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Begegnungen mit dem Brasilianer am Unteren Schloss zu Siegen

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Begegnung mit dem Brasilianer am Unteren Schloss zu Siegen


treulich niedergeschrieben von

Treugott Stillingsfreund
in Salen, Grafschaft Leisenburg


Erweiterte Fassung des gleichnamigen Erscheinungs-Berichtes aus dem Buch \“Allerhand vom Siegerland\“, 1987 im verlag die wielandschmiede, Kreuztal erschienen, ISBN 3-925498-23-0


und


anlässlich der Jubelfeiern zum 400sten Geburtstag des Herrn Fürsten Johann Moritz von Nassau Siegen im Jahre 2004 in Druck gegeben und gemeiniglich kundgemacht.



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Alle Rechte liegen beim verlag die wielandschmiede
Siegener Strasse 6, 57223 Kreuztal

Begegnung mit dem Brasilianer am Unteren Schloss zu Siegen

Die Sonne schien das erste Mal
Im frühen März, da es noch kahl.
Ich nutzte die Gelegenheit
Und setzte mich zur Mittagszeit
Bei Sankt Martini auf die Bank,1
Damit ich Frühlings-Sonne tank.
Den Kopf hielt ich der Sonne zu,
Dass Bräune ins Gesicht sich tu.

Bald hörte wen ich keuchend gehen,
Vermochte aber nichts zu sehen;
Ich hielt die Augen fest geschlossen,
Damit sie werden nicht beschossen
Von Strahlung, bergend die Gefahr,
Dass sie verursacht grünen Star.

Doch wähnte ich, es sei ein Mann,
Der schwer nur Atem finden kann.
Aus den Geräuschen ich ermass,
Dass schritt er dahin, wo ich sass.
Und richtig! Hier liess er sich nieder;
Kurz schlug ich hoch die Augenlieder.

Durch meinen Körper ging ein Stoss:
Verdutzt war ich, ganz fassungslos!
Es schien kein Zweifel, wer der war,
Mir näher rückend jetzt sogar:
Fürst Johann Moritz, puterrot,
In vollem Leib, obzwar längst tot,2
Bestattet in der Fürstengruft
Da hinten in des Felsens Kluft.3

Aus meiner Haltung sprang ich auf,
Verneigte mich und sagte drauf:
\“Durchlaucht befehlen; ich will tun,
Was aufzutragen sie geruhn.
Ihr Untertan getreu bin ich:
Als Diener ich empfehle mich!\“ —

\“Herr Treugott\“, sprach der Fürst darauf,
\“Verändert hat der Zeiten Lauf
Das Leben hier auf Erden doch:
Es gibt heut keines Fürsten Joch!
Drum lasst die Floskeln! Redet ihr
Normal von Mensch zu Mensch zu mir.
Nennt bitte mich ‚Herr Moritz‘ nur
Und meidet alten Schwulstes Spur.\“ —

\“Als grösster Mann des Siegerlands
Ein Anrecht haben sie auf Glanz!
Doch will ich alles mir versagen,
Zu ihnen bloss ‚Fürst Moritz‘ sagen.\“—

\“Berühmtester des Lands hier: ich??
Herr Treugott: ihr seid wunderlich!
Den Rang tat sich bereits erwerben
Ein edler Maler aus Antwerpen
Der – will’s der Zufall – hier geboren:4
Mich längst sie aus dem Sinn verloren!\“ —

\“Fürst Moritz: das stimmt nicht so ganz!
Es steht in vollem Strahlenglanz
Ihr Name licht im Siegerland.
Noch heut nach ihnen ist benannt
Ein Schulhaus dort zu Weidenau.5
Auch weiss doch jeder wohl genau,
Dass sie die güldne Krone giessen,6
Das Untre Schloss erbauen liessen;
Dass schenkten Kirchen wie der Stadt
Sehr vieles, was man jetzt noch hat.

Vor allem danket ihnen sehr
Das Siegerland die reine Lehr
Des Christen-Glaubens nach Calvin,
Die ohne sie verloren schien.
Man wär‘ noch halb im Heidentum:
Von Rom verschattet um und um.\“

Beständig während meiner Rede
Sein Haupt Fürst Moritz langsam drehte
Von einer zu der andren Seite
Zum Zeichen wohl, dass er bestreite,
Was ich als Beispiel just beschwor
Und sonst an Nachweis brachte vor.

\“Wenn grad ich eben recht gezählt,
Habt sechs Exempel ihr gewählt.
Der Reihe nach lasst mich begründen,
Dass kaum von mir sie heutigs künden.

(I) Zunächst zu dem Gymnasium
Verkeilt in Strassen jetzt ringsum.

(1) Habt ihr die Lehrer denn gesehen,
Die morgens in dies Schulhaus gehen?
Wie ihr Gehabe, wie sie schreiten,
Janhagel-Lebensart7 verbreiten?
Die Zigarette noch im Mund,
Gekleidet wie ein Vagabund?

(a) Nun sagt mir nicht: das sei im Schwang!
Ich seh‘ ja mannen7 auf dem Gang
Zu Büros hier vorüberschreiten:
Und stelle fest, wie die sich kleiden.
Auch heute gilt noch für den Herrn,
Dass wie das Äussre, so der Kern!

(b) Wir waren fünf und zwanzig Kinder;8
Zwar Graf der Vater, doch weit minder
Gesegnet er mit Reichtum war,
Als jene aus der Bürger Schar.
Ich selbst als Page musste gehn –
Gerade zählt‘ ich damals zehn –
Zu reichen Vettern, und zum Lohn
Mit ihnen durft‘ ich lernen schon.9

(c) Obgleich ich nun ein armer Wicht,
War immer ich darauf erpicht
In Körperhaltung und Manieren
Mit Stil und Würde mich zu zieren.
Das wirkt auch stets auf andre ein:
Verdrängt, was niedrig und gemein.

(d) Wenn ich in dieser Hinsicht wäge
Das Vorbild, welches das Gepräge
Der Lehrer auf die Schüler übt,
Bin ich bekümmert und betrübt.
Man hat zum Abhub sich verirrt:
Mein Name hier gemissbraucht wird!

(2) Lasst reden mich auch von dem Hohn,
Den dort man treibt in Religion!

(a) Ihr, Treugott, wisst, dass jeden Tag
Ich innig dem Gebet oblag.10
Doch solches Vor=Bild gilt hier nicht!
Bevor beginnt der Unterricht,
Wird niemals ein Gebet gesprochen,
Auch nicht zur Stille unterbrochen,
Wo jeder beten mag für sich,
Wie es bei jeugd7 heut förderlich.

(b) Statt über GOttes grosse Huld,
Des Menschen Tod und seine Schuld,
Spricht dort man über ‚Um=Welt‘ meist,
Von Tieren und der Zeiten Geist;
Sehr viel auch über Pazifismus,
Den Dalai-Lama und Buddhismus;
Spürt nach dem Wesen des Gewinns,
Beurteilt keck dann Geld und Zins,
Auch Werbung, Handel und Verkauf
Samt den gesamten Wirtschaftslauf:
Als ob hier jeder alles wüsste:
Man Wirtschaft nicht studieren müsste,
Um zu erkennen das Gemenge
Der Fakten und Zusammenhänge.

(c) Wenn ‚Diskussions-Kreis‘ sie es nännten
Und so die Richtung klar bekennten:
Ich wäre sonder Groll und Gram.
Doch jetzt bin ich voll Weh und Scham,
Dass hier, wo ich mit Namen wohn‘
Verkaspert wird die Religion.

(II) Zum ‚Krönchen‘ bloss ein kurzes Wort.
Wenn frügt ihr hier an diesem Ort
Die mensen7 jetzt: woher die Krone?
Rasch würde eurer Lob zum Hohne!
Bei kaum jemand im Siegerland
Bin ich als Spender noch bekannt.
Den meisten ist das auch egal:
Sie wollen nämlich allzumal
Von der historie7 gar nichts wissen,
Drum können gern und gut mich missen.

(III) Ten derde7: nichts mich mehr verdross
Als Plan und Bau von diesem Schloss!

(1) Von Anfang an es wollte keiner.
Es schloss das Bündnis der Verneiner
Zusammen Schichten, sonst bass feind:
Die obstructie7 hielt sie vereint.
Mit barschen Obren-Schloss-Verwandten
Sich Stadt und Bürgerschaft verbanden.
Mein Patensohn, der treue Post,11
Nur Kaltsinn spürte hier und Frost.
Mit Baugeselln aus Frankenberg
Und Attendorn ging er ans Werk.12

(2) Zwar wird jetzt – durchaus lobenswert –
Auf Tafeln jedermann erklärt,
Dass ich das Schloss erbauen liess:
Erfreut hat mich natürlich dies.

(3) Doch, Treugott, seht die Tafeln an!
Ihr werdet leicht erkennen dann,
Dass Murkser hier am Werke waren.
Die Tafeln gar nichts offenbaren,
Weil schwarze Schrift auf schwarzem Grund
Normalem Auge macht nichts kund.
Ich kann es einfach nicht verstehen,
Wie so ein Unfug kann geschehen
Zu Siegen, wo angeblich heute
Entscheiden doch begabte Leute:
Wo frei man von des Fürsten Willen
Und seines Amtmanns13 Ticks und Grillen,
Die einst die Bürger sooooo sehr plagten:
Dass ständig sie darüber klagten.

(4) Der Pfusch, der Murks, der hierzuland
Ja immer üppig Nahrung fand,13
Ist nunmehr ihre eigne Schlappe:
Geht nicht mehr auf des Fürsten Kappe,
Ob dessen Willkür, Tyrannei
Gehemmt ward Wohlstand und Gedeih –
Wie es fast alle weiland sahn
In ihrem Unverstand und Wahn.

(5) Doch lasst aufs Heute gehen mich ein:
Bereitet manches mir doch Pein!.

(a) Dass asphaltiert mein schöner Park,15
Ich ihnen ebenso verarg
Wie das Verlottern jener Stätte,
Die gern ich stets gesehen hätte
In heilem Zustand; denn ein Grab,
Dem Menschen stets schon Anstoss gab
Sich zu besinnen auf sein Ende
Und wo er sich danach befände.
Dem Preussen-Haus gebührt der Dank,
Dass nicht die Fürstengruft versank.16

(b) Der Auto-Parkplatz stracks vorm Schloss
Ist barbaarsheid7 gleich dem Koloss,
Den sie im Herren-Garten bauten,
Mein schönes Grundstück so versauten,
Das ich zum Zierstrauch-Paradies
Bestellen und bepflanzen liess,
Damit hier Ruheort den Alten
Und Platz, wo Kinder sich entfalten.17

(c) Doch, Treugott: wer erinnert sich
Denn wirklich heute noch an mich,
Wenn er am Herren-Garten schreitet,
Im Auto gar vorübergleitet?

(d) Der Autofahrer peilt nur an,
Ob Parkplatz er gleich finden kann
Auf jener wüsten Beton-Platte,
Mit der die Sieg bedeckt man hatte:
Ein Gipfelpunkt der Tölpelei
Und Siegerländer Barbarei,
Was mich, wenn ich dort unten geh,
Erfüllt mit Ärger, Wut und Weh,
Zumal ja nur ein Steinwurf weit
Ein grosses Parkhaus steht bereit.18

(IV) Gedrängt nun auch zu den Geschenken,
Womit ich Kirchen tat bedenken.

(a) Ein jedes Stück liess ich gravieren,
Mit schenking7-Zeugnis sorgsam zieren.19
Mein Name prangt drum viele Male
Auch jetzt auf manchem Kelch und Schale
Sowie auf jenem Taufgefäss,
Das gern am Kongo man besäss.20

(b) Die Platten in Sankt Nikolai,
Die gaben sinnig eine Weih
Der Kirche selbst, den Prädikanten
Samt allen, welche darauf standen:
Die lobten GOtt mit stummem Mund
Durch Eisen aus dem Heimatgrund:
Die rissen roh sie ganz heraus,
Weil schicklich nicht dem GOtteshaus!21

(c) Beklagt schon haben dies die Kinder,
Die Enkel reute es nicht minder.
Man würde heute zahlen reichlich,
Wenn dieser Boden unvergleichlich
Der Kirche wäre noch zu Eigen:
Er liesse sich Touristen zeigen:
Die Einzigartigkeit allschon,
Erwiese sich als Attraktion,
Die lockte jetzt auch Fernsehsender
Aus aller Welt und Herren Länder
Nach Siegen, und Sankt Nikolai
Gewiss man mässe Weltruhm bei.

(c) Im Ganzen hier man wohl gedenkt,
Wer dieses Kirchgut hat geschenkt.
Sie haben drum mich nicht vergessen
Und ehren mich auch angemessen.
Ich will das nimmer ignorieren:
Hier Dank und Achtung noch regieren!

(V) Doch anders steht es mit der Stadt,
Die viel von mir erhalten hat!

(1) Vorab ein Wort erst zu dem Geist,
Der hier den Menschen ist zumeist.
Sie sind und waren stets schon feind
All dem, was mit ‚Kultur‘ gemeint:

(a) Theater, Bildkunst, Poesie;
Das Tonreich: Lied und Melodie;
Gesittung, Anstand, Umgangsform,
Benimm und Takt der Zeit konform:
Verbindlichkeit, Kordialität,
Gefälligkeit, Urbanität,
Manieren, Schliff, Gefälligkeit,
Entgegenkommen, Höflichkeit;

(b) Bekleidung, Schmuck und Körperzier;
Erlesne Möbel, Wohnmanier;
Auch Essgeschmack, Konditorei;
Der Pflanzen Hege solcherlei,
Die nunmehr in der Jetztzeit Gunst,
Drum Kernstück für die Gartenkunst;

(c) Gelerdheid7, Bildung, Kenntnisdrang;
Die Lust an GOtt im Überschwang,
Aus der man Dome baut und schmückt,
Schon halb ins Jenseits hin entrückt;
Noch Kartenwerk und Bücherdruck
Lasst nennen mich, nicht bloss als Schmuck:
Ich sehe sie als Zeichen an,
Ob fleissig man auf Wissen sann.

(2) Ein solcher Geist war ja affin
Der barschen Predigt von Calvin!
Für Siegen blieb verhängnisvoll,
Dass jener Ernst, der Genf entquoll,
Verband sich mit der Landschaft Schwere,
Verdrängend Luthers biedre Lehre.22

(a) Sehr bald im ganzen Siegerland
Nahm Christenglauben überhand
Im Grundzug grämlich, eisig, fahl,
Bar jeder Freude, trüb und kahl,
Mit dem der Kunst abholden Drall,
Der jetzt noch wirksam überall:
Als habe GOtt durch JEsu CHrist
Uns nicht erlöst aus Knechtschaft trist:
Als wären wir von GOtt noch fern:
Als hätte ER uns nicht mehr gern.

(b) Die Genfer sich entzogen bald
Aus Calvins Zucht und Allgewalt.
Der Froh=Sinn und die Daseinsfreude
Sich dort erholte und erneute.
Das Lied, der Tanz, das Lebensglück:
Sie kehrten froh nach Genf zurück,
Wie es schon ringsum wahrnehmbar,
Als einst ich zu Besuch dort war.9

(c) Doch hier hat fest sich etabliert
Ein Sinn, der schroffe Art gebiert:
Versauert, mürrisch, rauh und herb,
Drum freudlos, ruppig, grob und derb,
Verdrüssig, missvergnüglich, schal,
Auch harzig, garstig, barsch und kahl,
Verbiestert, knorrig, bissig, grantig,
Gefühlsarm, linkisch, reizbar, kantig;

(d) Geschmacklos, abgestumpft und matt,
Im Spüren, Tasten flach und platt,
Von Grund auf ungeschlacht, verdrossen,
Drum grämlich, zugeknöpft, verschlossen,
Pedantisch, filzig, knickerig,
Arg kniepig, raffig, knauserig;
Voll Geldgier, Geiz: vom Stamme Nimm.
Im an sich Reissen sonders schlimm;

(e) Doch jammernd, wie sie blank und arm,
Am Klagen dann, dass GOtt erbarm!
Gleich drauf doch prahlerisch und protzend,
Mit Reichtum brüstend sich und strotzend;

(f) Auch bäurisch taktlos, bengelhaft,
Vertrocknet, dürr und ohne Saft,
Verschroben, jüngferlich und prüde,
Dabei arg hölzern, mufflig, rüde,
Beengt und kleinlich, launenvoll,
Verdrängt der Frohsinn ganz von Groll;

(g) Parteiisch, frostig düster, hart,
In eigne Un=Kultur vernarrt,
Auch unwirsch, plump, in allem stur,
Im Wahn, dass sie die Besten nur;
Drum unduldsam, vor=eingenommen,
Von Fremdenfeindlichkeit benommen,
Borniert, vernagelt und verstimmt,
Verdruss in ihren Seelen glimmt.

(h) Von alledem nehmt eine Spur:
Das macht die Siegerland-Mixtur,
Die – GOtt sei geklagt es bitterlich! –
Erhalten hat bei heute sich.

(3) Die Mischung also von Calvin
Mit dem, was hier zuvor gediehn,
Ist fest verbunden, zementiert,
Dass schwer es gänzlich sich verliert.

(a) Durch Zuzug fremder Leute nur
Verbessert sich des Volks Struktur.
Dass heut ein neuer Menschenschlag,
Zu sehen ich noch nicht vermag.
Doch sind sie nicht mehr so verkniffen,
So borstig, starr und ungeschliffen.

(b) Dabei erkenne ich mit Gram,
Dass mancher, der nach Siegen kam
Aus andrem Landstrich, andrem Gau,
Verhält in allem sich genau
Wie die, so hierzuland geboren;
Das gilt sogar für Professoren,
Die an der Universität
Verlieren Originalität
Und zeigen bald sich übermannt
Vom Geiste hier im Siegerland.
Ich will mich hierin nicht verlieren:
Am Rande dies nur konstatieren.

(3) Ihr, Treugott, wisst, wieviel ich tat:
Wie mir kein Opfer war zu schad‘,
Zu zieren Siegen mit Kultur:
Figuren, Statuen, Holz-Skulptur,
Gemälden, Pflanzen, Unika,
Die bracht‘ ich aus Amerika.23

(a) Wie wurde hier es aufgenommen?
Zerstört, zertrümmert, ganz verkommen,
Verschlampt, verwahrlost, ruiniert,
Beseitigt einfach, demoliert,
Auch weggeschafft, entfernt, vergeudet:
Selbst Diebe haben viel erbeutet!
Ein Bruchteil dieser Schätze nur
Bewahrung, Pflege, Schutz erfuhr
Und sind in Siegen noch vorhanden:
Die meisten nach und nach verschwanden.

(b) Man wertete zu jener Zeit
Schlechthin, was stellte ich bereit,
Als Krimskrams, Plunder, Firlefanz,
Gerümpel, Tand und Mummenschanz,
Gesums, Kitsch, Trödel, Flitter, Schund,
Von mir gesammelt kunterbunt.

(c) Die Bilder schalt man Sudelei,
Was christlich-frommen Sinn entweih.
Die Bürger und die Prädikanten
Mich Schwelger, Prasser, Weltkind nannten!
Man brauche meine Schätze nicht:
Es leuchte hell des Glaubens Licht
Im reformierten Siegerland,
Das treulich GOtt sei zugewandt,
Verzichte drum auf allen Dunst,
Wie er entquölle jeder Kunst,
Zum Aberglaube drum verführe
Und sinnliche Gelüste schüre.

(d) Im Kirchenraum Figuren gar
Satanisch galt und schauderbar.
Man sei in Siegen, nicht zu Rom,
Wo ausgemalt der Petersdom
Und Statuen stehen rings herum,
Weil dort man noch im Heidentum.
Selbst an der Wand im Sitzungssaal
Gemälde wären ein Fanal
Hin zum Papismus, dem in Siegen
Man sei – GOtt sei’s gedankt! – entstiegen.

(e) IN SUMMA, Treugott, hab‘ die Stadt
Ich darob ziemlich leid und satt!
Doch will ich durchaus nicht verkennen,
Dass heute viele redlich sännen
Zu ehren mich in rechtem Masse:
Benannten auch nach mir die Strasse
Wie überdem das Waisenhaus:
Man sieht den guten Willen draus.24

(VI) Zum letzten noch: ich als Patron
Des reinen Glaubens in Person.
Ich müsste hierzu vieles sagen,
Verbohrten Eifer tief beklagen,
Den ich als junger Graf bewies:
Die Patres roh vertreiben liess,
Die sich zu Siegen taten schwer,
In Sinn und Absicht fromm und hehr.25

(a) Was nützt es, wenn der Glaube rein,
Gefegt, geputzt, ganz blank mag sein,
Doch voller Dünkel sind die Seelen,
Die drum in Hochmut schier verschwelen?
Dass ächte Demut sie verkannten,
Ist klar die Schuld der Prädikanten,
Die andre nannten Götzen-Diener:
Den Papst, die Popen, selbst Rabbiner.

(b) Erinnert euch der Pharisäer.
Sie wähnten GOtt sich deshalb näher,
Weil rechten Glaubens waren sie:
Der HErr als Heuchler sie doch zieh!
Zwar lebten sie tatsächlich rein,
Enthielten sich der Schurkerein;
Doch ihr Verhalten lieblos war:
Ihr ‚reiner Glaube‘ Stolz gebar.

(c) Ihr mutmasst, dass wenn ich nicht wäre,
Das Siegerland noch heutigs schwäre:
Von Rom sei weithin es verschattet,
Der Christenglaube drum ermattet?
Herr Treugott: hättet ihr hier recht,
Dann ging es mir im Jenseits schlecht!

(d) Zwar blieb es stetsfort mein Bestreben,
Den Calvinismus anzuheben:
Zu mildern, Griesgram, Zwängerei,
Kultur-Missachtung, Krittelei;
Auch Nüchternheit, die Stumpf-Sinn ist:
Die menschliche Natur vergisst,
Die ganz auf Freude angelegt:
Durch Glücksempfinden wird bewegt.
Es war mein Zielgedanke drum,
Mit einer Prise Luthertum
Zu würzen unser Siegerland,
In Genfer Schroffheit ganz verrannt.

(e) Gelungen ist mir dieses nicht!
Es war zu schwächlich mein Gewicht,
Hier diesen Ungeist aufzuhalten:
Zu sorgen, dass sich kann entfalten
Trotz ‚reinen Glaubens‘ auch die Kunst:
Dass steht in aller Bürger Gunst
Der Zierrat, Schmuck, die Malerei,
Die Stuckarbeit und Schnitzerei
Sowie die Hege teurer Pflanzen:
Hier mit dem Ziel auch, dass Substanzen
Zur Heilung Kranker findet man,
Was Nutzen stiftet allen dann.
Dermalen in Amerika
Tat dazu manches sich mir da.26

(f) Bald zog man aus der Kirche aus,
Hielt Gottesdienst bei sich zu Haus.
Die selbstgerechten Pietisten,
Die Stündler-Grüppchen und Darbysten;27
Die theolog’sche Un-Vernunft
In der Erweckten breiter Zunft;
Die unverblümte Eitelkeit,
Der Rottengeist mit Zank und Streit,
Die Seelenplfeger,28 Stundenhalter,29
Der Rück-Schritt tief ins Mittelalter
Wär nie erfolgt im Siegerland,
Wenn hätte man einst recht erkannt,
Dass das, was wollt‘ ich kultivieren
Würd‘ Glauben festigen und zieren.

(g) Was mich betrübt noch jetzig sehr:
Es ist auch kalt und sinnenleer
In den katholschen Kirchen hier:
Ein Minimum gerad‘ an Zier.30
Es hat der Siegerländer Geist
Mit schaler Art Calvins verschweisst
Gewirkte selbst bei Katholiken:
Tat dort den Froh-Sinn auch ersticken!

(h) Hinzu noch tritt, dass das Gebiet
Zu Paderborn man früh beschied.
Die Priester, die von dorther kommen,
Selbst haben wenig je vernommen
Von Lebens-Lust und Heiterkeit,
Die uns Erlösten doch verleiht
Der GEist des Friedens und der Freude –
Nicht erst im Jenseits: nein, schon heute!
Dem Bistum Köln, Mainz oder Trier
Geordnet zu der Sprengel hier,
Wär Segen für das Siegerland:
Für Katholik wie Protestant!
Ich möchte dies bald regen an;
Vielleicht ich es erreichen kann. –

Doch rede ich nun unbedacht:
Als hätte ich noch heute Macht!
Ach HErr, DU weißt, dass suchte ich
Bei meinem Handeln stets nur DIch!
Die Macht, die mir ward auf der Welt,
Hat nie den Blick mir je verstellt
Auf DEine Güte, DEine Liebe,
Die über allem Erdgetriebe
Als Ruhestatt für den bereitet,
Den DEines Geistes Huld begleitet.
Und die hat jedermann ja schon,
Wenn glaubt an DIch er und den Sohn,
Der jeden Menschen kennt und liebt:
Ihm Anteil SEines Erbes gibt,
Das über Raum und durch die Zeit
Für SEine Freunde steht bereit!\“

Bei diesen Worten stand er auf.
Sehr langsam schritt er vorwärts drauf
Die Treppen hoch, zum Grabe hin,
Wo er verschwand gleich mittendrin.31
Er sang dabei, bis ans Portal,
Ein Kirchenlied, ein Dankchoral. –

Ich nahm Papier und schrieb gleich auf
Der Rede Inhalt und Verlauf.
Dann fasste es in Reime ich,
Weil so es besser leserlich.
Hernach Verleger Zimmermann
Bedächtig grübelte und sann:
Soll drucken man des Fürsten Klage?
Wär’s klug, dass man sie unterschlage?

Doch sicher ist: der Fürst ist gram,
Dass so sein Erbe hier verkam.
Wenn dieser Undank wird erkannt
Bei Rapp und Rut im Siegerland,
Dann sollte man auch nehmen hin,
Dass etwer schnaubt in Zornessinn.

Der Mohr, der David einst entbot
Die Nachricht, dass Absalom tot
Bekam kein Scherflein Botengeld.32
Auch Treugott, den der Fürst bestellt
Zum Künder seines Grolls auf Siegen,
Tat nie sich in der Hoffnung wiegen,
Dass dafür ihm noch Lohn und Dank:
Sie fluchen ihm wohl durch die Bank.

Anmerkungen, Hinweise und Quellen

1 Kleine Grünanlage mit Kinderspielplatz bei der Sankt-Martini-Kirche in der Unterstadt zu Siegen. Vormals befand sich hier ein Friedhof; einige Gräber an der Langmauer der Kirche erinnern noch daran. – Siehe hierzu Lothar Irle: Tod und Begräbnis im Siegerland. Siegen (Siegerländer Heimatverein) 1966, S. 81 (Siegerländer Beiträge zur Geschichte und Landeskunde, Bd. 7).

Den nordöstlichen Zipfel dieses romantischen Ruheplätzchens inmitten der tiefer liegenden verkehrsreichen Innenstadt hat man zu einem Parkplatz umgewandelt, und die Grünanlage damit um etwa ein Viertel ihrer Fläche beraubt.

Eine wertvolle, aus Stahlguss gefertigte, sauerstofffreie und damit praktisch unverwüstliche Grabplatte an der äusseren Kirchwand (Epitaph der Polyxene von Bentheim-Steinfurt, 1749–1799), Eigentum der Stadt Siegen, montierte die Sankt-Martini-Kirchengemeinde 1993 ab und versetzte sie rechtswidrig in das Kircheninnere, wo sie den Blicken der Öffentlichkeit entzogen ist. – Weil Polyxene von Bentheim-Steinfurt eine Brieffreundin von Johann Heinrich Jung-Stilling(1740-1817) war, protestierte der Präsident der in Siegen ansässigen Jung-Stilling-Gesellschaft e. V. in gleichlautenden Schreiben (mit jeweils beigefügten Unterlagen) an den Stadtdirektor, den Superintendenten, den Museums-Direktor sowie an die Ratsfraktionen der Stadt Siegen gegen diese Wegnahme. Niemand der Angeschriebenen fand sich bemüssigt, auf das Schreiben mit auch nur einer einzigen Zeile einzugehen.

2 Johann Moritz, Fürst (bis 1652: Graf) von Nassau Siegen, genannt \“der Brasilianer\“. Er wurde im Jahre 1604 in Dillenburg geboren und starb 1679 in Berg en Dal bei Kleve, liegt jedoch zu Siegen begraben. Johann Moritz blieb unvermählt und hatte keine Kinder.

Siehe über ihn vor allem Ludwig Driesen: Leben des Fürsten Johann Moritz von Nassau-Siegen General-Gouverneurs von Niederländisch-Brasilien, dann Kur-Brandenburgischen Statthalters von Cleve, Mark, Ravensberg und Minden, Meisters des St. Johanniter-Ordens zu Sonnenburg und Feldmarschalls der Niederlande. Berlin (Deckersche Geheime Ober-Hofbuchdruckerei) 1849, Reprint Kleve (Fingerhut) 1979 (bis heute die Hauptquelle) und übersichtlich zusammengefasst Hans Kruse: Johann Moritz Graf von Nassau-Siegen, in: Westfälische Lebensbilder, Bd. 1 (1930), S. 68 ff.

Vgl. auch Ernst van den Boogaart (Hrsg.): Johan Maurits von Nassau-Siegen 1604–1679. A Humanistic Prince in Europe and Brazil. Den Haag (The Johan Maurits van Nassau Stichting) 1979 (mit vielen Abbildungen und Dokumenten) sowie Walter G. Rödel: Johann Moritz von Nassau-Siegen als Herrenmeister der Ballei Brandenburg des Johanniterordens (1652-1679), in: Soweit der Erdkreis reicht. Johann Moritz von Nassau-Siegen. 1604-1679. Städtisches Museum Kleve (Ausstellungskatalog). Kleve 1979, S. 81-90. (2. Aufl. 1980).

3 Im Mittelbau des Unteren Schlosses zu Siegen befindet sich die Grabstätte der protestantischen Linie des Hauses Nassau-Siegen, die Johann Moritz errichten liess. Von gesamthaft 63 Grabnischen sind 30 belegt. – Siehe Alfred Lück und Hermann Wunderlich: Die Fürstengruft zu Siegen, 2. Aufl. Siegen (Verkehrsverein) 1956.

4 Gemeint ist der flandrische Künstler Peter Paul Rubens (1577–1640). Seine hochschwangere Mutter reiste nach Siegen, um ihren Ehemann der Liebelei mit einem Schlossfräulein zu entreissen.

Siegen nennt sich ob dieses Zufalls stolz \“Rubens-Stadt\“, feiert sich selbst mit einem \“Rubens-Fest\“ und vergibt gar (und an wen erst!) einen \“Rubens-Preis\“. Ein anscheinend unter Profil-Neurose leidendes Gymnasium nannte sich 1997 vom schlichten \“Gymnasium am Rosterberg\“ in \“Peter-Paul-Rubens-Gymnasium\“ um.

5 Das (seit 1948 so benannte) Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium, früher eine Oberrealschule für Knaben. Weidenau ist heute nördliche Vorstadt von Siegen; es war bis 1974 selbständige Stadt im Landkreis Siegen. Siehe Verein zur Förderung des Fürst-Johann-Moritz-Gymnasiums Siegen-Weidenau (Hrsg.): 75 Jahre Höhere Schule in Weidenau. Siegen (Selbstverlag) 1989, insbes. S. 46 ff. – Das Gymnasium ist nach dem Bau einer Stadtautobahn durch das Siegtal seit 1984 von drei Seiten durch Strassen eingeengt.

6 Die Krone liess Johann Moritz auf seine Kosten herstellen und anlässlich seiner Erhebung vom Grafenstand in den Fürstenstand im Jahre 1658 auf die Spitze der Sankt-Nikolai-Kirche im Zentrum der Altstadt von Siegen anbringen. Sie hat einen Durchmesser von oben 2,35 Meter, unten 1,35 Meter und eine Höhe von 1,90 Meter. Siegen nennt sich daher auch \“Stadt unter dem Krönchen\“, wobei freilich das Diminutivum (das Suffix \“chen\“) angesichts des Ausmasses der Krone kaum gerechtfertigt erscheint. – Seit 1993 ist die Original-Krone im Vorraum der Kirche unter dem Turm verwahrt; die Turmspitze ziert ein Replikat: eine originaltreue Nachschöpfung.

Siehe hierzu Alfred Lück: Johann Moritz Fürst zu Nassau-Siegen als Landesherr in seinem eigenen Territorium, in: Siegerland-Museum, Siegen (Hrsg.): Johann Moritz Fürst zu Nassau-Siegen. Ausstellung zur 300. Wiederkehr seines Todestages. Siegen 1979, S. 40 ff.

7 Fürst Johann Moritz liess etliche niederländische Wörter, vor allem Nomina (Hauptwörter), in seine Rede einfliessen. Soweit sie im Hochdeutschen leicht verstehbar sind, wurden sie hier im Text belassen.

Johann Moritz weilte von 1620 bis 1644 in den Niederlanden bzw. (von 1636 bis 1644) in deren Kolonie Brasilien. Im Jahre 1668 ernannte man ihn zum General-Feldmarschall der Niederlande, im Jahre 1674 zum Gouverneur von Stadt und Provinz Utrecht. – Janhagel (sprich: janhachel) = Pöbel, ungebildetes Volk.

8 Sein Vater, Johann VII. (der Mittlere), Graf zu Nassau-Siegen (1651–1623) war zweimal verwitwet und dreimal verheiratet. – Siehe Adriaan Willem E. Dek: Graf Johann der Mittlere von Nassau-Siegen und seine 25 Kinder. Rijkswijk (Kripp) 1962.

9 Im Jahre 1614 ging Johann Moritz zur Bedienung seiner etwa gleichaltrigen Vettern, der hessischen Landgrafen Wilhelm und Philipp, zunächst mit diesen auf eine Bildungsreise nach Basel und Genf; dann (von 1616 bis 1619) auf die Ritterakademie nach Kassel. Im Jahre 1620 holte ihn sein Onkel nach Den Haag zu sich, und Johann Moritz trat als Soldat in die Dienste der Niederlande.

10 Siehe hierzu die Gedächtnis-Predigt in Sankt Nikolai zu Siegen \“Johann Moritz – Dank und Gedenken\“ des Siegener Pfarrers Walter Thiemann, abgedruckt in: Unsere Kirche. Evangelisches Sonntagsblatt für Westfalen und Lippe. Gemeindenachrichten für den Kirchenkreis Siegen, Jahrgang 1979, № 4/5.

11 Johann Moritz nahm als Reisegefährten nach Brasilien (von 1636 bis 1644) unter anderen den Maler Frans Post (1612-1680) mit. Sein Bruder war der weltberühmte Architekt und Maler Pieter Post (1608-1669), der die Bauentwürfe für Johann Moritz fertigte und auch sein Haus in Den Haag (das Mauritshuis, heute Museum) baute.

Für dessen Sohn Mauritius Post (1645-1677) hatte Fürst Johann Moritz die Patenschaft übernommen. Er leitete als 23jähriger Jungarchitekt die Bauausführung (1698 bis 1720) des Unteren Schlosses zu Siegen.

12 Die Siegener Fürsten wohnten zu dieser Zeit nicht mehr in der Stadt Siegen in ihren Schlössern. Sie liessen sich vor Ort durch Verwalter mit der Bezeichnung \“Amtmann\“ vertreten.

13 Beispielsweise war das Siegerländer Eisen derart minderwertig geworden, dass die Verarbeiter im Bergischen Land sich nach anderen Bezugsquellen umsehen mussten. – Siehe hierzu Ernst Arden Jung: Briefe zum Stand der. Eisenindustrie des Siegerlandes und des Bergischen Landes im 18. Jahrhundert. Siegen (Forschungsstelle Siegerland) 1983, S. 17 sowie Johann Heinrich Jung-Stilling: Stahlhandel, Metallverarbeitung und Mechanisierung im Bergischen Land. Beobachtungen und Einschätzungen, hrsg. von Gerhard Merk. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1992, S. 51 f. (Jung-Stilling-Schriften, Bd. 4).

14 Siehe hierzu mehr bei Hans Kruse: Das Untere Schloß zu Siegen, in: Siegerland, Bd. 4 (1919–1922, S. 148 ff.

15 Der einst gärtnerisch wohlgestaltete, vornehme Innenhof des Schlosses wurde bis 1997 als Auto-Abstellplatz genutzt; in diesem Jahr baute man dort eine Tiefgarage.

16 Die Fürstengruft im Unteren Schloss war dem Verfall nahe, als sie der König von Preussen und deutsche Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1893 auf seine Kosten wiederherstellen liess. Über dem Eingang der Grabstätte befindet sich heute ein entsprechender Hinweis in lateinischer Sprache. – Siehe auch Alfred Lück und Hermann Wunderlich: Die Fürstengruft zu Siegen (Anm. 3), S. 36.

17 Auf einem Teil des Platzes steht heute das alte Gebäude des Finanzamtes, jetzt Sitz der Verwaltung der Universität Siegen. – Im Jahre 1980 hackte man verbissen die auf der verbliebenen Grünanlage stehenden Bäume ab und errichtete auf der Restfläche des alten Herrengartens einen zweigeschossigen Baukomplex mit Geschäften. Lediglich der Strassen-Name \“Herrengarten\“ erinnert heute noch an die ursprüngliche Bestimmung.

18 Anstatt den hier durch das unterstädtische Zentrum fliessenden Sieg-Fluss aufzustauen und für erholsame Bootsfahrten und zum Rudern zu nutzen; statt nach dem Zubauen des Herren-Gartens an den Ufern der Sieg hier ein Stück anmutiger Gartenlandschaft zurückzuholen, überbaute man den Fluss, so dass er dem Auge der Menschen entzogen ist. Auf der Überbauung ist ein Auto-Parkplatz, wiewohl in unmittelbarer Nachbarschaft ein grosses Parkhaus steht, und Siegen überhaupt mit Parkhäusern vergleichsweise sehr gut ausgestattet ist.

19 Siehe zu den einzelnen Stücken und den Gravuren mehr bei Alfred Lück: Johann Moritz Fürst zu Nassau-Siegen als Landesherr in seinem eigenen Territorium (Anm. 6), S. 40 ff.

20 Die Schale wurde Johann Moritz im Jahre 1642 von einem Potentaten aus dem Kongo nach Brasilien geschickt, wohl in Zusammenhang mit dem Abkauf von Sklaven. Er brachte sie 1658 zur Vergoldung zu einem Juwelier nach Frankfurt am Main und übergab sie der Gemeinde Sankt Nikolai in Siegen. Die Schale ist von unschätzbarem kulturgeschichtlichem Wert; siehe Alfred Lück: Fürst Johann Moritz zu Nassau-Siegen als Landesherr in seinem eigenen Territorium (Anm. 6), S. 47 f. (mit farbiger Abbildung).

21 Herausgerissen wurden die gesamthaft 499 Platten im Jahre 1905, immerhin aber noch bis 1923 aufbewahrt. Dann verkaufte sie die Kirchengemeinde als Schrott. Jede Platte bestand aus 2 Zentimeter dickem Gusseisen in der Abmessung 62 mal 62 Zentimeter. – Siehe hierzu Hans Kruse: Der gußeiserne Fußbodenbelag der Nikolaikirche zu Siegen, in: Westfalen, Bd. 18 (1933), S. 96 ff.

22 Im Siegerland wurde um das Jahr 1530 die lutherische Reformation eingeführt. Durch Beschluss der Dillenburger Synode im Juli 1578 zwang man die Gemeinden zum Calvinismus. Im Jahre 1726 leitete man die Rekatholisierung ein; sechs Jahre später wurde Siegen recalvinisiert. – Siehe hierzu Gerhard Specht: Johann VIII. von Nassau-Siegen und die katholische Restauration in der Grafschaft Siegen. Paderborn (Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens) 1964, S. 6 ff.

23 Siehe herzu im einzelnen Alfred Lück: Fürst Johann Moritz und die Kunst, in: Siegerland-Museum, Siegen (Hrsg.): Johann Moritz Fürst zu Nassau-Siegen (Anm. 6), S. 53 ff. (mit Abbildungen).

24 Die Fürst-Johann-Moritz-Strasse verbindet die Hindenburgstrasse mit der Brüder-Busch-Strasse im Stadtzentrum von Siegen; sie verläuft parallel zur Bahnhofstrasse. – Das Johann-Moritz-Waisenhaus ist seit 1980 aufgelöst. In dem Gebäude (es ist das alte Jesuiten-Kolleg nächst dem Oberen Schloss) befinden sich heute die Dienststellen des Evangelischen Kirchenkreises Siegen (Superintendentur und Kreiskirchenamt).

25 Johann Moritz setzte sich mit Hilfe schwedischer Soldateska im Jahre 1632 gewaltsam gegen seinen älteren Halbbruder Johann VIII. in den Besitz der Stadt Siegen. – Am 5. März 1632, dem Tag seiner Ankunft in Siegen, besuchte Johann Moritz das Jesuiten-Kolleg (im Zuge der katholischen Restauration seit 1626 im ehemaligen Franziskanerkloster in der Kölner Strasse oberhalb des Unteren Schlosses wieder errichtet; heute steht auf dieser Fläche ein Kaufhaus); das Gespräch verlief freundlich. Doch nächsten Tages schon liess Johann Moritz die Patres einkerkern und unter erniedrigenden Umständen abführen.

Siehe hierzu Gerhard Specht: Johann VIII. von Nassau-Siegen und die katholische Restauration in der Grafschaft Siegen (Anm. 19), S, 203 ff. sowie Glaubrecht Andersieg: Allerhand vom Siegerland. Siegen (Höpner) 1989, S. 54 ff.

Die Plünderer des Jesuitenkollegs scheinen wohl für lange Zeit zum Spuk verdammt:

\“Am sechsten März in jedem Jahr
Erblickt man eine triste Schar
Gekleidet schwarz und seufzend tief,
Den Kopf gebeugt, den Körper schief,
In Siegen durch die Straßen ziehn,
Zum alten Friedhof schlurfen hin.

Es sind s an die zwanzig wohl:
Die Nase platt, die Augen hohl.
Es riecht, wo gehen sie vorbei,
Nach Schwefel, Aas und faulem Ei…\“

so wird dieses Ereignis, das alle mit Blick für die Geisterwelt begabte Menschen wahrnehmen können, im einzelnen bei Glaubrecht Andersieg geschildert.

26 Johann Moritz war nicht nur ein warmer Freund und Förderer der Gartenbaukunst, wie seine Biographen an vielen Beispielen belegen können. Er hatte in Südamerika neben Zierpflanzen auch Heilpflanzen kennengelernt. So verbreitete der Jesuitenorden um diese Zeit das Chinin, ein aus der Rinde des Chinabaums gezogener Wirkstoff gegen Fieber (\“Jesuitenrinde\“).

27 Darbysten (\“Plymouth-Brüder\“) sind eine im Siegerland auch heute noch verbreitete freikirchliche Gemeinschaft besonderer Prägung. Ihr Begründer ist John Nelson Darby (1800-1882) aus Plymouth in England. Nach Darby ist die Welt widergöttlich und der Staat das siebenköpfige Tier nach der Geheimen Offenbarung. Kunst und Kultur dienen nur den Zwecken des Satans. – Siehe hierzu Erich Geldbach: Christliche Versammlung und Heilsgeschichte bei John Nelson Darby, 3. Aufl. Wuppertal (Brockhaus) 1975.

28 Seelenpfleger sind Laien, die innert der Gemeinschaftsbewegung (vor allem des Siegerlandes) \“Bekehrte\“ und \“Erweckte\“ besuchen, im Glauben befestigen und sie teilweise auch bei wichtigen bürgerlichen Entscheidungen beraten.

29 Stundenhalter sind Laien, die für \“Erweckte\“ und \“Bekehrte\“ (vor allem des Siegerlandes) Bibelstunden und Gebetsversammlungen veranstalten. Ihr Wirken wird kritisch gesehen, weil sie (mit biblischer Begründung!) Handlungsanweisungen einmal gegenüber \“Geschwistern\“ (Angehörigen der \“Versammlung\“), zum andern aber gegenüber \“Anderen\“ lehren. – Siehe auch Jakob Schmitt: Die Gnade bricht durch. Aus der Geschichte der Erweckungsbewegung im Siegerland, in Wittgenstein und den angrenzenden Gebieten, 3. Aufl. Giessen (Brunnen Verlag) 1984, insbes. S. 139 ff.

30 Siehe hierzu Lothar Irle: Heilige in Verehrung und Volkstum des Siegerlandes. Siegen (Heimatverein) 1969, S. 43, S. 86 ff.

31 Siehe zur Möglichkeit von Totenerscheinungen überhaupt Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister-Kunde, in einer Natur- Vernunft- und Bibelmäsigen Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig 1979), S. 220 ff. sowie Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades. Wahre und falsche Ansichten, hrg. von Gerhard Merk. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 1).

32 Siehe 2. Samuel 18, 24 ff.

We understand death for the first time when he puts his hand
upon one whom we love



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

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