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Johann Heinrich Jung-Stilling und sein Verleger George Jacob Decker (1732–1799)

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Johann Heinrich Jung-Stilling und sein
Verleger George Jacob Decker (1732–1799)

von

Obermedizinalrat Dr. med. Klaus Pfeifer,
Arzt für Chirurgie, Siegen


Leicht veränderte Online-Fassung aus Michael Frost (Hrsg.): Blicke auf Jung-Stilling. Festschrift zum 60. Geburtstag von Gerhard Merk. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1991, Seite 50 bis 61. – Die gewerbliche Nutzung des Textes bedarf der schriftlichen Zustimmung des Copyright-Inhabers, der Jung-Stilling-Gesellschaft e.V., Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland)

A. Schriftsteller und Bücher um 1770

Johann Heinrich Jung-Stilling hat in seinem langen Leben eine Vielzahl von Schriften verfaßt. Die erste selbständige Publikation aus seiner Feder (dies noch wörtlich genommen) erschien im Jahre 1772. Seine letzten Werke hat er 1816 geschrieben; sie wurden nach seinem Tode herausgegeben. Das Verzeichnis der Schriften von Jung-Stilling umfaßt deren vierundsiebzig1; an anderer Stelle sind jedoch einhundertvier gezählt worden.2 Die genaue Anzahl steht derzeit nicht fest, zumal kürzlich eine bisher ungedruckte Schrift von Jung-Stilling aufgefunden wurde. Ihre Veröffentlichung wird vorbereitet.3

Zweifellos ist Jung-Stilling ein ebenso vielseitiger wie unerhört fleißiger Schriftsteller gewesen. Neben seinen mannigfaltigen Aktivitäten als praktischer Arzt, Augenarzt, Tierarzt, Wirtschaftswissenschaftler, geistlicher Berater, Hochschullehrer und praktischer Ökonom muß er eigentlich nahezu pausenlos schriftstellerisch tätig gewesen sein. Dabei sind seine früheren handwerklichen Tätigkeiten, seine Jahre als Dorfschullehrer, seine ausgedehnte briefliche Seelsorge und die Pflichten eines Badischen Hofrats noch gar nicht berücksichtigt. Genie ist Fleiß – hier ebenso wie bei vielen seiner berühmten Zeitgenossen. Zusätzlich muß bedacht werden, daß zur Goethezeit das Schreiben eine zeitraubende manuelle Tätigkeit war, und daß Jung-Stillings stets und ständig bedrängte finanzielle Lage ihm niemals gestattete, etwa die Hilfe eines Kopisten in Anspruch zu nehmen.

I. Kummer der Autoren und Verleger

Die Schriftstellerei war zur damaligen Zeit nicht unbedingt finanziell ergiebig. Dies galt auch für erfolgreiche und gern gelesene Autoren, zu denen Jung-Stilling ja eindeutig gehörte. Es war dies bedingt durch den noch sehr unzureichenden Schutz der Urheberrechte. Mit dem technischen Fortschritt im Druckwesen war es immer leichter geworden, das geistige Eigentum der Dichter und Denker zu vervielfältigen und der wachsenden Leserschaft des aufstrebenden Bürgertums anzubieten.

Dem Drucker aber folgte der Nachdrucker auf dem Fuße.4 Er konnte seine Bücher oder sonstigen Schriften billiger, weil ohne die Belastung durch ein bezahltes Honorar, verkaufen. Dies geschieht noch bis auf den heutigen Tag. Solche Raubdrucke sind und bleiben Diebstahl geistigen Eigentums. Sie waren stets unmoralisch und verwerflich. Ungesetzlich aber wurden sie erst nach der Einführung gegensteuernder urheberrechtlicher Bestimmungen.

Die redlichen Verleger, deren Zahl gewiß die der Raubdrucker überstieg, wehrten sich gegen diesen geistigen Diebstahl ihrer Autoren – nicht zuletzt auch im wohlverstandenen eigenen geschäftlichen Interesse. So drohte im Jahre 1786 der bekannte Leipziger Verlagsherr Georg Joachim Göschen (1752–1828) vor der Herausgabe von Goethes Werken den Herren Nachdruckern, daß sie so blamiert werden sollten \“in ihrer unrechtmäßigen Industrie, daß kein ehrlicher Mann mehr mit ihnen aus einem Krug trinken\“ werde.5 Ob diese wahrhaft furchterregende Strafandrohung ihre Wirkung getan hat, ist mir nicht bekannt.

II. Schutz der Urheber

Zunächst gab es auf dem Gebiet des Urheberrechts nur unterschiedliche landesherrliche Privilegien, welche bestimmten Druckern und Verlegern überhaupt erst die Drucklegung von Schriften gestatteten. Dies aber war kein ausreichender Schutz für die Autoren. So wurde alsbald die Einführung von präzisen Urheber-Rechten in steigendem Umfang und zunehmender Differenzierung erforderlich. Eine einschlägige Gesetzgebung entstand zunächst in Großbritannien (ab 1709), dann in Frankreich (ab 1793) und kurz darauf in Preußen (1794). Sie schützte jeweils zumindest das Werk inländischer Autoren; vermochte aber den Raubdruck von Schriften solcher Verfasser im Ausland (sei es in der Originalsprache, sei es in Übersetzungen) kaum zu verhindern. Jedoch auch im Inland war der Schutz nicht vollkommen und nicht zuverlässig – und ist es bis heute nicht!

Wenn irgendwo, so ist im Hinblick auf das Urheberrecht die sarkastische Bemerkung berechtigt, daß Gesetze dazu da seien, um umgangen zu werden.

Unter solche Gesetzesumgehung fallen auch die damals häufigen Drucke nicht vereinbarter (und also nicht vergüteter) zusätzlicher Auflagen durch den an sich rechtmäßigen Verleger. Darunter litten die Autoren der Goethezeit sehr, übrigens auch Goethe selbst.6 So brachte in den Jahren 1775 bis 1776 die Heilmann’sche Buchhandlung in Biel (Schweiz) ungenehmigte Nachdrucke von \“Des Herrn Göthe sämtliche Werke\“ heraus. Auch in Berlin fand sich ein weiterer ungebetener Verleger Goethes. Ertappt, bot er dem Dichter dann auch noch an, ihm als Entgelt etwas Berliner Porzellan zu schicken, sofern er es wünsche.

III. Partnerschaft Autor – Verlagsbuchhändler

In der Regel aber waren Drucker, Verleger und Buchhändler doch die Partner der Autoren, die Bindeglieder zwischen dem Verfasser und den Lesern. Anfangs vereinigten sich die drei Funktionen des Druckens, Verlegens und Verkaufens in einer Person. Dies blieb aber notwendigerweise nicht so. Mit zunehmender Technisierung, mit steigenden Auflagezahlen und mit der allmählichen Ausweitung von Handel und Wandel schieden sich die Funktionen und spezialisierten sich gleichzeitig. Es ergab sich auch eine mehr oder weniger enge Festlegung der Verleger auf jeweils gewisse thematische Arbeitsgebiete, und bei den Druckern eine produktionstechnisch bedingte Bevorzugung jeweils bestimmter Druckerzeugnisse.

Zu Jung-Stillings Zeiten aber waren zunächst diese Aufgaben des Druckes, des Verlegers und des Buchhandels in der Regel noch in Personalunion in Gestalt des Verlegers vereint. Dieser trug auch das finanzielle Risiko der Publikation. Bei den vielen Unwägbarkeiten auf diesem Gebiet und angesichts der Unmöglichkeit, das finanzielle Ergebnis eines Werkes vorherzusehen, war dieses Risiko sicher nicht gering.

Die wirklich großen und bedeutenden Verlegerpersönlichkeiten besaßen eben nicht nur technische Fertigkeiten und kaufmännisches Talent. Sie mußten auch einerseits Verständnis und Einfühlungsvermögen für Person und Werk des Urhebers sowie andererseits ein feines Gespür für den Geschmack, die Interessen und die Aufnahmefähigkeit des lesenden Publikums haben. Die Seltenheit solcher bedeutender Verleger erklärt wohl den häufigen Wechsel von Verlag zu Verlag, den wir bei sehr vielen Autoren der damaligen Zeit finden. Ebenso liegen aber hier auch die Gründe für langjährige Bindungen zwischen manchen Schriftstellern und ihren Verlegern; oft über die rein geschäftlichen Beziehungen hinausgehend.

IV. Verlagsschwerpunkte

Erfreulicherweise waren die deutschen Lande schon zu damaliger Zeit nicht arm an risikofreudigen und geistig interessierten Verlegern. Man traf sie verständlicherweise konzentriert in den Universitätsstädten und Residenzen an, in den geistigen Zentren, und natürlich in Leipzig als dem aufkeimenden Handelsplatz. An solchen Orten fanden sich auch die günstigsten Arbeitsmöglichkeiten und ein breites, lesefreudiges Publikum – heute würde man von \“Zielgruppen\“ sprechen.

Ein anderer Grund für die häufigen Verlegerwechsel war auch der wachsende Erfolg des betreffenden Autors. Die Verleger waren daran interessiert, das gewinnversprechende Werk eines bekannten und gern gelesenen Verfassers herauszubringen. Daher umwarben sie solche Autoren und gaben gar Werke in Auftrag oder suchten um Erlaubnis zur Neuauflage bereits früher erschienener Schriften nach.

Goethe und Jung-Stilling haben Werke bei so ziemlich allen namhaften zeitgenössischen Verlegern herausgebracht. So erschienen zum Beispiel bei Johann Heinrich Heitz in Straßburg sowohl Jung-Stillings medizinische Doktor-Dissertation (1772) als auch die \“Positiones juris\“, durch deren Verteidigung Goethe zum Lizentiaten der Rechte promovierte. Auch später fanden sie noch einmal einen gemeinsamen Verleger in Christian Friedrich Weygand. Dieser Leipziger Verlag brachte (1774) Goethes \“Clavigo\“ heraus sowie das \“Neueröffnete moralisch-politische Puppenspiel\“ (auch 1774) und vor allem den Roman \“Die Leiden des jungen Werther\“ (gleichfalls 1774).

Dabei muß aber auch festgehalten werden, daß Weygand in der Folgezeit zahlreiche (wahrscheinlich sechs) unerlaubte Nachdrucke herstellte. In den Jahren 1781 bis 1783 verlegte er Jung-Stillings Monatsschrift \“Der Volkslehrer\“ und brachte 1781 bis 1784 beide Teile des Stillingschen Romans \“Theobald oder die Schwärmer\“ heraus. Ob Weygand auch von Jung-Stillings Werken unerlaubte Nachdrucke fertigte, ist bislang noch nicht untersucht worden. Man darf es aber mit einiger Sicherheit annehmen, bedenkt man die Vielzahl der zeitgenössischen Ausgaben, die allein \“Henrich Stillings Jugend\“ erlebt hat.

B. Der Verlag Decker in Berlin

Dieses Buch, ein echter \“Bestseller\“, erschien erstmalig auf Veranlassung Goethes in \“Berlin und Leipzig, bey George Jacob Decker\“, dem wohl bedeutendsten Verleger Jung-Stillings. Daß Goethe das Manuskript überarbeitete und ohne näheres Wissen seines Freundes Jung-Stilling zu Druck beförderte, ist allgemein bekannt. Über etliche der näheren Umstände ist schon berichtet worden.7 Bisher gilt Goethe als der Urheber der Verbindung zwischen Jung-Stilling und Decker. Goethe selbst hat jedoch bei Decker nie eines seiner Werke drucken lassen. Er übergab seine späteren Manuskripte unterschiedlichen Verlegern, um schließlich eine dauerhafte Verbindung mit dem Verlagshause Cotta in Tübingen einzugehen.

I. Auswahlgründe Goethes

Jung-Stilling hatte Goethe für die Verwendung seines \“Jugend\“-Manuskriptes freie Hand gelassen. Ob nun Goethe selbst zu dem Entschluß gekommen ist, seines Freundes Buch bei Decker drucken zu lassen, ist nicht bekannt. Vielleicht hat er ganz bewußt einen Verlag gewählt, mit dem er selbst nicht in Verbindung stand, um dadurch nicht selbst als Autor ins Gespräch zu kommen. So wurde in der Tat nach dem Erscheinen der \“Jugend\“ anfangs gerätselt, wer denn wohl der Verfasser sein möge. Vielleicht wollte Goethe auch in Decker einen besonders leistungsfähigen Betrieb für dieses Buch finden, dessen Inhalt und Verfasser ihm seit der Straßburger Studienzeit besonders am Herzen lagen.

Denn leistungsfähig war der Decker’sche Verlag ohne alle Zweifel schon zu der damaligen Zeit (1777). Dies sowie der Titel eines \“königlich preußischen Hofbuchdruckers\“ mögen auch ein gewisser Schutz gegen ungebetenen Nachdruck gewesen sein. Wenn dem so wäre, dann müßte man aber annehmen, daß Goethe vorher oder nachher auch eigene Werke bei Decker hätte erscheinen lassen.

So erscheint es ungewiß, ob wirklich Goethe selbst den Decker’schen Verlag für Jung-Stillings Manuskript ausgesucht hat. Goethe hatte ja damals überhaupt bloß Geschäftsverbindungen zu einem einzigen Berliner Verleger. Dabei handelte es sich um August Mylius, der 1776 Goethes \“Stella\“ herausbrachte und im gleichen Jahr auch noch das Singspiel \“Claudine von Villa Bella\“. In den folgenden zehn Jahren erschien keines der Goethe’schen Werke mehr in einem Berliner Verlag. Warum sollte Goethe ausgerechnet Jung-Stillings Manuskript an Decker nach Berlin gegeben haben?

II. Vermittlung von Kauffmann

Nun ist bekannt, daß ein Schweizer Bürger namens Christoph Kauffmann (auch: Kaufmann) das Manuskript nach der Überarbeitung durch Goethe nach Berlin gebracht hat. Dieser Kauffmann stammte aus Winterthur, wo er im Jahre 1753 zur Welt kam. Er war also 1777, als dann Stillings \“Jugend\“ erschien, 24 Jahre alt. Kauffmann hatte ursprünglich in Bern Medizin studiert. Er war aber schon in jungen Jahren ein vielgeschäftiger Mann, ein \“Panurg\“ oder \“Gschaftlhuber\“, der die Welt mit der Absicht durchreiste, sie allerorten zu verbessern. Kauffmann starb schon 1795 in Berthelsdorf in Sachsen, wo er als Arzt in Diensten der Brüdergemeinde stand. Möglicherweise hat er auch an dem Treffen Goethes mit Jung-Stilling in Elberfeld (1774) teilgenommen.

Von diesem Treffen gibt Jung-Stilling eine ausführlichere Darstellung als Goethe. Aber Stilling nennt nicht alle seine damaligen Besucher beim Namen. \“Dann schlossen noch einige unbedeutende, blaß die Lücke ausfüllende Gesichter den Kreis\“, so berichtet er, nachdem er Goethe, Lavater und die anderen namentlich genannten Besucher aufgezählt hat. Ob Christoph Kauffmann auch mit unter den Gästen Goethes und Stillings saß, bleibt vorerst offen. Dies soll Gegenstand weiterer Untersuchungen werden.8 Jedenfalls erscheint es recht gut möglich, daß nicht Goethe auf die Idee kam, das Stilling’sche Manuskript dem Verleger Decker anzubieten, sondern daß Kauffmann es von Goethe nach der Überarbeitung auf seiner Reise nach Berlin mitgenommen und dort bei Decker eingeliefert hat. Ob er diesen Verlag selbst ausgesucht hat, oder ob Goethe dazu riet, muß vorerst offen bleiben. Vielleicht hat auch Lavater die Familie des Verlegers von Basel her gekannt und die Verbindung angeregt. Jedenfalls geriet Jung-Stillings Manuskript in Berlin in die denkbar besten Hände.

III. George Jacob Decker

George Jacob Decker (1732–1799) war ein Ur-Ur-Enkel des Baseler Druckers Georg Decker (1596–1661), der aus Eisfeld in Thüringen stammte. Er betrieb in Basel seit 1635 eine Druckerei, welche im Jahre 1636 bereits in den Rang der privilegierten Universitätsdruckerei erhoben wurde. Diese blieb übrigens bis zum Jahre 1802 im Besitz seiner Nachkommen, um dann an J. J. Thurneißen überzugehen.9

George Jacob Decker wurde in Basel geboren. Er besuchte das dortige Gymnasium und wurde dann weiter unterrichtet durch Pfarrer Brauer zu Moutier im Oberelsaß (Münster an der Fecht im Gregoriental). Mit 14 Jahren gab man ihn dem Berner Buchdrucker Hortin in die Lehre. Danach arbeitete er in Kolmar in der großelterlichen Parlamentsdruckerei. Von dort wechselte Decker nach Straßburg, um (ebenso wie Jung-Stilling und Goethe) sich einem Universitätsstudium zu widmen.

Decker wohnte bei dem bekannten Gelehrten Johann Daniel Schöpflin (1694–1771). Schöpflin hatte an der Universität den Lehrstuhl der Geschichte und Beredsamkeit inne. Ein Professor der Beredsamkeit lehrte seine Zuhörer, ihre Gedanken richtig, fließend und eindrucksvoll in Worten auszudrücken, um andere Menschen zu überzeugen und in ihrem Willen zu beeinflussen — sowohl in geistlich-theologischer als auch in weltlich-politischer Absicht. Zu damaliger Zeit bildete die Beredsamkeit somit ein für eigentlich jeden Studenten unerläßliches Studienfach. Vielleicht hat schon Schöpflin die Aufmerksamkeit Goethes auf Decker gelenkt.

Im Jahre 1750 hatte sich Decker, altem Handwerksbrauch folgend, auf die Wanderschaft begeben. Er arbeitete kurze Zeit in Frankfurt am Main in der Druckerei Brönne, von wo er weiter nach Leipzig zog. Dort fand er aber keine Arbeit, und erst in Zeitz stellte ihn der Buchdruckermeister Hugo ein. Ab Ostern 1751 aber ist Decker schon in Berlin in der Hofbuchdruckerei Henning tätig, wo ihm seine guten französischen Sprachkenntnisse bei dem Satz des Voltaire’schen Werkes \“Le Siècle de Louis XIV\“ sehr zustatten kamen. In Berlin heiratete Decker dann die Tochter des Buchdruckers Jean Grynäus, der ebenfalls aus Basel stammte.

IV. Deckers Offizin

Unter seiner Leitung entwickelte sich die bis dahin eher bedeutungslose Druckerei des Schwiegervaters bald sehr positiv. Bereits 1763 erhielt Decker den Titel eines königlichen Hofbuchdruckers und im Jahre darauf, nach dem Tode von Henning, auch die damit verbundenen Privilegien. Neben der rein typographischen Arbeit widmete sich das Unternehmen nun auch mehr und mehr verlegerischen und buchhändlerischen Aufgaben.

In Deckers Hofbuchdruckerei erschienen Schriften des Königs und der Königin. Das umfangreiche literarische Werk Friedrichs II. ist durchweg in französischer Sprache geschrieben, ob es sich nun um seine militärischen, historischen oder philosophischen Schriften handelt oder um seine Gedichte. Übrigens verfaßte auch die Königin Elisabeth Christine ihre moralischen Schriften in französischer Sprache. Von 1772 an druckte Decker auch die Abhandlungen der preußischen Akademie der Wissenschaften.10 Von 1769 bis 1788 gingen so aus der Decker’schen Offizin fast 400 Werke unterschiedlichen Umfangs hervor. Damit dürfte die Decker’sche Hofbuchdruckerei wohl der führende Verlag im deutschsprachigen Raum der damaligen Zeit gewesen sein.

Dadurch kam es, daß trotz ständigen Ausbaus und laufender Erweiterung der drucktechnischen Anlagen manche dringenden Aufträge fremden Offizinen anvertraut werden mußten, weil die eigene Kapazität oft nicht ausreichte. So stellten Druckereien in Halle, Wittenberg und Potsdam für Decker häufig Formulare und Massendrucksachen her.

V. Deckers Verbindung zu Jung-Stilling

Decker stand mit vielen namhaften Autoren und mit zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit im Briefwechsel und hat eine sehr wertvolle Sammlung von Briefen hinterlassen.11 Es wäre eigentlich anzunehmen, daß auch etwa von Goethe an Decker gerichtete Schreiben dieser Sammlung einverleibt worden wären. Dies ist jedoch nicht der Fall. Auch sonst konnte ich nirgends Hinweise auf einen Briefwechsel zwischen Goethe und Decker finden, und auch namhaften Goethe-Kennern ist ein solcher nicht bekannt.12 Auch dies muß doch wohl als ein Hinweis darauf gewertet werden, daß Goethe zwar Jung-Stillings Manuskript der \“Jugend\“ überarbeitet hat,13 aber doch nicht selbst den Druck durch Decker unmittelbar und persönlich veranlaßt hat.

Nach dem Erscheinen der \“Jugend\“ auf dem Büchermarkt entspann sich nun ein loser Briefwechsel zwischen Jung-Stilling und Decker, wovon insgesamt fünfzehn Briefe erhalten sind, die Stilling an Decker bzw. dessen Nachfolger gerichtet hat. Ein Teil davon ist an anderer Stelle bereits veröffentlicht.14 Der Briefwechsel begann am 7. November 1777. Jung-Stilling bestätigt zunächst den Erhalt der Druckbogen des Manuskriptes, das er \“vor einigen Jahren an Goethe\“ überlassen habe, \“damit zu machen, was ihm beliebte\“. Im vergangenen Frühjahr (also 1777) habe er erst die Nachricht von dem bevorstehenden Druck bekommen, zugleich mit dem Honorar. Offenbar hatte Stilling beides über Dritte erhalten; denn er schreibt an Decker, daß er \“so wenig den Verleger als Sie den Verfasser vielleicht\“ bis jetzt gewußt habe. Offenbar hat Jung-Stilling erst durch die Übersendung der Druckbogen erfahren, daß sein Buch im Decker’schen Verlag erscheinen werde.

In seinem ersten Brief, der mit der förmlichen Anrede \“Mein Herr!\“ beginnt und mit \“Ihr ergebenster Diener\“ ebenso förmlich endet, stellt Jung-Stilling die Fortsetzung der Lebensgeschichte in Aussicht. Auf den sonstigen Inhalt dieses ersten an Decker gerichteten Briefes, der so recht in freudiger Erregung und aus übervollem Herzen geschrieben ist, und der viele interessante Details zur Entstehungsgeschichte der \“Jugend\“ enthält, soll hier nicht weiter eingegangen werden. Für die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Autor und Verleger aufschlußreich ist aber die zunehmend herzlicher werdende Form der Briefe Stillings. Aus der anfänglich so steifen Anrede \“Mein Herr!\“ wird nach und nach \“Liebster Freund!\“, \“Mein theuerster!\“ und \“Theuerster Freund!\“. Leider sind die jeweiligen Antworten Deckers nicht erhalten geblieben. Seinen vermutlich letzten Brief schließt Stilling (am 21. Januar 1789) mit den Worten: \“Ich bin mit alter vertrauter Freundschaft ewig der Ihrige.\“

Immerhin besteht die Verbindung zwischen Autor und Verleger zu diesem Zeitpunkt seit fast zwölf Jahren. Inzwischen hat Decker nach und nach die Fortsetzungen der Jung’schen Lebensgeschichte gedruckt. Auf die \“Jugend\“ im Jahre 1777 folgten bereits 1778 die \“Jünglingsjahre\“ und die \“Wanderschaft\“. Im Decker’schen Verlag erschien 1779 \“Die Geschichte des Herrn von Morgenthau\“. Die \“Blicke in die Geheimnisse der Natur-Weisheit\“ druckte Decker ohne Angabe des Verfassers noch im Jahre 1787.

Als Verleger von \“Henrich Stillings häusliches Leben\“ (1789) firmierte dann aber ein Schwiegersohn Deckers, Heinrich August Rottmann, Königlicher Hofbuchhändler. Dies erklärt sich dadurch, daß George Jacob Decker I ab 1. Juli 1788 seinen Sohn George Jacob Decker II (1765–1819) in die Firma aufnahm. Vom 26. Juni 1792 an war dieser dann der alleinige Inhaber der Druckerei. Heinrich August Rottmann war lange Jahre bei Decker sen. beschäftigt. Er heiratete dann eine der Töchter seines Chefs. Am 1. Januar 1789 übernahm er in eigener Regie Verlag und Buchhandlung. Im Jahre 1806 erschien dann noch \“Heinrich Stillings Leben. Erster Theil. Neue Originalausgabe\“ unter der Verlagsangabe: \“Basel und Leipzig bei Heinrich August Rottmann\“. Damit endete die Verbindung zwischen Jung-Stilling und dem Druck- und Verlagshaus Decker bzw. dessen Nachfolger.

VI. Deckers geschäftliche und verlegerische Aktivität

Ein Mann vom Format George Jacob Deckers unterhielt enge geschäftliche und private Beziehungen zu seinen Berufskollegen. In Berlin waren dies vor 1800 vor allem Birnstiel, Diterici, Platen und Spener. Letzterer heiratete eine Tochter Deckers, ein Spener-Bruder eine weitere Decker-Tochter. Nach der Jahrhundertwende gibt es ebenso klangvolle Namen unter den Druckern und Verlegern in Berlin: Amelang, Litfaß, Zirngibl. In Leipzig war Decker befreundet mit Breitkopf. Bei Messe-Besuchen pflegten Decker und sein Königsberger Freund und Kollege Hartung bei Breitkopf zu wohnen. Überhaupt unternahm Decker weite Geschäftsreisen, vor allem im Interesse des Buchhandels. Er wußte derweil daheim in Berlin fleißige Mitarbeiter und Schüler am Werk. Zu ihnen gehörte vor allem sein Schwiegersohn Rottmann.

Auch Pierre Humblot war ein Mitarbeiter Deckers, welcher ihn später im Baseler Zweiggeschäft einsetzte. Humblot gründete später in Berlin den noch heute blühenden Verlag Duncker & Humblot. In den letzten Jahren sind in diesem angesehenen Verlag etliche wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Schriften von Jung-Stilling neu erschienen, herausgegeben von Gerhard Merk.15 Der heutige geschäftsführende Gesellschafter des Hauses Duncker & Humblot, Herr Rechtsanwalt Norbert Simon, zählt sich selbst zu \“Stillings-Freunden\“.

Im Laufe der Jahre erweiterte sich das Unternehmen des Decker’schen Verlagsgeschäftes durch mehrere Filialen. So wurde zunächst ein Lager bei der Mutter in Basel eingerichtet. Ein zweites Lager übernahm der Kommissionshändler Hermann in Frankfurt am Main. Dann gründete Decker eine Niederlage in Mannheim beim Buchhändler Schwan (später Frankfurt am Main). Im Jahre 1809 wurde die Sommer’sche Hofbuchdruckerei in Potsdam dem Unternehmen Deckers angeschlossen.

Eine eigene Schriftgießerei in Berlin lieferte nicht nur die in den eigenen Druckwerkstätten erforderlichen Typen, sondern rüstete auch fremde Druckereien aus. Schließlich wurde noch eine eigene Papierfabrik in Eichberg (Schlesien) eingerichtet. Auf Veranlassung des Königs Friedrich Wilhelm II von Preußen, der Deckers Privilegien für seine Nachkommen bestätigte, richtete dieser gemeinsam mit der Firma Voß & Sohn im Jahre 1787 im königlichen Schloß zu Berlin eine eigene Druckerei ein. Dort wirkte der bereits erwähnte Johann Heinrich Wilhelm Diterici beim Druck amtlicher Formulare, Berichte, Protokolle und Plakate sowie Bekanntmachungen. George Jacob Decker II richtete dann noch ein Zweiggeschäft in Posen ein.

So vielseitig wie die Geschäftsverbindungen und -verzweigungen waren auch die Produkte des Unternehmens. Nicht nur Werke von Lavater, Iffland, Klinger und Pestalozzi erschienen bei Decker, sondern hier wurden auch bedeutende zeitgenössische Prachtausgaben hergestellt. Eine zeitlang wurde auch die Berliner französische Zeitung, die \“Gazette francoise de Berlin\“ hier bei Decker verlegt und gedruckt. Sie war aber kein geschäftlicher Erfolg.

Zur 400-Jahrfeier der Erfindung der Buchdruckerkunst wurden zwanzig Nibelungen-Lieder in einem Prachtband hergestellt. Für die Londoner Weltausstellung im Jahre 1851 druckte das Unternehmen eine Prachtausgabe des Neuen Testamentes. 1860 wurde die Herausgabe einer bibliophilen Ausgabe der \“Oeuvres de Frédéric le Grand\“ in dreißig Bänden abgeschlossen.

VII. Umzüge und Ende der Firma Decker

Hatte der Verlag Decker sein Unterkommen zunächst im Verlag des Schwiegervaters Grynäus gefunden, so vergrößerte sich das Unternehmen schon 1755 beim Umzug in ein Haus nahe der neuen Roßstraßenbrücke. Schon 1756 reichten dort die Räumlichkeiten nicht mehr aus, so daß ein erneuter Umzug in die Nähe des Spittelmarktes nötig wurde. 1760 bezog man wiederum größere Räume bei der Gertraudenkirche, und ab 1762 war das neue Domizil in der Wallstraße. Im Jahre 1795 wurden noch einmal größere Räumlichkeiten in der Wilhelmstraße bezogen, die später das Auswärtige Amt aufnahm.

Der Verlag Decker verfügte auch unter den Nachfolgern von George Jacob Decker jeweils über die modernsten Druckmaschinen. Eine der ersten Stanhope-Pressen16 stand in Berlin bei Decker.

Im Jahre 1897 endet die Geschichte des Druck- und Verlagshauses Decker. Es wurde vom preußischen Staat durch Kauf übernommen und bildete den Grundstock der späteren Reichsdruckerei.

Anmerkungen

1 Jung-Stilling (Johann Heinrich Jung). Verzeichnis der selbständigen Schriften. Herausgegeben von der Stadt Siegen, Forschungsstelle Siegerland. Siegen 1962. — Siehe neuerdings umfassend Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie. Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1993 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28). Hier sind auch die Bibliotheks-Standorte verzeichnet, in denen sich Erstausgaben und Sekundärliteratur befinden.

2 Dieter Cunz, in: Henrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häusliches Leben. Mit einem Nachwort und Anmerkungen von Dieter Cunz. Stuttgart (Reclam) 1968.

3 Diese ist inzwischen im Druck erschienen; siehe (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Briefe eines reisenden Schweizers über die Einrichtung der Pfälzischen Fruchtmärckte, herausgegeben von einem Pfälzischen Patrioten. Aus der Handschrift übertragen und mit Anmerkungen versehen von Anneliese Wittmann. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Schriften, Bd. 6.

4 Oskar von Wächter: Das Verlagsrecht mit Einschluß der Lehren von dem Verlagsvertrag und Nachdruck. Stuttgart (Cotta) 1857 und derselbe: Das Autorrecht nach dem gemeinen deutschen Recht systematisch dargestellt. Stuttgart (Enke) 1875.

5 Dietmar Debes: Leben und Werk deutscher Buchhändler. Leipzig (VEB Bibliographisches Institut) 1965, S. 9–14.

6 Fritz Adolf Hünich: Goethe und seine Verleger, in: Goethe-Kalender auf das Jahre 1925. Leipzig (Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung) 1924, S. 99–118.

7 Franz Götting: Goethes Straßburger Freund Jung-Stilling, in: Goethe-Kalender auf das Jahr 1937. Leipzig (Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung) ohne Jahresangabe, S. 218–248. Gustav Adolf Benrath: Johann Heinrich Jung-Stilling. Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen, hrg. von Gustav Adolf Benrath, 2. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1984.

8 In Vorbereitung.

9 August Potthast: Die Abstammung der Familie Decker. Berlin (Rudolph Ludwig Decker) 1863.

10 August Potthast: Geschichte der Buchdruckerkunst zu Berlin im Umriß, hrg. von Ernst Crous. Berlin (Verein Berliner Buchdruckerei-Besitzer) 1926.

11 Nachlaß Decker in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Berlin (West).

12 Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar: Persönliche Mitteilung.

13 Gotthilf Stecher: Jung-Stilling als Schriftsteller. Berlin (Mayer & Müller) 1913 (Palaestra CXX). Gustav Adolf Benrath: Johann Heinrich Jung-Stilling. Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen, hrg. von Gustav Adolf Benrath, 2. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1984.

14 Gotthilf Stecher: Jung-Stilling als Schriftsteller, a.a.O.

14 Siehe Gustav Adolf Benrath: Johann Heinrich Jung-Stilling. Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen, hrg. von Gustav Adolf Benrath, 2. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1984.

15 Es handelt sich um die Bücher: (1) Jung-Stilling-Lexikon Wirtschaft (1987), (2) Wirtschaftslehre und Landeswohlstand. Sechs akademische Festreden (1988), (3) Sachgerechtes Wirtschaften. Sechs Vorlesungen (1988), (4) Gesellschaftliche Mißstände. Eine Blütenlese aus dem \“Volkslehrer\“ (1990) sowie (5) Gesellschaft, Leben und Beruf. Geschichten aus dem \“Volkslehrer\“ (1990).

16 Charles Graf Stanhope (1753–1816) erfand um 1800 eine Druckpresse, welche mit einer Hand in einem Zuge bedient werden konnte.



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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