Personal tools

Views

Die Märzplünderer in Salen

veröffentlicht am

Eine erklärende Darlegung in der Innenstadt von Düsseldorf durch den hochgeachteten, lebenserfahrenen und bis anhin unvergessenen Herrn

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817),
der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor,
seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübergang ab 1803 Badischer Hofrat,
durch Verleihung ab 1809 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat;

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Marburg/Lahn dortselbst auch Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät; hiebevor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Vieharzneikunde – an der Universität Heidelberg und anvorderst seit 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern;

weiland Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld, dortselbst auch Arzt für Allgemeinmedizin, Geburtshilfe, Augenheilkunde und seit 1775 auch behördlich bestellter Brunnenarzt sowie Lehrender in Physiologie; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Königlichen Sozietät der Wissenschaften in Frankfurt/Oder, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste zu Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch der erlauchten Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied

Mit englischer Hülfe angelegentlich aufgeschrieben sowie gemeinen Nutzens zu Gut ins World Wide Web gestellt, dabei alle Leser beharrlicher gÖttlicher Verwahrung und getreulichen englischen Beistands innigst empfehlend
von

Gotthold Untermschloss
zu Salen, Grafschaft Leisenburg*

₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪

Markus-Gilde, Siegen 2009

Die gewerbliche Nutzung des Textes bedarf der schriftlichen Einwilligung der löblichen
Markus-Gilde., Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland).

mailto:merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de

Schar von Gespenstern im Stadtkern von Salen

Am sechsten März in jedem Jahr
Erblickt man eine triste Schar
Gekleidet grau und seufzend tief,
Den Kopf gebeugt, den Körper schief
In Salen durch die Strassen ziehn
Zum alten Fiedhof1 ziehen hin.

Sie kriechen ab dem Kölner Tor
Verstört die Oberstadt empor
Und drehen bei Sankt Nikolai2
Laut seufzend rechterhand dann bei.

Es sind so an die zwanzig wohl.
Die Nase platt, die Augen hohl.
Es riecht, wenn gehen sie vorbei,
Nach Schwefel, Aas und faulem Ei.

Am alten Friedhof angelangt,
Ein jeder torkelt schräg und wankt;
Sinkt ab darauf, als würden ihn
Ein Ballast in die Tiefe ziehn.
Man hört danach noch lang Gestöhne
Dazu auch laute Schmerzens-Töne
Vermischt mit jämmerlichem Ächzen
Und kümmerlichem, mattem Krächzen.

Es kommt indessen jedem nicht
Der Geisterzug auch zu Gesicht.
Ganz selten nur bleibt jemand stehen,
Um diese Schar sich zu besehen,
Die meisten schreiten blind vorbei,
Als ob die Geisterschar nicht sei.
Ja, manche lenken ihre Schritte
Gar mitten durch der Geister Mitte:
Sie nehmen diese gar nicht wahr
Und riechen auch nichts offenbar.

Die Heimat-Kundigen vor Ort,
Vertraut mit der Historie dort,
Die ob der Schar befragte ich,
Erwiesen ausser stand sich
Das Geister-Treiben zu erklären:
Warum die jährlich wiederkehren.

Begegnung mit Jung-Stilling in Rüsselstein

Beruflich hatte ich im Mai
Zu tun in einer Druckerei
Inmitten der Stadt Rüsselstein.3
Dort bog ich eine Strasse ein,
Als zuschreiten auf mich ich sah
Jung-Stilling4 und Geist Siona.5

\“Herr Glaubrecht\“, sprach er, \“das ist fein
Dass ihr hier weilt in Rüsselstein!
Zu treffen euch auch wieder heute
Ist mir – wie immer – eine Freude.
Macht euch für eine Stunde frei:
Folgt uns in die Konditorei.\“
Geist Siona gab mir die Hand,
Die ich als drall und warm empfand.

Ich folgte Stilling ins Café
Und sah, wie nun ging zum Buffet
Der Engel Siona darauf:
Er gab wohl die Bestellung auf.
Gleich brachte die Bedienung das,
Was ich an Backwerk je gern ass.
Der Engel wusste offenbar,
Was meine Lieblingstorte war!

Auch Stilling tat sich nicht genieren:
Liess Reibekuchen sich servieren,
So wie bis heute er bekannt
Als Leckerei im Siegerland.

Knapp an des Tellers rechtem Rand
Sich dazu ein Klecks Sahne fand.
Ich sah nicht hin, damit nicht litt
Bei mir der Torten-Appetit.
Für mich ein Graus sind schon Gerüche,
Entströmend Siegerländer Küche.6

Belehrung über den märzlichen Geisterzug in Salen wird erbeten

\“Herr Hofrat7 Jung\“, ich nun begann,
\“Heut möchte ich sie sprechen an
Auf etwas, was in Salen da
Ich wiederholt schon deutlich sah.

Stadtaufwärts zieht ein Geisterzug:
Gewiss spielt ab sich hier ein Spuk;
Denn alle können ihn nicht sehen;
Auch ist es mehrmals schon geschehen,
Dass mitten durch die Geisterschar
Passanten schreiten durch sogar.
Ich roch Verwesung dort auch, Fäule,
Geruch gleich einer Eiterbeule.
Es müssen wohl Verdammte sein,
Die irgendwie gequält von Pein.
Bestimmt doch sehen sie hier klar
Und wissen um die Geisterschar.

Spuk geht auf das Jahr 1632 zurück

\“Sehr gern, Herr Glaubrecht, ich berichte
Euch diese leidige Geschichte.

In sechzehnhundert zwei und dreissig
Der sechste März war kalt und eisig.
An diesem Tage trieb man aus
Die Patres vom Ignatiushaus.8

Sie mussten jäh von dannen zieht,
Weil jetzt der Fürst neigt zu Calvin.9
Es ihnen nicht verstattet war,
Ihr Hab und Gut, Kleid und Talar
Zu packen und zu nehmen mit:
Man ihnen dieses rech bestritt.

Kaum waren sie hinweggetrieben,
Durch rohe Krieger noch mit Hieben,10
Als Dieberei auch schon begann.
Von überall kam man heran
Und nahm sich, was noch liegen blieb:
Gar viele wurden da zum Dieb!

Am Abend durch die Stadt zog dann
Betrunken eine Schar bergan
Zum Neumarkt nächst Sankt Nikolai,
Die aus der Patres Sakristei
Gekleidet sich ins Messgewand,
Von Hass und Häme übermannt.11
Als dieses freventliche Spiel
Sankt Ignaz12 in die Augen fiel,
Erbat sich der bei GOttes Thron
(Calvin13 verdross auch solcher Hohn)
Dass künftig jedes Jahr im März
Dem Diebgesindel werde Schmerz.\“ –

Wie kann man die Verfluchten befreien?

\“Mein GOtt, Herr Hofrat: das ist hart,
Dass bis in unsre Gegenwart
Die Schurken keine Ruhe finden.
Wer kann sie von dem Fluch entbinden?

Denn sicher müssen die ja leiden,
Wenn abwärts sie zum Grabe gleiten
Empfindend jeweils Todes-Schmerz
Aufs neue jedes Jahr im März.
Als Jenseits-Bürger14 wissen sie
Hier sicher eine Therapie.\“ —

\“Mein Stillings-Freund15: ich weiss sehr wohl
Wie diesen Frevlern, einst frivol,
Erlass wird, dass sie nicht mehr schwirren
Durch Salen und zum Grabe irren.

Es müsste jemand, der sie sieht
(Was aber selten nur geschieht;
Denn diese sind ja Geister bloss:
Vom Körper längst gebunden los;
Ihr selber habt ja jüngst gesehen,
Wie Leute mitten durch sie gehen!)
Laut rufen, wenn der Zug kommt nah:
‚Felicitas, Perpetua!‘16

Vom Hades17 wären sie befreit,
Geniessend nun die Seligkeit,
Die allen Menschen sicher ist
Dank unsres HErren JEsu CHrist.

Herr Glaubrecht: sicher könntet ihr
Den Plünderern doch helfen hier;
Denn ihr habt diese ja gesehen,
Vermögt ihr Leid auch zu verstehen.

Geht also nächstes Jahr im März
Zu lindern der Verfluchten Schmerz
Nach Salen an das Kölner Tor.
Sobald ihr seht den Geister-Chor,
Dann handelt wie ich grad euch riet:
Der Fluch von ihnen darauf flieht.

Doch leider, Glaubrecht, weiss ich nicht
Ob kommt euch wieder zu Gesicht
Der Geisterzug im nächsten Jahr:
Hier bin ich der Voraussicht bar.

In GOttes Wille – das was ER
In SEiner Güte plant vorher –
Vermag kein Mensch je einzudringen,
Kann auch Vernunft nie nahebringen.
Weil GOtt mit andrem Masstab misst,
Ein Durchblick hier unmöglich ist,
Und alles Theologisieren
Muss letzt in Wirrwarr sich verlieren.
Gewahr wird man der Problematik
In jedem Lehrbuch der Dogmatik.18

Jung-Stilling wird plötzlich weggerufen

Als Hofrat Jung just sagte dies,
Geist Siona sich sehen liess.
Er beugte sich zu Stilling vor:
Und sprach unhörbar ihm ins Ohr,
Worauf dann Stilling mehrmals nickte:
Um Nachsicht bittend zu mir blickte.

\“Herr Glaubrecht\“, sprach zu mir er dann,
\“Hier länger ich nicht weilen kann.
Man hat soeben mich gebeten,
Dass möge ich doch flugs vertreten
Den Arzt bei einer Therapie,
Die schief läuft diesem irgendwie.

Patient ist einer jener Leute,
Die leben auf der Erde heute,
Doch liebe Stillings-Freunde sind:
Mir also sonders wohl gesinnt.
Verzeiht: ich werde wiederkehren,
Und gern dann wieder euch belehren.\“ —

Wie kann Jung-Stilling jetzt noch heilen?

\“Bevor, Herr Hofrat, sie jetzt gehen
Noch gerne würde ich verstehen,
Wie sie es hier und jetzt begönnen,
Dass sie dem Arzt zur Hand sein können?

Sie sind im Jenseits lange schon
Und treten dennoch in Aktion?
Wie ist das möglich? Wirken sie
Mit körperlicher Energie?\“ —

\“Mein Stillings-Freund: nur kurz dazu;
Lasst dann mit Fragen mich in Ruh!
Ich wirke aus dem Hinterhalt:
Steh bei dem Arzt in Geist-Gestalt.
Als Geist kann leicht erkennen ich,
Was andre überlegen sich;
Vermag zu leiten meist ihr Denken,
Auch weiss das Handeln dann zu lenken.

Vorausgesetzt bei alldem ist
Der Wille unsres HErren CHrist.
Ich handle nur auf SEin Geheiss:
Bring Menschen SEiner Huld Erweis.
Für IHn ein Werkzeug bin ich dann:
Aus mir heraus ich gar nichts kann.\“

Jung-Stilling entzieht sich den Blicken

Als Stilling diese Wort sprach,
Verschwimmt dem Blick er nach und nach.
Sein Körper hell beginnt zu flimmern,
Um dann allmählich zu verschimmern.
Der Platz, an dem er sass vorher,
Erweist sich frei nun: völlig leer.
Zuvor fiel zuckend mehrmals ein
Auf diesen Platz noch bleicher Schein,
Wie er sich zeigt, wenn voller Mond
Nachts über glattem Wasser thront,
Auch wie er silbern reflektiert
Auf Wiesen, die der Schnee noch ziert.

Auch Engel Siona entschwindet

Verdutzt, verwundert sass ich da,
Als kam zu mir Geist Siona.
\“Herr Glaubrecht\“, nahm er gleich das Wort,
\“Ohephiah19 schnell musste fort.
Ich weiss: ihr seht es vollauf ein,
Dass nieden er nicht lang kann sein.

Doch was er sprach an dieser Stätte,
Geschrieben ist hier auf Diskette.
Nehmt diese, druckt daheim sie aus:
Es werden schöne Jamben draus.
Schaut zu, dass Stillings Botschaft prompt
Auch unter viele Leute kommt.

Ihr wart von uns heut eingeladen,
Ob dessen braucht ihr nicht zu zahlen:
Zumal bei euch es ja mit Geld
Ist nicht grad sonders gut bestellt.

Die Rechnung hier im Kaffeehaus
Glich vorhin ich für uns schon aus;
Auch gab bereits ein Trinkgeld ich
Das konnte sehen lassen sich!
Der Kellner dankte impulsiv:
Verbeugte sich zum Boden tief!
Ich musste doch ein wenig lachen,
Wie Ober einen Kratzfuss machen
Auf Erden hier in Rüselstein:
Zu Salen fiel das keinem ein.
Ins Rheinland geh mit Hofrat Jung
Ich immer mit Begeisterung;
Bekümmert bin ich allemalen,
Muss ich mit Hofrat Jung nach Salen.

Herr Andersieg: ich habe nun
Erneut bei Hofrat Jung zu tun.
Seid bitte darum mir nicht böse,
Wenn ich auch von dem Ort mich löse.
Ganz sicher seht ihr mich real
Mit Hofrat Jung ein andermal.
Gelobt sei GOtt in JEsu CHrist,
Der aller Wesen Mitte ist.\“

Beim letzten Satz ich Siona
Schon nicht mehr mit dem Auge sah.
Der Engel tauchte wieder ein
Ins körperlose Seligsein.20
Auch ich brach auf nun, ging zur Bahn,
Erreichte Salen auch nach Plan.

Ich legte mich nicht gleich zu Bette:
Erst druckte aus ich die Diskette.
Was hier man liest, entspricht aufs Wort
Dem Text, der war gespeichert dort.

Ratlosigkeit, was zu tun sei

Nun bitte ich die Leser alle,
Die wissen jetzt von diesem Falle:
Was soll im nächsten März ich tun?
Zu Hause unbekümmert ruhn?
Zur Oberstadt nach Salen gehen,
Um nach dem Geisterzug zu sehen?

Soll rufen ich, wenn sie mir nah,
\“Felicitas, Perpetua\“?
Muss fürchten ich, dass böse Geister
Dann machen sich bei mir zum Meister?
Denn sicher ist die Frevler-Meute
Der Scharen böser Geister Beute,
Wie Stilling ja beachtenswert
In seiner \“Geister=Kunde\“ lehrt.21

Die Furcht, dass darauf den Dämonen
Gelüstet es, bei mir zu wohnen
Und dann ich mich kann von dem Bösen
Alleinig überhaupt nicht lösen,
Ist gross bei mir; drum insgeheim
Spricht eine Stimme: \“Bleib daheim!\“

Einst Pauli Schweisstuch, seine Binden
Dämonen brachten um Verschwinden.22
Doch womit könnte man denn heute
Vertreiben böser Geister Meute?23
Wer weiss das, diesen bitte ich,
Per Mail mich zu unterrichten mich.

Anmerkungen, Quellen und Erläuterungen

* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); durch Erbgang von 1743 an Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen); im Zuge der territorialen Neuordnung Europas im Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1946 bis heute Gebietsteil des Kreises Siegen-Wittgenstein im Regierungsbezirk Arnsberg des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf).

Salen = bei Johann Heinrich Jung-Stilling die vormaligen Residenzstadt Siegen mit heute etwa 110 000 Bewohnern und einer Universität mit ungefähr 12 000 Studierenden. Siegen gilt als zentraler Ort für das Siegerland. Unter \“Siegerland\“ versteht man heute den –  Altkreis Siegen des jetzigen Kreises Siegen-Wittgenstein im Regierungsbezirk Arnsberg des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen sowie –  den sich westlich anschliessenden so genannten \“Oberkreis\“ des Landkreises Altenkirchen. – \“Oberkreis\“ bezieht sich auf den nördlichen Teil des Kreises Altenkirchen; der Norden wird geographisch gemeinhin mit \“oben\“ gekennzeichnet; nach anderen leitet sich die Bezeichnung vom oberen Verlauf der Sieg her.

Dieser \“Oberkreis\“ ist sowohl geographisch als auch wirtschaftlich dem Siegerland zuzuordnen, und als \“heimliche Hauptstadt\“ des Oberkreises gilt Betzdorf (Sieg); siehe Thomas Bartolosch et al.: Glücklich im Centrum gelegen. Alsdorf, Betzdorf, Grünebach, Scheuerfeld und Wallmenroth: Aufstieg zum Mittelpunkt zwischen Siegerland und Westerwald. Siegen (Koch) 1986.

Geologisch gehört das Siegerland zum rechtsrheinischen Teil des Rheinischen Schiefergebirges, dessen wichtigstes Zentrum die Stadt Siegen ist. Sowohl Landschafts- als auch Stadtnamen gehen auf die Sieg zurück: ein 155 Kilometer langer, nicht schiffbarer rechter Nebenfluss des Rheins, der in einer Quellhöhe von 603 Meter im Rothaargebirge entspringt, bei Siegburg (in Menden, heute Teil der Stadt Sankt Augustin: einer Stadtgemeinde, die Rahmen der kommunalen Neugliederung 1969 entstand) in einer Mündungshöhe von 50 Meter sich in den Rhein ergiesst. – Die Sieg wird durch eine Reihe wasserreicher Zuläufe gespeist; vor allem Ferndorfbach, Wisser Bach, Bröl, Wahnbach, Agger (rechts der Sieg) und Weiss, Scheldebach, Heller (siehe Anmerkung 26), Elbbach, Nister, Etzbach, Eipbach, Hanfbach, Pleisbach (links des Flusses).

Der Flussname Sieg hat übrigens keinen Bezug zu \“Sieg\“ im Sinne von \“Triumph, Erfolg\“, wie manchmal zu lesen ist. Vielmehr leitet sich \“Sieg\“ ab von dem keltischen Wort SIKKERE, was soviel bedeutet wie \“schneller Fluss“. Verwandt damit ist der Paris durchfliessende Fluss Seine: ebenfalls vom keltischen Wort SIKKERE abgeleitet.

Siehe zum Altkreis Siegen Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (bis heute unübertroffenes Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register).

Im wirtschaftsgeschichtlich bemerkenswerten nördlichen Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 3) geboren, herangewachsen und dort hat auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Der alte Friedhof, jetzt eine Grünanlage mit Kinderspielplatz, befindet sich auf der südöstlichen Steilhöhe des Siegbergs unterhalb der ehemaligen Jungendherberge. Man erreicht diese Stelle vom Rathaus bzw. der St. Nikolai-Kirche aus durch die Hundgasse.

2 Im oberstädtischen Zentrum in Siegen stehende, weithin sichtbar herausragende Kirche mit einer goldenen Krone auf der Kirchturmspitze. Diese goldene Krone liess Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604–1679) (siehe Anmerkung 10) gelegentlich seiner Erhebung in den Fürstenstand im Jahr 1658 auf dem Turm anbringen. – Siehe Udo Mainzer: Die Nikolaikirche zu Siegen. Münster (Westfälischer Heimatbund) 1978 (Reihe Westfälische Kunststätten, Heft 3).

3 Rüsselstein = (bei Jung-Stilling) die heutige nordrhein-westfälische Landeshauptstadt Düsseldorf beiderseits des Rhein gelegen. – Die seinerzeitige (seit 1614) Hauptstadt der Herzogtümer Berg und Jülich wurde zu Jung-Stillings Tagen von Mannheim aus durch eine Statthalterschaft verwaltet; Landesherr war damals der bis 1778 in Mannheim regierende Wittelsbacher Kurfürst Karl Theodor (1724/1742-1799), dem aufgrund eines Erbschaftsvertrags 1777 auch das Kurfürstentum Bayern zufiel. Er verlegte daraufhin seine Residenz von Mannheim nach München. Im Wiener Kongress kamen 1815 Jülich und Berg an Preussen; und Düsseldorf wurde preussische Provinzstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg Düsseldorf zur Landeshauptstadt des neu gegründeten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen auf.

In Düsseldorf hatte Jung-Stilling mit der Aufsichtsbehörde für das Gesundheitswesen einigen Verdruss. – Siehe hierzu näher Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992, S. 313 ff. sowie Gerhard Berneaud-Kötz und Horst Pletzer: Neue medizinhistorische Dokumente zum geburtshilflichen Wirken von Jung-Stilling (1740–1817). Siegen (Jung-Stilling-Gesell¬schaft) 1996, S. 14 ff.

Siehe auch die Begegnung mit Jung-Stilling \“Spass und Genuss\“ direkt am Rhein-Ufer in Düsseldorf, bei dem URL <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> als Online-Ressource abrufbar.

4 Hofrat Professor Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit (= Philosophie) und Arzneikunde (= Medizin) Doktor. Dieser wurde in letzter Zeit wiederholt auf Erden gesehen. Siehe die entsprechenden Erscheinungsberichte aufgezählt bei Bleibfest Stillingtreu: Wundersame Begegnung an der Sal. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 2000, S. 51 ff. sowie die Download-Files unter der Adresse <http://www.uni-siegen.de/merk/stilling>

Siehe auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anmerkung 2); in kürzerer Form orientiert über das Leben von Jung-Stilling auch Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989. Mehr die innere Entwicklung schildert Otto W. Hahn: \“Selig sind, die das Heimweh haben\“. Johann Heinrich Jung-Stilling: Patriarch der Erweckung. Giessen, Basel (Brunnen) 1999 (Geistliche Klassiker, Bd. 4).

Siehe zum Wiedereintritt Verstorbener in diese Welt Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, also mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralantiquariat der DDR] 1987), S. 220 ff.

Dieses Werk von Jung-Stilling wurde seit seinem Erstdruck in vielen Ausgaben veröffentlicht und auch ins Englische, Schwedische, Niederländische und (noch 1861) Französische übersetzt; siehe die Zusammenstellung bei Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1993 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28).

5 Schutzengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Er zeigte sich diesem zu dessen irdischer Zeit, nahm ihn von dort ins Jenseits mit und schrieb auch für ihn. – Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 8. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999, S. 220 ff. (S. 279: \“Siona hat mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert\“).

Der Name Siona bedeutet letztlich \“die Himmlische\“; siehe die genauere, weitläufige Erklärung dieses Namens bei Philipp Paul Merz: THESAURI BIBLICI PARS SECUNDA, NEMPE ONOMASTICON BIBLICUM SEU INDEX AC DICTIONARIUM HISTORICO-ETYMOLOGICUM. Augsburg (Veith) 1738, S. 1161 ff. (ein bis heute kaum übertroffenes Standardwerk, das viele Nachdrucke und Übersetzungen erfuhr) oder auch bei Petrus Ravanellus: BIBLIOTHECA SACRA, SEU THESAURUS SCRIPTURAE CANONICAE AMPLISSIMUS, Bd. 2. Genf (Chouët) 1650, S. 627 (ein gleichfalls bewährtes und häufig nachgedrucktes Werk).

Jung-Stilling spricht Siona an als –  \“unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit\“ (Szenen aus dem Geisterreich, S. 219), –  \“göttliche Freundin\“ (ebenda, S. 223), dankt der –  \“erhabenen Dolmetscherin\“ (ebenda, S. 241), die ihm –  als Engel – oft ungesehen – \“immer liebvoll zur Seite ist\“ (Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg [Raw’sche Buchhandlung] 1818, 1. Gesang, Versabschnitt 3), –  den Gedankengang leitet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 282), aber –  auch vom Jenseits berichtet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 308) und –  Jung-Stilling (der im Chrysäon Selmar heisst) auf einer \“Himmels-Leiter\“ zum Sehen führt (Chrysäon, Prolog, Versabschnitt 2; siehe auch Versabschnitt 8) sowie –  zu seiner verstorbenen Tochter Elisabeth (Lisette, 1786–1802) und zu deren Mutter (Jung-Stillings zweiter Ehefrau Selma von St. George, 1760–1790) geleitet (Chrysäon, 4. Gesang, Versabschnitt 2 ff.), –  ihn aber auch von himmlischen Höhen \“in müdes Weltgewühle\“ zurückbringt (Chrysäon, 3. Gesang, Versabschnitt 87).

Siehe zum Verständnis der Engel im religiösen Denken von Jung-Stilling auch Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XX f., S. 30 ff. sowie Gotthold Untermschloß: Vom Handeln im Diesseits und von Wesen im Jenseits. Johann Heinrich Jung-Stilling gibt Antwort. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, S. 16 ff.

6 Das Siegerland gilt kulinarisch, auf alle Bereiche der Speisekultur bezogen, als nicht gerade die Spitze in Deutschland. Jeder, der um die Mittagszeit durch die Stadt Siegen oder die Dörfer des Siegerlandes schreitet, kann dies aus den vielen Küchen entquellenden Dünsten bestätigt finden. Studierende der Universität aus der engeren Umgebung lernen oft bekömmliche und schmackhafte Gerichte erstmals im Leben an der dortigen Mensa kennen.

7 Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Heidelberg durch Erlass des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern (1724/1742-1799) vom 31. März 1785 die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anmerkung 3), S. 427. – Jung-Stilling hatte dem Wittelsbacher Kurfürsten 1772 seine medizinische Doktorarbeit gewidmet und ihm die Dissertation im März 1772 auch persönlich bei Hofe zu Mannheim überreicht. Diese trägt die Aufschrift \“SPECIMEN DE HISTORIA MARTIS NASSOVICO-SIEGENENSIS\“; sie beschäftigt sich mit der Geschichte des Eisenerzeugung im Fürstentum Nassau-Siegen. – Mars = hier: FERRUM, QUIA ROMANIS OLIM FERREUS MARS FUIT; siehe zur älteren Metall-Lehre übersichtlich, in drei Thesen geordnet Anton Lütgens: METALLORUM NATURAM ET DIFFERENTIAS EXPLICANS DISSERTATIO PHYSICA. Kiel (Barthold Reuther) 1707.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger manche Bevorzugungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt ganz besonders zum Vorteil gereichte) an den damals noch allerwärts anzutreffenden Schlagbäumen, Wegschranken, Posten, Schildwachen, Stadttoren, Überfuhren, Fähren, Brücken sowie an den zu jener Zeit auch innerlands recht zahlreichen Maut- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II., bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [französisch: Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt. In Artikel 6 heisst es genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi, tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg (= Fahrt-Rinne für die Schiffahrt) du Rhin soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin zu Regensburg (seit 1663 der Tagungsort des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch besondere günstige Umstände (bald traten noch verwandtschaftliche Beziehungen zu Frankreich hinzu: sein Enkel und Thronfolger Karl [1786/1811–1818] heiratete zu Paris am 7./8. April 1806 Stéphanie de Beauharnais [1789–1860], die 17jährige Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte) vergrösserte Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um mehr das Vierfache; die Bevölkerung stieg von ungefähr 175’000 auf fast 1 Million Bewohner. Die pfälzische Kurwürde ging auf ihn über; Karl Friedrich wurde damit 1803 vom Markgrafen zum Kurfürsten erhoben. – Wenig später rückte er durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf.

Mit dem Übergang der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen [seit 1720] Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommerresidenz Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputationsschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuss des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ Hofrat DE JURE PUBLICO automatisch nunmehr zum \“badischen\“ Hofrat.

Anfang April des Jahres 1808 wird Jung-Stilling als Berater des Grossherzogs von Baden (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst betont) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404.

Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. – Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergesslichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27.

Jung-Stilling stand nach seinem, aus eigener Initiative gewählten Abschied von der Universität Marburg ab 1803 im Dienste des Hauses Baden. – Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Jung-Stilling am Hofe Karl Friedrichs in Karlsruhe, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Bd. 135 (1987), S. 183 ff., Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 219 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32) sowie zum Verhältnis zwischen beiden Persönlichkeiten auch Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

Bei nachtodlichen Erscheinungen wird Jung-Stilling gewöhnlich mit \“Herr Hofrat\“ angeredet, seltener mit \“Herr Geheimrat\“; siehe die in Anmerkung 1 genannten Berichte. Auch Siona, Schutzengel von Jung-Stilling, nennt diesen Dritten gegenüber \“Hofrat Jung\“. – Der Titel ist hier gleichsam als ein fester Bestandteil des Namens (ADJUNCTIO NOMINIS, wie etwa \“Apostel Paulus\“ oder \“Kaiser Karl\“) zu verstehen, und n i c h t als ehrenvolle Benennung (TITULUS HONORIS, wie er zu Lebzeiten Jung-Stillings mit der Verleihung beabsichtigt war).

\“Stilling\“ ist ein individueller Beiname (APPELLATIO PROPRIA; der Sinn dieser Namenszulegung ist beinebens bis heute noch nicht eindeutig und befriedigend erklärt) und wirkt sehr vertraulich.

8 Das Jesuitenkolleg in der Stadt Siegen wurde nach der versuchten katholischen Restauration in Nassau-Siegen vom Jahr 1626 im ehemaligen Franziskanerkloster (in der Kölner Strasse, oberhalb des Unteren Schlosses; heute steht auf der Fläche ein Kaufhaus) am 9. September 1626 eingerichtet. Zum Unterhalt wies man den Patres das Stift Keppel zu.

Siehe hierzu Friedrich Weber: Lebensbedingungen, Brauchtum und konfessioneller Wandel in Siegen (1640–1815). St. Katharinen (Scripta-Mercaturae-Verlag) 1997 (Reihe Sachüberlieferung und Geschichte, Bd. 21) sowie im einzelnen zu den hier geschilderten Vorgängen Gerhard Specht: Johann VIII. von Nassau-Siegen und die katholische Restauration in der Grafschaft Siegen. Paderborn (Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens) 1964, S. 87 ff. (Studien und Quellen zur Westfälischen Geschichte, Bd. 4).

9 In der Stadt Siegen wurde im Jahr 1533 die lutherische Reformation eingeführt. Durch Konfessionswechsel des regierenden Fürsten folgte 1578 der Calvinismus. Im Jahr 1726 leitete man die Rekatholisierung ein. Bereichs sechs Jahre später musste diese – abermals wegen Konfessionswechsels des Regierenden – abgebrochen werden. Siegen wurde recalvinisiert. – Siehe Sebastian Schmidt: Glaube – Herrschaft – Disziplin. Konfessionalisierung und Alltagskultur in den Ämtern Siegen und Dilllenburg (1538–1683). Paderborn (Schöningh) 2005 (Reihe Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 50) mit reichlichen Literaturangaben, S. 483 ff.

Diese Konfessionswechsel waren rechtlich erlaubt, weil nach dem Augsburger Religionsfrieden im Jahr 1555, bestätigt durch den Westfälischen Frieden 1648, der Landesherrn die Konfession seiner Untertanen bestimmen konnte (Grundsatz: CUIUS REGIO, EIUS RELIGIO). – Siehe Johann Bader: Cuius regio, eius religio. Wessen Land, dessen Religion, in: Neue juristische Wochenschrift, Bd. 54 (2004), S. 3092 und die dort angegebene Literatur.

10 Schwedische Soldaten, die Johann Moritz (1608–1679) mit Gewalt zur Herrschaft über Siegen verholfen hatten, führten den Abtransport der Patres der Gesellschaft Jesu aus; siehe Gerhard Specht: Johann VIII. von Nassau-Siegen (Anmerkung 7), S. 204.

11 Siehe zu diesen Vorgängen Gerhard Specht: Johann VIII. von Nassau-Siegen (Anmerkung 7), S. 205.

12 Der Spanier Ignatius von Loyola (1491–1556) ist der Gründer des katholischen Ordens Gesellschaft Jesu (Jesuiten: ursprünglich ein Schimpfnamen auf den neuen Orden).

Siehe aus der Fülle der Literatur über Ignatius die neutrale Darstellung des Lebens aus der Feder von Helmut Feld: Ignatius von Loyola. Gründer des Jesuitenordens. Köln (Böhlau) 2006 (mit ausführlichem Literaturverzeichnis, S. 435 ff.) sowie Stefan Kiechle (Hrsg.): Der Jesuitenorden heute, 2. Aufl. Mainz (Grünewald) 2001 (Topos-plus-Taschenbücher, № 328)

13 Calvin = der längstenzeits in Genf wirkende Reformator Johannes Calvin (1509–1564), dessen Lehrdoktrin das Siegerland 1578 infolge Konfessionswechsels des Landsfürsten annahm, siehe Anmerkung 8. – Obgleich von Geburt Franzose, fand in seinem Wirken zu Genf unmittelbar und mittelbar (oft in Gegenposition und im Widerstand zu örtlich vorgefundenen Denk- und Handlungsmuster) manches Eingang, was für das Genfer Bürgertum seinerzeit im Guten wie im Schlechten kennzeichnend war.

Siehe Alister E. McGrath: Johann Calvin. Eine Biographie. Zürich (Benziger) 1991 (mit Literaturverzeichnis S. 387 ff.), Franz Wilhelm Kampschulte: Johann Calvin. Seine Kirche und sein Staat in Genf. Genf (Slatkine Reprints) 1972 sowie Volker Reinhardt: Die Tyrannei der Tugend. Calvin und die Reformation in Genf. München (Beck) 2009, mit ausführlichem Literaturverzeichnis (S. 264 ff.).

14 = Jenseits-Bürger nennt Jung-Stilling alle verstorbenen Menschen; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde (Anmerkung 4), S. 39, S. 88 und öfters.

15 Stillings-Freund meint –  Gönner, Förderer, später –  Verehrer und Anhänger (\“Fan\“: dieses heute gebräuchliche Wort vom lateinischen FANATICUS = begeistert, entzückt) oder auch nur –  wohlwollender Leser der Schriften von Jung-Stilling. Der Ausdruck stammt von Jung-Stilling selbst. Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anmerkung 3), S. 213, S. 441, S. 513, S. 536, S. 566. – Auf der anderen Seite gibt es aber auch  \“Stillings-Feinde\“, siehe ebendort, S. 316.

16 Felicitas (Hausangestellte) und Perpetua (22jährige verheiratete Frau aus vornehmer Familie und Mutter eines Kindes) wurden in Karthago (Nordafrika) am 7. März 202 erst grausam gegeisselt, dann einer wilden Kuh vorgeworfen und schwerverletzt durch Dolchstich in den Hals getötet. Es war dies sie Zeit der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Septimus Severus (146-211), einem gebürtigen Afrikaner.

Das Fest der beiden Märtyrerinnen feierte man bis zum Jahr 1969 am 6. März. Dann verlegte das CALENDARIUM ROMANUM GENERALE den Gedenktag auf den 7. März. – Siehe Ekkart Sauser: Artikel \“Perpetua und Felicitas\“, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 7 (1994), Sp. 205 ff. sowie (dort im Literatur-Verzeichnis nicht genannt) die einfühlsame Schilderung des Magdeburger Superintendenten August Trümpelmann: Perpetua und Felicitas. Erzählende Dichtung, 2. Aufl. Wittenberg (Koelling) 1880.

17 Hades = bei Jung-Stilling ein Mittelort, in dem sich Seelen, die weder zur Seligkeit noch zur Verdammnis bestimmt sind, zur Läuterung aufhalten. – Siehe die wichtigsten Aussagen dazu zusammengestellt bei Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion (Anmerkung 5), S. 87 f.

18 Siehe aus der Fülle der Literatur hierzu leicht verständlich Thomas B. Maston: Gottes Wille. Antworten auf Fragen junger Menschen. Kassel (Oncken) 1968 und Karl Barth: Gottes Wille und unsere Wünsche. München (Kaiser) 1934 (Reihe Theologische Existenz heute, Heft 7) sowie tiefer gehend und sprachlich etwas anspruchsvoll Clemens Sedmak: Vorherwissen Gottes, Freiheit des Menschen, Kontingenz der Welt. Beitrag zu einer systematischen Diskussion. Frankfurt am Main (Lang) 1996 (Europäische Hochschulschriften, Reihe 23: Theologie, Bd. 550) mit ausführlichem Literatur-Verzeichnis.

19 Ein jeder Christ, der in die Seligkeit eingeht, empfängt von GOtt einen neuen Namen, siehe Offenbarung 2, 17 sowie (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Die Siegsgeschichte der christlichen Religion in einer gemeinnüzigen (so!) Erklärung der Offenbarung Johannis. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1799, S. 89.

Der besondere Name, mit dem Jung-Stilling im Jenseits beschenkt wurde, ist Ohephiah (= der GOtt liebt). Siehe [Christian Gottlob Barth:] Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817.

20 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde (Anmerkung 4), S. 104 f. zum Wesen der Engel sowie auch Jung-Stilling-Lexikon Religion (Anmerkung 5), S. XX f.

21 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde (Anmerkung 4), S. 375 sowie Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anmerkung 3), S. 618 f.

22 Siehe Apostelgeschichte, Kapitel 19, Vers 12.

23 Siehe aus der reichhaltigen Literatur Walter Kasper (Hrsg.): Teufel, Dämonen, Besessenheit. Zur Wirklichkeit des Bösen, 2. Aufl. Mainz (Grünewald) 1978 (Grünewald Reihe); Irmingard Hofgärtner: Teufel und Dämonen. Zugänge zu einer verdrängten Wirklichkeit, 2. Aufl. München (Pfeifer) 1985; Willem C. van Dam: Dämonen und Besessene. Die Dämonen in der Geschichte und Gegenwart und ihre Austreibung, 2. Aufl. Stein am Rhein (Christiana) 1975, Lisl Gutwenger (Hrsg.): \“Treibt Dämonen aus!\“ (Matthäus-Evangelium 10,8) Von Blumhardt bis Rodewyk. Vom Wirken katholischer und evan¬gelischer Exorzisten. Stein am Rhein (Christiana) 1992 sowie Alfred Läpple: Engel & Teufel. Wiederkehr der Totgesagten. Eine Orientierung. Augsburg (Pattloch) 1993.

Vgl. andererseits Herbert Haag: Abschied vom Teufel. Vom christlichen Umgang mit dem Bösen, 8. Aufl. Zürich (Benziger) 1990 und dazu Bernd J. Claret: Geheimnis des Bösen. Zur Diskussion um den Teufel. Innsbruck (Tyrolia) 2000 (Innsbrucker theologische Studien, Bd. 49) mit ausführlichem Literatur-Verzeichnis.

Nachdem man sich vom Teufel fröhlich verabschiedet hat, wurde folgerichtig als nächstes auch GOtt entthront und abgesetzt: IHn gibt es jetzt nicht mehr. – Siehe hierzu den Weltbestseller von Richard Dawkins: Der Gotteswahn, 10. Aufl. Berlin (Ullstein) 2007. Der englische Originaltitel lautet The God Delusion; ähnliche Titel von Dawkins hatten zuvor schon weltweit Millionen-Auflagen erreicht.

Vgl. zur umfangreichen Literatur hierzu Alister McGrath, Joanna Collicutt: Der Atheismus-Wahn. Eine Antwort auf Richard Dawkins und den atheistischen Fundamentalismus, 2. Aufl. Asslar (Gerth-Medien) 2008, Renate Biller: Und Gott existiert doch! Warum Richard Dawkins nicht recht hat. Weltanschauliche Fragen und Antworten. Frankfurt am Main (August-von-Goethe-Literaturverlag) 2009 sowie David Robertson: Briefe an Dawkins. Ein Pfarrer und Kolumnist antwortet auf die atheistische Großoffensive und Dawkin’s Bestseller \“Der Gotteswahn\“. Basel, Gießen (Brunnen) 2008.

Millions of spiritual creatures walk the earth unseen,
both when we sleep and when we wake.
John Milton (1608–1674, English poet



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht..

(erforderlich)


Sie können diese verwenden HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>