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Höchst abergläubisches Treiben

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Höchst abergläubisches Treiben

und dessen erstaunliche, unvermutete Billigung durch den talentvollen, hochgelehrten, gOttbegnadeten, lebenserfahrenen und bis anhin unvergessenen Herrn

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817),

der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor,

seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübergang ab 1803 Badischer Hofrat, durch Verleihung ab 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat;

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften sowie Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Marburg/Lahn; davor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Vieharzneikunde – an der Universität Heidelberg und vordem seit 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern;

ehedem Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft in Elberfeld, dortselbst auch Arzt für Allgemeinmedizin, Geburtshilfe, Augenheilkunde und behördlich bestellter Brunnenarzt sowie Lehrender in Physiologie; der Kurpfälzischen ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Ge-sellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch seit 1781 bis zum Verbot der Geheimgesellschaften im kurpfälzisch-bayrischen Herrschaftsgebiet durch Erlass vom 22. Juni 1784 aus München der erlauchten Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied


Gemeinhin bekanntgemacht, dabei alle Leser beständiger gÖttlicher Obhut und getreuen Schutzes himmlischer Geister innigst empfehlend

durch

Blickfest Aufdasziel

in Salen, Grafschaft Leisenburg*.

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Markus-Gilde, Siegen

Die gewerbliche Nutzung des Textes bedarf der schriftlichen Einwilligung durch die löbliche Markus-Gilde, Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland)

mailto: merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de

Linienbus lässt auf sich warten

Schier eine Stunde stand ich schon
Zu Ferndorf1 an der Busstation
Und hoffte, dass kommt allgemach
Der Bus aus Richtung Hilchenbach.2
Recht schlapp war ich und abgetan
Von einer Tour zum Kilgeshahn.3

Ein Unfall scheinbar war geschehen.
Man konnte ständig eilen sehen
In Richtung Hilchenbach vorbei4
Den Unfalldienst und Polizei.
Ja, auch ein Helikopter kam,
Der wohl an Bord Verletzte nahm.

Gespräch an der Bushaltestelle

Zu mir sich noch ein Herr gesellte,
Der auch sich für den Bus anstellte.
In einen Plausch gerieten wir:
Schon achtzig war er und von hier.
Bevor er trat in Ruhestand,
War er ein Stahlbau-Fabrikant
Genau wie auch sein Vater schon:
Die Firma führte nun sein Sohn.

Er war verblüfft, dass mir bekannt
Fast jeder Weg im Siegerland.
Ich wüsste mehr als er Bescheid
Vom Siegerland in alter Zeit.
Aus Reichenburg5, so wähnte er,
Stets kluge Köpfe kämen her.
Von früher diese Stadt er kannte;
Dort lebten einst von ihm Verwandte.

Geheimnis wird mir anvertraut

Wenn bleiben wolle ich gesund,
Tät er mir ein Geheimnis kund,
Dass ausser ihm kaum jemand kenne;
Aus Neigung mir er es heut nenne.

Zu Ferndorf1 war als Schutzpatron
Bereits seit grauen Zeiten schon
Sankt Lorenz6, Diakon zu Rom,
Verbrannt bei einem Hass-Pogrom.
Papst Sixtus war ihm früh gewogen,
Nahm in die Hand, dass er erzogen.7
Zu sorgen hatte er für Greise,
Für Kranke, Witwen und für Waise,8
Er half in frommer Hingebung,
Wenngleich an Jahren er noch jung.

Sankt Lorenz wird in Rom hingerichtet

In Rom kam auf Verfolgungswahn
Als Kaiser war Valerian.
Papst Stephan wurde totgeschlagen,9
Papst Sixtus starb an Marterplagen.10

Man forderte nun Lorenz auf,
Dass gebe rasch er zum Verkauf
Was ihm vertraut als Ökonom
Und Armenpfleger hier in Rom.
Er sagte zu, dies auch zu tun;
Man möge morgen doch geruhn,
In Geld die Schätze zu bewerten,
Die gierig sie von ihm begehrten.

Am nächsten Tag der Kommission
Bot dar der fromme Diakon
Die Lahmen, Blinden, Siechen alle,
Auch Kinder, Stumme mit Gelalle,
Die von der Kirche hier gespeist
Wie das Gebot es HErrn es heisst.

Gar manche waren Heiden noch;
Auch ihnen half man gern jedoch.
\“Hier sind die Schätze, die ihr wollt;
Es wiegt ein jeder mehr als Gold\“,
Sprach Lorenz zum Kollegium
Und wies auf alle ringsherum.

Die Kommission war höchst erbost.
Man wider Lorenz tobt und tost,
Behauptet, das sei arger Schwindel:
Verhungern sollte das Gesindel.
Für das sei nämlich viel zu schad
Der kultivierte Römer-Staat.
Wer arm und unnütz, siech und wund,
Gehöre in den Höllenschlund.

Nun wurde Lorenz gleich gebunden
Und grässlich, fürchterlich geschunden:
Auf einen Rost man ihn verbrachte:
Darunter Feuer nun entfachte.
Derweilen er jetzt so verbrannte,
Gebete er zum Himmel sandte,
Dass ewig lebe JEsu Wort
Zu Rom besonders wirksam fort.11

Sankt Lorenz Kirchenpatron zu Ferndorf

Zu Ferndorf stand am Hochaltar 12
In einem schönen Exemplar
Sankt Lorenz‘ Bild aus Eichenholz:
Es war dies der Gemeinde Stolz.
Das Luthertum13 liess die Figur,
Ja: Schutz und Pflege sie erfuhr.

Es blieb die Kirche seinerzeit
Sankt Lorenz fernerhin geweiht.
Es galt nun lediglich als Wahn,
Ihn als Patron zu rufen an.

Calvinisten besorgt um „reinen Glauben“

Im Zug der Dillenburg-Synode14
Ward Luthers Geist erstickt zu Tode.
Es wehte jetzt ein scharfer Wind,
Der feindlich Lorenz war gesinnt. 15
Sein Bildnis hiess mit einem Mal
Für \“reinen Glauben\“ ein Skandal.

Mit Sägen, Äxten kamen sie:
Der Pfarrer führte die Regie.
Rasch war die Statue demoliert,
Die schmuck den Hochaltar geziert.

Die Holzessplitter man verbrannte,
Dass niemand närrisch sich verrannte
Und aufhob die geweihten Späne,
Weil wunderkräftig er sie wähne.
Die Asche ward hinweggetan:
Des Nachts verstreut am Kilgeshahn.3

Bittgang zu Sankt Lorenz hielt an

Zwar gab es ein paar Leute doch,
Die waren abergläubisch noch.
Nachdem das Standbild man entfernt,
Der eine von dem andern lernt,
Bei Krankheit jetzt zu flehen an
Sankt Lorenz hoch am Kilgeshahn3,
Wo seine Asche ward verstreut;
Man hinzugehen tags sich scheut,
Doch mancher wallte nun hinan
Des Nachts, wenn andre ihn nicht sahn.

Sankt Lorenz zeigt sich im Erntemonat

Wenn jedes Jahr beginnt August,
Sankt Lorenz steht, wie einstens just,
Im Standbild auf dem Kilgeshahn3
Und hört sich alle Bitten an,
Von Menschen, die um Heilung ringen,
Vertrauensvoll dort vor ihn bringen. 17

So manchem zeigt er sich sodann
Als hilfsbereiter junger Mann.
Er gibt zwecks Heilung und Gedeih
Für Kranke öfters auch Arznei.

Bitte um Aufhören mit solchem Gerede

Ich bat nun den Erzähler grob,
Dass er mit solcher Rede stopp.
Für mich als ächter Calvinist
Das sonders Hokuspokus ist!

Die Heiligen sind abgeschafft!
Es braucht Gott keine Dienerschaft;
Schon gar nicht Märtyrer aus Rom,
Auch keinen Papst und Petersdom!

Gereinigt hat von Phantasien
Den Christenglauben doch Calvin.18
Der Glaube ist nun re-formiert,
Das heisst: auf GOtt allein fundiert.
Mit Lorenz: das sei Narretei
Wohl auch Betrug und Wahn dabei.
Ein Rückfall tief in den Papismus,19
Der schlimmer sei als Atheismus.

Themenwechsel; der Omnibus trifft ein

Er wechselte den Gegenstand:
Sprach nun vom Bergbau allerhand.
Der Bus kam endlich jetzt auch an;
Die Wartezeit schien mir vertan.

Ich fühlte mich befreit im Kern,
Als schied ich nun von diesem Herrn.
Der Bus war voll; er ging weit vor;
Drum ich ihn aus dem Blick verlor.

Danach ich ihn nicht wieder sah;
Ich wanderte auch nicht mehr da.
Viel schöner ich den Nordteil fand,
Der schliesst sich an ans Sauerland.20
Zu wandern dort ist mir bis heute
Von neuem stets Genuss und Freude.

Eigenartiges Umdenken setzt bei mir ein

Die nächste Zeit fand ich kaum Ruh:
Es gärte in mir immerzu.
Wie, wenn der Alte doch recht hätte?
Ich wälzte schlaflos mich im Bette.

Bald trug ich aus der Bücherei
Lektüre über Spuk herbei21
Nebst Schriften, die von Lorenz künden,22
Auch Kult der Heiligen begründen.23
Rasch ich die Dinge anders sah;
Mir trat nun manches erstmals nah,
Was ich bis anhin übersehen:
Jetzt konnte ich es erst verstehen.

Gang zum Kilgeshahn an einem 10. August

Ein Zwang mich überkam dann just:
Ich ging am Zehnten im August
Zu jenem Platz am Kilgeshahn3,
Wo viele schon Sankt Lorenz sahn.

Da – mitten drin im Fichtenwald –
Traf ich auf eine Lichtgestalt!
Ich kniete nieder mich zur Erde,
Als Lorenz nun zu mir sich kehrte.

Was sprach der Heilige zur mir,
Kann ich nicht näher sagen hier.
Es sind Probleme meiner Seele,
Die ich aus gutem Grund verhehle.

Sankt Lorenz gab nach einer Weile
Ein Pulver, das sehr rasch mich heile,
Falls werde ich nächst einmal krank:
GOtt preisend sagte ich ihm Dank.
Er gab zum Abschied mir den Segen,
Entzog sich drauf, dem Licht entgegen.

Krankheit sucht mich heim

Ich wurde bald danach schon krank:
Am Schreitisch ich vornüber sank.
Der Anfall sah recht böse aus:
Drum kam ich gleich ins Krankenhaus.
Ich sollte streng im Bette ruhn
Und keinen Schritt auf Füssen tun.

Gegebenheiten im modernen Krankenhaus

Kennst du dich aus Erfahrung aus
Im neuzeitlichen Krankenhaus?
Zum Schlechten schritt an diesem Ort
Erkennbar vieles drastisch fort.

Der Arzt sieht nicht den Kranken an
Und fragt, wie er ihm helfen kann.
Geräte vielmehr messen Werte,
Auf dass daraus gefolgert werde,
Ob diese sind im rechten Mass.
Man dabei aber meist vergass,
Dass Ausschnitt bloss die Werte sind!
Daraus sich immer mehr entspinnt
Ein starres Blicken nur auf Zahlen;
Die werden farbig schön gemalen
Tagtäglich von dem Personal
Zu Kurven in das Blatt-Journal.

Das bringt viel Arbeit, schluckt viel Zeit.
Die Pfleger sind drum kaum bereit
Zu eilen, wenn man Hilfe braucht:
Selbst wenn man seinen Geist verhaucht.

Der Wider-Sinn der Sache ist,
Dass nur erkannt wird, was man misst.
Doch dies bleibt stets ein Teil von dem,
Was Kranksein aufwirft als Problem.24

Man ist nicht mehr dem Gegenstand,
Das heisst: dem Kranken zugewandt.
Allein man sieht das Abbild nur –
Und davon letzt nur eine Spur –
Weil jene Werte man nur kennt,
Die messbar, fassbar am Patient.25

Der Arztbesuch am Krankenbett
Zeigt auf den Aberwitz komplett.
Selbst hippokratisches Gesicht26
Gewahrt der Arzt am Kranken nicht.
Er schaut ja ganz verrannt und stur
Aufs bruchstückhafte Abbild nur
In Form von Kurven, farbig schön,
Nicht auf des Sterbenden Gestöhn.
Wenn nur die Werte schlüssig sind:
Für alles andre scheint er blind.

Mein Gesundheitszustand bleibt bedenklich

Ich lag bereits ununterbrochen
Im Krankenhaus nun fast sechs Wochen.
Gewöhnlich vor des Tages Mitte
Erschien der Chefarzt zur Visite.

Mein Blattjournal nahm er zur Hand
Und schaute darauf wie gebannt.
Besorgnis kam in sein Gesicht:
\“Die Werte mir gefallen nicht!\“
Er wies drauf den Stationsarzt an,
Was dieser aufschrieb sich sodann.

Mich selbst er untersuchte nie,
Ja nimmer je sein Ohr mir lieh,
Wiewohl vom Krankheitsgrund ich wusste
Und auch die Rechnung zahlen musste.

Voll Stumpfheit, reich mit Stolz gepaart,
Schien hier die rechte Chefarzt-Art;
Und dies war wohl hier nicht allein:
Woanders wird es ähnlich sein.

Gebrauch des Pulvers vom Heiligen Laurentius

Das Pulver ich verschwieg daheim;
Desgleichen hielt ich auch geheim,
Wie mir war freundlich zugetan
Sankt Lorenz letzt am Kilgeshahn.3

Als mich besuchte meine Frau,
Erklärte ich ihr ganz genau
Wo ich verwahrte das Gefäss,
Das mitzunehmen ich vergäss.
Für trägen Darm sei’s Leinsamkern
Gepulvert fein: das hätt ich gern.
Sie fand es gleich und bracht es mir;
Ich tat es weg und dankte ihr.

Noch eh das Abendessen kam,
Ein wenig ich des Pulvers nahm.
Es schmeckte süss und würzig gar;
Der Nachgeschmack war wunderbar.

Am nächsten Morgen stand ich auf;
Schritt in den Park zum Dauerlauf.
Danach ging in die Dusche ich;
Jäh kerngesund ich fühlte mich!
Den Ärzten schien ein solches Tun
Beginn sehr schlimmer Krankheit nun.
Sie nahmen Blut- und Speichelproben,
Im Auswurf suchten sie Mikroben.

Heilung ist allen unerklärlich

Der Chefarzt wurde zornesrot,
Mit Strafen der Station er droht,
Als er mein Blatt nahm in die Hand
Und hier die letzten Werte fand.
Das sei Gelotter, Schlamperei:
Vertauscht ist hier doch die Kartei!
Als ich dazu mich melden wollte,
Er hoch erbost die Augen rollte.

Harsch wies den Oberarzt er an,
Dass der persönlich schleunigst dann
Die Werte neu bestimmen solle:
Bis drei Uhr er sie sehen wolle!

Um halb vier kam der Chef herein
Noch immer wütend ungemein.
Er selbst mich nunmehr untersuchte
Und alles Personal verfluchte.

Heilung ist unerklärbar

Recht schicklich war am nächsten Tag
Der Chefarzt: fast schon sacht und zag.
Noch nie sei es ihm vorgekommen,
Dass jemand, der – wie ich – benommen
Von schwerer Krankheit, jäh gesundet,
Wie dies mein Zustand klar bekundet.
Die Werte seien schlüssig nicht;
Denn keiner halbwegs nur entspricht
Den Regeln klinischer Statistik:
Entbehrten so der Realistik.

Denn das bloss sei real und wahr,
Was sich beweislich biete dar.
Beweis sei in der Medizin,
Die Häufigkeit, mit der es schien,
Dass ein Wert auch dem andern folge;
Die Punkte drum in einer Wolke
Ganz nahe beieinander lägen
Und so sich Kurven glatt ergäben.27

Entlassung aus dem Krankenhaus

Bei mir sei alles anders doch,
Was zu erklären bliebe noch.
Ich sei geheilt und könne gehen:
Er wolle gern mich wieder sehen
Zur einem Check in vierzehn Tagen.
Doch sollte Unwohlsein mich plagen,
Dann möge augenblicklich ich
Nach hier zurück begeben mich.

Nachuntersuchung bestätigt die Heilung

Ich war gesund und auch heilfroh,
Dass ich dem Krankenhaus entfloh.
Wie sonst, ich bald am Schreibtisch sass
Und hatte an der Arbeit Spass.
Die Untersuchung nach zwei Wochen
Ergab, dass völlig ungebrochen
Gesundheits-Zustand bei mir war:
Kein Krankheits-Merkmal bot sich dar.

Der Chefarzt meinte, dass gedieh
Bei mir gut seine Therapie.
Gewirkt hier habe zweifelsfrei
Von ihm verordnete Arznei.

Der Gute hatte unterdessen
Bereits wohl völlig schon vergessen,
Dass störte ich die Realistik,
Weil passte nicht in die Statistik,
Auf die der Medizin-Betrieb
Bis heut stur ausgerichtet blieb.

Doch sprach ich solches jetzt nicht an,
Ich dankte vielmehr ihm alsdann
Für seinen Einsatz, den er mir
Gekonnt hat zugewendet hier.

Wer freut sich nicht, wenn ihm gedankt?
Was aber solches anbelangt,
So macht sich heut meist Tadel breit:
Ein Dankwort hat heut Seltenheit.

Plötzlicher Umbruch im Gewissen

Nach etwa einem halben Jahr
Verschob sich in mir wahrnehmbar
Die Sicht der Dinge, und mich plagten
Gewissensbisse, die harsch nagten
Des Tags und nachts an meinem Herzen,
Bescherten starke Reue-Schmerzen.

Mein Wohlsein ruht auf Zauberei!
Ich gab mich hin der Teufelei,
Die einstmals floss in breitem Strom
Ins Siegerland hinein aus Rom,
Und der gOttlob durch Calvins Lehre
Gesetzt ward eine Barriere.

Ich neigte zu mich dem Papismus
Und lügenhaften Spiritismus.
Nun bin ich in des Satans Hand:
Vor seinen Karren eingespannt.

So sah ich auch Sankt Lorenz bald
Als abgrundtiefe Ungestalt,
Die mich durch Höllenfürsten Trug
In teufelhafte Fänge schlug.
Denn GOtt der HErr wirkt ganz allein.
Es kann und darf darum nicht sein
Dass Heilige – und gar von Rom –
Erscheinen, wirken; ein Phantom,
Gespenst tief aus der Finsternis
War dieser Lorenz ganz gewiss,
Der mir sich neulich kundgetan
Zu Ferndorf1 auf dem Kilgeshahn.3

Ich schüttete die Rest-Arznei –
Ein Höllenpulver zweifelsfrei –
Spätabends in den Bach hinein.
Ein Zischen, Schäumen ungemein
Bestärkte mich, dass Satans Geist
Mit diesem Pulver war verschweisst;
In bunten Farben hell es zuckte
Als ganz das Wasser es verschluckte.
Erleichtert fühlte ich mich drauf
Und atmete froh wieder auf.

Begegnung mit Jung-Stilling in Berlin

Geschäftlich hatte ich Termin
Im Jahr darauf dann in Berlin
Ich sass in üblem Tabaks-Duft
Und atmete kaum frische Luft.

Drum wollte nunmehr ich am Abend –
Gemüt und Körper gleichviel labend –
Spazieren noch durch solche Strassen,
Wo gut die Luft einigermassen.

Kaum dass den Rundgang ich begann,
Da lacht ein Herr mich freundlich an,
Der irgendwie bekannt mir zwar,
Jedoch ich sehe nicht ganz klar,
Wo er mir schon begegnet ist:
Ganz sicher aber kein Tourist.
Mit ihm ich unbewusst verband
Die Heimat, unser Siegerland.


Der Herr schritt nunmehr auf mich zu,
Erreichte mich dann auch im Nu
Und sprach: \“Herr Blickfest: GOtt zum Gruss!
Ich sehe, ihr geht auch zu Fuss.
Ihr habt doch sicher nichts dagegen,
Wenn wir gemeinsam uns bewegen?
Gestattet mir die Vorstellung:
Ich bin Jung-Stilling: Hofrat Jung.28

Gott sendet mich in eure Quere,
Damit ich euch davon belehre,
Wie GOtt der HErr heut wirkt auf Erden:
Vollführt hier seine Pläne werden.
Ich hoffe, ihr habt hierfür Zeit
Und seid zu der Lektion bereit.\“

\“Herr Hofrat Jung,\“ sprach darauf ich,
\“Ich danke ihnen, dass sie sich
Bemühn, damit ich sehe ein,
Wie GOtt wirkt in die Zeit hinein.

Sie wissen wohl, dass mein Gewissen,
Seit langem schon ist arg zersplissen
Weil ich auf Abergeister baute
Anstatt allein auf Gott vertraute.

Ich gab mich hin dem Mummenschanz:
Vertraute Heilgen-Firlefanz
Und liess mich täuschen, dass zur Erde,
Sich aus dem Jenseits jeweils kehrte
Ein Heiliger, der als Patron
Brächt Bitten gar vor Gottes Thron.
Es sei im Himmel mir verziehn,
Dass abglitt so ich von Calvin\“.18

Mittlerdienste der Heiligen?

\“Vorab einmal ich euch beschwöre,
Dass ganz sich doch bei euch verlöre
Die Angst, dass ihr in Teufels Hand,
Weil ihr euch Lorenz zugewandt.

Zu eurer ersten Frage nun:
Ob Mittlerdienste könnten tun,
Die man als Heilige verehrt,
Wie dies die alte Kirche lehrt?

Herr Blickfest: lasst mich erst erklären –
Zumindest doch im Ungefähren –
Wer Heilge sind, um dann zu wägen,
Was spricht dafür und was dagegen.

Als ‚Heilge‘ stuft durchweg man ein
Verklärte Menschen insgemein,
Die lebten einst in dieser Welt,
Und die sich in den Dienst gestellt
Für JEsus ganz; IHm folgten sie
Getreulich nach, drum suchten hie
In Tugend und stets hilfsbereit
Den Menschen ihrer eignen Zeit
Die Gnade GOttes, die verheissen,
Durch Lebens-Zeugnis zu beweisen.

Sie haben dafür schon empfangen
Die Krone, welche die erlangen,
Die gegen Fehl und Laster kriegten
Und tapfer kämpfend dabei siegten.
Versammelt sind sie um den Thron
Des Lammes jetzt dafür zum Lohn.

Ein Heer von Frauen, viele Männer
Bewährten so sich als Bekenner,
Indem sie JEsu sichtbar machten
Und SEin Heil zu den Menschen brachten.

Dazu auch eine grosse Schar
Gab selbst das eigne Leben dar,
So licht bezeugend, dass nur CHrist
Die Hoffnung unsres Daseins ist.
Dazu zählt auch Sankt Lorenz ja,
Der euch am Kligeshahn3 kam nah.

Euch, Blickfest, frage nunmehr ich:
Ist es nicht recht und förderlich,
Dass diese Heilge man verehrt?
Was ist denn daran wohl verkehrt?\“

Ist die Heiligenverehrung sündhaft?

\“Herr Hofrat Jung\“, sprach darauf ich,
\“Ist nicht im Grund es lästerlich,
Statt Ehre GOtt bloss zu erweisen,
Auch Engel, Heilige zu preisen?
Ich fühle da mich nicht im Lote,
Mit Blick aufs erste der Gebote.
Doch gebe gradheraus ich zu,
Dass kund sich in dem Zweifel tu
Belehrung, die in frühen Jahren
Ich über Heilige erfahren.\“ 

\“Herr Blickfest: dieser Einwand sei
Entkräftet ohne Deutelei.
Ihr steckt hier tief in Vorurteilen,
Die weit verbreitet sind derweilen;
Man pflanzte ein sie damals schon
Im Umfeld meiner Konfession.

Rechte Art und Weise der Verehrung

Zunächst: es schwere Sünde wäre,
Erwies wie GOtt man Heilgen Ehre.
Doch ehrt man nur als Menschen sie,
Die GOtt bezeugten nieden hie.

Man freut sich, dass durch reines Leben,
Durch starken Glauben und Bestreben
Zur Busse sie sich taten vor;
Man freut sich, dass sie jetzt im Chor
Der Geister GOtt den HErren preisen,
Dass Freunde JEsu sie nun heissen.
Man rühmt mit Beifall sie ob dessen,
Fromm bittend, uns nicht zu vergessen;
Stellt Bilder zum Gedenken auf29
Als Ansporn hier im Zeitenlauf,
Dass stets wir dran erinnert werden:
Erreichbar ist das Ziel auf Erden.

Kann GOtt es denn verdrüssig sein,
Wenn die wir nieden benedein,
Auf die ist freundlich ER gesinnt:
Die Liebling IHm im Himmel sind?

Wenn GOtt den HErrn wir wahrhaft lieben,
Dann ist es doch nicht übertrieben,
Auch die zu achten und zu ehren,
Die ER zu Freunden tat verklären.

In den Heiligen wird GOtt verehrt

Alsdann: wenn Heilge wir verehren,
Dann Preis und Lob auf GOtt wir mehren,
Weil ER sich ihnen zugeneigt:
Hat SEine Huld und Gunst erzeigt,
Wie klar doch die Vernunft uns lehrt
Und auch der Psalmvers es erklärt.30

Seht, Blickfest, ihr den Unterschied?
Auf GOtt allein sich nur bezieht
Gebet und Ehre als dem HErrn.
Die Heilgen ehrt man, insofern
Erwählt als Freunde GOttes sie:
Im Glück vorm Thron sind auf dem Knie.31

Man GOtt ehrt als des Lichtes Quelle:
Die Heilgen aber ob der Helle,
Die sie von GOtt empfangen haben
Und derer selig sie sich laben.32

Der Zweck, dass Heilge man verehrt,
Allein ist, dass der Christ begehrt,
Es ihnen nieden gleichzutun
Und darin rasten nie noch ruhn.
Die Nachahmung des Tugendlebens
Ist starker Ansporn eignen Strebens.\“ 

Sind Fürbitten der Heiligen denkbar?

\“Vermögen Heilge, die im Himmel,
Für uns in diesem Weltgewimmel
Durch Bitten vor des HErren Thron
Erhalten etwas, das nicht schon
Der HErr für jemand vorgesehen?
Gewährt ER etwas nur auf Flehen?,\“
Frug weiter ich nun Hofrat Jung
Und bat hierzu um Äusserung.

\“Herr Blickfest: dies vermochten sie,
Als lebten sie auf Erden hie.
Denn jeder Mensch für andre kann
Im Bittgebet GOtt sprechen an,
Wie klar es die Apostel lehrten,
Die für sich selbst Gebet begehrten.33

Da jetzt direkt vor GOtt sie stehen,
Sollt Bitte nunmehr nicht geschehen?
Bedenkt, dass durch den Tod verschwand
Mitnichten jenes enge Band,
Das zwischen uns und ihnen oben
Geknüpft sehr eng und fest verwoben.34

Gemeinschaft sind doch die Erlösten:
Ganz gleich, ob sie sich nieden trösten,
Ob sie bereits im Jenseits sind,
Ob nächst ihr Leben erst beginnt.

Dass GOtt uns manches nur gewährt,
Wenn Heilger es für uns begehrt,
Hat seinen Grund, dass meistens wir
Kaum würdig, ja voll Schuld sind hier;
Doch GOttes Freunde mächtig sind
Und uns beim HErrn auch wohlgesinnt.
Lest nach, um dieses zu beweisen,
Was Ijobs Freunden ward geheissen.35

Heiligenverehrung steht jedem völlig frei

Ich habe mehr nun schon gesagt,
Von Heilgen, als ihr mich gefragt.
Versteht, wenn fürder ungern ich
Verbreite tiefer hierzu mich
Auf unserem Spaziergang hier
Und setze eine Grenze mir.

Bedenkt: gar niemand ist verpflichtet,
Dass Lob der Heilgen er verrichtet;
Es steht dies allen Christen frei:
Ein jeder Zwang verhütet sei;
Genau, wie den man achten soll,
Der zu den Heilgen andachtsvoll
Im Bittgebet sich wendet hin
Vertrauensvoll im rechten Sinn,
Wie dies die frühe Christenheit
Tat schon zu der Apostel Zeit.

Heiligenbilder und ihr angeblicher Missbrauch

Wenn hängt man Bilder an die Wand
Von irgend einem Komödiant,
Von Dichtern, Malern, Geistesgrössen –
(Meist nicht von Guten, oft von Bösen!),
Von Ahnen, Eltern und Geschwistern,
Das Konterfei auch von Ministern,

Von Generälen in Kasernen,
In Jungendclubs von Schlagersternen:
Ja, ist denn da nicht auch erlaubt
Ein Bild mit einem Heilgen-Haupt?

Wer mag dies Bildnis beten an?
Das wird so wenig doch getan,
Wie dass ein Bild des Freundes Goethe
Man anzubeten sich erblöde.36

Und selbst gesetzt, dass dem so wäre:
Seit wann schränkt ein das Reguläre
Der Missbrauch, der doch überall
Vermischt sich auf dem Erdenball
Mit rechtem, richtigen Gebrauch –
Gewiss in Glaubensdingen auch?

Ist Diebstahl Grund, dass man –schnippschnapp –
Das Eigentum schafft einfach ab?
Stellt man Kreditgewährung ein,
Weil ein paar Kunden legen rein
Die Bank mit falschen Unterlagen:
Betrügerisch so Geld erjagen?

Verbietet man Motor-Verkehr,
Weil er erzeugt ein Leidensmeer
Bei jenen, die ihr Leben lang
Ein Unfall in den Rollstuhl zwang?37
Wird wegen Spammern, die arg pestig –
Das heisst: viel mehr schon als bloss lästig –
Der Mailverkehr gegeben auf?
Stoppt Missbrauch hier normalen Lauf?

Noch mehr ich an Exempel kann
In diesem Sinne führen an,
Die zeigen, dass der Missbrauch nicht
Darf Anlass werden zum Verzicht
Der rechten Nutzung einer Sache.
Drum ist es Vorwand, Finte, Mache,
Wenn fromme Bilder sie verbannten:
Verboten sie dem Protestanten.\“ —

Reliquien-Kult als purer Aberglaube

\“Herr Hofrat Jung: nur noch ein Wort
Zu dem, was lebt bis heute fort:
Dass dichtet Wunderkräfte man
Reliquien der Heilgen an.

Das darf doch sicherlich nicht sein!
Es macht den CHristus-Glaube klein
Und widerspricht dem, was die Bibel
Vom Heil in JEsu macht plausibel.\“ —

\“Herr Blickfest: bitte überlegt,
Eh Fluch ihr auszusprechen pflegt!
Man öfters in der Heilgen Schrift
Sehr wohl auf Vorkommnisse trifft,
Die Wunderkräfte zeigen an
Und auch bewirken Heilung dann;
Wie ihr erlebt es neulich habt,
Als ihr mit Arzenei gelabt.

Die Akten der Aposteln zeigen
Im Hauptstück neunzehn uns ureigen,
Wie Pauli Schweisstuch, seine Binden,
Stracks bringen Leiden zum Verschwinden.38

Wie GOtt wirkt und uns Gnade sendet,
Durch wen er Trost und Hoffnung spendet
Bestimmt der HErr GOtt ganz allein!
Ihr könnte euch, Blickfest, sicher sein,
Dass GOtt hängt nicht an Gängelbanden
Von unduldsamen Prädikanten39
Und ist auch nimmer untertan
Dem Papste und dem Vatikan.

Entbindet euch vom Despotismus
Des Heidelberger Katechismus40
Und bildet euch nicht dauernd ein,
Dass euer Glaube wäre ‚rein‘,
Nur weil er folgt der Lehrdoktrin
Des Christenglaubens nach Calvin.
Verstehet bitte auch die Bibel
In ihrem Sinn und nicht penibel
Nach dem, was ist geschrieben dort:
Nicht alles hier ist GOttes Wort.41

Jung-Stilling verabschiedet sich

Doch nun, Herr Blickfest, ist es Zeit,
Dass breche ab ich mein Geleit.
Mein Auftrag, euch hier zu belehren,
Und eure Fragen zu erklären
Erfüllt ist; und ich tauche ein
Jetzt wieder in das Seligsein.

Gehabt euch wohl! Bleibt im Gebet,
Das Gottes Huld und Gnade fleht
Auf diese Zeit in dieser Welt,
Mit der es ja oft schlimm bestellt.

Grüsst bitte auch Siegerland,
Zu dem der HErr hat oft gesandt
Erweise SEiner grossen Gnade.
Dass bleibe es auf rechtem Pfade.42
Auf diese Heimat stolz ich bin:
Mit Freude gehe ich dorthin,
Wenn GOtt mich ruft, dass diene ich
Den Menschen dort geschwisterlich:\“

Mit einmal war die Seite leer,
An der ging neben mir einher
Noch Stilling auf der Strasse eben:
Er spürbar war nicht mehr zugegen.
Ich schritt verlassen, ohne ihn,
Noch kurz durch Strassen von Berlin.

Stenogramm der Gesprächs mit Stilling

Zurück drauf ins Hotel ich eilte,
Dort knapp zum Ausruhn nur verweilte
Und schrieb in Kurzschrift mir dann nieder,
Was gab mir mein Gedächtnis wieder
Von dem, was Stilling heute sagte,
Auch was ich zwischendurch ihn fragte.

Ich duschte mich, zu Bett mich legte:
Und endlich nun der Ruhe pflegte
Nach einem langen Tag, der sich
Erwies erlebnisreich für mich

Engel Siona ordnet den Text

Des Abends drauf die Zeit ich fand
Und nahm die Blätter in die Hand.
Doch wie war mein Erstaunen gross,
Da sah ich, wie ganz zweifellos
Die Niederschrift war wohl bedacht
In Ordnung, Vers und Reim gebracht!
Links unten ich geschrieben sah:
\“Mit frohem Grusse, Siona.\“ 43

Darunter schrieb Siona hin:
\“Herr Blickfest, es ist von Gewinn,
Wenn diese Botschaft ihr komplett
Stellt möglichst bald ins Internet.

Doch bitte fügt noch Noten an,
Dass jedermann verstehen kann,
Was möchte diesmal bringen nah
Vom Himmel her Ohephiah.44
Ich will dabei euch unterstützen,
Mit Winken aus dem Jenseits nützen.\“

Der Engel tat, was er versprach,
Wie leicht mag jeder prüfen nach.
Gedankt sei herzlich drum dem Engel,
Doch zeihe mich man aller Mängel.

Meckerer mögen sich selbsten kritisieren

Doch jene, die sich regen auf,
Zerbersten schier in Wut-Geschnauf,
Weil ihr beschränkter, karger Geist
Allein um das, was irdisch kreist:
Beschimpfen Siona als Meister
Verdammter, böser Lügengeister,
Die nennen Blickfest frech Kumpan
Des Teufels: diesem untertan:

Die tun selbst sich am besten gut,
Wenn richten ganz sie Zorn und Wut
Mit voller Kraft geflissentlich
Flugs auf ihr selbstbewusstes Ich.

Erwartet hat nie allzu viel
Hienieden Blickfest Aufdasziel,
Bei dem keimt stark in letzter Zeit
Verlangen nach der Ewigkeit.

Anmerkungen, Hinweise und Quellen

* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); –  nach Aussterben der heimischen Fürstenlinien durch Erbfolge von 1743 an Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen); –  im Zuge der territorialen Neugestaltung Deutschland durch den Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); –  nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1946 bis heute Gebietsteil des Kreises Siegen-Wittgenstein im Regierungsbezirk Arnsberg des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf). – Um die 70 Prozent der Kreisfläche sind Wälder; Siegen-Wittgenstein steht damit an der Spitze der Bewaldungsdichte in Deutschland.

Salen = bei Jung-Stilling die ehemalige fürstliche Residenzstadt Siegen, heute Universitätsstadt mit etwa 110 000 Bewohnern, am Oberlauf der Sieg (dort 240 Meter über dem Meeresspiegel) gelegen. Die Sieg ist ein 155,2 Kilometer langer, rechter Nebenfluss des Rheins. – Die nächst grösseren Städte von Siegen sind, in der Luftlinie gemessen, im Norden Hagen (83 Kilometer), im Südosten Frankfurt am Main (125 Kilometer), im Südwesten Koblenz (105 Kilometer) und im Westen Köln (93 Kilometer).

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider jedoch auch in der Zweitauflage ohne Register).

Im wirtschaftsgeschichtlich in vieler Hinsicht bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Johann Heinrich Jung-Stilling (siehe Anmerkung 28) geboren, herangewachsen und hat dort auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Ferndorf = Gemeinde im vormaligen Fürstentum Nassau-Siegen am Ferndorfbach, seit dem Jahr 1969 Teil der Stadt Kreuztal, Kreis Siegen-Wittgenstein.

Das dortige Kirchengebäude, eine sog. Westfälische Hallenkirche, blieb bis heute Mittelpunkt und Wahrzeichen von Ferndorf. Sie besteht aus zwei architektonisch unterschiedlichen Bauwerken, nämlich der mittelalterlichen Laurentiuskirche (\“Alte Kirche“) und der \“Neuen Kirche“ aus dem Jahr 1887.

Die \“Alte Kirche“ ist in einem Übergangsstil errichtet (romanisch mit Anzeichen der aufkommenden Gotik) und stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Der 54 Meter hohe Kirchturm weist mit seinen Rundbögen auf die romanische Bauzeit hin und dürfte älter sein als das dreijochige Langhaus. Wahrscheinlich diente der Turm davor bereits einer älteren Kirche, etwa einer im 11. Jahrhundert üblichen \“Einraumkirche\“ mit Flachdecke. Auch eine Münze aus dieser Zeit, die sich 1887 unter dem ehemaligen Hochaltar fand, deutet auf ein entsprechendes Alter hin. – Siehe Lothar Irle: Ferndorf. Ein Siegerländer Dorfbuch. Ferndorf (Gemeindeverlag) 1963 sowie Erhard Krämer: Kirche im Dorf. Das Kirchspiel Ferndorf und seine Laurentiuskirche im Wandel der Zeiten. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989.

2 Hilchenbach = ehemalige Residenzstadt (Nebenlinie nach Erbteilung) im Fürstentum Nassau-Siegen. Johann Heinrich Jung-Stilling nennt die Stadt in seiner \“Lebensgeschichte\“ Florenburg, in seinem autobiographischen Roman \“Theobald oder die Schwärmer\“ Hochborn. Heute ist Hilchenbach selbständige, vor allem durch eisenverarbeitende Industrie geprägte Gemeinde im Kreis Siegen-Wittgenstein.

Siehe Friedrich Wilhelm Henning: Wirtschaftsgeschichte des Hilchenbacher Raumes. Die Entfaltung der Wirtschaft im nördlichen Siegerland seit dem Mittelalter. Hilchenbach (Hilchenbacher Geschichtsverein) 1987 (mit Literatur-Verzeichnis, S. 275 ff., aber leider ohne Register) sowie Hans C. Mahrenholz: Hilchenbach. Erfurt (Sutton) 2005.

3 Kilgeshahn = bewaldete Höhe südlich des Ortes Ferndorf jenseits des Ferndorfbaches, 424 Meter hoch. Kilges = entweder nach dem Namen Kilian oder die urkundliche Eindeutschung des griechischen Wortes chilos = Weide; Hahn = hier wahrscheinlich wohl: Abhang. – Siehe Lothar Irle: Ferndorf (Anm. 1), S. 61.

Andererseits bedeutet der Name \“Hahn\“ in allen germanischen Sprachen auch ständiger Wohnsitz, eigenes Haus und Hof, Dorf; kurz: ein Ort, wo mehrere Menschen rechtlich beheimatet waren. – Der Flurname \“Hahn\“ ordnen andere zu dem althochdeutschen \“hagan\“ = abgegrenzte Gemarkung, Dornstrauch, lebendige Hecke, Einfriedung mit Strauchwerk, Siedlungsfläche mit Einfriedung. Mittelhochdeutsch findet sich die Bedeutung: \“hain\“ = umhegter Platz.

4 Auf der Bundesstrasse 508 nach Nordosten. Hier ist die Unfallquote überdurchschnittlich hoch, zumal auch der Alkohol-Konsum vor allem der autofahrenden jüngeren und älteren Männer im Siegerland gesellschaftlich leicht hingenommen wird, und weil auch die Polizeikontrollen offenbar vergleichsweise lasch sind.

5 Reichenburg = bei Johann Heinrich Jung-Stilling die Stadt Mannheim im nördlichen Oberrheingebiet, an der Einmündung des Neckars in den Rhein gelegen. – Mannheim war von 1720 bis 1778 Residenzstadt der Kurpfalz, wozu unter anderem auch das Bergische Land mit der Hauptstadt Düsseldorf gehörte.

Die Stadt Mannheim kam durch den Reichsdeputationshauptschluss (der die Entschädigung jener Fürsten festlegte, die ihre linksrheinischen Gebiete an Frankreich verloren, nachdem der Rhein als [ewige] Staatsgrenze zwischen Deutschland und Frankreich im Friede von Campo-Formio am 17. Oktober 1797 festgelegt und dies im Friede von Lunéville am 09. Februar 1801 bestätigt wurde) im Jahr 1803 zu Baden und entwickelte sich dank ihrer günstigen Lage zu einem wichtigen Industriestandort. – Siehe Wilhelm Kreutz, Hermann Wiegand: Kleine Geschichte der Stadt Mannheim. Karlsruhe (Braun) 2008 und die dort (S. 237 ff.) angegebene Literatur (Reihe Regionalgeschichte – fundiert und kompakt).

Heute gehört Mannheim mit etwa 310 000 Einwohnern als kreisfreie Stadt zum Bundesland Baden-Württemberg der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Stuttgart). Der Rhein und die Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz trennt Mannheim von der \“Schwesterstadt\“, dem benachbarten Ludwigshafen mit ungefähr 170 000 Bewohnern.

6 Die lateinische Form ist Laurentius. – Siehe Michael Buchberger (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 6. Freiburg (Herder) 1934, Sp. 413 f. (mit vielen Literaturverweisen) sowie Clemens Jöckle: Der heilige Laurentius. Diakon und Märtyrer. Kehl am Rhein (Sadifa) 2008.

Kaiser Konstantin (258/306-337) liess eine Basilika in der Nähe des Grabes von Laurentius errichten, die durch einen besonderen Gang mit der Gruft verbunden war. Durch die Zeiten mehrmalig erweitert, ist bis heute San Lorenzo fuori le mura eine der sieben Hauptkirchen Roms. Zahlreiche Kirchengemeinden übernahmen das Patrozinium und sorgten, zusammen mit der Aufnahme des Heiligen Laurentius in den Kanon der Messfeier, für eine weitverbreitete Verehrung dieses Heiligen.

7 Der nachmalige Papst Sixtus II, damals noch Erzdiakon der Kirche von Rom, erkannte die aussergewöhnlichen Fähigkeiten des jungen Laurentius und verschaffte ihm eine wissenschaftliche Ausbildung. Nach seiner Wahl zum Papst im Jahr 257 bestimmte er seinen Schützling zu einem der sieben Hauptdiakone der Gemeinde zu Rom.

Sixtus II war gebürtiger Grieche, Laurentius kam aus Rom (nicht aus Spanien). – Siehe auch Erich Kettenhofen: Sixtus II (257-258), in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 10. Hamm (Bautz) 1995, Sp. 578 ff.

8 Laurentius war die Verwaltung des Gemeindevermögens sowie die Versorgung der Armen anvertraut. Er hatte auch die Kirchbücher zu führen und ist deshalb Patron der Bibliothekare (auch der Feuerwehr, Kuchenbäcker und Köche).

9 Papst Stephan I, aus dem römischen Geschlecht der Julier, wurde nach sechzigtägiger Sedisvakanz (= die Zeit, in der der päpstliche Stuhl unbesetzt ist und noch kein Nachfolger gewählt ist) am 12. Mai 254 zum Nachfolger des Papstes Lucius I. gewählt. Als eines der ersten Opfer der Valerianischen Verfolgung wurde Papst Stephan I am 2. August 257 getötet. Sein Haupt wird im Dom zu Speyer aufbewahrt; siehe Sabine Kaufmann (Hrsg.): Kaiserdom und Domschatz. Speyer (Historisches Museum der Pfalz) 2001.

Stephan I galt als Patron gegen Fieber; sein Fest wird in der Katholischen Kirche am 2. August gefeiert. – Siehe Michael Buchberger (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 9. Freiburg (Herder) 1937, Sp. 803 f. sowie Ernst Pulsfort: Stephan I, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 10. Hamm (Bautz) 1995, Sp. 1350 ff.

10 Nach nur dreivierteljähriger Amtszeit als Nachfolger von Papst Stephan I wurde auch Papst Sixtus II Opfer der Verfolgung unter Kaiser Valerian. Er starb am 7. August 258, drei Tage vor Laurentius.

An seiner Hinrichtungsstätte wurde schon früh eine CELLA MEMORIALIS errichtet. Später wurde die Kirche der Crescentiana innert Roms nach dem Heiligen Sixtus benannt, wohin man auch seine sterblichen Überreste überführte. Diese Kirche ist erstmals für das Jahr 595 urkundlich erwähnt (heute S. Sisto Vecchio). – Sixtus II. wurde zu einem der am meisten verehrten römischen Märtyrerbischöfe. Veröffentlichungen hat er nicht hinterlassen. Soweit ihm solche zugeschrieben werden, handelt es sich erwiesenermassen um spätere, unter seinem Namen in Umlauf gegebene Schriften.

11 Es geschah dies am 10. August 258.

12 In der heutigen evangelisch-reformierten Kirche Ferndorf, siehe Anm. 1. – Siehe auch Lothar Irle: Heilige in Verehrung und Volkstum des Siegerlandes. Siegen (Heimatverein) 1969, S. 28 (Siegerländer Beiträge zur Geschichte und Landeskunde, Heft 19).

13 In der damaligen Grafschaft Siegen wurde die lutherische Reformation um das Jahr 1530 eingeführt. – Siehe hierzu (mit reichlichen Quellen- und Literatur-Verweisen, Abbildungen sowie Register) Gerhard Specht: Johann VIII. von Nassau-Siegen und die katholische Restauration in der Grafschaft Siegen. Paderborn (Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens) 1964 (Studien und Quellen zur Westfälischen Geschichte, Bd. 4).

14 Auf der Dillenburger Synode vom 8. bis 10. Juli 1578 beschloss man die Einführung des Calvinismus. – Siehe Heinrich-Franz Röttsches: Luthertum und Calvinismus in Nassau-Dillenburg. Beiträge zur Kirchenpolitik in Nassau-Dillenburg unter Wilhelm dem Alten und Johann dem Alten. Herne (Koethers & Röttsches) 1953 und die dort angegebene Literatur.

15 Der Kirchenraum musste nun eintönig und kahl sein; Farbe und Schmuck galten als \“abergläubisch\“. Bis heute bewahrten die Kirchen des Siegerlandes ihr calvinistisches Gepräge, Ja selbst die katholischen Kirchenräume blieben von dieser farb- und schmuckfeindlichen Grundhaltung nicht unberührt. – Siehe hierzu auch Ernst Saxer: Aberglaube, Heuchelei und Frömmigkeit. Eine Untersuchung zu Calvins reformatorischer Eigenart. Zürich (Zwingli-Verlag) 1970 (Studien zur Dogmengeschichte und systematischen Theologie, Bd. 28).

16 Am 10. August, dem Sterbetag des Heiligen Laurentius, Nach heute wird in der Katholischen Kirche an diesem Tag sein Gedenken gefeiert. In der alten Messfeier erinnerte man jedesmal im CANON MISSAE an den Heiligen Laurentius.

Es gibt viele Untersuchungen darüber, warum gerade Laurentius zu einem der beliebtesten Heiligen der Christenheit wurde; zumal er gemessen an seinem Amt und seinem Alter einen solchen Vorzug kaum verdient hätte. Eine überzeugende Begründung dafür scheint sich nicht mehr finden zu lassen.

17 Laurentius wurde im besonderen angerufen gegen Brandwunden, Fieber, Hexenschuss und Augenleiden. – Siehe auch Andreas Rode: Das Jahresbuch der Heiligen. Große Gestalten für jeden Tag; Leben und Legenden, Zuständigkeiten, Attribute und Erkennungsmerkmale. München (Kösel) 2008 (mit Literatur-Verzeichnis, S. 987 ff.) sowie Hans-Peter Rhomberg: Heilige und die Kunst des Heilens. Heilige, Selige und Ordensgründer in der Medizin. Lindenberg (Kunstverlag Fink) 2008.

18 Calvin = der längstenzeits in Genf wirkende Reformator Johannes Calvin (1509–1564). Obgleich von Geburt Franzose fand in seinem Wirken zu Genf unmittelbar und mittelbar (oft in Gegenposition und im Widerstand zu örtlich vorgefundenen Denk- und Handlungsmuster) manches Eingang, was für das Genfer Bürgertum seinerzeit im Guten wie im Schlechten kennzeichnend war. – Siehe hierzu Siehe Alister E. McGrath: Johann Calvin. Eine Biographie. Zürich (Benziger) 1991 (mit Literaturverzeichnis S. 387 ff.), Franz Wilhelm Kampschulte: Johann Calvin. Seine Kirche und sein Staat in Genf. Genf (Slatkine Reprints) 1972 sowie Volker Reinhardt: Die Tyrannei der Tugend. Calvin und die Reformation in Genf. München (Beck) 2009.

19 Papismus (in älteren Schriften auch Papisterei) = abfällige Bezeichnung für die Römisch-Katholische Kirche durch andere, vor allem protestantische Christen: – Der Ausdruck kam erstmals in der Reformationszeit auf und wurde damals ausschliesslich in feindseligen Zusammenhängen gebraucht. Er verkleinerte den weltweiten Katholizismus bewusst auf das Papsttum, das als das herausragende Zeichen der Einheit der Christen gesehen wird. Im deutschen Sprachraum wird der Begriff in dieser Bedeutung heute seltener gebraucht; dann aber immer noch in abschätziger Bedeutung.

Umgemünzt wurde der Ausdruck \“Papismus\“ später auch auf (angeblich) katholisierende Neigungen in den protestantischen Kirchen; sei es in Bezug auf die Verfassung (und hier vor allem ein Bischofsamt mit weitreichenden Vollmachten und Befugnissen), sei es hinsichtlich bestimmter liturgischer Formen, wie etwa die Wiedereinführung der altkirchlichen Messfeier. – Siehe Friedrich Ludwig Wilhelm Wagner: Der evangelische Papismus. In Briefen an Herrn Dr. Ernst Satorius. Darmstadt (Heil) 1837.

Schliesslich wird heute auch innert der Katholischen Kirche das Wort \“Papismus\“ (manchmal auch \“Papalismus\“) in Hinblick auf eine Strömung gesagt, welche der kirchlichen Zentralgewalt (in Widerspruch zum Subsidiaritätsprinzip) Macht und Befugnisse zubilligt, welche der Verfassung der Kirche entgegenstehen. – Siehe hierzu Franz Kardinal König (Hrg.): Zentralismus statt Kollegialität? Kirche im Spannungsfeld. Düsseldorf (Patmos) 1990 (Schriften der Katholischen Akademie in Bayern, № 134).

Daneben benennt man mit \“Papismus\“ oder \“Papalismus\“ auch jede Richtung im (deutschen) Katholizismus, die unkritisch dem Amt des Papstes gegenübersteht, und die durch Ergebenheits-Adressen, Lobpreisungen und Willfährigkeit beim Papst selbst oder seinen Behörden auffällig wird. – Siehe zu diesem innerkatholischen Themenkreis Ferdinand Holböck: Dilexit Ecclesiam. Dokumente der Kirchen- und Papsttreue. Salzburg (Pustet) 1970, Volker Pitzer: Justinus Febronius. Das Ringen einer katholischen Irenikers um Einheit der Kirche im Zeitalter der Aufklärung. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1976 (Kirche und Konfession, Bd. 20) sowie Friedrich Wilhelm Bautz: Hontheim, Johann Nikolaus von, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 2. Hamm (Bautz) 1990, Sp. 1040 ff.

20 Das Siegerland schliesst sich geographisch nach Norden an das Südsauerland an.

Beide Gebiete lagen durch die Jahrhunderte an einer Stammesgrenze (die Siegerländer sind ripuarische Franken, die Sauerländer hingegen Sachsen) und damit gleichzeitig an einer Sprachgrenze sowie dazu noch an einer Konfessionsgrenze; das Fürstentum Nassau-Siegen war seit 1533 lutherisch, seit 1578 calvinistisch und blieb auch darin, während im kurkölnischen Sauerland (mit der Hauptstadt Bonn) die Reformation keinen Eingang fand. Endlich bildet die Nordgrenze des Fürstentums Nassau-Siegen zum Herzogtum Westfalen auch eine Wasserscheide zwischen der Lenne und der Sieg.

21 Vor allem Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so!) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, also mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralantiquariat der DDR] 1987 und öfters.

Die \“Theorie der Geister=Kunde\“ von Jung-Stilling wurde seither bis in unsere Tage in vielen Ausgaben veröffentlicht und auch –  1812 ins Schwedische (veranlasst durch Prinz Karl von Hessen-Kassel [1744–1836], mit dem Jung-Stilling zu jener Zeit in enger Verbindung stand); –  1814 ins Niederländische (durch Joan Petrus Kleyn [1760–1805]), –  1834 ins Englische (durch Samuel Jackson aus Tulse Hill, heute Stadtteil von London) sowie –  1851 ins Amerikanische (durch Pfarrer George Bush) und –  1864 auch ins Französische (der Übersetzer blieb anonym) übersetzt. – Für die deutschsprachigen Leser in den Vereinigten Staaten kam 1816 eine Ausgabe bei dem Verleger Heinrich B. Sage in Reading, Pennsylvania heraus; Jung-Stilling hatte dort eine ansehnliche Lesergemeinde, und Sage brachte auch andere Werke von Jung-Stilling dort zum Druck. – Siehe hierzu und zur Jung-Stilling-Literatur gesamthaft die Zusammenstellung bei Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1993 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28).

Dazu ist zu diesem Themenkreis nützlich Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7 Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999 und aus anderer Sicht Rut Björkman: Erleuchtete und Heilige. Licht einer anderen Dimension. Freiburg (Aurum) 1977 sowie theologisch begründend Paolo Moliari: Die Heiligen und ihre Verehrung. Freiburg (Herder) 1964.

22 Siehe zur zahlreichen älteren und neueren Literatur über den Heiligen Laurentius die Auflistung bei Ekkart Sauser: Laurentius von Rom, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 4. Hamm (Bautz) 1992, Sp. 1254.

23 Siehe neben den in Anmerkung 21 genannten Abhandlungen auch Jörg Erb: Frühchristliche Märtyrer. Aus dem Evangelischen Namenskalender Lahr-Dinglingen (Schweickhardt) 1966 (Dinglinger Taschenbücher, № 757) und derselbe: Die Wolke der Zeugen, 2. Aufl. Berlin (Evangelische Verlagsanstalt) 1955 sowie Reinhard Rittner: Evangelische Heilige?, 2. Aufl. Oldenburg (Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde) 1986 (Reihe Lamberti-Gespräche).

24 Siehe hierzu Viktor von Weizsäcker: Pathosophie, 2. Aufl. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1967 (auch als Bd. 10 der \“Gesammelten Schriften\“ 2005 im Neudruck erschienen) sowie Karl E. Rothschuh: Was ist Krankheit? Erscheinung, Erklärung, Sinngebung. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1975 (Wege der Forschung, Bd. 362).

25 Es handelt sich wissenschaftslogisch um eine Abkehr vom Erfahrungsobjekt hin zum Erkenntnisobjekt; siehe hierzu knapp Gerhard Merk: Grundbegriffe der Erkenntnislehre für Ökonomen. Berlin (Duncker & Humblot) 1985, S. 95 f. – Das Buch ist als Online-Ressource downloadbar bei dem URL <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/>

26 FACIES HIPPOCRATICA: das eigentümlich veränderte Gesicht eines Sterbenden.

27 Statistisch möglich ist zwar eine Trendwende, nicht jedoch ein völlig aus dem bisherigen Verlauf der Messwerte herausfallendes Mass. Es können Krankheits-Indikatoren nicht ganz plötzlich auf Nullwerte sinken. – Siehe Johannes Adam: Einführung in die medizinische Statistik, 3. Aufl. Berlin (Verlag Volk und Gesundheit) 1971 sowie tiefer gehend auch Nanny Wermuth: Zusammenhangsanalysen medizinischer Daten. Berlin, Heidelberg, New York (Springer) 1978.

28 Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor. – Siehe über seinen Lebensweg ausführlich Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen, hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992. – Mehr den äusseren Lebensweg von Jung-Stilling schildert knapp Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988 und mit Schwerpunkt auf die innere Entwicklung Otto W. Hahn: Selig sind, die das Heimweh haben. Johann Heinrich Jung-Stilling: Patriarch der Erweckung. Gießen (Brunnen Verlag) 1999 (Geistliche Klassiker, Bd. 4).

29 Jung-Stilling beklagt, dass Bilder \“unserer vollendeten verklärten Brüder – bloss wegen des Verdachtes auf Missbrauch – \“mit dem Bann belegt\“ wurden; siehe (Johann Heinrich Jung-Stilling): Die Siegsgeschichte der christlichen Religion in einer gemeinnüzigen Erklärung der Offenbarung Johannis. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1799, zitiert nach Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. 71. – Siehe auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Dritter Gesang, Versabschnitt 69 (Jung-Stilling trifft im Himmel mit dem Märtyrer Jan Hus (1370-1415) in einem mit Heiligen-Bilder geschmückten Raum zusammen).

30 Siehe Ps 67, 36, 150, 1.

31 Siehe Offb 7, 9 ff. – Vgl. auch die nachtodliche Belehrung \“Vom Glück als dem Ziel eines jeden Menschen\“, die Jung-Stilling gelegentlich eines Aufenthalts in Leipzig Herrn Haltaus Unverzagt gab; als Online-Ressource kostenlos downloadbar bei der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk>

32 Siehe 1 Kor 15, 10, Jak 1, 17.

33 Siehe Röm 15, 30, Jak 5, 16. – Als Holofernes (Feldherr des assyrischen Königs Assurbanipal; die Griechen nannten ihn Sardanapal) die Stadt Bethulia mit ihrer Bergfestung hart belagerte, kamen der Stadtvorsteher Ozias und eine Abordnung der Ältesten der Stadt zu Judith, damit sie zu GOtt bete, siehe Jdt 8, 28 (\“Bitte du für uns, die du eine heilige und gottesfürchtige Frau bist\“). – Ebenso bat man Samuel um sein Gebet für die Israeliten, als die Philister sie bedrängten; siehe 1 Kön 7, 8 (\“Höre nicht auf für uns zu GOtt unserem HErrn zu rufen, damit er uns aus der Hand der Philister rette\“).

34 Siehe über die Darbringung der Gebete vor GOtt mehr bei Offb 5, 8; 8, 3 ff.

Indem die Heilige Schrift die Kirche als den (mystischen) Leib CHristi bezeichnet (1. Kor 12, 13; Röm 12, 5), so lehrt sie damit zugleich, dass alle Glieder derselben, wie –  mit dem Haupte CHristus, so auch –  miteinander durch das gleiche übernatürliche Gnadenleben auf das innigste verbunden sind, siehe 1. Kor 12, 27.

Diese zweifache übernatürliche Lebensverbindung wird auch durch die jenseitige Vollendung der Auserwählten nicht aufgehoben, sondern vervollkommnet und verewigt. Die übernatürliche Lebensgemeinschaft, welche hiernach die Glieder der Kirche als solche miteinander verbindet, wird in den Glaubensbekenntnissen \“Gemeinschaft der Heiligen\“ genannt, nämlich aller in CHristo Erlösten.

Diese umfasst demnach ebenso wohl –  die Glieder der streitenden Kirche hier auf Erden, –  der triumphierenden Kirche im Jenseits und –  der leidenden Kirche im Reinigungsort (Hades). – Das höchste wirkende Prinzip dieser Lebensgemeinschaft ist der HEilige GEist, die nächste Ursache derselben die heiligmachende Gnade und die Liebe GOttes.

Die \“Gemeinschaft der Heiligen\“ ist ihrem Wesen nach –  vor allem eine Menschen verbindende Zusammengehörigkeit: eine Gemeinschaft in dem Sinne, dass alle Glieder der Kirche im gemeinsamen Besitz der übernatürlichen Gnadengüter stehen, welche der Erlöser am Kreuze für die Menschheit gesamthaft erworben und mit deren Ausbreitung nieden er seine Kirche betraut hat. Dazu kommt –  der gemeinsame Besitz der Früchte (der guten Werke und der Verdienste), welche aus diesen Gnaden des Erlösers in den einzelnen Seelen entspringen, insofern ja diese der Kirche gesamthaft zur Ehre und zum Heile gereichen.

Endlich –  besteht die Gemeinschaft der Heiligen in einem wechselseitigen Geben und Empfangen von übernatürlichen Gnadengütern, anders ausgedrückt: in einem übernatürlichen geistigen Verkehr (1 Kor 12, 26), wodurch die Glieder der Kirche ihre Nächstenliebe sowie ihre Liebe zu GOtt betätigen. Dahin gehören zunächst –  die Fürbitten, welche die Glieder der streitenden Kirche füreinander verrichten, –  die Verdienste, welche sie füreinander aufopfern (Kol 1, 24, 2 Tim 2, 10) sowie –  der heilsame Gebrauch von Gnadengaben (Charismata, Ämter), deren sie sich befleissigen; siehe 1 Kor 12, 12, Eph 2, 13–18.

Der wechselseitige Verkehr zwischen der streitenden und der triumphierenden Kirche besteht –  in der Verehrung und Anrufung der Heiligen von Seiten der Gläubigen auf Erden sowie –  in der Fürsprache, welche die Heiligen im Himmel bei Gott für diese einlegen.

Diese Art der Verehrung der Heiligen ist in der christlichen Kirche, zum Teil bis über die Reformation hinaus, selbstverständlich gewesen. Ebenso findet sich schon in der Urkirche die Sitte, Heilige um ihre Fürbitte anzuflehen; und daraus erhellt sich der Glaube der ersten Christen, dass sie für bei GOtt in wirksamer Weise die auf Erden Lebenden durch ihr Gebet eintreten. Die frühen Kirchenväter heben jedoch klar genug hervor, das die Verehrung der Heiligen von der GOtt allein gebührenden Anbetung wohl zu unterschieden sei.

Siehe aus der Fülle der Literatur Max von Wulf: Über Heilige und Heiligenverehrung in den ersten christlichen Jahrhunderten. Ein religionsgeschichtlicher Versuch. Leipzig (Eckard) 1910 und gut belegt auch Gerhard Knodt: Leitbilder des Glaubens. Die Geschichte des Heiligengedenkens in der evangelischen Kirche. Stuttgart (Calwer Verlagsanstalt) 1998 (Calwer theologische Monographien, Reihe C: Praktische Theologie und Missionswissenschaft, Bd. 27) sowie die besondere Sichtweise bei Christine Axt-Piscalar: Gemeinschaft der Heiligen. Zum Sozialraum Kirche und seinen besonderen Individuen aus theologischer Perspektive. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2007.

35 \“Gehet zu meinem Diener Ijob. Ijob aber mein Diener wird für euch beten\“; siehe Ijob 42, 8 ff.

36 Johann Heinrich Jung-Stilling war mit Johann Wolfgang Goethe (1749–1832) in jüngeren Jahren eng befreundet. – Siehe hierzu Gustav Adolf Benrath: Jung-Stilling, Goethes Freund, in: Siegerland. Blätter des Siegerländer Heimat- und Geschichtsvereins, Bd. 76 (1999), S. 135 ff. sowie Achtnicht Ihrenhohn: J. H. Jung-Stilling und J. W. Goethe. Bericht über eine nachtodliche Vernehmlassung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 2002 (Privatdruck; nicht im Buchhandel), jetzt unter dem Titel \“Achje Goethe\“ bei der in Anmerkung 31 genannten Adresse für den nicht-kommerziellen Gebrauch kostenlos downloadbar.

37 Siehe gerade zu diesen Fragen Freimund Biederwacker: Vom folgeschweren Auto-Wahn. Protokoll einer nachtodlichen Belehrung durch Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996; für private Zwecke gratis downloadbar bei der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling>

38 Siehe Apg 19, 11 f. (\“Auch wirkte Gott nicht geringe Wunder durch die Hand des Paulus; so dass man auch auf die Kranken von seinem Leibe die Schweisstücher und Gürtel auflegte, und die Krankheiten von ihnen wichen, und die bösen Geister ausfuhren\“).

39 Prädikant = Wenn nicht anders dargelegt der Pfarrer einer à la façon de Génève (also calvinistisch) reformierten Gemeinde. – Nicht zu verwechseln ist diese Bezeichnung mit predigtbeauftragten Laien in einigen deutschen Landeskirchen, die heutzutage so benannt werden.

40 Der Heidelberger Katechismus (CATECHESIS PALATINA) ist der am weitesten verbreitete Katechismus der reformierten Kirche. In ihm sind die ursprünglich gesondert verfassten beiden Teile MAJOR (für Theologen) und MINOR (Volkskatechismus) zusammengeflossen.

Der Heidelberger Katechismus wurde auf Initiative des pfälzischen Kurfürsten Friedrich III. im Jahr 1563 von Zacharias Ursinus und Caspar Olevian in Heidelberg unter dem Titel \“Catechismus oder christlicher Undericht, wie der in Kirchen und Schulen der Churfürstlichen Pfaltz getrieben wird\“ herausgegeben. Er ist bis heute vor allem Unterrichtsbuch für Schule und Kirche sowie Bekenntnisschrift der reformierten Kirchen. – Siehe Thorsten Latzel: Theologische Grundzüge des Heidelberger Katechismus: Eine fundamentaltheologische Untersuchung seines Ansatzes zur Glaubenskommunikation. Marburg (Elwert) 2004 (mit reichlichen Literaturverweisen).

41 Es besteht heute kein Zweifel mehr daran, dass viele Schriften der Bibel nicht von denjenigen verfasst wurden, die als Autoren angegeben sind.

Grundsätzlich nämlich wurde die Verfasserschaft in der Antike anders gesehen und bewertet, als wir es heutzutage tun.

In biblischen Zeiten war es die Regel, dass sich Autoren in ihren Werken nicht zu erkennen geben. Der Einzelne sah sich selbstredend als Teil eines grösseren Ganzen, als \“zoon politikon\“. Das Individuum, die Privatperson, war gewissermassen noch nicht hervorgetreten. Die Persönlichkeit des Schreibenden trat so hinter das Werk zurück.

Man signierte seine Werke auch nicht. Eher verbarg man sich hinter dem Namen eines anderen, eines Bekannteren. Ausnahmsweise bloss treten einzelne Schriftsteller so klar hinter ihren Texten hervor, dass man mit Bestimmtheit sagen: diese oder jene Passage der Heiligen Schrift stammt eindeutig von dieser oder jener Person.

Ganz sicher haben viele Texte des Alten Testaments eine überaus lange mündliche Weitergabe im Volk Israel oder in seinen Nachbarvölkern hinter sich. Erst dann, oft nach Jahrhunderten, wurden die Überlieferung gezielt gesammelt und aufgeschrieben. \“Verfasser unbekannt\“, \“mündlich überliefert\“ oder \“Volksweise\“ müsste die einschlägige Herkunftsangabe nach unseren heutigen Zitierregeln lauten.

Auch die Sammler sind weitgehend unbekannt. Man stellt sie sich vor wie heutige Herausgeber, die reichlich nachgelassenes Schriftgut sichten, sinnvoll anordnen und in eigenen Zwischentexten erläutern. Man spricht in Bezug auf die Bibel auch von \“Redaktoren\“. Ein Redaktor bezeichnet in den historischen Textwissenschaften eine namentlich häufig nicht bekannte, nur aus dem Textbefund erschlossene Person, die dem untersuchten Text seine derzeitige (Endredaktor) oder eine vorläufige (Zwischenredaktor) Fassung zukommen liess.

Die Redaktoren halten sich ebenfalls vornehm im Hintergrund. Nur manche sind bis heute an einem charakteristischen Sprachstil oder einer jeweils besonderen Theologie zu erkennen. Manche Sammlungen sind vermutlich nicht von einzelnen Personen, sondern von bestimmten theologischen Schulen bearbeitet worden. Für den Forscher ist es wichtig zu erfahren, welche Stoffauswahl die einzelnen Schulen treffen und wie diese die überlieferten Texte miteinander verbinden.

Am Beispiel der fünf Bücher Mose sie dies erläutert. Umherziehendes Leben (Nomadentum) und schreibende Kultur passen hier nicht zusammen. Aber Mose als beherrschende Persönlichkeit eines ganzen Zeitalters gibt seinen Namen für die gesammelten Überlieferungen dieser Epoche. So erkennt man in den fünf Büchern Mose verschiedene unbekannte, namenlose Sammler, Redaktoren und Schulen. Die Forschung unterscheidet so den \“Jahwisten\“, den \“Elohisten\“, die \“Priesterschrift\“ und den \“Deuteronomisten\“, die sich unter anderem darin voneinander abgrenzen lassen, mit welcher Bezeichnung sie Gott in ihren Texten benennen.

Mehr persönliche Eigenart, einen höheren Grad an Individualität, zeigen beispielsweise die grossen Propheten Jesaja und Jeremia. Unter dem Namen \“Jesaja\“ scheinen mindestens drei grosse Persönlichkeiten zu schreiben, die man üblicherweise als \“Protojesaja\“, \“Deuterojesaja\“ und \“Tritojesaja\“ benennt. Der Prophet Jeremia scheint einen eigenen Schreiber namens Baruch angestellt zu haben, der mit Sorgfalt aufzeichnet, was ihm sein Meister als Gottesrede zu Niederschrift gibt.

Im Neuen Testament sind die Evangelien in dem auf uns gekommenen griechischen Urtext überschrieben \“kata matthaion\“, \“kata markov\“, \“kata loukav\“, \“kata joanneiv\“, also \“gemäss Matthäus\“, \“gemäss Markus\“ und so weiter. Das trifft sich gut mit der heutigen Erkenntnis, dass Evangelien nicht von den genannten Personen verfasst, sondern \“in der Überlieferung des Matthäus\“, \“in der Überlieferung des Markus\“ und so weiter entstanden sind.

Das Evangelium des Johannes, die drei Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes (Apokalypse) weisen zwar sprachliche Ähnlichkeiten auf. Sie sind einander dennoch nicht verwandt genug, um sie deutlich ein und demselben Verfasser zuzuordnen. Was die Apostelgeschichte des Lukas betrifft, so gibt es durchaus stilistische Ähnlichkeiten zum Evangelium des Lukas. Der Verfasser bzw. Redaktor beider Schriften dürfte wohl derselbe \“in der Überlieferung des Lukas\“ sein.

Hingegen ist hinter den Paulusbriefen sehr wohl eine eigene, ganz bestimmte Persönlichkeit zu erkennen. Es besteht heute auch unter kritischen Forschern kein Zweifel daran, dass der Römerbrief, die beiden Korintherbriefe, der Galaterbrief, der Philipperbrief, der 1. Thessalonicherbrief sowie auch der Philemonbrief aus der Feder der historischen Person Paulus aus Tarsus und aus der Zeit der Urgemeinde stammen.

Umstritten ist die Herkunft der Briefe (des Paulus) an die Epheser, an die Kolosser und sein zweiter Brief an die Thessalonicher. Sie sind bei näherem Hinsehen geprägt von einer anderen Theologie als jener des Paulus. Ähnlich verhält es sich mit den Briefen (des Paulus) an Timotheus und Titus. Sie sprechen deutlich hinein in die Lebenslage einer Generation nach Paulus und verweisen in eine Zeit, in der sich die junge Kirche einen Platz in der Gesellschaft suchen muss.

Die beiden Petrusbriefe sind mit Sicherheit nicht vom gleichnamigen Jünger Petrus verfasst. Sie entsprechen keineswegs der Sprachwelt des Fischers vom See Genezareth. Deutlich genug zielen sie inhaltlich auf die seit den irdischen Tagen Jesu merklich veränderte Verhältnisse. Ähnliches gilt vom Brief des Jakobus und des Judas sowie vom Brief (des Paulus) an die Hebräer.

Leicht erkennbar ist, dass geschichtlich gesicherte Verfasser oder Schriftsteller und theologische Schulen, die unter Pseudonym schreiben, ihr menschliches (manchmal allzu menschliches) Wort sowie ihre zeitgebundenen Vorstellungen einbringen (\“transportieren\“, wie man hier zu sagen beliebt). Im Kern jedoch verkündigen sie allemal das göttliche Wort, das freilich immer neu inmitten des menschlichen entdeckt werden muss.

42 Siehe hierzu im einzelnen Jakob Schmitt: Die Gnade bricht durch. Aus der Geschichte der Erweckungsbewegung im Siegerland, in Wittgenstein und den angrenzenden Gebieten, 3. Aufl. Giessen (Brunnen Verlag) 1984, insbes. S. 219 ff.

43 Schutzengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Er zeigte sich diesem zu dessen irdischer Zeit, nahm ihn von dort ins Jenseits mit und schrieb auch für ihn. – Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 8. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999, S. 220 ff. (S. 279: \“Siona hat mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert\“).

Der Name Siona bedeutet letztlich \“die Himmlische\“; siehe die genauere, weitläufige Erklärung dieses Namens bei Philipp Paul Merz: THESAURI BIBLICI PARS SECUNDA, NEMPE ONOMASTICON BIBLICUM SEU INDEX AC DICTIONARIUM HISTORICO-ETYMOLOGICUM. Augsburg (Veith) 1738, S. 1161 ff. (ein bis heute kaum übertroffenes Standardwerk, das viele Nachdrucke und Übersetzungen erfuhr) oder auch bei Petrus Ravanellus: BIBLIOTHECA SACRA, SEU THESAURUS SCRIPTURAE CANONICAE AMPLISSIMUS, Bd. 2. Genf (Chouët) 1650, S. 627 (ein gleichfalls bewährtes und häufig nachgedrucktes Werk).

Jung-Stilling spricht Siona an als –  \“unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit\“ (Szenen aus dem Geisterreich, S. 219), –  \“göttliche Freundin\“ (ebenda, S. 223), dankt der –  \“erhabenen Dolmetscherin\“ (ebenda, S. 241), die ihm –  als Engel – oft ungesehen – \“immer liebvoll zur Seite ist\“ (Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg [Raw’sche Buchhandlung] 1818, 1. Gesang, Versabschnitt 3), –  den Gedankengang leitet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 282), aber –  auch vom Jenseits berichtet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 308) und

 Jung-Stilling (der im Chrysäon Selmar heisst) auf einer \“Himmels-Leiter\“ zum Sehen führt (Chrysäon, Prolog, Versabschnitt 2; siehe auch Versabschnitt 8) sowie –  zu seiner verstorbenen Tochter Elisabeth (Lisette, 1786–1802) und zu deren Mutter (Jung-Stillings zweiter Ehefrau Selma von St. George, 1760–1790) geleitet (Chrysäon, 4. Gesang, Versabschnitt 2 ff.), –  ihn aber auch von himmlischen Höhen \“in müdes Weltgewühle\“ zurückbringt (Chrysäon, 3. Gesang, Versabschnitt 87).

Siehe zum Verständnis der Engel im religiösen Denken von Jung-Stilling auch Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XX f., S. 30 ff. sowie Gotthold Untermschloß: Vom Handeln im Diesseits und von Wesen im Jenseits. Johann Heinrich Jung-Stilling gibt Antwort. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, S. 16 ff., als Online-Ressource kostenlos downloadbar bei dem URL <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling/>

44 Ein jeder Christ, der in die Seligkeit eingeht, empfängt von GOtt einen neuen Namen, siehe Offb 2, 17 sowie (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Die Siegsgeschichte der christlichen Religion in einer gemeinnüzigen (so!) Erklärung der Offenbarung Johannis. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1799, S. 89.

Der besondere Name, mit dem Jung-Stilling im Jenseits beschenkt wurde, ist Ohephiah (= der GOtt liebt). Siehe [Christian Gottlob Barth:] Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817.

A thankful thought toward heaven is of itself a prayer
(Gotthold Ephraim Lessing, 1729-1781, German dramatist and critic)



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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