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Jung-Stilling und das Siegerland

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Niederschrift einer nachtodlichen Redwechslung mit dem
hochgelehrten, lebenserfahrenen und bis anhin unvergessenen

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817),
der Weltweisheit (= Philosophie) und Arzneikunde (= Medizin) Doktor,
Seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübertragung ab 1803 Badischer Hofrat,
durch Verleihung ab 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg/Lahn, dort auch Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät; davor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Tiermedizin – an der Universität Heidelberg und vorher seit 1778 mit gleichem Lehrauftrag an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern,

ehedem Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld, dort auch seit 1772 Arzt für Allgemeinmedizin, Geburtshilfe, Augenkrankheiten und behördlich bestellter Brunnenarzt sowie Lehrender in Physiologie; der Kurpfälzischen ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Kurfürstlichen deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Königlichen Sozietät der Wissenschaften in Frankfurt/Oder, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch bis zum Verbot der Geheimgesellschaften im kurpfälzisch-bayrischen Territorium durch Erlass vom 22. Juni 1784 aus München der löblichen
Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied

Wortgetreu niedergeschrieben und – durchdrungen von der Wichtigkeit der Botschaft – anmit zu vernehmen gegeben sowie mit eifervollen Bestreben in wohlgemeinter Absicht und sohin den Umständen vollkommen angemessener Art zu Nutz und Fromm aller gereimt auch ins World Wide Web gestellt, dabei alle Leser gÖttlicher Gnade und englischer Verwahrung wärmstens empfehlend
von
Achtnicht Ihrenschimpf
Lichthausen, Grafschaft Leisenburg*

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Markus-Gilde, Siegen

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mailto: merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de


Begegnung auf einem Siegerländer Wanderpfad


Im Siegerland jüngst macht ich
Mich auf bereits frühmorgendlich
Auf einem Wanderweg, der weit
Durch Waldung führt und Einsamkeit.
Die Sonne schien, der Wind blies leicht;
Bald hatte ich mein Ziel erreicht.

Es war inzwischen Mittag fast;
So setzte ich mich hin zur Rast.
Als eben auf der Bank ich sass
Und mitgebrachtes Wurstbrot ass,
Kommt just ein Mann des Wegs daher:
Antik gekleidet, doch mit Flair;
Das heisst: so fremd die Kleidung war:
Gesamt bot sie dem Blick sich dar
Als abgestimmt: in sich geschlossen,
Bedacht in einen Stil gegossen;
Uralt zwar, dennoch andrerseits
Von einem eindrucksvollen Reiz.

Er grüsst sehr höflich und fragt an,
Ob er sich zu mir setzen kann?
Er kennt mich wohl; ich kenn‘ ihn nicht;
Nicht fremd zwar ist mir sein Gesicht,
Doch will mir in den Kopf nicht gehen,
Wo diesen Herrn ich schon gesehen.


Raffgier und Rappenspalterei in Reichenburg?


\“Ihr seid aus Reichenburg1, nicht wahr?\“
Er wollte reden offenbar;
So knüpfte gleich ich daran an:
Ob er schon dort war irgendwann?

\“Vertraut ist mir die Stadt recht gut!
Doch war es immer mir zumut,
Als ob die Menschen dort nur schaffen,
Um ja viel Reichtum auch zu raffen.
Mir scheint, als schätzt man allerseits,
Gewinnst dort nur, Mammon und Geiz.
Doch für des lieben GOttes Wort,
Sind taub sie ganz an jenem Ort.
Das Volk am Neckar und am Rhein
Scheint unfromm, sündig insgemein.2
Da lob‘ ich mir das Siegerland:
Es hält zum HErren unverwandt.\“3

Die Rede ärgerte mich sehr.
Doch setzte ich mich nicht zur Wehr,
Um Reichenburg zu waschen rein:
Mir fiel weit bessre Taktik ein.

\“Mein Herr! Lang waren sie wohl fort
Von diesem hoch gerühmten Ort.
Das Siegerland tät GOttes Wille?
So scheint es durch die rosa Brille!
Längst sind sie in des Falands4 Hand:
Vor seinen Karren eingespannt.


Sonntagsleben in Siegerländer Familien heutigs


Am Sonntag in der Kirche sind
Noch eine Handvoll, fromm gesinnt.
Man pilgert derweil zum Ersatz
Des Morgens hin zum Fussball-Platz.
Dort kicken wenige den Ball,
Doch viele stehen überall,
Um ja auch diesen Ball zu sehn:
So gaffen sie von neun bis zehn.

Danach ins Wirtshaus rennen sie
Und trinken, saufen wie das Vieh.
Halb torkelnd kommen sie nach Haus
Und widmen sich dem Mittagsschmaus.

Sie sind jetzt heiter aufgedreht,
Doch keiner denkt an das Gebet.
Die Jungen, durch das Elternpaar
In ihrem Tun beeinflussbar:
Sie lernen, dass man Hunger stillt,
Doch Dank an GOtt belanglos gilt.


Typische Siegerländer Familie: Die Mofa-Jugend braust ab ins Freie


Die Teller, Töpfe und Terrine
Stopft jetzt man in die Spülmaschine.
Der Jüngste holt sein Mofa raus
Und fährt zu Freunden mit Gebraus.
Sie wollen heute querfeldein
Durch Wälder über Stock und Stein;
Ganz ähnlich wie die Profis sausen
Beim Stockcar-Rennen in Lichthausen.5

Damit das Mofa kommt in Form,
Mischt bei man erst noch Chloroform.6
Bevor die Motor-Hatz beginnt,
Erst Bier noch durch die Kehlen rinnt.
Die Dosen wirft man in die Flur;
Was schert die Burschen die Natur?

Wenn Mutter Zigaretten raucht,
Und Opa seine Pfeife schmaucht,
Zigarren stets der Vater pafft:
Man so Be=Lebung sich verschafft,
Dann glauben auch die Jüngsten hier
Zu trinken dürfen reichlich Bier.


Die über Achtzehnjährigen vergnügen sich in der Natur


Die Tochter wartet, bis sich naht
Ihr Freund mit seinem Motorrad.
In Helm und Leder steigt sie auf;
Mit hundert geht es rasch bergauf.
Im Grünen machen sie dann Rast;
Die Zeit wird so im Nu verprasst.

Erschöpft von langen Liebeleien,
Hält nunmehr Picknick man im Freien.
Der Müll von Liebe und Verzehr
Liegt allenthalben ringsumher.
Doch das schiert unser Pärchen nicht:
Es tritt gar nicht in ihr Gesicht.
Zu halten unsre Landschaft rein,
Kann ihre Sorge ja nicht sein!

Die Heiligung des HErren-Tags
Durch Gottesdienst des vormittags,
Besuch bei Menschen schwach und krank,
Zu laben sie mit Speis und Trank,
Des nachmittags in frommer Runde
Versammeln sich zur Bibelstunde,
Am Abend spät zur Andacht hin,
Kommt denen gar nicht in den Sinn.
Sie wollen sich sein: ganz privat –
Nichts hören von sozialer Tat.


Die Eltern pflegen samstags ihr Automobil


Den Vortrag Vater hat genutzt:
Sein Auto gründlich durchgeputzt.
Von morgens früh bis abends zehn
Sieht man sie bei den Autos stehn.

Dort basteln, werkeln sie herum
Und bücken sich den Rücken krumm,
Damit ihr Wagen scheine mehr
Als der des Nachbarn im Verkehr.

Kein Mittel bleibt da ungenutzt,
Durch das ihr Fahrzeug aufgeputzt:
Mit Öl, mit Firnis, mit Glasur,
Mit Lack, mit Wachs, mit Politur
Verschönern zäh sie ihr Gefährt
Mit Eifer, der bewundernswert,
Wenn eingesetzt er würde so
In der Gesellschaft anderswo:
An Stellen, da Gefahr, da Not:
Wo Menschen sind von Leid umdroht.


Krankhafte, abartige Hingebung zur Blechgeliebten


Statt dessen heut das Auto wird
Geputzt, gestriegelt, aufgeschirrt,
Bemalt, gewachst, zurechtgemacht,
In Schaugepränge, Glanz gebracht
Verschönt, bordürt, geölt, lackiert,
Mit Hingebung herausstaffiert;
Liebkost, geherzt, umgirrt, gehätschelt,
Gekrault, gestreichelt und betätschelt.
Zu solcherlei Geschäftigkeit
Gern setzten ein sie ihre Zeit.7


Vorherrschende Begleitumstände und erkennbare Folgen dieser Auto-„Pflege“


Musik ist dabei aufgedreht,
Dass kaum man noch sein Wort versteht,
Es durch die Strasse gellend schallt
Und dröhnend schrill dann widerhallt.
Wenn alter Schlager gar erklingt,
Fühlt Vater jung sich und beschwingt.
Laut kreischend grölt er mit den Text
Und hopst dabei als wie verhext.

Damit er seine Stimme schmier‘,
Genehmigt er sich üppig Bier.
Dass dieses sich verdaut auch gut,
Kippt ein er sich Wachholdersud
Nach Siegerländer Art gebraut –
Hat manches Leben schon versaut!

Durch Schwermut viele gehn gebeugt:
Im Bierrausch wurden sie gezeugt.
Gedrückt, arg grämlich viele sind:
Sie lernten zechen schon als Kind.
Verblödet blicken manche drein:
Ihr Erbgut siech durch Schnaps und Wein.

Die Mutter kommt jetzt noch hinzu,
Dass sie auch ihren Anteil tu‘.
Sie wischt die Scheiben spiegelblank,
Drauf staubsaugt sie die Hinterbank.
Ums Auto schreiten jedesmal
Am Ende alle triumphal.
Voll Liebe sie zum Fahrzeug sind:
Sie streicheln es gleich wie ein Kind.

Wenn gälte ähnlich ihr Begier
Und Eifer für der Seelen Zier
(So wie es bei den Ahnen war,
Die brachten ihre Tage dar
Zu steigern sich in Glaubens-Stärke
Durch Beten wie durch fromme Werke),
Sie wären nicht, wie sie sind heute:
Bar allen Froh-Sinns, innrer Freude;

Beladen schwer mit Angst und Sorgen,
Auch kein Vertrauen auf das Morgen,
Sich fühlend leidlich in Bedrang:
Verdüstert, zage, trostlos, bang.

Denn ächtes Heil, Zufriedenheit
Allein nur GOttes Huld verleiht.
Die Menschen sind auf GOtt bezogen:
Mit Tand der Welt deshalb betrogen!


Weiterer Sonntagsverlauf der typischen Siegerländer Familie


Nun heute, Sonntag, fährt man aus.
Bloss Opa bleibt vorerst zu Haus.
Der hält erst seine Mittagsruhe,
Schlüpft dann in Ausgehrock und Schuhe,
Kippt rasch noch einen Schnaps sich ein
(Als Mittel gegen Unwohlsein)
Und trottet dann zur Kneipe hin,
Dass dort mit Jassen8 er beginn.

Der Jüngste kommt zurück um acht,
Der Hunger hat ihn heimgebracht.
Er holt sich aus dem Kühlschrank raus,
Was er begehrt zum Abendschmaus.
Dies steckt er in der Mikrowelle
Und schlingt herab es auf die Schnelle.

Zur Diskothek9 geht er alsdann,
Weil dort er Freunde treffen kann.
Nach zwölf hört man zurück ihn kommen,
Von Alkohol und Lärm benommen.
Er schlägt die Türen knallend zu,
Dreist stehlend andrer Leute Ruh‘.


Eltern machen ihre übliche Sonntagsfahrt


Die Eltern fuhren ohne Halt
Heut tausend Kilometer bald.
Be=Freiung zeigt sich auf den Strassen:
Den Frust betäubt das Auto-Rasen.
Man glaubt zu spüren seine Macht:
Ein Urgefühl des Triebs erwacht.
Hier darf Gelüste man erproben,
Kann hemmungslos im Rennen toben.
Das Fahrzeug schafft ja, was der Mann
Sonst nie zuwege bringen kann.
Der Wunsch beim ersten Menschen-Paar:
Wie GOtt voll Macht – hier scheint er wahr!

Der Vater viel Vergnügen fand:
Er drückte Viere an den Rand!
Das waren Schleicher: fuhren lahm.
Als Papa hinter sie nun kam,
Hat er sie erst einmal umschwirrt,
Mit Licht und Hupe dann verwirrt.
Drauf fuhr er längsseits neben sie.
Dass eine Jagdlust er vollzieh‘,
Bog nach und nach er rechts dann ein
Und drängte ab sie an den Rain.
Ere tippte mehrmals an den Kopf,
Was heissen soll: ‚Du blöder Tropf!‘

Die Mutter ist ganz stolz darauf,
Dass Vater hatzte Vier zuhauf.
Beeilen tun sie sich mit essen,
Weil beide sind darauf versessen,
Gemütlich sitzend anzusehen,
Was ‚Neues‘ in der Welt geschehen.

Bei übler Nachricht Vater wippt,
Zur Flasche greift und daran nippt.
Mit der Zigarre in dem Mund
Sitzt er beim Fernsehn noch drei Stund‘;
Führt sich den Sexfilm zu Gemüte,
Bis schliesslich dann auch er ist müde.


Übliche nächtliche Ruhestörung


Motorrad-Lärm vor Mitternacht:
Die ganze Nachbarschaft erwacht.
Der Freund bringt heim die Tochter jetzt;
Zum Abschied hupt er noch zuletzt.

Um eins schleppt dann der Zechkumpan
Den voll berauschten Opa an.
Der grölt und flucht, ja uriniert
Auf Nachbars Blumen ungeniert.
Wenn dieser ihn um Rücksicht bäte,
Ihm Opa etwas pusten täte.


Montags-Stimmung in der bisher vorgestellten Siegerländer Musterfamilie


Am Montagfrüh herrscht vor Verdruss,
Weil man zur Arbeit aufstehn muss.
Halbtrunken wird vorab geraucht,
Auch wieder Alkohol ver=braucht,
Um recht den Kreislauf anzuregen
Sowie den Körper zu ver=pflegen.

An Dank zu GOtt für diesen Tag,
Von ihnen keiner denken mag,
Wiewohl sie doch von GOtt geliebt,
Der täglich uns aufs neue gibt
Die Kraft, den Tageslauf zu steuern:
Durch Schlaf das Leben zu erneuern,
Auch Chancen, Menschen heut zu dienen:
An SEiner Statt zu helfen ihnen.


Siegerländer Arbeitseifer und Feierabend


Es mag zu schildern mir noch glücken,
Wie sie sich ‚auf die Arbeit‘10 drücken!
Der gilt als Blödling, Dummrian,
Wer in der Firma sich strengt an.
So ist am Abend man bereit
Zur Pfuscherei, zur Schwarzarbeit.

Damit auch diese wohl gelingt,
Gerät und Zeug vom Werk man bringt,
Das ohne Hemmung wird gestohlen:
Nach Haus getragen unverhohlen.\“ —


Gast auf der Bank vergiesst Tränen!


Noch weiter wollte dartun ich,
Wie hier die Leute liederlich:
Dass sie von Grund auf sind im Sinn
Geneigt heut auf sich selbst bloss hin.

Doch innig bittet jetzt mein Gast,
Dass ich in meiner Chronik rast‘.
Gesenkten Hauptes sitzt er da:
Laut weint er – was ich jetzt erst sah!
Nun tat es mir doch ziemlich leid,
Dass ich gebracht ihn gar so weit.


Entschuldigung ob der unverblümten Schilderung


\“Verzeihen sie\“, ich zu ihm sprach,
\“Dass tat ich ihnen Ungemach!
Ich wollte sie fürwahr nicht grämen;
Nun muss ich meiner gar mich schämen!

In Reichenburg, woher ich bin,
Da redet jeder just das hin,
Was denkt er; Schöntun liebt man nicht:
Drum rauh bisweilen man dort spricht.

Die Pfälzer sind ja rings bekannt
Als abhold allem Hehl und Schmant,
Der süssen Rede, Schmeichelei,
Scharwenzel und Salbaderei.
Das klingt woanders dann oft herb,
Ja manchmal gar schon harsch und derb.
Doch ist er gar nicht so gemeint,
Wie es dem fremden Ohr erscheint.


Sonnenseiten des Siegerlandes


Was nun das Siegerland angeht:
Da war ich wohl zu aufgedreht!
Sie beten sicher abends dann,
Wenn ich es gar nicht sehen kann.

Zu zählen fürders ich versäumte
Die Zahl der stillen JEsusfreunde,
Die – schüchtern – nicht zur Kirche gehen,
Doch fromm in ihrer Kammer flehen,
Dass Segen komme unverwandt
Hier über dieses schöne Land.

In Florenburg11 und Tiefenbach12,
Kleinhoven13, Kleefeld14 mannigfach,
Auch Zellberg15, Leindorf16 unfehlbar
Ergibt dies eine grosse Schar!
Dazu muss man noch rechnen ein
Die vielen Orte gross und klein
Im Süden und im Norden draussen –
Nicht zu vergessen auch Lichthausen!5


Spass-Gesellschaft ist keine Besonderheit des Siegerlandes


Schlussendlich ist es auch nicht fair,
Die Laster, die beklemmen sehr
Die halbe Menschheit schlimm und hart,
Zu sehn als Siegerländer Art.

Denn Party-Taumel, Motor-Spleen,
Der Drang zu Bier und Nikotin,
Sich brüsten mit gekauften Waren,
Statt hilfs=bereit sich zu gebaren,
Die Fernsehsucht, Skatdrescherei,
Gefrässigkeit und Schwelgerei,
Die Aufpeitschung der Phantasie
Durch Schund-Schrifttum, Pornographie,
Die Spiel-Manie bei alt und jung,
Des Tags Musik-Berieselung
Nebst frommer Werke Grabgesang
Sind derzeit allerorts in Schwang.

Gewiss: dies Land scheint relativ
Noch nicht gesunken sein so tief
Wie sonst in deutschen Landen heute
Versackt, verroht die meisten Leute\“ —


Jung-Stilling in Wehmut versunken


\“Ach Herr\“, der Fremde zu mir sagt,
\“Dass traure ich, nicht ihr Schuld tragt!
Denn richtig habt ihr wohl benannt,
Wie zugeht es im Siegerland,
Dem meine tiefe Liebe gilt:
Verflossner Jugend hehr‘ Gefild!

Womit ihr eure Rede schlosst:
Das spracht gewiss ihr mir zum Trost.
Ich danke euch! Ihr seid recht nett!
Welch Segen, wenn ihr recht hier hätt‘!

Gleich Abrahams Bekümmernis –
Kapitel achtzehn Genesis –
Man derzeit hier zusammenbrächte
Bloss eine dünne Schar Gerechte17
Aus allen Orten, just genannt:
Sie sind mir sonders wohl bekannt!

Verzeiht, dass Reichenburg vorhin
Herabzog ich in schroffem Sinn.
Es tut mir leid, was ich gesagt
Und über diese Stadt geklagt.
Dort sind dem HErrn mehr zugewandt.
Als jetzt im ganzen Siegerland.\“


Jung-Stilling entzieht sich dem Blick


Er drückte innig mir die Hand,
Erhob sich langsam und verschwand,
Doch ohne dass er Schritte ging,
Nur dass ihn ein Gewölk umfing.18

Jetzt fühlte ich mich bänglich doch,
Zumal es noch nach Weihrauch roch,19
Und ich auf einmal mich besann,
Wo ich gesehen diesen Mann!

Es kam mir ins Gedächtnis jäh
Erblickt zu haben sein Portrait
In einem Buch sehr alt und rar:
Jung-Stilling der Verfasser war:
Arzneigelahrtheit Doktor er,
Geheimer Rat; geschätzt gar sehr
In Baden von dem Grossherzog,
Der letzt zu leben ihn bewog
In seiner Hauptstadt seinerzeit,
Dass Stilling ihm sei ratbereit.


Jung-Stilling erfleht GOttes Huld


Er herbergt zwar im Himmel heut.20
Doch öfters schreitet er erneut
Im Körper durch das Siegerland,
Wo einstens seine Wiege stand.21

Zurückgekehrt ins Geisterreich,22
Erfleht er dann von GOtt sogleich
Den Segen für die Menschen hier,
Die Wälder, Fluren nebst Getier:
Ein Grund, warum das Siegerland,
Von GOttes Huld so reich umspannt.

Euch, werter Stilling, sei mein Dank,
Dass kamt zu mir ihr auf die Bank.
Ich bitte euch: ach fahret fort
Zu beten für uns alle dort,
Wo ewig ihr jetzt glücklich seid:
Im Voll-Genuss der Seligkeit.


Jung-Stilling möge mit Bitten fortfahren


Weil wohl das Siegerland euch gar
Ans Herz gewachsen immerdar:
So flehet doch vor GOttes Thron,
Dass ganz der Faland4 es verschon‘
Vor Sauferei und Motor-Wahn,
Vergnügungssucht und Schlendrian,
Vor stolzem Sinn und Reichtumsprotz
Nebst Bosheit, Geiz und hartem Trotz
Für GOttes Wort und CHristi Lehre
Samt allem aus der Himmelssphäre.


Religiöse Zukunft des Siegerlandes


Dass in die Kirchen locken mag
Des Sonntags, an des HErren Tag,
Der Glockenklang die Menschen alle
Und Himmels-Sehnsucht sie befalle;
Dass trifft man sich zur Bibelstunde,
Zu frommer Rede heilger Runde,
Choralgesang und Jugendschar,
Wie es in frühren Zeiten war;

Dass Stundenhalter23 ziehen um,
Erklärend Evangelium,
Auch Seelenplfeger24 sich bemühen,
Dass vieler Herzen heiss erglühen
In Liebe tief zu GOttes Sohn
Nebst Eifer auch für Welt-Mission;

Dass alle finden nach der Zeit
Den Weg in GOttes Herrlichkeit,
Vertrauend fest auf JEsum CHrist,
Der keinen Menschen je vergisst:
Das gebe GOtt dem Siegerland,
Das teils sich schon in Baal25 verrannt!


Stillings Botschaft wird vermutlich barsch abgewiesen


Ach GOtt! Wie ist die Welt verrückt!
Man sagt nicht Dank, ist nicht beglückt,
Dass Stillings Klage wird verbreitet:
Der Umkehr so der Weg bereitet.

Oh nein! Sie schreien \“Spiritismus,
Gespenster-Wahnsinn, Okkultismus,
Verdummung, Scharlatanerie,
Ergüsse kranker Phantasie,
Geflunker, Machwerk, Schwindel, Lug,
Geschwätz, Geplapper, Bluff und Trug,
Getrickster, schauerlicher Schwindel,
Gebraut von höllischem Gesindel;

Verzauberung, Nekromantie:
Beschwörung Toter: Blasphemie,
Geheimnisvolle Kabbalistik,
Gefälschte, gleisnerische Mystik,
Verruchte Wortverdreherei,
Dämonenhafte Zauberei:
Ein Zeugnis von Besessenheit
Verhexung und Verlogenheit;

Betörung, Blendwerk, Künstelei,
Verpackt in glatte Reimerei,
Groteske Phantasmagorie,
Im Kern doch reine Idiotie;
Abscheuliche Provokation,
Der Hölle Manifestation!

Der Achtnicht ist ein Hexerisch:
Verbreitet teuflisches Gezisch!
Am besten ist, man wirft ins Feuer,
Was kündet dieses Ungeheuer;
Dann schwindet jener trübe Dunst
Erzeugt von ihm durch Satanskunst!\“

Auch Leute! Packt euch an die Nase,
Entbindet euch von Zorn-Gerase!
Denkt doch darüber tiefer nach,
Was Stilling auf der Bank dort sprach:
Warum er soviel Leid empfand,
Sieht heute er sein Siegerland
Samt allen andren deutschen Landen
Gefesselt fest in Falands4 Banden.

Doch Beifall, Achtung oder Glimpf
Begehrt nicht Achtnicht Ihrenschimpf,
Der Gutes wünscht für jung und alt
Auf Erden und im Jenseits bald.


Anmerkungen, Quellen und Erläuterungen


* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); –  durch Erbfolge ab 1743 Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen); –  im Zuge der territorialen Neuordnung Deutschlands durch den Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); –  nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 an bis heute Gebietsteil im Kreis Siegen-Wittgenstein des Regierungsbezirks Arnsberg im Bundesland Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf).

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register).

Lichthausen = bei Jung-Stilling die ehemalige selbständige, durch den Bergbau geprägte Gemeinde Littfeld im vormaligen Fürstentum Nassau-Siegen; seit 1. Januar 1969 Teil der Stadt Kreuztal im Kreis Siegen-Wittgenstein. Durchflossen wird der Ort von der rund 13 Kilometer langen Littfe, einem wasserreichen Zufluss in den rund 24 Kilometer langen Ferndorfbach, der seinerseits ein rechten Nebenfluss der Sieg ist und im Zentrum von Siegen-Weidenau in die Sieg mündet.

Die Littfe ihrerseits wird im Ortsgebiet von Littfeld von Osten durch den Heimkäuser Bach (offizieller Name im Gewässerverzeichnis des Landes NRW: Die Heimkaus, 4,7 Kilometer lang) und von Westen durch den Limbach (2,1 Kilometer lang) gespeist. – Siehe hierzu Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV): Steckbriefe der Planungseinheiten in den nordrhein-westfälischen Anteilen von Rhein, Weser, Ems und Maas. Düsseldorf (LANUV) 2008, S. 73 (Tabelle mit 24 Merkmalen der Littfe; die Studie ist auch im Internet abrufbar).

Der Name Littfeld leitet sich ab aus dem keltischen Wort \“Let\“ für \“Lehm\“. Die in vielen Gewässernamen der Gegend vorzufindende Endsilbe \“-phe\“ ist die sprachlich abgeschliffene Form von \“apha“ = der Bach.

Aus Littfeld kam die Mutter Johanna Dorothea Fischer (1717-1742) von Jung-Stilling; dort wirkte auch sein Patenonkel Johann Heinrich Jung. – Siehe zu dieser herausragenden Persönlichkeit Gerhard Merk: Oberbergmeister Johann Heinrich Jung (1711-1786). Ein Lebensbild. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989.

Im wirtschaftsgeschichtlich in vieler Hinsicht bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 2) geboren, herangewachsen und dort hat auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Reichenburg nennt Jung-Stilling die Stadt Mannheim, an der Mündung des Neckars in den Rhein gelegen. Mannheim war von 1720 bis 1787 kurpfälzische Haupt- und Residenzstadt, heute gehört sie zum Bundesland Baden-Württemberg der Bundesrepublik Deutschland. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992, S. 777 (Register, Stichwort \“Mannheim\“).

2 Jung-Stilling kannte Mannheim ziemlich gut. –  Erstmals scheint er 1771 dort von Elberfeld aus gewesen zu sein. –  Als eben promovierter Doktor der Medizin besuchte er die Stadt erneut. Er hatte seine (an der Medizinischen Fakultät der Universität Strassburg eingereichte) Dissertation dem Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz (1724/1742-1799) gewidmet und überreichte ihm diese im März 1772 persönlich. –  Als Professor in Kaiserslautern hatte er öfters in Mannheim zu tun und –  besuchte die Stadt auch mit seinem Neffen; siehe Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989, S. 99 f. (der Neffe Johann Heinrich Jung, 1761–1832 studiert beim Onkel und fährt mit ihm nach Mannheim zur Sternwarte) und S. 191 (Register, Stichwort \“Mannheim\“).

 Als Professor für ökonomische Wissenschaften in Heidelberg war Jung-Stilling zum Mitglied der 1775 begründeten (literarischen) \“Teutschen Gesellschaft\“ in Mannheim berufen worden. Er fuhr vierzehntägig mit seinem engen Freund, Kirchenrat Johann Friedrich Mieg, 1744–1819, Pfarrer an der Heiliggeistkirche in Heidelberg, zu den Sitzungen nach Mannheim. Jung-Stilling dürfte im Mannheimer Hoftheater auch einer Aufführung (vielleicht gar der Uraufführung am 13. Januar 1782) des Schauspiels \“Die Räuber\“ von Friedrich Schiller beigewohnt haben.

 Jung-Stillings Sohn Jakob Jung, 1774–1846 (aus erster Ehe mit Christine Heyder, 1751–1781; er hatte Rechtswissenschaft studiert) erhielt in Mannheim im Jahre 1803 seine erste Stelle als Hofgerichtsrat; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 591 f. –  Jung-Stillings Tochter Amalie Jung, 1796–1860 (aus dritter Ehe mit Elisabeth Coing, 1756–1817; sie war gelernte Erzieherin) arbeitete in Mannheim als Leiterin einer Höheren Mädchenschule äusserst segensreich; siehe hierzu unbekannte Verfasserin: Amalie Jung und das Großherzogliche Fräulein=Institut in Mannheim. Ein Lebens= und Charakter=Bild. Weimar (Böhlau) 1873.

 Jung-Stillings Tochter Christine, 1799–1869 (aus dritter Ehe mit Elisabeth Coing) lebte gleichfalls in Mannheim; sie hatte 1820 Eberhard Friedrich Heddaeus geheiratet und wurde 1858 Witwe; siehe hierzu Christine Jung-Heddaeus: Aus den Papieren einer Tochter Jung=Stillings. Barmen (Langewiesche’s Verlagsbuchhandlung) 1860 (\“Meiner theuern Schwester Amalie, den Freunden meines seligen Vaters und den ehemaligen und jetzigen Schülerinnen des Großherzoglichen Instituts in Mannheim freundlich gewidmet“).

 Schliesslich wirkte auch Jung-Stillings Enkelsohn Wilhelm Heinrich Elias Schwarz,1793–1873 in Mannheim. Er hatte in Leipzig und Heidelberg Theologie studiert, promovierte 1816 in diesem Fach, war zunächst in Weinheim (Bergstrasse) tätig und amtete ab 1831 als Pfarrer an der Trinitatis-Kirche. – Siehe Udo Wennemuth: Geschichte der evangelischen Kirche in Mannheim. Sigmaringen (Thorbecke) 1996, S. 82 ff. (Quellen und Darstellungen zur Mannheimer Stadt-geschichte, hrsg. vom Stadtarchiv Mannheim, Bd. 4).

Im Zuge der Gründung des Kurfürstentums (ab 1806 infolge des Rheinbundvertrags vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 von da an nunmehr Grossherzogtums) Baden durch Kaiser Napoléon I kam die vormalige kurpfälzische Residenzstadt Mannheim 1803 an Baden, dessen Hauptstadt Karlsruhe wurde. Dorthin berief der mit Jung-Stilling geistig verbundene Grossherzog Karl Friedrich 1728/1746–1811 diesen als Berater. Jung-Stilling wird im April 1806 sogar zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt.

Bis anhin führte er den ihm von Kurfürst Karl Theodor am 31. März 1785 verliehenen Rang eines \“Kurpfälzischen Hofrats\“; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 427. — Durch den Reichsdeputations-Hauptschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuß des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ Hofrat DE JURE PUBLICO dann automatisch zum \“badischen\“ Hofrat.

Nach allen diesen Erfahrungen seines Lebens urteilt Jung-Stilling zwei Jahre vor seinem Tod: \“Ich kenne kein frivoleres, gegen alle Religion leichtsinnigeres Volk als die Badenser und Pfälzer\“; siehe Alexander Vömel: Briefe Jung=Stillings an seine Freunde, 2. Aufl. Berlin (Wiegandt & Grieben) 1924, S. 168.

3 \“Wenn meine lieben Landsleute nur recht lebendig wahrhaft evangelische Prediger hätten, so würden sie alle andern Nationen im wahren Christenthum übertreffen: denn sie sind alle für das Geistige und Erhabene gestimmt, es darf nur geweckt, und richtig geleitet werden\“, urteilt Jung-Stilling über die Siegerländer; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe an Verwandte, Freunde und Fremde aus den Jahren 1787–1816, hrsg. von Hans W. Panthel. Hildesheim (Gerstenberg) 1978, S. 153.

Dieser Brief ist im Jahr 1814 geschrieben. Jung-Stilling war das letzte Mal 1775 in seiner Heimat, zur Zeit der Abfassung des Briefes also vor 39 Jahren! – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm.1), S. 328 f. über seine Ankunft in Lichthausen (= Littfeld).

Eine geplante Reise ins Siegerland von Berleburg aus, wo er im Mai 1803 zusammen mit seiner dritten Ehefrau den wittgensteinischen Regierungsrat Christian Henrich Wilhelm Hombergk, 1765–1824 (ein Verwandter seiner Frau) besuchte, tritt Jung-Stilling wegen einer Sigena–Topophobie bzw. aufbrechenden Affektpsychose nicht an; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 591.

4 Faland = Teufel; bei Johann Wolfgang Goethe auch \“Voland\“ geschrieben. \“Valantine\“ = Teufelin galt früher als Schimpfname. – Siehe Friedrich L. K. Weigand: Deutsches Wörterbuch, Bd. 1, 4. Aufl. Giessen (Ricker’sche Buchhandlung) 1881, S. 496 f.

5 Lichthausen = Littfeld, ehemals selbständige Grenzgemeinde im Norden des Fürstentums Nassau-Siegen mit alten Erzbergwerken; seit 1. Januar 1969 Teil der Stadt Kreuztal. Dieses Dorf ist der Geburtsort der früh verstorbenen Mutter Jung-Stillings, Dorothea Katharina Fischer, 1720–1744. Hier wohnte auch der Patenonkel, Oberbergmeister Johann Heinrich Jung; siehe Gerhard Merk: Oberbergmeister Johann Heinrich Jung (1711–1786. Ein Lebensbild. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989; sie die einleitende Anmerkung.

Im ehemaligen Grubengelände bei Littfeld fanden bis zum Jahr 1985 Stockcar-Rennen statt. Diese zogen Schaulustige aus einem weiten Umkreis an. Wegen der starken Beeinträchtigung der hier durch den verlassenen Bergbau besonders geprägten, eigengearteten Natur (vor allem Zerstörung seltener, nur in ganz bestimmten mineralischen Böden gedeihender Pflanzen) wurden die Rennen von der Landschaftsbehörde untersagt.

6 Chloroform (CHCl3) mischen junge Mofa-Fahrer gelegentlich dem Benzin bei, um (angeblich) höhere Fahrgeschwindigkeiten zu erreichen.

7 Siehe hierzu und zu den folgenden Gedanken auch Freimund Biederwacker: Vom folgeschweren Auto-Wahn. Protokoll einer nachtodlichen Belehrung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996; als Download-File auch kostenlos abrufbar bei der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling>

8 Jassen = die gOttgeschenkte Zeit mit Kartenspiel verplempern: ein vornehmlich im Schweizerdeutschen gebrauchter Begriff.

9 Diskothek = Tanzlokal, vornehmlich für Jugendliche, mit in der Regel überlauter, von Tonträgern abgespielter Musik; häufig auch in einem Handelsplattform für Drogen und Tauschbörse für Datenträger mit pornographischen Inhalten.

10 Auf die Arbeit = Siegerländer Platt für das hochdeutsche \“bei der Arbeit\“.

11 Florenburg = Hilchenbach, ehemaliger Amts- und Gerichtsbezirk im Fürstentum Nassau-Siegen, heute Stadt im Kreis Siegen-Wittgenstein, Bundesland Nordrhein-Westfalen. Hilchenbach war bis zum 1. Mai 1687 ein Dorf und wurde ab da zu einem Flecken mit bürgerlichen Gerechtsamen erhoben. Siehe diese aufgezählt bei Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820 (Reprint Kreuztal [verlag die wielandschmiede] 1981), S. 88 f.

Der Ort geht wahrscheinlich auf eine frühe Gründung des Klosters Corvey an der Weser zurück, die Kirche hatte den Heiligen Vitus als Zweitpatron. – Siehe Heinrich Kampschulte: Die westfälischen Kirchen-Patrocinien, besonders in ihrer Beziehung zur Geschichte der Einführung und Befestigung des Christenthums in Westfalen. Münster (Schöningh) 1867 (Reprint 1963), S. 14; Lothar Irle: Heilige in Verehrung und Volkstum des Siegerlandes. Siegen (Heimatverein) 1969, S. 12 f. (Siegerländer Beiträge zur Geschichte und Landeskunde, Heft 19) sowie auch Hermann Müller: Florenburgs Kirche. Geschichte und Leben einer reformierten Gemeinde Nassau-Oranischen Landes. Hilchenbach (Selbstverlag der Evangelischen Kirchengemeinde) 1960, S. 333 ff. zu Jung-Stilling in Hilchenbach. –

In seiner \“Lebensgeschichte gibt Jung-Stilling der Stadt Hilchenbach den Namen \“Florenburg\“; in seinem Roman \“Theobald oder die Schwärmer\“ nennt er sie \“Hochborn\“.

12 Tiefenbach = Grund, ehemals Dorf im Fürstentum Nassau-Siegen, seit 1969 Teil der Stadt Hilchenbach. Grund ist der Geburtsort von Johann Heinrich Jung-Stilling, dessen Vorfahren väterlicherseits hier ansässig waren. – Siehe Festausschuss 650-Jahre-Grund (Hrsg.): 650 Jahre Grund. Grund (Selbstverlag des Heimatvereins) 1995.

13 Kleinhoven = das Dorf Buschhütten, heute südlicher Teil der Stadt Kreuztal, Kreis Siegen-Wittgenstein. – Von Klafeld aus besuchte Jung-Stilling 1760 häufig seinen Kollegen, der neben dem Schulhalten auch die (Falsch)Münzerei betrieb; vgl. Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 141 f. – Siehe zum Ort Erich Klein (Hrsg.): Ortschronik von Buschhütten, Langenau und Bottenbach. Buschhütten (Arbeitskreis Ortschronik Buschhütten) 2002 und Geschichtliches sowie Abbildungen auch bei Herbert Gueffroy: Festschrift zur Erinnerung an die Fertigstellung der Kirche Buschhütten am 17. Juli 1955. Ferndorf (Ev.-ref. Kirchengemeinde) 1955.

14 Kleefeld = Klafeld, später in die Gemeinde Geisweid eingegliedert und seit 1969 nördlicher, an die Stadt Kreuztal angrenzender Teil der Stadt Siegen. Hier wirkte Jung-Stilling als Schullehrer ab Januar 1760, wurde aber wider alles Recht von dem als geistlichen Schulinspektor amtenden Superintendenten Johann Ludwig Winkel (1698–1769) verdrängt. – Siehe hierzu Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 141 ff. sowie zu Klafeld/Geisweid sehr ausführlich Hermann Böttger und Gustav Busch: Geschichte der Gemeinde Klafeld-Geisweid. Siegen (Vorländer) 1955.

15 Zellberg = Lützel, heute Ortsteil der Stadt Hilchenbach. Jung-Stilling war hier im Alter von 14 Jahren bereits Schulmeister, er trat das Amt zum 1. Mai 1755 an. Siehe Hermann Müller: Florenburgs Schulen. Ihre Geschichte, dargestellt nach den vorhandenen Unterlagen. Hilchenbach (Selbstverlag der Evangelischen Kirchengemeinde) 1957, S. 95 ff. (mit Abb. der alten Schule). – Siehe zur schulmeisterlichen Tätigkeit von Jung-Stilling in diesen Orten auch sehr tiefschürfend Rainer Vinke: Jung-Stilling und die Aufklärung. Die polemischen Schriften Johann Heinrich Jung-Stillings gegen Friedrich Nicolai (1775/76). Stuttgart (Franz Steiner), S. 49 ff. (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Bd. 129):

16 Leindorf = Kredenbach, seit 1969 Ortsteil der Stadt Kreuztal. Ein Jahr lang, von Michaeli (= 29 VIIber) 1756 bis Michaeli 1757, wirkte hier Jung-Stilling als Lehrer; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 114 ff. Der Ort war verhältnismässig wohlhabend; siehe Hartmut Müller: Kredenbach im Schatzungsregister 1566. Die Einwohner und ihre Häuser in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Kreuztal-Kredenbach (Müller) 2007 (Beiträge zur Geschichte Kredenbachs, № 8).

Zwei Schwestern von Jung-Stillings Vater waren in Kredenbach ansässig. –  Anna Katharine Jung (geb. 1722) vermählte sich mit Jost Heinrich Vetter in Kredenbach. –  Maria Elisabeth Jung (geb. 1726) verehelichte sich im Jahre 1745 mit Simon Irle aus Kredenbach.

Im Jahre 1756 heiratete Jung-Stillings verwitweter Vater Johann Helmann Jung (1716–1802) in eine kleine Landwirtschaft in Kredenbach ein; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 114 ff. und S. 776 (Register, Stichwort \“Kredenbach\“). Das Haus ist heute verschwunden; siehe Ortwin Brückel: Johann Heinrich Jung-Stilling und Kredenbach. Wohnhaus der Eltern mußte Straßenbau weichen, in: Siegerland, Bd. 72 (1995), Heft 3/4, S. 77.

17 im 1. Buch Moses, Kapitel 18, ab Vers 23 wird geschildert, wie Abraham mit GOtt rechtet wegen des Untergangs der Stadt Sodoma (Sedom). Am Ende wollte GOtt die Stadt selbst dann verschonen, wenn bloss zehn Fromme darin zu finden wären.

18 Siehe hierzu Apostelgeschichte, Kapitel 1, Vers 9.

19 Siehe hierzu Zweiter Korintherbrief, Kapitel 2, Vers 14.

20 Johann Heinrich Jung-Stilling starb am 2. April 1817 in Karlsruhe. Dort ist er auch bestattet. – Siehe Gerhard Merk: Jung-Stilling (Anm. 2), S. 183 ff.

21 Siehe Grundsätzliches zum Wiedereintritt Verstorbener in diese Welt Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so!) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, also mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralantiquariat der DDR] 1987 und öfters), S. 220 ff.

Dieses Buch von Jung-Stilling, auf Veranlassung seines Gönners Karl Friedrich von Baden 1728/1746–1811) geschrieben, erfuhr Übersetzungen auch ins Englische, Amerikanische, Französische, Niederländische und Schwedische. – Siehe Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 241 (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

Vgl. zu Themenkreis der \“Theorie der Geister=Kunde\“ auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades. Wahre und falsche Ansichten, hrsg. und eingel. von Gerhard Merk. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 2) sowie Martin Landmann: Ahnungen, Visionen und Geistererscheinungen nach Jung-Stilling. Eine ausdeutende Untersuchung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995. Diese Schrift ist auch <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> unentgeltlich abrufbar.

22 Gemeint ist das \“Reich der Herrlichkeit\“ als Teil des Himmels. – Siehe hierzu Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999, S. 189 sowie Jung-Stilling-Lexikon Religion, hrsg. von Gerhard Merk. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. 76.

23 Stundenhalter = Laien, die für \“Erweckte\“ und \“Bekehrte\“ (vor allem des Siegerlandes) Bibelstunden und Gebetsbesammlungen veranstalten. – Siehe auch Jakob Schmitt: Die Gnade bricht durch. Aus der Geschichte der Erweckungsbewegung im Siegerland, in Wittgenstein und den angrenzenden Gebieten, 3. Aufl. Giessen (Brunnen Verlag), S. 145 ff.

24 Seelenpfleger = Laien, die innert der Gemeinschaftsbewegung (vor allem des Siegerlandes) \“Bekehrte\“ und \“Erweckte\“ zu Hause besuchen, im Glauben bestärken und sie auch bei wichtigen bürgerlichen Entscheidungen Rat erteilen.

25 Baal = Bezeichnung vieler Götter des orientalischen Altertums; in der Heiligen Schrift auch Sammelbezeichnung für einen falschen Gott, einen Abgott überhaupt.


Morality is religion in practice; religion is morality in principle



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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