn behaupten.

(b) Was GOtt mit Welt und Menschheit tat,
Wie ER durch JEsus uns sich naht,
Ein menschliches Gedächtnis-Buch,
Erinnern, Protokoll-Versuch,
Annalen, eine Rückschau-Fibel:
So zeigt in allem sich die Bibel!

Der Standpunkt „nur die Bibel“ (SOLA SCRIPTURA) ist offensichtlich erkennbar falsch

(2) Die Wahrheit für den Christenglauben
Darf nie man bloss an Bibel schrauben.8
Denn erst der Glaube, dann die Schrift!
Wenn Glauben einen Menschen trifft,
Wird dieser nämlich erst sensibel:
Jetzt keimt Verständnis für die Bibel.

(a) Es steht im Neuen Testament
Im Mittelpunkt kein Dokument
Von JEsus, der als GOttes Sohn
Ward Fleisch in menschlicher Person.

Es steht vielmehr am Anbeginn,
Wie Menschen wenden ganz sich hin
Zu JEsus, sind von IHm gepackt,
Nachdem mit IHm sie in Kontakt;
Wie neu ihr Leben ward gelenkt,
Sie reich mit Gnade8 sind beschenkt;
Urplötzlich auch ein Ruf erging,
Wozu der Einzlne Kraft empfing.

(b) So bildete Gemeinde sich
In JEsu Namen brüderlich.
Viel später erst schrieb man dann auf,
Der Christen Anfang und Verlauf.

(c) Gar manche Schriften, die man kennt
Recht gut vom Neuen Testament,
Geschrieben oft sind nicht von jenen,
Die wir als Autor heut erwähnen.9

So ist der Zweite Petrusbrief
Verfasst gewiss, definitiv,
Von einem frühen Christen der
Vom Judentum kam sicher her,
Doch war vom Griechentum geprägt,
Wie klar der Text ringsum belegt.
Durch Forschung sicher ist fundiert,
Dass er um 100 wird datiert:
Auf eine Zeit, da Petrus schon
Geheiligt stand an GOttes Thron.

Der Brief an die Hebräer ward,
Verfasst um 100 in der Art:
Im Grunde durchaus juden-christlich,
Im Beiklang jedoch hellenistisch.

Ihr seht beinebens daraus schon,
Dass Bibel folgt der Tradition!
Doch dies zu andrem Thema leitet:
Es sei jetzt hier nicht ausgebreitet.

Assoziationskomplexe sind zu berücksichtigen

(3) Nur soviel hier bemerkt noch sei:
Es gilt ja heut als zweifelfrei,
Dass Bibel deutscher Sprachversion
Weist klar auf Akkulturation.10
Sie weckt Assoziationen,
Die nicht dem Urtext innewohnen.

(a) Legt das ihr ‚Bibeltreuen‘ dar,
Dann sagen die: das sei nicht wahr!
Die Abschottung von Sprach-Kritik
Verstellt in vielem dann den Blick
Auf das, was Texte wollen sagen
Zu uns auch heut: in diesen Tagen.

(b) Es ist, Herr Haltaus, doch ein Jammer,
Dass Bibel, die ja einst die Klammer
Und Grundstein unsrer Kirche war,
Tut heut als Spaltungsgrund sich dar.

‚Entmythologisierer‘ hie,
Der ‚Bibeltreuen‘ Apathie,
Zu prüfen ihre Position
In allerkleinsten Dingen schon,
Vergessen lassen schier das Dritte:
Die ausgewogen-kluge Mitte.11

Die einen schrein hier ‚Aberglaube‘,
Die andren, dass man sie beraube
Des ‚ächten Glaubens‘ dem sie schworen:
Bekenntnis der Reformatoren.

Wie entsteht heutzutage neuer Glaube?

(4) Nun möchte ich zwar nicht bestreiten,
Dass Bibel kann auch Weg bereiten,
Schon weil vom Glauben12 Zeugnis sie:
Bericht, wie Gläubigkeit gedieh.

(a) Doch neuer Glaube wird geweckt,
Indem sich jenen GOtt entdeckt,
Die heutig sind in diese Welt
Als Menschen just hineingestellt.
Der Glaube damit Gnade ist,
Die GOtt aus freier Huld bemisst.13

(b) Dass also Glaube stets Geschenk.
Scheint dann man nicht mehr eingedenk,
Wenn wähnt man, dass durch Bibellesen
Entstünde wie von selbst sein Wesen.

Bibel nicht wörtlich, sondern beim Wort nehmen!

(5) Man möge drum sich anbequemen,
Die Schrift doch wörtlich nie zu nehmen.
Doch ist es wohl am rechten Ort,
Wenn nehmen Bibel wir beim Wort!

(a) Das meint, dass GOttes Gnade wir
Erwarten dürfen jetzt und hier;
Dass GOtt gab nicht allein Geleit
Den Menschen in vergangner Zeit;
Dass JEsus keinen heut vergisst,
Der IHm verknüpft in Treue ist;

Dass Wunder wie zu jenen Tagen
Auch jetzt wird nimmer GOtt versagen.
Lest hierzu, Haltaus, was erklärt
Mein Bruder Sturm fromm und gelehrt.14

(b) Es andrerseits doch töricht wäre,
Wenn jede einzlne Bibel-Märe
Als Wort des HErrn man wollte sehen:
Das hiesse Bibel missverstehen!

Solch falscher Bibelglaube führt
Nach rückwärts flugs und Abgunst schürt
Dann gegen die moderne Welt,
In die doch jeder ist gestellt,
Um helfend, fördernd mitzuwirken –
Nicht schmollend sich einzubezirken;

Denn nicht der Glaube ist allein
Der Massstab für das Seligsein.
Es ist vielmehr auch noch das Tun:
Die Weltgestaltung hier und nun!

(c) Bei allem aber muss stetsfort
Begleiten Liebe auch das Wort!
Es machen sich sonst eilends breit
Verblendung und Unduldsamkeit:
Zwei Übel, die schon stets bedräuen
Insonders grad die Bibeltreuen.

Bibel muss Weckruf für die Jetztzeit sein

(6) Ein Missverständnis sei geklärt!
Ich halte es für wissenswert,
Was uns die Heilge Schrift berichtet;
Ein Narr ist, wer darauf verzichtet.

(a) Doch darf das Wissen niemals sein
Ein Zweck bloss ganz für sich allein!
Man muss aus altem Heils-Geschehen
Den Weckruf für die Jetztzeit sehen;
Nicht stehenbleiben bei Geschichte,
Das Handeln heut macht leicht zunichte.

(b) Hier sehe ich auf falschem Gleis
So manchen frommen Bibelkreis.
Es häuft sich solche Sicht dermalen
Im Trupp der ‚Evangelikalen‘,
Die gar beseelt noch von dem Tick,
Dass teuflisch jede Schrift-Kritik.
Hier wird der Glaube falsch gesehen:
Man kann sein Wesen nicht verstehen.

(c) Die Schrift kann Glauben nicht entzünden,
Vermag ihn kaum auch zu ergründen:
Gewissheit sie im Glauben schenkt
Für den, mit Glauben schon getränkt.
Sie ist kein Lehrbuch der Dogmatik,
Enthält auch keine Systematik.
Geschichte ist sie: was geschehen
An Menschen, die zum HErren stehen.
Sie ist der Güte Widerhall,
Die GOtt tat seit dem Sündenfall
An SEiner Schöpfung, SEinen Treuen,
Damit sich Heutge dran erfreuen.

Was die Bibel ist und was sie nicht sein kann

(7) Zusammenfassend lasst mich sagen:
Die Schrift lehrt, was sich zugetragen
An Heil den Menschen alter Zeit,
Von heutger Lebensform sehr weit.

(a) Zu fordern darf man nicht erlauben:
‚Es steht geschrieben – du musst glauben.‘
Vielmehr muss solche GOtt-Erfahrung
Den Heutgen bieten Geistes-Nahrung,
Aus der erschliesst sich Wirklichkeit
Für Dinge der modernen Zeit.

(b) Auch umgekehrt kann die Erfahrung
Mit Leben, Welt und Offenbarung,
Die machte jeder einzlne Christ,
Erschliessen helfen, was ermisst
Die Bibel, die aus ihrer Sicht
Von GOtt, der Welt und Menschen spricht.

Der Glaube so sich dann vergleicht
Mit dem, was frühre Zeit erreicht.
Er wird drum Schwärmerei verlieren,
Am Vorbild sich der Schrift normieren.

(c) Es darf der Eindruck nicht entstehen,
Dass GOtt wirkt nur in dem Geschehen,
Das einstens war zu alter Zeit,
Wovon die Schrift uns gibt Bescheid.

Wie damals, wirkt der HErr auch heute:
Beruft in SEine Kirche Leute,
Versieht mit Huld und Gnade diese,
Wirkt Wunder wie im Paradiese.
Die Bibel zeigt nun jedem an,
Wie GOttes Tun man deuten kann.\“

Jung-Stilling entschwindet

Aus Stillings Gestik ich entnahm,
Dass er noch nicht zu Ende kam.
Doch hörte er zu sprechen auf,
Als traten Schüler nun zuhauf
Mit viel Gelärm durch lauten Schwatz
Aus einer Schule auf den Platz.15

\“Ein andermal will mehr ich sagen,
Geh ein dann auch auf eure Fragen.
Ich muss nun zu dem Kranken gehen;
Wir werden bald und wieder sehen.\“

Als Stilling just gesprochen dies,
Den Platz er plötzlich rasch verliess.
Den Schülern blieb er unsichtbar;
Denn Stilling schritt durch eine Schar
Von Mädchen, die im Halbkreis standen,
Durch Knaben drauf, die dorthin rannten.

Ich nahm gleich Schreibstift und Papier;
Notierte dann in Kurzschrift mir,
Was Stilling eben zu mir sprach;
Ich reimte es dann bald danach.

Meckerer mögen sich dem Schlimmen auf der Welt zuwenden, und nicht Stillings Lehre verteufeln

Dass Stillings Botschaft auch bekannt
Bei allen werde draus im Land:
Dass jeder leicht sie finden kann,
Gab ich ins World Wide Net sie dann.

Doch ach! Wie ist die Welt verrückt!
Man sagt nicht Dank, ist nicht beglückt,
Dass Stillings Botschaft wird verbreitet:
Dem Wahren so der Weg bereitet.

Oh nein! Sie schreien: \“Spiritismus,
Gespenster-Wahnsinn, Okkultismus,
Verdummung, Scharlatanerie,
Ergüsse kranker Phantasie,
Geflunker, Machwerk, Schwindel, Lug,
Geschwätz, Geflunker, Bluff und Trug;

Chimäre, Aberwitz: ein Schmarren,
Ersonnen wohl von einem Narren;
Geschäker, Blödsinn, Umfug Possen,
Aus einem wirren Hirn entflossen;

Verzauberung, Nekromantie,
Beschwörung Toter: Blasphemie,
Geheimnisvolle Kabbalistik,
Gefälschte, gleisnerische Mystik;

Verworren-närrisches Gedudel,
Gebräu von höllischem Gesudel,
Verruchte Wortverdreherei,
Dämonenhafte Reimerei:
Ein Zeugnis von Besessenheit,
Verhexung und Verlogenheit;
Abscheuliche Provokation:
Des Satans Manifestation!

Der Haltaus steht im Dienst von Baal:16
Was der hier schreibt, ist ein Skandal!
Behördlich sollte man entschieden
Die Lügen-Botschaft streng verbieten!

In Gottesdienst und Bibelstunde
Wie auch in der Versammlung17 Runde
Es Pflicht für Seelenpfleger18 sei
Zu warnen vor der Teufelei.

Den Stundenhaltern19 sei Gebot,
Dass zeigen auf sie, wie bedroht
Der reine Christenglaube ist
Durch diesen dreisten Widerchrist.\“

Ihr Nörgler! Zieht auch an der Nase,
Entbindet euch von Zorn-Gerase:
Dämmt ein das bissige Geknurre,
Erstickt das garstige Gemurre
Und denkt einmal darüber nach,
Ob das, was Stilling eben sprach,
Für euch nicht irgendwie von Nutzen?
Warum verbissen es beschmutzen?
Glaubt ihr, dass ihr nur alles wisst,
Und Haltaus klar sei Spiritist?

Zwar mögt ihr ja auf Haltaus fluchen,
Als Lügner ihn zu schmähen suchen;
Doch tretet mit dem Schmäh nicht nah
Jung-Stilling und Geist Siona:
Drum bittet Haltaus euch aus Salen,
Umlichtet oft von Himmels-Strahlen.

Hinweise, Anmerkungen und Erläuterungen

* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige deutsche Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); –  durch Erbfolge ab 1743 Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen); –  im Zuge der territorialen Neuordnung Deutschlands durch den Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); –  nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 an bis heute Bestandteil im Kreis Siegen-Wittgenstein des Regierungsbezirks Arnsberg im Bundesland Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf). – Über 70 Prozent der Kreisfläche sind Wälder; Siegen-Wittgenstein steht damit an der Spitze der Bewaldungsdichte in Deutschland.

Salen = bei Jung-Stilling die ehemalige fürstliche Residenzstadt Siegen, heute Universitätsstadt mit etwa 110’000 Bewohnern, am Oberlauf der Sieg (dort 240 Meter über dem Meeresspiegel) gelegen. Die Sieg ist ein 155,2 Kilometer langer, rechter Nebenfluss des Rheins. – Die nächst grösseren Städte von Siegen sind, in der Luftlinie gemessen, im Norden Hagen (83 Kilometer), im Südosten Frankfurt am Main (125 Kilometer), im Südwesten Koblenz (105 Kilometer) und im Westen Köln (93 Kilometer).

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register).

Im wirtschaftsgeschichtlich bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 3) geboren, herangewachsen und hat auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Margareten = V. Bezirk der Stadt Wien, südlich sich der Innenstadt anschliessend. – Siehe mehr über diesen am dichtesten besiedelten Stadtteil den Bildband von Dagmar Spitznagel: Wien-Margareten. Erfurt (Sutton) 2002 (dort S. 6 auch Literatur-Verzeichnis) sowie Christine Klusacek und Kurt Stimmer: Margareten. Zwischen gestern und morgen. Wien (Mohl) 2002 (mit Abbildungen; Literaturverzeichnis auf S. 258 f.).

2 Bacher-Platz = kleine Grünanlage im V. Bezirk, wenig abseits des südlichen Endes der Margaretenstrasse.

3 Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit (Philosophie) und Arzneigelehrtheit (manchmal findet sich auch geschrieben: Arzneikunde = Medizin) Doktor. – Siehe über ihn ausführlich Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen, hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992 sowie kurz zusammenfassend Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988. Mehr die innere Entwicklung von Jung-Stilling schildert Otto W. Hahn: \“Selig sind, die das Heimweh haben\“. Johann Heinrich Jung-Stilling: Patriarch der Erweckung. Giessen, Basel (Brunnen) 1999 (Geistliche Klassiker, Bd. 4).

Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften in kurpfälzischen Diensten durch Erlass seines Landesherrn, des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern (1724/1742-1799) vom 31. März 1785, die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“. Er hatte auch seine an der Universität Strassburg eingereichte Doktorarbeit dem Kurfürsten gewidmet und diesem bei Hofe zu Mannheim im Frühjahr 1772 persönlich überreicht.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger manche Bevorzugungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt besonders zum Vorteil gereichte) an Posten, Schildwachen, Stadttoren, Übergängen, Fähren, Brücken sowie an den zu jener Zeit auch innerlands zahlreichen Schlagbäumen mit ihren Post-, Maut- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II. bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [französisch: Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt.

In Artikel 6 des Vertrags heisst es genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi, tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg (= die Fahrrinne für die Schiffahrt) du Rhin soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin zu Regensburg (seit 1663 der Tagungsort des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch besondere günstige Umstände (verwandtschaftliche Beziehungen zu Frankreich traten hinzu: sein Enkel und Thronfolger Karl [1786/1811–1818] heiratete am 6./7. April 1806 zu Paris Stéphanie de Beauharnais [1789–1860], die 17jährige Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte) vergrösserte Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um mehr das Vierfache; die Bevölkerung stieg von ungefähr 175’000 auf fast 1 Million Bewohner. Die pfälzische Kurwürde (das Recht, den deutschen Kaiser zu wählen) ging auf ihn über; Karl Friedrich wurde damit 1803 vom Markgrafen zum Kurfürsten erhoben. – Wenig später rückte er durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf.

Mit dem Besitzwechsel der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen [seit 1720] Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommerresidenz Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputations-Hauptschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuß des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ Hofrat DE JURE PUBLICO nunmehr automatisch zum \“badischen\“ Hofrat.

Im April des Jahres 1808 wird Jung-Stilling dann als Berater des Grossherzogs Karl Friedrich in Karlsruhe (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst hervorhebt) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404.

Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. – Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergeßlichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27. – Zum Verhältnis von Jung-Stilling zu seinem Gönner Karl Friedrich siehe sehr ausführlich Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1):

Karl Friedrich (1728/1746-1811) galt in Karlsruhe gleichsam als Übermensch. Nachdem gelegentlich eines Trauergottesdienstes der gelehrte katholische Stadtpfarrer Dr. Thaddäus Anton Dereser (1757-1827) nicht in den übertriebenen Lobgesang für den Verstorbenen einstimmen wollte, sondern die teilweise rohe und schamlose Ausplünderung der katholischen Einrichtungen unter seiner Herrschaft am Rande einer Predigt ansprach, musste er Karlsruhe unverzüglich verlassen.

Siehe zur Person von Dereser die Broschüre von Joseph Gass: Der Exeget Dereser. Eine geschichtliche Studie. Strassburg (Le Roux) 1915 (mit einem Portrait von Dereser), Franz Xaver Münch: Der äußere Lebensgang des Aufklärungstheologen Thaddäus Anton Dereser. Bonn (Dissertation der Katholisch-Theologischen Fakultät) 1929 (auszugsweise im Druck) sowie Karl-Friedrich Kemper: Artikel \“Dereser, Thaddaeus a Sancto Adama\“, in: Biographisch-Bibliographi¬sches Kirchenlexikon Bd. 32 (2003), Spalte 222-229.

Siehe zu den unterdrückenden obrigkeitlichen Massnahmen gegen die katholische Kirche unter der Regierungsgewalt der badischen Grossherzöge auch (Franz Joseph Mone [1796-1871]): Die katholischen Zustände in Baden, 2 Bde. Mit urkundlichen Beilagen. Regensburg (Manz) 1841/1843 sowie Carl Bader: Die katholische Kirche im Großherzogthum Baden. Freiburg (Herder) 1860. – Sehr einseitig und unsachlich zur Predigt von Dereser auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 485.

Als Beispiel der bei Hofe genehmen Trauerreden katholischer Geistlicher sei erwähnt –  Bernhard Boll: Trauerrede bey der kirchlichen Todten-Feyer seiner königlichen Hoheit Karl Friedrichs, Großherzogs zu Baden, Herzogs zu Zähringen, gehalten in der Haupt- und Münsterpfarrkirche zu Freyburg den 1. July 1811. Freiburg (Wagner) 1811 (der Zisterzienser und Münsterpfarrer zu Freiburg Bernhard Boll (1756-1836) wurde 1827 erster Erzbischof von Freiburg); –  [Gerhard Anton Holdermann]: Beschreibung der am 30ten Juny und 1ten July 1811 zu Ratsatt Statt gehabten Trauer-Feyerlichkeit nach dem Hintritte unsers (so!) höchstseligen Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Rastatt (Sprinzing) 1811.

Siehe auch die an Lobpreisungen überladene Rede von –  Johann Kaspar Adam Ruef (1748-1825): JUSTA FUNEBRIA SERENISSIMO DUM VIVERET AC CELSISSIMO PRINCIPI DIVO CAROLO FRIDERICO MAGNO DUCI BADARUM … DIE 22 JULII 1811 IN TEMPLO ACADEMICO PIISSIMA ET GRATISSIMA MENTE PERSOLVENDA INDICIT JOANNES CASPARUS RUEF. Freiburg (ohne Verlagsangabe) 1811.

Vgl. auch –  Gedächtnißreden bey dem Tode Sr. K. Hoheit des Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Gehalten von den Pfarrern der drey christlichen Confessionen zu Mannheim. Mannheim (Schwan) 1811, in der sich der reformierte, lutherische und katholische Geistliche an Lob auf den verstorbenen Karl Friedrich überbieten.

Geradezu bescheiden wirken demgegenüber andere Predigten, wie etwa –  [Christian Emanuel Hauber]: Kurze Abschilderung Sr. Königlichen Hoheit Carl Friedrichs Grosherzogs (so!) von Baden. Karlsruhe (Macklot) 1811; –  Theodor Friedrich Volz: Gedächtnißpredigt auf den Höchstseeligen Großherzog von Baden Karl Friedrich, gehalten den 30. Junius 1811 in der Stadtkirche zu Karlsruhe. Karlsruhe (Müller) 1811 (Volz [1759-1813]), in Jena 1778 bereits promoviert, bemüht sich erkennbar um die im Rahmen des Anlasses mögliche Sachlichkeit).

Überspannt auch – Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. bei der Säcularfeier der Geburt des unvergleichlichen Fürsten den 22. November 1828 gesprochen in Mannheim. Mannheim (Schwan & Götz) 1829 (Brochure); Junker hatte sich als Interpret des Philosophen Epiktet sowie als Schriftausleger einen Namen gemacht.

Geradezu als Heiligen stellt den badischen Herrscher dar –  Karl Wilhelm Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn: Gemälde über Karl Friedrich den Markgrafen, Kurfürsten und Großherzog von Baden. Ein Beitrag zur Säkular-Feier der Geburt des unvergeßlichen Fürsten Mannheim (Schwan und Götz) 1828. Drais (1761–1851) ist der Erfinder des Fahrrads (Laufrads, \“Draisine\“); sein Vater war badischer Oberhofrichter und Karl Friedrich sein Taufpate.

Schönfärberisch sind auch die meisten der zahlreichen Zentariums-Reden, wie etwa die von – Karl Joseph Beck: Rede bei der akademischen Feier des hundertsten Geburtsfestes des Hochseligen Großherzogs Karl Friedrich zu Baden … Gehalten von dem derzeitigen Prorector der Albert-Ludwigs-Hochschule. Freiburg im Breisgau (Wagner) 1828 (Karl Joseph Beck [1794-1838] war Mediziner und Stifter des \“Corps Rhenania\“ in Freiburg) oder – Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. Mannheim (Schwan & Götz) 1829.

Unkritisch gegenüber den augenfälligen Schattenseiten der Regierung von Karl Friedrich neuerdings ebenso Annette Borchardt-Wenzel: Karl Friedrich von Baden. Mensch und Legende. Gernsbach (Katz) 2006. – Auch Gerald Maria Landgraf (Moderate und prudenter. Studien zur aufgeklärten Reformpolitik Karl Friedrichs von Baden [1728-1811] Dissertation an der Universität Regensburg 2008; im Internet abrufbar) hat für die Ausplünderung der Klöster unter Karl Friedrich und das damit einhergehende Leid vieler Menschen keinen einzigen Satz übrig.

4 Stillings-Freund meint zunächst –  Gönner und Förderer von Jung-Stilling und später dann –  Verehrer oder –  zumindest dem Autor gegenüber wohlwollender Leser der Schriften von Jung-Stilling. Der Begriff wurde in diesen beiden Bedeutungen von ihm selbst eingeführt. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 3), S. 213, S. 441, S. 513, S. 536, S. 566.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch  \“Stillings-Feinde\“, siehe ebendort S. 316 sowie die Jung-Stilling von Grund auf verkennende, mit einer grossen Menge sachlicher Irrtümer und falscher Werturteile durchsetze, gleichwohl aber meinungsbildende Studie von Hans R. G. Günther: Jung-Stilling. Ein Beitrag zur Psychologie des Pietismus, 2. Aufl. München (Federmann) 1948 (Ernst Reinhardt Bücherreihe).

Siehe Rainer Vinke: Jung-Stilling und die Aufklärung. Die polemischen Schriften Johann Heinrich Jung-Stillings gegen Friedrich Nicolai (1775/76). Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 1987, S. 40 f., S. 51 f., S. 71 f. (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Bd. 129). Zurecht bezeichnet Vinke das Buch von Günther als eine \“unglaubliche Mischung von einfachen Fehlern, bösartigen Verzeichnungen der Fakten, krassen Fehlurteilen, absolutem Unverständnis für die pietistische Fragestellung und einigen wenigen genialen Einsichten\“ (S. 40; in Anm. 82 auch über die verhängnisvolle Wirkungsgeschichte des Buches von Günther).

5 Jung-Stilling war einer der berühmtesten Augenärzte seiner Zeit. Er befreite ungefähr 3 000 Menschen durch Operation aus der Blindheit; etwa 25 000 Menschen dürfte er ophthalmologischen Rat angedient haben. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Geschichte meiner Staar Curen und Heylung anderer Augenkrankheiten, herausgegeben sowie mit einer Einführung und Anmerkungen versehen von Gerhard Berneaud-Kötz. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1992.

Siehe hierzu auch Gerhard Berneaud-Kötz: Jung-Stilling als Arztpersönlichkeit, in: Michael Frost (Hrsg.): Blicke auf Jung-Stilling. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1991, S. 19 ff., Gerhard Berneaud-Kötz: Kausaltheorien zur Starentstehung vor 250 Jahren. Eine Auswertung der Krankengeschichten und Operationsprotokolle von Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, Klaus Pfeifer (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Medizin. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996, S. 9 ff. sowie Gerd Propach: Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817) als Arzt. Köln (Institut der Geschichte der Medizin) 1983 (Kölner medizinhistorische Beiträge, Bd. 27).

6 \“Jeder Mensch hat einen oder mehrere Schuzgeister (so!) um sich, diese sind gute Engel\“, lehrt Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, also mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808, S. 375 in Übereinstimmung mit der Lehrtradition der christlichen Kirche. – In der katholischen Kirche wird bis heute das Schutzengelfest (am 2. Oktober jeden Jahres) gefeiert.

Die (auch ins Englische, Niederländische, Französische und Schwedische übersetzte) \“Theorie der Geister=Kunde\“ von Jung-Stilling erfuhr bis heute zahlreiche Nachdrucke und Neubearbeitungen. – Siehe hierzu Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie. Siegen (J. G. Herder Bibliothek) 1993, S. 104 (Register, Stichwort \“Theorie\“).

Seit ihrem Erscheinen wurde die \“Geister=Kunde\“ auch befehdet; und zwar grösstenteils deshalb, weil man das Anliegen von Jung-Stilling missverstand. Siehe mehr dazu bei Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades. Wahre und falsche Ansichten, herausgegeben und eingeleitet von Gerhard Merk. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 1). Dort auch Titelblatt-Kopien der wichtigsten zeitgenössischen Schmähschriften gegen Jung-Stilling in Zusammenhang mit der \“Theorie der Geister=Kunde.\“

7 Jung-Stilling befürwortete es durchaus nicht, Unbekehrten die Bibel in die Hand zu geben im Vertrauen darauf, dass diese – gleichsam von selbst, aus sich selbst heraus und gewissermassen in magisch-zauberischer Weise – Glaube eröffne und gründe.

Dies unterstellten zumindest teilweise die zur Zeit von Jung-Stilling aufgekommenen Bibelgesellschaften. Die älteste aller Bibelgesellschaften wurde freilich bereits vor Jung-Stilling 1710 in Halle/Saale gegründet; die englische Bibelgesellschaft (heute: Naval and Military Bible Society) 1780, und die British and Foreign Bible Society geht auf das Jahr 1804 zurück. – Auch heute noch wähnen manche der sog. \“Bibelchristen\“, allein das Leser der (unkommentierten) Heiligen Schrift entzünde den Glaube.

Mehr zur Haltung von Jung-Stilling gegenüber der Bibel gesamthaft und zu einzelnen Teilen eingehend sowie mit vielen Belegen bei Otto W. Hahn: Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung. Sein Leben und sein literarisches Werk 1778 bis 1787. Frankfurt, Bern, New York, Paris (Peter Lang) 1988, S. 432 ff. (Europäische Hochschulschriften, Reihe XXIII: Theologie, Bd. 344). Ausführlich belegend auch bei Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S.248 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32).

8 \“Es ist für Jung-Stillings Position bezeichnend, daß an den entscheidenden theologischen Stellen (Offenbarungsverständnis, Gottesbild, Menschenbild, Erlösungslehre), wo bei Luther und den anderen Reformatoren die für ihre Theologie charakteristische PARTICULA EXCLUSIVA ‚allein‘ steht, bei Jung-Stilling die PARTICULA COPULATIVA ‚und‘ oder eine entsprechende Apposition steht: ‚Bibel und Vernunft‘, ‚Natur und Bibel‘, ‚fromm und vernünftig‘, ähnlich: ‚der rechtschaffene Mann, der Christ‘, ‚der Menschenfreund und Christ‘, ‚der Christ, der Weise‘, bemerkt Otto W. Hahn: Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung (Anm. 7), S. 744.

\“Die Erkenntnis Gottes aus der Natur blieb die Grundlage von Stillings Christentum\“, schreibt wohl zurecht Wilhelm Lütgert: Die Religion des deutschen Idealismus und ihre Ende, Bd. 2: Die religiöse Krisis des deutschen Idealismus. Gütersloh (Bertelsmann) 1930, Reprint Hildesheim (Olms) 1967, S. 52. Diese wurde früh von seinem Grossvater Jung grundgelegt; siehe mehr dazu Julius Paulus, Wilhelm Wittekindt, Robert Herwig: Ebert Jung. Der Kohlenbrenner und Kirchenälteste im Grund. Jung-Stillings Großvater. Siegen (Schneider) 1955, S. 55 ff.

Siehe auch Anne Marie Stenner-Pagenstecher: Das Wunderbare bei Jung-Stilling. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der Romantik. Hildesheim, Zürich, New York (Olms) 1985, S. 4 ff. (Germanistische Texte und Studien, Bd. 24).

9 Es besteht heute kein Zweifel mehr daran, dass viele Schriften der Bibel nicht von denjenigen verfasst wurden, die als Autoren angegeben sind.

Grundsätzlich nämlich wurde die Verfasserschaft in der Antike anders gesehen und bewertet, als wir es heutzutage als selbstverständlich tun.

In biblischen Zeiten war es die Regel, dass sich Autoren in ihren Werken nicht zu erkennen geben. Der Einzelne sah sich nämlich als Teil eines grösseren Ganzen, als \“zoon politikon\“. Das Individuum, die Privatperson, war gewissermassen noch nicht hervorgetreten. Die Persönlichkeit des Schreibenden trat so hinter das Werk zurück.

Man signierte seine Werke auch nicht. Eher verbarg man sich hinter dem Namen eines anderen, eines Bekannteren. Ausnahmsweise bloss treten einzelne Schriftsteller so klar hinter ihren Texten hervor, dass man mit Bestimmtheit sagen kann: diese oder jene Passage der Heiligen Schrift stammt eindeutig von dieser oder jener Person.

Ganz sicher haben viele Texte des Alten Testaments eine überaus lange mündliche Weitergabe im Volk Israel oder in seinen Nachbarvölkern hinter sich. Erst dann – oft nach Jahrhunderten – wurden die Überlieferung gezielt gesammelt und aufgeschrieben. \“Verfasser unbekannt\“, \“mündlich überliefert\“ oder \“Volksweise\“ müsste daher die einschlägige Herkunftsangabe nach unseren heutigen Zitierregeln lauten.

Auch die Sammler sind weitgehend unbekannt. Man stellt sie sich vor wie heutige Herausgeber, die reichlich nachgelassenes Schriftgut sichten, sinnvoll anordnen und in eigenen Zwischentexten erläutern. Man spricht in Bezug auf die Bibel auch von \“Redaktoren\“. Ein Redaktor bezeichnet in den historischen Textwissenschaften eine namentlich häufig nicht bekannte und dann nur aus dem Textbefund erschlossene Person, die dem untersuchten Text seine derzeitige (Endredaktor) oder eine vorläufige (Zwischenredaktor) Fassung zukommen liess.

Die Redaktoren halten sich ebenfalls bescheiden im Hintergrund. Nur manche sind bis heute an einem kennzeichnenden Sprachstil oder einer jeweils besonderen Theologie zu erkennen. Manche Sammlungen sind vermutlich nicht von einzelnen Personen, sondern von bestimmten theologischen Schulen bearbeitet worden. Für den Forscher ist es wichtig zu erfahren, welche Stoffauswahl die einzelnen Schulen treffen und wie diese die überlieferten Texte miteinander verbinden.

Am Beispiel der fünf Bücher Mose sei dies erläutert. Umherziehendes Leben (Nomadentum) und schreibende Kultur passen hier kaum zusammen. Aber Mose als beherrschende Persönlichkeit eines ganzen Zeitalters gibt seinen Namen für die gesammelten Überlieferungen dieser Epoche. So erkennt man in den fünf Büchern Mose verschiedene unbekannte, namenlose Sammler, Redaktoren und Schulen. Die Forschung unterscheidet beispielsweise den \“Jahwisten\“, den \“Elohisten\“, die \“Priesterschrift\“ und den \“Deuteronomisten\“, die sich (unter anderem) darin voneinander abgrenzen lassen, mit welcher Bezeichnung sie Gott in ihren Texten benennen.

Mehr persönliche Eigenart, einen höheren Grad an Individualität, zeigen beispielsweise die grossen Propheten Jesaja und Jeremia. Unter dem Namen \“Jesaja\“ dürften mindestens drei grosse Persönlichkeiten geschrieben haben, die man üblicherweise als \“Protojesaja\“, \“Deuterojesaja\“ und \“Tritojesaja\“ benennt. Der Prophet Jeremia scheint einen eigenen Schreiber namens Baruch angestellt zu haben, der mit Sorgfalt aufzeichnet, was ihm sein Meister als Gottesrede zu Niederschrift gibt.

Im Neuen Testament sind die Evangelien in dem auf uns gekommenen griechischen Urtext überschrieben \“kata matthaion\“, \“kata markov\“, \“kata loukav\“, \“kata joanneiv\“, also \“gemäss Matthäus\“, \“gemäss Markus\“ und so weiter. Das trifft sich gut mit der heutigen Erkenntnis, dass Evangelien nicht von den genannten Personen verfasst, sondern vielmehr \“in der Überlieferung des Matthäus\“, \“in der Überlieferung des Markus\“ und so weiter entstanden sind.

Das Evangelium des Johannes, die drei Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes (Apokalypse) weisen zwar sprachliche Ähnlichkeiten auf. Sie sind einander dennoch nicht verwandt genug, um sie deutlich ein und demselben Verfasser zuzuordnen. Was die Apostelgeschichte des Lukas betrifft, so gibt es durchaus stilistische Ähnlichkeiten zum Evangelium des Lukas. Der Verfasser bzw. der Redaktor beider Schriften dürfte wohl derselbe \“in der Überlieferung des Lukas\“ sein.

Hingegen ist hinter den Paulusbriefen sehr wohl eine eigene, ganz bestimmte Persönlichkeit zu erkennen. Es besteht heute auch unter kritischen Forschern kein Zweifel daran, dass der Römerbrief, die beiden Korintherbriefe, der Galaterbrief, der Philipperbrief, der 1. Thessalonicherbrief sowie auch der Philemonbrief aus der Feder der historischen Person Paulus aus Tarsus und aus der Zeit der Urgemeinde stammen.

Umstritten ist die Herkunft der Briefe (des Paulus) an die Epheser, an die Kolosser und sein zweiter Brief an die Thessalonicher. Sie sind bei näherem Hinsehen geprägt von einer anderen Theologie als jener des Paulus. Ähnlich verhält es sich mit den Briefen (des Paulus) an Timotheus und Titus. Sie sprechen deutlich hinein in die Lebenslage einer Generation nach Paulus und verweisen auf eine Zeit, in der sich die junge Kirche einen Platz in der Gesellschaft suchen muss.

Die beiden Petrusbriefe sind mit Sicherheit nicht vom gleichnamigen Jünger Petrus verfasst. Der erste Petrusbrief ist in Koine-Griechisch geschrieben; und zwar nicht nur mündliche, sondern literarische Koine, was Griechisch als Muttersprache des Autors annehmen lässt. Wenn man die altkirchliche Überlieferung folgt, dass der Evangelist Markus der Dolmetscher des Petrus war, dann wird Petrus selbst nicht allzu gut Griechisch gesprochen und schon garnicht geschrieben haben.

Der zweite Petrusbrief hebt sich durch auffallende stilistische Unterschiede vom ersten Petrusbrief ab; er dürfte erst um 150 n. Chr. geschrieben sein. Alle, die Jesus noch persönlich gekannt hatten, bezeichnet der Verfasser als inzwischen tot (3,4), und die erwartete Wiederkunft ist ausgeblieben. Deutlich genug wird in beiden Petrus-Briefen inhaltlich auf die seit den irdischen Tagen Jesu merklich veränderte Verhältnisse. eingegangen.

Ähnliches gilt vom Brief des Jakobus und des Judas sowie vom Brief (des Paulus) an die Hebräer. Bei Letzteren ist als Verfasser ein griechisch gebildeter Judenchrist anzunehmen, der in der Lehrtradition des Paulus steht. Dieser Schluss ergibt sich angesichts des ausgezeichneten griechischen Stils, des erstaunlich breiten Wortschatzes (etwa 1’000 verschiedene Wörter bei um die 3’000 Wörter Umfang des Briefes gesamthaft) sowie der gründlichen Kenntnis des Alten Testaments in der Form der Septuaginta. Der Brief dürfte zwischen 60 und 70 n. Chr. entstanden sein.

Leicht erkennbar ist, dass geschichtlich gesicherte Verfasser oder Schriftsteller und theologische Schulen, die unter Pseudonym schreiben, ihr menschliches (manchmal allzu menschliches) Wort sowie ihre zeitgebundenen Vorstellungen einbringen (\“transportieren\“, wie man hier zu sagen beliebt). Im Kern jedoch verkündigen sie allemal das göttliche Wort, das freilich immer neu inmitten des menschlichen entdeckt werden muss.

10 Akkulturation (= Kultur-Anpassung) meint hier den Vorgang, bei dem die christliche Botschaft sich in einer ganzen besonderen Weise in die (nicht zuletzt auch durch die jeweilige Sprache geprägten) Vorstellungen einer gesellschaftlichen Gruppe (eines Volkes) einbettet.

Andererseits enthalten dementsprechend die in altem Bibelhebräisch auf uns gekommenen Schriften des Alten Testaments in vielem eigentümlich hebräische Denkweisen; das Alte Testament ist fast das einzige Denkmal des Althebräischen. Denn diese Sprache wurde als Umgangssprache nach der Babylonischen Gefangenschaft (nach 538 v. Chr.) vom Aramäischen verdrängt. Zur Zeit Christi war das Bibelhebräisch nur noch Sprache des Gottesdienstes und des gehobenen Schrifttums.

Die Schriften des Neuen Testaments sind wesentlich vom Hellenismus und der griechischen nachklassischen Sprache geprägt. Freilich finden sich darin auch aramäische Redewendungen, etwa Abba, Pascha oder Hosianna. Diese belegen, dass Aramäisch auch die Sprache Jesu war.

Manchmal wird in Bezug auf die (meisten) Schriften des Neuen Testaments auch von \“Bibelgriechisch\“ gesprochen. Man meint damit die Prägung, welche das griechische Sprachgefüge und die Begrifflichkeit durch die Übernahme hebräischer Erzählweisen und Assoziationskomplexe (associotional clusters: die gedanklich Verbindung von Begriffen mit dem damit bewirkten Auftreten neuer Vorstellungsinhalte) erfuhr.

Wenn man zum Beispiel heute im Deutschen \“Konzentrationslager\“ sagt, dann verbindet sich mit diesem Wort die Leidensgeschichte von Millionen Menschen: ein Assoziationskomplex ist mit dem Wort \“Konzentrationslager\“ verbunden. – Siehe hierzu vertiefend Jürgen Reischer: Die Sprache. Ein Phänomen und seine Erforschung. Berlin (de Gruyter) 2002, S. 283 ff. (Warnung: das Buch ist ziemlich schwer lesbar, weil mit [unnötigen] Graecismen und Latinismen über=frachtet; siehe zu dieser Unart das Blatt \“Importante Adhortation\“ von Professor Merk, kostenlos downloadbar bei der Adresse http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/downloads/verschiedenes/importante_adhortation.pdf

Vorhandene griechische Wörter bekamen als Wiedergabe hebräischer Ausdrücke oft einen veränderten Gehalt (etwa DÓXA = Herrlichkeit, DIATHÉKE = Bund oder DIKAIOSÝNE = Gerechtigkeit). Dazu verdrängen, grammatikalisch betrachtet, vielfach Hauptsatzreihungen die im klassischen Griechisch bevorzugten Nebensatzgliederungen. Auch logische Doppelungen (etwa: APOKRITHEIS EIPEN = er antwortete und sprach) weisen deutlich auf hebräische Sprachwendungen hin.

Dies alles (und weitere Tatsachen dazu) begründet einen sorgsamen und überlegten Umgang mit den biblischen Aussagen in der deutschen Sprache. Denn bei der Übersetzung vom Althebräischen und Bibelgriechischen in die jeweilige Landessprache entstehen sehr häufig im Grundtext nicht enthaltene und keineswegs beabsichtigte Assoziationskomplexe.

Davon lassen sich die meisten \“Bibelchristen\“ allerdings überhaupt nicht überzeugen. Sie halten jede (auch rein sprachliche) Bibelkritik als zumindest unerlaubt. – Siehe zum Zeithintergund der Evangelien auch Eduard Wechssler: Hellas im Evangelium, 2. Aufl. Berlin (Metzner) 1947 und zur frühen Rezeptionsgeschichte Karen Piepenbrink: Christliche Identität und Assimilation in er Spätantike. Probleme des Christseins in der Reflexion der Zeitgenossen. Frankfurt am Main (Verlag Antike) 2005 (Studien zur Alten Geschichte, Bd. 3) und die dort angegebene Literatur und zur Bibelkritik aus der Fülle der Literatur Marius Reiser: Bibelkritik und Auslegung der Heiligen Schrift. Beiträge zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik. Tübingen (Mohr-Siebeck) 2007 (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, Bd. 217) und die dort angegebene Literatur sowie zur Textgeschichte Bart D. Ehrman: Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden. Wie die Bibel wurde, was sie ist. Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2008.

11 Jung-Stilling blieb stets darum bemüht, zwischen kontroversen Meinungen einen Mittelweg zu gehen: \“medio tutissimus ibis\“ (auf dem Mittelweg gehst du am sichersten) war sein Grundsatz; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Sachgerechtes Wirtschaften. Sechs Vorlesungen. Neu hrsg. von Gerhard Merk. Berlin (Duncker & Humblot) 1988, S. 50, S. 61.

Als Motto seines (in Teilen autobiographischen) Romans \“Theobald oder die Schwärmer\“ (1785 erschienen) wählte er auf dem Titelblatt: \“Mittelmaß ist die beste Straß\“; wobei natürlich das Wort \“Mittelmaß\“ hier in der damaligen Bedeutung \“Normalmass\“ zu verstehen ist; also nicht (wie heute) damit eine abschätzige Bedeutung verbunden ist.

12 Glaube hier verstanden als die dem einzelnen Menschen zu Teil gewordene gewisse Zuversicht, dass er sich des Heiles in CHristo getrösten dürfe. Glaube in seiner ersten und eigentlichen Bedeutung ist nichts anderes als die göttlich bewirkte Gewissheit von dem Heil in CHristo. – Siehe Jung-Stilling-Lexikon Religion, hrsg. von Gerhard Merk. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. 60 f.

13 Der Ausdruck \“Gnade\“ bezeichnet hier ein übernatürliches Geschenk, das GOtt den Menschen aus freiem Wohlwollen zuwendet, um denselben zur Erlangung des ewigen Lebens in näherer und entfernter Weise zu helfen. – Siehe Jung-Stilling-Lexikon Religion (Anm. 11), S. 64 f.

14 Bruder Sturm = der zur Zeit von Jung-Stilling viel gelesene Christoph Christian Sturm (1740–1786) und dessen Werk \“Betrachtungen über die Werke Gottes im Reiche der Natur und der Vorsehung auf alle Tage des Jahrs\“, das erstmals 1772 in Halle erschien und zahlreiche Auflagen sowie Übersetzungen in Fremdsprachen erreichte. Bernhard Galura (1764–1856), Fürstbischof von Brixen, gab eine Ausgabe des Werks eigens für katholische Christen heraus.

Siehe zu diesem zu seiner Zeit einflussreichen und von Jung-Stilling geschätzten Schriftsteller und Hymnologen Paul Tschakert in der ADB, Bd. 37, S. 4 f. (\“Es ist bekannt, daß unter dem Einfluß eines aufgeklärten Moralismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Predigten der Kanzelredner sich von dem eigentlich religiösen Gehalt immer mehr entfernten, dagegen der Betrachtung der Natur einen breiten Spielraum gönnten. Die Reihe dieser Naturprediger eröffnet Christoph Christian St., der aber selbst noch auf dem Standpunkte eines verständigen Supranaturalismus stehen bleiben will. Er ignorirt das Religiöse am Christenthum nicht, aber er findet das richtiger Verhältniß desselben zum Moralischen nicht mehr; beides steht unvermittelt neben einander…\“) und ausführlich Jacob F. Feddersen: Christoph Christian Sturms, gewesenen Hauptpastors zu St. Petri und Scholarchen in Hamburg, Leben und Charakter. Hamburg (Herold) 1786.

Falsch ist es jedoch, auch Jung-Stilling in die Reihe der schieren \“Vernunftchristen\“ zu stellen. – Siehe hierzu Jakob Schmitt: Die Gnade bricht durch. Aus der Geschichte der Erweckungsbewegung im Siegerland, in Wittgenstein und den angrenzenden Gebieten, 3. Aufl. Giessen (Brunnen) 1984, S. 168 ff., Anne Marie Stenner-Pagenstecher: Das Wunderbare bei Jung-Stilling. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der Romantik. Hildesheim, Zürich, New York (Olms) 1985, insbes. S. 95 ff. (Germanistische Texte und Studien, Bd. 24) sowie vor allem auch Jacques Fabry: Kosmologie und Pneumatologie bei Jung-Stilling. Der \“theosophische Versuch\“ und die \“Blicke in die Geheimnisse der Naturweisheit\“. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 2006 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 4) und die dort (S. 156 ff.) angegebene Literatur.

15 Unmittelbar am Bacher-Platz, an der Ramperstoffergasse/Castelligasse befindet sich eine Schule, aus der vor und nach Schulbeginn sowie in den Pausen Schüler auf den Bacher-Platz strömen.

16 Baal = Hier gemeint als Sammelbegriff für alle falschen Gottheiten (Abgötter, Götzen), einschliesslich des Teufels (Satans) als Widersacher alles Seienden.

17 Versammlung = Gottesdienst der Darbysten (\“Plymouth-Brüder\“) einer vor allem im Siegerland und im Raum Wuppertal auch heute noch verbreitete freikirchliche Gemeinschaft besonderer Prägung. Ihr Begründer ist John Nelson Darby (1800-1882) aus Plymouth in England. Nach Darby ist die Welt widergöttlich und der Staat das siebenköpfige Tier nach der Geheimen Offenbarung. Kunst und Kultur dienen nur den Zwecken des Satans.

Siehe hierzu mehr bei Erich Geldbach: Christliche Versammlung und Heilsgeschichte bei John Nelson Darby, 3. Aufl. Wuppertal (Brockhaus) 1975 sowie theologisch tiefgreifend zur darbystischen Eigenart Berthold Schwarz: Leben im Sieg Christi. Die Bedeutung von Gesetz und Gnade für das Leben des Christen bei John Nelson Darby. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2006 (Systematisch-theologische Monografien, Bd. 22).

18 Seelenpfleger sind Laien, die innert der Gemeinschaftsbewegung (vor allem des Siegerlandes) \“Bekehrte\“ und \“Erweckte\“ besuchen, im Glauben befestigen und sie teilweise auch bei wichtigen bürgerlichen Entscheidungen beraten.

19 Stundenhalter sind Laien, die für \“Erweckte\“ und \“Bekehrte\“ (vor allem des Siegerlandes) Bibelstunden und Gebetsversammlungen veranstalten. Ihr Wirken wird häufig auch kritisch gesehen, weil sie (mit biblischer Begründung!) Handlungsanweisungen einmal gegenüber \“Geschwistern\“ (Angehörigen der \“Versammlung\“), zum andern aber gegenüber \“Anderen\“ lehren.

Siehe Johannes Dohmann: Zeugendienst. Handreichung für Stundenhalter, Neumünster (Ihloff) 1930 sowie Jakob Schmitt: Die Gnade bricht durch. Aus der Geschichte der Erweckungsbewegung im Siegerland, in Wittgenstein und den angrenzenden Gebieten, 3. Aufl. Giessen (Brunnen Verlag) 1984, insbes. S. 139 ff.

What greater disaster can come upon a nation than
the lack of engaged clergymen and clergywomen!



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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