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Vom Glück als dem Ziel eines jeden Menschen

veröffentlicht am

Zur nützlicher Aufklärung und Aufmunterung erweislich aufgezeigt durch den hochgelehrten, lebenserfahrenen und bis anhin unvergessenen

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817),
der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor,
seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübergang ab 1803 Badischer Hofrat,
durch Verleihung 1808 Grossherzoglich Badischer geheimer Hofrat;

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg/Lahn, dortselbst auch Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät; davor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik – einschliesslich der Tiermedizin – an der Universität Heidelberg und vorher seit 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern,

weiland Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld (heute Teil der Stadt Wuppertal), dortselbst auch seit 1772 praktischer Arzt, Geburtshelfer und öffentlich bestellter Brunnenarzt sowie Dozent in Physiologie; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der königlichen Sozietät der Wissenschaften in Frankfurt/Oder, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch der erlauchten
Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied

Wortgetreu aufgeschrieben, hiernächst mit aller Geflissenheit gereimt, sodann gleichbalden mit hülfreichen Anmerkungen dienstfertig ergeben ausgeziert und – durchdrungen von der Wichtigkeit der Botschaft – mit eifervollem Bestreben andurch ins Internet gestellt, jeden Leser dabei unter Anwünschung freundwilligen Grusses allermassen gÖttlicher getreuer Obhalt und englischen Schutzes sonderheitlich wohl empfehlend
von
Haltaus Unverzagt
zu Salen, Grafschaft Leisenburg*

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Markus-Gilde, Siegen

Copyright by Markus-Gilde, Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland). Die gewerbliche Nutzung des Textes bedarf der schriftlichen Einwilligung des Copyright-Inhabers. – Der hier wiedergegebene Text ist eine leicht veränderte Fassung aus dem Buch: \“Hat Jung-Stilling Recht?\“, das im Verlag der Jung-Stilling-Gesellschaft in der Reihe \“Jung-Stilling-Schriften\“ 1992 als Band 2 erschienen ist; ISBN 3-928984-01-2.

mailto: merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de

Contents

Unterbruch der Bahnstrecke wegen Unglücks

Zu Leipzig auf dem Bahnsteig stand
Mit einem Koffer in der Hand
Ich wartend auf den Zug soeben,
Als öffentlich bekanntgegeben:
Ob eines Unfalls bis nach drei
Die Strecke unterbrochen sei!

Soeben schlug es grade acht:
Ich war um einen Tag gebracht,
Weil nun der Anschlusszug nach Haus
Fiel sonder Zweifel für mich aus.
Ich musste deshalb danach trachten
Ein weitres Mal zu übernachten,
Was reisst bekanntlich ja ins Geld:
Und damit bin ich knapp gestellt!

Als dieses eben ich besinne,
Spontan zu fluchen ich beginne:
Doch so, dass über meinen Mund
Kein Laut tut sich nach aussen kund.
Ich schimpfe nur in mich hinein,
Um mich von Ärger zu befrein.

Jung-Stilling und Siona zeigen sich

Da plötzlich sagt ein Mann zu mir:
\“Was hadert denn so scheusslich ihr,
Statt eurem lieben GOtt zu danken,
Der euch mit Gnade tat umranken:
Sonst wärt auch ihr in Leid und Not,
Vielleicht sogar beim Unglück tot!\“

Ich war verängstigt, völlig baff;
Mein Körper fühlte an sich schlaff:
Nicht weit – bloss einen Katzensprung –
Stand Hofrat Johann Heinrich Jung!1

Er lächelte mich freundlich an;
Der Schreck zu lösen sich begann,
Als wurde mir nun doch gewahr,
Dass er sich heut bot wieder dar,
Um mir zu helfen, mir zu nützen,
Mich vor mir selber zu beschützen.

\“Herr Hofrat2 Jung\“, sprach ich ihn an,
\“Zu Leipzig ich sie sehen kann?
Was haben sie zu tun denn hier?
Sind sie – wie ich – Bahn-Passagier?\“ –

\“Mein Stillings-Freund:3 ihr habt viel Zeit.
Dass euch das Warten wird nicht leid,
Will heut ich mich euch zugesellen;
Ihr könnt derweil mir Fragen stellen.
Ich schlage vor, dass wir uns setzen:
Auf jener Bank lässt gut sich schwätzen.\“

Handgepäck wird in das Hotel zurückgebracht

Ich folgte Stilling auf die Bank,
Auf der erschöpft ich niedersank.
Die Bank war weit, mein Koffer schwer,
Und ich bin nicht der Jüngste mehr!
Jung-Stilling merkte wohl erst jetzt,
Wie mir der Weg doch zugesetzt.

\“Trennt euch, Herr Haltaus, vom Gepäck
Und gebt in sichre Hand es weg.
Es wird in das Hotel gebracht,
Wo ihr bleibt nochmals über Nacht.
Man hält bereit dort euer Zimmer,
So dass ihr seid belastet nimmer.\“

Noch ehe ich mich recht versah,
Kam Stillings Engel Siona.2
Er reichte freundlich mir die Hand,
Nahm meinen Koffer und verschwand.

Frage nach dem Glück als Ziel wird aufgeworfen

Jung-Stilling sah mich fragend an;
Worauf zu sprechen ich begann.
\“Herr Hofrat Jung! Ich danke ihnen,
Dass sie mir möchten wieder dienen.
Ich habe einen Sack voll Fragen;
Von diesen will ich eine tragen
Vor sie zuerst an diesem Morgen.
Es blieb bislang mir noch verborgen,
Worauf sie führen letzt zurück
Des Menschen Ziel, das gleich dem Glück.

Verdrüssiges Aufplustern mit Latein

Es schrieb dazu in einem Werk
Ihr treuer Stillings-Freund G. Merk
Und sandte mir ein Exemplar.5
Doch stellt der Text sich schwer mir dar,
Weil vieles schliesst der Autor ein
In Sätze gänzlich mit Latein!

Ich finde es ein starkes Stück,
Dass Merk greift rücksichtslos zurück
Auf eine Sprache, die doch heute
Verstehn selbst nicht studierte Leute,
Ja, deren Kenntnis ging verloren
Sogar im Kreis der Professoren.
Vielleicht ist da verhüllt dabei
Gepluster, Protz, Angeberei.\“ –

Jung-Stilling zur Belehrung bereit

\“Herr Haltaus: was Freund Merk dort schrieb,
Ist gut und richtig im Prinzip.
Wenn lest ihr es ein zweites Mal,
Trifft euch Verstehen wie ein Strahl.
Ich kann es schwer euch besser sagen,
Wie Merk es dort kurz vorgetragen.
Doch will ich keineswegs mich zieren
Und gern für euch es kurz skizzieren.

Zeugt Latein von elitärer Überheblichkeit?

Gestattet mir zuvor Replik
Noch eben kurz auf die Kritik. –
Als ihr beschwingt die Jugendzeit
Vertrödelte bei Freund und Maid,
Entbehrtet nicht des Wohlstands-Schirmes,
Vergnügtet euch bei Tanz und Kirmes,
Musst‘ Merk – wie mancher andre – lernen,
Um zu entfleuchten Mietskasernen,
Wo Armut, Hunger, Not gedieh,
In denen aufgewachsen sie.

Man gab mitnichten ihnen ein
Im Erbgut allbereits Latein!
Sie mussten büffeln jedes Wort
Und Tests bestehn in einem fort;
Denn wer als Faulpelz sich erwies,
Man damals von der Schule stiess,
Und gute Note in Latein
Bedingung war noch allgemein
An jeder Universität
Zum Eintritt in die Fakultät
Für Medizin, Theologie,
Physik, Chemie, Philologie.

Drum haltet bitte euren Neid
Für die, so es verdient bereit;
Noch besser: messt mit andrem Masse:
Zupft ihr euch an der eignen Nase!

Jung-Stilling als Freund der lateinischen Sprache

Beinebens eignet dem Latein
Die Eigenschaft, dass ziemlich rein
Es fasst begrifflich, was gedieh
Im Schosse der Philosophie.
Denn dieser Sprache innrer Geist
Sich allem wahlverwandt erweist,
Was klar und deutlich, kurz doch rein
Vom Denken muss ergriffen sein.

Lest, Haltaus, nur hier in den Noten,
Wie in Latein wird dargeboten
Die Inhaltsdeutung von Begriffen:
Das ist exakt, präzis, geschliffen!
Vergleicht damit, wie es sich liest,
Wenn man in Deutsch dasselbe giesst.

Definition von Glückseligkeit

(1) Lasst Ausgang diesmal nehmen mich
Von etwas, was ganz sicherlich.
Wie die Erfahrung uns belehrt,
Ein jeder Mensch das Glück begehrt.
Das Glück, auch die Glückseligkeit,
Ein Zustand ist, wo macht sich breit
Befriedigung, die ganz vollkommen:
Ein Hochgenuss zu unsren Frommen.7

(a) Ein solcher Zustand kund sich tut,
Wenn geht es uns in allem gut.
Das heisst zum ersten negativ:
Wir fühlen frei uns subjektiv
Von allen Übeln, jedem Leiden.
Zum andern können wir uns weiden
In alldem, was das Herz begehrt:
Genuss des Guten ganz uns nährt.
Das Gute ist der Gegenstand,
Wodurch uns Glück wird zugewandt.

Erstrebt wird der dauerhafte Besitz des Guten

(b) Erfahrung lehrt: mit Glück beladen
Ist man zu mannigfachen Graden.
Doch steht ganz sicher an der Spitze
Ein Glück, das dauernd man besitze.
Denn nirgends ist Glück dort vollkommen,
Wo Furcht besteht, es wird genommen;
Und wo dies ist, spürt allezeit
Im Herzen tief man Bitterkeit.
Euch ist stets widerfahren es:
Ihr wisst ja auch von Damokles.8

Individualität des Glücksstrebens

(c) Dass alle Menschen, die je leben,
Nach Glücklichsein, Erfüllung streben,
Heisst nicht, dass auf dieselbe Weise
Ein jeder sich des Glücks befleisse!
Der eine sucht es hie zu finden,
Der andre da an sich zu binden.
Ja, selbst sogar noch im Verbrechen
Sich manche auch ihr Glück versprechen!

(ca) Die bösen Menschen sind drum böse,
Weil diese durch das Maliziöse
Versuchen, Glücklichsein zu fassen:
Das gilt für den, der bloss muss prassen,
Wie für den andren, der in Gier
Versinkt in Wollust, Unzucht schier;
Als auch für den, der raffen muss:
Sucht in der Habgier sich Genuss,
Sowie für jenen, der sich weidet,
Wenn jemand Unglück, Pech erleidet.
Doch will ich dem Gedanken-Strang
Nicht weiter heute gehen entlang.

Glücksstreben als angeborener Drang im Menschen

(d) Die Philosophen, sonst zum Streit
Ob jeden Satzes gern bereit,
Erstaunlich stimmen überein,
Dass jeder Mensch will glücklich sein.
Das Streben nach Glückseligkeit
Liegt sicher in der Wesenheit
Des Menschen: es ist Grund-Struktur,
Bestandteil, Kern der Mensch-Natur.9

Verstand und Wille zielen auf das Wahre und Gute

(e) Wenn `Mensch-Natur´ ich eben sagte,
Schliesst ein dies, dass sie überragte
Das Tier in zwei ganz grossen Dingen:
Verstand und Wille sie umringen!

(ea) Verstand kann Wahres, Gutes sehen,
Der Wille strebend dahin gehen.
Doch ist Verstand10 nicht fähig bloss,
Dass er erkennt meist mühelos
Nur dieses, jenes Gute, Wahre.
Er ist begabt, dass er gewahre,
Das Gute, Wahre allgemein,
Und dem stimmt auch der Wille ein.11

(eb) Ich nenne wahr, was dauerhaft
Beim Menschen Glück und Nutzen schafft:
Was völlig seinem Zweck entspricht
In irdischer wie ewger Sicht. –
Befriedigt Wille und Verstand
Sind letzt nur, wenn wird voll umspannt
Das ganze Wahre, alles Gute:
Erst jetzt der Mensch im Glück voll ruhte.

Vorübergehendes und dauerhaftes Glück

(2) Nun lasst darauf zurück mich kommen,
Dass wir in jedem Glück beklommen,
Weil herb uns die Erfahrung lehrt:
Kein Glück auf Erden dauernd währt!

(a) Das Glück nur dann vollkommen wäre,
Wenn nicht Verlust-Furcht er beschwere,
Das heisst: wenn ohne End es ist,
Sich ewig bleibend uns ermisst.
In diesem Fall nur macht sich breit
Ein Zustand der Vollkommenheit.

(b) Bestimmt ist jedes Menschen Ziel,
Dass ihn Vollkommenheit befiel.
Ein jeder spürt stets diesen Trieb,12
Der angelegt ihm im Prinzip:
Sich in Glückseligkeit zu laben,
Auf Dauer, ewig Glück zu haben.

(c) Wenn oft hier das Wort `Ziel´ erscheint,
Dann ist damit stets nur gemeint
Des Wesens innre Sinnbestimmung:
Der `letzten´ Stufe Schluss-Erklimmung;
Beim Mensch das dauerhafte Glück,
Wohin sein Wesen strebt zurück:
Die letzte Sprosse auf der Leiter,
Von wo man will und kann nicht weiter.

Des Menschen andre Ziele alle
Sind Schritte dahin: Inter-Valle:
Manchmal nach oben, oft nach unten,
Bis letzt das Endziel wird gefunden.13

Drang zum Glück weist auf dessen Erreichbarkeit

(d) Weil nun der Trieb zum Glück will Dauer,
Zu sagen anders es genauer:
Da tief im Menschenherz gedeiht
Die Sehnsucht nach Vollkommenheit,
Muss dieses auch erreichbar sein:
Das Glück kann jeder schliessen ein!
Jedweder Mensch ist vorbestimmt,
Dass er Vollkommenheit erklimmt.

Nichterreichbarkeit des Zieles wäre existentieller Fehler, wäre inkonsequent und machte jeden Menschen von vornherein beständig unglücklich

(e) Zu leugnen diese Konsequenz,
Das hiesse klärlich letzten Ends:
Dass jeden Menschen tief durchzieh
Im Grunde schrill Disharmonie,
Weil angelegt er auf ein Ziel,
Das ganz ins Aussichtslose fiel,
Weil es ja schliesslich unerreichbar:
Als sinn-los stellt sich hierob dar.

(f) Es hiesse weiter auch sodann.
Die menschliche Natur zeigt an,
Dass ohne Zweck sie sei und Sinn:
Sie plätschert nur so vor sich hin.

Wenn auf das Ziel des Menschen man
Vom Grundtrieb aus n i c h t schliessen kann,
Darf auch nicht folgern man etwa:
Das Auge ist zum Sehen da,
Und schlusswidrig sich dann bemisst:
Das Ohr bestimmt zum Hören ist!

Nicht erreichbares Glück würde den Menschen weit unter das Tier stellen

(g) Es wäre endlich zweifelsohne
Der Mensch als GOttes Schöpfung Krone
Viel schlimmer dran im Leben hier
Als alles Viehzeug, jedes Tier.

(ga) Wenn das Getier hat Ruh und Fressen,
Kann es den Himmel schon ermessen.
Nach dauernder Glückseligkeit
Es nicht in seinem Innren schreit.
Ihm fehlt davon ganz die Idee,30
Kann drum bewusst nicht werden je.

Verzweiflung beim Menschen, dem die Idee der Glückseligkeit vorgegeben ist

(gb) Im Menschen aber ist beständig
Verlangen, Sehn-Sucht stark lebendig,
Glückseligkeit doch zu erreichen;
Es drängt den Menschen sondergleichen,
Der Seele Hunger bald zu stillen,
Zu lenken darauf allen Willen.

(gc) Gesetzt, das Glück sei nie zu kriegen.
Dann muss im Mensch Verzweiflung siegen,
Weil – anders wie bei jedem Tier –
Vernunft erkennt wohl die Begier,
Indes Bewusstsein allezeit
Gibt herb kund Hoffnungslosigkeit.

Wille und Verstand des Menschen sowie Luststreben

(3) An dieser Stelle möchte ich
Zunächst genauer äussern mich,
Wie stehen in Zusammenhang
Im Menschen Wille, Lust und Drang.

(a) Einjeder Mensch hat ja im Ganzen
Gemein mit den Gewächsen, Pflanzen
Verlangen einmal nach Ernährung,
Sodann nach Wachstum und Vermehrung.

(b) Mit Tieren teilt der Mensch das Streben,
Empfindung, Lust auch zu erleben.
Das Wort `Empfindung´ drückt aus hier,
Dass gleich beim Menschen wie beim Tier
Den Sinn man über Reiz kann rühren,
Geschmack, Geruch, Gesicht verspüren.15

(c) Und schliesslich ist der Mensch umspannt –
Nur er! – mit Wille und Verstand.
Wie die drei Stränge sich vertragen
Im Menschen-Innern, lasst mach fragen.
Wie solln sie zueinander stehen
Im Dienst des Menschen Wohlergehen?

Harmonie von Lust, Wille und Verstand

(4) Die Antwort einzig recht ist die:
Es müssen stets in Harmonie
Zusammenwirken die Faktoren:
Zum Gleichklang diese sind erkoren!

(a) Sie dürfen schon nicht, wie ich mein,
Geschieden voneinander sein,
Weil Einheit der Natur alsdann
Es unmöglich doch geben kann.
`Natur´ meint eines Dinges Wesen,
Insofern es ist auserlesen,
Prinzip zu sein, das wirkt agil:
Schafft hin, peilt an mit Kraft sein Ziel.

Ein jeden Wesens Tätigkeiten
Bewegung sind: ein stetes Gleiten,
Durch welches es sein Ziel ermisst.
`Natur´ nichts andres darob ist,
Als das gemeinsame Prinzip
(Der Motor gleichsam in Betrieb)
Von allen diesen Tätigkeiten,
Die hin zum Ziel bewegend schreiten.16

(b) Jedoch: wo einzig ein Ziel nur,
Muss einzig sein auch die Natur;
Wie auch die Einheit der Natur
Ein einzges Ziel erfordert nur.

(c) Nun ist es aber sonnenklar,
Dass menschliche Natur stellt dar
Ein Ganzes, welches einheitlich.
Die Leistungs-Kräfte, deren sich
Jedweder Mensch normal erfreut,
Sind Kräfte, welche fest vertäut
In einziger Natur sich finden
Und zum Bewusstsein sich verbinden.

Des Menschen ganze Fähigkeiten
Bloss e i n Verstand tut denkend leiten;
Ein einzig Augenpaar nur sieht,
Was um den Mensch herum geschieht;
Ein einzig Herz im Körper schlägt;
Ein einzig Hirn bloss überlegt.
Wenn eine Fähigkeit nur leidet,
Ist ganz dies auf den Mensch verbreitet.

(d) Da also jeder Mensch hat nur
Bloss eine einzige Natur,
Kann folgerichtig auch allein
Ein einzges letztes Ziel nur sein.
Und daraus lässt sich wieder schliessen:
Es müssen auch zusammenfliessen
Die Strebe-Kräfte irgendwie
Beim Menschen selbst in Harmonie.
Ja, letztlich ist die Mensch-Natur
Durch die harmonische Struktur
Der Strebe-Kräfte definiert:
Zusammenwirken sie fundiert!17

Art und Weise des harmonischen Zusammenwirkens

(5) Doch eine Frage tut sich auf:
Wie ist denn der Zusammenlauf?
Zu klären mithin bleibt das Wie
Der aufgezeigten Harmonie.

(a) Verschmelzung aller Kräfte wäre
Ein Weg, der Harmonie beschere.

(aa) Doch ist Verschmelzung undenkbar,
Weil so die Kräfte ganz und gar
Vernichtigt würden: Hören, Sehen
Nebst andren müssten dann vergehen
Zu Gunsten einer neuen Kraft
Mit rätselhafter Eigenschaft.
Der Mensch wär ein ganz andrer dann
Als der, den trifft man wirklich an.

(ab) Im Tonreich leitet her sich nie
Durch Laut-Verschmelzung Harmonie.
Es sind zu bringen hier die Töne
In ein Verhältnis, dass aufs Schöne
Und stimmig tönt die Melodie:
Dass Wohlklang die Musik durchzieh.
So tut es Not den Streb-Vermögen,
Dass ein Verhältnis sie bezögen,
Das – gleich gelungner Melodie –
Zum Gleich-Klang führt: zur Harmonie.

Unterordnung der niedrigen Kräfte unter die geistigen

(b) Aus dem die Frage nun sich stellt:
Wie Harmonie man denn erhält?
Die Antwort: wenn geflissentlich
Ergeben niedre Kräfte sich
Der Herrschaft geistiger Vermögen.
Sie Unterordnung so bezögen.

(ba) Nicht annehmbar ist zweifellos,
Dass nebenordnen sie sich bloss.
Auch muss man durchaus von sich weisen,
Dass niedre Kräfte Meister heissen.
Denn ganz der Logik es entspricht:
Vernunft gebührt das Hauptgewicht!

(bc) Gesetzt ist in der ganzen Welt:
Stets Niedriges ist so gestellt,
Dass allen Höhren es muss dienen:
Zur Seite stehen, helfen ihnen.
So Unbelebtes auf das Ganze
Ernährt, verpflegt und hegt die Pflanze.
Die Pflanze aber dient dem Tier,
Das untersteht dem Menschen hier.

(c) So muss es auch im Menschen sein:
Tatsächlich tritt bei ihm ja ein
Das Fleisch und Blut ganz zum Erhalt
Der Sinnes-Lebens mannigfalt
(Wie Hören, Sehen, Tasten, Schmecken,
Auch Düfte riechend zu entdecken),
Und dieses Boden, Sockel ist,
Dass Geist recht seine Bahn bemisst.

(ca) Die niedren Kräfte, Fähigkeiten
Den Menschen also drum begleiten,
Dass Geistes-Kräften diese dienen:
Sind nur Mittel, Werkzeug ihnen
Und dürfen keineswegs sich rühren,
Wenn dazu nicht Befehl erführen
Sie seitens des Verstands wie auch
Vom Willen, regelnd den Gebrauch.18

(cb) Geschieht dies nicht, ist jemand bald
Ganz unter niedrer Kraft Gewalt;
Verstand und Wille werden schlapp;
Der ganze Mensch baut sichtlich ab:
Getrieben wie ein wildes Tier
Reizt ihn am Ende bloss die Gier.
Er weidet sich an Fresserei,
Versinkt in Unzucht, Schmutzerei.

Der Worte mehr versag ich mir,
Zu diesem Umstand besser hier,
Weil ich zu meinem eignen Schaden
Verschloss mich ganz dem Aquinaten,19
Aus Trotz auch leider alles mied,
Was schrieb der grosse Stagirit,20
Den meist noch heut in frommen Kreisen
Man einen `Irrgeist´ pflegt zu heissen.

Was kann den Menschen letztlich beglücken?

(4) Herr Haltaus: lasst mich prüfen jetzt:
Was mag den Mensch beglücken letzt?
Ich will fünf Eigenschaften nennen,
Um solch ein Gut klar zu erkennen.

(a) Zunächst ist nötig, dass begehrt
Um seinetwillen, weil selbst Wert,
Vom Menschen jenes Gut nur werde.
Es wäre nicht das Strebenswerte,
Wenn es als Mittel wollte man,
Um andres Gut zu kriegen dann.
Ersichtlich wäre dieses Gut
Dann nimmer höchstes absolut.

Wenn ihr auf solchen Masstab achtet
Und alle Güter nun betrachtet,
So fallen sie heraus auch schon:
Es fehlt stets diese Dimension!

(b) Als zweites muss dies höchste Gut
Für immer sein; das heisst: es ruht
Und bleibt auf Dauer, lebenslänglich,
Abseits der Zeit und unvergänglich.
Ist dieses aber nun nicht so,
Dann ist der Mensch nicht wirklich froh.
Es herrscht die Sorge um Verlust:
Man ist des Ends sich stets bewusst.
Prüft hier, Herr Haltaus: welche Güter
Beglücken ewig die Gemüter?

(c) Es hat zum Dritten jenes Gut
Dazu noch dieses Attribut:
Es muss von Übeln ganz befreien,
Denn letztes Glück kann nicht gedeihen,
Wo Sorge, Kümmernis und Schmerz
Beschleichen etwann noch das Herz.
Das schliesst auch aus, dass uns bedroht
Die Furcht vor Alter, Krankheit, Tod,
Was wohl bei jedem im Gemüt –
Zuweilen wenigst – knospt und blüht.

(d) Zum vierten muss das höchste Gut
Bewirken, dass nun völlig ruht
Der Trieb, der uns zum Guten drängt.
Sie Sehn-Sucht dahin ist gesprengt,
Weil nun ja die Glückseligkeit
Besiegelt ist für alle Zeit.

(e) Als letztes Merkmal sei genannt,
Dass jeder Mensch hat in der Hand,
Dies höchste Gut auch zu erlangen,
Weil jeder mit dem Drang umfangen,
Den mit dem Menschsein er erhielt:
Mit Macht nun auf Erfüllung zielt.
Ich habe hierzu vorhin mich
Schon klar geäussert sicherlich.

Irdische Güter können den Menschen letztlich nicht beglücken

(5) Liegt auf der Erde in den Dingen
Die Fähigkeit, dass sie erbringen
Die aufgezählten Eigenschaften
Allein, zusamt, im Massenhaften?
Die Antwort kann doch hier nur sein
Ein unbedingtes, klares `Nein´!

(a) Kein einzig Gut – auch nicht das Geld! –
Den Menschen letzt zufriedenstellt.
Die Güter werden ja erstrebt,
Dass man erhält sich, dass man lebt,
Und nicht um ihrer selber willen:
Weil letzten Drang nach Glück sie stillen.

Hingegen Geld ist Mittel bloss,
Zu kriegen Güter mühelos.
Das Geld als Medium zum Glück
Weist auch mein Stillings-Freund zurück
In einem Beitrag, den tun da
Die `Acta Monetaria`,
Ein Jahrbuch, das – ganz nebenbei –
Fand Freunde droben vielerlei.21

(b) Auch scheiden aus ganz Ruhm und Ehre,
Weil damit jemand man beschere
Als Zeichen bloss für Fähigkeiten,
Für Leistung, für Geschicklichkeiten.
Beachtet, was zum Hintergrund
Von Ruhm und Ehre ich tat kund.22

Ansehen und vor allem Macht sind Mittel zum Guten, aber auch zum Schlechten

(c) Was Macht und Ansehn anbelangt,
Wovon ein Mensch ist hier umrankt,
So sind sie deutlich Mittel bloss
Zum Wohle andrer tadellos
Sich zu gebaren, zu verhalten:
Die Mitwelt nützlich zu gestalten.

(ca) Beinebens wurde stets durch Macht
Gewalt und Terror auch entfacht;
Doch Tyrannei mit Zwang und Wut
Ist weit entfernt vom höchsten Gut:
Dies bringt aus seinem Wesen Frieden,
Erfüllung jedem Menschen nieden.

(cb) Schon ob der Möglichkeit, dass Macht,
Zu falscher Anwendung gebracht,
Stets richtet Übel, Unheil an,
Ganz ausgeschlossen werden kann,
Dass sie das letzte, höchste Gut,
In dem das Glück der Menschen ruht.

(cc) In Bühnenwerken, in Romanen,
In Filmen, Fernseh-Stücken, Dramen,
In Märchen, Opern wie in Sagen
Empor oft Macht und Ansehn ragen
Als höchstes Ziel: als Ideal
Von Freiheit, Reichtum, Glück zumal.
Denkt nach, Herr Haltaus, warum so
Die Menschheit stets ins Dunstbild floh?

Ist die Menschenseele das höchste Gut

(d) Man liest: das höchste Gut, das schwele
In Mitten unsrer Menschen-Seele.
Durch Stille und sich Konzentrieren,
Bewegungslos auf Pflanzen stieren
An möglichst fernem, fremden Ort:
Beim Guru weit in Indien dort
Im grossen Kreis von Gleichgesinnten,
Liess in der Seele es sich finden.

Herr Haltaus: das ist Idiotie,
Die schon zu meiner Zeit gedieh
Und jetzt, zu dieser Erdenzeit;
Sich abermals ringsum macht breit.
Doch lasst den Blick mich darauf lenken,
Um dieses gründlich zu durchdenken.

Was ist die Seele?

(da) Die Seele selbst schliesst zunächst ein
Substanz: ein ursprunghaftes Sein;
Als Zweites ihre Fähigkeiten
Und drittens noch die Fertigkeiten.
Als Fähigkeiten sind bekannt
Gedächtnis, Wille und Verstand.
Zum Glück gibt über diese Drei
Es heute kaum mehr Streiterei.
Die Fertigkeiten zeigen an,
Was Seele sich erwarb, gewann:
In Tugend, Kunst und Wissenschaft
Teilt ein man diese vorteilhaft.23

Substanz, Fähigkeiten und Fertigkeiten als höchstes Gut

(db) Dass die Substanz der Seele nicht
Dem Ziel des vollen Glücks entspricht,
Beweisen ihre Fähigkeiten.
Sie sind gleich Armen, die sich weiten,
Dass Güter, deren sie ermangelt,
Die Seele zu sich zieht, sie angelt.
Den Fähigkeiten kommt exakter
Ganz zu ein Instrument-Charakter.
Als Werkzeug können kaum sie sein
Das höchste Ziel: das Glück ganz rein.

Dasselbe gilt für Fertigkeiten,
Die Wille und Verstand bereiten.
Dass sonders auch die Wissenschaft
Mitnichten letztes Glück verschafft,
Weiss der, so sich mit ihr befasst.
Selbst jedem Schwärmer, Enthusiast
Ist heute ja nicht unbekannt,
Dass Wissenschaft, falsch angewandt,
Vermag viel Unheil anzurichten:
Kann selbst die Menschheit ganz vernichten.

Summe aller irdischen Güter als Ziel des Glückstrebens

(e) Falls alle Güter auf der Welt
Man hoch auf einen Haufen stellt,
So hätte selbst auch dieser nicht
Erforderliches Glücks-Gewicht.
Fehlt nämlich dies dem Einzelstück,
Dann bringt die Summe auch kein Glück.
Ein Häufen steht im Widerstreit
Ja auch mit seiner Möglichkeit.

(ea) Gesetzt der Fall, dass schrankenlos
Doch jemand fiele in den Schoss
Rein alles, was man haben kann:
Wär dieser wirklich glücklich dann?
Erfahrung lehrt das Gegenteil!
Befriedigt wird, beglückt mit Heil
Wohl niemand, der an Gütern satt:
Der jedes kennt und alles hat.

(eb) Je mehr der Güter-Zuwachs hier,
So stärker wächst auch an die Gier
Noch mehr zu haschen, mehr zu haben:
Sich raffend, wuchernd zu gehaben.
Ich konnte einst zu Schönenthal
Dies täglich sehen dutzendmal!24

Nur GOtt kann das erstrebte Glücksgut sein

(6) Aus dem, was bisher ich gesagt,
Von selbst die letzte Antwort ragt:
Das Glück des Menschen kann allein
Nur GOtt, sonst aber gar nichts sein!
Das einzig ist die Folgerung
Aus dieser klaren Darlegung.
Bewiesen wird dies logisch auch
Durch Wille und Vernunft-Gebrauch.25

Strebevermögen als indirekter GOttesbeweis

(a) Nun kann man ja argumentieren,
Es würde GOtt nicht existieren.
Ich hole daraus euch zufleiss
Für GOttes Sein den Haupt-Beweis!

(aa) Es strebt von sich aus der Verstand,
Dass volle Wahrheit er umspannt.
Dies Ziel jedoch ist unerreichbar,
Nimmt nur Geschaffenes man wahr.
Nicht dieses Sein, nicht jenes da
Will letzt Verstand erkennen ja:
Befriedigt wird Verstand erst dann,
Wenn alles Sein er fassen kann.26

(ab) Wo aber findet sich vereint,
Was mannigfach als Sein erscheint?
Wo ist die Wahrheit absolut,
Die kund sich bloss bedingt sonst tut?
Allein in GOtt ist dies gegeben!
Verstand hat daher das Bestreben,
Dass er in GOtt befriedigt werde:
GOtt ist das letzt Erkenntniswerte.

(b) Nun will jedoch nicht der Verstand
Erkennen einen Gegenstand.
Das ist ihm keineswegs genug,
Weil an dem Ding ja nur ein Zug.

(ba) Er sucht die Dinge in den Tiefen
Aus Quellen, Ursachen, Motiven
Zu fassen, klären und verstehen:
Will bis zum letzten Grunde gehen.

(bb) Der Dinge letzter Ursprung liegt
Allein in GOtt, so dass versiegt
Das Suchen des Verstands erst dann,
Wenn GOtt er ganz umfassen kann.27

(c) Gleich dem Verstand kann auch der Wille
Befriedigt sein in Glück und Stille
Nur dann, wenn im Besitze er
Von restlos allem Guten wär.

(ca) Doch alles Gute kann allein
In GOtt vorhanden, greifbar sein.
Der Wille, dürstend nach dem Gut,
Drum erst im Fassen GOttes ruht.28

(cb) Die Güter alle, so auf Erden,
Als `gut´ betrachtet können werden,
Soweit sie Teil sind, gleichsam Blüte
An GOttes unerschaffner Güte.29

Ohne Erfüllung in GOtt wäre der Drang nach Glückseligkeit sinnlos

(d) Ich habe bisher letzten Ends
Vorausgesetzt die Existenz
Von GOtt als Schöpfer und als Ziel
Der Menschen, Dinge auch gleichviel.

(da) Der unstillbare Drang nach Glück
Im Mensch zeigt sich als Wesensstück:
Dies ist erweislich, Tatbestand,
Was drum auch keinen Einspruch fand.

Nach dem Gesagten ist auch klar,
Dass dieses Sehnen unstillbar,
Wenn nicht genährt es wird zuletzt:
Dem vollen Guten ausgesetzt,
Das ganz allein es löschen kann:
Zum letzten Ziel es bringt alsdann.

(db) Nun folgt draus aber zweierlei:
Man unterstellt, das GOtt es sei,
Der schuf den Mensch zum Ebenbild
Und der letzt dieses Sehnen stillt.
Die Sehn-Sucht nach dem letzten Glück
In diesem Falle weist zurück
Auf GOtt, der diesen Drang gab ein,
Damit durch dessen Tätigsein –
Der Nadel an dem Kompass gleich –
Ein jeder peilt das Himmelreich.
Geschaffnes Sein so von Natur
Die Hinordnung zu GOtt erfuhr.30

Sinnlosigkeit des menschlichen Seins ohne Glückserreichung

(dc) Schlägt diese Konsequenz man aus,
Dann muss man sagen frei heraus:
Die drängend starke Kraft zum Glücke
Ist eine widerliche Tücke;
Sie wirkt gleich einer Höllen-Pein:
Macht sinnlos so das Menschen-Sein.

Ein töricht Ringen herrscht im Sehnen
Nach etwas, das man bloss kann wähnen,
Doch nie erreichbar jemals ist:
Sich ganz nur als Phantom bemisst,
Als Trugbild, Täuschung, Hirngespinst,
Aus dem letzt bloss Verzweiflung grinst.

(de) Dann muss man weiter folgern auch,
Dass jedes Trachten, jeder Hauch
Nach Höhrem ist nur Eitelkeit:
Dass Leben ganz vermaledeit.

(dfa) Wer gründlich hier zu Ende denkt,
Mit Kraft sein Handeln dahin lenkt,
Dass er geniesst stets zielbewusst
Ein Maximum an Sinnenlust.
Das biologisch Angenehme,
Vergnügliche sowie Bequeme.
Doch kommt das Leid, kauft man den Strick,
Verknotet fest ihn im Genick
Und hängt beförderlichst sich auf:
Entzieht sich seinem Lebens-Lauf.

(dfb) Ihr wisst, dass manche derart denken;
Man soll drum ihnen Achtung schenken,
Weil ehrlich hier und konsequent
Man schliesst von Anfang bis zum End.

Schlimmer als Zweifler und Leugner sind platte Wissenschaftler

Auf Erden noch, fand ich viel schlimmer
Die vielen, welche sinnen nimmer
Woher sie sind, wohin sie gehen,
Derweil sie suchten zu verstehen
Sonst jedes Stäubchen, leeren Kram,
Der nur vor ihre Augen kam.

Ein Wissenschaftler, dem entgeht
(Ganz gleich von welcher Fakultät)
Die Frage, die das Da-Sein stellt,
Auch heut als Tölpel mir missfällt –
Sei sonst im Fach er auch berühmt:
Das sage ich hier unverblümt!31

(7) Der Mensch ist zweifellos bestimmt,
Dass er aufs engste Anteil nimmt
An GOttes Leben, GOttes sein.
Dies tritt durch die Erkenntnis ein,
Dass GOtt die Wahrheit und die Liebe:
Das Schöne, Gute im Prinzipe.

Doch ist es möglich, dass schon nieden
Dem Menschen dieses Glück beschieden?
Die Antwort, Haltaus, muss hier sein
Uneingeschränkt ein klares `Nein´!
Was Solon32 und Ovid33 allschon
Ja, auch der weise Salomon34
Zum Glück auf Erden einst gesagt,
Worum Freund Goethe35 letzt geklagt:
Das alles will ich hier nicht weiten;
Vielmehr gleich zum Beweise schreiten,
Der aus der Sache sich begründet
Und – wie zuvor – in Schlüsse mündet.

(a) Herr Haltaus: ihr bereits ja kennt
Das folgen=reiche Argument:
Weil höchstes Glück ist definiert,
Dass ganz wir sind mit ihm geziert:
Was wir bedürfen um und um
Zur völligen Befriedigung;
Weil dieser Zustand obendrein
Schliesst Fehlen jeder Übel ein,
Kann nimmer uns in diesem Leben
Vollauf Glückseligkeit umschweben.

Übel sind vom Verstand nicht fernzuhalten

(aa) Der Mensch tät sicher allzu gern
Ein jedes Übel halten fern.
Doch ist an diese er gebannt
Zunächst bereits durch den V e r s t a n d,
Der leider – wie ihr selber wisst –
Dem Irrtum unterworfen ist:
Dem sich Verheddern, Übersehen,
Dem Fehlschluss wie dem Missverstehen.

(aaa) Das Wesen GOttes nimmt sogar
Verstand bloss unvollkommen wahr,
Obgleich doch GOtt ist unser Ziel:
Der Anfang und der Schluss gleichviel.
Das Bild, das sich die meisten Leute
Von GOtt gemacht ehdem und heute,
Steckt voller wirrer Vorstellungen:
Ist ganz von Un-Kenntnis durchdrungen.

(aab) Der Christ, durch JEsus selbst belehrt,
Von GOtt umfassend nicht erfährt:
Bloss das, was für das Heil notwendig
Sowie dem Sinn und Herz verständig.
Sehr vieles bleibt jedoch verborgen:
Lässt sich durch Denken nicht entkorken,
Auch kaum durch Theologisieren:
Ein bisschen nur durch Meditieren.

Wille und Neigungen drängen zu ungeregeltem Begehren

(ab) Wenn nun den W i l l e n man betrachtet,
Dann sieht man, wie er oft befrachtet
Durch ungeregelte Begehren,
Die suchen, ihn zu sich zu kehren.
So Hass und Liebe, Zorn und Neid,
Auch Schmerz und Jubel, Freud und Leid
Und viele andre Leiden-Schaften
Versuchen, dass sie sich verschafften
Die Herrschaft über unsren Willen:
Weh dem, der ihr Begehr tut stillen!

(ac) Hinzu denkt auch an N e i g u n g e n
Als böser Art Bezeigungen
Wie Habsucht, Stolz, Vermessenheit,
Verachtung andrer, Missgunst, Neid.

Äussere Übel verhindern das letzte Glück

(ad) Doch dies sind jene Feinde bloss,
Die lauern in dem eignen Schoss.
Verhundertfacht wird böses Streben
Durch Menschen, welche uns umgeben!

Denkt hier an Arglist, Falsch, Intrige,
Gewalt, Verbrechen, Terror, Kriege,
Was alles musste ich erleiden,
Als tat ich durch dies Leben schreiten;
Und ihr, Herr Haltaus, wohl ja wisst,
Dass dies ganz so geschehen ist,
Wie seinerzeit ich es beschrieb:
Dass keineswegs ich übertrieb.36

Wünsche lassen sich nie ganz befriedigen

(b) So wenig wie es hier gelingt,
Dass alle Übel man bezwingt,
Kann nieden je man darauf hoffen,
Dass keine Wünsche bleiben offen.

(ba) Lasst nur erinnern mich daran,
Dass nicht einmal bewahren man
Erworbne Güter dauernd könne.
Wie alles nach und nach zerrönne!

(bb) Wenn `alles´ mit Bedacht ich sage,
Dann drum, weil steht ganz ausser Frage,
Dass nicht bloss Güter auf der Welt
Sind in Vergänglichkeit gestellt.
Selbst auch ein jeder Mensch verloht:
Sein Ende ist gewiss der Tod!

(c) Fasst man zusammen, alsdann muss
Man kommen klar zu einem Schluss:
Dem Mensch ist ganz bestimmt nicht nieden
Vollendung, höchstes Glück beschieden!
Doch irgendwo und irgendwo und irgendwann,
Fasst er sein letztes Glück ja an.
Ist h i e r es aber ausgeschlossen,
Dann muss es dort im J e n s e i t s sprossen!\“37

Jung-Stilling schien noch weit vom Schluss:
Noch strömte der Gedankenfluss.
Miteins jedoch stand wieder da
Vor unsrer Bank Geist Siona.

Engel Siona mahnt zum Aufbruch

\“Der Abend ist hereingebrochen!
Bestimmt habt ihr grad viel besprochen.
Doch nun, Herr Haltaus, mögt ihr schnell
Verfügen euch in das Hotel,
Wo euer Zimmer reserviert,
Ein Platz euch zudem garantiert
Im Restaurant zum Abendessen.
Zwar sind es nicht Delikatessen,
Jedoch bereit steht an Tisch drei
Gedeck mit Leipzig-Allerlei:
Gemüse, Pilze, Suppenfleisch
Bereitet fein, an Würze reich.\“

Ich war verblüfft, ganz fassungslos:
Es war jetzt Abend zweifellos!
Zehn Stunden waren schon vergangen:
Jung-Stillings Worte sie verschlangen.

Jung-Stilling und Siona entschwinden

Es drängte mich, den Zwein zu danken:
Bei Stilling ob all der Gedanken,
Die in mir neue Einsicht weckten,
Des Daseins Sinn ganz neu entdeckten;
Natürlich auch bei Siona,
Dass er so sorgsam mich versah:
Den Koffer mir zum Gasthof brachte,
Sah zu, dass dort ich übernachte.

Doch just als dies ich wollte tun
Und blickte zu den Beiden nun,
Nahm wahr ich, wie sie rasch entschwinden,
Dem Blick des Auges sich entwinden.

Ein blasses Licht sah ich umfloren
Die Stelle, wo sie sich verloren,
Das schwächer wurde nach und nach,
Bis auch der letzte Strahl zerbrach. –

Im Hotel ist alles vorgeordnet

Der Wirt in der Pension schon wusste,
Dass ich hier nochmals schlafen musste.
Mein Zimmer sei ja vorbestellt,
Den Koffer es allschon enthält:
Das alles tät am frühen Morgen
Ein junger Mann bereits besorgen.

Im voraus wollt ich zahlen schon
Den Zimmerpreis in der Pension.
Erstaunt warf ein jedoch der Wirt:
Ich hätte sicher mich geirrt!
Die Rechnung morgens gleich beglich
Der junge Mann bereits für mich.

Text der Belehrung wird dargereicht

Im Zimmer oben angelangt,
Sah ich, dass an dem Koffer prangt
Ein grosser Umschlag, seitlich offen.
Ich hatte Grund, auch jetzt zu hoffen,
Dass abermals mir reichte da
Der Rede Text Geist Siona.

Tatsächlich! Dreizehn grosse Bogen
Entsprachen ganz den Dialogen,
Die eben ich mit Stilling hatte.
Der Nachbericht auf jedem Blatte
Geschrieben stand in einer Schrift,
Die heutigs man nur selten trifft:
Doch die tat zweifelsfrei sich da
Als Handschrift von Geist Siona.
Das Ganze schön gegliedert war,
In Vers und Reim gegossen gar!

Auch waren dieses Mal die Noten
Schon fix und fertig dargeboten.
Es rief in mir hervor zwar Pein
Als sah ich, dass man in Latein
Gefügt hat ganze Sätze an:
Ich frug mich, wem das helfen kann?
Mag sein, dass Furcht herrscht insgeheim,
Dass sich verliere durch den Reim
Wohl hier und da die Transparenz
Auf denkgerechte Konsequenz?

Sprachprobleme

Nun denn: wer gut Latein versteht,
Bestimmt in Überschwang gerät,
Ob logischer Begrifflichkeit
Die nur in deren Geist gedeiht.

Die deutsche Sprache dafür ist
Gut brauchbar für den Utopist,
Perfekt für Fasler und Ästheten,
Artisten, Mimen nebst Poeten
Samt allen Schurken, Heuchlern, Tollen,
Die durch die Sprache täuschen wollen:
Verbergen, was in ihrem Sinn,
Drum quasseln aberklug dahin.

Am Schluss des Ganzen Siona
Tat schliesslich diese Nachricht da:
\“Herr Haltaus! Scheut die Mühe nicht
Und strengt euch an, dass der Bericht
Den Hofrat Jung vom letzten Glück
Heut gab – fürwahr ein Meisterstück –
Gedruckt wird und in Umlauf kommt,
Dass es den Stillings-Freunden frommt.

Man wird vom Jenseits Herzen rühren,
Dass diese mögen deutlich spüren,
Wie dazu ausersehen sie
Zu spenden, dass das Buch gedieh.
Nennt auf den ersten beiden Seiten
Die sämtlichen Persönlichkeiten,
So gaben für den Druck ihr Geld:
Ein Zeugnis so für alle Welt
Gegeben wird, und wahrlich droben
Wird huldvoll man die Spender loben.
Wenn sie im Jenseits treffen ein,
Will ich in ihrer Nähe sein.\“ –

Ich machte auf mich sorgenfrei
Zum Restaurant nun an Tisch drei.
Dort steckte allschon eine Karte
Des Inhalts, dass man auf mich warte.
Ich ass das Leipzig-Allerlei
Und trank noch ein Glas Wein dabei
So sauer, als sei er gewachsen
Am Hang des Fichtelbergs in Sachsen.

Rückfahrt nach Hause

Der Zug am nächsten Morgen fuhr
Ganz pünktlich kurz nach sieben Uhr.
Am übernächsten Tag sodann
Mit Tippen ich daheim begann.
Das hier gedruckte Lehr-Gedicht
In allem jenem Text entspricht,
Den Siona in schönen Lettern
Geschrieben hatte auf den Blättern.

Wer ob des Inhalts etwa knurrt,
Vielleicht auch ob der Form nur murrt,
Der bring die Schelte Haltaus da,
Doch schone bitte Siona!

Anmerkungen, Hinweise, Erläuterungen und Quellen

* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); –  von 1743 an durch Erbfolge Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen); –  im Zuge der territorialen Neuordnung Deutschlands durch den Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); –  nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1946 bis heute Gebietsteil des Kreises Siegen-Wittgenstein des Regierungsbezirks Arnsberg des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf). – Über 70 Prozent der Kreisfläche sind Wälder; Siegen-Wittgenstein steht damit an der Spitze der Bewaldungsdichte in Deutschland.

Salen = bei Jung-Stilling die ehemalige fürstliche Residenzstadt Siegen, heute Universitätsstadt mit etwa 110 000 Bewohnern, am Oberlauf der Sieg (dort 240 Meter über dem Meeresspiegel) gelegen. Die Sieg ist ein 155,2 Kilometer langer, rechter Nebenfluss des Rheins. – Die nächst grösseren Städte von Siegen sind, in der Luftlinie gemessen, im Norden Hagen (83 Kilometer), im Südosten Frankfurt am Main (125 Kilometer), im Südwesten Koblenz (105 Kilometer) und im Westen Köln (93 Kilometer).

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider aber auch in der Zweitauflage ohne Register).

Im wirtschaftsgeschichtlich bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 1) geboren, herangewachsen und hat hier auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Hauslehrer gesammelt.

1 Hofrat Professor Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit (= Philosophie) und Arzneikunde (= Medizin) Doktor. Dieser wurde in letzte Zeit wiederholt auf Erden gesehen. Siehe die entsprechenden Erscheinungsberichte aufgezählt bei Liebmunde Kirchentreu: Johann Heinrich Jung und der Agnostizismus. Bericht über eine nachtodliche Begegnung.. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1999 S. 41 ff. – Diese Veröffentlichung ist unter dem Titel \“jung_stilling_und_agnostizismus.doc\“ in die Files unter der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> eingestellt, jedoch ohne die der Druckausgabe beigegebenen Abbildungen und ohne das Register.

Siehe auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992. – Die \“Lebensgeschichte\“ erschien in vielen Ausgaben. Jedoch genügt nur die von Gustav Adolf Benrath besorgte Version den Anforderungen sowohl des Lesers (grosser Druck, erklärende Noten, Register) als auch des Wissenschaftlers (bereinigter Original-Text; wichtige Dokumente zur Lebensgeschichte) — In kürzerer Form orientiert über das Leben von Jung-Stilling auch Gerhard Merk: Jung-Stilling. ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989.

Siehe zum Wiedereintritt Verstorbener in diese Welt Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, also mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralantiquariat der DDR] 1987), S. 220 ff. – Dieses Werk von Jung-Stilling wurde seit seinem Erstdruck in vielen Ausgaben veröffentlicht und auch ins Englische, Französische, Schwedische und Niederländische übersetzt; siehe die Zusammenstellung bei Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1993 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28).

2 Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Heidelberg durch Erlass seines Landesherrn, des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern (1724/1742-1799), datiert vom 31. März 1785, die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 2), S. 427.

Jung-Stilling hatte dem Wittelsbacher Kurfürsten 1772 seine an der Universität Strassburg eingereichte medizinische Doktorarbeit gewidmet und ihm diese im März 1772 persönlich bei Hofe zu Mannheim überreicht. Die Dissertation trägt die Aufschrift \“SPECIMEN DE HISTORIA MARTIS NASSOVICO-SIEGENENSIS\“; sie beschäftigt sich mit der Geschichte des Eisenerzeugung im Fürstentum Nassau-Siegen. – Mars = hier: FERRUM, QUIA ROMANIS OLIM FERREUS MARS FUIT; siehe zur älteren Metall-Lehre übersichtlich, in drei Thesen geordnet Anton Lütgens: METALLORUM NATURAM ET DIFFERENTIAS EXPLICANS DISSERTATIO PHYSICA. Kiel (Barthold Reuther) 1707.

Die 1538 gegründete Universität Straßburg galt zu jener Zeit als reine \“Arbeits-Universität; \“lustiges Studentenleben\“ (= Bummelei, Zechgelage) und Verbindungen aller Art galten dort als verpönt. Während des Studiums lernte Jung-Stilling unter anderem auch Johann Wolfgang Goethe kennen, der später den ersten Teil der \“Lebensgeschichte\“ von Jung-Stilling zum Druck beförderte. – Siehe Hierzu Leo Reidel: Goethes Anteil an Jung-Stillings \“Jugend\“. Neu hrg. und bearbeitet von Erich Mertens. Siegen (J.G. Herder-Bibliothek) 1994 (Schriften der J.G Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 29).

Alle Naturwissenschaften und so auch die historische Metallurgie waren um diese Zeit noch bei der Medizinischen Fakultät einer Universität angesiedelt. Eigene Technische Hochschulen entstanden, zunächst unter der Bezeichnung \“Polytechnikum,\“ erst später; so in Prag 1803 und in Karlsruhe 1825.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger mancherlei Vergünstigungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt insonders zum Vorteil gereichte) an Wegschranken, Posten, Schildwachen, Stadttoren, Fähren, Übergängen, Brücken sowie an den zu jener Zeit auch innerlands weit verbreiteten Schlagbäumen vor den Post-, Maut- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II. bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die dauernde Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [französisch: Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt.

In Artikel 6 heisst es im einzelnen genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi (nämlich Franz II, der letzte Kaiser des alten Reichs; er legte nach Bildung des Rheinbundes am 6. August 1808 die deutsche Kaiserkrone nieder), tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg du Rhin (= die Schiffahrtsrinne) soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin zu Regensburg (seit 1663 der Tagungsort des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die ihre (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch besondere günstige Umstände (späterhin traten auch verwandtschaftliche Beziehungen mit Frankreich hinzu: sein Enkel und Thronfolger Karl [1786/1811–1818] heiratete am 7./8. April 1806 zu Paris Stéphanie Louise Adrienne de Beauharnais [1789–1860], die knapp 17jährige Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte, dem Kaiser der Franzosen) vergrösserte Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um mehr das Vierfache; die Bevölkerung stieg von 175’000 auf fast 1 Million Bewohner. Die pfälzische Kurwürde ging auf ihn über; Karl Friedrich wurde damit 1803 vom Markgrafen zum Kurfürsten erhoben. – Wenig später rückte er durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf (die 1818 zur Witwe gewordene Grossherzogin Stéphanie nahm übrigens später wieder den Titel \“Kaiserliche Hoheit“ an).

Mit dem Besitzwechsel der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen [seit 1720] Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommerresidenz Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputations-Hauptschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuß des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ DE JURE PUBLICO automatisch zum \“badischen\“ Hofrat.

Im April des Jahres 1808 wird Jung-Stilling dann als Berater des Grossherzogs Karl Friedrich in Karlsruhe (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst hervorhebt) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404 (Anm. 10).

Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. – Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergesslichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27.

Bis anhin ist nicht genau geklärt, wer diese Schrift verfasst hat. Im Vorwort heisst es: \“Euch, ohne Ausnahme Allen, ihr geliebten, bekannten und unbekannten Stillingsfreunden, [so!] die ihr ja auch Christus=Freunde seyd! sind diese Blätter gewidmet. Ihr werdet es nicht lächerlich, nicht unschicklich finden, dass sie so spät erst nach dem Hinscheid [so!] des Unvergesslichen erscheinen, wenn ich euch zum Voraus sage: dass ich, als Weib vorerst Männer ausreden lassen – abwarten wollte mit weiblicher Bescheidenheit, was solche zum Denkmal des Allgeliebten aufstellen würden\“ (Orthographie wie im Original).

Jung-Stilling stand nach seinem, aus eigener Initiative gewählten Abschied von der Universität Marburg ab 1803 im Dienste des Hauses Baden. – Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Jung-Stilling am Hofe Karl Friedrichs in Karlsruhe, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Bd. 135 (1987), S. 183 ff., Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 219 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32) sowie zum Verhältnis zwischen beiden Persönlichkeiten auch Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

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Karl Friedrich (1728/1746-1811) galt in Karlsruhe gleichsam als Übermensch. Nachdem gelegentlich eines Trauergottesdienstes am 1. Juli 1811 der hochgelehrte katholische Stadtpfarrer und (seit 1805) Grossherzoglich Badische Geistliche Rat Dr. Thaddäus Anton Dereser (1757-1827) nicht in den übertriebenen Lobgesang für den Verstorbenen einstimmen wollte, sondern am Rande einer Predigt die teilweise rohe und schamlose Ausplünderung der katholischen Einrichtungen unter seiner Herrschaft beiläufig ansprach, musste er Karlsruhe unverzüglich verlassen.

Siehe zur Person von Dereser die Broschüre von Joseph Gass: Der Exeget Dereser. Eine geschichtliche Studie. Strassburg (Le Roux) 1915 (mit einem Portrait von Dereser), Franz Xaver Münch: Der äußere Lebensgang des Aufklärungstheologen Thaddäus Anton Dereser. Bonn (Dissertation der Katholisch-Theologischen Fakultät) 1929 (auszugsweise im Druck) sowie Karl-Friedrich Kemper: Artikel \“Dereser, Thaddae¬us a Sancto Adama\“, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Bd. 32 (2003), Spalte 222-229.

Siehe zu den unterdrückenden obrigkeitlichen Massnahmen gegen die katholische Kirche unter der Regierungsgewalt der badischen Grossherzöge näherhin (Franz Joseph Mone [1796-1871]): Die katholischen Zustände in Baden, 2 Bde. Mit urkundlichen Beilagen. Regensburg (Manz) 1841/1843 sowie Carl Bader: Die katholische Kirche im Großherzogthum Baden. Freiburg (Herder) 1860. – Sehr einseitig und unsachlich zur Predigt von Dereser auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 485.

Als Beispiel der bei Hofe zu Karlsruhe genehmen Trauerreden katholischer Geistlicher seien erwähnt –  Bernhard Boll: Trauerrede bey der kirchlichen Todten-Feyer seiner königlichen Hoheit Karl Friedrichs, Großherzogs zu Baden, Herzogs zu Zähringen, gehalten in der Haupt- und Münsterpfarrkirche zu Freyburg den 1. July 1811. Freiburg (Wagner) 1811 (der Zisterzienser und Münsterpfarrer zu Freiburg Bernhard Boll (1756-1836) wurde 1827 erster Erzbischof von Freiburg); –  [Gerhard Anton Holdermann]: Beschreibung der am 30ten Juny und 1ten July 1811 zu Rastatt Statt gehabten Trauer-Feyerlichkeit nach dem Hintritte unsers (so!) höchstseligen Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Rastatt (Sprinzing) 1811. Holdermann (1772–1843) war katholischer Pfarrer zunächst in Heidelberg und bis 1829 in Rastatt.

Als elektronische Ressource im Rahmen der \“Freiburger historischen Bestände – digitalisiert\“ ist einsehbar –  die in lateinischer Sprache vorgetragene, an Lobpreisungen überladen-theatralische Rede von Johann Kaspar Adam Ruef (1748-1825): JUSTA FUNEBRIA SERENISSIMO DUM VIVERET AC CELSISSIMO PRINCIPI DIVO CAROLO FRIDERICO MAGNO DUCI BADARUM … DIE 22 JULII 1811 IN TEMPLO ACADEMICO PIISSIMA ET GRATISSIMA MENTE PERSOLVENDA INDICIT JOANNES CASPARUS RUEF. Freiburg (Herder) 1811. – Ruef war Professor des katholischen Kirchenrechts an der Universität Freiburg, Oberbibliothekar und (wie Jung-Stilling seit 1806) Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat.

Gleichsam als Heiligen sieht den Verstorbenen –  Aloys Wilhelm Schreiber: Lebensbeschreibung Karl Friedrichs Großherzog von Baden, 1728–1811. Heidelberg (Engelmann) 1811 (Schreiber [1761–1841]) war seit 1805 Professor für Ästhetik in Heidelberg und ab 1813 bis zu seiner Pensionierung Hofgeschichtsschreiber in Karlsruhe)

Vgl. auch –  Gedächtnißreden bey dem Tode Sr. K. Hoheit des Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Gehalten von den Pfarrern der drey christlichen Confessionen zu Mannheim. Mannheim (Schwan) 1811 (Brochure), in der sich der reformierte, lutherische und katholische Geistliche an Lob auf den verstorbenen Karl Friedrich offenkundig überbieten.

Geradezu bescheiden wirken demgegenüber andere Predigten, wie etwa –  [Christian Emanuel Hauber]: Kurze Abschilderung Sr. Königlichen Hoheit Carl Friedrichs Grosherzogs (so!) von Baden. Karlsruhe (Macklot) 1811 (Brochure); –  Theodor Friedrich Volz: Gedächtnißpredigt auf den Höchstseeligen Großherzog von Baden Karl Friedrich, gehalten den 30. Junius 1811 in der Stadtkirche zu Karlsruhe. Karlsruhe (Müller) 1811 (Brochure). Volz [1759-1813]), in Jena 1778 bereits promoviert, bemüht sich erkennbar um die im Rahmen des Anlasses mögliche Sachlichkeit.

Aufgebläht, schwulstig und völlig kritiklos sind auch viele der zahlreichen Zentariums-Reden auf Karl Friedrich von Baden, wie –  Karl Joseph Beck: Rede bei der akademischen Feier des hundertsten Geburtsfestes des Hochseligen Großherzogs Karl Friedrich zu Baden … Gehalten von dem derzeitigen Prorector der Albert-Ludwigs-Hochschule. Freiburg im Breisgau (Wagner) 1828. Karl Joseph Beck (1794-1838) war Mediziner und Stifter des \“Corps Rhenania\“ in Freiburg.

Überspannt auch –  Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. Bei der Säcularfeier der Geburt des unvergleichlichen Fürsten den 22. November 1828 gesprochen in Mannheim. Mannheim (Schwan & Götz) 1829 (Brochure); Junker hatte sich als Interpret des Philosophen Epiktet sowie als Schriftausleger einen Namen gemacht.

Geradezu als Halbgott stellt den badischen Herrscher dar –  Karl Wilhelm Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn: Gemälde über Karl Friedrich den Markgrafen, Kurfürsten und Großherzog von Baden. Ein Beitrag zur Säkular-Feier der Geburt des unvergeßlichen Fürsten Mannheim (Schwan und Götz) 1828 (Drais [1761–1851] gilt als der Erfinder des Fahrrads (Laufrads, \“Draisine\“); sein Vater war badischer Oberhofrichter und Karl Friedrich sein Taufpate).

Weithin unkritisch gegenüber den augenfälligen Schattenseiten der Regierung von Karl Friedrich neuerdings auch Annette Borchardt-Wenzel: Karl Friedrich von Baden. Mensch und Legende. Gernsbach (Katz) 2006. – Ebenso blendet Gerald Maria Landgraf (Moderate et prudenter, Studien zur aufgeklärten Reformpolitik Karl Friedrichs von Baden [1728-1811] Dissertation Universität Regensburg 2008, im Internet abrufbar) das persönliche Leid vieler Menschen durch der Religionspolitik des Fürsten völlig aus.

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Bei nachtodlichen Erscheinungen wird Jung-Stilling gewöhnlich mit \“Herr Hofrat\“ angeredet, seltener mit \“Herr Geheimrat\“; siehe die in Anmerkung 1 genannten Berichte. Auch Siona, Schutzengel von Jung-Stilling, nennt diesen Dritten gegenüber \“Hofrat Jung\“. – Der Titel ist hier gleichsam als ein fester Bestandteil des Namens (ADJUNCTIO NOMINIS, wie etwa \“Apostel Paulus\“ oder \“Kaiser Karl\“) zu verstehen, und n i c h t als ehrenvolle Benennung (TITULUS HONORIS, wie er zu Lebzeiten Jung-Stillings mit der Verleihung beabsichtigt war).

\“Stilling\“ ist ein individueller Beiname (APPELLATIO PROPRIA; der Sinn dieser Namenszulegung ist beinebens bis heute noch nicht eindeutig und befriedigend erklärt) und wirkt sehr vertraulich. – \“Ohephiah\“ (= der GOtt liebt) ist der Name von Jung-Stilling in der Seligkeit; siehe (Christian Gottlob Barth): Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817.

3 Stillings-Freund meint –  Gönner, Förderer, später –  Verehrer und Anhänger oder –  auch nur begeisterter Leser der Schriften (\“Fan\“: dieses heute gebräuchliche Wort vom lateinischen FANATICUS = begeistert, entzückt) von Jung-Stilling.– Der Ausdruck stammt von Jung-Stilling selbst. Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 213, S. 441, S. 513, S. 536, S. 566. – Auf der anderen Seite gibt es aber auch (bis heute!) \“Stillings-Feinde\“, siehe ebendort, S. 316.

4 Siona = Begleitengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Der Engel zeigte sich Jung-Stilling zu dessen Lebzeiten, entrückte ihn ins Jenseits und diktierte ihm auch in die Feder. Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Karl Rohm Verlag) 1999, S. 220 ff. (S. 279: \“Siona hatte mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert.\“) sowie Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1818, Prolog (Siona begleitet Jung-Stilling in das Himmelreich) und passim.

Bei nachtodlichen Erscheinungen von Jung-Stilling während der letzen Zeit wurde Siona häufig in seiner Begleitung gesehen. Siehe beispielsweise Treugott Stillingsfreund: Erscheinungen im Siegerland. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1987, S. 31, S. 35, S. 38, S. 57, S. 81, S. 87; Gotthold Untermschloß: Begegnungen mit Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Kalliope Verlag) 1988, S. 13, S. 20, S. 28, S. 36, S. 74, S. 108, S. 115, S. 133; Glaubrecht Andersieg: Allerhand vom Siegerland. Siegen (Höpner) 1989, S. 64, S.96, S. 167 oder Freimund Biederwacker: Vom folgeschweren Auto-Wahn. Protokoll einer nachtodlichen Belehrung durch Johann Heinrich Jung-Stilling und vermittels zutätiger englischer Gunst wiedergegeben. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996, S. 12 ff.

Der Name Siona bedeutet letztlich \“die Himmlische\“; siehe die genauere, weitläufige Erklärung dieses Namens bei Philipp Paul Merz: ONOMASTICON BIBLICUM SEU INDEX AC DICTIONARIUM HISTORICO–ETYMOLOCIUM, Bd. 2. Augsburg (Veith) 1738, S. 1161 ff. sowie bei Petrus Ravanellus: BIBLIOTHECA SACRA SEU THESAURUS SCRIPTURAE CANONICAE AMPLISSIMUS, Bd. 2. Genf (Chouët) 1650, S. 627 (hier auch einige seltenere übertragene Bedeutungen wie etwa \“ORNAMENTUM TRACTUS\“ oder \“GAUDIUM TOTIUS TERRAE\“ und \“LOCUS PERFECTISSIMAE PULCHRITUDINIS\“). Beide bis heute kaum übertroffene Werke erfuhren viele Nachdrucke und Übersetzungen.

Jung-Stilling fasst den Engel als weiblich auf. Er spricht Siona an als –  \“unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit\“ (Szenen aus dem Geisterreich, S. 219), –  \“göttliche Freundin\“ (ebenda, S. 223), dankt der –  \“erhabenen Dolmetscherin\“ (ebenda, S. 241), die ihm oft ungesehen als –  \“Engel immer liebvoll zur Seite ist\“ (Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg [Raw’sche Buchhandlung] 1818, 1. Gesang, Versabschnitt 3), –  den Gedankengang leitet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 282), aber –  auch vom Jenseits berichtet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 308) und

 Jung-Stilling (der im Chrysäon Selmar heisst; wahrscheinlich in Anlehnung an seine zweite Ehefrau) auf einer \“Himmels-Leiter\“ zum Sehen führt (Chrysäon, Prolog, Versabschnitt 2; siehe auch Versabschnitt 8) sowie –  zu seiner verstorbenen Tochter Elisabeth (Lisette, 1786-1802) und zu deren Mutter (Jung-Stillings zweiter Ehefrau Selma von St. George, 1760–1790) geleitet (Chrysäon, 4. Gesang, Versabschnitt 2 ff.), –  ihn aber auch von himmlischen Höhen \“in müdes Weltgewühle\“ zurückbringt (Chrysäon, 3. Gesang, Versabschnitt 87).

Siehe zum Verständnis der Engel im religiösen Denken von Jung-Stilling auch Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XX f., S. 30 ff. sowie Gotthold Untermschloss: Vom Handeln im Diesseits und von Wesen im Jenseits (Anm. 1), S. 16 ff. und zum Gesamten Martin Landmann: Ahnungen, Visionen und Geistererscheinungen nach Jung-Stilling. Eine ausdeutende Untersuchung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995. – Diese Schrift ist unter dem Titel \“geistererscheinungen.doc\“ als Download-File bei der Adresse eingestellt (ohne die der Druckausgabe beigegebenen Abbildungen sowie ohne Register)

Vgl. zum Grundsätzlichen aus neuerer theologischer Sicht Herbert Vorgrimler: Wiederkehr der Engel? Ein altes Thema neu durchdacht, 3. Aufl. Kevelaer (Butzon & Bercker) 1999 (Topos plus-Taschenbücher, № 301) mit ausführlichem Literaturverzeichnis (S. 113 ff) sowie Paola Giovetti: Engel, die unsichtbaren Helfer der Menschen, 8. Aufl. Kreuzlingen, München (Hugendubel) 2003 und im Word Wide Web die Adresse

5 Gemeint ist wohl Gerhard Merk: Das ideale politische System nach Jung-Stilling, in: Gertraud Putz et al. (Hrsg.): Politik und christliche Verantwortung. Innsbruck, Wien (Tyrolia) 1992, S. 117 ff.

6 Siehe hierzu Johann Heinrich Jung: Vorschlag zu zweckmäßiger Erleichterung des Selbstunterrichts in Sprachen, sonderlich der Lateinischen, in: Deutsche Monatsschrift, Bd. 1/1793), S. 62 ff.

Überdem übersetzte Jung-Stilling auch die vier Bücher \“Georgica\“ des römischen Dichters Publius Vergilius Maro aus dem Lateinischen ins Deutsche (Johann Heinrich Jung: Virgils Georgikon (so!) in deutsche Hexameter übersetzt. Mannheim [neue Hof= und Akademische Buchhandlung] 1787).

Die Eindeutschung ist zwar hier und da etwas rauh, und die Versifikation lässt an einigen Stellen zu wünschen übrig. Daher erfuhr Jung-Stilling seitens der zeitgenössischen Germanistik harte Kritik (siehe etwa: Allgemeine Deutsche Bibliothek, Bd.81/II. Berlin, Stettin [Nicolai] 1788, S. 666 ff.). Im Gegensatz zu anderen hoch gelobten Übersetzungen sind aber bei Jung-Stilling alle landwirtschaftlichen Fachausdrücke ausnahmslos exakt wiedergegeben.

7 Jedem Menschen eignet von Natur aus ein Streben (als eine angeborene, dauernde Neigung: als innerer Drang [APPETITUS INNATUS = INCLINATIO QUAEDAM AB INTERIORI PRINCIPIO ET SINE COGNITIONE]) nach Glück (auch Glückseligkeit, Seinsvollendung, Vervollkommnung, Selbstverwirklichung genannt; im Griechischen eu)daimoni/a [Eudämonia], im Lateinischen BEATITUDO, im Englischen bliss). Diese Aussage ist –  eine Erfahrungstatsache und –  ein unbestrittener Lehrsatz der Philosophie aller (sonst auch uneiniger) Schulen.

Glück = Abwesenheit aller Übel (wie Krankheit, Hunger, versagte Anerkennung durch die Gesellschaft) und Besitz alles Guten. Das Gefühlserlebnis des Glücks ist die Freude (im Lateinischen GAUDIUM oder LAETITIA, im Englischen happiness)

BEATITUDO, PROUT COMMUNITER AB HOMINIBUS CONCIPITUR, DESCRIBI POTEST \“STATUS BONI PERFECTI\“ SEU \“STATUS BONORUM OMNIUM CONGREGATIONE PERFECTUS\“ (ein Zustand, in welchem man von jedem Übel frei und zugleich im Besitz des Guten ist).

ACCURATIUS DEFINIRI POTEST \“STABILIS POSSESSIO SUMMI ET PERFECTI BONI\“ (einen durch den Besitz alles Guten vollkommenen Zustand) AUT \“PLENTITUDO OMNIUM RERUM OPTANDARUM\“ (AUGUSTINUS: DE CIVITATE DEI I, 5; Vollbesitz alles Wünschenswerten). – Glückseligkeit schliesst also jedes Übel aus und umfasst alle Güter, welche zur vollkommenen Befriedigung irgendwie notwendig sind.

Gut = alles was angemessen oder geeignet ist, einen Menschen zu vervollkommnen, nämlich seinem Streben nach Glück tatsächlich zu dienen. Das Gute ist wahr (es entspricht der vorbildlichen Idee im Verstande, etwa: wahres Gold, wahre Freundschaft) und schön (es erweckt Gefallen als etwas, in dem man befriedigt ruht).

Siehe auch Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. 64 (\“Glückseligkeit\“) und S. 176 (\“Vervollkommnung\“).

8 Der Höfling Damokles pries das Glück von Dionysius (405–367 v. Chr.), Tyrann von Syrakus. Dieser lud ihn daraufhin an eine verschwenderisch ausgezierte, üppige Tafel ein. Über dem Platz des schwelgenden Damokles liess er allerdings ein scharf geschliffenes Schwert an einem Pferdehaar aufhängen. – Dionysius wollte damit nach aussen sichtbar machen, wie er bei seinem viel gerühmten Glück ständig von Todesfurcht geplagt sei; noch heute spricht man von einem \“Damokles-Schwert\“. – Diese Begebenheit schildert ausführlicher Marcus Tullius Cicero: Tusculanarum Disputationes, Buch V, Kapitel 21, Paragraph 61 f.

9 Jedes Wesen strebt mit innerer Nötigung nach der ihm entsprechenden Vollkommenheit oder nach den Gütern, durch deren Besitz es diese erreicht. Dieses Streben zeigt sich besonders bei den Lebewesen, wenn sie sich im Dasein zu erhalten und naturgemäss zu entwickeln suchen. Daher rührt die Neigung her, ihre Fähigkeiten in Beziehung auf den wahren oder vermeintlichen Gegenstand ihrer Vervollkommnung zu betätigen. So erklärt sich auch das Widerstreben gegen den Mangel und die Entbehrung dessen, was ihrer Natur zusagt.

Fähigkeiten meint hier Seelenvermögen, nämlich Kräfte zu seelischen Tätigkeiten. – Sie werden unterteilt in sinnliche (vegetative: die Betätigung erfordert die Teilnahme von Sinnen [Hören, Riechen, Sehen, Schmecken, Tasten] und geistige (sensitive: ihre Tätigkeit vollzieht sich ohne innere Anteilnahme der leiblichen Organe: Verstand und Wille).

Dieses Streben ist n i c h t die Betätigung eines von Erkenntnis geleiteten Strebevermögens (APPETITUS ELICITUS). Es liegt vielmehr allen Einzelbestrebungen und selbst dem Strebevermögen zugrunde.

Das Streben nach Vervollkommnung ist die Natur des Wesens selbst, insofern sie unbewusst und ohne Unterlass nach dem ihr entsprechenden Gute, nach der Vollkommenheit hindrängt, für die es veranlagt ist. Man nennt dieses Naturstreben oder Naturtrieb (APPETITUS INNATUS). – Dieser ist aber nicht lediglich passive, untätige Empfänglichkeit, vervollkommnet zu werden! Er ist vielmehr eine positive, von sich aus tätige Hinordnung zu dem der Natur des Dinges entsprechenden Gute.

NOMINE NATURA INTELLEGITUR IPSA REI ESSENTIA, PROUT EST PRINCIPIUM OPERATIONIS SIVE MOTUS (die Eigenart eines Lebendigen sowie der ihm innewohnenden zielstrebende Kraft [APPETITUS INNATUS] zur Vervollkommnung: zur Glückseligkeit; siehe Anm. 7).

CUM AUTEM HAEC DISPOSITIO A CREATORE PROCEDAT, RECTE CUM DOCTORE ANGELICO DICI POTEST: \“NATURA NIHIL ALIUD EST QUAM RATIO (hier: Wesen) CUIUSDAM ARTIS, SCILICET DIVINAE, INDITA REBUS, QUA IPSAE RES MOVENTUR AD FINEM DETERMINATUM\“ (THOMAS A AQUINO: IN II PHYSICAM ARISTOTELIS I, 14).

10 Der Verstand ist das Denkvermögen des Menschen; besonders die Fähigkeit, Vorstellungen und Beobachtungen durch zusammenschauenden Vergleich und gliedernde Durchdringung zu ordnen. – Zum Begriff \“Fähigkeit\“ siehe Anm. 9.

Manchmal wird zwischen Verstand und Vernunft unterschieden, und die Vernunft dann als Fähigkeit zum abstrahierenden, vergleichenden und zergliedernden Denken bezeichnet. – Die Vernunft ist jedoch offensichtlich eine besondere Funktion des Verstandes ; sie ist also kein eigenes Vermögen, keine eigene Fähigkeit i. S. der Definition in Anm. 9.

INTELLECTUS EST FACULTAS COGNOSCITIVA, QUAE VERSATUR CIRCA ENS, UT VERUM EST PERCIPIENDUM. – OBIECTUM FORMALE INTELLECTUS HUMANI PER SE SPECTATI EST RATIO (hier: Wesen) ENTIS ABSTRACTISSIME SUMPTA SIVE QUIDDITAS (Washeit) MAXIME INDETERMINATA. OBIECTA AUTEM MATERIALIA EIUS ESSE POSSUNT ENTIA QUAELIBET, DUMMODO EI RITE PROPONANTUR.

QAM OB REM POSITIVISMUS (CUIUS AUCTOR PRAECIPIUS AUGUSTUS COMTE [1798–1857] FUIT) OMNINO IMPROBANDUS EST. – DCITUR ENIM, COGNITIONES NOSTRAE NON TRANSCENDUNT PHAENOMENA NATURALIA EORUMQUE LEGES. IDEAS AUTEM PHEAENOMENORUM ACQUIRIMUS EXPERIENTIA ET OBSERVATIONE, EASQUE IN COGNITIONEM SCIENTIFICIAM ELABORAMUS INDUCTIONE. PHILOSOPHI EST PHAENOMENA NATURALIA ACCURATE OBSERVARE (beschreiben), CLASSIFICARE (ordnen) EORUM LEGES INVENIRE (mechanische Gesetzlichkeit erklären). ULTERIOR PHAENOMENORUM PER HYPOTHESIN CAUSAE AB EXPERIENTIA REMOTAE EXPLICATIO FRUSTRA TENTATUR. – HOC IMPROBANDUM EST, QUIA NATURAE INTELLECTUS HUMANI PLANE ADVERSETUR.; VIDE SUPRA.

11 Wille hier verstanden als das geistige Vermögen, kraft freier Selbstbestimmung das Gute als solches anzustreben, sowie einem geistig erkannten (sinnlichen oder übersinnlichen) Übel als solchem zu widerstehen.

Der Gegenstand des Wollens, der um seiner Gutheit willen erstrebt werden soll, muss irgend eine Abgestimmtheit auf die Vervollkommnung des Strebenden enthalten. Wo es sich um ernsthafte Verwirklichung von Wollenszielen handelt, darf der Gegenstand nicht als hier und jetzt für das Subjekt des Strebens unerreichbar erscheinen; denn der Wille kann nicht ernsthaft das Unmögliche und überhaupt nicht das Übel um seiner selbst willen erstreben.

IPSA EXPERIENTIA INTERNA (Selbstbetrachtung) NOBIS CONSTAT: IN NOBIS REVERA (in der Tat, wirklich) ESSE APPETITUM ELICITUM, QUATENUS NOBIS CONSCII SUMUS NOS DIVERSIMODE IN RES INTERNE INCLINARI, SECUNDUM QUOD EARUM AD NOS RELATIONEM DIVERSIMODE APPREHENDIMUS.

ID QUOQUE EXPERIENTIA INTERNA LUCULENTER TESTATUR ESSE IN NOBIS DUPLICEM APPETITUM ELICITUM, RATIONALEM (geistiges Begehrungsvermögen) ET SENSITIVUM (sinnliches Begehrungsvermögen). – NAM ALIQUANDO NOBIS EVIDENS EST NOS PROPENDERE IN BONUM SENSILE SENSU EXTERNO ET INTERNO APPREHENSUM; LICET SIMUL INTELLECTU IUDICEMUS ILLUD BONUM SENSILE NOBIS HIC ET NUNC NON CONVENIRE, ET VOLUNTATE RATIONALI FIRMITER STATUAMUS ILLUD NON APPETERE.

EX QUO PATET ESSE IN NOBIS INCLINATIONEM, QUAE SEQUATUR COGNITIONEM SENSILEM (sinnlichen Gefühlen), DIVERSAM AB INCLINATIONE, QUAE SEQUATUR COGNITIONEM INTELLECTUALEM (geistigen Gefühlen) ALIIS VERBIS: APPETITUM SENSITIVUM DIVERSUM AB APPETITU RATIONALI EST.

QUAE CUM ITA SINT, CONSTAT: –  APPETITUS RATIONALIS ET SENSITIVUS SUNT FACULTATES DIVERSAE AB OMNIBUS ALIIS FACULTATIBUS HOMINIS. –  HI DUO APPETITUS SUNT FACULTATES INTER SE SPECIFICE DIVERSAE. –  APPETITUS RATIONALIS EST IMMATERIALIS (das heisst: die geistige Erkenntniskraft oder das Vermögen, das Seiende überhaupt zu erfassen, ist von sinnlichen Eindrücken grundsätzlich unabhängig) APPETITUS SENSITIVUS EST ORGANICUS (das heisst: seine Betätigung ist an die körperlichen Sinnesorgane als Werkzeuge gebunden). –  UTERQUE APPETITUS COMPREHENDITUR SUB UNO GENERE APPETITIVI. – CF. THOMAS A AQUINO: SUMMA THEOLOGIAE, PRIMA PARS, QUAESTIO 82 (\“DE VOLUNTATE\“).

12 Das Streben nach vollendetem Glück im befriedigten Genusse alles erreichbaren Guten (siehe Anm. 7) lässt sich unmittelbar als eine allgemeine Tatsache des menschlichen Lebens beobachten.

Im Menschen lebt der naturgemässe, unverlierbare und vom freien Willen unabhängige Drang als Grunddrang seines Wesens und Wollens (APPETITUS INNATUS, manchmal auch APPETITUS NATURALIS genannt) nach dem Genusse des Befriedigtseins durch Güter, aus denen er sich diesen Genuss erhofft.

Das Streben nach Glückseligkeit ist aber nicht nur allgemein, sondern auch unwiderstehlich. Kein Mensch kann im Ernst sagen: ich will nicht glücklich sein; ich verzichte auf Glückseligkeit im definierten Sinne (Anm. 7). Jeder Mensch ist genötigt, nach Glückseligkeit zu streben. – In der Wahl der einzelnen Güter freilich ist er frei. Er kann ein Gut für ein anderes hingeben. Er kann beispielsweise die niedrige Lust der Ehre wegen verachten oder um der Lust willen auf die Ehre verzichten. Auf seine Glückseligkeit aber kann er nicht verzichten: hier steht er unter dem eisernen Gesetz der Nötigung. Selbst die bittersten Enttäuschungen, die tiefste sittliche Erniedrigung vermögen den Trieb nach Glückserreichung weder aufzuheben noch zu schwächen.

In diesem Sinne wird Trieb oder (später im Text) Drang hier immer verstanden als APPETITUS INNATUS, ID EST: POTENTIA REI, QUAE NATURALITER PROPENDET IN SUUM BONUM ET FINEM; CF. THOMAS A AQUINO: SUMMA THEOLOGIAE, PRIMA PARS, QUAESTIO 78 (\“DE POTENTIIS ANIMAE IN SPECIALI\“), ARTICULUS 1 (mit sehr feinen Unterscheidungen aufgrund der Einteilungen des Aristoteles).

13 Das Vollkommenheitsstreben oder das Verlangen nach dem Besitz alles der Natur entsprechenden Guten ist schon den vernunftlosen Wesen in ihrer Art allgemein eigen; bei den Tieren durch ihren Instinkt. Auch der Mensch als Vernunftwesen wird naturgemäss angetrieben, die seiner Eigenart entsprechende höchstmögliche Vollkommenheit zu begehren, und zwar so, dass jeder einzelne freie Willensakt von dem Streben (dem APPETITUS INNATUS) auf ein seiner Natur entsprechendes Gute geleitet wird.

Das freie Wollen und Tun gesamthaft bezielt das Erreichen und die Sicherung alles ihm zukömmlichen Guten oder die höchstmögliche Vollkommenheit. Die höchstmögliche Vollkommenheit (Vervollkommnung) ist sonach das naturgemässe Endziel alles menschlichen Wollens.

Endzweck des Menschen ist mit anderen Worten die Glückseligkeit, weil die Vervollkommnung des vernunftbegabten Wesens seine Glückseligkeit ist.

FINIS EST ID, CUIUS GRATIA VEL PROPTER QUOD (ASSEQUENDUM VEL OBTINENDUM) ALIQUID FIT. FINIS CUIUSLIBET REI EST OPERATIO EIUS PROPRIA, VEL AD QUOD PER EAM VENIT, UT DOCET THOMAS A AQUINO: SUMMA THEOLOGIAE, PRIMA SECUNDAE, QUAESTIO 56, ARTICULUS 1. – Ziel (= Finalursache) ist dasjenige, um dessentwillen etwas geschieht oder ein vernünftiges Subjekt handelt, das somit als Künftiges vorweggenommen wird und dadurch das Geschehen ausrichtet.

14 Idee hier verstanden als das im Geiste entworfene Vorbild des Begriffes. – Während der Begriff dem Sein der Dinge folgt und deren Wesen nachbildet, geht die Idee dem Sein der Dinge voraus als ihr ewig vollendetes Urbild, ihr Musterbild, nach dem sie gestaltet werden. So ist die Idee wesenhaft ur=bildiche Ursache oder Exemplarursache (CAUSA EXEMPLARIS).

15 Die Sinnesvorstellungen sind Vorstellungen, welche ein Ausgedehntes, von den vorstellenden Sinnen Verschiedenes darstellen. Man unterscheidet fünf solcher Sinnesempfindungen: Gesicht, Gehör, Geschmack, Geruch und Getast. Siehe Thomas von Aquin: Summa Theologiae, Prima Pars, Quaestio 78, Articulus 3 (ENUMERANTUR QUINQUE: VISUM, AUDITUM, ODORATUM, GUSTUM, TACTUM).

16 Die verschiedenen Bestrebungen im Menschen müssen harmonisch zusammenwirken. Sie können nicht voneinander unabhängig sein, sonst ginge die Einheit der Natur verloren. Wo eine Natur ist, da müssen auch die verschiedenen Kräfte und Strebevermögen einheitlich zusammenwirken.

Die Natur ist ja nichts anderes als das Wesen eines Dinges, insofern es das Prinzip seiner Betätigung in Bezug auf sein Ziel bildet, siehe Anm. 9. – Die Tätigkeiten eines Wesens lassen sich als Bewegungen auffassen, durch die es seinem Ziele zustrebt. Die Natur ist das gemeinsame Prinzip aller dieser dem Ziele entsprechenden Bewegungen. Wo also nur ein Ziel ist, da kann auch nur eine Natur sein, und umgekehrt fordert die Einheit der Natur die Einheit des Endziels, siehe Anm. 9.

Siehe hierzu sehr klar Victor Cathrein: Philosophia Moralis in usum scholarum, 21. Aufl. Freiburg (Herder) 1959, № 12 und ausführlicher Thomas von Aquin: Summa Theologiae, Teil 1,2, Frage 1 (\“Über das letzte Ziel des Menschen\“), Artikel 5 – 8.

17 Die menschliche Natur bildet ein einheitliches Ganzes; sämtliche menschlichen Kräfte sind Kräfte einer Natur. Das sagt uns unser klares Bewusstsein. Dies leuchtet auch aus der gegenseitigen Abhängigkeit deutlich auf, in der die verschiedenen menschlichen Kräfte zueinander stehen. – Wie der Verstand für alle Fähigkeiten im Menschen denkt, so sieht auch das Auge für den ganzen Menschen und arbeitet das Herz für den Menschen gesamthaft.

Wir haben also nur eine Natur und mithin auch nur ein oberstes Ziel! Folglich müssen auch die verschiedenen menschlichen Strebevermögen geordnet und harmonisch zum gleichen Endziel zusammenwirken. Anders ausgedrückt: die menschlichen Strebevermögen in ihrer Gesamtheit und in ihrem harmonischen Zusammenwirken stellen die Natur des Menschen dar.

18 Eine blosse Nebenordnung so ungleichwertiger und verschiedener Vermögen kann nicht angenommen werden – noch weniger die Unterordnung der höheren unter die niederen. Der vernünftige Teil muss notwendig das Übergewicht haben. Es ist in der ganzen Natur Gesetz, dass das Niedere dem Höheren, das Anorganische den Pflanzen, die Pflanzen den Tieren, diese den Menschen untergeordnet sind. Dasselbe muss auch im Menschen der Fall sein.

Tatsächlich dient auch das vegetative Leben im Menschen dem Aufbau und der Erhaltung der Organe des sinnlichen Lebens, und dieses hinwiederum der Entfaltung des geistigen Lebens.

Die niederen Kräfte und Fähigkeiten (siehe Anm. 9 zum Begriff \“Fähigkeit\“ = Seelenvermögen) im Menschen sind also nicht um ihrer selbst willen vorhanden, sondern der geistigen Fähigkeiten wegen. Sie sind Werkzeuge des Geistes und dürfen sich deshalb nicht unabhängig vom Verstand und Willen betätigen, sondern nur in ihrem Dienste und zu ihrem Nutzen.

19 Aquinate = Thomas von Aquin (1226–1274), der das aristotelische Denken mit der christlichen Lehre zu einem Guss verarbeitete. – Vom kirchlichen Lehramt wurde dies zunächst abgelehnt und mit grösstem Misstrauen verfolgt. Erst später erkannte man den hohen Wert der so gewonnenen Glaubensbegründung, noch später die Leistung des Aquinaten zur Grundlegung einer christlichen, gleichwohl aber allen Menschen einsichtigen Gesellschaftslehre.

Thomas von Aquin wurde 1323 von Papst Johannes XXII heiliggesprochen, 1557 von Papst Pius V zum Kirchenlehrer erhoben und 1914 von Papst Pius X zum \“Englischen Lehrer\“ (DOCTOR ANGELICUS) erklärt.

20 Stagirit = Aristoteles (384–323 v. Chr.), geboren in Stagira, im Altertum Stadt an der Ostküste der Halbinsel Chalzidize, daher der \“Stagirite\“ (bei Thomas von Aquin meistens nur \“der Philosoph\“ [\“PHILOSOPHUS\“] genannt.

Jung-Stilling blieb die aristotelische Tugendlehre völlig fremd. In Kreisen der reformatorischen Theologie wurde sie (und wird oft noch heute!) grosszügig als \“heidnisch\“ abgetan, und die zeitgenössische Philosophie verlor sie schier zur Gänze aus den Augen.

Dadurch entgeht Jung-Stilling vor allen, dass jede Tugend –  eine eigen-artige Mittelstellung zwischen Zuwenig und Zuviel einnimmt (VIRTUS IN MEDIO CONSTITIT, CF. THOMAS A AQUINO: SUMMA THEOLOGIAE, PRIMA SECUNDAE, QUAESTIO 64, ARTICULUS 1 ET 2) und –  der Rang einer Tugend vom Grad ihres Bezuges zum Guten abhängt (QUAELIBET VIRTUS TANTO EXCELLENTIOR EST, QUANDO AD ALTIUS BONUM ORDINATUR; CF. THOMAS A AQUINO: SUMMA THEOLOGIAE, PRIMA PARS, QUAESTIO 111, ARTICULUS 5).

Dieser Mangel zeigt sich bei Jung-Stilling in einer schier beispiellosen Prüderie. Er sieht bereits nackte Arme und Beine als eine Schamlosigkeit an; ein nackter Rücken ist für ihn schon eine Unkeuschheit; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Gesellschaftliche Mißstände. Eine Blütenlese aus dem \“Volkslehrer\“, hrsg. von Gerhard Merk. Berlin (Duncker & Humblot) 1990, S. 62 ff. – Jung-Stilling schlief zehn Jahre lang bei seinem Vater im Bett. er hatte aber nie mehr von ihm gesehen als das Gesicht und die Hände, wie auch er seinerseits dem Vater nie mehr zeigen sollte; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Gesellschaftliche Mißstände. Eine Blütenlese aus dem \“Volkslehrer\“, S. 78.

Die schrecklichsten Höllenqualen erleiden bei Jung-Stilling nicht etwa Tyrannen, Mörder oder Betrüger, sondern \“Jünglinge, die sich durch ein gewisses geheimes Laster der Unzucht nach und nach geschwächt haben (Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich [Anm. 4], S. 249).

21 Siehe Friedrich Beutter: Zur ethischen Dimension des Geldes, in: Acta Monetaria, Bd. 1 (1977), S. 22 ff.

22 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Gesellschaft, Leben und Beruf. Geschichten aus dem Volkslehrer, hrsg. von Gerhard Merk. Berlin (Duncker & Humblot) 1990, S. 72.

23 Seele heisst die beim Menschen die im Wechsel der Lebensvorgänge bleibende, unstoffliche Substanz, welche die psychischen Lebenstätigkeiten in sich erzeugt und trägt. Die Seele ist mit anderen Worten eine geistige, vernunftbegabte Substanz und also solche immateriell und einfach.

Substanz ist (dem Wortsinn nach: QUOD SUBSTAT) das Darunter-Stehende bzw. das, was unter den Erscheinungen als das Bleibende steht. Substanz ist das, was sein Sein nicht in einem anderen, sondern in sich und für sich hat. Substanz ist mit anderen Worten ein in sich oder für sich bestehendes Sein (ENS IN SE [PER SE] SUBSISTENS). – Wie das Sein, so trägt auch die Substanz ihren Sinn und Wert in sich selbst und kann deshalb ohne Verweis auf einen Träger definiert werden.

Die Wirkweisen der Seele sind hier in Fähigkeiten und Fertigkeiten unterteilt. – Fähigkeiten der Seele sind Kräfte (POTENTIAE) sinnlicher (vegetativer) und geistiger (sensitiver) Art; siehe Anm. 9. – Eine Fertigkeit (HABITUS) ist eine dauernde Eigenschaft (Disposition), welche durch Übung in einer von Natur vorhandenen Fähigkeit entsteht und dieselbe zu bestimmten Handlungen geneigt macht. – Man kann die Fertigkeiten einteilen in solche der Wissenschaft, Kunst und Tugend.

24 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 292, S. 365. – Schönenthal = Elberfeld.

25 Der Begriff des höchsten Gutes des Menschen fordert notwendig, dass es

 ein durch sich vollkommen genügendes und allein um seiner selbst willen
begehrenswertes Gut sei,
 in sich selbst die Gewähr ewiger, unveränderlicher Dauer trage,
 jedes Übel für immer ausschliesse;

denn nur dann wird das Begehren des Menschen nach Glückseligkeit (APPETITUS INNATUS, siehe Anm. 7) für immer gestillt.

Es ist nun leicht ersichtlich, dass die erschaffenen, irdischen Güter weder einzeln noch zusammengenommen diese drei erforderlichen Eigenschaften haben. Das gilt sowohl für – (a) ökonomische Güter aller Art, – (b) für soziale Güter (Ansehen, Ehre, Macht Ämter), – (c) für körperliche Güter (Leib und Leben selbst, Kräfte, Gesundheit, Schönheit des Leibes) noch – (d) für seelische Güter (Kräfte der Seele: Fähigkeiten (siehe Anm. 9) und Fertigkeiten wie Wissenschaft, Kunst, Tugend). – So bleibt nur das unerschaffene Gut, GOtt, der als höchstes Gut des Menschen seine Vollendung (Glückseligkeit, Vervollkommnung) ausmacht.

In der Tat ist GOtt und ER allein als der Absolute das durch sich vollkommen genügende, in sich und um seiner selbst willen unendlich liebenswerte Wesen; das unveränderliche und ewige, wesenhafte Gut. ER allein vermag völlig das Begehren des Menschen zu befriedigen, das naturgemäss auf den Besitz alles Wahren, Schönen und Guten in Erkenntnis und Liebe hingeordnet ist. Denn GOtt ist absolute Wahrheit, Schönheit und Güte, von dem alle Wahrheit, Schönheit und Güte ausgeht und in dem alle Wahrheit, Schönheit und Güte beschlossen ist.

Siehe auch (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Blicke in die Geheimnisse der Natur=Weisheit denen Herren von Dalberg, Herdern und Kant gewidmet. Berlin, Leipzig (George Jacob Decker) 1787, S. 115 ff. und sehr ausführlich Thomas von Aquin: Summa Theologiae, Prima Pars, Frage 2 ff. sowie Prima Secundae, Frage 4 und 5.

26 \“Zwar weiss ich viel, doch möchte‘ ich alles wissen\“, begehrt Wagner im Faust, der Tragödie erster Teil,1. Szene von Johann Wolfgang Goethe.

27 Der Verstand strebt seiner Natur gemäss nach der vollkommenen Erkenntnis der Wahrheit. Er will die Wahrheit nach dem ganzen Masse seiner Fähigkeiten besitzen; INTELLECTUS NATURALITER INQUIRIT IN RERUM CAUSAS.

Nun geht aber diese Fähigkeit des Erkennens über alles Geschaffene und Endliche hinaus. Der eigentliche Formalgegenstand unseres Verstandes ist ja nicht dieses oder jenes besondere Sein, sondern das Sein als solches. Daher wird der Verstand erst dann befriedigt ruhen, wenn er alles Sein und alle Wahrheit vollkommen erkannt hat.

Wo findet sich jedoch alle Wahrheit vereint? Nur in GOtt, der die wesenhafte Wahrheit und der letzte Grund aller Wahrheit ist. – Also vermag nur GOtt allein den Drang unseres Verstandes nach Wahrheit vollkommen zu befriedigen.

28 Dem Verstand entspricht der Wille. Wie der Verstand nur im vollkommenen Besitz der Wahrheit, so kann der Wille bloss im Vollbesitz alles Guten vollkommen glücklich werden. – Alles Gute findet sich aber nur in GOtt, dem unendlich Guten. Alle endlichen Güter sind nur insoweit gut, als sie an der unerschaffenen Güte GOttes teilnehmen. – Nur der Besitz GOttes vermag daher den nach allem Guten dürstenden Willen ganz zu befriedigen.

CAPACITATEM BEATITUDINIS PERFECTAE NATURAE HUMANAE INESSE, PATET EX NATURA INTELLECTUS ET VOLUNTATIS, QUI OMNIS VERI ET BONI CAPACES SUNT. EORUM OBIECTUM FORMALE ENIM EST VERUM ET BONUM UT SIC. IDEOQUE QUIDQUID HANC RATIONEM VERI VEL BONI HABET, AB IPSIS ATTINGI POTEST. – ATQUI VERUM ET BONUM SUNT RATIONES TRANSCENDENTALES, QUAE TAM LATE PATENT QUAM IPSUM ENS, EXTRA QUOD EST NIHIL. – ERGO REPUGNAT HOMINEM EXTRA DEUM BEATITUDINEM ADSPISCI POSSE. – CF. THOMAS A AQUINO: SUMMA THEOLOGIAE, PRIMA SECUNDAE, QUAESTIO 2, ARTICULUS 8.

29 Gut ist, was einer Sache entspricht, das heisst: der Anlage, der Fähigkeit, dem Triebe oder der Neigung derselben angemessen ist. In dieser Angemessenheit mit der Natur des Begehrenden liegt der Grund, warum ein Ding gut ist. Kein Ding strebt nach etwas, was seiner Natur und Neigung nicht entspricht. Je mehr es ihm angemessen ist, desto besser ist es für ihn.

Je nachdem ein Ding sich selbst oder einem anderen Wesen entsprechend oder gut aufgefasst wird, unterscheidet man das Gute im absoluten und das Gute im relativen Sinne.

Im absoluten Sinne ist jedes Ding irgendwie gut. Denn alles, was ist, hat irgend ein Sein, irgend eine Vollkommenheit, die wenigstens ihm selbst angemessen ist und entspricht. – Hat ein Ding die ihm entsprechenden Vollkommenheiten gesamthaft, so nennt man es schlechthin gut (SIMPLICITER BONUM) oder vollkommen. Hat es lediglich die eine oder andere ihm entsprechende Vollkommenheit, so ist es in gewisser Hinsicht gut (BONUM SECUNDUM QUID) oder unvollkommen.

Relativ gut ist das, was einem andern angemessen, oder was geeignet ist, ein anderes zu vervollkommnen. Natürlich muss ein Ding, damit es einem anderen gut sein könne, in sich selbst gut sein. Denn nur durch die Gutheit, die es selbst besitzt und durch die es in sich selbst gut ist, kann es einem anderen angemessen sein. – Jedoch ist alles in sich Gute nicht jedem anderen gut! Es muss vielmehr, um einem anderen gut zu sein, die diesem angemessene oder entsprechende Vollkommenheit besitzen oder mit seinen Neigungen harmonieren. Eine Arznei mag in sich gut sein; einem Gesunden ist sie nicht gut, wohl aber einem Kranken.

Das relative Gute unterscheidet sich also dadurch vom dem absolut Guten, dass es diesem noch die Beziehung der Angemessenheit zu den Neigungen und Fähigkeiten eines anderen Wesens hinzufügt. – Wenn man diese einsichtige, äusserst wichtige Unterscheidung nicht beachtet, gelangt man zu völlig verdrehten Lehren über das Gute!

Siehe hierzu auch Ludwig Watzal: Tugend zwischen \“Gut\“ und \“Ungut\“, in: Hans Gerd Fuchs, Alfred Klose, Rolf Kramer (Hrsg.): Güter und Ungüter. Berlin (Duncker & Humblot) 1991, S. 37 ff.

30 So gewiss es ist, dass alle Menschen mit dem ganzen Gewicht ihrer Natur zur Glückseligkeit hingezogen werden, ebenso gewiss ist es auch, dass in diesem Leben niemand glücklich werden kann. Und doch muss, wo Naturstreben ist, auch das existieren, worauf es gerichtet ist. Es würde der Weisheit GOttes widersprechen, die vernünftige Seele nach einem unerreichbaren Ziel hinzudrängen. Ebenso unvereinbar wäre es mit der Güte GOttes, die Seele zu unverschuldeter Qual zu verurteilen.

Eine unverschuldete grausame Qual aber wäre es, unbezwingbare und der vernünftigen Natur durchaus entsprechende Wünsche in sich tragen zu müssen, die doch niemals in Erfüllung gehen können. Der Mensch wäre diesfalls unglücklicher als das Tier, welches – ausschliesslich auf die Sinnenwelt hingeordnet – in ihr sein volle Befriedigung finden kann.

31 \“EX PHILOSOPHIS NONNE OPTIMUS ET GRAVISSIMUS (angesehenste, bedeutendste) QUISQUE CONFITETUR, MULTA SE IGNORARE, MULTA SIBI ETIAM ATQUE ETIAM (immer wieder aufs neue) ESSE DISCENDA?\“, fragt Marcus Tullius Cicero (Tusculanae Disputationes, 1, 5).

32 Solon (ca. 640–559 v. Chr.), der Gründer des athenischen Verfassungsstaates, weilte zu Besuch bei Krösus, dem letzten König von Lydien. Dieser, ob seines sprichwörtlichen Reichtums bekannt, zeigte Solon seine gefüllten Schatztruhen und frug ihn, ob er nicht glücklich zu preisen sei? Solon entgegnete, unbeeindruckt von allen Schätzen: \“Vor seinem letzten Tag im Leben ist niemand glücklich!\“

Krösus verdross diese Aussage sehr. Er hielt sie für die Rede eines Narren und nicht für die eines Weisen, für den der zu dieser Zeit greise Solon galt. Erst als Krösus Jahre darauf auf dem Scheiterhaufen der Perser stand, erinnerte er sich dieser Mahnung von Solon — Mehr dazu und zum Leben von Solon findet sich in den Biographien des Plutarchs, die in verschiedenen Ausgaben auch im Deutschen erschienen sind.

33 \“SCILICET ULTIMA SEMPER EXPECTANDA DIES HOMINI EST, DICIQUE BEATUS ANTE OBITUM NEMO, SUPREMAQUE FUNERA DEBET\“ (Publius Ovidus Naso: Metamorphoses, liber 3, versus 136).

34 Siehe hierzu die verschiedenen bezüglichen Aussagen des Königs Salomon bei Koh 1, 22 ff. sowie Weish 1, 14 ff.

35 Johann Wolfgang Goethe, Freund Jung-Stillings aus der gemeinsamen Strassburger Studienzeit (siehe die Darstellung von Gerhard Schwinge: Prophet und Weltkind. Jung-Stilling und Goethe, in: Badische Landesbibliothek [Hrsg.]: Jung-Stilling. Arzt – Kameralist – Schriftsteller zwischen Aufklärung und Erweckung. Karlsruhe [Badische Landesbibliothek] 1990).

Goethe klagt am Ende seines Lebens, man nenne ihn einen Glücklichen, aber \“im Grunde ist mein Leben nichts als Mühe und Arbeit gewesen; ich kann wohl sagen, dass ich in meinen 75 Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt. Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein wollte\“ (Gespräche mit Eckermann, Bd. 1, S. 76).

36 Siehe hierzu Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), insbes. ab S. 101. – \“Was erzählen uns die Berichte über die unzähligen Kriege, Schlachten, was die ungeheuren Verbrecherstatistiken? Sind das nicht Aufzählungen von ebenso vielen störenden Eingriffen der einen in das Lebensglück der andern? Und doch ist das nur der geringste Teil ungerechter Eingriffe in fremdes Lebensglück. Hierzu rechne man die Übel, die uns ohne eigene oder fremde Schuld treffen: Unglücksfälle, Krankheiten, Leiden aller Art: Kälte, Hitze, Durst, Ermüdung, die Schwäche der Jugend und die Erschlaffung des Alters\“ (Viktor Cathrein: Moralphilosophie, Bd. 1, 3. Aufl. Freiburg (Herder) 1899, S. 103).

37 Das Wesen der übernatürlichen Vollendung und Glückseligkeit des Menschen im Himmel besteht zunächst in dem unmittelbaren Schauen des göttlichen Wesens. Dieses Schauen GOttes besteht darin, dass GOttes Wesenheit selbst sich dem menschlichen Geist enthüllt; dass der ewige GOtt, wie er ist, ihm klar und unverschleiert in seiner unermesslichen Herrlichkeit entgegenleuchtet, gleichwie dem körperlichen Auge der direkt wahrgenommene Gegenstand sich zum unmittelbaren Schauen darbietet.

Das Schauen der Wesenheit GOttes und die daraus fliessende Liebe des Verklärten zu GOtt bewirken im Menschen das vollkommenste Befriedigtsein alles Begehrens. Dieses Befriedigtsein in GOtt ist eine in GOtt und in seiner inneren wie äusseren Herrlichkeit ruhenden Freude. Es ist gleichzeitig vollkommenster Friede der Seele in GOtt, dem ewigen, unveränderlichen, wesenhaften Guten. – Siehe ausführlicher Thomas von Aquin: Summa Theologiae, Prima Secundae, Frage 4, Artikel 1 – 3.

The Church triumphant in Thy love,
Their mighty joys we know;
They sing the Lamb in hymns above,
And we, in hymns below.

The Holy of the Holiest leads;
From hence our spirits rise;
And he that in Thy statutes treads
Shall meet Thee in the skies.

Charles Wesley (1707–1788)



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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