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Springflut der Lügengeister

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Niederschrift einer nachtodlichen Aussprache über den heutigen Büchermarkt mit dem hochgelehrten, lebenserfahrenen und bis anhin unvergessenen Herrn

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817),
der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor,
seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübergang ab 1803 Badischer Hofrat,
durch Verleihung ab 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat;

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg/Lahn, dortselbst auch Lehrbeauftragter für chirurgische Ophthalmologie an der Medizinischen Fakultät; davor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Tiermedizin – an der Universität Heidelberg und vordem seit 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern,

ehedem Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld; dort auch seit 1772 Arzt für Allgemeinmedizin, Geburtshilfe, Augenheilkunde und seit 1775 behördlich bestellter Brunnenarzt sowie Lehrender in Physiologie; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Königlichen Sozietät der Wissenschaften in Frankfurt/Oder, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch bis zum durch Erlass vom 22. Juni 1784 aus München verfügten Verbot sämtlicher Geheimgesellschaften in dem kurpfälzisch-bayrischen Herrschaftsgebiet der erlauchten
Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied

und
dank englischer Hülfe aufgeschrieben, sodann gemeinen Nutzens zu Gut ins World Wide Web gestellt, dabei alle Leser gÖttlicher Verwahrung und beständigen englischen Schutzes warm empfehlend
von
Christlieb Himmelfroh
zu Lichthausen in der Grafschaft Leisenburg*

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Markus-Gilde, Siegen

Eine Druckausgabe erschien als Broschüre zuerst im Herbst 1991, herausgegeben von der Jung-Stilling-Gesellschaft in Siegen. Copyright 2008 by Markus-Gilde, Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland). Ohne deren schriftliche Einwilligung ist eine gewerbliche Nutzung des Textes nicht gestattet.

mailto:merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de


Jung-Stilling zeigt sich am Rande der Autobahn


Ich fuhr tags auf der Autobahn
Und tat mich eben Siegen nahn,
Als mir ein Piepton machte klar,
Dass völlig leer mein Tank gleich war.

Die Standspur steuerte ich an;
Nahm aus dem Kofferraum sodann
Die Vorrats-Kanne und goss ein
Genug, zu kommen damit heim.

Die Finger taten etwas pappen:
Ich rieb sie drum an einem Lappen.
Just schritt ich drauf zur Wagentüre,
Als eine Hand ich auf mir spüre!

Spontan bog sich mein Rücken krumm;
Ich drehte mich erschrocken um.
Erleichtert war ich, als ich sah
Jung-Stilling1 schmunzelnd stehen da.

\“Herr Christlieb\“, sagte er zu mir,
\“Ich hoffe, dass mögt fahren ihr
Nach Siegen mich in eurem Wagen;
Doch könnt gewiss auch ’nein‘ ihr sagen!\“ —

\“Es ist mir eine grosse Freude
Zu bringen sie, Herr Hofrat, heute
In ihre irdsche Heimat2 Siegen\“,
Sprach ich, nachdem er eingestiegen.


Druckveröffentlichung wird angemahnt


Just war nun in der Fahrspur ich,
Als Stilling liess vernehmen sich.
\“Ich frage, Stillings-Freund,3 zunächst
Nach meiner Unterweisung Text.

Ich habe oft euch unterrichtet,
Damit ihr es in Verse dichtet
Und drucken lasst, dass jedermann
Es lesen und erwägen kann.

Doch seid ihr dem nicht nachgekommen!
Warum lasst alles ihr verkommen?
Bestimmt sich ein Verleger fände,
Der bringt das Werk in Leser-Hände.\“ —


Jung-Stilling erschien vielmals, das erschwert den Absatz


\“Herr Hofrat Jung! Recht haben sie:
Ich scheute jede Energie,
Zu bringen an das Publikum
Das Werk, schon fertig um und um.

Gestatten sie, dass dazu künde
Gedrängt ich ihnen meine Gründe.
Sie werden dann sehr wohl verstehen,
Warum von mir aus nichts geschehen.

Sie sind, Herr Hofrat, nicht bloss mir:
Auch anderen erschienen hier.
Die haben schon bekanntgemacht,
Was ihnen durch sie nahgebracht.

So war von ihrer Gunst umzäunt
Zunächst Herr Treugott Stillingsfreund.
Er gab in einem Bändchen schmuck
Die Vorkommnisse bald in Druck.4

Sodann kam auf kurz später gleich
Ein Buch, in dem sehr bilderreich
Bericht erstattet wird von ihnen
Und wie dem Autor sie erschienen.

Dies Werk, das ich als gut anseh‘,
Herauskam bei Kalliope.
Verfasser ist ein Siegner Spross,
Mit Namen Gotthold Untermschloss.5

Wie Treugott Stillingsfreund hat er
Erlangt viel Beistand obenher
Von ihrem Engel Siona,6
Der bot ihm seine Dienste da.

Zu gleicher Zeit ein neuer Band
Den Weg zu Stillings-Freunden fand.
Hier Glaubrecht Andersieg legt dar,
Was er von ihnen jüngst nahm wahr.7

Auch dieses Büchlein ist geschrieben
In Jamben meist, die viele lieben.
In allem zeigt sich darin da
Der Einfluss von Geist Siona.


Belehrungen werden Höllengeistern zugeschrieben


Drei Bände schon mit Schilderung
Was sie gesagt, Herr Hofrat Jung,
Zumeist auch noch in gleichem Stil,
Schien selbst den Stillings-Freunden viel.

Hinzu trat offner Widerstand!
In einem Aufruf man befand,
Dass hier der Teufel sei der Meister:
Geschrieben hätten Lügengeister!

Es könnte überhaupt nicht sein,
Dass sichtbar je ein Geist erschein‘,
Schon gar nicht sie, Herr Hofrat Jung:
Satanisch sei die Schilderung.

Der Springflut dieser Lügenmären
Man standhaft müsse sich erwehren.
Der nahen Endzeit Zeichen sei
Die ganze Stillings-Reimerei!

Beredt ein Prädikant8 tat da,
Dass Beelzebub sei Siona,
Der teufelhaft die Feder lenkt
Und sie mit Höllen-Tinte tränkt.

Man müsse flüchten ins Gebet,
Das inbrunstvoll von GOtt erfleht:
Er möge jene Frevler richten,
Die auftrags Luzifers hier dichten!


Furcht vor Schimpf und Schmach seitens der Mitmenschen


Sie sehen ein, Herr Hofrat Jung,
Dass ich bei der Verdächtigung
Will derzeit ziehn nicht in Betracht,
Dass mein Werk wird in Druck gebracht.

Ich fürchte mich nicht meinetwegen!
Beherzt ich träte Schimpf entgegen.
Doch habe ja Familie ich:
Sie träfe mancher Nadelstich.

So bitte ich um Nachsicht sie,
Dass diesen Standpunkt ich bezieh‘.
Ich hoffe, dass auch Siona
Sie stellen meine Klemme da.

Es half mir nämlich dieser Engel,
Dass ich vermeide manche Mängel.
Es tut mir weh, dass er darob
Als Dämon nun beschimpft wird grob.\“ —


Stilling-Literatur im Verhältnis zu anrüchigen Publikationen


\“Herr Christlieb: was erzählt habt ihr
Von Stillings-Freunden eben mir
Empört mich mehr, denn was erfanden
An Schelte auf mich Prädikanten.

Wie können die der Meinung sein,
Dass nur drei Bändchen schlicht und klein
Mit heilsam-süssen Stillings-Tropfen
Den Markt für Bücher schon verstopfen?

Vergleichen möge damit man,
Was Bücher-Läden bieten an:
An Wirrwarr, albernen Romanen,
Geschreibsel seicht von Scharlatanen;

An Schwindel, Schmarren, Quatscherei,
Gefasel, Gicksgacks, Afferei,
Getue, Leerheit, Sums, Geschwätze,
Verdummung, Halbwahrheit, Gehetze;

An Kränkung, Grobheit, Schande, Schimpf,
Entehrung, Geifer, Ingrimm, Glimpf,
Gehechel, Häme, Unflat, Schmach,
Gespött, Missachtung, Ungemach;

An Blendwerk, Torheit, Possen, Schwulst,
Gefackel, Mätzchen, hohlem Wulst,
Ergüssen voller Trug und Wahn,
Auch Seich von jedem Dummerjan;

An Anstiftung zur Prasserei,
Begünstigung der Schwelgerei,
Gewagt-tollkühnem Autofahren:
Sich wie ein Rennprofi gebaren;9

An Schriften voller Sauerei:
Gemeinheit, Schweine-Igelei,
Verderbter, arger Phantasie,
Gesudel, Schmutz, Pornographie;

An Schmähung endlich, Hohn und Spott
Auf alles, was da ist von GOtt,
Beleidigender Blasphemie
Und freventlicher Parodie.\“ —


Nachfrage bestimmt weithin das Angebot


\“Herr Hofrat Jung!\“, warf ich jetzt ein,
\“Sie arg die Buchverkäufer zeihn,
Dass diese in Regale stellen
Meist Schriften schändlicher Gesellen.

Doch bitte: denken sie daran,
Dass heut man nur verkaufen kann,
Was auch die Leute lesen wollen!
Man darf nicht den Verkäufern grollen.\“ —

\“Mein Stillings-Freund: als Ökonom
Ist wohl bekannt mir dies Axiom!10
Ich habe ja auch nur gesagt;
Dass man ob Stillings-Büchern klagt,

Derweil sind die Regale voll
Von Büchern schlüpfrig, dreist und toll,
Beweist mir ein verkehrtes Denken:
Nur darauf wollte ich doch lenken! —


Widersprechen die Jung-Stilling-Botschaften der Bibel?


Lasst sagen mich nun noch ein Wort
Zur Schmähung, die in einem fort
Vermessen wider mich erfanden
Gewisse kecke Prädikanten.11

Wenn die behaupten, mir zum Schmach,
Dass bibelwidrig, was ich sprach,
So weiset solches klärlich aus:
Sie sind nicht in der Schrift zu Haus!

Sie holen aus der Schrift nur das,
Was ihrem engen Blick zupass:
Und der folgt starr der Lehrdoktrin,
Entworfen einstens von Calvin.12

Versteht mich recht! Ich sage nicht,
Dass Calvins Lehre es gebricht
An Richtigkeit und Lebensnähe,
Dass dies Bekenntnis ich verschmähe!

Nur sah ich schon zur Erdenzeit,
Wie es von voller Wahrheit weit.
Erstickt wird hier, was macht die Bibel
Von Engeln, Geistern uns plausibel.

Drum stellte dar ich die Befunde
In meinem Werk zur Geister-Kunde13
Und zierte damit aus zugleich
Die ‚Szenen aus dem Geisterreich‘.14

Schon damals schalt man mich darob
In Reden und in Schriften grob.15
Dabei ist so es, wie ich’s sah:
Wie mir einst wies es Siona.16

Wer drum behauptet, dass der Hölle
Die ‚Stillings-Reimerei‘ entquölle,
Beweist, dass er ist angetan
Von Narrheit, Vorurteil und Wahn!

Für’s Gute blind sind jene Leute,
Die meine Gottes-Botschaft heute
Als ‚Spinnerei‘ und ‚Lügenmären‘,
Als Ungeist Siona erklären.

GOtt rechne ihnen dies nicht an!
Er löse sie aus ihrem Bann
Und zeigte, dass vom Jenseits sei
Die ganze ‚Stillings-Reimerei’\“.


Jung-Stilling entzieht sich der irdischen Gestalt


Wir fuhren ein nach Siegen grad,
Als mich Jung-Stilling herzlich bat,
Zu fahren ihn zum Kirchenhaus:17
Dort stieg er mehrmals dankend aus.

Im Haupteingang er rasch verschwand.
Ich nahm mir gleich Papier zur Hand
Und schrieb in kurzen Sätzen nieder,
Was hier nun kann man lesen wieder.


Engel Siona überarbeitet die Niederschrift


Am nächsten Tag schon kam mir nah
Des Abends früh Geist Siona.
Er besserte so manches aus
Und machte schliesslich Reime draus.

Was gut dem Leser stellt sich da,
Geschrieben ist von Siona.
Wenn manches scheint noch plump und roh,
Stammt dies von Christlieb Himmelfroh.


Hinweise, Erläuterungen und Anmerkungen


* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); –  durch Erbfolge ab 1743 Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen); –  im Zuge der territorialen Neuordnung Deutschlands durch den Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); –  nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 an bis heute Bestandteil im Kreis Siegen-Wittgenstein des Regierungsbezirks Arnsberg im Bundesland Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf).

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register.)

Lichthausen = bei Jung-Stilling die ehemalige selbständige, durch den Bergbau geprägte Gemeinde Littfeld im vormaligen Fürstentum Nassau-Siegen; seit 1. Januar 1969 Teil der Stadt Kreuztal im Kreis Siegen-Wittgenstein. Durchflossen wird der Ort von der rund 13 Kilometer langen Littfe, einem wasserreichen Zufluss in den rund 24 Kilometer langen Ferndorfbach, der seinerseits ein rechten Nebenfluss der Sieg ist und im Zentrum von Siegen-Weidenau in die Sieg mündet. – Die Littfe ihrerseits wird im Ortsgebiet von Littfeld von Osten durch den Heimkäuser Bach (offizieller Name im Gewässerverzeichnis des Landes NRW: Die Heimkaus, 4,7 Kilometer lang) und von Westen durch den Limbach (2,1 Kilometer lang) gespeist.

Der Name Littfeld leitet sich ab aus dem keltischen Wort \“Let\“ für \“Lehm\“. Die in vielen Gewässernamen der Gegend vorzufindende Endsilbe \“-phe\“ ist die sprachlich abgeschliffene Form von \“apha“ = der Bach.

Aus Littfeld kam die Mutter Johanna Dorothea Fischer (1717-1742) von Jung-Stilling; dort wirkte auch sein Patenonkel Johann Heinrich Jung. – Siehe zu dieser herausragenden Persönlichkeit Gerhard Merk: Oberbergmeister Johann Heinrich Jung (1711-1786). Ein Lebensbild. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989.

Im wirtschaftsgeschichtlich in vieler Hinsicht bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 1) geboren, herangewachsen und dort hat auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Hofrat Professor Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit (= Philosophie) und Arzneikunde (= Medizin) Doktor. Dieser wurde in letzte Zeit wiederholt auf Erden gesehen. – Siehe die entsprechenden Erscheinungsberichte zuletzt aufgezählt bei Bleibfest Stillingtreu: Wundersame Begegnung an der Sal. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 2000 S. 52 ff., als Download-File auch kostenlos unter der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> abrufbar.

Siehe auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992. – Die \“Lebensgeschichte\“ erschien in vielen Ausgaben. Jedoch genügt nur die von Gustav Adolf Benrath besorgte Version den Anforderungen sowohl des Lesers (großer Druck, erklärende Noten, Register) als auch des Wissenschaftlers (bereinigter Original-Text; wichtige Dokumente zur Lebensgeschichte) — In kürzerer Form orientiert über das Leben von Jung-Stilling auch Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989, und mehr die innere Entwicklung beschreibt Otto W. Hahn: \“Selig sind, die das Heimweh haben\“. Johann Heinrich Jung-Stilling: Patriarch der Erweckung. Giessen, Basel (Brunnen) 1999 (Geistliche Klassiker, Bd. 4.)

Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Heidelberg durch Erlass des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern (ihm hatte er auch seine medizinische Doktorarbeit gewidmet und im März 1772 persönlich bei Hofe in Mannheim überreicht) vom 31. März 1785 die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger manche Bevorzugungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt ganz besonders zum Vorteil gereichte) an Schlagbäumen, Posten, Schildwachen, Stadttoren, Fähren, Übergängen, Brücken sowie an den zu jener Zeit auch innerlands zahlreichen Zoll-, Maut- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II. bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die dauernde Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt.

In Artikel 6 heisst es im einzelnen genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi (nämlich Franz II, der letzte Kaiser des alten Reichs; er legte nach Bildung des Rheinbundes am 6. August 1808 die deutsche Kaiserkrone nieder), tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg du Rhin (= die Schiffahrts-Rinne) soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin zu Regensburg (seit 1663 der Tagungsort des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch einige besonders günstige Umstände (später traten verwandtschaftliche Beziehungen zu Frankreich noch hinzu: sein Enkel und Thronfolger Karl [1786/1811–1818] heiratete am 7./8. April 1806 zu Paris Stéphanie de Beauharnais [1789–1860], die 17jährige Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte) vergrösserte Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um mehr das Vierfache; die Bevölkerung stieg von 175’000 auf fast 1 Million Bewohner. Die pfälzische Kurwürde ging auf ihn über; Karl Friedrich wurde damit 1803 vom Markgrafen zum Kurfürsten erhoben. – Wenig später rückte er durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf.

Mit dem Besitzwechsel der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen [seit 1720] Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommerresidenz Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsde-putations-Hauptschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuß des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ Hofrat DE JURE PUBLICO automatisch zum \“badischen\“ Hofrat.

Anfang April des Jahres 1808 wird Jung-Stilling als Berater des Grossherzogs von Baden (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst betont) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404.

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Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. – Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergesslichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27.

Jung-Stilling stand nach seinem frei gewählten Abschied von der Universität Marburg ab 1803 im Dienst des Hauses Baden; er wollte sich in seiner letzten Lebensperiode nur noch der religiösen Schriftstellerei und der Bedienung der Augenkranken widmen. Karl Friedrich von Baden besoldete ihn zu diesem Zwecke Ein Ruhegehalt von der Universität Marburg, wo er zwischen 1787 und 1803 mit grossem Erfolg lehrte bzw. von der Regierung in Kassel als Besoldungsstelle, erhielt Jung-Stilling nicht.

Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Jung-Stilling am Hofe Karl Friedrichs in Karlsruhe, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Bd. 135 (1987), S. 183 ff., Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 219 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32) sowie zum Verhältnis zwischen beiden Persönlichkeiten (nämlich Karl Friedrich von Baden und Jung-Stilling) auch Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

Karl Friedrich (1728/1746-1811) galt in Karlsruhe gleichsam als Heiliger. Nachdem gelegentlich eines Trauergottesdienstes am 1. Juli 1811 der hochgelehrte katholische Stadtpfarrer und (seit 1805) Grossherzoglich Badische Geistliche Rat Dr. Thaddäus Anton Dereser (1757-1827) nicht in den übertriebenen Lobgesang für den Verstorbenen einstimmen wollte, sondern am Rande einer Predigt die teilweise rohe und schamlose Ausplünderung der katholischen Einrichtungen unter seiner Herrschaft beiläufig ansprach, musste er Karlsruhe unverzüglich verlassen.

Siehe zur Person von Dereser kurz die Broschüre von Joseph Gass: Der Exeget Dereser. Eine geschichtliche Studie. Strassburg (Le Roux) 1915 (mit einem Portrait von Dereser) sowie Franz Xaver Münch: Der äußere Lebensgang des Aufklärungstheologen Thaddäus Anton Dereser. Bonn (Dissertation der Katholisch-Theologischen Fakultät) 1929 (auszugsweise im Druck).

Siehe zu den unterdrückenden obrigkeitlichen Massnahmen gegen die katholische Kirche unter der Regierungsgewalt der badischen Grossherzöge näherhin (Franz Joseph Mone [1796-1871]): Die katholischen Zustände in Baden, 2 Bde. Mit urkundlichen Beilagen. Regensburg (Manz) 1841/1843 sowie Carl Bader: Die katholische Kirche im Großherzogthum Baden. Freiburg (Herder) 1860. – Sehr einseitig und unsachlich zur Predigt von Dereser auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 485.

Als Beispiel der bei Hofe zu Karlsruhe genehmen Trauerreden katholischer Geistlicher seien erwähnt –  Bernhard Boll: Trauerrede bey der kirchlichen Todten-Feyer seiner königlichen Hoheit Karl Friedrichs, Großherzogs zu Baden, Herzogs zu Zähringen, gehalten in der Haupt- und Münsterpfarrkirche zu Freyburg den 1. July 1811. Freiburg (Wagner) 1811 (der Zisterzienser und Münsterpfarrer zu Freiburg Bernhard Boll (1756-1836) wurde 1827 erster Erzbischof von Freiburg); –  [Gerhard Anton Holdermann]: Beschreibung der am 30ten Juny und 1ten July 1811 zu Ratsatt Statt gehabten Trauer-Feyerlichkeit nach dem Hintritte unsers (so!) höchstseligen Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Rastatt (Sprinzing) 1811. Holdermann (1772–1843) war katholischer Pfarrer zunächst in Heidelberg und bis 1829 in Rastatt.

Als elektronische Ressource im Rahmen der \“Freiburger historischen Bestände–digitalisiert\“ ist einsehbar –  die in lateinischer Sprache vorgetragene, an Lobpreisungen überladen-theatralische Rede von Johann Kaspar Adam Ruef (1748-1825): JUSTA FUNEBRIA SERENISSIMO DUM VIVERET AC CELSISSIMO PRINCIPI DIVO CAROLO FRIDERICO MAGNO DUCI BADARUM … DIE 22 JULII 1811 IN TEMPLO ACADEMICO PIISSIMA ET GRATISSIMA MENTE PERSOLVENDA INDICIT JOANNES CASPARUS RUEF. Freiburg (Herder) 1811. – Ruef war Professor des katholischen Kirchenrechts an der Universität Freiburg, Oberbibliothekar und (wie Jung-Stilling seit 1806) Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat. Gleichsam als Heiligen sehen den Verstorbenen –  Aloys Wilhelm Schreiber: Lebensbeschreibung Karl Friedrichs Großherzog von Baden, 1728–1811. Heidelberg (Engelmann) 1811 (Schreiber [1761–1841]) war seit 1805 Professor für Ästhetik in Heidelberg und ab 1813 bis zu seiner Pensionierung Hofgeschichtsschreiber in Karlsruhe)

Vgl. auch –  Gedächtnißreden bey dem Tode Sr. K. Hoheit des Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Gehalten von den Pfarrern der drey christlichen Confessionen zu Mannheim. Mannheim (Schwan) 1811 (Brochure), in der sich der reformierte, lutherische und katholische Geistliche an Lob auf den verstorbenen Karl Friedrich offenkundig überbieten.

Geradezu bescheiden wirken demgegenüber andere Predigten, wie etwa –  [Christian Emanuel Hauber]: Kurze Abschilderung Sr. Königlichen Hoheit Carl Friedrichs Grosherzogs (so!) von Baden. Karlsruhe (Macklot) 1811 (Brochure); –  Theodor Friedrich Volz: Gedächtnißpredigt auf den Höchstseeligen Großherzog von Baden Karl Friedrich, gehalten den 30. Junius 1811 in der Stadtkirche zu Karlsruhe. Karlsruhe (Müller) 1811 (Brochure). Volz [1759-1813]), in Jena 1778 bereits promoviert, bemüht sich erkennbar um die im Rahmen des Anlasses mögliche Sachlichkeit.

Aufgebläht, schwulstig und völlig kritiklos sind auch viele der zahlreichen Zentariums-Reden auf Karl Friedrich von Baden, wie –  Karl Joseph Beck: Rede bei der akademischen Feier des hundertsten Geburtsfestes des Hochseligen Großherzogs Karl Friedrich zu Baden … Gehalten von dem derzeitigen Prorector der Albert-Ludwigs-Hochschule. Freiburg im Breisgau (Wagner) 1828. Karl Joseph Beck (1794-1838) war Mediziner und Stifter des \“Corps Rhenania\“ in Freiburg. Überspannt auch –  Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. bei der Säcularfeier der Geburt des unvergleichlichen Fürsten den 22. November 1828 gesprochen in Mannheim / Mannheim (Schwan & Götz) 1829 (Brochure); Junker hatte sich als Interpret des Philosophen Epiktet sowie als Schriftausleger einen Namen gemacht. Geradezu als Heiligen stellt den badischen Herrscher dar –  Karl Wilhelm Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn: Gemälde über Karl Friedrich den Markgrafen, Kurfürsten und Großherzog von Baden. Ein Beitrag zur Säkular-Feier der Geburt des unvergeßlichen Fürsten Mannheim (Schwan und Götz) 1828 (Drais [1761–1851] ist der Erfinder des Fahrrads (Laufrads, \“Draisine\“); sein Vater war badischer Oberhofrichter und Karl Friedrich sein Taufpate).

Weithin unkritisch gegenüber den augenfälligen Schattenseiten der Regierung von Karl Friedrich neuerdings auch Annette Borchardt-Wenzel: Karl Friedrich von Baden. Mensch und Legende. Gernsbach (Katz) 2006. Dasselbe gilt für Gerald Maria Landgraf: \“Moderate et prudenter\“. Studien zur aufgeklärten Reformpolitik Karl Friedrichs von Baden (1728-1811), als Download-File bei dem URL <http://epub.uni-regensburg.de/10710/>. Für die Schikanen gegen die katholische Bevölkerung und das dadurch hervorgerufene Leid vieler Menschen hat Landgraf kein Wort übrig.

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Bei nachtodlichen Erscheinungen von Jung-Stilling wird dieser gewöhnlich mit \“Herr Hofrat\“ (seltener mit \“Herr Geheimrat\“) angesprochen, auch von seinem Engel Siona.

Der Titel \“Hofrat\“ ist gleichsam fester Bestandteil des Namens (ADJUNCTIO NOMINIS), wie etwa \“Apostel Paulus\“, \“Kaiser Karl\“ oder \“Prinz Eugen\“ zu verstehen, und nicht als ehrenvolle Benennung (TITULUS HONORIS). – \“Stilling\“ ist ein individueller Beiname (APPELLATIO PROPRIA) und klingt zu vertraulich. – \“Professor Jung\“ und \“Doktor Jung\“ greift eine Stufe niedriger als \“Hofrat Jung\“; das heisst: der Titel \“Hofrat\“ steht über der Amtsbezeichnung \“Professor\“ oder dem akademischen Grad bzw. volkstümlich der Berufsbezeichnung (= Arzt) \“Doktor“.

Einjeder Christ, der in die Seligkeit eingeht, erhält von GOtt einen neuen Namen, siehe Offb 2, 17 sowie (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Die Siegsgeschichte der christlichen Religion in einer gemeinnüzigen (so!) Erklärung der Offenbarung Johannis. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1799, S. 89. — Der besondere Name, mit dem Jung-Stilling im Jenseits beschenkt wurde, ist Ohephiah (= der GOtt liebt). – Siehe hierzu: [Christian Gottlob Barth, 1799–1862]: Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817, S. 12.

2 Jung-Stilling entstammt dem Dorfe Grund im ehemaligen Fürstentum Nassau-Siegen, seit 1969 Teil der Stadt Hilchenbach, Kreis Siegen-Wittgenstein im Bundesland Nordrhein-Westfalen der Bundesrepublik Deutschland.

3 Stillings-Freund meint Gönner, Verehrer, \“Fan\“ oder bloss auch Leser der Schriften von Jung-Stilling und wird von ihm selbst in diesem Sinne verwendet. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992, S. 213, S. 441, S. 513, S. 536, S. 566.

Auf der anderen Seite gibt es aber  auch (wie im folgenden Text deutlich wird) bis anhin \“Stillings-Feinde\“: siehe ebendort S. 316.

4 Treugott Stillingsfreund: Erscheinungen im Siegerland. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1987. — In der örtlichen Presse (Westfälische Rundschau vom 6. Januar 1988, \“Treugott und der Siegpfarrer\“) wurde von einem \“Offenen Brief an Treugott Stillingsfreund\“ berichtet, in dem ein \“Pastor Sigensis\“ dieses Buch ziemlich scharf angreift. Treugott Stillingsfreund antwortete in einem offenen Brief dem \“Siegpfarrer.\“ – Siehe zu dieser Kontroverse Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie. Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1993, S. 82 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28).

Siehe auch Peter Seibert: Die Entstehung von Literatur im Siegerland, in: Spiel 7 (1988), Heft 1, S. 113–143. Hier wird dieser lehrreichen Veröffentlichung von Treugott Stillingsfreund gar  \“ästhetische Belanglosigkeit\“ (h( ai/)sqhsij = ?) zugeschrieben. – Siehe hierzu Apostelgeschichte 8, 30 b.

5 Gotthold Untermschloß: Begegnungen mit Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Kalliope Verlag) 1988.

6 Schutzengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Er zeigte sich diesem zu dessen irdischer Zeit, nahm ihn von dort ins Jenseits mit und schrieb auch für ihn. – Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999, S. 220 ff. (S. 279: \“Siona hat mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert\“).

Der Name Siona bedeutet letztlich \“die Himmlische\“; siehe die genauere, weitläufige Erklärung dieses Namens bei Philipp Paul Merz: THESAURI BIBLICI PARS SECUNDA, NEMPE ONOMASTICON BIBLICUM SEU INDEX AC DICTIONARIUM HISTORICO-ETYMOLOGICUM. Augsburg (Veith) 1738, S. 1161 ff. (ein bis heute kaum übertroffenes Standardwerk, das viele Nachdrucke und Übersetzungen erfuhr) oder auch bei Petrus Ravanellus: BIBLIOTHECA SACRA, SEU THESAURUS SCRIPTURAE CANONICAE AMPLISSIMUS, Bd. 2. Genf (Chouët) 1650, S. 627 (ein gleichfalls bewährtes und häufig nachgedrucktes Werk).

Jung-Stilling spricht Siona an als –  \“unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit\“ (Szenen aus dem Geisterreich, S. 219), –  \“göttliche Freundin\“ (ebenda, S. 223), dankt der –  \“erhabenen Dolmetscherin\“ (ebenda, S. 241), die ihm –  als Engel – oft ungesehen – \“immer liebvoll zur Seite ist\“ (Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg [Raw’sche Buchhandlung] 1818, 1. Gesang, Versabschnitt 3), –  den Gedankengang leitet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 282), aber –  auch vom Jenseits berichtet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 308) und –  Jung-Stilling (der im Chrysäon Selmar heisst) auf einer \“Himmels-Leiter\“ zum Sehen führt (Chrysäon, Prolog, Versabschnitt 2; siehe auch Versabschnitt 8) sowie –  zu seiner verstorbenen Tochter Elisabeth (Lisette, 1786–1802) und zu deren Mutter (Jung-Stillings zweiter Ehefrau Selma von St. George, 1760–1790) geleitet (Chrysäon, 4. Gesang, Versabschnitt 2 ff.), –  ihn aber auch von himmlischen Höhen \“in müdes Weltgewühle\“ zurückbringt (Chrysäon, 3. Gesang, Versabschnitt 87).

Siehe zum Verständnis der Engel im religiösen Denken von Jung-Stilling auch Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XX f., S. 30 ff. — Vgl. zum Grundsätzlichen aus neuerer theologischer Sicht Herbert Vorgrimler: Wiederkehr der Engel? Ein altes Thema neu durchdacht, 3. Aufl. Kevelaer (Butzon & Bercker) 1999 (Topos plus-Taschenbücher, № 301) mit ausführlichem Literaturverzeichnis (S. 113 ff.); Paola Giovetti: Engel, die unsichtbaren Helfer der Menschen, 8. Aufl. Kreuzlingen, München (Hugendubel) 2003, sowie im Internet die Adresse <http://www.himmelsboten.de>

7 Glaubrecht Andersieg: Allerhand vom Siegerland. Siegen (Höpner) 1989.

8 Prädikant meint Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirche.

9 Jung-Stilling sprach sich bei nachtodlichen Erscheinungen mehrmals gegen die gefährliche Autoraserei aus. Er selbst erlitt am Vormittag des 29. Oktober 1801 bei Rotenburg an der Fulda infolge leichtsinnigen Gebarens des Kutschers einen schweren Verkehrsunfall: er wurde dabei in die Kutsche eingeklemmt; siehe im einzelnen hierzu Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 3), S. 561 f. – Zeitlebens blieben körperliche Beschwerden zurück; Jung-Stilling litt an Seitenschmerzen. Siehe Wilhelm Heinrich Elias Schwarz: Vater Stilling’s Lebensende, in: Johann Heinrich Jung’s genannt Stilling sämmtliche Werke. Neue vollständige Ausgabe. Erster Band. Stuttgart (Scheible, Rieger & Sattler) 1843, S. 799.

Siehe auch Freimund Biederwacker: Vom folgeschweren Auto-Wahn. Protokoll einer nachtodlichen Belehrung durch Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996; bei dem URL <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk> als Download-File kostenlos abrufbar.

10 Jung-Stilling war sieben Jahre lang die rechte Hand eines bedeutenden Fabrikanten und Handelsmannes sowie fast ein Vierteljahrhundert lang Professor für ökonomische Wissenschaften, zunächst in Kaiserslautern, dann in Heidelberg und schliesslich (bis 1803) in Marburg. Er verfasste elf fachliche Lehrbücher und schrieb zahlreiche Fachaufsätze zu ökonomischen Fragen. Von daher war ihm bekannt, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt und steuert. – Siehe hierzu Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Wirtschaft. Berlin (Duncker & Humblot) 1987, S. 115.

11 Eine Brandrede gegen Jung-Stilling wegen dessen \“Theorie der Geister=Kunde\“ (siehe Anmerkung 13) veröffentlichte der als Prediger und auch als Autor weithin bekannte Basler Prädikant Johann Jacob Faesch: Predigt über den Gespenster=Glauben, nach I. Timotheum IV. V. VII. Gehalten in der Kirche St. Theodor, den 9ten Weinmonat 1808. Auf hohes Begehren und dem Wunsche mehrerer ansehnlichen Zuhörer gemäß zum Druck befördert. Basel. (Schweighausersche Buchhandlung) 1808. Faesch (1759–1835) bezeichnet Jung-Stilling deutlich genug als Gestalt aus dem \“Reich der Finsternis und des Aberglaubens\“, der \“Nebel der Verblendung\“ verbreite.

In der Schrift von Christian Friedrich Benjamin Vischer: Bemerkungen über Herrn Hofrath Jungs Theorie der Geisterkunde und einige damit verwandte Gegenstände zur Belehrung und Warnung des Volks. o. O. (Stuttgart) und o. V. (Steinkopf) 1809 wird Jung-Stilling \“Aberglauben\“, \“Selbsttäuschung\“ und \“Schwärmerei\“, zwischen den Zeilen gar auch Betrug vorgeworfen. Vischer (1768–1814) behauptet in Bezug auf Jung-Stilling, er \“kämpft für das Reich des Aberglaubens\“ und das Verbot der \“Theorie der Geister=Kunde\“ sei notwendig. Denn \“sein Buch ist daher, – er verzeihe mir dieser Urtheil! – eines der gemeinschädlichsten, das in unsren Tagen gedruckt worden ist\“ (S. III) mit gehäuften Vorwürfen dieser Art in der Folge.

Voller Wahn- und Aberglaube wird Stilling in der anonymen Schrift geziehen: Geister und Gespenster in einer Reihe von Erzählungen dargestellt. Ein nothwendiger Beitrag zu des Hofraths Jung genannt Stilling Theorie der Geisterkunde. Basel (Samuel Flick) 1810. Als Verfasser gilt der zu jener Zeit viel gelesene Basler Erzähler, Reiseschriftsteller und Verfasser schlüpfriger Romane Gottlob Heinrich Heinse (1766-1832); siehe die Titelblatt-Kopien bei Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades. Wahre und falsche Ansichten, hrsg. von Gerhard Merk. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993, S. 54, S. 59, S. 79. Dort auch mehr zu den Verfassern.

Heinse hatte unter dem Pseudonym Susanna Eierkuchen zuvor schon die Satire: Meiner Katze wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode. Eine wahre ohnlängst erfolgte Geschichte, für jedermann zur Beherzigung und vorzüglich für alte Weiber zur unpar¬theischen und sorgfältigen Prüfung. Schilda (Verlag Thomas Emanuel Spaßvogel, angeblich die 10. Auflage) mit deutlichen Anspielungen auf Jung-Stilling veröffentlicht.

In zahlreichen zeitgenössischen Besprechungen der \“Theorie der Geister=Kunde\“ wurde Jung-Stilling in teilweise übelster Weise beschimpft und im Tenor immer wieder als geisteskrank hingestellt. Durchgängig wird ihm vorgeworfen, er verbreite \“Aberglaube\“. Versteht man darunter die Zuschreibung von Kräften an Wesen und Dinge, die diese nicht haben können, weil alle Kraft von Gott ausgeht (PECCATUM, QUO HONOREM SUPREMUM SOLI DEO DEBITUM IN CREATURA TRANSFERIMUS, QUOD CREDAMUS, ALIQUAM ILLIS VIM INESSE, QUAE REIPSA SOLI DEO CONVENIT), so ist dieser Rüge völlig unbegründet. Stets weist Jung-Stilling auf Gott als den einzigen Grund alles Seienden hin.

\“Gerade als wenn das Aberglauben wäre, wenn man ein merkwürdiges Phänomen in der Natur sieht, hört, mit allen Sinnen empfindet, vernünftig prüft, und dann Schlüsse daraus zieht — Sagt doch um Gottes- und der Wahrheit willen, liebe Zeitgenossen! ist das denn Aberglauben? – wenn das Aberglauben ist, so sind alle unsere grosen Physiker, Chemiker, Astornomen, und Naturforscher sehr verächtliche abergläubische Menschen, denn sie thun nichts anders als das. Aber ich weiß sehr wohl wo der Schuh drückt: die logisch richtigen Schlüsse die man ganz natürlich aus einer solchen Erscheinung folgern muß, sind der Aberglaube, den man fürchtet: sie beweist unwidersprechlich die Fortdauer unseres Wesens nach dem Tod, und zwar mit der Rückerinnerung der Geschichte unseres Erdenlebens\“, bemerkt Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde (Anm. 13), S. 310 f.

12 Jean Cauvin (Johannes Calvin, 1509–1564), der längstenzeits in Genf wirkende Reformator. Er hat das Denken im Siegerland wesentlich bestimmt, nachdem die Grafschaft Nassau-Siegen infolge Konfessionswechsels des regierenden Herrschers im Juli 1578 zum Calvinismus übertrat. – Siehe hierzu Gerhard Specht: Johann VIII. von Nassau-Siegen und die katholische Restauration in der Grafschaft Siegen. Paderborn (Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abteilung Paderborn) 1964, S. 8 ff.

13 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, also mit Eszett geschrieben). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralantiquariat der DDR] 1987).

Das Werk erschien bis heute in zahlreichen Nachdrucken und Neuausgaben. Es wurde auch ins Schwedische, Englische, Niederländische und Französische übersetzt. Siehe die Aufzählung bei Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie (Anm. 4), S. 104 (Register, Stichwort \“Theorie\“).

14 Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999.

15 Gegen Jung-Stilling erschien: Abgefordertes Gutachten einer ehrwürdigen Geistlichkeit der Stadt Basel über Herrn Doktor Jung’s genannt Stilling Theorie der Geisterkunde. Basel (Samuel Flick) 1809. Aus Verfasser gilt der Basler Antistes (Landes-Superintendent) Emanuel Merian (1732–1818). – Siehe zu dessen Lebenslauf Hieronymus Falkeisen: Leichenrede über Psalm 68, 20.21. bey der Beerdigung des Hochwürdigen und Hochgelehrten Herrn M. Emanuel Merian treueifrigen Pfarrers im Münster … gehalten im Münster den 17. May 1818. Basel (Schweighauser) 1818.

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Emanuel Merian war wohl ein sehr guter Redner, wie aus seinen überkommenden Festpredigten hervorgeht; siehe etwa: Das Bild eines unwürdigen Regenten, der sich der Religion nicht annimmt. Ward den 2. Heumonats 1770. aus Anlaß der feyerlichen Erneu¬erung E. E. Regiments unsers Freystandes in der Münsterskirche vor einer Hohansehn¬lichen Versammlung vorgestellt von Emanuel Merian, Pfarrer im Münster. Basel (Nikolaus Kölner) 1770 (als Mikrofiche-Ausgabe 1996 neu erschienen).

Jung-Stilling tat die Abkanzlung durch Antistes Merian sehr weh; glaubte er doch diesen zu seinem Freunde zu haben. Er besuchte Emanuel Merian (und auch seinen späteren Nachfolger [ab 1816] als Münsterpfarrer, den kunstsinnigen Hieronymus Falkeisen, 1758–1838) gelegentlich seiner dritten Reise in die Schweiz in Basel am 2. Mai 1806; siehe Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 119 (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1) sowie Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 40 (Brief vom Oktober 1808 an Antistes Merian).

Zu Falkeisen siehe Alfred R. Weber-Oeri: Antistes Hieronymus Falkeisen (1758–1838) und die Falkeisen-Sammlung, in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertums¬kunde, Bd. 56 (1957), S. 119 f. (Biographie Falkeisens und Geschichte seiner Bibliothek, die heute als Depositum der Evangelischen Kirche von der Universitätsbibliothek Basel betreut wird). – Emanuel Merian hatte den 26 Jahre jüngeren Hieronymus Falkeisen in vielfacher Weise gefördert und genoss sein besonderes Vertrauen. Von daher ist es wahrscheinlich, dass Falkeisen an dem Gutachten beratend mitwirkte, zumal er ja Jung-Stiling persönlich kannte.

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Jung-Stilling verteidigte sich gegen das Basler Gutachten durch die Schrift: Apologie der Theorie der Geisterkunde veranlasst durch ein gegen dieselbe abgefasstes Gutachten des Hochwürdigen (so, mit grossem Ha) geistlichen Ministeriums zu Basel. Als Erster Nachtrag zur Theorie der Geisterkunde. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1809. – Siehe den Text kommentiert bei Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades (Anm. 12), S. 60 ff.

16 Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich (Anm. 14), S. 219 ff.

17 Das \“Haus der Kirche\“ unmittelbar vor dem Oberen Schloss in der Innenstadt von Siegen. Es beherbergt die Verwaltung des Kirchenkreises Siegen samt der Superintendentur.


Dear Master, in whose life I see
All that I long, but fail, to be,
Let Thy clear light for ever shine,
To shame and guide this life of mine.

Though what I dream and what I do
In my poor days are always two,
Help me, oppressed by things undone,
O Thou, whose deeds and dreams were one.

John Hunter (1848–1917)



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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