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Vom Handeln im Diesseits und vom Wesen im Jenseits

veröffentlicht am

Dazu äussert sich gelegentlich einer nächtlichen nachtodlichen Begegnung der hochgelehrte, lebenserfahrene und bis anhin und unvergessene Herr

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817),
der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor,
seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübertragung ab 1803 Badischer Hofrat,
durch Verleihung ab 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat

Lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg/Lahn, dortselbst auch Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät; hiebevor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik an der Universität Heidelberg und anvorderst in gleicher Bestellung seit 1778 an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern;

weiland Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld (heute Teil der Stadt Wuppertal), dortselbst auch seit 1772 Arzt für Allgemeinmedizin, Ophthalmologie, Obstetrik und seit 1775 staatlich bestellter Brunnenarzt sowie Lehrender in Physiologie; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch der erlauchten Loge
\“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied

Geflissentlich aufgeschrieben, gemeinen Nutzens zu Gut ins World Wide Web gestellt, alle Leser dabei gÖttlicher Obhut und englischen Schutzes bestens empfehlend von

Gotthold Untermschloss
zu Salen, Grafschaft Leisenburg*

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Markus-Gilde, Siegen 2009

Leicht veränderte Online-Fassung (ohne die Abbildungen und das Register) des gleichnamigen Buches (ISBN 3-928984-11-X), erschienen 1995 im Verlag der Jung-Stilling-Gesellschaft e. V., Siegen. Copyright-Inhaber ist jetzt die löbliche Markus-Gilde., Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland). – Die gewerbliche Nutzung des Textes bedarf der schriftlichen Einwilligung des Copyright-Inhabers.

mailto:merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de

Contents

Johann Heinrich Jung-Stilling äussert sich hierzu gelegentlich einer nächtlichen Begegnung

Seit morgens am Computer schon:
Da bleibt kaum noch Konzentration!
Mir grau es vor den Augen schwamm;
Dazu ein Fehler im Programm,
Für den allein ich schuldig war,
Weil dies Programm ich selbst gebar.
Zwei Stunden hatte ich verwandt,
Bis endlich ich den Mangel fand:
Und der war so elementar,
Dass stets er mir entgangen war.

Nächtlicher Erholungsgang

Um ein Uhr nachts zog ich mich an
Und einen Rundgang noch begann.
Es war recht kalt, der Mond schien hell;
Ich schritt fürbass drum ziemlich schnell.
Auf einmal werde ich gewahr:
Dort vorn tobt einer offenbar!

Er schlägt – ersichtlich mit Entzücken –
Mit Fäusten jemand auf den Rücken,
Der gar nicht sich zu wehren scheint:
Doch höre ich, wie laut er weint.

Ich bin um Eintracht stets bemüht.
Entflammt wird darob mein Gemüt,
Wenn irgend jemand Schmerz erleidet:
Dies meiner Seele widerstreitet.
Drum lief ich rasch: nicht um zu kneifen,
Als vielmehr schlichtend einzugreifen.

Jung-Stilling gibt sich zu erkennen

Da so ich näherkomme jetzt,
Bin bass bestürzt ich und entsetzt:
Den man so sehr mit Fäusten zwackt,
Ist trotz der Kälte schier ganz nackt!

Noch tiefer bin ich nun beklommen,
Als ich mit Staunen wahrgenommen,
Wer derart herzlos unentwegt
Verbissen diesen Nackten schlägt.
Es gibt hier keine Missdeutung:
So derb benimmt sich Hofrat Jung!1

\“Herr Hofrat2 Jung\“!, rief aus ich laut,
\“Ich leide mit, wenn so man haut
Ein schwaches Individuum,
Halbnackt und wehrlos um und um.
Ich flehe: halten sie doch ein!
Der Mann empfindet Schmerz und Pein.
Wer ist denn dieser, den sie wagen,
Hier nächtens mitleidslos zu schlagen?\“

Christian Friedrich Vischer wird geschlagen

\“Mein Stillings-Freund:3 seid warm gegrüsst!
Der Lümmel, der durch Schläge büsst,
Auf Erden trug den Namen Vischer.4
Ich nehme an, ihr kennt ihn sicher!\“ 

\“Herr Hofrat: ist das jener Schlot,
Der einst sie frech zog in den Kot?
Der ihre Schrift zur Geister-Kunde5
Entsprossen sah dem Höllenschlunde?
Ein Diakon, weiland in Schwaben,
Der ihren Ruf tat untergraben?\“

\“Genau! Heint6 dieser Vischer streunt
Auf Erden, lieber Stillings-Freund!
Da griff ich die Gelegenheit,
Zu strafen seine Dreistigkeit,
Was mir vom Himmel auch verstattet;
Doch nun bin ziemlich ich ermattet.
Ich folge euch und lasse ihn
Für dieses Mal von hinnen ziehn.\“

Neuer Zorn droht sich auf Vischer zu entladen

\“Herr Hofrat Jung: auf keinen Fall!
Noch derzeit ist der Widerhall
Der Hetze dieses Wichts zu hören!
Ich hoffe, es wird sie nicht stören,
Wenn ich ihm nunmehr heize ein:
Lass meinen Stock ihm angedeihn.
Mir macht es ganz besondre Freude,
Den Tropf zu prügeln damit heute.\“ 

\“Herr Gotthold! Habt denn ihr nicht grad,
Als ihr mich Vischer strafen saht,
Beteuert, dass ihr zart besaitet:
Empfindet mit, wenn jemand leidet?

Nun wollt ihr, gar mit diesem Stecken,
Hart euren Zorn an ihm vollstrecken?
Dankt GOtt, dass solches gar nicht geht!
Denn Vischer ist, wie ihr wohl seht,
Inzwischen allbereits verschwunden:
Hat dorthin jetzt zurück gefunden,
Wo losgelöst vom Zeitenlauf
Im Hades7 er sich hält noch auf,
Erwartend jenen grossen Tag,
Da GOtt sich ihm ganz zeigen mag.\“

Wieso kommen Wesen aus dem Jenseits?

\“Herr Hofrat: da sind wir beim Thema!
Ist richtig denn ihr Jenseits-Schema?
Wieso kann es denn möglich sein,
Dass tauchen immer wieder ein
Vom Jenseits Wesen auf die Erde:
Ich bitte, dass mir klar dies werde!

Denn stetsfort noch behauptet wird,
Sie hätten hierin sich geirrt.
Sie kriegen drum noch manchen Wischer,
Zwar kaum so derb, wie einst von Vischer;
Doch nach wie vor die Tadel kommen
In Eifer sonders von den Frommen
Im Umfeld ihrer Konfession:
Wie einst zu Zeiten Vischers schon.\“8

\“Die Klärung führte viel zu weit!
Ihr habt heint6 dafür nicht die Zeit.
Vielleicht wird später mehr euch kund:
Zieht weiter, dass ihr bleibt gesund
Und eure strapazierten Augen
Auch fürders noch zum Sehen taugen.\“

Jung-Stilling lädt in Saal ein

\“Gefügt ward doch, dass sie mich trafen!
Bis morgen Mittag kann ich schlafen.
Warum denn wollen sie verzichten,
Mich jetzt und hier zu unterrichten?
Wie gern hört ich aus ihrem Munde
Zur ‚Theorie der Geister=Kunde‘.\“ 

\“Nun gut! Doch hier soll es nicht sein!
Kommt dort in jenen Saal herein.
Wir können darin tunlich reden:
Ganz so, wie ihr von mir erbeten.\“

Da tat sich auf mit einem Mal
Die Tür in einen grossen Saal.
Es soll mit Absicht unterbleiben,
Das Innre hier lang zu beschreiben.
Ich stand noch staunend an der Schwelle,
Der Blick geblendet von der Helle,
Als eine Stimme ich vernahm,
Die häufig an mein Ohr schon kam:
Es zeigte dinghaft mir sich da
Jung-Stillings Schutzgeist Siona!9

\“Herr Gotthold\“, sagte Siona,
\“Setzt bitte an den Tisch euch da.
Herr Hofrat Jung trifft sofort ein,
Um ganz zu Diensten euch zu sein.\“

Ich hatte eben Platz genommen,
Da sah ich Stilling auch schon kommen.
\“Hier bin ich wieder\“, sagte er;
\“Ihr wollt, dass mehr ich euch erklär
Vom Hades und vom Geister-Reich?
Die Antwort kriegt ihr jetzt sogleich:
Lest das, was davon ich bekunde
In meinem Werk zur Geister-Kunde!
Sorgt ihr, dass nicht durch Sünd und Schulden
Am Schluss den Hades müsst erdulden!\“ 

\“Herr Hofrat Jung! Da sie nicht wollen,
Ein Bild vom Jenseits zu entrollen,
Will ich jetzt herzlich bitten sie,
Zu klären, wie man denn entflieh
Dem Schlechten, Schlimmen, Argen, Bösen
Und allgemein dem Maliziösen.
Wie kann das Gute man erkennen,
Wann ‚gut‘ auch eine Handlung nennen?\“

Goldene Regel als Prinzip menschlichen Handelns

\“Mein Stillings-Freund: die Antwort hier
Fällt wirklich leicht zu geben mir.
Man kennt nur eine einzge Norm,
Die ist als Regel stets konform
Dem guten Handeln jederzeit
Und ausnahmslos von Richtigkeit:

(a) ‚Was du nicht willst, das dir man tu,
Das füge keinem andren zu‘.10

Den Grundsatz positiv gesehen,
Kann um so leichter man verstehen:

(b) ‚Begegne jedem Menschen hier,
Wie du willst, dass er ist zu dir‘;

(c) ‚Tu andren Menschen immer das,
Was dir von ihnen kommt zupass‘.

Die Richtschnur gilt allüberall:
Bei jedem Tun, in jedem Fall.
Als ‚Goldne Regel‘ auch benannt,
War sie der Urzeit schon bekannt.
Sie ist zwar alt, und doch modern:
Bestätigt wurde sie vom HErrn.11

In ihr ist kernhaft eingeschlossen,
Was GOttes Munde je entsprossen:
In ihr dies alles innewohnt,
Wie klärlich ja der HErr betont!

Einfachheit und Weltgeltung der Goldenen Regel

Um rechte Handlung zu erkennen,
Braucht mehr man gar nicht erst zu nennen:
Gerade ihre Einfachheit
Der Regel Einsichtskraft verleiht;
Und dicke Wälzer, die geschrieben,
Um jede Handlung zu durchsieben,
Am Ende sagen aus nicht mehr,
Als diesen Grundsatz inhaltsschwer.

Doch, Gotthold, achtet: Goldne Regel
Ist aller Erdbewohner Pegel,
Ganz gleich von welchem Glauben sie!
GOtt Wahrheitsmacht ihr drum verlieh,
Dass auf der Welt auch jedermann
Als richtig sie erkennen kann.
Was ‚Welt-Ethos‘ man heute nennt:
Hier liegt allein das Fundament!
Verpflichtend es für alle ist,
Nicht nur allein für jeden Christ.

Vernunfteinsicht und Wille klaffen auseinander

Wenn jeder würde sich dran halten,
Dann wär die Erde zu gestalten
Zu einem Ort in kurzer Zeit
Voll Wonne und Glückseligkeit,
Wo alles Leben froh vereint
Und keiner ist dem andren feind.

Vernunft-Einsicht auch zu vollbringen,
Will Menschen kärglich bloss gelingen.
Obzwar das Rechte wird gesehen,
Bewusst sie andre Wege gehen,
Weil diese scheinbar angenehmer,
Auch müheloser und bequemer.
Drum kann die Goldne Regel nieden
Die Leute nur so schlecht befrieden.

Vernunft ist weithin untertan
Der Ichsucht, auch des Stolzes Wahn.
Wenn GOtt durch seine Engel nicht
Zu Menschen ständig brächte Licht:
Die Welt wär längst mit Dunst verhangen,
In eignen Stolz und Trotz gefangen.\“

Evangelizität der Goldenen Regel

\“Herr Hofrat Jung: sie legten dar
Den Weg zum Guten knapp und klar.
Ich danke ihnen, dass sie mir
Die Augen aufgetan auch hier.
Die ‚Goldne Regel‘ ist rundum
Das Mark vom Evangelium!

Ich dachte immer, dies Geheiss
Sei von den Heiden; nun ich weiss,
Dass es ja evangelisch ist:
Ein Grund=Satz unsres HErren CHrist.
Was je von GOtt geoffenbart,
Sie in sich schliesst und recht verwahrt.

Belehrung über Engel wird erbeten

Darf ich ersuchen sie noch jetzt,
Da wir in diesen Saal versetzt,
Dass sie erklären, wie die Engel
Beheben schwachen Willens Mängel?

Dazu muss wohl ich ihnen sagen,
Dass gänzlich man zu unsren Tagen
Verbannt hat Engel aus dem Glauben.
Man sagt, dies würde nicht erlauben
Die Allmacht unsres HErren GOtt:
Die Engel wären gleichsam Spott,
Weil ER in seinem Tätigsein
Stets handelt frei für sich allein.
Die Engel sind drum abgeschafft:
GOtt brauche keine Dienerschaft.\“

Biblizität der Engel

\“Mein Stillings-Freund: in Heilger Schrift
Man fast in jedem Buche trifft
Auf Engel, Geister jeden Stands:
Schlagt nach in eurer Konkordanz!12

Wer daher sagt, dass heidnisch sei
Die Engelslehre: Gaukelei,
Beweist, dass ihm ist nicht bekannt,
Was klar uns hat die Schrift genannt.

Leugnung der Engel in der „aufgeklärten“ und „liberalen“ Theologie der Neuzeit

Zu jenen, welche Schrift verbogen,
Gehörten stets auch Theologen.
So griffen mich auch harsch sie an,
Als tief ich über Engel sann.
Es teilte aus ja nicht nur Wischer
Der vorhin sich gezeigte Vischer.
Auch andre schrieben gegen mich 
Selbst heut trifft mich noch mancher Stich!13

Lasst sagen mich auch noch ein Wort,
Dass nun man Engel jagte fort.

Kein Glaubensfeger auf der Welt,
Dem ‚abzuschaffen‘ es gefällt,
Kann GOttes Geister je gebieten:
Nicht droben, gottlob auch nicht nieden!

Es deutet auf Vermessenheit,
Auf Anmassung und Dreistigkeit,
Wenn man in Besserwisserei,
Aus Hang und Sucht zu Rüffelei
Dem HErren GOtt schreibt vor, wie ER
Verbindung zu der Welt stellt her.

Bei weitem schlimmer solches ist,
Als wenn ein sturer Atheist
Verbohrt, verhärtet laut verkündet,
Dass GOtt im Wahn der Menschen gründet.
Denn jeder, der zum Boden blickt,
Die Augen auch zum Stern-All schickt,
Der weiss sehr wohl, dass GOtt ist da:
In SEiner Schöpfung zeigt sich nah!

Doch wenn man Christen drohend lehrt,
Es wäre Sünde und verkehrt,
An ‚Abergeister‘ nur zu denken:
Dies würde GOttes Herrschaft kränken,
So ist die Wahrheit hier nur schlecht
Von dem zu trennen, was ist recht;
Und bloss die Bibelleser wissen,
Dass GOtt die Engel mag nicht missen.
Drum wehe jedem dreisten Lapp,
Der streitet GOtt die Engel ab!

Zeitgenössische Nörgelei „säubert“ die Heilige Schrift von Engeln

Dazu nun jetzt – in neuster Zeit –
Die Unart machte flugs sich breit,
Das Überkommne zu bestreiten:
Den Alten Wahnbild anzukreiden.
Als hanebüchen ich empfind‘,
Dass ‚kritisch‘ alles man beginnt;
Selbst wenn man aussagt heute hier,
Dass zwei und zwei ergeben vier.

Bei solcher Sucht zur Krittelei,
Misst Engeln man kein Sein mehr bei:
Begreift als Rest sie von Dämonen
Aus vorgeschichtlichen Äonen,
Die in die Bibel drangen ein,
Wovon man diese muss befrein.

Für Engel wenig Platz in der „anthropologisch gewendeten“ Theologie

Genau so falsch auch jene liegen,
Die heutigs tollkühn und verstiegen
Behaupten, dass Theologie
Sei Form der Anthropologie,
Und läuten ein zu diesem Ende
Für GOttgelehrsamkeit die Wende.14
Der Mensch ist eben nicht allein
Von Gott bestimmt zum MitIHmsein!
Vor Menschen hat die Engel ER
Erwählt, gerufen vor SIch her.

Es sei erlaubt mir, hier zu sagen,
Dass überkommt mich Missbehagen,
Les‘ ich den Sprachschwulst jener Leute,
Die schreiben über ‚Wende‘ heute.
Theologie so elitär,
Dass selbsten mir es fällt recht schwer
Auch zu verstehen, was gemeint,
Mitnichten irgend ‚menschlich‘ scheint.

Wer möchte, wie dies will Karl Rahner,15
Dass GOttgelehrsamkeit humaner,
Der sollte lernen am Beginn,
Wie findet er zu Sätzen hin,
Die sprachlich sind so formuliert,
Dass sie der Leser auch kapiert.

Verstandes-Einsicht bestätigt Sein der Engel

Beinebens habe ich benannt
Auch Gründe, die uns der Verstand
Zum Sein der Engel auferlegt:
Ich bitte, dass ihr diese wägt!
Ihr findet sie in jener Gabe,
Die Kant ich einst gewidmet habe.16

Wer aber sagt, dass der Verstand
Sei viel zu matt und ausser Stand
Was GOtt geschaffen, zu erkennen
Und recht die Dinge zu benennen:
Dass Geisteskraft schafft nicht Erkenntnis,
Vermag zu stiften kein Verständnis,
Der setzt herab die Himmelsgabe,
Des Menschen unschätzbare Habe:
Vernunft, die – was man leicht vergisst –
Den Tieren nicht verliehen ist.17

Gliederung der Belehrung wird dargelegt

Doch lasst mich vorgehn Schritt für Schritt!
Ich fange deshalb an damit,
Der Engel Herkunft zu erklären,
Um daraufhin euch dann zu lehren,
Woraus der Engel Wesen sei.
Als nächstes kommt dann an die Reih,
Wie hoch die Zahl der Engel ist;
Zum Schluss, wie sich das Band bemisst,
Das zwischen Mensch und Engel letzt
Aus GOttes Willen ist gesetzt.

Habt nachher ihr noch weitre Fragen,
Dann mögt ihr diese offen sagen.
Mir nunmehr ist aus meinem Stand
Sehr vieles hell und licht bekannt,
Was so genau ich auch nicht wusste,
Da nieden ich noch pilgern musste.

Herkunft der Engel

Vom HErrn geschaffen Engel sind
Und wie der Mensch drum Gotteskind.
Die Bibel solches klärlich lehrt:
Dies mehrfach wird herausgekehrt.18
Im Paradies sind sie schon da,19
Dem Lot zu Sodom sinnennah.20

Aus dem wohl auch der Schluss gedieh,
Dass vor der Welt geschaffen sie,
Obzwar die ganze Heilge Schrift
Entscheidung dazu nirgends trifft.
Doch weil die Zeit – in sich fiktiv –
Nur nieden zeigt sich objektiv,
Ist Schöpfungszeit ein Trugbild bloss,
Die Frage drum bedeutungslos.
Lest nach in einer Mussestunde
Dazu in meiner ‚Geister=Kunde.‘21

Engel sind geistige Wesen mit Verstand

Der Engel innre Wesenheit
Ist reine, pure Geistigkeit;
Von allem Stoff sind sie ganz frei:
Hier gibt es keine Deutelei.22

Auch ist euch aus der Schrift bekannt,
Dass Engel reich sind an Verstand.
Doch fehlt der Blick nach innerwärts:
Die Einsicht in des Menschen Herz;
Was nennt man ‚Kardiognosie‘,
Besitzt nur GOtt und nicht auch sie.

Dasselbe gilt für Voraus-Wissen:
Auch dieses müssen Engel missen.
Im voraus weiss nur GOtt allein,
Was wird in freier Zukunft sein,
(Wobei ich meine hier mit ‚frei‘,
Der Menschen Handlung jederlei –
Im Gegensatz zu der Natur,
Die abläuft nach Gesetzen nur,
Die selbst dem menschlichen Verstand
Ja heute weithin sind bekannt;
Drum stellt Naturgeschehn sich dar
Im Groben als vorhersehbar).

Freier Wille der Engel

Ihr, Gotthold, aus der Bibel wisst,
Dass Engeln freier Wille ist;
Sonst hätte es nicht können sein,
Dass wider GOtt sie traten ein.23
Der Engel Sünde Stolz wohl war:
Das lehrt die Schrift uns mittelbar.24

Abtrünnige Engel

Gefallne Engel als Dämonen
In Qual im Reich der Hölle wohnen.
Ihr Herr dort ist Leviathan,25
Der sich als Satan26 kundgetan.

Genannt im alten Israel
Sind Asmodäus,27 Azazel28
Als dieses Höllenfürsten Boten,
Die Menschen quälten und bedrohten.

Im neuen Bund heisst es oftmal
Dann Beelzebul29 und Belial;30
Im Volk sehr häufig Luzifer,31
Doch sagt man Teufel wohl noch mehr.32

Macht der Engel

Ganz sicher ist den Engeln Macht
Von GOtt dem Schöpfer zugedacht,
Die jener Macht ist überlegen,
Die GOtt den Menschen hat gegeben.33
Hier ‚Macht‘ meint Wirkungsfähigkeit:
Was zum Vollbringen Kraft verleiht.

Wundermacht der Engel

Den Engeln mag es drum gelingen,
Bestimmte Wunder zu vollbringen.
Denn, Gotthold, seht: in der Natur
Ist eine Kraft in Positur,
Die tot bleibt, völlig unbewegt,
Wird sie von Menschen angeregt;
Doch leistet willig Folge dann,
Falls höhre Macht die Kraft spricht an:
Wenn ein Impuls trifft so auf sie,
Dass freigesetzt wird Energie.

Nun kann es sonder Zweifel sein,
Dass GOtt räumt hin und wieder ein
Auch Engeln, diese Kraft zu wecken,
Wenn dient es SEinen heilgen Zwecken.
Es sind dies Engels-Wunder dann,
Die schwer man unterscheiden kann
Vom Gotteswunder, das es schafft
Direkt zu heissen dieser Kraft.
Dem Menschen bleibt meist unentdeckt,
Wer diese Kraft peilt an und weckt.

Akt und passive Potenz

Ich sprach von ‚Kraft‘, ‚Impuls‘ soeben;
Begrifflich geht das leicht daneben.
Denkt logisch man mit Konsequenz,
Dann heisst die Kraft korrekt ‚Potenz‘,
Die ‚passiv‘ muss benennen man:
Vermögen, das empfangen kann
Impuls, der aktiv wirkt, vollstreckend,
Das Angelegte so erweckend.
Anstatt ‚Impuls‘ sagt man auch ‚Akt‘:
Entrollte Wirkungsmacht exakt.

Doch wichtig ist ja nur allein,
Dass, Gotthold, ihr genau seht ein:
Zu Menschen, die auf dieser Welt,
Ist eine Kraft, Potenz gesellt,
Die ruhend, passiv wartet drauf,
Bis ein Impuls als Akt tritt auf,
Der solcherlei Wirk-Möglichkeit
Entrollt: zum Handeln macht bereit.

Erkennt ihr wohl in der Belehrung
Für jedes Wunder die Erklärung?
Legt im Verstand euch alles dar:
Es wird dann mehr und mehr auch klar!34

Anzahl und Chöre der Engel

Die Heilge Schrift nennt nur pauschal
Gewaltig gross der Engel Zahl,35
Doch ohne dass dabei mit Strenge
Wird angegeben eine Menge.

Indes lehrt deutlich und plausibel
Von Engelsrängen uns die Bibel:
Man spricht von ‚Ordnung‘ oder ‚Chor‘.36
Besonders treten hier hervor
Die Throne, Herrschaften, Gewalten,
Auch Fürstentümer, Mächte walten,
Dazu als Wächter Cherubim;37
Erwähnt sind auch die Seraphim.38

Stufen der Chöre

Der Unterschied, der zwischen ihnen
(Die sämtlich GOtt mit Freude dienen)
Ist ihre Eigen=Artigkeit.
Ein jeder Chor entfernt ist weit
Vom nächsten Chor in der Struktur
Sowie der englischen Natur.

Auch zeigt sich Ungleichheit im Grade
Der von dem HErrn empfangnen Gnade;
So dass Natur nebst innrem Bau
Plus Gnadenfülle sehr genau
Die einzlnen Chöre unter sich
Wohl unterscheiden wesentlich.

Individualität aller Geschöpfe GOttes

Doch innert eines Chores klafft
Auch Unterschied, der riesenhaft.
Ein jeder Engel ist für sich
Personhaft anders innerlich;
Gleichwie ja jeder Mensch ward auch
Verschieden durch des HErren Hauch.

Als Arzt noch auf der Erdenbahn,39
War tief ich davon angetan,
Wie jeder Körper einzig nur.
Kein Leib entspricht in der Figur
Je einem andrem im Gerippe:
Selbst nicht bei Menschen gleicher Sippe.

Auch chemisch sind die Leiber nieden
Ganz deutlich unter sich verschieden.
Die Menschen Einzigkeit besitzen
Bis selbst zu ihren Fingerspitzen,
Im Klangbild ihrer Stimme auch
Sowie in ihrem Atem-Hauch.

Es ist von daher selbstverständlich,
Dass jeder einzlne Engel kenntlich
Und abgehoben zweifelsfrei
Durch seinen eignen Namen sei,
Der Menschen bleibt meist unbekannt:
Nur selten wird er laut genannt.
Ihr kennt die Namen Michael,
Auch Siona40 und Gabriel.

Schutzengel

Den Menschen Engel sind zu Nutz
Durch ihr Geleit und ihren Schutz:
Auf dieses Zeugnis klar man trifft,
Liest mit Bedacht man in der Schrift.41
Bestimmt hat GOtt für dieses Amt
Der Engel Chöre allesamt;
Auch hoher Engel wie Seraph
Folgt dieser Sendung treu und brav.42

Es schützt ein Engel jeden Christ:
Dies sonder Zweifel sicher ist.43
Doch falsch ist, wenn man zudem sagt,
Dass jeden auch ein Dämon plagt.
Die Ansicht stammt vom Heidentum
Und ziemt sich nicht dem Christentum.

Dagegen durchaus richtig ist,
Was, Gotthold, aus der Schrift ihr wisst:44
Für jeden Stamm, für jeden Staat
Von GOtt ein Engel hat Mandat.

Er sorgt sich um des Volkes Heil:
Dass Gnade, Glück ihm wird zuteil.
Der Mazedoner Engel rief
Nach Paulus just aus dem Motiv;45
Und viele Kirchengruppen grade
Erhalten deshalb so viel Gnade,
Weil deren Engel unentwegt
Gebet zum Throne GOttes trägt.\“46

Nicht ganz befriedigende Belehrung

Jung-Stilling hörte auf zu sprechen.
Mir schien: er will bloss unterbrechen,
Um mir sich wieder zuzukehren,
Dass fortfährt er, mich zu belehren.
Doch langsam wurde mir jetzt klar,
Dass Stilling wohl am Ende war
Und wartet drauf, dass meine Fragen
Ich nunmehr möge vor ihn tragen.

Enttäuscht war ich, dass sehr penibel
Jung-Stilling hielt sich an die Bibel.
Erhoffte ich mir manches doch,
Das blieb bislang im Dunkeln noch,
Doch vielen Sehern wurde kund
Direkt aus heilger Engel Mund,
Wenn Christen dies auch heut kaum kennen;
Ich will bloss Swedenborg47 hier nennen.

Enttäuschung gilt es zu erdulden

Doch schluckte Missmut ich herunter
Und gab wie meist mich froh und munter.
Denn das hab‘ ich gelernt im Leben:
Man darf nie an Enttäuschung kleben!

Am besten ist, man nimmt nicht wahr,
Wenn Ärger bietet jach sich dar:
Versperrt den Weg ihm in die Seele,
Dass glimmend darin er nicht schwele.

Verdruss und Kummer könnte ich
Tagtäglich ernten ansehnlich
In der Familie, bei den Lieben,
Wo stets ich rechnen muss mit Hieben
Und auf der Hut bin, dass die Katze
Nicht anspringt mich und tückisch kratze.
Erst recht die lieben Mitarbeiter
Sind manchen Ärgers Wegbereiter.
Selbst dann und wann ein Stillings-Freund
Hat mich mit Unbill schon umzäunt.

Doch leider, – wenn ich ehrlich bin –
Dann hatten die auch immerhin
Von mir so manches zu ertragen
Und häufig allen Grund zum Klagen.
Die Wut der Katze darauf fusst,
Dass ich zu wenig sie geschmust
Und anfuhr sie, dass sie sich trollte,
Wenn sie gestreichelt werden wollte.

Der Kummer, dass ich viele kränkte,
Sich tief in meine Seele senkte,
Von wannen hochquillt stets aufs neue
Herb brennend dann ein Schwall von Reue.

Das meiste Missbehagen doch
Drängt auf sich in mir immer noch,
Wenn ich bei frühem Morgenlicht
Im Spiegel sehe mein Gesicht.
Wenn da nicht feste Hoffnung wäre,
Dass GOtt den Leib dereinst verkläre:
Gewiss ich hätte nicht die Kraft,
Die Trübsal aus dem Wege schafft.

Weitere Fragen an Jung-Stilling

So zeigte nicht enttäuscht ich mich,
Dass Stilling hielt zurück hier sich,
Drauf hoffend, dass auf meine Fragen
Er würde mehr zu Engeln sagen.

\“Herr Hofrat! Ich muss mich bedanken
Für diese Fülle an Gedanken.
Mich haben sie belehrt sehr reich
Und überdas recht tief zugleich.

Nun sagten vorhin sie zu mir,
Ich möge meine Wissbegier
Nicht bremsen und sie ruhig fragen,
Was säh‘ ich an Problemen ragen.

(1) Zunächst erbitte ich Bescheid
Wie wohl der Engel Geistigkeit?
Es scheint mir durch die Schrift belegt,
Dass auch ein Engel Körper trägt.
Ich denke da an Raphael,
An Siona und Gabriel.

(2) Sodann wüsst‘ gern ich, ob Dämonen
Für ganz auch Menschen innewohnen;
Ob also die Besessenheit
Ist möglich noch zu unsrer Zeit?

(3) Als nächstes schliesst sich daran an:
Ob denn ein Dämon plagen kann
Den Menschen, wie man liest oft dies,
Dass GOtt es wohl geschehen liess.

(4) Und: darf an Engel man sich wenden,
Gar auch Gebete an sie senden
Mit Bitten, dass uns helfen sie
Im Jenseits drüben oder hie?

(5) Kann auch ein Mensch zum Engel werden,
Wie sie, Herr Hofrat, es ja lehrten?48

(6) Zum Schluss noch: in der Schrift steht klar,
Dass sich als Fürst der Welt stellt dar
Der Satan schon von Anbeginn:
Was ist denn dieser Worte Sinn?49

Es würde sehr erfreuen mich,
Wenn sie zu diesen Fragen sich
Noch fürders zu mir äussern könnten
Und eine Klärung so mir gönnten.\“

Jung-Stilling zur Belehrung bereit

\“Mein Stillings-Freund: ich will euch gern
Belehren hierzu, insofern
Es nützlich ist für euch zu wissen.
Doch müsst ihr Auskunft von mir missen,
Soweit in euch nur ihr Besitz
Befriedigt kecken Wunderfitz.

Engel sind reine Geister

Die erste eurer Fragen heisst,
Ob denn ein Engel reiner Geist?
Die Antwort ist ein klares Ja:
Dies tut die Bibel deutlich da.50
Ein reiner Geist schliesst Stoff ganz aus;
Auch ‚Stoff-Gebundenheit‘ durchaus,
Kraft derer Menschen-Seele ja
Aufs engste ist den Sinnen nah;
Das heisst: dass ohne Körper sie
Mag niemals sein noch wirken hie:
Dass Seele sich kann ausnahmslos
Durch Körper-Wirken äussern bloss.

Menschliche Seele ist zwanghaft an den Körper gebunden

Wenn eure Seele ist hellwach
Und munter tätig mannigfach,
Dann kann ihr gar nichts doch gelingen,
Will dies der Leib nicht auch vollbringen.
Denn braucht der Körper seine Ruh,
So fallen ihm die Augen zu;
Und Drang zum Schlafe zwingt euch nieder,
Bis euer Körper später wieder
Ist fähig, dass der Seele Kraft
Sich über Sinne Ausdruck schafft.

Wie oft habt ihr doch schon gestöhnt,
Dass euer Leib der Ruhe frönt,
Weil zwanghaft an den Rhythmus er
Gebunden, den die Erde schwer
Tut eisern lebenslang diktieren
Den Menschen, Pflanzen und den Tieren.
Seht ein ihr nun, was letzt es heisst:
Ein Engel ist ein ‚reiner Geist‘?

Engel erscheinen auf Erden im Ätherleib

Ein Geist hat weder Fleisch noch Bein.51
Doch kann es durchaus möglich sein,
Dass GOtt dem Engel, der für IHn
Bei Menschen etwas soll vollziehn 
Solang auf Erden sein Verbleib 
Versieht mit einem Ätherleib.52
Lest nach im Buche Tobias,
Wie letztlich recht gemeint ist das.53

Engels-Ehen

Dass Engel Menschen auserwählen,
Um sich mit ihnen zu vermählen,
Ist Aberglaube: Wahnbild kraus,
Der ging von einem Irrtum aus.54
Die ‚Söhne GOttes‘ sind Sethiten,
Die an die Töchter Kains gerieten.

Formen der Dämonie

Die zweite eurer Fragen war,
Ob denn Dämonen ganz und gar
Besitz vom Mensch ergreifen mögen,
Indem sie seinen Leib bezögen
Und darin nun sich machen breit,
Was nennt man dann ‚Be=Sessenheit‘.

Zunächst lasst hier mich unterscheiden:
Es mögen welche dadurch leiden,
Dass böser Geist sie äusserlich
Greift an und quält recht bitterlich.
‚Umwohnung‘ nennt man solches dann,
Die gar nicht selten man trifft an,
Wovon ich in der ‚Geister=Kunde‘
Beleuchte mehrere Befunde,
Und man auch in der Heilgen Schrift
Auf vielerlei Exempel trifft.55

Die zweite Art, wie die Dämonen
Mitunter in den Menschen wohnen
Nennt ‚Innewohnung‘ meistens man.
Besitz ergriffen hat alsdann
Vom Menschen ganz der böse Geist:
Er ist mit ihm gleichsam wie verschweisst.56

Leugnung der Geisterwelt

Doch, Gotthold, man stopft heute zu
Die Ohren dicht und will partout
Von bösen Geistern nichts mehr hören,
Weil diese nur das Weltbild stören,
Das haben sich die Theologen
Der ’neuen Zeit‘ zurechtgebogen.

Umdeutung der Sachverhalte

Wer redet von Dämonen wird
Gleich hingestellt als bass verwirrt.
Erklärbar nämlich leicht sei alles:
Natürlich, irdisch jeden Falles.

Es handle sich um Hysterie,
Um Anfall von Epilepsie,
Des weitren um Bewusstseins-Spaltung;
Oft sei nur falsch die Nervenschaltung,
So dass im Körper dann die Sinne
Leicht werden krausen Eindrucks inne;
Es träten auf auch Zwangsprozesse
Als Frucht der Alkohohl-Exzesse,
Mitunter auch bewirkt durch Drogen,
Die Menschen in den Irrsinn zogen;
Im Spiel nicht selten Mondsucht sei;
Der Rest ist Dunst und Schummelei,
Gegaukel, Ammenmärchen, Trug,
Erdichtung, Träumerei, Betrug,
Das Blendwerk eines Scharlatans,
Chimäre, Ausfluss eitlen Wahns.

Ursachen der Verweigerung

Warum wohl diese Abwehrhaltung:
Verzicht auf jede Mühewaltung,
Besessenheit zu untersuchen,
Doch schrill als Trug sie zu verfluchen?
Zwei Gründe, Gotthold, sehe ich,
Woraus erklärt die Pose sich.

Böse Erfahrungen der Vergangenheit

Die erste Gruppe jene sind,
Die dastehn als gebranntes Kind.
Sie denken an den Hexenwahn
Und was man Menschen angetan,
Die angeblich im Teufelsbund,
Weshalb man diese ohne Grund
Recht grausam auf die Folter spannte,
Auf Scheiterhaufen dann verbrannte.

Sie fürchten, dass der Aberglaube
Neu aufbricht, wenn man es erlaube
Dämonische Besessenheit
Zu nennen schon als Möglichkeit;
Zumal auch heut noch Unvernunft
Hat ringsum feste Unterkunft.

Glaubt ja nicht, Gotthold, dass allschon
Durch Tele-Kommunikation
Wie jetzt die Menschen sie verbindet,
Der Wahnwitz aus der Welt verschwindet!!
Der kann nun direkt, ruckzuck, stracks
Durch Fernsehn, Telephon und Fax,
Computer-Netze, Mail-Systeme
Fast unbemerkt, auf das Bequeme
Gesellschaft lautlos schalten gleich
In einem einzgen Narrenstreich:
Und gar kein Viren-Suchprogramm
Erkennt zuvor den Irrsinns-Schlamm.

Wohl wissend um dergleichen Mängel,
Verschweigt man lieber ganz die Engel,
Dass Christen werden nicht gelullt
In Trug durch schiechen Engels-Kult.

Doch, Gotthold, wie ihr ja wohl wisst:
Ein Missbrauch nie Grund dafür ist,
Das rechte Handeln auszusetzen
Und hier: nicht jenen zu verhetzen,
Der nüchtern abwägt diese Dinge,
Damit er sie in Ordnung bringe.
Lest nach, was ich schlussrichtig schrieb
Zu diesem zwingenden Prinzip.57

Fanatische Besserwisser

Damit ER werde nicht zum Tor,
Schreibt kess die andre Gruppe vor,
Was GOtt darf machen und gestalten
Und wessen ER sich muss enthalten.
Verbissen, stur, intolerant
Wird GOtt das Recht frech aberkannt,
Zu schaffen Engel und Dämonen
Noch irgendwelche Geist-Personen.

Was diese dreiste, kecke Brut
In ihrer kalten Dünkel tut,
Ist Leugnung doch der Allmacht GOttes
Und damit eine Form des Spottes!

Ganz unerträglich wird dies dann,
Wenn zieht man zum ‚Beweis‘ heran
Die Bibel, die doch alleweil
Bezeugt das schiere Gegenteil!

Durch diese Haltung meidet man
Ganz mit Bedacht von vornean
All das, was uns die Geisterwelt
An Fragen und Problemen stellt.
So hielt man es meist damals schon
Im Umfeld meiner Konfession;
Geblieben ist dies fest bis heute,
Wenn ich die Jetztzeit richtig deute.58

„Akkomodations“-Lehre

Als Schlimmstes doch empfinde ich,
Wenn manche gar erdreisten sich
Zu unterstellen JEsu CHrist,
Dass nieden ER durch schlaue List
Zu reden unverfälscht sich scheute,
Um nicht zu ärgern SEine Leute.
ER habe bloss sich ‚angepasst‘
Und mit Dämonen sich befasst,
Wiewohl als GOttmensch ER wohl wusste,
Dass hier er fälschen, lügen musste.

Herr Gotthold: dies zum Himmel schreit!!
Man zeiht der Unwahrhaftigkeit
Den HErrn des Himmels und der Welt:
Bewusst ER habe zugesellt
Der frohen Botschaft mit Vergnügen
Auch Engel- und Dämonenlügen.
Dies ist ganz klar Verunglimpfung,
Ja, reine Gottes-Lästerung!

Besessenheit ist Realität

Der HErr im Fleische kam zur Erde,
Dass Satan ganz entmachtet werde;59
Und sichtbar mussten sie Dämonen
Die Herrschaft CHristi nun betonen.60
Die Macht, Dämonen auszutreiben,
Bei CHristi Jünger sollte bleiben:
So lehrt es euch die Bibel klar61
Und, Gotthold: so ist es auch wahr!

Kennzeichen der Besessenheit

Besessenheit lässt sich erkennen.
Ich will drei Zeichen euch hier nennen;
Lest mehr noch über die Befunde
In meinem Werk zur Geister-Kunde.

Hinreichende Bedingung

Das erste, wenn von fremden Zungen
Ein Mensch im Innern ist durchdrungen,
So dass er Sprachen redet dann,
Auch diese gut verstehen kann.

Das zweite, wenn er weiss, was weit
Geschieht sehr fern in Ort und Zeit,
Und zwar nicht nur im vorhinein:
Es kann auch das Vergangne sein.

Das dritte, wenn er Stärke hat
Wie einst der Hüne Goliath,
Das heisst: der Mensch entfaltet Kraft,
Die nicht erklärbar körperhaft:
Mit Wissen über Energie,
Das klar uns die Physik verlieh.

Notwendige Bedingung

Hinzu jedoch muss weiter kommen,
Dass dieser Mensch ist auch entglommen
Voll Hass auf CHristus, unsren HErrn
Nebst denen, die IHn haben gern:

Dass er auf alles Heilge flucht
Und dieses zu zerstören sucht;
Nicht immer stimmhaft laut verstärkt:
Es kann auch still sein, unbemerkt! 
Geheimnis bleibt die Dämonie:
Erhellbar ist sie nieden nie!

Plagegeister heute?

Doch nun zu eurer Frage drei:
Ob denn es wirklich möglich sei,
Dass die Dämonen Menschen plagen
Auch jetzig noch, zu diesen Tagen?

Die Antwort ist auch hier ein ‚Ja‘:
Die bösen Geister sind stets nah
Und suchen, Menschen schlimm zu schaden,
Mit Krankheit, Schmerz sie zu beladen:
Das Augenlicht zu ruinieren,
Die Sprechwerkzeuge zu blockieren,62
Dass einem Leid durch Tobsucht sei,
Dem andern Qual durch Raserei,63
Dass dieser wird geplagt durch Gicht
Und jenen Fallsucht schier zerbricht.64

Psychosomatische Zusammenhänge

Doch ist damit nun nicht gesagt,
Dass jeder, den ein Leiden plagt
Von einem Dämon sei erfasst,
Nur böse Geister brächten Last!

Als Arzt ist mir sehr wohl bekannt:
Schier jede Krankheit, die man fand,
Durch Wissenschaft erklärbar ist
Und heilbar drum sich auch bemisst
Mit Stoffen, welche eingibt man:
Die biochemisch greifen an;
Mitunter durch Placebos auch,
Die weiland ja schon in Gebrauch.

Gerade das Placebo weist
Auf Mechanismen, wie der Geist
Den Körper durchaus heilen kann –
Was lange Zeit schon wusste man,
Noch ehe diese Problematik
Wie jetzt man hiess ‚Psycho-Somatik‘.

Dass pathologischer Prozess –
Bis hin zum eitrigen Abszess –
Neurotisch oft verursacht sei,
Erforscht war allschon zweifelsfrei
Zu meinen Tagen als Student
Aus Fällen und Experiment.

Heilkraft der Seele und des Körpers

Beinebens lasst mich noch bemerken,
Was durchaus ist nicht zu verbergen:
Man weiss, dass starkem Geist gelungen,
Dass er den Körper hat bezwungen,
Wodurch – auch ohne Arzenei –
Der Leib von Krankheit wurde frei.

Doch bisher es noch nie gelang,
Dass ein gesunder Leib bezwang
Getrübten Geist, so dass der klar
Am Ende zeigt sich wieder dar!

Warum ich dieses hier betone?
Weil heutigs man doch zweifelsohne
Viel Wert auf starken Körper legt,
Die Seele aber kaum mehr pflegt.
Das ‚Bodybuilding‘, diesen Wahn,
Betreibt schier jeder Dummerjan,
Statt seine Seele recht zu zieren,
Sich als Person zu kultivieren.
Doch bitte: ich als Arzt empfehle
Nicht lediglich ‚Kultur der Seele‘!
Nur, Gotthold, ist doch die ‚Ver=Leibung‘
Ganz klärlich eine Übertreibung!

Betreibt man jede Art von Sport
Nur zwanghaft mit dem Ziel Rekord,
Dann hält den Körper er nicht jung
Und dient nicht der Ertüchtigung.
Im Gegenteil: Sport so betrieben,
Hat viele Leiber schon zerrieben
Und die Spitäler sind jetzt voll
Von Menschen, die verbissen-toll
Zu Gipfelleistung stürmten hin
In Kraftgeprotz und Widersinn.

Jung-Stilling als Arzt heute

Wenn, Gotthold, nochmals ich auf Erden,
So würde Sportarzt wohl ich werden.
Mit Muskeln heilen, Knochen schienen
Könnt endlich auch ich Geld verdienen;
Denn von der Ophthalmologie
Konnt‘ reich man werden weiland nie.39

Auch säh als Hautarzt Chancen ich 
In diesen Tagen sicherlich! 
Zu meiner und der Kranken Frommen
An etwas Geld und Gut zu kommen.

Denn was an Pasten, Gel, Lotion,
Allein und in Kombination;
An Absud, Balsam, Elixieren
Die Leute auf den Leib sich schmieren,
Das richtet so viel Schaden an,
Dass davon sehr gut leben kann
Ein ganzes Heer Dermatologen,
Die schon zu meiner Zeit bewogen
Die Menschen stets, die vielen Salben
Doch wegzulassen ihrethalben.
Erinnert euch, was dazumal
Ich sah zu Strassburg im Spital!65

Verdienst brächt auch – wie bislang nie –
Zu dieser Zeit die Psychiatrie.
Denn soviel Irre und Verrückte
Noch nie zuvor das Land bedrückte.
Ihr seht dies klärlich schon allein,
Wenn schaltet ihr das Fernsehn ein.

Was dort an Possen, Narretei,
An Irrsinn und Hanswursterei,
An Unsinn, Torheit, Stupidität,
Entartung, Dreistheit, Absurdität,

An schrillen Vögeln, Aussenseitern,
An Spinnern, Eiferern und Streitern,
An Exaltierten, Überspannten,
Karmuffeln, Schelmen, Ignoranten
Nebst wilden Schreiern, Dudelsingern,
Im Geist gestörte Veitstanz-Springern,

An Alleswissern, Prahlern, Protzern,
An Strolchen, Faulenzern, Schmarotzern
Sich öffentlich dem Volk stellt dar,
Weist hin auf Narrheit sonnenklar,
Die durch das Fernsehn ja gedieh
So nach und nach zur Pandemie!

Doch, Gotthold, ich bin nicht auf Erden,
Noch will ich Arzt heut nieden werden!
Lasst wieder mich zum roten Faden
In meiner Rede nun geraten.

Ich sagte, dass nicht jedes Leiden
Dämonen wäre anzukreiden;
Dass Krankheit viele Quellen hat,
Ja, selbst im Geist sucht Lagerstatt;
Dass Medizin als Wissenschaft
Besitzt allein hier Urteilskraft,
Behandlung drum muss sich vollziehn,
Wie dies empfiehlt die Medizin.

Dämonisch bedingte Krankheit ist Tatsache

Das alles aber schliesst nicht aus,
Dass auch ein Dämon rundheraus
Den Körper so belegen kann,
Dass eine Krankheit zeigt sich an.

Vorzeiten unsres Glaubens Väter
Dies lehrten klar auch vom Katheder;66
Doch war man schon zu meiner Zeit
Zu reden davon nicht bereit,
Und so ist es bis heut geblieben:
Dies Thema alle von sich schieben!

„Abschied“ vom Teufel

Man kann dem Teufel durch Verschweigen
Nicht besser seine Gunst erzeigen;
In Höllen-Lust er feurig loht,
Wenn sagt man ihn auf Erden tot:
Dass von ihm ‚Abschied‘ sei genommen67
Und er wird nie mehr wiederkommen!

Ach, lieber Gotthold, solcher Wahn,
Dem heut die Masse zugetan,
Ist gleich so schlimm, verrückt und toll,
Wie wenn, was scheint geheimnisvoll,
Als Wirken böser Geister man
Und Machwerk sieht der Hölle an.
Wie schwer fällt nieden doch das Dritte:
Die einsichtsvolle, kluge Mitte,
Zu der im Erdenleben ich
Stets fühlte hingezogen mich.68

Wie ich schon sagte zu Beginn,
Will keinesfalls ich, dass blosshin
Der Wunderfitz befriedigt werde.
Es reicht drum, was ich euch erklärte;
Und richtig ist auch im Prinzip,
Was in der ‚Theorie‘ ich schrieb.69

Gebetsverbindung zu Engeln

Ihr frugt sodann, ob in Gebeten
Man dürfe vor die Engel treten?
Gern will zu diesem Thema ich
Hier angemessen äussern mich.

Kontaktfreiheit in der menschlichen Gesellschaft

Herr Gotthold: es steht jedem frei,
Wer immer in der Welt heut sei,
Mit Menschen in Kontakt zu kommen.
Es bleibt ihm völlig unbenommen,
Wen wählt zum Freunde er sich aus,
Wen letzt er lädt zu sich nach Haus,
Auch wen besucht er wo und wann,
Wie auch, mit wem er fängt nichts an.

Hienieden herrscht gOttlob zur Zeit
In diesem Sinn Kontaktfreiheit.
Die Standesgrenzen fielen hin,
Die einst in manchem hatten Sinn,
Weil Bildung noch nicht Massengut,
Das Unterschiede ebnen tut.
Die Menschen drum in dem Verhalten
Erwiesen vielfach sich gespalten.

Man pflegte eigne Lebensform;
Es galt fürerst die Standes-Norm.
Das heisst: die Klassen weiland waren
In ihrem Denken und Gebaren,
Privat im häuslichen Gepräge,
Bei Reinlichkeit und Körperpflege,
In Kleidung, Essen und nicht minder
In der Erziehung ihrer Kinder
Von Grund auf anders und verschieden,
So dass sie schon von selbst sich mieden.

Hinweg fiel zudem fast zur Gänze
Beschränkung durch die Landes-Grenze.
Heut mag, wer will, ins Ausland reisen,
Ja auch die ganze Welt umkreisen
Und Freunde finden mühelos
Bei Zoulous wie bei Esquimaux,
Selbst innert wilder Indio-Rotten,
Apachen oder Hottentotten:
Bei Menschen fern in einem Land,
Zu meiner Zeit noch unbekannt,
Da wusste viel man von Italien,
Schier gar nichts aber von Australien.

Kontaktfreiheit mit der Geisterwelt

So kann auch jeder hier im Leben
Sich frei entscheidend hinbegeben
Zu Wesen, die im Geisteskleid
Im Jenseits lebend sind bereit,
Mit Menschen einzulassen sich,
Wenn ihnen dies dünkt förderlich.

Der Weg dorthin ist das Gebet,
Wenn damit man genau versteht
Gespräch, das schickt ein Menschenherz
Bewusst gedanklich himmelwärts;
Was ausschliesst nicht, dass auch der Mund
Tut sich in Worten dabei kund.

Freiwilligkeit der Kontaktaufnahme

Seid, Gotthold, eingedenk stets dessen:
Es liegt im eigenen Ermessen
Des Menschen, ob Beziehung er
Stellt sich mit Geisteswesen her.
Genauso ist vorausgesetzt,
Dass auch der Geist es will und schätzt
Mit dem, der ruft ihn nieden an,
Verbindung anzubahnen dann.

Hinzu tritt noch ganz ohne Frage,
Ob jener Geist auch in der Lage,
Dass frei mit irdischer Person
Er tritt in Kommunikation.
Es muss der Wille GOttes sein,
Dass diese leitet sich auch ein.
Der Wille GOttes aber ist
Geheimnis, das man nie ermisst.

Das spürt ihr, Gotthold, sehr tief dann,
Wenn setzt ihr eine Stunde dran,
Den Ausdruck ‚GOttes Wille‘ drinnen
In eurer Seele zu besinnen.

Kontakt zu Geisteswesen ist nicht ungewöhnlich

Die Wesen alle, die es gibt,
Schuf GOtt, der letzt sie kennt und liebt.
Weil sie trotz eigner Washeits-Gaben70
Stets GOtt zu ihrem Vater haben,
So sind auch alle unter sich
Verbunden eng geschwisterlich:
Verwandte sind sie und Gefährten:
Dies kann wohl kaum bestritten werden

Es ist drum ganz normal von da,
Dass sie freiwillig kommen nah;
Zumal der Menschengeist ja jetzt
Allschon ist in den Stand versetzt,
Den Raum, die Zeit zu überwinden
Und in das Jenseits zu entschwinden.

Leugnung der Kontaktmöglichkeit

Zwar heisst es oft, dass heutzutage
Dazu sind wenge in der Lage:
Es war nicht anders seinerzeit.
Stets war schon fähig und bereit
Ein Häuflein ächter Christen bloss,
Zu binden sich vom Leibe los,
Und so den Geist in andre Schichten,
In Richtung Geisterwelt zu richten.

Geblieben ist bis heut die Schar
Von jenen, die dies als nicht wahr,
Als Trug und Blendwerk stufen ein:
Kontakt nach dort könnt gar nicht sein.
Sie denken, sinnen, fühlen leiblich,
Der Geist ist ihnen unbeschreiblich.
Was denen aber bleibt verschlossen,
Das ächten neidisch sie als Possen;
Und diese Ableugnungs-Methode
Was schon zu allen Zeiten Mode.

Vorwurf des Aberglaubens

Fanatisch andre Gruppe schreit,
Hier mache ‚Götzendienst‘ sich breit.
Verboten GOtt mit Nachdruck habe,
Dass je ein Mensch vor seinem Grabe
Sich Wesen aus der andren Welt
Auf welchem Weg auch zugesellt.

Es dürfe GOtt der HErr allein
Nur Adressat des Betens sein;
Voll Eifersucht sei ER bedacht,
Dass ja nicht werde vorgebracht
Durch ein Gebet aus Menschenmitte
Zu Geisteswesen eine Bitte.
ER sei beleidigt bei Verstoss,
Empfinde dies als Kränkung gross
Und strafe dann durch harte Hiebe:
Entzug, Verlust gar SEiner Liebe.

Falsches Gottesbild der Zionswächter

Mein Stillings-Freund: dies Gottesbild
Aus stur verrannten Köpfen quillt!
Man schreibt hier dummdreist vor im Kern
Verhalten unsrem GOtt und HErrn!
ER wird als Neider hingestellt,
Der ganz in Eifersucht verfällt,
Falls SEine Wesen brüderlich
Verbinden und besprechen sich.

Gesagt wird gar, dass ER verbanne
In Höllenqual, wer sich ermanne,
Sich einem Geiste zuzuwenden,
Selbst CHristi Mutter Gruss zu senden
Mit Worten, die der Engel sprach:
Dies gilt als ganz besondrer Schmach,
Den fügt man GOtt im Himmel zu:
Es sei das teuflisches Getu.

„Reines Evangelium“ als Deckmantel der Engstirnigkeit

So kleinkariert, intolerant
Man selbst noch heute alle bannt,
Die Trost und Hoffnung darin finden,
Dass sie – vereint mit Gleichgesinnten –
Ein Loblied auf die Magd des HErrn
Ertönen lassen froh und gern.

Dies giftige Herunterputzen,
Als ‚heidnisch‘ alles zu beschmutzen,
Was nicht ins eigne Schema passt
Und darob man voll Ingrimm hasst,
Die dünkelhafte Mäkelei
Samt finstrer Besserwisserei,
Das bitterböse Karikieren,
Von oben anmasslich Dozieren
Aus patziger Vermessenheit
Nebst Stolz und Überheblichkeit:
Das alles noch gebogen um
Als ‚reines Evangelium‘,
Ein Gipfel ist der Bissigkeit,
Der Missgunst und Gehässigkeit.\“

War auch Jung-Stilling unduldsam?

\“Herr Hofrat Jung!\“, warf ich hier ein,
\“Bestimmt will ich nicht waschen rein
Die Leute, die sie just beschrieben
Und die auf ‚Götzendiener‘ hieben.
Vertraut ist mir die Attitüde:
Herunterputzen harsch und rüde,
Was andren Christen Freude bringt,
Weil ja zur Gänze sie umringt
Ein falscher Glaube, der aus Rom
Gen Norden floss in breitem Strom.

Von kleinauf kenne ich die Predigt,
Die sich der Wut darob entledigt,
Da eignes Fühlen – ach! – so eng:
Gespür für Pracht fehlt und Gepräng:
Für alles, was die armen Leute
Versetzt naiv in Jenseits-Freude,
An der sie sich im Alltag laben
Und Hoffnung auf ihr Endglück haben –
Mag auch ihr Glaube vielfach sein
Im Licht der Bibel nicht ganz ‚rein‘.

Doch darf ich zag sie dran erinnern,
Dass dachten sie in ihrem Innern
Genau so, da sie hier auf Erden?
Sie taten sich recht jach gebärden!\“ 

\“Mein Stillings-Freund: es tut mir leid,
Dass ich zu meiner Erdenzeit
Voll Ingrimm und in Zorn gehässig,
Durch Sätze brennend scharf wie Essig –
Verbohrt im ‚rechten Glauben‘ rasend,
Ins Horn des Fanatismus blasend –
Die ‚Götzendiener‘ hart und kräftig
Beleidigt habe rasend heftig.

Ach ja! Auch ich war arg verblendet
Als solche Kunde ich gesendet,
Die – andren Christen bös zum Hohne –
Entfloss in Wellen mit der Rhône,
Dort aus der Stadt am Genfer See,
Bewirkend Kränkung, Schimpf und Weh.
Nach Deutschland hat sie sich gedrängelt
Und tief sich dann hier eingebengelt.
(Erscheint es euch geheimnisvoll,
Was ‚eingebengelt‘ heissen soll?
Verzeiht mir, wenn verzichte ich
Hier auf Erklärung wissentlich.
Ich darf den sonsten teuren Mann
Beileibe niemals klagen an).

Akkulturation des Evangeliums

Die Botschaft JEsu, GOttes Wort,
Pflanzt nie auf leerer Flur sich fort.
Stets Grund und Nahrung es erfuhr
Im Boden einer Volks-Kultur.
So hat auch römsche Lebensart
Sich mit der Frohbotschaft gepaart.

Der Stil des Glaubens, der als Norm
Entkeimte dieser Mischungsform –
Geprägt von römscher Reichs-Idee,
Geführt nach Vorbild der Armee:
Drum eine Sprache, eine Kleidung
Sowie zentrale Kirchenleitung;
Dazu Vernunft-Einsicht, wie sie
In Hellas und zu Rom gedieh
Als Schutz vor schierer Schwärmerei,
Vor Unverstand und Frömmelei;
Mit Riten, Kulten und Gebaren,
Wie üblich sie bei Priestern waren
Im Judentum und alten Rom,
Begleitend klug den Lebensstrom –
Ist schlechter nicht, als andre Arten,
Die Frohbotschaft mit Volks-Geist paarten.

Mir war der Satan weiland nah,
Dass bloss das Schlechte ich hier sah;
Doch blickte über das hinweg,
Was lag vor unsrer Tür an Dreck:
Bestimmt genug, um dort zu Hauf
So allerhand zu kehren auf!

Heiss flehe ich: macht nicht bekannt,
Was floss mir damals aus der Hand!
Lasst jeden Hinweis auch in Noten,
Die sonst so fleissig dargeboten.
Ich möchte nicht, dass heut man liest,
Was sich aus altem Text ergiesst.
Versprecht mir das, ich bitt‘ euch sehr:
Mir wird das Herz sonst bleiern schwer.\“ –

\“Herr Hofrat: dies versprochen sei!
Sie wollten ja nur Schwärmerei,
Den Missbrauch auch beseitigt sehen:
Ich kann sie in dem Ziel verstehen;
Und wer wird wohl dem eignen Laden
Durch Tadel und Bemäklung schaden?

Zur Jetztzeit wurde das erst schick!
So mancher tut sich dadurch dick,
Dass er die Seinen kritisiert,
Mit Schlamm und Unflat sie beschmiert.

Er darf dabei gewiss sich sein:
Zum Lohn lässt ihm gern angedeihn
Die Welt Beachtung, die sonst nicht
Ihm wäre als ein seichter Wicht.
Die Römer jetzig hat erfasst
Von dieser Plage schwere Last;
Doch auch in reformierten Kreisen
Sich manche so als Qual erweisen.\“

Missbrauch verbietet nicht den rechten Gebrauch

\“Mit allem lässt sich Unfug machen,
Verdrehbar sind auch rechte Sachen;
Der Irrweg bietet stets sich an,
Wo graden Weg man gehen kann;
Rein nichts ist gegen Dämlichkeit
Der Menschen beim Gebrauch gefeit;
Verfälschbar ist ein jedes Ding,
Das Bleibe in der Welt empfing;
Missbrauchen lässt sich gegenteilig,
Was von Natur aus hehr und heilig:
Sogar der Glaube allerenden
Erlaubt, verkehrend ihn zu schänden.

Das alles ist sehr wohl bekannt;
Und jeder es bestätigt fand,
Weil er Erfahrung hat gemacht,
Die dies als wahr ihm nahgebracht.
Doch gilt zurecht wohl der als Tor,
Der schiebt gemeinen Missbrauch vor,
Um abzutun in einem auch
Den rechten, passenden Gebrauch.

Um bei den Engeln noch zu bleiben:
Bestimmt kann man auch übertreiben:
Die Engel göttlich dann verklären
Und sie wie unsren HErrn verehren.71

Doch diese Irrung einzlner Leute,
Die eine Minderheit ja heute,
Darf falsch man nicht zum Grund erklären,
Um jederlei Kontakt zu wehren.
Nach dem, was eben ich gesagt,
Das klärlich doch vor Augen ragt!

Schutzengel darf und soll man, muss sie aber nicht verehren

Zu danken seinem Engel froh,
Gehört zum Anstand sowieso.
Doch wer an Dankbarkeit nie denkt,
Den Engel ganz bestimmt nicht kränkt.

Er ist von GOtt geschaffen gut,
So dass er seine Dienste tut
Ganz gleich, ob man ihn dafür lobt,
Ob gegen ihn gar jemand tobt.

Das ist der grosse Unterschied,
Der sich auf einen Geist bezieht:
Von Menschen-Gunst ist er durchgängig
Grundsätzlich völlig unabhängig.

Beinebens dies von GOtt auch gilt!
Wer überhaupt nicht ist gewillt,
Die schuldge Ehre IHm zu geben,
Wird trotzdem SEine Huld umschweben.
GOtt jeden liebevoll umfasst,
Wenn dieser IHn auch schmäht und hasst.

In dieser Langmut und Geduld
Zeigt klar sich jene Liebeshuld,
Die GOtt zu jedem Menschen hegt
Und die im Reinen Liebe prägt;
Denn GOtt ist aller Liebe Quell:
Sie geht von IHm aus prinzipiell.\“

Zweifel an Engel- und Heiligenverehrung

\“Herr Hofrat\“, unterbrach ich ihn,
\“Der Blindwut haben sie geziehn,
Die Sünde gegen GOtt es heissen,
Wenn Christen auch die Engel preisen.

Zeugt es nicht doch von Missvertrauen,
Dass man, statt auf den HErrn zu bauen,
Sich wendet zu Geschöpfen hin?
Scheint auf hier nicht ein Flattersinn?
Darf gar man sich beteiligen
Am Bittgebet zu Heiligen?\“

Was sind Heilige?

\“Herr Gotthold: lasst mich erst erklären,
Zumindest doch im Ungefähren,
Wer Heilge sind, um dann zu wägen,
Was spricht dafür und was dagegen.

Als ‚Heilge‘ stuft exakt man ein
Verklärte Menschen insgemein,
Die lebten einst in dieser Welt,
Und die sich in den Dienst gestellt
Für JEsus ganz; IHm folgten sie
Getreulich nach, drum suchten hie
In Tugend und stets hilfsbereit
Den Menschen ihrer eignen Zeit
Die Gnade GOttes, die verheissen,
Durch Lebens-Zeugnis zu beweisen.

Sie haben dafür schon empfangen
Die Krone, welche die erlangen,
Die gegen Sünd und Laster kriegten
Und mutig, wacker dabei siegten.
Versammelt sind sie um den Thron
Des Lammes jetzt zum ewgen Lohn.

Ein Heer von Frauen, viele Männer
Bewährten so sich als Bekenner,
Indem sie JEsu sichtbar machten
Und SEin Heil zu den Menschen brachten.
Dazu auch eine grosse Schar
Gab selbst das irdsche Leben dar,
So licht bezeugend, dass nur CHrist
Die Hoffnung unsres Daseins ist.

Euch, Gotthold, frage nunmehr ich:
Ist es nicht recht und förderlich,
Dass diese Heilge man verehrt?
Was ist denn daran wohl verkehrt?\“

Heiligenverehrung lästerlich?

\“Herr Hofrat Jung\“, sprach darauf ich,
\“Ist nicht im Grund es lästerlich,
Statt Ehre GOtt bloss zu erweisen,
Auch Engel, Heilge gar zu preisen?
Ich fühle da mich nicht im Lote,
Denk‘ ich ans erste der Gebote.
Doch gebe gradheraus ich zu,
Dass kund sich in dem Zweifel tu
Belehrung, die in frühen Jahren
Ich über Heilige erfahren.\“ –

\“Mein Stillings-Freund: der Einwand sei
Entkräftet ohne Deutelei.
Ihr steckt hier tief in Vorurteilen,
Die weit verbreitet sind derweilen;
Man pflanzte ein sie damals schon
Im Umfeld meiner Konfession.72

Rechte Art und Weise der Verehrung

Zunächst: es schwere Sünde wäre,
Erwies wie GOtt man Heilgen Ehre.
Doch ehrt man nur als Menschen sie,
Die GOtt bezeugten nieden hie.

Man freut sich, dass durch reines Leben,
Durch starken Glauben und Bestreben
Zur Busse sie sich taten vor;
Man freut sich, dass sie jetzt im Chor
Der Geister GOtt den HErren preisen,
Dass Freunde JEsu sie nun heissen.
Man rühmt mit Beifall sie ob dessen,
Fromm bittend, uns nicht zu vergessen;
Stellt Bilder zum Gedenken auf
Als Ansporn hier im Zeitenlauf,
Dass stets wir dran erinnert werden:
Erreichbar ist das Ziel auf Erden.73

Kann GOtt es denn verdrüssig sein,
Wenn die wir nieden benedein,
Auf die ist freundlich ER gesinnt:
Die Liebling IHm im Himmel sind?
Wenn GOtt den HErrn wir wahrhaft lieben,
Dann ist es doch nicht übertrieben,
Auch die zu achten und zu ehren,
Die ER zu Freunden tat verklären.

In den Heiligen wird GOtt verehrt

Alsdann: wenn Heilge wir verehren,
Dann Preis und Lob auf GOtt wir mehren,
Weil ER sich ihnen zugeneigt:
Hat SEine Huld und Gunst erzeigt,
Wie klar doch die Vernunft uns lehrt
Und auch der Psalmvers es erklärt.74

Seht, Gotthold, ihr den Unterschied?
Auf GOtt allein sich nur bezieht
Gebet und Ehre als dem HErrn.
Die Heilgen ehrt man, insofern
Erwählt als Freunde GOttes sie:
Im Glück vorm Thron sind auf dem Knie.75

Man GOtt ehrt als des Lichtes Quelle:
Die Heilgen aber ob der Helle,
Die sie von GOtt empfangen haben
Und derer selig sie sich laben.76

Der Zweck, dass Heilge man verehrt,
Allein ist, dass der Christ begehrt,
Es ihnen nieden gleichzutun
Und darin rasten nie noch ruhn.
Die Nachahmung des Tugendlebens
Ist starker Ansporn eignen Strebens.\“ 

Sind Fürbitten der Heiligen denkbar?

\“Vermögen Heilge, die im Himmel,
Für uns in diesem Weltgewimmel
Durch Bitten vor des HErren Thron
Erhalten etwas, das nicht schon
Der HErr für jemand vorgesehen?
Gewährt ER etwas nur auf Flehn?,\“
Frug weiter ich nun Hofrat Jung
Und bat hierzu um Äusserung.

\“Herr Gotthold: dies vermochten sie,
Als lebten sie auf Erden hie.
Denn jeder Mensch für andre kann
Im Bittgebet GOtt sprechen an,
Wie klar es die Apostel lehrten,
Die für sich selbst Gebet begehrten.77

Da jetzt sie vorm Thron GOttes stehen,
Sollt Bitte nunmehr nicht geschehen?
Bedenkt, dass durch den Tod verschwand
Mitnichten jenes enge Band,
Das zwischen uns und ihnen oben
Geknüpft sehr eng und fest verwoben.78
Gemeinschaft sind doch die Erlösten:
Ganz gleich, ob sie sich nieden trösten,
Ob sie bereits im Jenseits sind,
Ob nächst ihr Leben erst beginnt.

Dass GOtt uns manches nur gewährt,
Wenn Heilger es für uns begehrt,
Hat seinen Grund, dass meistens wir
Kaum würdig, ja voll Schuld sind hier;
Doch GOttes Freunde mächtig sind
Und uns beim HErrn auch wohlgesinnt.
Lest nach, um dieses zu beweisen,
Was Ijobs Freunden ward geheissen.79

Heiligenverehrung steht jedem frei

Ich habe mehr nun schon gesagt
Von Heilgen, als ihr mich gefragt.
Versteht, wenn fürders ungern ich
Verbreite tiefer hierzu mich
In dieser Nacht, da wir uns trafen
Und da ihr eigentlich sollt schlafen!

Bedenkt: gar niemand ist verpflichtet,
Dass Bitten er an Heilge richtet;
Es steht dies allen Christen frei:
Ein jeder Zwang verhütet sei;
Genau, wie den man achten soll,
Der zu den Heilgen andachtsvoll
Im Bittgebet sich wendet hin
Vertrauensvoll im rechten Sinn,
Wie dies die frühe Christenheit
Tat schon zu der Apostel Zeit.

Heiligenbilder

Wenn hängt man Bilder an die Wand
Von irgend einem Komödiant,
Von Dichtern, Malern, Geistesgrössen
(Meist nicht von Guten, oft von Bösen!),
Von Ahnen, Eltern und Geschwistern,
Das Konterfei auch von Ministern:
Ja, ist denn da nicht auch erlaubt
Ein Bild mit einem Heilgen-Haupt?

Wer mag dies Bildnis beten an?
Das wird so wenig doch getan,
Wie dass ein Bild des Freundes Goethe
Man anzubeten sich erblöde.80

Menschen werden zu Engeln

Zur Frage fünf: dass lehrte ich,
Es könne wohl ereignen sich,
Dass jemand, der als Mensch geboren,
Von GOtt zum Engel wird erkoren.

Ich frage euch: was ist dabei?
Ist GOtt denn nicht im Handeln frei?
Wer sagt, dass dies nicht könne sein,
Schränkt GOttes Wirken dummdreist ein.
Er schaue an sich das Atom,
Am Abend dann den Sternendom,
Um zu erkennen, wer GOtt ist,
Wie ER als Schöpfer sich bemisst.

Freventliche Schulmeisterei

Ich sprach zu euch ja vorhin schon:
Das Schlimmste in der Religion
Ist jene unverschämte Brut,
Die stolz und frech befindet gut,
Was GOtt der HErr vollbringen darf
Von dem, was ER als Plan entwarf.

Reift SEine Absicht zum Entschluss,
Dann vorher ER erst fragen muss,
Ob dieses passt sich ein bequem
In jenes eitle Denk-System,
Das diese Frevler sich errichtet
Und keck darauf den HErrn verpflichtet.

Um es zu wiederholen hier:
Solch‘ überhebliche Manier
Erkennen lässt doch zweifelsfrei
Viel Bosheit, ja schon Teufelei.

Die selbstgefälligen Puristen
Sind schlimmer als die Atheisten:
Ihr aufgeblasnes Besserwissen
Tyrannisiert harsch die Gewissen
Der Menschen, welche auf sie hören
Und die beflissen sie betören
Mit ihrem Anspruch, hier nur wäre,
Des HErren Wort, die ‚reine Lehre‘:
Die andern aber seien Schwätzer,
Voll Aberglaubens oder Ketzer.

Wer, Gotthold, ist verleumderischer,
Als Geistliche vom Schlage Vischer?81
Wie bös beschuldigte mich Faesch,82
Was ich geschrieben, sei Gewäsch!
Harsch auch Antistes Merian83
Hat mich als Ketzer abgetan,
Und man verbot darauf zu Basel
Die ‚Geister=Kunde‘ als Gefasel.84

Längst habe allen ich verziehen!85
Indem sie weiland mich bespieen,
So brachten sie in aller Munde
Die ‚Theorie der Geister=Kunde‘;
Und hätte man mich nicht bespuckt,
Dann würde kaum dies Werk gedruckt
Auch jetzt noch immer wieder neu,
Gelesen auch von Christen treu.\“

Prügel für Vischer trotz Verzeihens?

\“Herr Hofrat Jung\“, ich unterbrach,
\“Verzeihn sie, wenn ich frage nach
Jetzt gleich an dieser Stelle eben.
Sie sagten, dass sie längst vergeben
All denen, die sie einst geschmäht.
Doch sie sind mit Brutalität
Just heut auf Vischer zugegangen
Und kräftig ihre Fäuste schwangen
Auf dessen nackten, blossen Rücken:
Sie taten ihn doch arg bedrücken!
Warum sie ihm wohl Hiebe gaben,
Obgleich sie ihm verziehen haben?\“ –

\“Herr Gotthold\“, sprach er darauf spitz,
\“Ich warnte euch vor Wunderfitz!
Ich rate euch, dass ihr mehr sännt
Ob euer Tun stets konsequent:
Das meine war es ganz bestimmt!
Ein jeder Hieb dem Vischer nimmt
Viel Zeit vom Hades nämlich weg:
Nur dies war meiner Schläge Zweck!86
Doch solches könnt ihr nicht verstehen,
Solang ihr noch im Leib müsst gehen.

Teufel Fürst der Welt

Es bleibt als letztes der Probleme,
Dass dazu ich noch Stellung nehme,
Ob denn tatsächlich zweifelsfrei
Der Teufel Fürst des Globus sei?

Als unser HErr GOtt kam zur Erde,
Dass sie mit Heil begnadet werde,
Ward jedem unverkennbar klar,
Wer wirklich Fürst der Erde war.

Der Satan tat den HErrn laut fluchen
Und wollte IHn sogar versuchen;87
Er sorgte tückisch und gerissen,
Dass JEsu Wort mit Hindernissen
Zu kämpfen hat, weil aus den Herzen
Er gleich begann es auszumerzen.88

Den Satan tat es sonders reizen,
Dass Unkraut sät er in den Weizen.89
Die Jünger wurden nicht verschont:
Er hat betört sie altgewohnt.90

Die Kirche, die der HErr errichtet
Umstreicht er, dass er sie vernichtet.91
Ich könnte euch noch viele Stellen
Zitieren, welche licht erhellen:
Der Satan ist der Fürst der Welt:
In seinen Krallen er sie hält.92\“ –

Ist die Welt des Teufels?

\“Herr Hofrat\“, unterbrach ich ihn,
\“Warum tun sie sich stets beziehn
In allem, was ich frug, penibel
Allein und einzig auf die Bibel?
Nicht dass ich gegen Bibel wäre!
Im Gegenteil: ich hoch sie ehre;
Doch alles sagt sie uns ja nicht,
Und oft geheimnisvoll sie spricht.

So bitte ich, dass sie noch klären,
Ganz ohne sich zur Schrift zu kehren:
Warum ist alles in der Welt
Dem Satan ganz anheimgestellt?
Wieso ist denn die Welt so schlecht:
Des Bösen, Argen nur Geflecht?
Warum gibt es kein gutes Sein
Auf dieser Erde insgemein?\“ 

\“Wer hat denn, Gotthold, euch gesagt,
Die Welt sei schlecht, und überragt
Vom Bösen sei das ganze Sein,
So dass der Satan Herr allein?
Von mir habt ihr das nicht gehört:
Denn nimmer ist das Sein zerstört.

Der Menschen Wille – das ich künde! –
Geschwächt ist ziemlich durch die Sünde,
So dass der Mensch zum Bösen neigt:
Bloss hier des Satans Macht sich zeigt.

Alle Wirklichkeit muss gut sein

Ich will, dass ihr bewusst euch seid,
Dass alles Sein, die Wirklichkeit
Ist GOttes Schöpfung, GOttes Werk,
Ganz gleich, ob man das Augenmerk
Nach innen – auf den Menschen – lenkt,
Ob man ins Weltall sich versenkt.

Nun ist das Weltgebäude zwar
Heut nicht mehr so, wie einst es war,
Als GOtt durch SEinen Schöpfungsruf
Die Dinge dachte und dann schuf.
Die Wesen GOttes kehrten sich
Ja ab vom Schöpfer willentlich:

Die Sünde führte dann zu Mängeln
Im All, bei Menschen und bei Engeln;
Doch ist die Schöpfung nicht zerstört,
Wie oft man liest dies und auch hört.

Die Sünde hat sie zwar verwundet;
Doch klar sie immer noch bekundet
Den Willen GOttes, SEine Macht,
Die Liebe, die ihr zugedacht.

Lasst weiter folgern mich daraus,
Dass jedes Sein strahlt Gutes aus.
Denn alles das, was heute ist,
Sich durch sein Dasein klar bemisst
Dem Willen GOttes auch gemäss:
Sonst wäre nicht vorhanden es!

Betrachtet anders, lässt sich sagen:
Wenn etwas würde in sich tragen
Nicht-Gutes, bloss rein Böses eben,
Dann müsste Wirkliches es geben,
Das nicht von GOtt geschaffen wäre.
Doch solcher Schluss zielt klar ins Leere,
Weil GOtt der HErr allein ist nur
Der Schöpfer aller Kreatur,
Und IHm als allen Guten Kern
Liegt jede Spur des Bösen fern.

Klar folgt daraus nun absolut,
Dass alles Seiende ist gut.
Die Gutheit jedem Sein verleiht
Allein schon seine Wirklichkeit.

Rein böses Sein gibt es nicht

Auch lässt drum ferner folgern sich,
Dass nichts besteht, das ausschliesslich
Nur Böses ist in aller Welt:
Stets ist ihm Gutes beigesellt.

Dem Bössein fehlt die Wesenheit:
Ein Nichtsein nämlich nie gedeiht,
Und Böses eben Nichtsein ist,
Wie ihr, Herr Gotthold, nun ja wisst.

Unterschied zwischen Bössein und Böshandeln

Doch lasst mich gleich ein Missverständnis –
Entsprossen ungenauer Kenntnis –
Hier klären, wo das böse Sein
Vermengt wird fälschlich insgemein
Mit bösem Tun, von dem vorhin
Ich sprach mit euch gleich zu Beginn.

Dort wird gefragt, ob eine Tat
Entspricht auch stets dem Postulat:
‚Was du nicht willst, das dir man tu,
Das füge keinem andren zu.‘
Das gute Tun steht mit Gutsein
Im Grundsatz gar nicht im Verein.

Als Beispiel nehmet einen Mast:
Von einem Baum ein Holzes-Ast.
Er ist nicht bös, für sich gesehen,
Weil jeder Baum von GOtt versehen
Mit Gutheit, als ER diesen schuf;
Und selbst wenn brachte in Verruf
Die Sünde ihn, die ihn versehrt,
So ist des Guten er noch wert.
Denn wär‘ er ganz vermaledeit,
Dann fehlte ihm die Wirklichkeit:
Er wäre nicht im Sein an sich,
Wie oben euch erklärte ich.

Nun stellt euch vor, dass diesen Ast
Ein Mensch in seine Hände fasst
Und jemanden mit ihm bedroht,
Gar prügelt ihn damit zutot.
Dann bleibt der Ast doch, was er war!
Als bös zeigt sich allein nur dar
Die Tat des Menschen, welche schlecht,
Weil Goldner Regel nicht gerecht.

Ich glaube, dass man hier klar sieht
Worin der grosse Unterschied
Von Sein und Tun doch letzt besteht,
So dass man beides nicht verdreht.\“

Was meint der Begriff „Erlösung“?

\“Herr Hofrat\“, sagte ich darauf,
Mir leuchtet immer noch nicht auf,
Was die Erlösung letztlich sei.
Man liest davon ja vielerlei,
Das oft in sich nicht stimmig scheint:
Was ist im Kern damit gemeint?\“ 

Erbsünde als fehlerhafter Zustand

\“Erlaubt, dass ich zunächst hier künde
Euch mehr und tiefer von der Sünde.
Im Grund die Sünde Fehler ist.
Ein Fehler man stets dort ermisst,
Wo etwas hat sich auszurichten
An Regeln, Normen oder Pflichten.
Denkt hier an Lesen, Rechnen, Schreiben,
Das man nach Regeln muss betreiben.

Ein Fehler ist stets falsches Tun,
Das Folgen für ein Ding hat nun.
Nehmt einen Maurer, der im Haus
Nicht lotrecht führt die Wände aus.
Das falsche Tun nennt ‚Fehler‘ man,
Doch auch die schiefe Wand sodann.

Herkunft von Fehlern

Ein Fehler von Natur kann sein,
Wie etwa ein verkürztes Bein.
Als zweites – wie im Beispiel oben –
Hat Kunstfehler sich eingewoben.
Die dritte Möglichkeit ist die,
Dass eine Handlung sich vollzieh
Als nicht entsprechend und konform
Der vorgegebnen Sittennorm.
Als Beispiel denkt euch einen Mann,
Der jemand greift verwundend an.

Verfehlung gegen Sittennorm
Ist ganz besondre Fehlerform,
Weil hier ja immer wird verletzt
Die Ordnung, die von GOtt gesetzt.
Wer Goldne Regel drum missachtet,
Mit Übel doppelt sich befrachtet:
Zunächst mit Schuld, weil seine Tat
Gebot von GOtt klar übertrat;
Sodann auch mit Strafwürdigkeit,
Die ewig ihm den Tod verleiht.
Des Adams Schuld vor langer Zeit
Bewirkte die Strafwürdigkeit:
Ein Fehler, der im Menschen blieb
Und ewig in den Tod ihn trieb.93
Denn jeder Fehler Übel ist;
Jedoch ist GOtt, wie ihr ja wisst,
Des Guten und des Wahren Quell.

Es kann nun aber prinzipiell
Das Üble, Fehlerhafte nicht
Gelangen GOtt vors Angesicht.
Doch ist der Mensch drauf angelegt,
Dass letzt er GOtt sich zubewegt.
Lest mehr dazu, was lehrte ich
Herrn Haltaus dazu sonderlich.94

Durch Erbschuld also ganz verfiel
Des Menschen letztes Lebens-Ziel.
Er kann zu GOtt gelangen nicht,
Wie seinem innren Drang entspricht.

Erlösungs-Gedanke

Die Religion will allezeit
Den Mensch von Fehlerhaftigkeit
Befrein, entbinden und erlösen:
Will ketten los ihn von dem Bösen.
Doch wird des Übels Quelle nieden
Gedeutet und erkannt verschieden.

(1) Das Üble, Fehlerhafte wird
Erklärt, weil jeder sei umgirrt
Von bösen Geistern und Dämonen,
Die tief in seinem Innern wohnen.
Um dieses zu berichtigen,
Sind Geister zu beschwichtigen.
Versucht wird dies mit Optimismus
Bis heute noch vom Animismus.

(2) Das Fehlerhafte wird sodann
Gelastet der Materie an.
Wenn drum der Mensch davon befreit,
Dann öffnet sich die Herrlichkeit:
Ins All-Eins tritt der Mensch froh ein
Geläutert, weil als Geist jetzt rein.
Dies ist die Lehre des Buddhismus
Nebst jeder Art des Platonismus.

(3) Die dunkle Schickung GOttes drückt
Den Menschen, dass er tief gebückt
In Fehlerhaftigkeit und Leid
Nach Gnade und Erlösung schreit.
Gehofft wird, dass am Ende doch
Befreit der Mensch wird von dem Joch.
In Psalmen ist dies der Tenor;
So tönt aus Ijob es empor.

(4) Im Unterschied zu solchen Mären,
Tat CHristus klar und deutlich lehren:
Die Sünde ist des Leides Grund,
Sie tut als wider GOtt sich kund!
Nicht Waschung, Bussgebete, Riten,
Sich in Entsagung überbieten
Bewirkt Befreiung von der Sünde.
Was die Erlösung letzt begründe,
Ist Gnade GOttes, die senkt ein
Erneutes Leben in das Sein,
So dass der Mensch wird GOttes Kind
Und dieser ihm nun wohl gesinnt.95

So lautet, Gotthold, doch im Kern
Die frohe Botschaft unsres HErrn!
Erlöst wir s i n d , und an uns allen
Hat GOtt jetzt wieder Wohlgefallen.

Lasst mehr mich dazu heut nicht sagen:
Ihr mögt ein andermal mich fragen.
Die Liebe GOttes, SEin Erbarmen,
Mit dem den Mensch ER tat umarmen
Ist letzt Geheimnis, das kapieren
Ihr könnt allein durch Meditieren.\“

Im Saal wird es finster

Das Licht erlosch mit einem Mal;
Es war stockdunkel jetzt im Saal,
Doch sah ich Stilling nach wie vor:
Es ragte aus ihm Glanz empor.
Mir schien, dass arg betroffen er,
Weil jemand stellte Dunkel her;
Zumindest zeigte sein Gesicht,
Dass solches ihm behagte nicht.
Sehr langsam nun erhob er sich;
Vom Stuhl stand deshalb auf auch ich.

\“Herr Gotthold\“, sprach er drauf zu mir,
\“Es ist jetzt Zeit, dass weggeht ihr.
Wir haben lang gesprochen heint:
Genug für diesmal, wie es scheint.
Geht eures Weges jetzt nach Haus
Und schlaft daheim euch gründlich aus!\“

Er nahm mich dabei bei der Hand;
Ich folgte ohne Widerstand
Bis an des Saales Aussentor,
Aus dem er trat mit mir hervor
Hinein in eine kalte Nacht,
Vom Vollmond silbrig hell gemacht.

Text der Belehrung wird zugesagt

Schon auf der Strasse, wandte dann
Zu ihm ich mich und sprach ihn an.
\“Herr Hofrat, ich muss vielmals danken
Für diese Fülle an Gedanken.
Bestimmt soll ich auch weitersagen,
Was heute sie mir vorgetragen.

Doch kennen sie ja mein Problem:
Gedächtnis ist bei mir extrem!
Kein Hundertstel hab ich behalten
Von dem, was taten sie entfalten.

Darf daher freundlich bitten ich,
Dass mir zuteil wird vorsorglich
Der Wortlaut meiner vielen Fragen
Samt dem, was jeweils sie drauf sagen?\“ 

\“Das sah, Herr Gotthold, man voraus.
Wenn kommt zurück ihr gleich nach Haus,
Liegt der gewünschte Text schon da,
Gebracht von Engel Siona.
Doch geht nun endlich, seid so nett;
Lauft nicht herum, legt euch ins Bett!
Wir sehn uns bald zu andrer Zeit.
Gelobt sei GOtt in Ewigkeit!\“

Zeit blieb stehen

Jung-Stilling war miteins verschwunden.
Um nun die Zeit gleich zu erkunden,
So schaute ich auf meine Uhr.
Ein Schreck mir durch die Glieder fuhr!
Zwei Stunden etwa, so ich schätzte,
Mit Stilling eben ich verschwätzte.

Doch ging der Zeiger in der Zeit
Bestimmt nicht die Sekunde weit:
Er zeigte die Minute an,
Da vorhin das Gespräch begann!

Mir kam mit einmal in den Sinn,
Was Stilling eben grad, vorhin
Zur Zeit gesagt: dass sie verlief
Bedingterweise, relativ.
Was über Zeitbezug er lehrte,
Mir jetzt die eigne Uhr erklärte!

Päckchen liegt schon zu Hause

Zu Hause nunmehr angekommen
Und stark von alldem noch benommen,
Trank erst ich einmal ein Glas Saft.

Dann ging ich  müde und geschafft 
Für kurz nur in mein Arbeitszimmer,
Um abzustellen das Geflimmer,
Das strahlte noch der Bildschirm ab;
Für Arbeit war ich nun zu schlapp.

Da seh‘ ich auf der Tastatur
Sehr schön verpackt mit bunter Schnur
Ein Päckchen liegen, ziemlich flach;
Ich tat es ins Diskettenfach.
Dann zog den Stecker ich heraus,
Der schaltet jenen Stromkreis aus,
Dass nächsthin nicht das Telephon
Mich stört durch seinen schrillen Ton.

Kontakt hat durch das Faxgerät
Mit mir einjeder früh bis spät;
Das ist der Vorteil eines Fax:
Es macht nur einen leisen Knacks,
Und dabei ist es allemal
Ganz unaufdringlich, nicht brutal.
Das Zwangsdiktat Fernsprecherei
Verlangt, dass ist man auch dabei:
Der andre sucht die Stimme eben,
Auf Fragen soll man Antwort geben;
Egal, ob will man oder nicht:
Man ist genötigt, dass man spricht.

Gefragt schon habe oft ich mich,
Ob wäre es nicht förderlich
Dem Telephon zu schliessen an
Ein Band, auf das man sprechen kann.
Ich bräuchte dann den Hörer nicht
Zu heben ab, wenn jemand spricht.
Doch wie ich von mir selbst gut weiss:
Man fühlt sich auf dem Abstellgleis:
Ist letzt verärgert und verdrossen,
Dass vom Gespräch man ausgeschlossen.
Drum will ich es nicht installieren,
Könnt davon ich auch profitieren.

Päckchen wird geöffnet

Des andren Tags früh holte ich
Das Päckchen, das befand noch sich
In dem Diskettenfach ganz oben,
Mit einem bunten Band umwoben.

Ich löste die Verknotung auf
Und öffnete die Hülle drauf.
Gefaltet fand ich dreissig Blätter
Beschrieben mit Maschinen-Letter.
Auf ihnen war in schmalen Spalten
Genau im Ablauf festgehalten,
Was Stilling in der Nacht ich fragte
Und was als Antwort er mir sagte.

Am Schluss war völlig zweifelsfrei
Gefügt von Siona noch bei:
\“Damit Verbreitung sie gewännen,
Tut diese dreissig Bogen scannen.
Ihr müsst sie dann noch formatieren
Sowie mit hübschem Deckblatt zieren.

Ärger wird vorausgesagt

Lasst drucken diesen Text alsdann,
Dass er bekannt wird jedermann,
Der für das Jenseits ist empfänglich.
Habt keine Sorge, seid nicht bänglich,
Wenn viele, diesseits hartgesotten,
Euch wieder lästern, schmähn und spotten
Mit ihrem üblichen Geschrei:
‚Das ist Humbug, Gespensterei,
Nur Blendwerk, Trugbild, Narrenstreich:
Ein abergläubisches Geseich
Voll Lügen, die in fremdem Namen
Direkt aus finstrem Abgrund kamen;
Wer sendet dies Gesudel aus,
Gehört darob ins Irrenhaus‘ 
Nebst dem, was ähnlich wird gesagt:
Womit man kränkt euch, quält und plagt.

Das, Gotthold, sollt euch gar nicht stören!
Ihr möget euch auch nicht empören,
Beschimpft man euch als Finsterling
Und achtet deshalb euch gering.
Bedauert vielmehr jene Flachen,
Die über euch sich lustig machen.
Die Armen hat kein einzges Mal
Berührt vom Jenseits dieser Strahl,
Der euch beflügelt, ja entzückt,
Beseligt und von Grund beglückt.

Was diese Seichten gar nicht kennen,
Das müssen ‚Dunstbild‘ sie halt nennen.
Ihr wisst, dass einst auch Hofrat Jung
Verfolgte man mit Lästerung;
Selbst reformierte Prädikanten
Ihn ‚Spinner‘ und ‚Verrückten‘ nannten.
Ja, Johann Peter Hebel gar 
Von GOtt begnadet doch fürwahr! 
Misstraute Stilling letztlich tief:
Für ihn lag er in vielem schief.96

Versäumt ihr niemals das Gebet,
Weil sonst euch Gnadengunst entgeht,
Die GOtt euch gütig zugewiesen,
Dass froh ihr möget sie geniessen.
Herr Hofrat Jung hob dies hervor,97
Und jeden Stillings-Freund beschwor,
Im Beten nie zu werden träge:
Dass dies man doch viel mehr erwäge!
Bleibt stets dem Wahren, Guten nah!
Mit frohem Grusse, Siona.\“

Spendengeld ist notwendig

Ach, leider gilt auf dieser Welt:
Man braucht zu allem Guten Geld!
Wem daher ist daran gelegen,
Gedankengut aktiv zu hegen,
Wie hierin es zum Ausdruck kommt,
Weil überzeugt, dass just es frommt
Den Menschen dieser unsrer Zeit,
Der sende eine Kleinigkeit
Aus Konto, das  wer es nicht kennt 
Ganz vorne das Impressum nennt.

Es geht Bescheinigung ihm zu,
Dass er gespendet dann im Nu,
Die vorlegt dem Finanzamt man:
So etwas Steuern sparen kann.

Gewiss bringt so gewährtes Geld
Erträgnis reich in jener Welt,
In die wir alle treten ein,
Sobald uns deckt der Totenschrein.
Die Kaufkraft jeder Geldeinheit,
Gespendet jetzt zu dieser Zeit
Im Jenseits zehnmal höher ist,
Als hier sie heute sich bemisst.

Dazu ein Faktor tritt für jeden,
Der fördert Stillings Wort und Reden
In Willigkeit und Biedersinn,
Der steigert nochmals fürderhin
Die Kaufkraft stark des Geldes dort,
Wo setzt sich unser Leben fort.

Der Faktor sich errechnen lässt,
Legt Null in Fakultät man fest
Und diesen Wert multipliziert
Mit Eins durch Null, doch im Geviert.

Anmerkungen, Erläuterungen und Hinweise

* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); durch Erbgang von 1743 an Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit der Hauptstadt Dillenburg); ab 1815 (Wiener Kongress) Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1946 bis heute Gebietsteil im Kreis Siegen-Wittgenstein im Regierungsbezirk Arnsberg des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf). Über 70 Prozent der Kreisfläche sind Wälder; Siegen-Wittgenstein steht damit an der Spitze der Bewaldungsdichte in Deutschland. – Salen = bei Jung-Stilling die ehemalige fürstliche Residenzstadt Siegen, heute Universitätsstadt mit etwa 110 000 Bewohnern.

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register).

Im wirtschaftsgeschichtlich bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 1) geboren, herangewachsen und hat auch dort seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Geheimer Hofrat Professor Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor. Dieser wurde in der letzten Zeit wiederholt hier auf Erden gesehen.

Siehe entsprechende Berichte (soweit diese im Druck erschienen bzw. veröffentlicht sind) unter anderem bei Treugott Stillingsfreund: Erscheinungen im Siegerland. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1987, S. 12 (zu Siegen), S. 18 (zu Frankfurt am Main), S. 34 (zu Marburg an der Lahn, wo Jung-Stilling von 1787 bis 1803 als Ökonomik-Professor lehrte), S. 41 (zu Hilchenbach-Müsen im Kreis Siegen-Wittgenstein), S. 48 (im Zentrum der Stadt Siegen), S. 88 (zu Rom in ungemein verzweifelter und äusserst beschämender Lage).

Weitere Berichte finden sich bei Gotthold Untermschloß: Begegnungen mit Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Kalliope Verlag) 1988, S. 9 (zu Wuppertal, wo Jung-Stilling zu Lebzeiten sieben Jahre als Arzt und Augenarzt praktizierte), S. 16 (zu Heidelberg, wo Jung-Stilling von 1784 bis 1787 als Professor an der Universität das Fach Ökonomik lehrte, und später noch einmal von 1803 bis 1806 wohnte), S. 22 (zu Braunschweig, wo Jung-Stilling zu seiner Zeit hienieden 1801 weilte und mehrere Augen-Operationen vornahm), S. 31 (zu Lausanne am Genfer See), S. 40 (zu Salzburg), S. 50 (zu Lahr), S. 56 (zu Burgdorf im Kanton Bern, wo Stilling zu Lebzeiten auf drei Reisen Starblinde operierte), S. 79 (zu Mannheim, wo Jung-Stilling zu seiner irdischen Zeit den regierenden Kurfürsten Karl Theodor, den Statthalter von Oberndorff und einige einflussreiche Hofbeamte persönlich kannte, und wo er Mitglied der [literarischen] \“Teutschen Gesellschaft\“ war), S. 90 (im Herzen von Wien), S. 101 (zu Stuttgart, wo Jung-Stilling zu Lebzeiten 1801 und 1802 Augenkranke operierte und zahlreiche Freunde hatte), S. 113 (zu Hamburg), S. 125 (im Alten Botanischen Garten zu München); Glaubrecht Andersieg: Allerhand vom Siegerland. Siegen (Höpner Verlag) 1989, S. 41 (im Siegerland), S. 188 (zu Neunkirchen/Siegerland).

Erscheinungs-Berichte sind auch aufgezeichnet bei Christlieb Himmelfroh: Jung-Stilling belehrt. Kirchhundem (AK-Verlag) 1991, S. 11 (zu Siegen), S. 75 (zu Kreuztal-Krombach am Grabe von Jung-Stillings Patenonkel, des fürstlich-oranischen Oberbergmeisters Johann Heinrich Jung [1711-1786]), S. 100 (an einem Autobahn-Rastplatz), S. 117 (zu Berlin), S. 134 (zu Essen), S. 146 (zu Wien) und S. 158 (zu Marburg an der Lahn).

Siehe auch Haltaus Unverzagt: Hat Jung-Stilling Recht? Protokolle nachtodlicher Belehrungen. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Schriften, Bd. 2), S. 7 (im Hochgebirge), S. 47 (zu Leipzig, wo Jung-Stilling zu Lebzeiten 1803 und 1804 auf Operationsreisen weilte), S. 91 (im Schnellzug).

Weitere Niederschriften von neueren Gesprächen mit Jung-Stilling unter anderem bei Gotthold Untermschloß: Von Leistung, Mühe und Entgelt in dieser unsrer Arbeitswelt. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993, bei Frommherz Siegmann: Das Herzstück richtiger Wirtschaftslehre. Eine nachtodliche Unterweisung von Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1994 sowie bei Freimund Biederwacker: Vom folgenschweren Auto-Wahn. Protokoll einer nachtodlichen Belehrung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996, dieser Text und andere der vorgenannten sind kostenlos unter der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> abrufbar.

Siehe zur Erscheinung verstorbener Menschen auf der Erde Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808, Reprint Leipzig (Zentralantiquariat der DDR) 1987, S. 220 ff. (das Werk wurde bereits 1812 ins Schwedische, 1815 ins Niederländische und 1834 ins Englische und noch 1864 ins Französische übersetzt; siehe hierzu Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie. Siegen [J. G. Herder-Bibliothek] 1993 [Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28]) sowie Johann Heinrich Jung-Stilling: Apologie der Theorie der Geisterkunde veranlaßt durch ein über dieselbe abgefaßtes Gutachten des Hochwürdigen (so) geistlichen Ministeriums zu Basel. Als Erster Nachtrag zur Theorie der Geisterkunde. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1809, 2. Aufl. 1833.

Jung-Stillings Originalwerk hat im Titel \“Geister=Kunde\“ (mit [dem damals üblichen Doppel-] Bindestrich); die darauf bezüglichen Schriften schreiben meistens \“Geisterkunde\“ (in einem Wort).

2 Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Heidelberg durch Erlass seines Landesherrn, des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern (1724/1742-1799), datiert vom 31. März 1785 die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“. Ihm, seinem seinerzeitigen Landesherrn, hatte er auch seine an der Medizinischen Fakultät der Universität Strassburg eingereichte Doktorarbeit gewidmet und diese persönlich im Frühjahr 1772 bei Hofe zu Mannheim überreicht.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger manche Bevorzugungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt ganz besonders zum Vorteil gereichte) an Posten, Schildwachen, Stadttoren, Übergängen, Fähren, Brücken sowie an den Poststationen und den zahlreichen, zu jener Zeit auch innerlands allenthalben anzutreffenden Schlagbäumen mit Post-, Maut- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II., bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [französisch: Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt. — In Artikel 6 heisst es genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi, tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg du Rhin (= die Schiffahrts-Rinne) soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin in Regensburg (seit 1663 der Sitz des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch besondere günstige Umstände (hinzu traten bald auch noch verwandtschaftliche Beziehungen zu Frankreich: sein Enkel und Thronfolger Karl [1786/1811–1818] heiratete am 7./8. April 1806 zu Paris Stéphanie de Beauharnais [1789–1860], die 17jährige Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte) vergrösserte Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um mehr das Vierfache; die Bevölkerung stieg von ungefähr 175 000 auf fast 1 Million Bewohner. Die pfälzische Kurwürde ging auf ihn über; Karl Friedrich wurde damit 1803 vom Markgrafen zum Kurfürsten erhoben. – Wenig später rückte er durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf.

Mit dem dadurch veranlassten Übergang der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen [seit 1720] Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommerresidenz Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputationsschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuss des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ Hofrat DE JURE PUBLICO automatisch zum \“badischen\“ Hofrat.

Im April des Jahres 1808 wird Jung-Stilling dann als Berater des Grossherzogs Karl Friedrich in Karlsruhe (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst hervorhebt) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404.

Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. – Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergeßlichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27. – Zum Verhältnis von Jung-Stilling zu seinem Gönner Karl Friedrich siehe sehr ausführlich Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

Karl Friedrich (1728/1746-1811) galt in Karlsruhe gleichsam als Heiliger. Nachdem gelegentlich eines Trauergottesdienstes der gelehrte katholische Stadtpfarrer Dr. Thaddäus Anton Dereser (1757-1827) nicht in den übertriebenen Lobgesang für den Verstorbenen einstimmen wollte, sondern die teilweise rohe und schamlose Ausplünderung der katholischen Einrichtungen unter seiner Herrschaft ansprach, musste er Karlsruhe unverzüglich verlassen. – Siehe zu den unterdrückenden obrigkeitlichen Massnahmen gegen die katholische Kirche unter der Regierungsgewalt der badischen Grossherzöge auch (Franz Joseph Mone [1796-1871]): Die katholischen Zustände in Baden, 2 Bde. Mit urkundlichen Beilagen. Regensburg (Manz) 1841/1843 sowie Carl Bader: Die katholische Kirche im Großherzogthum Baden. Freiburg (Herder) 1860. – Sehr einseitig und unsachlich zur Predigt von Dereser auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 485.

Als Beispiel der bei Hofe genehmen Trauerreden katholischer Geistlicher seien erwähnt Bernhard Boll: Trauerrede bey der kirchlichen Todten-Feyer seiner königlichen Hoheit Karl Friedrichs, Großherzogs zu Baden, Herzogs zu Zähringen, gehalten in der Haupt- und Münsterpfarrkirche zu Freyburg den 1. July 1811. Freiburg (Wagner) 1811 (der Zisterzienser und Münsterpfarrer zu Freiburg Bernhard Boll (1756-1836) wurde 1827 erster Erzbischof von Freiburg); [Gerhard Anton Holdermann]: Beschreibung der am 30ten Juny und 1ten July 1811 zu Ratsatt Statt gehabten Trauer-Feyerlichkeit nach dem Hintritte unsers (so!) höchstseligen Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Rastatt (Sprinzing) 1811 oder die an Lobpreisungen überladene Rede von Johann Kaspar Adam Ruef (1748-1825): JUSTA FUNEBRIA SERENISSIMO DUM VIVERET AC CELSISSIMO PRINCIPI DIVO CAROLO FRIDERICO MAGNO DUCI BADARUM … DIE 22 JULII 1811 IN TEMPLO ACADEMICO PIISSIMA ET GRATISSIMA MENTE PERSOLVENDA INDICIT JOANNES CASPARUS RUEF. Freiburg (ohne Verlagsangabe) 1811. – Vgl. auch: Gedächtnißreden bey dem Tode Sr. K. Hoheit des Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Gehalten von den Pfarrern der drey christlichen Confessionen zu Mannheim. Mannheim (Schwan) 1811, in der sich der reformierte, lutherische und katholische Geistliche an Lob auf den verstorbenen Karl Friedrich überbieten.

Geradezu bescheiden wirken demgegenüber andere Predigten, wie etwa: [Christian Emanuel Hauber]: Kurze Abschilderung Sr. Königlichen Hoheit Carl Friedrichs Grosherzogs (so!) von Baden. Karlsruhe (Macklot) 1811; Theodor Friedrich Volz: Gedächtnißpredigt auf den Höchstseeligen Großherzog von Baden Karl Friedrich, gehalten den 30. Junius 1811 in der Stadtkirche zu Karlsruhe. Karlsruhe (Müller) 1811 (Volz [1759-1813]), in Jena 1778 bereits promoviert, bemüht sich erkennbar um die im Rahmen des Anlasses mögliche Sachlichkeit) oder die zahlreichen Zentariums-Reden wie Karl Joseph Beck: Rede bei der akademischen Feier des hundertsten Geburtsfestes des Hochseligen Großherzogs Karl Friedrich zu Baden … Gehalten von dem derzeitigen Prorector der Albert-Ludwigs-Hochschule. Freiburg im Breisgau (Wagner) 1828 (Karl Joseph Beck [1794-1838] war Mediziner und Stifter des \“Corps Rhenania\“ in Freiburg) oder Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. Mannheim (Schwan & Götz) 1829.

Ziemlich unkritisch gegenüber den augenfälligen Schattenseiten der Regierung von Karl Friedrich neuerdings auch Annette Borchardt-Wenzel: Karl Friedrich von Baden. Mensch und Legende. Gernsbach (Katz) 2006.

Bei nachtodlichen Erscheinungen von Jung-Stilling wird dieser gewöhnlich mit \“Herr Hofrat\“ (seltener mit \“Herr Geheimrat\“) angesprochen, auch von seinem Engel Siona. – Der Titel \“Hofrat\“ ist gleichsam fester Bestandteil des Namens (ADJUNCTIO NOMINIS), wie etwa \“Apostel Paulus\“, \“Kaiser Karl\“ oder \“Prinz Eugen\“ zu verstehen, und nicht als ehrenvolle Benennung (TITULUS HONORIS). – \“Stilling\“ ist ein individueller Beiname (APPELLATIO PROPRIA) und klingt zu vertraulich. – \“Professor Jung\“ und \“Doktor Jung\“ greift eine Stufe niedriger als \“Hofrat Jung\“; das heisst: der Titel \“Hofrat\“ steht über der Amtsbezeichnung \“Professor\“ oder dem akademischen Grad bzw. volkstümlich der Berufsbezeichnung (= Arzt) \“Doktor\“.

Ein jeder Christ, der in die Seligkeit eingeht, empfängt von GOtt einen neuen Namen, siehe Offenbarung 2, 17 sowie (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Die Siegsgeschichte der christlichen Religion in einer gemeinnüzigen Erklärung der Offenbarung Johannis. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1799, S. 89. – Der besondere Name, mit dem Jung-Stilling im Jenseits beschenkt wurde, ist Ohephiah (= der GOtt liebt). Siehe (Christian Gottlob Barth): Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817. – Siehe über die Ankunft von Jung-Stilling in der Seligkeit auch Helena Schlatter-Bernet (?): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergeßlichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 7 ff.

3 Stillings-Freund meint zunächst –  Gönner und Förderer von Jung-Stilling und später dann –  Verehrer oder –  zumindest dem Autor gegenüber wohlwollender Leser der Schriften von Jung-Stilling. Der Begriff wurde in diesen beiden Bedeutungen von ihm selbst eingeführt. Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992, S. 213, S. 441, S. 513, S. 536, S. 566.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch  \“Stillings-Feinde\“, siehe ebendort, S. 316 sowie die Jung-Stilling von Grund auf verkennende, mit einer grossen Menge sachlicher Irrtümer und falscher Werturteile durchsetze Studie von Hans R. G. Günther: Jung-Stilling. Ein Beitrag zur Psychologie des Pietismus, 2. Aufl. München (Federmann) 1948 (Ernst Reinhardt Bücherreihe). – Siehe Rainer Vinke: Jung-Stilling und die Aufklärung. Die polemischen Schriften Johann Heinrich Jung-Stillings gegen Friedrich Nicolai (1775/76). Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 1987, S. 40 f., S. 51 f., S. 71 f. (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Bd. 129). Zurecht bezeichnet Vinke das Buch von Günther als eine \“unglaubliche Mischung von einfachen Fehlern, bösartigen Verzeichnungen der Fakten, krassen Fehlurteilen, absolutem Unverständnis für die pietistische Fragestellung und einigen wenigen genialen Einsichten\“ (S. 40; in Anm. 82 auch über die Wirkungsgeschichte des Buches von Günther).

4 Der Theologe Magister Christian Friedrich Benjamin Vischer (1768–1814), Diakon in Ludwigsburg; siehe DBA 1309, 41 f. Er veröffentlichte 1809 im Verlag Steinkopf zu Stuttgart \“Bemerkungen über Herrn Hofrath Jungs Theorie der Geisterkunde und einige damit verwandte Gegenstände zur Belehrung und Warnung des Volks\“, worin er Jung-Stilling der Selbsttäuschung, des Aberglaubens und (zwischen den Zeilen) des Betrugs zeiht.

Siehe Titelblatt-Kopie der Schrift von Vischer auch bei Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades. Wahre und falsche Ansichten. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993, S. 59 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 1).

Im damaligen Königreich Württemberg mussten durch Erlass des Monarchen jeder Buchhändler, jeder Buchbinder sowie jeder Privatmann \“bei Eidespflichten\“ alle im Besitz befindlichen Exemplare der \“Theorie der Geister=Kunde\“ zwecks Vernichtung bei der Behörde einliefern; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe (Anm. 2), S. 419.

5 Gemeint ist die \“Theorie der Geister=Kunde\“ von Jung-Stilling; siehe Anm. 1.

6 Heint = in dieser Nacht (zusammengezogen aus dem alten Wort heinacht = HANC NOCTEM).

7 Siehe zum Hades grundsätzlich Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. 65, Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades (Anm. 4), S. 181 (Register, Stichwort \“Hades\“) sowie Johann Friedrich von Meyer: Hades Ein Beytrag zur Theorie der Geisterkunde. Nebst Anhängen: öffentliche Verhandlungen über Swedenborg und Stilling, ein Beyspiel des Ahnungsvermögens und einen Brief des jüngern Plinius enthaltend. Frankfurt am Main (J. C. Hermann) 1810.

8 Noch 1990 zählt ein gelehrter Theologe die \“Theorie der Geister=Kunde\“ der Gruppe der \“abstrusen spiritistischen, wenngleich zeitgenössisch gar nicht so singulären Bücher\“ bei; siehe Badische Landesbibliothek Karlsruhe (Hrsg.): Jung-Stilling. Arzt – Kameralist – Schriftsteller zwischen Aufklärung und Erweckung (Ausstellungskatalog). Karlsruhe (Selbstverlag der Badischen Landesbibliothek) 1990, S. 124. – Abstrus (vom lateinischen ABSTRUDERE = wohl verstecken, verbergen) meint hier dunkel, kraus, verworren, nebelhaft.

\“Ich dächte man hätte heut zu Tage weit wichtigere Schriften zu critisiren als dies Buch. Ich appellire diesfalls an den höchsten Richterstuhl im Himmel, und ich weiß gewiß, daß da ein günstiges Urtheil für mich gesprochen wird\“, schreibt Jung-Stilling, siehe: Der graue Mann eine Volksschrift. Sieben und zwanzigstes Stück. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1813, S. 302.

9 Schutzengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Er zeigte sich diesem zu dessen irdischer Zeit, nahm ihn von dort ins Jenseits mit und schrieb auch für ihn. Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Karl Rohm Verlag) 1999, S. 220 ff. (S. 279: \“Siona hatte mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert\“).

Der Name Siona bedeutet letztlich \“die Himmlische\“; siehe die genauere, weitläufige Erklärung dieses Namens bei Philipp Paul Merz: ONOMASTICON BIBLICUM SEU INDEX AC DICTIONARIUM HISTORICO–ETYMOLOCIUM, Bd. 2. Augsburg (Veith) 1738, S. 1161 ff. sowie bei Petrus Ravanellus: BIBLIOTHECA SACRA SEU THESAURUS SCRIPTURAE CANONICAE AMPLISSIMUS, Bd. 2. Genf (Chouët) 1650, S. 627 (hier auch einige seltenere übertragene Bedeutungen wie etwa \“ORNAMENTUM TRACTUS\“ oder \“GAUDIUM TOTIUS TERRAE\“ und \“LOCUS PERFECTISSIMAE PULCHRITUDINIS\“). Beide bis heute kaum übertroffene Werke erfuhren viele Nachdrucke und Übersetzungen.

Jung-Stilling fasst den Engel als weiblich auf. Er spricht Siona an als \“unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit\“ (Szenen aus dem Geisterreich, S. 219), \“göttliche Freundin\“ (ebenda, S. 223), dankt der \“erhabenen Dolmetscherin\“ (ebenda, S. 241), die ihm als \“Engel\“ – oft ungesehen – \“immer liebevoll zur Seite ist (Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg [Raw’sche Buchhandlung] 1818, 1.Gesang, Versabschnitt 3), den Gedankengang leitet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 282), aber auch vom Jenseits berichtet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 308).

Siona führt auch Jung-Stilling (der im Chrysäon Selmar [= in der Halle der Männer berühmt\“] heisst) auf einer \“Himmels-Leiter\“ zum Sehen (Chrysäon, Prolog, Versabschnitt 2; siehe auch Versabschnitt 8), geleitet ihn zu seiner verstorbenen Tochter Elisabeth (Lisette, 1786–1802) und zu deren Mutter (Jung-Stillings zweiter Ehefrau Selma von St. George, 1760–1790) (Chrysäon, 4. Gesang, Versabschnitt 2 ff.). Siona bringt Jung-Stilling aber auch von himmlischen Höhen \“in müdes Weltgewühle\“ wieder zurück (Chrysäon, 3. Gesang, Versabschnitt 87).

Siehe zum Verständnis der Engel im religiösen Denken von Jung-Stilling auch Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XX f., S. 30 ff. sowie Gotthold Untermschloss: Vom Handeln im Diesseits und von Wesen im Jenseits (Anm. 2), S. 16 ff. und zum Gesamten Martin Landmann: Ahnungen, Visionen und Geistererscheinungen nach Jung-Stilling. Eine ausdeutende Untersuchung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, als Download-File unter der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> abrufbar. – Vgl. zum Grundsätzlichen aus neuerer theologischer Sicht Herbert Vorgrimler: Wiederkehr der Engel? Ein altes Thema neu durchdacht, 3. Aufl. Kevelaer (Butzon & Bercker) 1999 (Topos plus-Taschenbücher) sowie Paola Giovetti: Engel, die unsichtbaren Helfer der Menschen, 8. Aufl. Kreuzlingen, München (Hugendubel) 2003 und im Internet die Adresse http://www.himmelsboten.de

10 Siehe Tob 4, 16 (\“QUOD AB ALIO ODERIS [ODISSE {= ungern haben, hassen} hat als VERBUM ANOMALUM perfektische Form, aber präsentische Bedeutung; hier ein CONJUNCTIVUS PROHIBITIVUS im Sinne von: ’nicht gern hättest, dass‘] FIERI TIBI, VIDE NE TU ALIQUANDO ALTERI FACIAS [hier verneinende Aufforderung, daher CONJUNCTIVUS VOLUNTATIVUS im Sinne von: ‚einem anderen zufügen mögest‘]\“).

11 Siehe Mt 7, 12 (\“OMNIA ERGO QUAECUMQUE VULTIS UT FACIANT VOBIS HOMINES, ET [ET = hier: so auch] VOS FACITE ILLIS. HAEC EST ENIM LEX, ET PROPHETAE\“) sowie Lk 6, 31 (\“ET PROUT VULTIS UT FACIANT VOBIS HOMINES, ET [ET PROUT  ET = hier: so  wie] VOS FACITE ILLIS SIMILITER\“).

12 Konkordanz = hier: alphabetisches Nachschlagewerk zur Auffindung derjenigen Stellen der Heiligen Schrift, die vom selben Wort (Verbalkonkordanz) oder Gegenstand (Realkonkordanz) handeln; früher als Buch, heute auch auf elektronischen Speichermedien erhältlich.

13 Siehe Anmerkung 8 und Apg 23, 8 zur Leugnung der Geisterwelt zur Zeit Jesu. – Vgl. auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades (Anm. 4), S. 115 ff.

14 Die \“anthropologische Wende\“ der Theologie geht letztlich von der Behauptung aus, dass nur im Menschen das Wesen GOttes erkannt werden könne. – Siehe hierzu übersichtlich Anton Losinger: Orientierungspunkt Mensch. Der anthropologische Ansatz in der Theologie Karl Rahners, 2. Aufl. St. Ottilien (EOS Verlag) 1992; hier auch reichliche Quellen- und Literaturangaben.

15 Der katholische Theologe Karl Rahner (1904–1984); er gilt als Vorreiter einer anthropologisch gewendeten Theologie; siehe auch Anm. 14. – Rahner drückt sich weithin sprachlich so aus, dass ein Heer von Erklärern damit beschäftigt ist, näher herauszuarbeiten, was er (nicht) meint.

16 Ganz abgesehen von der deutlichsten Bezeugung in der Heiligen Schrift, erweist sich der Glaube an die Engel indessen auch als eine Forderung der Vernunft. Denn nur in dem reinen, körperlosen Geiste erscheint in möglichst vollkommener Weise ein Abbild des göttlichen Wesens, das in der Schöpfung in den verschiedensten Stufen und Formen eine Ähnlichkeit seiner selbst ins Leben rufen wollte.

Ja, bereits die Idee der Schöpfung (an sich betrachtet) dürfte uns die Erschaffung reiner Geister wahrscheinlicher und Gott entsprechender erscheinen lassen als jene der materiellen Wesen. – Siehe (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Blicke in die Geheimnisse der Natur=Weisheit denen Herren von Dalberg Herdern und Kant gewidmet. Berlin, Leipzig (George Jacob Decker) 1787, S. 113 und gedanklich feiner unterscheidend Thomas von Aquin: Summa Theologiae 1-1, q. 47 sowie q. 50.

17 Vgl. hierzu auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades (Anm. 4), S. 111 f., wo sich Jung-Stilling gegen den Vorwurf der Vernunftfeindlichkeit seitens der Basler Gutachter seiner \“Theorie der Geister=Kunde\“ rechtfertigt.

Siehe auch die nachtodlichen Aussagen von Jung-Stilling bei Christlieb Himmelfroh: Jung-Stilling belehrt (Anm. 1), S. 76 f., S. 101 ff. Dort (S. 76) sagt Jung-Stilling zur Aufgabe der Vernunft (als der Fähigkeit zum schlussrichtigen Denken):

\“Vernunft dem Menschen ward geschenkt
Bewußt von GOtt, daß er auch denkt!
Das Denken klärt den Sinn der Dinge
Bewirkt, daß Einsicht man gewinne
In GOttes Schöpfung: die Natur,
Die SEines HEilgen GEistes Spur!\“

Jung-Stilling fährt dann hinsichtlich des Gebrauchs des Denkens in Glaubensfragen fort:

\“Weil Gabe GOttes der Verstand,
Ist falsch es, daß man ihn verbannt,
Wenn wendet er zu dem sich hin,
Der gab ihm Eignung, Kraft und Sinn.
Wer GOtt den HErren sich be=denkt,
Mitnichten diesen irgend kränkt!
Die Schrift der Torheit den gar zeiht,
Der nicht zu solchem Tun bereit.\“

18 Siehe zum Beispiel Ps 148, 2 und 5 sowie Kol 1, 16 (\“… IN IPSO [SCILICET: DEO] CONDITA SUNT UNIVERSA IN CAELIS ET IN TERRA, VISIBILIA ET INVISIBILIA, SIVE THRONI SIVE DOMINATIONES SIVE PRINCIPATUS SIVE POTESTATES…\“). – Die genauere und tiefer begründende Erklärung dieser Fragen bei Thomas von Aquin: Summa Theologiae 1-1. Jung-Stilling selbst bleibt hier weitgehend an der Oberfläche; siehe Jacques Fabry: Kosmologie und Pneumatologie bei Jung-Stilling. Der \“theosophische Versuch\“ und die \“Blicke in die Geheimnisse der Naturweisheit\“. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 2006, insbes. S. 85 ff.

19 Siehe Gen 3, 24.

20 Siehe Gen 19.

21 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde (Anm. 1), S. 31 f., S. 211, S. 362 f., S. 366 sowie auch Treugott Stillingsfreund: Erscheinungen im Siegerland (Anm. 1), S. 41, wo Jung-Stilling unter anderem lehrt:

\“Die Zeit, so dartut unsre Uhr,
Mißt stets die Erdumdrehung nur.
Sie gibt jedoch mitnichten an,
Wann dieser Umlauf je begann.
Beziehungsmaß sie uns bloß ist,
Weil jeder Körper lebt auf Frist.

Die Zeit der Ewigkeit entspricht,
Wo zutrifft solcher Umstand nicht.
Die Zeit, die Frist dem lebend‘ Sein,
Ist Ewigkeit für Sand und Stein!
Ihr seht: die Zeit ist relativ;
Der Mensch schaut sie bloß subjektiv.\“

22 Siehe zum Beispiel Mt 8, 16, Lk 6, 18; 10, 20; 11, 26, Apg 19, 12, Hebr 1, 14.

23 Siehe Joh 8, 44, 2 Petr 2, 4 sowie Jud 6 (\“ANGELOS VERO, QUI NON SERVAVERUNT SUUM PRINCIPATUM, SED DERELIQUERUNT SUUM DOMICILIUM, IN IUDICIUM MAGNI DIEI, VINCULIS AETERNIS SUB CALIGINE [CALIGO = hier: Finsternis] RESERVAVIT\“); vgl. auch Vers 9 (Streit des Teufels um den Körper von Mose).

24 Siehe Gen 3, 5 , Jes 14, 12-14 und Tob 4, 14 (\“SUPERBIAM NUMQUAM IN TUO SENSU AUT TUO VERBO DOMINARI PERMITTAS, IN IPA [SCILICET: SUPERBIA] ENIM INITIUM SUMPSIT OMNIS PERDITIO\“) sowie zum Neid als Ursache Weish 2, 24 (\“INDIVIDIA AUTEM DIABOLI MORS INTROIVIT IN ORBEM TERRARUM\“).

25 Siehe Ijob 3, 8; 40, 20, Jes 27, 1.

26 Siehe Offb 12, 9 (\“… DRACO ILLE MAGNUS, SERPENS ANTIQUUS, QUI VOCATUR DIABOLUS ET SATANAS…\“). – Siehe auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe (Anm. 2); S. 245 (Jung-Stilling kennt den Sohn Satans persönlich).

27 Siehe Tob 3, 8; 8, 1-3 (Herz und Leber eines Fisches vertreiben Asmodäus).

28 Siehe Lev 16, 10. – Azazel bedeutet \“Widersacher GOttes\“, also den Satan.

29 Siehe zum Beispiel Mt 10, 25, sowie Mk 3, 22, Lk 11, 15 (hier wird beidemal Beelzebul \“PRINCEPS DAEMONIORUM\“ genannt).

30 Siehe 2 Kor 6, 15.

31 Siehe Ijob 11, 17; 38, 32, Jes 14, 12 (wo der König von Babylon helêl = Glanzgestirn, lateinisch: LUCIFER, genannt, und ihm wegen seines Stolzes der Sturz vorausgesagt wird), 2 Petr 1, 19 (\“… LUCIFER ORIATUR IN CORDIBUS VERSTRIS …\“). – Siehe zum Namen \“Luzifer\“ auch Petrus Ravanellus: Bibliotheca Sacra seu Thesaurus Scripturae. Genf (Chouët) 1650, S. 954.

32 Dies ist die im Neuen Testament am häufigsten gebrauchte Bezeichnung; sie taucht an die sechzigmal auf.

33 Siehe 2 Petr 2, 11.

34 In der Fachsprache der Ontologie wird grundsätzlich mit Wesen das Sosein in statischer Betrachtung (ESSENDI PRINCIPIUM: das, wodurch etwas gerade das ist, was es ist: seine Wesenheit oder Washeit [QUIDDITAS]) verstanden, und mit Natur dasselbe Sosein in dynamischer Betrachtung als Tätigkeitsprinzip (OPERANDI PRINCIPIUM: Prinzip der Entwicklung des Seienden).

Wird jedoch dem Begriff Natur der Begriff Übernatur gegenübergestellt, so verbindet man die so unterschiedene statische und dynamische Betrachtung; und gemeint ist dann in der Regel im besonderen der Mensch als Geschöpf GOttes. – Zur Natur in diesem Sinne (dem ORDO NATURAE) gehören drei Merkmale.

Erstens alles, was das besondere Wesen eines Menschen innerlich begründet, also seine (durch die Geburt ihm verliehene) Washeit. – Zweitens alles, was aus dem Wesen des Menschen spontan hervorgeht (wie Anlagen, Talente, Kräfte) oder doch durch eigene und fremde ausbildende Beeinflussung daraus hervorgehen kann (wie Kunstfertigkeit). – Drittens alles, was ausserhalb des Menschen liegt, aber doch zu seinem Fortbestehen (wie Nahrung, Luft), zu seiner Tätigkeit, zu seiner Entwicklung (wie Gesellschaft, Staat) und zu seiner Zielerreichung (wie Gotteserkenntnis) notwendig ist.

Will man die genannten drei Merkmale auf ihren kürzesten Ausdruck bringen, so kann man sie mit einem Worte als Naturanspruch (DEBITUM NATURAE) bezeichnen: als das, was erfordert wird, damit das Geschöpf in seiner Art vollkommen sei. – Daher die Definition: NATURA SIVE NATURALE EST OMNE ID, QUOD ALICUI REI DEBETUR (ID EST: QUOD CONSTITUTIVE VEL CONSECUTIVE VEL EXIGITIVE PERTINET AD ALIQUAM CREATAM).

Übernatur heisst alles, was nicht \“natürlich\“ im definierten Sinne ist. Wenn also das Natürliche dasteht als etwas dem Menschen Geschuldetes (DEBITUM NATURAE), so kann das Kennzeichnende des Übernatürlichen bloss im Gegensatzbegriff des Ungeschuldetseins (INDEBITUM NATURAE) liegen. – Dies ist vornehmlich im positiven Sinne zu verstehen: es tritt etwas hinzu zu dem mit allem Notwendigen ausgerüsteten Geschöpf, und zwar als freies Geschenk (DONA GRATUITA) der göttlichen Liebe.

Weil jedoch das Übernatürliche nicht über oder neben der Natur schwebt, sondern wie ein aufgepfropftes Edelreis in der Natur ist und wirkt, so muss es weiterhin als Zugabe der Natur (NATURAE SUPERADDITUM) bestimmt werden. Es ist also das Übernatürliche eine zur Natur des Geschöpfes hinzugefügte, ungeschuldete Gabe GOttes.

Von daher ist es zunächst einmal falsch, das Übernatürliche übersinnlich, geistig, transzendental, überirdisch, jenseitig, unendlich, übervernünftig, religiös oder dergleichen zu nennen.

Da nun aber das Übernatürliche für die Natur bestimmt ist und in der Natur wirksam ist, so muss in letzterer unbedingt eine eigene passive Potenz (Potenz verstanden als Anlage zum Empfangen eines Aktes) gegeben sein. Diese bleibt zwar gegenüber jeder kreatürlicher Anregung regungslos, tot, leistet aber dem besonderen Einfluss des Schöpfers gegenüber  und zwar ihm allein  Gehorsam.

Diese passive Potenz wird auch Gehorsams-Potenz (POTENTIA OBOEDIENTIALIS) genannt. Sie besteht nach dem Gesagten in der Fähigkeit des Geschöpfes, GOttes Wirken auch über die Grenzen der Natur  jedoch ohne deren Aufhebung  zu empfangen und entgegenzunehmen.

Die Gehorsams-Potenz ist damit die Voraussetzung für das Wunder und für die übernatürliche Begnadung des Menschen.

Siehe vertiefend hierzu Thomas von Aquin: Summa Theologiae 1-1, q. 115, a. 2, ad 4 sowie Summa Theologiae 3, q. 1, a. 3, ad 3; Alfons Lehmen: Lehrbuch der Philosophie auf aristotelisch=scholastischer Grundlage. Erster Band, 3. Aufl. Freiburg (Herder) 1909, S. 325 ff. sowie Joseph Pohle: Lehrbuch der Dogmatik. Neubearbeitet (so!) von Josef Gummersbach, Bd. 1, 10. Aufl. Paderborn (Schöningh) 1952, S. 434 und die dort angegebene Literatur.

Nebenbei: feinfühlige Künstler und Dichter spüren, dass auch harmonische Klänge, dass Musik als passive Potenz von GOtt in sämtliche Lebewesen angelegt sei. Der deutsche Lyriker Joseph von Eichendorff (1788-1857) schreibt dahingehend etwa:

Schläft ein Lied in allen Wesen Die da leben fort und fort, Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort.

35 Siehe Dan 7, 10 (\“MILLIA MILLIUM MINISTRABANT EI, ET DECIES MILLIES CENTENA MILLIA ASSISTEBANT EI…\“), Offb 5, 11 (\“… ERAT NUMERUS EORUM MILLIA MILLIUM …\“). Vgl. auch Mt 26, 53, Hebr 12, 22 (\“… MULTORUM MILLIUM ANGELORUM FREQUENTIAM …\“).  Jedoch: \“IN ANGELIS NON EST NUMERUS QUI EST QUANTITAS DISCRETA, CAUSATUS EX DIVISIONE CONTINUI: SED CAUSATUS EX DISTINCTIONE FORMATUM\“, wie Thomas von Aquin (Summa Theologiae 1-1, q. 50, a. 3) hervorhebt; dort im Textzusammenhang auch die ausführliche Begründung.

36 Chor vom griechischen chorós (lateinisch: COHORS) = aufgrund ganz bestimmter Merkmale zusammengehörende Menge, Schar. – Siehe zu diesen Chören Eph 1, 21, Kol 1, 16.

37 Siehe Gen 3, 24.

38 Siehe zu deren Auftreten Jes 6, 2-4.

39 Jung-Stilling hatte in Strassburg Medizin studiert und dort auch promoviert. Danach wirkte er sieben Jahre hindurch als praktischer Arzt und Geburtshelfer im heutigen Wuppertal. Dazu war er zeitlebens auch als Augenarzt tätig; er befreite an die 3 000 Menschen durch Operation aus der Blindheit und dürfte etwa 20 000 Patienten ophthalmologischen Rat angedient haben. An der Universität Marburg hielt er (als ordentlicher Professor der Ökonomik) an der Medizinischen Fakultät Übungen in Ophthalmo-Chirurgie ab.

Gemäss einem Gelöbnis forderte Jung-Stilling von den zu operierenden Patienten kein Honorar. Viele baten ihn nun herbei (der Augenarzt reiste zu jener Zeit noch zu den Patienten; die Reise Blinder war zu umständlich und – da ja auch immer eine Begleitperson mitkommen musste – auch zu aufwendig) und versprachen ihm Geld und Gut. Waren sie aber geheilt, so erinnerten sie sich in der Regel nicht mehr ihrer Versprechen. Jung-Stilling geriet daher immer tiefer in Schulden. – Siehe Gustav Adolf Benrath: Johann Heinrich Jung-Stilling, in: Karl Corino (Hrsg.): Genie und Geld. Vom Auskommen deutscher Schriftsteller, 2. Aufl. Nördlingen (Greno) 1988, S. 129 ff.

Siehe zur ärztlichen Seite des Wirkens von Jung-Stilling Gerhard Berneaud-Kötz: Jung-Stilling als Arztpersönlichkeit. Laienmediziner, Arzt, Augenarzt und Staroperateur, in: Michael Frost (Hrsg.): Blicke auf Jung-Stilling. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1991, S. 19 ff. und die dort (S. 39) angegebene Literatur sowie Johann Heinrich Jung-Stilling: Geschichte meiner Staar Curen und Heylung anderer Augenkrankheiten, Hrsg. von Gerhard Berneaud-Kötz. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1992, S. 21 ff. Vgl. auch Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Lexikon Medizin. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996, S. 9 ff.

40 Schutzengel von Jung-Stilling; siehe Anm. 9.

41 Siehe etwa Mt 18, 10, Apg 12, 15, Hebr 1, 14, Ps 90, 11 ff.

Im Neuen Testament sind Engel auch sehr eng mit der Heilsgeschichte verflochten. Sie verkünden die Ankunft CHristi und dienen IHm (Mt 4, 11), nehmen teil an der Freude über die Bekehrung der Sünder (Lk 15, 10), an der Entwicklung der Kirche (1 Kor 4, 9, Eph 3, 10); Engel bringen die Gebete der Heiligen GOtt dar (Offb 8, 2-4), beschützen die Kleinen (Mt 18, 10), die Apostel (Apg 12, 15), geleiten die Gerechten im Tode zu GOtt (Lk 16, 22) usw. – Auch am Weltgericht werden sie mit CHristus teilnehmen (Mt 16, 27; 13, 39; 24, 31; 25, 31, 1 Kor 15, 52, 1 Thess 4, 16, 2 Thess 1, 7).

42 Siehe Jes 6, 6 ff.

43 Siehe Mt 18, 10, Apg 12, 15.

44 Siehe Dan 10, 12 ff., Sach 1, 12.

45 Siehe Apg 16, 9.

46 Siehe Sach 1, 10 ff.

47 Der seherische Emanuel Swedenborg (1688–1772), ein hervorragender Naturforscher, Mathematiker und Techniker. Seine \“Himmlischen Geheimnisse\“, zuerst achtbändig 1749–1758 in London erschienen und bis heute immer wieder aufgelegt, enthalten eine Reihe von nicht biblisch belegten Aussagen zu den Engeln, manches wohl in Anlehnung an die bekannte Schrift \“Über die himmlische Hierarchie\“ des hochgelehrten und erleuchteten Dionysios Areopagita (auch Pseudo-Dionysius genannt, eines syrischen Autors um die Wende vom 5. zum 6. Jahrhundert), die durch die Zeiten Verbreitung fand.

Jung-Stilling schätzte Swedenborg und verteidigt ihn gegen den Vorwurf des Betrugs; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde (Anm. 1), S. 90 ff (auf S. XVI wird der Name falsch \“Swedenburg\“ und auf S. 91 falsch \“Schwedenborg\“ geschrieben); S. 97 f. Kritik an Swedenborg. – Siehe auch Gerhard Merk: Zum religiösen Denken von Jung-Stilling, in: Offene Tore, Bd. 44 (2000), S. 23–35.

Einer der engeren Freunde von Jung-Stilling, ein Kaufmann aus Elberfeld, traf sich mit Emanuel Swedenborg in Amsterdam; siehe den ausführlichen Bericht darüber in Dialogform auf S. 93 ff.  Beinebens schätzte Jung-Stilling diese Darstellungsweise; siehe Hans Grellmann: Die Technik der empfindsamen Erziehungsromane Jung-Stillings. Ein Beitrag zur Empfindsamkeit der Aufklärung, neu Hrsg. von Erich Mertens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1993, S. 145.

Bei dem in der \“Theorie der Geister=Kunde\“ auf S. 93 ff. erwähnten Kaufmann und \“Mysticker im reinsten Verstand\“ dürfte es sich sehr wahrscheinlich um Johann Rütger Lausberg (1720–1801) gehandelt haben, einem frühen Gönner von Jung-Stilling und Freund seines Schwiegervaters Peter Heyder (1723–1785). –Jung-Stilling nennt diesen Gesprächspartner von Swedenborg an anderer Stelle Herrn Liebmann (Jung-Stilling gibt in seiner \“Lebensgeschichte\“ fast allen Personen und Orten eigene Namen); siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 3), S. 260 f., S. 269 sowie Rainer Vinke: Jung-Stilling und die Aufklärung. Die polemischen Schriften Johann Heinrich Jung-Stillings gegen Friedrich Nicolai (1775/76). Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 1987, S. 87 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Bd. 129). In diesem hervorragenden Werk S. 102–129 eine (kritische) Darstellung der Zeit des Wirkens von Jung-Stilling in Elberfeld und schliesslich auch Leo Reidel: Goethes Anteil an Jung-Stillings \“Jugend\“. Neu herausgegeben und bearbeitet von Erich Mertens. Siegen (J. G. Herder-Bibliothek Siegerland) 1994, S. 104 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 29).

48 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde (Anm. 1), S. 375 sowie Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades (Anm. 4), S. 86.  Vgl. zu jener Frage auch Thomas von Aquin: Summa Theologiae 1-1, q. 108, a. 8 (UTRUM HOMINES ASSUMANTUR AD ORDINES ANGELORUM); in diesem Artikel unterscheidende Abwägung dieser Ansicht mit Deutung der bezüglichen Schriftstellen Mt 22, 30 und Lk 20, 36.

49 Siehe Joh 12, 31 (\“… PRINCEPS HUIUS MUNDI …\“), 2 Kor 4, 4 (\“… DEUS HUIUS SAECULI …\“).

50 Siehe Mt 8, 16, Lk 6, 18; 10, 20; 11, 26; 24, 39, Apg 19, 12, Eph 6, 12 (hier wird der reine Geist in geraden Gegensatz gestellt zum leiblich-geistigen Menschen).

51 Siehe Lk 24, 39 (\“… SPIRITUS CARNEM ET OSSA NON HABET …\“).

52 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades (Anm. 4), S. 69.

53 Siehe Tob 12, 19 (\“VIDEBAR [VIDERI = scheinen, gefolgt vom Nominativ mit Infinitiv; hier Imperfekt des Indikativs, also: \“ich schien zwar mit euch …\“] QUIDEM VOBISCUM MANDUCARE ET BIBERE, SED EGO CIBO INVISIBILI ET POTU, QUI AB HOMINIBUS VIDERI NON POTEST, UTOR\“, sagt der Engel Raphael zu Tobias). – Vgl. auch Thomas von Aquin: Summa Theologiae 1-1, q. 51, a. 2 (UTRUM ANGELI ASSUMANT CORPORA) zur feineren Unterscheidung.

54 Siehe Gn 6, 2.  Das \“VIDENTES FILII DEI (im griechischen Text steht angeloi = Engel) FILIAS HOMINUM, QUOD ESSENT PULCHRAE, ACCEPERUNT SIBI UXORES\“ bezieht sich nicht auf die Heirat von Engeln, sondern von Menschen: nämlich zwischen den guten Sethiten und den schlimmen Kainstöchtern. Dies klärt der Textzusammenhang ganz eindeutig und zweifelsfrei.

55 Die Umwohnung (Umsessenheit, CIRCUMSESSIO) ist eine bloss äusserliche Bedrängung durch einen bösen Geist, dessen Ziel es ist, den Menschen zu quälen.

Der Apostel Paulus berichtet von solchem Quälgeist: siehe 2 Kor 12, 7 (\“… DATUS EST MIHI STIMULUS CARNIS MEAE ANGELUS SATANAE, QUI ME COLAPHIZET [vom griechischen colaphos = Faustschlag].\“), 1 Tess 2, 18 (\“… VOLUIMUS VENIRE AD VOS, … SED IMPEDIVIT NOS SATANAS\“). Vgl. auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde (Anm. 1), S. 189 ff.  Vgl. über die Natur der Dämonen Thomas von Aquin: Summa Theologiae 1-1, q. 64 und über ihre Macht, Menschen zu quälen, Summa Theologiae 1-1, q. 114 (DE DAEMONUM IMPUGNATIONE) sowie Summa Theologiae 3, q. 49, a. 2.

56 Besessenheit (POSSESSIO, ENERGEMA) im strengen Sinne. Bei ihr ergreift der unreine Geist den Leib und die niedrigen Seelenkräfte des Menschen und beherrscht sie gewaltsam so, dass dieser auch den Gebrauch der höheren Seelenkräfte mehr oder minder verliert und als williges Werkzeug des Teufels erscheint. Siehe hierzu Thomas von Aquin: Summa Theologiae 1-2, q. 80, a. 2.

57 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades (Anm. 4), S. 92 ff.

58 Jung-Stilling charakterisiert die \“aufgeklärten\“ Geistlichen seiner Zeit sehr gut in seinem vierteiligen Roman \“Das Heimweh\“, 1794 bis 1796 erschienen. – Siehe hierzu übersichtlich zusammenfassend Otto W. Hahn: Jung-Stillings \“Heimweh\“, in: Michael Frost (Hrsg.): Blicke auf Jung-Stilling. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1991, S. 125.

59 Siehe Joh 12, 31.

60 Siehe Mt 1, 24, Lk 4, 34.

61 Siehe Mt 10, 1, Mk 3, 10, Lk 9, 1; 10, 17.

62 Siehe Mt 9, 32; 12, 22, Mk 9, 16 ff., Lk 11, 14.

63 Siehe Mt 8, 28-30, Mk 5, 2-20, Lk 8, 28 30.

64 Siehe Mt 17, 14-17 (Fallsucht), Lk 13, 11-16 (Gicht).

65 Ein männlicher Patient hatte einen stark juckenden Ausschlag über dem ganzen Körper. Der Kliniker (wahrscheinlich Jung-Stillings akademischer Lehrer Professor Johann Christian Ehrmann) verordnete bei der Visite eine Arznei zum Einnehmen, warnte aber mit Nachdruck den Kranken vor irgendwelchen Einreibungen der Quaddeln.

Indes, eine alte Frau überredete den Patienten, eine von ihr mitgebrachte Salbe zu benutzen. Der Mann starb daraufhin unter Qualen; die Frau kam für drei Monate in Arrest. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Gesellschaftliche Mißstände. Eine Blütenlese aus dem \“Volkslehrer\“. Berlin (Duncker & Humblot) 1990, S. 36 f.

66 Siehe (die Texte grösstenteils im Wortlaut) bei Heinrich Schmid: Die Dogmatik der evangelisch=lutherischen Kirche dargestellt und aus den Quellen belegt. Erlangen (Heyder) 1843, S. 147 ff., S. 166 f.

67 Siehe hierzu das bekannte Werk des katholischen Theologieprofessors Herbert Haag: Abschied vom Teufel. Vom christlichen Umgang mit dem Bösen, 9. Aufl. Düsseldorf, Zürich (Benziger) 2000 sowie Herbert Haag (Hrsg.): Teufelsglaube, 2. Aufl. Tübingen (Katzmann) 1980.

Andererseits wird der \“Abschieds-These\“ auch widersprochen; siehe aus der reichhaltigen Literatur Walter Kasper (Hrsg.): Teufel, Dämonen, Besessenheit. Zur Wirklichkeit des Bösen, 2. Aufl. Mainz (Grünewald) 1978 (Grünewald Reihe); Irmingard Hofgärtner: Teufel und Dämonen. Zugänge zu einer verdrängten Wirklichkeit, 2. Aufl. München (Pfeifer) 1985; Willem C. van Dam: Dämonen und Besessene. Die Dämonen in der Geschichte und Gegenwart und ihre Austreibung, 2. Aufl. Stein am Rhein (Christiana) 1975, Lisl Gutwenger (Hrsg.): \“Treibt Dämonen aus!\“ (Matthäus-Evangelium 10,8) Von Blumhardt bis Rodewyk. Vom Wirken katholischer und evangelischer Exorzisten. Stein am Rhein (Christiana) 1992 sowie Alfred Läpple: Engel & Teufel. Wiederkehr der Totgesagten. Eine Orientierung. Augsburg (Pattloch) 1993.

Tief geht diesem Fragenkreis auch nach Ute Leimgruber: Kein Abschied vom Teufel. Eine Untersuchung zur gegenwärtigen Rede vom Teufel im Volk Gottes. Münster (Lit) 2004 (Reihe Werkstatt Theologie, Bd. 2).

Nachdem man sich fröhlich vom Teufel verabschiedet hat, wurde folgerichtig als nächstes auch GOtt entthront und abgesetzt: IHn gibt es jetzt nicht mehr. Siehe hierzu den Weltbestseller von Richard Dawkins: Der Gotteswahn, 10. Aufl. Berlin (Ullstein) 2007. Der englische Originaltitel lautet The God Delusion; ähnliche Titel von Dawkins hatten zuvor schon weltweit Millionen-Auflagen erreicht.

Siehe zur umfangreichen Literatur hierzu Alister McGrath, Joanna Collicutt: Der Atheismus-Wahn. Eine Antwort auf Richard Dawkins und den atheistischen Fundamentalismus, 2. Aufl. Asslar (Gerth-Medien) 2008, Renate Biller: Und Gott existiert doch! Warum Richard Dawkins nicht recht hat. Weltanschauliche Fragen und Antworten. Frankfurt am Main (August-von-Goethe-Literaturverlag) 2009 sowie David Robertson: Briefe an Dawkins. Ein Pfarrer und Kolumnist antwortet auf die atheistische Großoffensive und Dawkin’s Bestseller \“Der Gotteswahn\“. Basel, Gießen (Brunnen) 2008.

68 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Sachgerechtes Wirtschaften. Sechs Vorlesungen. Berlin (Duncker & Humblot) 1988, S. 50, S. 61 sowie Badische Landesbibliothek (Hrsg.): Jung-Stilling (Anm. 8), S. 98 (Titelblatt-Kopie des Theobald-Romans von Jung-Stilling mit dem Motto: \“Mittelmaß die beste Straß\“).

69 Gemeint ist die \“Theorie der Geister=Kunde\“, siehe Anm. 1.

70 Washeit hier gleich Wesenheit (QUIDDITAS); siehe Anm. 34. Vgl. auch 1 Kor 12, 20.

71 Siehe Kol 2, 18, Offb 19, 10; 22, 9.

72 Jung-Stilling war reformierter Konfession. Seine Heimat, das Fürstentum Nassau-Siegen, nahm um das Jahr 1533 die lutherische Reformation und 1578 den Calvinismus an; siehe Gerhard Specht: Johann VIII. von Nassau-Siegen und die katholische Restauration in der Grafschaft Siegen. Paderborn (Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens) 1964, S. 8 ff.

\“Ich habe einmal den festen Grundsatz angenommen, mich zu keiner anderen äußeren Partei zu bekennen als zu der Evangelisch-Reformierten, in welcher ich geboren bin\“, schreibt Jung-Stilling 1798; siehe Hermann Müller: … wenn die Seele geadelt ist. Aus dem Briefwechsel Jung Stillings. Giessen und Basel (Brunnen-Verlag) 1967, S. 51.

73 Jung-Stilling bedauert sehr, dass Bilder \“unserer vollendeten verklärten Brüder\“ – bloss wegen des Verdachts auf Missbrauch – \“mit dem Bann belegt\“ wurden; siehe Jung-Stilling-Lexikon Religion (Anm. 7), S. 71.

74 Siehe Ps 150, 1 (\“LAUDATE DOMINUM IN SANCTIS EIUS\“), Ps 67, 36 (\“MIRABILIS DEUS IN SANCTIS SUIS\“).

75 Siehe Offb 7, 9 ff.

76 Siehe Jak 1, 17, 1 Kor 15, 10.

77 Siehe Röm 15, 30, Jak 5, 16.  Als Holofernes (Feldherr des assyrischen Königs Assurbanipal) die Stadt Bethulia hart belagerte, kamen der Stadtvorsteher Ozias und die Ältesten der Stadt zu Judith, damit sie zu GOtt bete (Jud 8, 29: \“NUNC ERGO ORA PRO NOBIS, QUONIAM MULIER SANCTA ES, ET TIMENS DEUM\“). – Ebenso bat man Samuel um sein Gebet für die Israeliten, als die Philister sie bedrängten (1 Kön 7, 8: \“NE CESSES PRO NOBIS CLAMARE AD DOMINUM DEUM NOSTRUM, UT SALVET NOS DE MANU PHILISTHINORUM\“).

78 Siehe über die Darbringung der Gebete vor GOtt Offb 5, 8; 8, 3 ff.

79 \“ITE AD SERVUM MEUM IOB, … IOB AUTEM SERVUS MEUS ORABIT PRO VOBIS\“; siehe Ijob 42, 8 ff.

80 Jung-Stilling war mit Johann Wolfgang Goethe (1749–1832) in jüngeren Jahren eng befreundet. Siehe Gerhard Schwinge: Prophet und Weltkind. Jung-Stilling und Goethe, in: Badische Landesbibliothek (Hrsg.): Jung-Stilling (Anm. 8), S. 112 ff. sowie Gustav Adolf Benrath: Jung-Stilling, Goethes Freund, in: Siegerland, Bd. 76 (1999), S. 135 ff.

Siehe zum häufig eingebrachten Vorwurf des \“Aberglaubens\“ in Bezug auf die Verehrung von Gegenständen fein abwägend Thomas von Aquin: Summa Theologiae 2-2, q. 94, a. 1 (UTRUM IDOLOLATRIA RECTE PONATUR SPECIES SUPERSTITIONIS).

81 Siehe Anm. 4.

82 Der Basler Prädikant Johann Jakob Faesch (1759–1835) brachte eine ziemlich gehässige Rede gegen Jung-Stilling als Broschüre (Predigt über den Gespenster=Glauben, nach Timotheum IV. v. VII. Gehalten in der Kirche St. Theodor, den 9ten Weinmonat 1808. Auf hohes Begehren und dem Wunsche mehrerer ansehnlichen [so!] Zuhörer gemäß zum Druck befördert. Basel, in der Schweighauserschen Buchhandlung zu haben) in Umlauf; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades (Anm. 4), S. 54 ff.

83 Der Basler Antistes (Landes-Superintendent) Emanuel Merian (1732–1818) verfasste ein Gutachten gegen die \“Theorie der Geister=Kunde\“ von Jung-Stilling; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades (Anm. 4), S. 39, S. 119 (je ein Portrait von Antistes Merian), S. 101 ff.  Die \“Theorie der Geister=Kunde\“ blieb aufgrund des Gutachtens im Kanton Basel verboten. Siehe auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe (Anm. 2), S. 478 f.

84 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades (Anm. 4) S. 92 f. – \“Meine Theorie der Geisterkunde muß wohl dem Satan ein Dorn in den Augen seyn, daß er sich immer dagegen regt\“, schreibt Jung-Stilling wohl zu recht; siehe: Der graue Mann eine Volksschrift. Sieben und zwanzigstes Stück. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1813, S. 300.

85 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades (Anm. 4), S. 171.

86 Siehe zum Zeitbegriff der Hölle Christlieb Himmelfroh: Jung-Stilling belehrt (Anm. 1), S. 16:

\“Ein kleiner Vogel tut sich nahn
All‘ tausend Jahr dem Ozean,
Wo er am Ufer niedersinkt,
Ein Tröpfchen Salzeswasser trinkt.

Wenn dieser hat getrunken leer
Das ganze Wasser, jedes Meer,
Dann ging die Uhr der Höllen-Zeit
Den Zehntteil der Sekunde weit.\“

87 Siehe Mt 4, 3-10.

88 Siehe Mk 4, 15.

89 Siehe Mt 13, 39.

90 Siehe Lk 22, 3 und 31.

91 Siehe Mt 16, 18.

92 Siehe Joh 12, 31; 14, 30, 10, 11.

93 Siehe Röm 5, 12 sowie Jung-Stilling-Lexikon Religion (Anm. 7), S. 33.

94 Siehe Haltaus Unverzagt: Hat Jung-Stilling Recht? (Anm. 1), S. 47 ff.

95 Siehe Eph 1, 4-10.

96 Siehe hierzu vertiefend Gerhard Schwinge: \“… wie aus einer andern Welt…\“. Jung-Stilling und Johann Peter Hebel, in: Michael Frost (Hrsg.): Blicke auf Jung-Stilling (Anm. 58), S. 63 ff. sowie derselbe: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht)1994, insbes. S. 265 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32):

97 Siehe Jung-Stilling-Lexikon Religion (Anm. 7), S. 44 (\“Wir können gewiß versichert seyn, daß der Herr jedes gläubige Gebet erhört, wir erlangen immer etwas dadurch, was wir ohne unser Gebet nicht erlangt haben würden, und zwar das, was für uns das beste ist\“).

SIT DEO GLORIA ET LECTORI BONUM, VERUM, PULCHRUM
.



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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