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Bewegte Ruhe in hastiger Zeit

veröffentlicht am

Eine sonderheitlich wichtige und sintemal für lichtfreundliche Zeitgenossen, aber auch – nach deren ohnzweifentlich absehbarem, obzwar verbissen verdrängten Hintritt – für inskünftig nieden Lebende allermassen lehrreiche, wohlannehmliche nachtodliche Unterweisung durch den unvertadeligen, hochgelehrten, lebenserfahrenen und bis anhin unvergessenen Herrn

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817),

der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor,

seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsnachfolge ab 1803 Badischer Hofrat durch Verleihung ab 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat


Lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften sowie Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Marburg/Lahn; hiebevor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Tiermedizin – an der Universität Heidelberg und anvorderst in gleicher Bestellung seit 1778 an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern;

weiland Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld, dortselbst auch praktischer Arzt, Geburtshelfer, Augenarzt und ab 1775 behördlich bestellter Brunnenarzt sowie Dozent in Physiologie; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch der erlauchten Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied.

Bei Nachhauskunft unter Hintanlassung alles Übrigen ohngesäumt niedergeschrieben und dank englischer Willfährigkeit sowie zutätiger Handbietung ämsig beflissen gereimt, nunmehrig aber in das World Wide Web kömmlich werkstellig gemacht, dabei alle, die solches lesen, gÖttlicher Verwahrung und englischen Schutzes nachdrücklich empfehlend von

Christlieb Himmelfroh

zu Lichthausen, Grafschaft Leisenburg*

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Markus-Gilde, Siegen

Leicht veränderte Online-Fassung aus dem Buch Jung-Stilling belehrt, 1991 im AK-Verlag Kirchhundem erschienen. – Die gewerbliche Nutzung des nachstehenden Textes bedarf der schriftlichen Einwilligung des Copyright-Inhabers, der löblichen Markus-Gilde, Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland).

mailto: merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de

Freude an herbstlicher Velotour

Ich radle gern nach Herbstbeginn
Durch Wälder zur Erholung hin.
Der Forst ist dann von Fliegen leer,
Die mich umschwärmen, plagen sehr
Und machen stets bei mir Station:
Trotz Anti-Stechzeug-Emulsion.

Weil rinnt in mir wohl süsses Blut,
Hält ab die Viecher auch kein Sud.
Selbst Zwiebeln, Knoblauch gar nichts nützen:
Kein bisschen mich vor Stichen schützen.

Am Dienstag Nebel erdwärts schlangen,
Der Himmel war mit Dunst verhangen,
Jedoch man nichts von Regen sagte,
So dass ich mich aufs Velo1 wagte.
Bei feuchtem Wetter, doch nicht nass,
Macht Velofahren sonders Spass.
Bald länger es zu schieben galt
Das Velo aufwärts tief im Wald.

Um diese Zeit, an jenem Ort,
Begegnet niemanden man dort.
Der Platz ist weit von allen Strassen,
Auf denen Autofahrer rasen;
Zum Glück gesichert auch mit Schranken,
Dass keiner kommt auf den Gedanken
Zu zeigen, wieviel er doch wert,
Da steil den Weg sein Auto fährt.

Grübeln über Konsumerismus

Erlebt man doch das Motors Kraft
Als Leistung, die man selber schafft.
Auch pflegt man heut gekaufte Waren
Als selbst erzeugt meist zu erfahren.
Die Freude über eignes Schaffen,
Die einst zu Recht die Brust tat straffen,
Hat auf den Kauf-Akt sich gewendet:
Jetzt dieser Hochgenuss schon spendet!

Auch um die halbe Welt lässt man
Im Flugzeug schaffen sich heran
Zum Badestand in Afrika,
Doch tritt dem Land kein Schritt sonst nah.
So glaubt man, alles zu verstehen:
Man hat die Strände doch gesehen!

Auch künden Güter fürders an,
Wie tugendhaft die Frau, der Mann.
So zeigt sich darin echte Treue,
Dass kauft man ein Produkt aufs neue.

Wer wahrhaft seinen Nächsten liebt,
Sich Sprühzeug in die Achseln stiebt.
Wer regelmässig ist bereit
Zu trinken Schnaps, zeigt Mässigkeit.
Wer an das Wohl des andren denkt,
Kauft Blumen, die er diesem schenkt.

Man ist dann tolerant und offen,
Wenn Urlaubswahl man hat getroffen
Zu jenen Stränden und Gestaden,
Wo Nackte, Metzen, Stenze baden.

Wer ständig nur Zigarren raucht,
Beweist, dass er in Geist getaucht.
Wer sich betrinkt mir Bier, mit Wein,
Tut dar: er kann verklemmt nicht sein.

Man allen Ernstes doch vermeint,
Dass sichtbar innrer Wert erscheint:
Sich ausdrückt dinghaft im Konsum,
Dass Tugend sei gleich Protzentum!
Kein Zehntel dürfte merken schon,
Wie dies der wahren Tugend Hohn:
Weil Wahrheit so wird per=vertiert,
Sich Menschlichkeit darob verliert.2

Velofahrer nähert sich von Seitenweg

Ich war auf der Gedankenschiene
Wohl ganz in Leichenbitter-Miene,
Als jemand mit dem Rad kann nah
Von einem Seitenweg allda,
Ein Loblied voller Inbrunst sang
Mit einer Stimme wohl im Klang,
Die ich aus tausend hör heraus,
Weil hehr sie, zarter Ohrenschmaus:
Es redet, spricht, tönt, jauchzt und singt
Allein Jung-Stilling3 so beschwingt!

Und richtig! Zweifellos er fuhr
Als Radler singend durch die Flur!
Von weitem winkte fröhlich er,
Stieg ab vom Rad, kam zu mir her
Und meinte lachend: \“Ei der Daus!
Was blickt ihr denn so gram und kraus?

Ihr seid auf einer Velo-Tour
In diesem schönen Stück Natur
Und nicht auf einer Abdankung!4
Euch grämt wohl diese Wanderung?\“ –

\“Herr Hofrat5 Jung: zunächst ‚Glückauf!‘6
Just sann ich bösen Zeitenlauf,
Der Geistes-Werte ganz entleert,
Gar diese zum Konsum ver=kehrt.\“ –

\“Mein Stillings-Freund!7 Ihr sollt dies fassen
Bewegt in Ruhe und gelassen!\“ –

Bewegung und Ruhe als Gegensatzbegriffe

\“Herr Hofrat: wollen sie mich necken?
Bewegung soll in Ruhe stecken?
Das sind doch Gegensatz-Begriffe!8
Was sollen solche Wortspiel-Kniffe?

Wenn grad bewegt ein Pendel schwingt,
Bald Bremsmacht es zum Stillstand zwingt,
Die Luft der Schwungkraft setzt entgegen:
Das Pendel kommt zur Ruh deswegen.

Auch wenn des Abends sinke ich
Nach viel Bewegung körperlich
Erschöpft ins Bett und schlafe ein:
Soll das ‚bewegte Ruhe‘ sein?\“ –

Jung-Stilling erklärt den Begriff Ruhe

(1) \“Ihr zeiht mich der Begriffs-Verwirrung,
Doch unterliegt ihr Schlusses-Irrung!
Ich leugne nicht, was ihr gesagt,
Nur: danach ist hier nicht gefragt!

(a) Ich meine Ruhe doch modal:9
Beweise gibt es ohne Zahl,
Dass ruhig auch Bewegung ist:
Im Gleichtakt diese sich bemisst!

Ein Motor etwa ruhig läuft,
Ein Dauerregen derart träuft;
Der Atem und die Pulsfrequenz,
Im Tonreich die Akkord-Kadenz.
Bewegung war hier ‚ruhig‘ dann,
Wenn sie beständig, stetig rann.

Bewegung in Ruhe und Unruhe

(b) Es steht mit solcher Stetigkeit
Die Unruhe in Widerstreit.
Ihr, Christlieb, merkt, wenn der Motor
Bringt fahriges Geräusch hervor!

Auch Regen unstet fallen mag
Bald langsam, bald in raschem Schlag.
Beim Pulsgang zeigt ein Auf und Nieder,
Dass dies dem Herzrhythmus zuwider.
Ein Hin und Her in Anarchie
Im Klangreich bringt Dis-Harmonie.
Ich hoffe, dass euch klar erscheint,
Was letzt ‚bewegte Ruhe‘ meint?\“ –

Verstärkung von Gemütszuständen

\“Das wohl, Herr Hofrat! Doch inwieweit
Berührt dies die Gelassenheit?\“ –

(c) \“Lasst vorher mich noch etwas sagen:
Es sei zur ‚Ruhe‘ nachgetragen.
Ein Mensch ist ruhig innerlich,
Wenn ruht er selber ganz in sich:
Sonst ist er fahrig, unbedacht,
Erregt sich leicht, kommt aus dem Takt.
Die Selbst-Beherrschung ist gefährdet:
In Wut und Ärger sich gebärdet
Sehr leicht in ihm auch sein Gemüt:
In heisser Wallung es erglüht.

(d) Im Gegensatz zum Sicherhitzen,
Zu Sturm, erzürnten Zornesblitzen
Steht die Bewegung, die nach unten
Verstärkt sich flugs in raschen Runden:
Verzagtheit, Kleinmut, Kümmernis,
Bedrücktheit, Trauer, Bitternis,
Erschütterung und Depression,
Verzweiflung, Herzweg, Leides-Fron.
Auch dieses zur Erregung leitet,
Die echter Ruhe widerstreitet!

Ich habe, Christlieb, drum vorhin
Ermahnt euch just in diesem Sinn,
Da ihr in Gram ganz tief versunken,
In Schmerz ob Üblem fast ertrunken!

Merkmale der Gelassenheit

(2) Gelassenheit zunächst bedingt,
Dass nie Gemüt in Wallung springt:
Sich nicht in Zorn und Wut erregt,
Jedoch auch nicht im Gram bewegt.

(a) ‚Gefasstheit‘ lasst die Form mich nennen:
Ihr werdet diese sehr wohl kennen.
Die Griechen als ‚Ataraxie‘
Erstrebten, übten, schulten sie.10
Gefasstheit, wie sie hier gediehn,
Ist Ausdruck innrer Disziplin.

(b) Doch das ist nicht Gelassenheit!
Die ist davon noch ziemlich weit
Und Ausdruck, Haltung eigner Art,
Die man an Heiligen gewahrt.

Wer frei die Welt hat ganz ‚ge=lassen‘,
Sich völlig liess von GOtt ‚er=fassen‘,
Der wurzelt nicht in dieser Welt:
Er ist in Edens Park gestellt.

Nun können starke Stürme brausen,
Selbst Hiebe auf ihn niedersausen:
Er weiss sich niemals in Gefahr,
Weil er in GOtt ist ganz und gar.

Das äussre Dasein mag bedrückt,
Auch mühvoll sein, beengt, gedrückt:
Doch das berührt so kräftig nie,
Dass dadurch Trübsinn, Angst gedieh.
Was immer kommt, was auch geschieht:
Es nie aufs Innre sich bezieht.

Gleichnis vom untergangbedrohten Schiff

(c) Ihr wisst, dass las ich Blaise Pascal.11
Bei ihm entdeckte ich einmal
Ein Gleichnis, das dies deuten kann.12
Da fährt auf einem Schiff ein Mann,
Der ganz gewiss und sicher ist,
Dass dieses Fahrzeug heil durchmisst
Das Meer und kommt im Hafen an.
Nun Sturm, Taifun, Orkan begann:

Das Schiff neigt sich nach Backbord zu,
Darauf nach Steuerbord im Nu;
Die Wellen drohn es zu begraben;
Die Menschen sich wie toll gehaben,
Gewiss, dass alle gleich ertrinken,
Weil nun das Schiff muss fraglos sinken.
Bloss unser Mann regt sich nicht auf:
Denn er weiss um den Ziel-Einlauf.

Gelassenheit ist nicht Untätigkeit

(d) Ein Missverständnis sei geklärt,
Aus dem oft Vorurteil sich nährt!

Gelassenheit besagt mitnichten,
Auf Handeln nieden zu verzichten:
Vom Erdenleben ganz zu scheiden,
Sich in ein Kloster einzukleiden,
Um dadurch sich von allem Bösen,
Verstrickung mit der Welt zu lösen!

Gelassen handeln schliesst klar ein,
In dieser Welt zugegen sein,
Respekt zu wecken vor Gesetzen,
Sich für das Gute einzusetzen,
Dem Bösen fest zu widerstreiten,
Vertrauen, Tugend auszubreiten.

Als Beispiel, Christlieb, nenne ich
Bekenner, Zeugen männiglich,
Die einst gemartert man zu Rom:
Es ist ein ganzer Menschenstrom!

Sie alle kämpften, fassten an,
Dass CHristi Botschaft wachsen kann.
Die Marter liess sie nicht erschrecken,
Vermochte Kleinmut nicht zu wecken.
Auch Paulus freute sich in Leiden.
Sie konnten Schmerz ihm zwar bereiten,
Doch wusste er, dass ja Gefahr
Nach aussen hin nur wirksam war.13

(e) So heisst ‚gelassen‘ nicht ‚bequem‘,
Missachtend einfach das Problem;
Nicht träge, schläfrig, abgestumpft,
In Teilnahmslosigkeit versumpft;
Nicht oberflächlich, unentschieden,
Nur mit dem Seelenheil zufrieden;
Nicht abgebrüht, beherrscht, gefasst,
Gesetzt: schon unempfindlich fast,
Apathisch, matt, desinteressiert,
Weit weg, wo einem nichts mehr schiert!

(f) ‚Gelassen‘ heisst: in GOttes Hand
Und doch der Erde zugewandt;
Um alles angestrengt beflissen,
Doch um den guten Ausgang wissen,
Der allen schliesslich sicher ist,
Weil wir erlöst durch JEsus CHrist!

So kann zwar nun es scheinen so,
Als siegten Kräfte wild und roh.
Ihr mögt euch jetzt darüber grämen,
Euch ob der eignen Schwachheit schämen.
Ihr sollt dran aber nie verzagen,
Bedrückt darüber auch nicht klagen,
Erst recht nicht hier in der Natur:
Im Wald auf einer Velo-Tour!\“ –

Übung der Gelassenheit

\“Herr Hofrat Jung: ich danke ihnen,
Dass sie mir ihren Rat andienen.
Sie haben Recht: wozu das Leid?
Es fehlt mir an Gelassenheit!
Doch könnten sie mich auch noch lehren,
Wie diese sich mag in mich kehren?\“ –

\“Ich habe vorhin mich verbreitet,
Dass der Begriff ist abgeleitet
Von ‚über=lassen‘ sich an GOtt;
‚Ver=lassen‘ jenes Angebot,
Das lockend, reizend diese Welt
An Kitzel, Ehre vor uns stellt.

Wenn dazu richtig ihr bereit,
Sehr bald ihr auch ‚ge=lassen‘ seid!
Lest täglich auch als Übungs-Mittel
Aus Thomas Kempis14 ein Kapitel.\“

Jung-Stilling entschwindet, Text wird überreicht

Jung-Stilling schwang sich auf sein Rad
Und so in die Pedale trat,
Dass nun sein Velo lief bergauf,
Als wäre es im Abwärtslauf.
Er sang jetzt wieder, winkte noch,
War plötzlich ausser Sicht jedoch. –

Ich stand noch immer sinnend da,
Als noch ein Radler kam mir nah.
Darob war furchtsam ich betroffen;
Doch Freude keimte, grosses Hoffen,
Als Siona15 ich nun gewahrte.
Er gab, damit ich Arbeit sparte,
Mir Stillings Rede schön geschrieben:
Für mich kaum Mühen übrigblieben,
Weil Siona schrieb insgeheim
Den jeweils formgerechten Reim.

Gedankt sei dafür hier dem Engel,
Doch zeihe mich man aller Mängel.

Text wird ins World Wide Net gestellt trotz vorhersehbaren Lästergespeis

Ich stellte ein den Text komplett
Schon nächstentags ins Internet,
Damit sich alle Stillings-Treuen
An dieser Botschaft recht erfreuen.

Ach GOtt! Wie ist die Welt verrückt!
Man sagt nicht Dank und ist beglückt,
Dass Stillings Botschaft wird verbreitet:
Dem Guten so der Weg bereitet.

Oh nein! Sie rufen: \“Spiritismus,
Gespenster-Wahnsinn, Okkultismus,
Verdummung, Scharlatanerie
Ergüsse kranker Phantasie;

Geflunker, Machwerk, Schwindel, Lug,
Geschwätz, Geplapper, Bluff und Trug;
Geheimnisvolle Kabbalistik,
Gefälschte, gleisnerische Mystik,
Verruchte Wortverdreherei,
Dämonenhafte Reimerei;

Verworren-närrisches Gedudel,
Gebräu aus höllischem Gesudel;
Verzauberung, Nekromantie,
Gespräch mit Toten: Blasphemie,
Ein Zeugnis von Besessenheit,
Verhexung und Verlogenheit:
Abscheuliche Provokation,
Des Satans Manifestation;
Es scheint, dass Christlieb Himmelfroh
Dem Ort der Finsternis entfloh.\“

Ihr Lieben, die ihr euch empört
Und die ihr euch so daran stört,
Dass Himmelsgeister sichtbar werden
Zu diesen Tagen hier auf Erden:

Ihr mögt auf Christlieb ruhig fluchen,
Mit Lust ihn auch zu höhnen zu suchen:
Ihm macht das wirklich gar nichts aus:
Er lacht ob dessen gar zu Haus
Und betet innig für euch Arme:
Dass GOtt sich eures Zorns erbarme.
Doch tretet mit dem Schmäh nicht nah
Jung-Stillings Engel Siona.

Anmerkungen, Hinweise und Quellen

* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); durch Erbgang von 1742 an Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit der Residenz in Dillenburg, heute zum Bundesland Hessen gehörend); im Zuge der territorialen Neuordnung Europas im Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 an bis heute Kreis Siegen-Wittgenstein im Regierungsbezirk Arnsberg des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf).

Siehe Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register).

Lichthausen = bei Jung-Stilling die ehemals selbständige, durch den Bergbau geprägte Gemeinde Littfeld im vormaligen Fürstentum Nassau-Siegen; seit Jahresbeginn 1969 Teil der Stadt Kreuztal im Kreis Siegen-Wittgenstein. – Aus Littfeld kam die Mutter Johanna Dorothea Fischer (1717-1742) von Jung-Stilling; dort wirkte auch sein Patenonkel Johann Heinrich Jung (1711-1786) als (Ober)Bergmeister.

Siehe Näheres bei Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie zum Patenonkel Gerhard Merk: Oberbergmeister Johann Heinrich Jung (1711-1786). Ein Lebensbild. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989 (mit Abbildungen und Register).

Im wirtschaftsgeschichtlich bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 3) geboren, herangewachsen und hat dort auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Velo(ciped) = in Deutschland nach 1890 durch das Wort \“Fahrrad\“ ersetzt; der auch vorgeschlagene Ausdruck \“Reitrad\“ setzte sich nicht durch. In der Schweiz (und auch im Französischen) auch heute noch \“Velo\“, wiewohl in der deutschsprachigen Schweiz seit etwa 1980 auch in offiziellen Dokumenten das binnendeutsche Wort \“Fahrrad\“ (und \“Rad\“) die Bezeichnung \“Velo\“ verdrängt, siehe etwa Josef Renggli: Schweizer Radsport gestern, heute, morgen. Velo – Velo, Geschichte und Geschichten. Zürich (Silvia-Verlag) 1998.

Die an sich genauere und offizielle Bezeichnung \“Veloziped\“ (vélocipède) wirkt heute in der Schweiz (wie auch in Frankreich und Belgien) geschraubt und ist nur noch selten zu hören (ähnlich wie im Englischen \“bike\“ das Wort \“bicycle\“ verdrängt hat). – Im Binnendeutschen sagt man umgangssprachlich seit etwa 1930 \“Rad\“ statt \“Fahrrad\“; und auch fachsprachlich wird in Zusammensetzungen (wie: Damenrad, Herrenrad, Klapprad) die Vorsilbe \“Fahr-\“ in der Regel weggelassen.

2 Siehe hierzu vertiefend Gerhard Merk: Zur Begrenzung der Offensivwerbung. Berlin (Duncker & Humblot) 1977, insbes. S. 70 ff.

3 Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit (Philosophie) und Arzneigelehrtheit (manchmal findet sich auch geschrieben: Arzneikunde = Medizin) Doktor. – Siehe über ihn ausführlich Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen, hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992 sowie kurz zusammenfassend Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988. Mehr die innere Entwicklung von Jung-Stilling zeichnet nach Otto W. Hahn: \“Selig sind, die das Heimweh haben.\“ Johann Heinrich Jung-Stilling: Patriarch der Erweckung. Giessen, Basel (Brunnen) 1999 (Geistliche Klassiker, Bd. 4).

Siehe zum Wiedereintritt Verstorbener in diese Welt Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, also mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralantiquariat der DDR] 1987), S. 220 ff. – Dieses Werk von Jung-Stilling wurde seit seinem Erstdruck in vielen Ausgaben veröffentlicht und auch ins Englische, Schwedische, Niederländische und noch 1862 ins Französische übersetzt; siehe die Zusammenstellung bei Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1993 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28).

Vgl. zu Themenkreis der \“Theorie der Geister=Kunde\“ auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades. Wahre und falsche Ansichten, hrsg. und eingel. von Gerhard Merk. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 2) sowie Martin Landmann: Ahnungen, Visionen und Geistererscheinungen nach Jung-Stilling. Eine ausdeutende Untersuchung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995. Diese Schrift ist auch für private Zwecke kostenlos als Download-File bei <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> abrufbar.

4 Abdankung = Trauerfeier, im engeren Sinne auch Grabrede. Im Binnendeutschen sehr selten; in der Schweiz die ausschliessliche Bezeichnung. – Das Wort betont den gottesdienstlichen Teil der Trauerfeier, in welcher die Pfarrperson im Namen der Angehörigen bzw. der verstorbenen Person \“allen dankt, die dem/der Verstorbenen freundlich begegnet sind\“ und \“um Nachsicht und Verzeihung bittet für alles, was der/die Verstorbene in seinem Leben versäumt oder jemandem zuleide getan haben könnte\“.

Das zugehörige schweizerdeutsche Verb (Verbum, Zeitwort, Tätigkeitswort, Tuwort) \“abdanken\“ ist transitiv: es zieht den Akkusativ (Wenfall) nach sich und kann ein persönliches Passiv (Leideform: Verhaltensrichtung des Verbs, bei der das Subjekt nicht Träger der Handlung ist, sondern von ihr betroffen wird) bilden, etwa: \“der Freund wird abgedankt.\“

5 Glückauf = alter bergmännischer Gruss; ursprünglich der Wunsch um eine unbeschwerte Auffahrt aus dem Bergwerk. Im Siegerland (der Heimat von Jung-Stilling) bis um 1960 die verbreitete (gesprochene und geschriebene) Begrüssung. Mit dem Verschwinden des Bergbaus in dieser Region verlor sich das \“Glückauf\“: es gilt heute bereits als verschroben.

6 Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften in kurpfälzischen Diensten durch Erlass seines Landesherrn, des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalzbayern (1724/1742-1799) vom 31. März 1785 die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“. Er hatte dem Kurfürsten auch seine Doktorarbeit gewidmet und ihm diese persönlich bei Hofe zu Mannheim im März 1772 überreicht.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger manche Bevorzugungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt besonders zum Vorteil gereichte) an Posten, Schlagbäumen, Schildwachen, Stadttoren, Übergängen, Brücken sowie an den seinerzeit auch innerlands zahlreichen Post-, Maut- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II., bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [französisch: Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt. – In Artikel 6 heisst es genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi, tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg (= die Schiffahrts-Rinne) du Rhin soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin in Regensburg (seit 1663 der Tagungsort des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch besondere günstige Umstände (später traten auch noch verwandtschaftliche Beziehungen zu Frankreich hinzu: sein Enkel und Thronerbe Karl [1786/1811–1818] heiratete zu Paris am 7./8. April 1806 Stéphanie de Beauharnais [1789–1860], die Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte) vergrösserte der Markgraf von Baden bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um ein Mehrfaches. Die pfälzische Kurwürde ging auf ihn über. – Wenige Jahre später rückte er durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf.

Mit dem dadurch veranlassten Übergang der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen [seit 1720] Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommerresidenz Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputationsschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuss des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ Hofrat DE JURE PUBLICO automatisch zum \“badischen\“ Hofrat.

Zu Beginn des Jahres 1808 wird Jung-Stilling als Berater des Grossherzogs von Baden in Karlsruhe dann (\“ohne mein Suchen und Wünschen\“, wie er selbst hervorhebt) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404 (Anm. 10).

Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. – Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergesslichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27.

Jung-Stilling stand nach seinem frei gewählten Abschied von der Universität Marburg ab 1803 mit einem Ehrensold im Dienst des Hauses Baden. – Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Jung-Stilling am Hofe Karl Friedrichs in Karlsruhe, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Bd. 135 (1987), S. 183 ff., Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 219 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32) sowie zum Verhältnis zwischen beiden Persönlichkeiten auch Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

Karl Friedrich galt in Karlsruhe gleichsam als Heiliger. Als gelegentlich eines Trauergottesdienstes der katholische Stadtpfarrer Dr. Thaddäus Anton Dereser (1757-1827) nicht in den übertriebenen Lobgesang für den Verstorbenen einstimmen wollte, sondern am Rande einer Predigt auch die teilweise rohe und schamlose Ausplünderung der katholischen Einrichtungen unter seiner Herrschaft ansprach, musste er Karlsruhe unverzüglich verlassen. – Siehe zu den unterdrückenden obrigkeitlichen Massnahmen gegen die katholische Kirche unter der Regierungsgewalt der badischen Grossherzöge auch (Franz Joseph Mone:) Die katholischen Zustände in Baden, 2 Bde. Mit urkundlichen Beilagen. Regensburg (Manz) 1841/1843 und sehr einseitig und unsachlich zur Predigt von Dereser auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 485.

Als Beispiel der bei Hofe genehmen Trauerreden katholischer Geistlicher sei erwähnt Bernhard Boll: Trauerrede bey der kirchlichen Todten-Feyer seiner königlichen Hoheit Karl Friedrichs, Großherzogs zu Baden, Herzogs zu Zähringen, gehalten in der Haupt- und Münsterpfarrkirche zu Freyburg den 1. July 1811. Freiburg (Wagner) 1811 (der Zisterzienser und Münsterpfarrer zu Freiburg Bernhard Boll (1756-1836) wurde 1827 erster Erzbischof von Freiburg); [Gerhard Anton Holdermann]: Beschreibung der am 30ten Juny und 1ten July 1811 zu Ratsatt Statt gehabten Trauer-Feyerlichkeit nach dem Hintritte unsers (so!) höchstseligen Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Rastatt (Sprinzing) 1811 oder die an Lobpreisungen überladene Rede von Johann Kaspar Adam Ruef (1748-1825): JUSTA FUNEBRIA SERENISSIMO DUM VIVERET AC CELSISSIMO PRINCIPI DIVO CAROLO FRIDERICO MAGNO DUCI BADARUM … DIE 22 JULII 1811 IN TEMPLO ACADEMICO PIISSIMA ET GRATISSIMA MENTE PERSOLVENDA INDICIT JOANNES CASPARUS RUEF. Freiburg (ohne Verlagsangabe) 1811. – Vgl. auch: Gedächtnißreden bey dem Tode Sr. K. Hoheit des Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Gehalten von den Pfarrern der drey christlichen Confessionen zu Mannheim. Mannheim (Schwan) 1811.

Geradezu bescheiden wirken demgegenüber andere Predigten, wie etwa: [Christian Emanuel Hauber]: Kurze Abschilderung Sr. Königlichen Hoheit Carl Friedrichs Grosherzogs (so!) von Baden. Karlsruhe (Macklot) 1811; Theodor Friedrich Volz: Gedächtnißpredigt auf den Höchstseeligen Großherzog von Baden Karl Friedrich, gehalten den 30. Junius 1811 in der Stadtkirche zu Karlsruhe. Karlsruhe (Müller) 1811 (Volz [1759-1813]), in Jena 1778 bereits promoviert, bemüht sich erkennbar um die im Rahmen des Anlasses mögliche Sachlichkeit) oder die zahlreichen Zentariums-Reden wie Karl Joseph Beck: Rede bei der akademischen Feier des hundertsten Geburtsfestes des Hochseligen Großherzogs Karl Friedrich zu Baden … Gehalten von dem derzeitigen Prorector der Albert-Ludwigs-Hochschule. Freiburg im Breisgau (Wagner) 1828 (Karl Joseph Beck [1794-1838] war Mediziner und Stifter des \“Corps Rhenania\“ in Freiburg) oder Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. Mannheim (Schwan & Götz) 1829.

Unkritisch gegenüber den augenfälligen Schattenseiten der Regierung von Karl Friedrich neuerdings auch Annette Borchardt-Wenzel: Karl Friedrich von Baden. Mensch und Legende. Gernsbach (Katz) 2006. — Ebenso blendet Gerald Maria Landgraf (Moderate et prudenter, Studien zur aufgeklärten Reformpolitik Karl Friedrichs von Baden [1728-1811] Dissertation Universität Regensburg 2008, im Internet abrufbar) das persönliche Leid vieler Menschen durch der Religionspolitik des Fürsten völlig aus.

Bei nachtodlichen Erscheinungen von Jung-Stilling wird dieser gewöhnlich mit \“Herr Hofrat\“ (seltener mit \“Herr Geheimrat\“) angesprochen, auch von seinem Engel Siona. – Der Titel \“Hofrat\“ ist gleichsam fester Bestandteil des Namens (ADJUNCTIO NOMINIS), wie etwa \“Apostel Paulus\“, \“Kaiser Karl\“ oder \“Prinz Eugen\“ zu verstehen, und nicht als ehrenvolle Benennung (TITULUS HONORIS). – \“Stilling\“ ist ein individueller Beiname (APPELLATIO PROPRIA) und klingt zu vertraulich. – \“Professor Jung\“ und \“Doktor Jung\“ greift eine Stufe niedriger als \“Hofrat Jung\“; das heisst: der Titel \“Hofrat\“ steht über der Amtsbezeichnung \“Professor\“ oder dem akademischen Grad bzw. volkstümlich der Berufsbezeichnung (= Arzt) \“Doktor\“.

Ein jeder Christ, der in die Seligkeit eingeht, empfängt von GOtt einen neuen Namen, siehe Offenbarung 2, 17 sowie (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Die Siegsgeschichte der christlichen Religion in einer gemeinnüzigen (so!) Erklärung der Offenbarung Johannis. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1799, S. 89. — Der besondere Name, mit dem Jung-Stilling im Jenseits beschenkt wurde, ist Ohephiah (= der GOtt liebt). Siehe (Christian Gottlob Barth): Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817.

7 Stillings-Freund meint zunächst –  Gönner und Förderer von Jung-Stilling und später dann –  Verehrer oder –  zumindest dem Autor gegenüber wohlwollender Leser der Schriften von Jung-Stilling. Der Begriff wurde in diesen beiden Bedeutungen von ihm selbst eingeführt. Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 3), S. 213, S. 441, S. 513, S. 536, S. 566. – Auf der anderen Seite gibt es aber auch  \“Stillings-Feinde\“, siehe ebendort S. 316.

8 Gegensatz-Begriffe = besondere Art von Beziehungsbegriffen; siehe Gerhard Merk: Grundbegriffe der Erkenntnislehre. Berlin (Duncker & Humblot) 1985, S. 17 f.

9 Modal = die Art und Weise bezeichnend.

10 Ataraxie = unerschütterliche, beharrliche Seelenruhe, welche besonders die griechischen Skeptiker als das ethische Ziel der Persönlichkeitsformung ansahen.

11 Blaise Pascal (1623–1662) = französischer Mathematiker, Theologe und Philosoph.

Jung-Stilling stand zwar der französischen Geistigkeit grundsätzlich ablehnend gegenüber, er schätze aber einzelne Autoren; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Wirtschaftslehre und Landeswohlstand. Sechs akademische Festreden. Berlin (Duncker & Humblot) 1988, S. 90 f.

Als Arzt in Wuppertal übersetzte Jung-Stilling auch den Briefwechsel zwischen François de Fénelon (1651–1715), Erzbischof von Kammerich (französisch: Cambrai) in Lothringen, und der Mystikerin Jeanne Marie Guyot (1648–1717); die Übersetzung ist allerdings nie im Druck erschienen. – Siehe Albert Krieger: Briefe Jung-Stillings an Johann Georg Stengel und Andreas Lamey aus den Jahren 1771 bis 1774, in: Mannheimer Geschichtsblätter, Bd. 26 (1925), Spalte 79 (Brief № 13).

12 Blaise Pascal: Pensées, № 646.

13 Siehe 2. Korintherbrief 4,9; Galaterbrief 5, 11, Philliperbrief 1, 29 f.

14 Die \“Nachfolge Christi\“ des Thomas von Kempen (1379–1471); zu Stillings Zeit neben der Bibel das meistgedruckte Buch. Es blieb bis heute in vielen Sprachen auf dem Buchmarkt; der Originaltext ist in lateinischer Sprache.

15 Siona = Begleitengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Der Engel zeigte sich Jung-Stilling zu dessen Lebzeiten, entrückte ihn ins Jenseits und diktierte ihm auch in die Feder. Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Karl Rohm Verlag) 1999, S. 220 ff. (S. 279: \“Siona hatte mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert.\“) sowie Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1818, Prolog (Siona begleitet Jung-Stilling in das Himmelreich) und passim.

Bei nachtodlichen Erscheinungen von Jung-Stilling während der letzen Zeit wurde Siona häufig in seiner Begleitung gesehen. Siehe beispielsweise –  Treugott Stillingsfreund: Erscheinungen im Siegerland. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1987, S. 31, S. 35, S. 38, S. 57, S. 81, S. 87; –  Gotthold Untermschloß: Begegnungen mit Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Kalliope Verlag) 1988, S. 13, S. 20, S. 28, S. 36, S. 74, S. 108, S. 115, S. 133; –  Glaubrecht Andersieg: Allerhand vom Siegerland. Siegen (Höpner) 1989, S. 64, S.96, S. 167 oder –  Freimund Biederwacker: Vom folgeschweren Auto-Wahn. Protokoll einer nachtodlichen Belehrung durch Johann Heinrich Jung-Stilling und vermittels zutätiger englischer Gunst wiedergegeben. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996, S. 12 ff., als Download-File zum privaten Gebrauch unter der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk> abrufbar, freilich ohne die der Druckausgabe beigegebenen Abbildungen.

Der Name Siona bedeutet letztlich \“die Himmlische\“; siehe die genauere, weitläufige Erklärung dieses Namens bei Philipp Paul Merz: ONOMASTICON BIBLICUM SEU INDEX AC DICTIONARIUM HISTORICO–ETYMOLOCIUM, Bd. 2. Augsburg (Veith) 1738, S. 1161 ff. sowie bei Petrus Ravanellus: BIBLIOTHECA SACRA SEU THESAURUS SCRIPTURAE CANONICAE AMPLISSIMUS, Bd. 2. Genf (Chouët) 1650, S. 627 (hier auch einige seltenere übertragene Bedeutungen wie etwa \“ORNAMENTUM TRACTUS\“ oder \“GAUDIUM TOTIUS TERRAE\“ und \“LOCUS PERFECTISSIMAE PULCHRITUDINIS\“). Beide bis heute kaum übertroffene Werke erfuhren viele Nachdrucke und Übersetzungen.

Er spricht Siona an als –  \“unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit\“ (Szenen aus dem Geisterreich, S. 219), –  \“göttliche Freundin\“ (ebenda, S. 223), dankt der –  \“erhabenen Dolmetscherin\“ (ebenda, S. 241), die ihm –  als Engel – oft ungesehen – \“immer liebvoll zur Seite ist\“ (Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg [Raw’sche Buchhandlung] 1818, 1. Gesang, Versabschnitt 3), –  den Gedankengang leitet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 282), aber –  auch vom Jenseits berichtet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 308) und –  Jung-Stilling (der im Chrysäon Selmar heisst) auf einer \“Himmels-Leiter\“ zum Sehen führt (Chrysäon, Prolog, Versabschnitt 2; siehe auch Versabschnitt 8) sowie –  zu seiner verstorbenen Tochter Elisabeth (Lisette, 1786–1802) und zu deren Mutter (Jung-Stillings zweiter Ehefrau Selma von St. George, 1760–1790) geleitet (Chrysäon, 4. Gesang, Versabschnitt 2 ff.), –  ihn aber auch von himmlischen Höhen \“in müdes Weltgewühle\“ zurückbringt (Chrysäon, 3. Gesang, Versabschnitt 87).

Siehe zum Verständnis der Engel im religiösen Denken von Jung-Stilling auch Jung-Stilling-Lexikon Religion, hrsg. von Gerhard Merk. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XX f., S. 30 ff. — Vgl. zum Grundsätzlichen aus neuerer theologischer Sicht Herbert Vorgrimler: Wiederkehr der Engel? Ein altes Thema neu durchdacht, 3. Aufl. Kevelaer (Butzon & Bercker) 1999 (Topos plus-Taschenbücher, № 301) mit ausführlichem Literaturverzeichnis (S. 113 ff.); Paola Giovetti: Engel, die unsichtbaren Helfer der Menschen, 8. Aufl. Kreuzlingen, München (Hugendubel) 2003, sowie im Internet die Adresse <http://www.himmelsboten.de>

The grandest operations both in nature and grace,
are the most silent and imperceptible.



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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