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Karl Theodor von Dalberg (1744–1817)

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Karl Theodor von Dalberg (1744–1817)

Reichsfreiherr, Doktor beider Rechte, weiland Erzbischof von Mainz, des Heiligen Römischen Reichs durch Germanien Erzkanzler und Kurfürst, Primas von Deutschland. Nach geschehener Reichs-Immutation im Jahre 1803 des heiligen Stuhls zu Regensburg Erzbischof, Fürst von Aschaffenburg, Bischof von Konstanz, Herr der Reichenau und zu Oeningen etc. Hernachmals ab 1806 bis zu dessen Auflösung 1814 Fürst-Primas des Rheinbundes,
Grossherzog von Frankfurt, Fürst von Fulda, Graf von Wetzlar, Graf von Hanau etc.

in seinem Verhältnis zu

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817),
der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor
seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübertragung ab 1803 Badischer Hofrat,

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg/Lahn; dortselbst auch Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät; davor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik an der Universität Heidelberg und vordem seit 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule Kaiserslautern;

ehedem Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld (heute Teil der Stadt Wuppertal), dort auch seit 1772 Arzt für Allgemeinmedizin, Augenheilkunde, Geburtshilfe und behördlich bestellter Brunnenarzt; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste zu Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie bis zum Verbot der Freimaurerei 1784 im kurpfälzisch-bayrischen Herrschaftsgebiet der erlauchten Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied.

von Nach vonstatten gegangener Vernehmlassung bei füglicher Gelegenheit zur Mehrung gemeinen Nutzens sowie zur Befrohlockung der Stillings-Freunde nah und fern behörig kundgemacht; hernächst allerfüglichst in Vers und Reim gegossen, hinfüran zu diesem Zweck ins World Wide Web gestellt, dabei alle Leser mit freundwilligem Gruss gÖttlicher beständiger Obhut und Verwahrung sowie auch getreuen englischen Schutzes inständig empfehlend von

Reimnur Jambenschön,
in Lichthausen, Grafschaft Leisenburg*

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Markus-Gilde, Siegen

Leicht veränderte Online-Fassung aus der Schrift \“Stillingiana Alfrediana\“, Zelebrität Herrn Universitätsprofessor Komtur Dr. Dr. Dr. Alfred Klose in Wien zum 23. September 1988 dargereicht. – Die gewerbliche Nutzung des Textes bedarf der schriftlichen Einwilligung des Copyright-Inhabers, der löblichen

Markus-Gilde, Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland)

mailto: merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de

Beispiel einer Wahlverwandtschaft

In Regensburg trat jüngst ich ein
Zum Dom von seitwärts ganz allein.
Am Tag schien hell die Sonne zwar,
Doch dämmrig es im Dome war.
Mein Blick nahm nach und nach erst auf,
Was da im Innern ist zu Hauf.

Bald konnte ich im Umkreis sehen:
Fand jemanden auch bei mir stehen.
Es schien kein Zweifel wer das war:
Jung-Stilling1 zeigte sich mir dar!
Er grüsste mich, gab mir die Hand:
\“Willkommen aus dem Siegerland!2

Sie möchten hier zu Dalbergs3 Grabe,
Wie vorhin ich erfahren habe.
Es liegt dort bei der Türe, seht,
Die in die Dom-Schatzkammer geht!
Vergolten ihnen sei der Gang
Durch Dalbergs Schutz ihr Leben lang.

Sie taten auch ein gutes Werk,
Dass legten sie jüngst Wessenberg4
Den Blumenstrauss als Ehrengab‘
Zu Kostnitz5 auf das Münstergrab.
Karl Dalberg jedem huldreich ist,
Der seinen Mündling6 nicht vergisst!\“

Ich wurde ob des Lobs ganz rot;
Doch allen Mut ich jetzt entbot
Und redete Jung-Stilling an.
\“Sie sind wohl beiden zugetan?
Ich wusste nicht, dass Dalberg gar
Ein Stillings-Freund7 auf Erden war.\“

Jung-Stilling sah mich freundlich an.
Er schmunzelte und sagte dann:
\“In siebzehnhundert achtzig sieben
Da habe ich ein Buch geschrieben
Und Primas Dalberg dediziert,8
Was unsre Freundschaft hat fundiert.

Als Dalberg dann zum Himmel kam9
Erfüllte es ihn tief mit Gram,
Dass er von dort erkennen muss,
Wie mir in Bälde droht Verdruss
Durch meines Gönners nahen Tod10
Und dessen Erbe, arg verroht.11

Nach kaum acht Wochen daraufhin
Liess GOtt mich drum zum Himmel ziehn.12
Fürst Dalberg dort ich wiederfand,
Mir allzeit gütigst zugewandt.
Er ist im Jenseits mir ein Freund,
Schon weil uns gleiche Denkart eint.13\“

Zu Ende Stillings Rede war.
Jäh tat sich nun ein Lichtstrahl dar.
Auf diesem glitt er von mir fort
Zum nieden uns verhüllten Ort,
An dem wir alle kommen an,
Kaum dass der Geist dem Leib entrann.

Als ich vor Dalbergs Grab dann schritt,
Das Herz es mir im Leib zerschnitt,
Weil sah ich, wie verkommen es,
Verschlampt, verschmutzt: ein Quell des Wehs!
Doch schaute um sein Bild aus Stein14
Ich deutlich einen Heilgenschein.

Es sei dies zur Bestätigung
Des Wirkens von Herrn Hofrat Jung
Der heute noch, zu unsrer Zeit
Zum Helfen findet sich bereit,
An jedermann bekannt gemacht –
Selbst wenn man mich darob verlacht.

Anmerkungen, Hinweise und Quellen

* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); –  durch Erbfolge ab 1743 Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen); –  im Zuge der territorialen Neuordnung Deutschlands durch den Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); –  nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 an bis heute Bestandteil im Kreis Siegen-Wittgenstein des Regierungsbezirks Arnsberg im Bundesland Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf).

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register), siehe auch Anm. 12 in Bezug auf weitere Literatur.

Lichthausen = bei Jung-Stilling die ehemalige selbständige, durch den Bergbau geprägte Gemeinde Littfeld im vormaligen Fürstentum Nassau-Siegen; seit 1. Januar 1969 Teil der Stadt Kreuztal im Kreis Siegen-Wittgenstein. Durchflossen wird der Ort von der rund 13 Kilometer langen Littfe, einem wasserreichen Zufluss in den rund 24 Kilometer langen Ferndorfbach, der seinerseits ein rechten Nebenfluss der Sieg ist und im Zentrum von Siegen-Weidenau in die Sieg mündet. – Der Name Littfe und von da Littfeld leitet sich ab aus dem keltischen Wort \“Let\“ für \“Lehm\“. Die in vielen Gewässernamen der Gegend vorzufindende Endsilbe \“-phe\“ ist die sprachlich abgeschliffene Form von \“apha“ = der Bach.

Aus Littfeld kam die Mutter Johanna Dorothea Fischer (1717-1742) von Jung-Stilling; dort wirkte auch sein Patenonkel Johann Heinrich Jung.

Im wirtschaftsgeschichtlich in vieler Hinsicht bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 1) geboren, herangewachsen und dort hat auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Hofrat Professor Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit (= Philosophie) und Arzneikunde (= Medizin) Doktor. Dieser wurde in letzte Zeit wiederholt auf Erden gesehen. Siehe die entsprechenden Erscheinungsberichte zuletzt aufgezählt bei Bleibfest Stillingtreu: Wundersame Begegnung an der Sal. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 2000, S 52 ff., als Download-File unter <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> abrufbar.

Siehe auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992. – Die \“Lebensgeschichte\“ erschien in vielen Ausgaben. Jedoch genügt nur die von Gustav Adolf Benrath besorgte Version den Anforderungen sowohl des Lesers (grosser Druck, erklärende Noten, Register) als auch des Wissenschaftlers (bereinigter Original-Text; wichtige Dokumente zur Lebensgeschichte) — In kürzerer Form orientiert über das Leben von Jung-Stilling auch Gerhard Merk: Jung-Stilling. ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989. Mehr die innere Entwicklung schildert Otto W. Hahn: \“Selig sind, die das Heimweh haben\“. Johann Heinrich Jung-Stilling: Patriarch der Erweckung. Giessen, Basel (Brunnen) 1999 (Geistliche Klassiker, Bd. 4).

Siehe zum Wiedereintritt Verstorbener in diese Welt Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, also mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralantiquariat der DDR] 1987), S. 220 ff.

Dieses Werk von Jung-Stilling wurde seit seinem Erstdruck in vielen Ausgaben veröffentlicht, bis in unsere Zeit nachgedruckt und auch ins Englische, Schwedische, Französische und Niederländische übersetzt; siehe die Zusammenstellung bei Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1993 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28).

Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Heidelberg durch Erlass vom 31. März 1785 seines Landesherrn, des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern (1724/1742-1799), die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“. Ihm hatte er auch bereits seine medizinische Doktorarbeit gewidmet und ihm diese auch im März 1772 persönlich bei Hofe zu Mannheim überreicht.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger manche Bevorzugungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt ganz besonders zum Vorteil gereichte) an Posten, Schildwachen, Stadttoren, Schlagbäumen, Übergängen, Brücken, Fähren sowie an den seinerzeit auch innerlands sehr vielen Post-, Maut- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II., bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [französisch: Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt.

In Artikel 6 heisst es genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi, tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg (= die Fahrrinne für die Schiffahrt) du Rhin soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin in Regensburg (seit 1663 Tagungsort des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch besondere günstige Umstände (späterhin traten auch noch verwandtschaftliche Beziehungen mit Frankreich hinzu: sein Enkel und Thronfolger Karl [1786/1811–1818] heiratete am 7./8. April 1806 zu Paris Stéphanie Louise Adrienne de Beauharnais [1789–1860], die knapp 17jährige Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte, dem Kaiser der Franzosen) vergrösserte Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um mehr das Vierfache; die Bevölkerung seines Landes stieg von 175 000 auf fast 1 Million Bewohner. Die pfälzische Kurwürde ging auf ihn über; Karl Friedrich wurde damit 1803 vom Markgrafen zum Kurfürsten erhoben.

Wenig später rückte Karl Friedrich von Baden durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf. – Die 1818 zur Witwe gewordene Grossherzogin Stéphanie nahm übrigens später unwidersprochen wieder den Titel \“Kaiserliche Hoheit“ an, obgleich sich ihr Stiefvater Napoléon (1769-1821) völkerrechtswidrig selbst zum \“Kaiser der Franzosen\“ ernannte und inzwischen in Verbannung und Schande auf der Insel St. Helena (im Südatlantik) gestorben war. – Siehe Rudolf Haas: Stephanie Napoleon Grossherzogin von Baden. Ein Leben zwischen Frankreich und Deutschland 1789-1860, 2. Aufl. Mannheim (Südwestdeutsche Verlagsanstalt) 1978 (dort S. 133 ff. auch Literatur-Verzeichnis).

Mit dem durch den Reichsdeputationsschluss vom 25. Februar 1803 veranlassten Übergang der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen [seit 1720] Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommerresidenz Schwetzingen [mit dem kurpfälzischen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputationsschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuss des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ DE JURE PUBLICO automatisch nunmehr zum \“badischen\“ Hofrat.

Im April des Jahres 1808 wird Jung-Stilling dann als Berater des Grossherzogs Karl Friedrich in Karlsruhe (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst hervorhebt) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404.

Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. – Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergeßlichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27.

Jung-Stilling stand nach seinem frei gewählten Abschied von der Universität Marburg ab 1803 mit einem Ehrengehalt (von der Universität Marburg bzw. der Regierung zu Kassel erhielt er keine Ruhestandsbezüge) im Dienst des Hauses Baden. – Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Jung-Stilling am Hofe Karl Friedrichs in Karlsruhe, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Bd. 135 (1987), S. 183 ff., Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsge¬schichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 219 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32) sowie zum Verhältnis zwischen beiden Persönlichkeiten auch Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

Bei nachtodlichen Erscheinungen von Jung-Stilling wird dieser gewöhnlich mit \“Herr Hofrat\“ (seltener mit \“Herr Geheimrat\“) angesprochen, auch von seinem Engel Siona. – Der Titel \“Hofrat\“ ist gleichsam fester Bestandteil des Namens (ADJUNCTIO NOMINIS), wie etwa \“Apostel Paulus\“, \“Kaiser Karl\“ oder \“Prinz Eugen\“ zu verstehen, und nicht als ehrenvolle Benennung (TITULUS HONORIS). – \“Stilling\“ ist ein individueller Beiname (APPELLATIO PROPRIA) und klingt zu vertraulich. – \“Professor Jung\“ und \“Doktor Jung\“ greift eine Stufe niedriger als \“Hofrat Jung\“; das heisst: der Titel \“Hofrat\“ steht über der Amtsbezeichnung \“Professor\“ oder dem akademischen Grad bzw. volkstümlich der Berufsbezeichnung (= Arzt) \“Doktor\“.

Ein jeder Christ, der in die Seligkeit eingeht, empfängt von GOtt einen neuen Namen, siehe Offenbarung 2, 17 sowie (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Die Siegsgeschichte der christlichen Religion in einer gemeinnüzigen Erklärung der Offenbarung Johannis. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1799, S. 89. – Der besondere Name, mit dem Jung-Stilling im Jenseits beschenkt wurde, ist Ohephiah (= der GOtt liebt). Siehe (Christian Gottlob Barth): Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817. – Siehe über die Ankunft von Jung-Stilling in der Seligkeit auch Helena Schlatter-Bernet (?): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergeßlichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 7 ff.

2 Reimnur Jambenschön war aus dem Siegerland, der Heimat von Jung-Stilling, angereist. – Siehe zu dieser Landschaft und ihrer besonderen Reize auch Peter Hofstede de Groot: Eine Wallfahrt zum Geburtsorte Stillings. Barmen (Wupperthaler Tractat-Gesellschaft) 1876 sowie Leo Reidel: Goethes Anteil an Jung-Stillings \“Jugend\“. Neu hrsg. und bearbeitet von Erich Mertens. Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1994, S. 54 ff. (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 29).

3 Karl (auch: Carl) Theodor Anton Maria Reichsfreiherr von Dalberg (1744–1817), Erzkanzler und Primas von Deutschland, Kurfürst von Mainz, Bischof von Konstanz; später Erzbischof von Regensburg usw., Fürst-Primas des Rheinbundes und Grossherzog von Frankfurt usw.; siehe Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 24, S. 703 ff. (verfasst von Karl Georg Bockenheimer) und ausführlicher August Krämer: Carl Theodor Reichsfreyherr von Dalberg, vormaliger Großherzog von Frankfurt, Fürst-Primas und Erzbischof. Eine dankbare Rückerinnerung in sein wohlthätiges Leben, und eine Blume auf sein Grab. Regensburg (Rotermundt) 1817 sowie vor allem auch die damalige instabile politische Situation genau beschreibend Carl Olivier Freiherr von Beaulieu-Marconnay: Karl von Dalberg und seine Zeit. Zur Biographie und Charakteristik des Fürsten Primas, 2 Bde. Weimar (Böhlau) 1879.

Bischof von Dalberg nahm gemäss Artikel 4 der Rheinbunds-Akte vom 12. Juli 1806 den Titel \“Fürst-Primas\“ (Prince-Primat) an. – Jung-Stilling schätzte den hoch gebildeten, weit gereisten und toleranten Karl Theodor von Dalberg ausserordentlich und widmete ihm seine 1787 erschienene Schrift: Blicke in die Geheimnisse der Natur=Weisheit. – Siehe Jacques Fabry: Kosmologie und Pneumatologie bei Jung-Stilling. Der \“theosophische Versuch\“ und die \“Blicke in die Geheimnisse der Naturweisheit\“. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 2006, S. 49 ff. (Jung-Stilling-Studien, Bd. 4).

Siehe auch die Literaturzusammenstellung der Schriften Dalbergs sowie über ihn bei Manfred Brandl: Die deutschen katholischen Theologen der Neuzeit, Bd. 2: Aufklärung. Salzburg (Neugebauer) 1978, S. 37 f. sowie zur neueren Arbeiten über Karl von Dalberg sowie Angaben zu Neudrucken seiner (an die 60) Veröffentlichungen Hans-Bernd Spies: Johann Heinrich Jung-Stilling und Carl von Dalberg, in: Siegerland, Bd. 76 (1999), S. 125 ff.

4 Ignaz Heinrich Freiherr von Wessenberg (1774–1860) war eine der bedeutenden Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Siehe über ihn Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 42, S. 147–157 (verfasst von Johann Friedrich von Schulte). – Ausführlich stellt dar Josef Beck: Freiherr I. Heinrich von Wessenberg. Sein Leben und Wirken. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der neueren Zeit. Auf der Grundlage handschriftlicher Aufzeichnungen Wessenbergs. Freiburg (Wagner) 1862 sowie (kürzer) Karl Kühner: Ignatz (so!) Heinrich Freiherr von Wessenberg und seine Zeitgenossen. Lichtgestalten aus dem Katholizismus des 19. Jahrhunderts. Heidelberg (Hörning) 1897 (Bilder aus der Evangelisch-Protestantischen Landeskirche des Großherzogtums Baden, Bd. 3).

Um eine eigene, die badischen Staatsgrenzen umschliessende katholische Landeskirche zu erhalten, verhandelte der charakterschwache und bescholtene Grossherzog Ludwig von Baden (1763–1830) mit dem Papst in Rom. Seinem Wunsche wurde entsprochen unter der Bedingung, dass Wessenberg abtrete und nie wieder kirchliche Ämter annehmen dürfe. Ludwig ging darauf ein. – Siehe des näheren hierzu Kurt Aland (Hrsg.): Ignaz Heinrich von Wessenberg, Autobiographische Aufzeichnungen. Freiburg, Basel Wien (Herder) 1968, S. 86 ff.

5 Kostnitz = Konstanz am Bodensee. Die Form ist tschechischen Ursprungs und seit der Zeit von Johannes Hus (Held der kirchlich-nationalen Revolution des Tschechentums in Böhmen, der dort 1415 als Ketzer verbrannt wurde) besonders in Brüderkreisen üblich geworden. Jung-Stilling begegnete Johannes Hus in einer Vision; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen, Dritter Gesang, Versabschnitt 66

Jung-Stilling trat in seinem letzten Lebensabschnitt zu der Brüdergemeine in nähere Beziehung; siehe hierzu Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), insbes. S. 515 f., S. 585 ff und S. 637 ff. sowie die lebhafte Korrespondenz mit der Brüdergemeine bei Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe (Anm. 1), S. 625 (Stichwort \“Herrnhuter Brüdergemeine\“).

6 Mündling = ein dem väterlichen Schutz unterstellter Waise; hier = Schützling.

7 Stillings-Freund meint –  Gönner, Förderer, später –  Verehrer und Anhänger (\“Fan\“: dieses heute gebräuchliche Wort vom lateinischen FANATICUS = begeistert, entzückt) von Jung-Stilling oder –  nur geneigter Leser seiner Schriften. Der Ausdruck stammt von Jung-Stilling selbst. Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 213, S. 441, S. 513, S. 536, S. 566. – Auf der anderen Seite gibt es aber auch  \“Stillings-Feinde\“, siehe ebendort, S. 316.

8 Es handelt sich um die Veröffentlichung von (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Blicke in die Geheimnisse der Natur=Weisheit denen Herren von Dalberg Herdern und Kant gewidmet. Berlin, Leipzig (George Jacob Decker) 1787, XVI und 156 Seiten. Das Buch erschien anonym.

Siehe auch Anne Marie Stenner-Pagenstecher: Das Wunderbare bei Jung-Stilling. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der Romantik. Hildesheim (Olms) 1985, S. 95 ff., Otto W. Hahn: Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung. Sein Leben und sein literarisches Werk 1778 bis 1787. Frankfurt, Bern, New York, Paris (Peter Lang) 1988, S. 377 ff. (Europäische Hochschulschriften, Bd. 344), Rainer Vinke: Jung-Stilling und die Aufklärung. Die polemischen Schriften Johann Heinrich Jung-Stillings gegen Friedrich Nicolai (1775/76). Stuttgart (Steiner) 1987, S. 305 ff. (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Bd. 129), sowie die in Anm. 3 genannte Studie von Jacques Fabry und die dort (S. 156 ff.) genannte Literatur.

9 Karl Theodor von Dalberg starb am 10. Februar 1817 zu Regensburg, im 73.Jahr seines reich bewegten Lebens.

10 Grossherzog Karl Friedrich, der väterliche Freund von Jung-Stilling, verschied am 10. Juni 1811. Dessen Nachfolger und Enkel, der seit 1806 mit der Napoléon-Stieftochter verheiratete Grossherzog Karl (siehe Anm. 1), war Stilling im Grunde gleichfalls gewogen. Er starb jedoch bereits am 8. Dezember 1818.

11 Grossherzog Karl, Enkel von Karl Friedrich von Baden und Schwiegersohn von Kaiser Napoléon I, starb ohne männliche Nachkommen; zwei Knaben waren 1812 und 1817 früh verstorben. Sein Nachfolger wurde Ludwig Wilhelm August, geboren am 9. Februar 1763, gestorben am 30. März 1830. Er war unverheiratet und wenig gebildet, dabei von kleinlicher Denkart, und auch Wessenberg gegenüber schlecht gesonnen; siehe hierzu Kurt Aland: Ignaz Heinrich von Wessenberg. Autobiographische Aufzeichnungen (Anm. 11), S. 87 sowie als Download-File im Internet den Erscheinungsbericht bei <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling>

Siehe zu den unterdrückenden obrigkeitlichen Massnahmen gegen die Kirche unter der Regierungsgewalt der badischen Grossherzöge auch (Franz Joseph Mone:) Die katholischen Zustände in Baden, 2. Bde. Mit urkundlichen Beilagen. Regensburg (Manz) 1841/1843.

12 Jung-Stilling starb zu Karlsruhe am 2. April 1817. Dort erinnert auch noch heute auf dem Hauptfriedhof ein Grabmal an ihn und seine dritte Gemahlin. – Jung-Stilling war 1781 das erste Mal und 1790 ein zweites Mal Witwer geworden. Er hatte aus drei Ehen gesamthaft dreizehn Kinder. Im Jahre seines Hinschieds waren ihm bereits sieben Kinder im Tode vorausgegangen.

13 Karl Theodor von Dalberg war ein den positiven Seiten der Aufklärung zugewandter Universalgelehrter, der sich durch Schriften über Mathematik, Physik, Chemie, Poesie, Geschichte, Philosophie und Veröffentlichungen aus vielen anderen Gebieten einen Namen machte. Mit Martin Wieland, Johann Gottfried Herder, Wilhelm von Humboldt, Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller war er befreundet. Letzterer bezog zeitweilig eine Rente von Bischof Dalberg.

Dalbergs Arbeit \“Betrachtungen über das Universum\“, erstmals im Jahre 1777 erschienen, erreichte – trotz der äussert widrigen Zeitumstände – bis zu seinem Tode sechs Auflagen und spätere Nachdrucke. — Man warf Dalberg zu Unrecht vor, der französischen Fremdherrschaft gegenüber zu nachgiebig gewesen zu sein. Die Rheinbund-Fürsten freilich verstanden es, im Wiener Kongress der Jahre 1814/15 ihre von Napoléon verliehene Macht zu behaupten (so auch im besonderen der Grossherzog von Baden; siehe auch weiter oben zur Stéphanie de Beauharnais); kaum jemand schalt sie deswegen. Dalberg hingegen, als gewesener Fürst-Primas des Rheinbunds und Grossherzog von Frankfurt, blieb Unperson.

Schon in der Wiener Kongress-Akte vom 9. Juni 1815 musste ein entsprechender Text zum Schutze Dalbergs eingefügt werden. Artikel 45, Absatz 7 sagt: \“Il est entendu, qu’en vertu de cet arrangement, toute prétention qui pourroit être élevée envers le Prince-Primat (gemeint ist Fürst-Primas Karl von Dalberg und sein ihm in Artikel 4 der Rheinbunds-Akte vom 12. Juli 1806 übertragener Titel [\“Son A. S. l’Électeur Archichancelier prendra les titres de Pince-Primat et d’Altesse Eminentisseme\“]) en Sa qualité de Grand-Duc de Francfort, sera éteinte, et qu’il ne pourra être inquiété par aucune réclamation de cette nature\“.

Siehe auch Hans-Bernd Spies: Johann Heinrich Jung-Stilling und Carl von Dalberg, in: Siegerland, Bd. 76 (1999), S. 125 (mit reichlichen [aber nicht immer genauen!] Literatur-Verweisen, auch auf neuere Veröffentlichungen) sowie auch die grösseren Zusammenhänge betrachtend Hans-Christof Kraus: Das Ende des alten Deutschlands. Krise und Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806. Berlin (Duncker & Humblot) 2006, S. 42 ff. (Wissenschaftliche Abhandlungen und Reden zur Philosophie, Politik und Geistesgeschichte, Bd. 37).

14 Auf dem Grab aus carrarischem Marmor ist ein Rundbild des Bischofs von Dalberg angebracht sowie die Inschrift: \“Der Neffe dem Onkel\“. – Das Grab hat seines Bruders Sohn, Emmerich Herzog von Dalberg (1773–1833) errichten lassen. Dieser war in französische Dienste getreten, wurde zum Herzog und Staatsrat erhoben, diente dann unter den Bourbonen als Staatsminister und ward gar zum Pair von Frankreich (höchster Ehrenrang) ernannt.

What greater calamity can fall upon a nation than
the lack of engaged clergymen and clergywomen!



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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