Personal tools

Views

Aufklärung und Glaube

veröffentlicht am

Ein Gespräch

— aus Anlass des höchlichst erfreuenden des Amtsantritts von Pfarrer Otto Wilhelm Hahn, Doktor der Theologie, als Vorsteher der Diakonissen-Anstalt in Karlsruhe-Rüppur, stattgehabt am 1. April 1989 —

mit dem hochachtbaren, reichbegnadeten und bis anhin unvergessenen Herrn

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817),

der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor

Seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübergang ab 1803 Badischer Hofrat, durch Verleihung ab 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat

weiland Professor für ökonomische Wissenschaften sowie Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Marburg/Lahn; hiebevor Professor für angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Veterinär-Medizin – an der Universität Heidelberg und anvorderst in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule zu Kaiserslautern;

ehedem Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste zu Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch der erlauchten Loge

\“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied

Dank englischer Hülfe aufgeschrieben und geflissentlich ins World Wide Web gestellt, dabei alle Leser mit freundwilligem Gruss getreulicher gÖttlicher Obhut und Verwahrung sowie englischen Schutzes wohl empfehlend von

Achtnicht Ihrenhohn

in Salen, Grafschaft Leisenburg*

₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪

Markus-Gilde, Siegen

Leicht ergänzte, aktualisierte Version der Druckausgabe 1989. – Die gewerbliche Nutzung des Textes bedarf der schriftlichen Einwilligung der löblichen Markus-Gilde, Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland)

mailto: merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de

Besuch im Krankenhaus

Ein Nachbar in der Klinik lag:
Ihn traf vom Hirn aus einen Schlag.
Ich machte mich spätmittags frei
Und schaute kurz bei ihm vorbei.

Er konnte kaum sich noch bewegen,
Ja nicht einmal die Zunge regen.
Ich brachte ihm zum Lesen mit;
Es tat mir weh, wie er nun litt.
Denn bislang war er stets aktiv:
Drei Stunden täglich meist er lief
Sogar zur kalten Jahreszeit,
Wenn schon der Schnee lag weit und breit.

Im Haus hat ständig er hantiert:
In kurzer Zeit es renoviert.
Seitdem er trat in Ruhestand
Daheim er so viel Arbeit fand,
Dass pflegte oft zu sagen er:
Als Rentner schaffe er nun mehr
In einer Woche, denn im Amt
In einem Monat insgesamt.

Gelähmt sein, halb erstorben fast,
War drum für ihn masslose Last.
Ich GOtt bat, dass er nicht lang litt;
So flehend ich zur Treppe schritt.

Jung-Stilling erscheint im Krankenhaus

Da fällt mein Blick auf einen Mann,
Der eilends kommt auf mich heran
Vom rechten Seitenflügel her;
Zum Ausgang, scheint mir, will auch er.

Mit einmal nehme ich jetzt wahr,
Dass seine Füsse offenbar
Berühren nicht des Bodens Grund,
Auch Trittschall tut sich mir nicht kund.
Sich keines seiner Beine hebt:
Er gradso auf den Fliesen schwebt!

Verdutzt darob, bin ich erpicht,
Zu sehen jetzt sein Angesicht.
Ergebnis meiner Musterung:
Der Herr ist – Hofrat Doktor Jung!1

Mit langem Rock ist er bekleidet,
Nach oben ziemlich ausgeweitet:
Im Zuschnitt gradso wie ein Vau;
Der Farbton silbrig-mattes grau;
In Doppelreihe Knöpfe rund,
Wohl aus Perlmutter: blinkend bunt.
Er hält in seiner rechten Hand
Ein dickes Buch mit blauem Rand.

So seltsam auch die Kleidung ist:
Gesamt sie sicher sich bemisst
Als abgestimmt: in sich geschlossen,
Bedacht in einen Stil gegossen;
Uralt zwar, gleichwohl andrerseits
Von einem eindrucksvollen Reiz.2

\“Herr Hofrat3 Jung! Was tun sie hier?\“
Frug schüchtern ich ihn, bange schier.
\“Sie waren hier wohl zu Besuch;
Doch warum tragen sie ein Buch?
Ach so: sie haben vorgelesen,
Damit ein Kranker mag genesen!
Verraten sie mir auch den Titel?
Wie heisst denn dieses Heilungs-Mittel?\“

Wie kann ein Verstorbener ein Buch überreichen?

\“Herr Achtnicht: ihr stellt viele Fragen!
Zunächst lasst mich ‚Grüss GOtt‘ euch sagen.
Besucht ward niemand heut von mir;
Dass ihr mich seht, bin ich nur hier.

Das dicke Buch in meiner Hand
Hat mich zu seinem Gegenstand:
Durchdacht hat darin dargetan
Der liebe Otto Wilhelm Hahn,
Wie ich zu meiner Lautrer Zeit
Für Toleranz und Glaube streit.4
Sein Sohn im Himmel mir es gab5,
Damit ich davon Kenntnis hab.\“ —

\“Herr Hofrat Jung! Wie mir bekannt,
Mit sechs das Kind den Tod schon fand.
Wenn auch den Himmel es geniesst.
Wie ist es möglich, dass er liest?

Und dann: wie kommt ins Paradies
Ein Werk, das man erscheinen liess
Auf Erden dieser Tage, jetzt?
Hier wird das Jenseits doch verschätzt!
Als ob man da noch Bücher läse,
Vielleicht auch tränke gar und äse!\“

Entwicklung des Verstandes verstorbener Kinder

\“Herr Achtnicht! Ihr scheint viel zu wissen:
Seid mich zu lehren gar beflissen;
Schreibt vor gar Seliger Bedarf:
Was man im Jenseits soll und darf.
Ich rate euch, dass ihr ein Stück
Mit eurem Hochmut steckt zurück.

Zunächst sei euch hier kundgetan,
Dass jener Sohn von Pfarrer Hahn
Getauft ward früh als kleiner Kind,
Womit das Heil ja schon beginnt.

Denn wer im HEilgen GEist getauft
Durch JEsu Blut wird losgekauft
Von Erbschuld und tritt nunmehr ein
Ins neue, gnadenhafte Sein.
Er ist mit GOtt dem HErrn verschweisst
Durch JEsus und dem HEilgen GEist.

Wo reine Gnade wirkt, vollzieht
Sich Formung der Vernunft, die sieht
Nun plötzlich alles licht und klar:
Sie weiss, was sein wird, ist und war.
Wer so entleibt zum Himmel schreitet,
Ist drum für diesen zubereitet.

So kommt es, dass schon kleine Kinder
Im Jenseits klüger sind nicht minder
Als solche, die in langen Jahren
Des Lebens auf der Erde waren.

Ich hoffe, dass ihr nun seht ein,
Dass dieses Kind, wiewohl noch klein
Auf Erden einstens, als es starb,
Verstand und Geisteskraft erwarb,
So dass es unschwer wissen kann,
Was Bücher heute zeigen an,
Vermag dazu gar abzuschätzen
Den Inhalt in den Datennetzen.

Dass dieser Himmelsbürger mir
Das Buch von seinem Vater hier
Gereicht hat, drum versteht sich leicht;
Es hat mich – kaum gedruckt – erreicht.

Doch keine Rolle spielt sonst Zeit
Im Jenseits, in der Ewigkeit.
Lest dazu, was ich licht bekunde
In meinem Werk zur Geister-Kunde.6
Auch bringen Aufschluss hierzu reich
Die ‚Szenen aus dem Geisterreich‘.7

Sorge um Aufklärung während der Lauterer Zeit

Lasst mich zu euch noch etwas sagen,
Weshalb ich schrieb zu meinen Tagen
In Lautern so viel nur vom Wissen,
Und ich um Aufklärung8 beflissen
In meiner Zeitschrift9 höchlichst bin:
Für manche hat das wenig Sinn:
Sie sehen die Vergangenheit
Im Blicke bloss der heutgen Zeit.

Doch, lieber Stillings-Freund10, es war
Verbreitet Stumpfheit ganz und gar;
Die Menschen ziemlich ungelehrt:
Beschränkt, durch Unverstand beschwert;
Dazu mit Düsternis verhangen,
In Vorurteilen drum befangen.\“

War die damalige Zeit wirklich so rückständig?

\“Ohephiah\“11, ich unterbrach,
\“Sie sind im Urteil sonst gemach,
Auch nüchtern, durchweg scharf im Blick;
Doch äussern diesmal sie Kritik,
Die sicher übertrieben ist.
Denn wenn die Bücher man ermisst,
Die ehedem erschienen sind,
Man klar den Eindruck doch gewinnt,
Dass just zu ihrer Lautrer Zeit
Rings blühte die Gelehrsamkeit.

Drum kann ich wirklich nicht verstehen,
Warum sie diesen Zeitraum sehen
In Bildungslosigkeit versunken,
Und spärlich nur die Geistes-Funken.

Allein wie schon ihr Duzfreund Goethe
Den Geistesspiegel doch erhöhte
Zu ihrer Zeit im deutschen Land,
Ist jedem heute wohl bekannt.

Bequem kann ich ein Dutzend Namen
Dazu aus dem Gedächtnis kramen
Von Männern, welche beispielhaft
Beförderten die Wissenschaft
Auf nahzu sämtlichen Gebieten
Zur Zeit, als weilten sie hienieden.\“

Hochkultur des Geistes und Tiefstand der Massen

\“Ihr habt, Herr Achtnicht, wohl verkannt,
Wen eben grade ich benannt:
Das war nicht die Gelehrten-Klasse
Als vielmehr doch die breite Masse!

Dass diese rechter Bildung bar
Erweislich ist und durchaus wahr.
Lest nur, was dazu zur Geschichte
Der Bildung man veröffentlichte.

Zum Verstehen der Bibel bedarf es vorab klarer Begriffe

Doch möchte nun erläutern ich,
Warum ich damals mühte mich,
Der Aufklärung den Weg zu bahnen
In meinen Büchern und Romanen
Sowie in meiner Monatsschrift,
Damit genau ihr es begrifft.

Der Glaube kommt durch GOttes Wort,
Für das die Heilge Schrift uns Hort.
In Sprache, in Gedanken freilich
Gegossen ist die Botschaft heilig.

Will man durchschauen deren Sinn,
Verstehn die Botschaft mit Gewinn,
So muss Begriffe man erfassen:
Den Inhalt erst entstehen lassen;
Sodann den Umfang grenzen ein,
Damit so der Vernunft erschein
Als Vorstellung, was ist gemeint –
Nicht was beliebig gradso scheint!

Begriffe müssen zu Urteilen gefügt werden

Begriffe gilt es zu verbinden,
Um Urteil richtig draus zu finden.
Erkannt muss werden, wie verknüpft
Begriffe sind, dass daraus schlüpft
Auch Einsicht, aus der kund sich tu,
Wie Denken ordnet recht sich zu.

Schlüsse als der Ableitung aus Urteilen

Das Urteil ist Voraussetzung
Zu einem letzten Geistes-Sprung:
Gefolgert werden daraus muss
Rein logisch nämlich nun der Schluss.
Denn Schlüsse setzen erst in Gang
Verständnis für Zusammenhang.

Bewirkt wird der Gedanken Flüsse
In jedem Fall durch rechte Schlüsse,
Aus denen Kenntnis sich ergibt:
Bedeutung wird herausgesiebt,
Der Sinn des Ganzen wird verstanden,
Da Unklarheit und Wirrnis schwanden.

Botschaft der Bibel erschliesst sich aus Verstandes-Einsicht

Es wendet so sich GOttes Wort
Durch Bibeltexte immer fort
In einem Sinn-Zusammenhang
An unsren Geiste zum Empfang.

Nur wer Verstand nützt, der sieht ein
Das Evangelium ganz rein.
Drum Denken auch Bedingung ist,
Dass GOttes Botschaft man ermisst.
Verstand ist eine GOttes-Gabe:
Des stumpfen Menschengeistes Labe!

Die Aufklärung, durch die Verstand
Entwickelt sich, ist Unterpfand,
Dass GOttes Nachricht man versteht
Und sie im Herzen recht gerät.

Wer ohne Denkakt, geistig dumm
Nimmt auf das Evangelium,
Verfällt in einen dumpfen Glauben,
Der sucht sich krampfhaft zu verschrauben
An seichten Dingen: Prunk und Pracht
Gepränge, falschen Schein und Macht,
Triumph, Zeremonien, Blendwerk, Trug,
Auch faulen Zauber und Humbug.

Die vielschichtigen Probleme der Akkulturation gilt es dazu bei der Bibel besonders zu beachten

Ich stell‘ nicht tief zur Diskussion
Dazu Akkulturation.12
Doch hinzuweisen wäre noch,
Wie jede Übersetzung doch
Verändert eines Textes Sinn:
Zieht diesen auf die Sprache hin,
In die wird übertragen er:
Probleme sehr verzwickt und schwer:
Was sonders grad die Heilge Schrift
In mancher Hinsicht ja betrifft.

Von ‚Assoziations-Komplex‘
Hört häufig ihr in dem Konnex;
Was letztlich aussagt, dass ein Wort
Stösst an Gedanken, die sofort
Sich bündeln in bestimmte Stränge
Und münden in Zusammenhänge,
Die im Gehirn vorübergleiten
Und dadurch weithin überschreiten
Was zukommt dem Begriff allein:
Schliesst streng nur seinen Inhalt ein.

Wenn man ‚Kazett‘ im Deutschen sagt,
Die Vorstellung, der Eindruck ragt,
Wie Tausende darin geschunden,
Millionen gar sind dort verschwunden
In einem Sturm der Barbarei
Der Mordlust und der Raserei.
Man denkt nicht nur an ‚Lager‘ hier
Im Sinn von Biwak, Ort, Quartier.

Es löst das Wort hier vielmehr aus
Bei jedem Abscheu, Schauder, Graus,
Gefühl, Empfindung, Reiz des Schrecks:
Ein Assoziations-Komplex.

Von daher wird es auch plausibel,
Dass Landessprache in der Bibel
Verändert deren Ursprungs-Sinn;
Was zeigt – rechtfertigt fürderhin –
Dass Textkritik notwendig ist –
Was meist bei ‚Frommen‘ man vergisst,
Die wähnen, dass einjedes Wort
Gedruckt in ihrer Bibel dort
Im Denken, Sinn sich hell erweist
Als Botschaft von dem Heilgen Geist.\“

Ist die Frohbotschaft nur Verstandeseinsicht?

\“Herr Hofrat\“, wandte ich jetzt ein,
\“Es kann doch sicherlich nicht sein,
Dass JEsu Botschaft wird erkannt
Allein durch Denkakt, durch Verstand!

Es zieht doch vielmehr himmelwärts
Den Christen sein Gefühl, sein Herz!
Der HEilge GEist entflammt die Seelen:
Das lässt sich nimmer doch verhehlen.

Es scheint mir, dass, Herr Hofrat Jung,
Sie – ganz verrannt in Aufklärung –
Vernunft bloss sehen, die geschliffen
Erkennt den Glauben in Begriffen;
Die urteilt und dann Schlüsse zieht,
Doch alles andre gar nicht sieht.

Das mag als richtig sich beziehn
Auf Dinge wie die Medizin,
Bestimmt auch auf Ökonomie –
Wie überhaupt auf Theorie.

Um nicht zu halten überm Berg:
Es scheint mir, dass ihr Freund G. Merk13
Mit seinem schiefen Logik-Tick
Verstellte ihnen ganz den Blick
Auf das, was rechten Glaubens Grund
Nebst dem, was prägt den Lebensbund
Des Menschen mit dem HErren CHrist:
Gehirn bestimmt doch dies nicht ist!\“

Rein gefühlsmässige Religiosität ist bedenklich



\“Herr Achtnicht: nicht hat mich umzäunt
Mit Klügelei der liebe Freund!
Ihn habe eher ich verführt,
Dass er ganz deutlich nun verspürt,
Wie Aufklärung auch jetzt tut Not,
Weil rechter Glaube ist bedroht.

Wo meist man Lieder singt und schreit,
Macht sich Gefühls-Beneblung breit,
Und das hat doch nicht im geringsten
Zu tun mit HEilgem GEist und Pfingsten.
So manches, was sich nennt ‚Bewegung‘
Scheint Schwärmerei mir: bloss Erregung.

Ich will hier keinen klagen an!
Doch gleichwohl ich nicht schweigen kann,
Wenn sehe ich, wie nieden heute
Gebärden sich bestimmte Leute.
Verbannt wird hier meist die Vernunft
Bei kirchlicher Zusammenkunft.\“

Aufklärung hat Glauben geschwächt

\“Unstreitig ist, Herr Hofrat Jung,
Dass grade durch die Aufklärung
Der Glaube sich doch merklich schwächte,
Anstatt sie frische Kraft ihm brächte.

Nach dem, was sie just sagten, wäre
Vertieft, begründet Glaubenslehre
Durch den Verstand, dem es gelang,
Dass sich erregt in Überschwang
Vertraun zu GOtt nebst Frömmigkeit
Wie nie zuvor in einer Zeit.\“

Trugschlüssige Argumentation

\“Herr Achtnicht! Kennt ihr jenen Bock,
Den ‚CUM HOC, ERGO PROPTER HOC‘14
Die alten Logiker schon nannten:
Als Fehlschluss damit ihn verbannten?
Nicht Aufklärung ist schuld daran,
Dass man der Gläubigkeit entrann!

Im einzeln will ich mir versagen,
Zu nennen, was seit jenen Tagen
Den Glauben so sehr untergrub:
Bewirkt hat diesen Abfall-Schub.

Nur so viel sei dazu gesagt:
Auch heute mir es nicht behagt,
Wie JEsu Botschaft wird verkündet:
Der Pietismus noch sich gründet
Zumeist auf Inbrunst, auf Gefühl,
Zu wenig aber auf Kalkül,
Vernunft und Geist der Wissenschaft,
Was darob einen Zwiespalt schafft:
Der Glaube gilt als GOttes Gabe,
Das Wissen meist nur als Getrabe.

Jedoch dies seinen Hauptgrund hat,
Dass Christenlehre findet statt
Anhand der Bibel nur allein,
Was GOttes Botschaft schränkt doch ein!

Verkennung der Uroffenbarung

Es offenbart sich GOtt nicht nur
Im Wort: nein auch in der Natur.
Stets Kenntnis auch von GOtt verlieh
Physik, Chemie, Biologie
Samt allen andren Wissenschaften,
Die mehr an Einsicht oft verschafften
Vom Sosein GOttes, SEinem Wesen,
Als in der Bibel man kann lesen.
Beachtet hierzu, was erklärt
Mein Bruder Sturm fromm und gelehrt.15

Doch, Achtnicht ich vergesse mich!
Ich wollte doch geflissentlich
Nicht jetzt die Gründe zählen auf,
Die wirkten ein in den Verlauf,
Dass Wissen sich und Glauben schieden,
Die Pfarrer Aufklärung drum mieden;
Zur Gänze man sich fast verschloss,
Dem Geist, der heisst SPERMATIKOS.\“16

Urteil über das Buch: „Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung“

\“Herr Hofrat Jung! Mir ist egal
Dass wir statt jetzt ein andermal
In diese Fragen tiefer dringen;
Mag dies Gespräch mehr Aufschluss bringen!

Verraten sie mir nur noch heute:
Ob ihnen jenes Buch bringt Freude,
Das tragen sie in ihren Händen;
Ich wüsste gern, wie sie es fänden.\“ –

\“Mein Stillings-Freund! Der Doktor Hahn
Hat bloss in einem sich vertan:
Er unterstellt, dass ich geriet
In Groll auf den Kollegen Schmid.17

Dies klärlich aber irrig ist!
Kollege Schmid als Pietist
War damals ziemlich eng verbunden
Mit Basel18; ich tat ihm bekunden,
Dass mir die Richtung nicht gefiel:
Mir schien das nie der rechte Stil.

Solch Urteil war nicht bös gemeint,
Drum Schmid mir deshalb auch nicht feind.
Doch sonst ist alles in dem Band
Korrekt gesehn und klar erkannt\“

Otto W. Hahn in verantwortungsvollem Amt

\“Das will ich Pfarrer Hahn berichten;
Mit Mut nahm auf er neue Pflichten.
Ein schweres Amt man ihm verlieh
Jüngst im Bereich Diakonie.\“19

\“Die Einweisung in dieses Amt
Persönlich meinem Wunsch entstammt,
Den ich im Jenseits drum trug vor:
Man deshalb Pfarrer Hahn erkor.\“ –

\“Herr Hofrat, könnten sie mir sagen:
Vor wem hat dies sich zugetragen?
Es würde mich doch interessieren,
Wie dies im Jenseits mag passieren.\“ –

\“Herr Achtnicht: ihr seid naseweis!
Wenn euch ich schon die Gunst erweis,
Geheimnisse zu offenbaren,
Die nie ihr könntet sonst erfahren,
Dann fragt nicht auch noch dauernd mehr:
Es reicht, was sagte ich bisher!

Jung-Stilling verabschiedet sich

Beinebens muss ich jetzt auch fort:
Man meiner harrt an andrem Ort.
Schreibt alles auf, was ich heut sprach,
An Doktor Hahn schickt es danach.\“ –

\“Ohephiah! Sie sagten viel,
Gar manches war auch sehr subtil.
Ich bitte daher, dass reicht da
Mir Hilfe wieder Siona.\“20

\“Gern will ich eurem Wunsch willfahren;
Ihr könnt das Reimen euch ersparen.
Gehabt euch wohl! Bleibt im Gebet,
Das GOttes Segen stets erfleht
Auf diese Erde, diese Zeit;
Gelobt sei GOtt in Ewigkeit!\“

Miteins Jung-Stilling schwebte fort
Zum Ausgang jener Klinik dort,
Wo ich ihn traf und mit ihm sprach:
Entschwand den Blicken nach und nach.

Noch staunend stand im Flur ich da,
Als nahte sich Geist Siona.
Er gab mir vierzehn Blatt Papier,
Gereimt schon, wie man liest es hier.

Zu mir nun wandte er sich hin.
\“Herr Achtnicht, es ist von Gewinn,
Wenn diese Botschaft ihr komplett
Stellt möglichst bald ins Internet.
Doch bitte fügt noch Noten an,
Dass jedermann verstehen kann,
Was möchte diesmal bringen nah
Vom Himmel her Ohephiah.
Ich will dabei euch unterstützen,
Mit Winken aus dem Jenseits nützen.\“

Urplötzlich war Siona fort;
Wo just er stand, blieb leer der Ort;
Ein Schimmern war kurz an der Stelle,
Als sei dort schwache Lichtesquelle.


Der Engel tat, was er versprach,
Wie leicht mag jeder prüfen nach.
Gedankt sei öffentlich dem Engel;
Doch schreibe zu man alle Mängel
Herrn Achtnicht Ihrenhohn in Salen,
Der Schmäh gewohnt ist allemalen
Und den Gerede lästerlich –
Ja selbst auch spitzer Nadelstich –
Kaum aus der Fassung bringen kann,
Ihn vielmehr treibt besonders an,
Für alle Neider GOtt zu bitten:
ER segne sie bei allen Schritten!

Anmerkungen, Quellen und Hinweise

* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen mit der Hauptstadt Siegen; ab 1743 Teil der Nassau-Oranischen Lande mit der Hauptstadt Dillenburg, ab 1815 (territoriale Neuordnung im Wiener Kongress) Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen mit der Provinzhauptstadt Münster; nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 an bis heute Stadt im Kreis Siegen-Wittgenstein des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland. Über 70 Prozent der Kreisfläche sind Wälder; Siegen-Wittgenstein steht damit an der Spitze der Bewaldungsdichte in Deutschland. – Salen = bei Jung-Stilling die ehemalige fürstliche Residenzstadt Siegen, heute Universitätsstadt mit etwa 110 000 Bewohnern

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumor¬dnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider ohne Register).

Im wirtschaftsgeschichtlich bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 1) geboren, herangewachsen und hat auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter und Lehrer gesammelt.

1 Hofrat Professor Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit (= Philosophie) und Arzneikunde (= Medizin) Doktor. Dieser wurde in letzter Zeit wiederholt auf Erden gesehen. – Siehe die entsprechenden Erscheinungsberichte aufgezählt bei Bleibfest Stillingtreu: Wundersame Begegnung an der Sal. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 2000, S. 51 ff. sowie die Download-Files unter der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling>

Siehe auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992. – Die \“Lebensgeschichte\“ erschien in vielen Ausgaben. Jedoch genügt nur die von Gustav Adolf Benrath besorgte Version den Anforderungen sowohl des Lesers (grosser Druck, erklärende Noten, Register) als auch des Wissenschaftlers (bereinigter Original-Text; wichtige Dokumente zur Lebensgeschichte) — In kürzerer Form orientiert über das Leben von Jung-Stilling auch Gerhard Merk: Jung-Stilling. Ein Umriß seines Lebens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1989. Mehr die innere Entwicklung schildert fein nachfühlend Otto W. Hahn: \“Selig sind, die das Heimweh haben\“. Johann Heinrich Jung-Stilling: Patriarch der Erweckung. Giessen, Basel (Brunnen) 1999 (Geistliche Klassiker, Bd. 4).

Siehe zum Wiedereintritt Verstorbener in diese Welt Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, also mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralantiquariat der DDR] 1987), S. 220 ff.

Dieses Werk von Jung-Stilling wurde seit seinem Erstdruck in vielen Ausgaben veröffentlicht und auch ins Englische, Schwedische, Französische und Niederländische übersetzt; siehe die Zusammenstellung bei Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1993 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28).

2 Jung-Stilling lernte bei seinem Vater das Schneiderhandwerk und die Knopfmacherei. Mehrere Jahre arbeitete er als Schneidergeselle. Auf geschmackvolle, ansprechende, schmucke Garderobe legte er zeitlebens grossen Wert. Indessen war er kein Freund übertriebener Eleganz, von \“Flitterstaat\“, wie er es nannte. – Siehe Hermann Müller: … wenn die Seele geadelt ist. Aus dem Briefwechsel Jung Stillings (so, also ohne Bindestrich). Giessen, Basel (Brunnen) 1967, S. 109, wo es um das Umarbeiten eines Schlafrocks von Jung-Stilling aus geblümtem glatten Seidenstoff (Atlas) für die 20jährige Tochter Caroline geht.

In seinen Romanen umreisst Jung-Stilling die Personen und deren Charak-ter regelmässig durch eine eingehende Beschreibung ihrer Kleidung. – Siehe hierzu Hans Grellmann: Die Technik der empfindsamen Erziehungsromane Jung-Stillings. Neu herausgegeben von Erich Mertens. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1993, S. 90 ff.

3 Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Heidelberg durch Erlass des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern vom 31. März 1785 die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 3), S. 427. – Jung-Stilling hatte dem Wittelsbacher Kurfürsten 1772 seine medizinische Doktorarbeit gewidmet und bei Hofe zu Mannheim im März 1772 seinem Landesherren überreicht. Diese trägt die Aufschrift \“SPECIMEN DE HISTORIA MARTIS NASSOVICO-SIEGENENSIS\“; sie beschäftigt sich mit der Geschichte des Eisenerzeugung im Fürstentum Nassau-Siegen. – Mars = hier: FERRUM, QUIA ROMANIS OLIM FERREUS MARS FUIT; siehe zur älteren Metall-Lehre übersichtlich, in drei Thesen geordnet Anton Lütgens: METALLORUM NATURAM ET DIFFERENTIAS EXPLICANS DISSERTATIO PHYSICA. Kiel (Barthold Reuther) 1707.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger manche Vergünstigungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt besonders zum Vorteil gereichte) an Wegschranken, Posten, Schildwachen, Stadttoren, Fähren, Übergängen, Brücken sowie an den damals schier unzähligen Schlagbäumen mit ihren Post-, Maut- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II., bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [französisch: Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt. – In Artikel 6 heisst es genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi, tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg (= die Fahr-Rinne für die Schiffart) du Rhin soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin zu Regensburg (seit 1663 der Tagungsort des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch besondere günstige Umstände (verwandtschaftliche Beziehungen zu Frankreich: sein Enkel Karl [1786/1811–1818] heiratete im April 1806 Stéphanie de Beauharnais [1789–1860], die 17jährige Adoptivtochter von Napoléon) vergrösserte der Markgraf von Baden bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um Mehrfaches; die Bevölkerung stieg von etwa 175 000 auf fast 1 Million Bewohner an. Die pfälzische Kurwürde ging auf ihn über. – Wenige Jahre später rückte er durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf.

Mit dem Besitzwechsel der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen [seit 1720] Residenzstadt Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputationsschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuß des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ DE JURE PUBLICO automatisch nunmehr zum \“badischen\“ Hofrat.

Anfang April des Jahres 1808 wird Jung-Stilling als Berater des Grossherzogs Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) in Karlsruhe (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst hervorhebt) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt. siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404 (Anm. 10).

Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. – Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergesslichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27. – Bis anhin ist nicht geklärt, wer diese Schrift verfasst hat. Im Vorwort heisst es: \“Euch, ohne Ausnahme Allen, ihr geliebten, bekannten und unbekannten Stillingsfreunden, [so!] die ihr ja auch Christus=Freunde seyd! sind diese Blätter gewidmet. Ihr werdet es nicht lächerlich, nicht unschicklich finden, dass sie so spät erst nach dem Hinscheid [so!] des Unvergesslichen erscheinen, wenn ich euch zum Voraus sage: dass ich, als Weib vorerst Männer ausreden lassen – abwarten wollte mit weiblicher Bescheidenheit, was solche zum Denkmal des Allgeliebten aufstellen würden\“ (Orthographie wie im Original).

Jung-Stilling stand nach seinem frei gewählten Abschied von der Universität Marburg ab 1803 im Dienst des Hauses Baden. – Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Jung-Stilling am Hofe Karl Friedrichs in Karlsruhe, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Bd. 135 (1987), S. 183 ff., Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 219 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32) sowie zum Verhältnis zwischen beiden Persönlichkeiten auch Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

4 Gemeint ist wohl die Studie von Otto W. Hahn: Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung. Frankfurt, Bern, New York, Paris (Peter Lang) 1988 (Europäische Hochschulschriften, Bd. 344). Darin wird die theologische und weltanschauliche Position von Jung-Stilling während seiner Zeit als Professor in (Kaisers)Lautern von 1778 bis 1783 eingehend und ausführlich analysiert.

5 Der erstgeborene Sohn von Pfarrer Hahn wurde von GOtt früh heimgeholt. Siehe des näheren Otto Hahn/ Marlis Hahn: Du gingst uns voraus. Erfahrungen mit einem schwerkranken Kind. Neuhausen-Stuttgart (Häussler) 1988 (Telos-Paperback 1302).

6 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde (Anm. 1), S. 31 ff. sowie Martin Landmann: Ahnungen, Visionen und Geistererscheinungen nach Jung-Stilling. Eine ausdeutende Untersuchung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, S. 25, S. 59, S. 65. – Die Studie ist kostenlos downloadbar (ohne die Abbildungen) bei der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling>

7 Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Karl Rohm Verlag) 1999, S. 220 ff. sowie auch Treugott Stillingsfreund: Erscheinungen im Siegerland. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1987, S. 41 ff. Als Download-File für private Nutzung auch kostenlos abrufbar bei der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> (dort unter dem Titel \“zeittheorie.pdf\“).

8 \“Aufklärung nenne ich die richtige Erkänntnis von Gott, von der Natur, besonders von dem Menschen, und von dem Verhältniß desselben zu Gott\“, definiert Johann Heinrich Jung-Stilling; siehe Jung-Stilling-Lexikon Religion, hrsg. und eingel. von Gerhard Merk. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. 11. Freilich ist Jung-Stilling in seinem Schriften nicht immer genau dieser Definition treu geblieben.

Mehr zu dieser Thematik bei Jürgen Voss. Zur deutschen Aufklärungsdiskussion im späten 18. Jahrhundert, in: Innsbrucker Historische Studien, Bd. 7/8 (1985), S. 264 ff. Dort an die 100 Definitionen (!!) des Begriffes \“Aufklärung\“ aus der zeitgenössischen Literatur, auch aus heute kaum mehr bekannten Werken.

9 Jung-Stilling gab zwischen 1781 und 1784 die Zeitschrift \“Der Volkslehrer\“ heraus. Diese hat Otto W. Hahn in ihren Grundzügen erforscht; siehe Otto W. Hahn: Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung (Anm. 4); S. 131 ff.

Im Neudruck und in heutiger Rechtschreibung erschienen inzwischen aus dem \“Volkslehrer\“ zwei Bände, nämlich –  Johann Heinrich Jung-Stilling: Gesellschaft, Leben und Beruf. Geschichten aus dem \“Volkslehrer\“, hrsg. eingel. und mit Anmerkungen versehen von Gerhard Merk. Berlin (Duncker & Humblot) 1990 sowie –  Johann Heinrich Jung-Stilling: Gesellschaftliche Mißstände. Eine Blütenlese aus dem \“Volkslehrer\“, neu hrsg., eingel und mit Anmerkungen versehen von Gerhard Merk. Berlin (Duncker & Humblot) 1990. – Die Drucklegung beider Auswahlbände wurde durch hochherzige Spenden von Stillings-Freunden ermöglicht.

10 Stillings-Freund meint –  Gönner, Förderer, später –  Verehrer und Anhänger (\“Fan\“: dieses heute gebräuchliche Wort vom lateinischen FANATICUS = begeistert, entzückt) von Jung-Stilling. Der Ausdruck (er schliesst die weibliche Form mit ein) stammt von Jung-Stilling selbst. — Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 1), S. 213, S. 441, S. 513, S. 536, S. 566.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch   \“Stillings-Feinde\“, siehe ebendort, S. 316 sowie die Jung-Stilling gesamthaft und im einzelnen auf verkennende, mit einer Überfülle sachlicher Fehler und falscher Werturteile [nebenbei: es gibt wissenschaftstheoretisch gesehen durchaus \“richtige\“ Werturteile!; siehe hierzu vertiefend Gerhard Merk: Grundbegriffe der Erkenntnislehre für Ökonomen. Berlin (Duncker & Humblot) 1985, S. 55 ff.] durchsetze Studie von Hans R. G. Günther: Jung-Stilling. Ein Beitrag zur Psychologie des Pietismus, 2. Aufl. München (Federmann) 1948 (Ernst Reinhardt Bücherreihe).

Siehe hierzu Rainer Vinke: Jung-Stilling und die Aufklärung. Die polemischen Schriften Johann Heinrich Jung-Stillings gegen Friedrich Nicolai (1775/76). Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 1987, S. 40 f., S. 51 f., S. 71 f. (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Bd. 129). Zurecht bezeichnet Vinke das Buch von Günther als eine \“unglaubliche Mischung von einfachen Fehlern, bösartigen Verzeichnungen der Fakten, krassen Fehlurteilen, absolutem Unverständnis für die pietistische Fragestellung und einigen wenigen genialen Einsichten\“ (S. 40; in Anm. 82 auch über die verhängnisvolle Wirkungsgeschichte des Buches von Günther).

11 Ein jeder Christ, der in die Seligkeit eingeht, erhält von GOtt einen neuen Namen, siehe Offb 2, 17 sowie (Johann Heinrich Jung-Stilling:) Die Siegsgeschichte der christlichen Religion in einer gemeinnüzigen (so!) Erklärung der Offenbarung Johannis. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1799, S. 89. – Der besondere Name, mit dem Jung-Stilling im Jenseits beschenkt wurde, ist Ohephiah (= der GOtt liebt). – Siehe hierzu [Christian Gottlieb Barth:] Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Von ….r…Stuttgart (Steinkopf) 1817, S. 12.

12 Akkulturation (= Kultur-Anpassung) meint hier an dieser Stelle den Vorgang, bei dem die christliche Botschaft sich in einer ganzen besonderen Weise in die (nicht zuletzt auch durch die jeweilige Sprache geprägten) Vorstellungen einer gesellschaftlichen Gruppe (eines Volkes) einbettet.

Andererseits enthalten dementsprechend die in altem Bibelhebräisch auf uns gekommenen Schriften des Alten Testaments in vielem eigentümlich hebräische Denkweisen; das Alte Testament ist fast das einzige Denkmal des Althebräischen. Diese Sprache wurde als Umgangssprache nach der Babylonischen Gefangenschaft (nach 538 v. Chr.) vom Aramäischen verdrängt. Zur Zeit Christi war das Bibelhebräisch nur noch Sprache des Gottesdienstes und des gehobenen Schrifttums.

Die Schriften des Neuen Testaments sind wesentlich vom Hellenismus und der griechischen nachklassischen Sprache geprägt. Freilich finden sich darin auch aramäische Redewendungen, etwa Abba, Pascha oder Hosianna. Diese belegen, dass Aramäisch auch die Sprache Jesu war. –

Manchmal wird in Bezug auf die (meisten) Schriften des Neuen Testaments auch von \“Bibelgriechisch\“ gesprochen. Man meint damit die Prägung, welche das griechische Sprachgefüge und die Begrifflichkeit durch die Übernahme hebräischer Erzählweisen und Assoziationskomplexe (associational clusters: die gedanklich Verbindung von Begriffen mit dem damit bewirkten Auftreten neuer Vorstellungsinhalte) erfuhr. Vorhandene griechische Wörter bekamen so als Wiedergabe hebräischer Ausdrücke einen veränderten Gehalt (etwa DÓXA = Herrlichkeit, DIATHÉKE = Bund oder DIKAIOSÝNE = Gerechtigkeit). Dazu verdrängen, grammatikalisch betrachtet, häufig Hauptsatzreihungen die im klassischen Griechisch bevorzugten Nebensatzgliederungen. Auch begriffliche Doppelungen (etwa: APOKRITHEIS EIPEN = er antwortete und sprach) weisen auf hebräische Sprachwendungen hin.

Dies alles (und weitere Tatsachen dazu) begründet einen sorgsamen und überlegten Umgang mit den biblischen Aussagen in der deutschen Sprache. Denn bei der Übersetzung vom Althebräischen und Bibelgriechischen in die jeweilige Landessprache entstehen häufig genug im Grundtext nicht enthaltene und keineswegs beabsichtigte Assoziationskomplexe.

Davon lassen sich die meisten \“Bibelchristen\“ jedoch nicht überzeugen Sie halten jede (auch rein sprachliche) Bibelkritik als zumindest unerlaubt. – Siehe zum Zeithintergund der Evangelien auch Eduard Wechssler: Hellas im Evangelium, 2. Aufl. Berlin (Metzner) 1947 und zur frühen Rezeptionsgeschichte Karen Piepenbrink: Christliche Identität und Assimilation in er Spätantike. Probleme des Christseins in der Reflexion der Zeitgenossen. Frankfurt am Main (Verlag Antike) 2005 (Studien zur Alten Geschichte, Bd. 3) und die dort angegebene Literatur.

13 Es war nicht auszumachen, wen Jung-Stilling hier meint.

14 \“Mit diesem Umstand, also auch wegen diesem.\“ Es handelt sich dabei um eine besondere Art der materialen Trugschlüsse aus Verkennung der Ursache.

15 Bruder Sturm = der zur Zeit von Jung-Stilling vielgelesene Christoph Christian Sturm (1740–1786) und dessen Werk \“Betrachtungen über die Werke Gottes im Reiche der Natur und der Vorsehung auf alle Tage des Jahrs\“, das erstmals 1772 in Halle erschien und zahlreiche Auflagen sowie Übersetzungen in Fremdsprachen erreichte. – Bernhard Galura (1764–1856), Fürstbischof von Brixen, gab eine Ausgabe des Werks speziell für katholische Christen heraus, die heute auch als Online-Ressource abgerufen werden kann.

16 Jung-Stilling bezieht sich hier auf die altchristliche Lehre, wonach GOtt in seiner zweckvoll gestaltenden Vernunft alle Keime der Weltdinge beherrscht.

17 Gemeint ist Jung-Stillings Kollege in Kaiserslautern Ludwig Benjamin Martin Schmid (1737–1793); siehe Otto W. Hahn: Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung (Anm. 4), S. 57 ff.

Hofrat Schmid zog mit der Verlegung der Kameral Hohen Schule 1787 (wie auch Jung-Stilling) mit nach Heidelberg. Er folgte aber 1787 (im gleichen Jahr, als Jung-Stilling sein Amt in Marburg antrat) einem Ruf als Professor und Prediger an die Karlsschule in Stuttgart. Sein Abriss \“Lehre von der Staatswirthschaft\“, 1780 im Verlag der Kurpfälzischen Physikalisch-Ökonomischen Gesellschaft (Mannheim und Lautern) erschienen, galt seinerzeit als eines der besten Fachbücher der Ökonomik.

18 Mit der \“Christenthumsgesellschaft \“ in Basel; siehe hierzu näher Gerhard Schwinge: Jung-Stilling und seine Beziehung zur Basler Christentumsgesellschaft, in: Theologische Zeitschrift, Bd. 44 (1988), S. 32 ff.

19 Zum 1. April 1989 übertrug man Dr. Otto W. Hahn das hohe und verantwortungsreiche Amt eines Vorstehers der Diakonissen-Anstalt in Karlsruhe-Rüppur.

20 Schutzengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Er zeigte sich diesem zu dessen irdischer Zeit, nahm ihn von dort ins Jenseits mit und schrieb auch für ihn. – Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999, S. 220 ff. (S. 279: \“Siona hat mir Lavaters Verklärung in die Feder diktiert\“).

Der Name Siona bedeutet letztlich \“die Himmlische\“ (siehe die genauere, weitläufige Erklärung dieses Namens bei Philipp Paul Merz: Onomasticon Biblicum. Augsburg [Martin Veith] 1738, S. 1161 ff.); und Jung-Stilling fasst den Engel als weiblich auf.

Er spricht Siona an als –  \“unaussprechlich erhabene Tochter der Ewigkeit\“ (Szenen aus dem Geisterreich, S. 219), –  \“göttliche Freundin\“ (ebenda, S. 223), dankt der –  \“erhabenen Dolmetscherin\“ (ebenda, S. 241), die ihm –  als Engel – oft ungesehen – \“immer liebvoll zur Seite ist\“ (Johann Heinrich Jung-Stilling: Chrysäon oder das goldene Zeitalter in vier Gesängen. Nürnberg [Raw’sche Buchhandlung] 1818, 1. Gesang, Versabschnitt 3), –  den Gedankengang leitet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 282), aber –  auch vom Jenseits berichtet (Szenen aus dem Geisterreich, S. 308) und –  Jung-Stilling (der im Chrysäon Selmar heisst) auf einer \“Himmels-Leiter\“ zum Sehen führt (Chrysäon, Prolog, Versabschnitt 2; siehe auch Versabschnitt 8) sowie –  zu seiner verstorbenen Tochter Elisabeth (Lisette, 1786–1802) und zu deren Mutter (Jung-Stillings zweiter Ehefrau Selma von St. George, 1760–1790) geleitet (Chrysäon, 4. Gesang, Versabschnitt 2 ff.), –  ihn aber auch von himmlischen Höhen \“in müdes Weltgewühle\“ zurückbringt (Chrysäon, 3. Gesang, Versabschnitt 87).

Siehe zum Verständnis der Engel im religiösen Denken von Jung-Stilling auch Gerhard Merk (Hrsg.): Jung-Stilling-Lexikon Religion. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XX f., S. 30 ff. sowie Gotthold Untermschloß: Vom Handeln im Diesseits und von Wesen im Jenseits. Johann Heinrich Jung-Stilling gibt Antwort. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, S. 16 ff. (auch als Online-Ressource unter dem URL <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> – Vgl. auch Paola Giovetti: Engel, die unsichtbaren Helfer der Menschen, 8. Aufl. Kreuzlingen, München (Hugendubel) 2003 sowie die Sites bei <http://www.himmelsboten.de>

Billions of spiritual creatures walk the earth unseen,

both when we sleep and when we wake.



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht..

(erforderlich)


Sie können diese verwenden HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>