Personal tools

Views

Abgestufte Glückseligkeit im Jenseits?

veröffentlicht am


Diese Frage einlässlich beantwortet in einer nachtodlichen Belehrung
durch den hochgelehrten, lebenserfahrenen und unvergessenen Herrn

Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817),
der Weltweisheit und Arzneikunde Doktor,
seit 1785 Kurpfälzischer, durch Rechtsübertragung ab 1803 Badischer Hofrat,
durch Verleihung ab 1808 Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat,

lebzeitig bis 1803 Professor für ökonomische Wissenschaften sowie Lehrbeauftragter für operative Augenheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Marburg/Lahn; zuvor bis 1787 Professor für angewandte Ökonomik – mit Einschluss der Tiermedizin – an der Universität Heidelberg und vordem ab 1778 in gleicher Bestellung an der Kameral Hohen Schule Kaiserslautern,

weiland Gründungsmitglied der Geschlossenen Lesegesellschaft zu Elberfeld, dortselbst seit 1772 auch praktischer Arzt, Geburtshelfer und ab 1775 behördlich bestellter Brunnenarzt sowie Dozent in Physiologie; der Kurpfälzischen Ökonomischen Gesellschaft in Heidelberg, der Königlichen Sozietät der Wissenschaften in Frankfurt/Oder, der Kurfürstlichen Deutschen Gesellschaft in Mannheim, der Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste in Kassel, der Leipziger ökonomischen Sozietät sowie auch seit 1781 bis zum Verbot der Geheimgesellschaften im kurpfälzisch-bayrischen Herrschaftsgebiet durch Erlass vom 22. Juni 1784 der erlauchten
Loge \“Karl August zu den drei flammenden Herzen\“ in Kaiserslautern Mitglied,

und nachgehends emsig beflissen sowie mit zutätiger englischer Wohlgewogenheit behörigermassen niedergeschrieben und gemeinen Nutzens zu Gut ins Internet gestellt, alle Leser gÖttlicher Obhut und englischen Schutzes stetsfort wärmstens empfehlend

von

Dichtauch Ohnedank
in Salen, Grafschaft Leisenburg*

₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪

Markus-Gilde, Siegen

Die gewerbliche Verwertung des Textes bedarf der schriftlichen Einwilligung der löblichen
Markus-Gilde, Postfach 10 04 33, 57004 Siegen (Deutschland).

mailto: merk@vwl.wiwi.uni-siegen.de


Seltsam gekleideter Mann geht am Morgen durch Lahr


Im Mai schritt morgens ich durch Lahr.1
Da tut dem Blick sich plötzlich dar
Ein Herr, der auffällt mir sogleich,
Weil er sich abhebt überreich
Von dem, was derzeit allemal
Als modisch gilt: als heut normal.

Ein enger Mantel, dunkelblau,
Mit Pelzbesatz aus mattem Grau
Ihn bis zum Knie hin bloss bedeckt.
Die beiden Beine sind gesteckt
In Stiefel aus gelacktem Leder,
Geschnürt bis obenhin ein jeder
Mit ziegelrotem, rundem Band:
Die Ösen silbrig, dick am Rand.
Nach oben läuft der Stiefelschaft
In Stulpen aus, gefranst mit Taft
Der kirschrot und damit verwandt
Mit jenem Rot, das zeigt das Band.

Der Mantel so geschnitten ist,
Dass er breit offen sich bemisst
Zur Brust hin, doch bleibt hoch am Kragen.
Plissierter Taft in vier, fünf Lagen
Zeigt vorn sich kunstvoll, fein genäht:
Geschick für Kreuzstich so verrät.

Den Stock in seiner rechten Hand –
Aus Eiche wohl, dem eingebrannt
Sehr stilvoll Muster zur Verzierung
Bedeckt mit rissiger Lackierung –
Der Herr beim Vorwärtsschreiten schwingt.
In seine Gangart dieses bringt
Bewegung, Schub, Behendigkeit,
Die scheinbar steht im Widerstreit
Zu seiner sonstigen Gestalt,
Die steif wirkt, förmlich: fast schon kalt.

Wiewohl doch hier viel Publikum:
Gar niemand dreht sich nach ihm um!
Ich denke, dass der Herr bekannt
Den Lahrer Bürgern als Passant;
Auch dass er grad zur Probe geht
Zum Volks-Theater, wo heut steht
Ein Stück aus alter Zeit im Plan,
Wie auf Plakaten kundgetan.


Bestürzendes Vorkommnis


Ein Knirps auf seinem Dreirad fährt
Gerade so, dass er sich kehrt
Von vorn auf diesen Fremden hin:
Muss auf ihn stossen mittendrin.
Die Mutter folgt zwar dicht dem Kind,
Doch scheint sie für den Aufprall blind,
Der unausweichlich steht nun an,
Wie ich entsetzt erkennen kann.

Doch wie bin ich erstaunt, erschreckt:
Ich sehe, wie der Bub direkt
Just mitten durch den Fremden fuhr,
Als wäre der ein Schatten nur!
Kein Aufprall oder Sturz trat ein,
Kein Rufen, Klagen, Schimpfen, Schrein.


Johann Heinrich Jung-Stilling schreitet durch Lahr


So, wie der Vorgang war gediehn,
Dermassen spukhaft er mir schien,
Dass nun ich wollte nicht mehr ruhn,
Zu seiner Klärung alles tun.

Beherzt schritt deshalb ich im Nu
Auf diesen fremden Herren zu
Und holte ihn auch sehr rasch ein.
Ein Schreck ging mir durch Mark und Bein!
Der Herr, in Lahr auf Wanderung,
War – Hofrat Johann Heinrich Jung!2

\“Herr Hofrat3 Jung\“, sprach ich, \“vorhin
Zu Tod ich fast erschrocken bin,
Als mit dem Dreirad fuhr ein Kind
Entgegen ihnen, für sie blind;
Ja auch die Mutter gar nichts sah
Und kein Zusammenstoss geschah.

Nun weiss ich, dass in Geist-Gestalt
Vollzieht sich hier ihr Aufenthalt!
Auch scheint mir, dass die Leute nicht
Bekommen heut sie zu Gesicht.
Obzwar sie doch altfränkisch gehen,
Tat niemand sich nach ihnen drehen.\“


Jung-Stilling zur Belehrung bereit


\“Mein Stillings-Freund4: ganz recht ihr habt:
Bloss i h r von GOtt seid heut begabt
Zu sehen mich als Mensch in Lahr,
Mit mir zu sprechen jetzt sogar.
Ich nehme an, ihr habt Probleme;
Gern eure Fragen ich vernehme.\“


Gibt es Stufen der Seligkeit?


\“Gedankt sei GOtt, der lässt es zu,
Dass seinen Treuen kund sich tu
Ein Mensch, der zwar im Jenseits ist,
Doch Erdensorgen wohl ermisst!
Dank ihnen auch, Herr Hofrat Jung,
Dass kommen sie auf einen Sprung
Hierher an diesem Tag nach Lahr
Und bieten mir sich freundlich dar!

Schon lange wollte ich sie fragen,
Ob sie mir können etwas sagen
Zum Rang entleibter Menschen dort
Im Jenseits, an das Himmels Ort.

Ich finde nicht ganz deckungsgleich
Die ‚Szenen aus dem Geisterreich‘5
Mit dem, was bringt hier an Befunde
Die ‚Theorie der Geister=Kunde‘6.
Gibt Stufen es: ja oder nein?
Was ist im Kern das Seligsein?\“


Wesen des Seligseins


\“Die Seligkeit besteht darin,
Dass GOtt sich der Person neigt hin.

Nun zeigt sich GOtt zwar jedem ganz:
So wie ER ist, in SEinem Glanz.
Verschieden sich jedoch bemisst
Die Fähigkeit, die jedem ist,
Dass er empfindet GOttes Liebe:
Von d a h e r gibt es Unterschiede.\“ —

\“Heisst das, Herr Hofrat, dass in Graden
Versehen sind mit GOttes Gnaden
Die Seligen: sich Klassen bilden
Auch in den himmlischen Gefilden?\“


Jeder Mensch wird personal vollauf erfüllt


\“Auf keinen Fall habt ihr hier recht!
Vollendet wird ein jeder echt:
Das heisst, zur Gänze subjektiv,
Nicht dieser hoch und jener tief!

Nur zeigt sich – objektiv genommen –
Das Liebesmass, das man bekommen,
Verschieden, weil in Relation
Zum Grad des Könnens der Person
Mit Liebe ganz sich vollzusaugen:
Nicht jeder muss hier gleichviel taugen;
Denn Fassungskraft und Fähigkeit,
Vermögen und Empfänglichkeit
Für GOttes reine Liebesglut
Sind unterschiedlich absolut.7

Bloss dem wird Rechnung hier getragen!
Doch niemand würde sich beklagen,
Dass ihm zu wenig Liebe sei:
Von solchem Wunsch ist jeder frei,
Weil ganz mit Liebe angetan,
Vollendet in der Lebensbahn.

Wenn Stufen nun im Himmel sind,
Dann solche nicht, die man ersinnt
Als Ränge, Klassen hier auf Erden.
Nur Liebes-Ordnung kann dort werden
In dem Sinn, dass die GOttes-Liebe
Begrenzt in ihrer Stärke bliebe
Durch jedes Menschen Fassungs-Kraft:
Doch stets sie ganz Vollendung schafft.

Der Fragenkreis hier ist nicht leicht!
Ich hoffe, dass die Antwort reicht.
Sollt mehr ihr dazu wissen wollen,
Dann lest in jenen Protokollen,
Die nahmen auf jeweils sogleich
Die ‚Szenen aus dem Geisterreich.‘


Jung-Stilling verabschiedet sich


Gehabt euch wohl! Grüsst Reichenburg!8
Ich muss nach Rastsatt an der Murg:9
Ein Kranker wartet dort auf mich;
Der HErr will, dass ihn heile ich.10

Sagt jenen Stillings-Freunden Dank,
Die gaben Schecks von ihrer Bank,
Dass bald in Druck erscheinen kann,
Worüber jüngst ich zu euch sann.
GOtt ihnen darum Huld verleiht:
Gelobt sei ER in Ewigkeit.\“

Jung-Stilling Richtung Schutter11 ging;
Mein Blick zunächst noch an ihm hing,
Bis plötzlich er verschwunden war:
Zu Geist verwandelt offenbar.

Im Zug nach Mannheim7 ich notierte,
Was eben mir zu Lahr passierte
Und Stilling sagte von der Liebe,
Damit es im Gedächtnis bliebe.


Geist Eldad hilft bei der Niederschrift


Drei Wochen später Zeit ich fand:
Das Stenogramm nahm ich zur Hand,
Um mit dem Reimen zu beginnen:
Doch wollte mir kein Vers entrinnen!

Entmutigt warf ich hin den Stift,
Als plötzlich mich ein Windhauch trifft
Und eine Stimme zu mir sagt:
\“Man möchte nicht, dass ihr vertagt
Die Reinschrift dessen, was letzt war
Mit euch und Stilling dort zu Lahr.
Ich bin Geist Eldad12, darf euch nützen:
Beim Schreiben heute unterstützen
Und helfen, dass der Text komplett
Wird eingespeist ins Internet.\“

Geist Eldad, der sich zeigte nicht,
Half mir bei obigem Gedicht.
Er hat mir fürders zu den Noten
Gern seine Mitwirkung geboten.


Geschimpfe möge man hintansetzen


Ach je! Wie ist die Welt verrückt!
Man sagt nicht Dank, ist nicht beglückt,
Dass Stillings Botschaft wird verbreitet:
Dem Guten so der Weg bereitet.

Oh nein! Sie schreien: \“Spiritismus,
Gespenster-Wahnsinn, Okkultismus,
Verdummung, Scharlatanerie,
Ergüsse kranker Phantasie,
Geflunker, Machwerk, Schwindel, Lug,
Geschwätz, Geplapper, Bluff und Trug,

Chimäre, Aberwitz: ein Schmarren,
Ersonnen wohl von einem Narren;
Verzauberung, Nekromantie:
Beschwörung Toter, Blasphemie,

Geheimnisvolle Kabbalistik,
Gefälschte, gleisnerische Mystik
Verruchte Wortverdreherei,
Getrickster, schauerlicher Strudel,
Gewirr von höllischem Gesudel,
Groteske Phantasmagorie,
Im Kern die reine Idiotie:
Geschäker, Blödsinn, Unfug, Possen,
Aus einem wirren Hirn geflossen;

Betörung, Blendwerk, Künstelei,
Verpackt in glatte Reimerei,
Dämonenhafte Zauberei:
Ein Zeugnis von Bessenheit,
Verhexung und Verlogenheit,
Abscheuliche Provokation:
Der Hölle Manifestation!

Herr Dichtauch ist ein Hexerisch:
Verbreitet teuflisches Gezisch!
Am besten ist, man wirft ins Feuer,
Was kündet dieses Ungeheuer;
Dann schwindet dieser bleiche Dunst,
Erzeugt von ihm durch Satanskunst.“

Ach Leute! Packt euch an die Nase:
Entbindet euch von Zorn-Gerase
Und denkt darüber tiefer nach,
Was über Glückes Stufen sprach
Zu allen Stilling hier zu Lahr:
Des Überdenkens wert fürwahr!

Doch mögt ihr schimpfen durch die Bank
Enthemmt auf Dichtauch Ohnedank,
Dem schenkte GOtt ein dickes Fell;
Drum ärgert sich auch nicht so schnell
Und nimmermehr in Zorn gerät,
Wenn ihr als \“Lügengeist\“ ihn schmäht.
Bedauern tut er jene Flachen,
Die ihn bespotten und verlachen.

Was Euch, ihr Kritikaster, fehlt,
Sei in drei Wörtern aufgezählt:
Beweglichkeit, Urbanität:
Gespür für Genialität.


Anmerkungen, Hinweise und Quellen


* Grafschaft Leisenburg = bei Jung-Stilling das ehemalige Fürstentum Nassau-Siegen (mit der Hauptstadt Siegen); –  durch Erbfolge ab 1743 Teil der Nassau-Oranischen Lande (mit Regierungssitz in Dillenburg, heute Stadt im Bundesland Hessen); –  im Zuge der territorialen Neuordnung Deutschlands durch den Wiener Kongress ab 1815 Bezirk in der preussischen Provinz Westfalen (mit der Provinzhauptstadt Münster); –  nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 an bis heute Bestandteil im Kreis Siegen-Wittgenstein des Regierungsbezirks Arnsberg im Bundesland Nordrhein-Westfalen in der Bundesrepublik Deutschland (mit der Landeshauptstadt Düsseldorf). – Über 70 Prozent der Kreisfläche sind Wälder; Siegen-Wittgenstein steht damit an der Spitze der Bewaldungsdichte in Deutschland.

Salen = bei Jung-Stilling die ehemalige fürstliche Residenzstadt Siegen, heute Universitätsstadt mit etwa 110’000 Bewohnern, am Oberlauf der Sieg (dort 240 Meter über dem Meeresspiegel) gelegen. Die Sieg ist ein 155,2 Kilometer langer, rechter Nebenfluss des Rheins. – Die nächst grösseren Städte von Siegen sind, in der Luftlinie gemessen, im Norden Hagen (83 Kilometer), im Südosten Frankfurt am Main (125 Kilometer), im Südwesten Koblenz (105 Kilometer) und im Westen Köln (93 Kilometer).

Siehe Karl Friedrich Schenck: Statistik des vormaligen Fürstenthums Siegen. Siegen (Vorländer) 1820, Reprint Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1981 sowie Theodor Kraus: Das Siegerland. Ein Industriegebiet im Rheinischen Schiefergebirge, 2. Aufl. Bad Godesberg (Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung) 1969 (Standardwerk mit vielen Karten, Übersichten und Rückblenden auf den Entwicklungsverlauf; leider auch in der Zweitauflage ohne Register).

Im wirtschaftsgeschichtlich bemerkenswerten Siegerland ist der hochintelligente und vielseitig begabte Jung-Stilling (siehe Anmerkung 2) geboren, herangewachsen und hat auch seine ersten beruflichen Erfahrungen als Köhlergehilfe, Schneider, Knopfmacher, Vermessungs-Assistent, Landarbeiter, Dorfschulmeister und Privatlehrer gesammelt.

1 Lahr = alte Stadt am Ausgang des Schuttertals zur Rheinebene im Bundesland Baden-Württemberg der Bundesrepublik Deutschland. Hier weilte Jung-Stilling zuletzt im April 1806, wo er – auf seiner dritten Reise in die Schweiz zu Augenkranken Station machend auch – \“Tramblers Cichorien Fabrike\“ und \“Lottsbeks Tabaks Fabrike\“ besichtigte. – Siehe Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 119 (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

Befreundet war Jung-Stilling in Lahr mit Oberamtsrat Wilhelm Bausch, der auch Jung-Stillings Tochter aus zweiter Ehe Caroline Jung (1787-1821) im September 1808 als Feriengast aufnahm. Bausch wurde 1812 Kreisrat in Freiburg im Breisgau, 1832 zum Regierungsrat ernannt und trat 1836 in den Ruhestand. Sein Sohn Georg Bausch, Kaufmann in Lahr, wohnte im Januar 1807 einige Tage bei Jung-Stilling in Karlsruhe, wo er geschäftlich zu tun hatte. – Auch den Schwiegervater von Georg Bausch, Johann Schuler (nicht: Schulter) sowie einige andere Lahrer Bürger lernte Jung-Stilling bei seiner dritten Reise in der Schweiz kennen. Jung-Stilling hielt sich zusammen mit seiner dritten Ehefrau Elise am 28. und 29. April in Lahr auf.

Als im Zuge des Reichsdeputations-Hauptschlusses vom 25. Februar 1803 die (um 640 vom Heiligen Landelin gegründete) Benediktinerabtei Ettenheimmünster aufgehoben und unter Karl Friedrich von Baden (1728/1746-1811) ausgeplündert wurde, war Wilhelm Bausch darum bemüht, einen Teil der über 20’000 Bände umfassenden Bibliothek mit ihren kostbaren Handschriften und Erstdrucken für Lahr zu retten. Es gelang ihm auch, zumindest einen kleinen Teil, gesamthaft etwa 860 Bände, auszusondern. Sie bilden heute den Grundstock der Lehrerbibliothek des Scheffel-Gymnasiums in Lahr. – Siehe Gerhard Schächtele: 200 Jahre Scheffel-Gymnasium Lahr: 1804 – 2004. Lahr (Scheffel-Gymnasium) 2004.

Siehe auch Dieter Weiss: Klosterkirche Ettenheimmünster. Zur Ausstattung der Kirche und dem Verbleib der Kircheneinrichtung. Eine Dokumentation. Offenburg (Schwarzwaldverlag Reiff) 1999. – Über die dem Kloster geraubten und der Bibliothek der neuen Residenzstadt Karlsruhe zugewiesenen Manuskripte siehe Karl Preisendanz: Die Handschriften des Klosters Ettenheim-Münster. Karlsruhe (Badische Landesbibliothek) 1932 (Die Handschriften der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, Bd. 9). Der restliche Teil der Handschriften (soweit diese bei der Zwangsaufhebung des Klosters nicht unterschlagen und verschlampt wurden) erhielt die Universität Heidelberg.

2 Geheimer Hofrat Professor Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), der Weltweisheit (Philosophie [Universität Heidelberg, ehrenhalber 1786]) und Arzneikunde (Medizin [Universität Strassburg, Promotion 1772]) Doktor. Dieser wurde in der letzten Zeit wiederholt auf Erden gesehen.

Siehe zum Wiedereintritt Verstorbener in diese Welt Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde, in einer Natur= Vernunft= und Bibelmäsigen (so) Beantwortung der Frage: Was von Ahnungen, Gesichten und Geistererscheinungen geglaubt und nicht geglaubt werden müße (so, also mit Eszett). Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1808 (Reprint Leipzig [Zentralantiquariat der DDR] 1987), S. 220 ff.

Dieses Werk von Jung-Stilling wurde seit seinem Erstdruck in vielen Ausgaben veröffentlicht und auch ins Englische, Schwedische, Französische und Niederländische übersetzt; siehe die Zusammenstellung bei Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Bibliographie Siegen (J. G. Herder-Bibliothek) 1993 (Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland, Bd. 28).

Vgl. zu diesem Themenkreis auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades. Wahre und falsche Ansichten, hrsg. und eingel. von Gerhard Merk. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Studien, Bd. 2). sowie Martin Landmann: Ahnungen, Visionen und Geistererscheinungen nach Jung-Stilling. Eine ausdeutende Untersuchung. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995, als Download-File gratis unter der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> abrufbar.

Siehe die entsprechenden Erlebnis-Berichte über Erscheinungen von Jung-Stilling in letzter Zeit (soweit diese im Druck erschienen bzw. veröffentlicht sind) bei –  Treugott Stillingsfreund: Erscheinungen im Siegerland. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1987, S. 12 (zu Siegen, wo Jung-Stilling als junger Lehrer bei dortigen Unterbehörden mehrfach zu tun hatte), S. 18 (zu Frankfurt am Main, wo Jung-Stilling zu Lebzeiten öfters weilte und dort Augenkranke operierte; er wohnte dann im Hause Goethe in der Hirschgasse), S. 34 (zu Marburg an der Lahn, wo Jung-Stilling von 1787 bis 1803 als Lehrer für Ökonomik wirkte, daneben aber auch ophthalmologische Lehrveranstaltungen an der medizinischen Fakultät abhielt), S. 41 (zu Hilchenbach-Müsen im Kreis Siegen-Wittgenstein; Jung-Stilling besuchte in Hilchenbach die Lateinschule), S. 48 (im Zentrum der Stadt Siegen), S. 88 (zu Rom in recht verzweifelter und äusserst beschämender Lage).

Weitere Nachrichten finden sich bei –  Gotthold Untermschloß: Begegnungen mit Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Kalliope Verlag) 1988, S. 9 (zu Wuppertal, wo Jung-Stilling zu Lebzeiten sieben Jahre als Arzt, Geburtshelfer und Augenarzt im heutigen Stadtteil Elberfeld praktizierte), S. 16 (zu Heidelberg, allwo Jung-Stilling von 1784 bis 1787 als Professor an der Universität lehrte, und wo er später noch einmal von 1803 bis 1806 wohnte), S. 22 (zu Braunschweig, wo Jung-Stilling zu seiner Zeit hienieden 1801 weilte und mehrere Augen-Operationen vornahm), S. 31 (zu Lausanne am Genfer See), S. 40 (zu Salzburg), S. 50 (zu Lahr), S. 56 (zu Burgdorf im Kanton Bern, wo Jung-Stilling auf drei Reisen Starblinde operierte), S. 79 (zu Mannheim, wo Jung-Stilling zu seiner irdischen Zeit den regierenden Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern, den Statthalter der Kurpfalz Franz Albert von Oberndorff und einige einflussreiche Hofbeamte persönlich kannte, und wo er Mitglied der [literarischen] \“Teutschen Gesellschaft\“ war), S. 90 (im Herzen von Wien), S. 101 (zu Stuttgart, wo Jung-Stilling zu Lebzeiten 1801 und 1802 Augenkranke operierte und zahlreiche Freunde hatte), S. 113 (zu Hamburg), S. 125 (im Alten Botanischen Garten zu München) sowie bei –  Glaubrecht Andersieg: Allerhand vom Siegerland. Siegen (Höpner Verlag) 1989, S. 41 (auf einem Wanderweg im Siegerland), S. 188 (zu Neunkirchen/Siegerland).

Erscheinungs-Berichte sind fernerhin aufgezeichnet bei  Christlieb Himmelfroh: Jung-Stilling belehrt. Kirchhundem (AK-Verlag) 1991, S 11 (zu Siegen), S. 75 (zu Kreuztal-Krombach am Grabe von Jung-Stillings Patenonkel, dem fürstlich-oranischen Oberbergmeister Johann Heinrich Jung [1711-1786], der prägend auf ihn einwirkte), S. 100 (an einem Autobahn-Rastplatz), S. 117 (zu Berlin), S. 134 (zu Essen), S. 146 (zu Wien) und S. 158 (zu Marburg an der Lahn) sowie bei

 Haltaus Unverzagt: Hat Jung-Stilling Recht? Protokolle nachtodlicher Belehrungen. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993 (Jung-Stilling-Schriften, Bd. 2), S. 7 (im Hochgebirge), S. 47 (zu Leipzig, wo Jung-Stilling zu Lebzeiten 1803 und 1804 auf Operationsreisen weilte), S. 91 (im Schnellzug).

Weitere veröffentlichte Niederschriften von neueren Gesprächen mit Jung-Stilling kann man unter anderem lesen bei –  Gotthold Untermschloß: Von Leistung, Mühe und Entgelt in dieser unsrer Arbeitswelt. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1993, bei –  Frommherz Siegmann: Das Herzstück richtiger Wirtschaftslehre. Eine nachtodliche Unterweisung von Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1994, bei –  Glaubrecht Andersieg: Vom Sinn des Leides. Eine nachtodliche Belehrung von Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995 (Erscheinung im Zug von Basel nach Frankfurt am Main).

Schliesslich sei besonders hingewiesen auf –  Treugott Stillingsfreund: Zur Verschuldung der Entwicklungsländer. Ein Gespräch zwischen Johann Heinrich Jung-Stilling und Treugott Stillingsfreund vom Frühjahr 1987, 2. Aufl. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995 (Begegnung im Zug von Köln nach Trier und ein belehrendes Gespräch über die Ursachen der mageren Erfolge der Entwicklungshilfe; Broschüre, nicht im Buchhandel; als Download-File kostenlos unter der Adresse <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling> abrufbar),

 Freimund Biederwacker: Springflut der Lügengeister? Illic (Siona-Verlag 1991 (an der Autobahn nahe Siegen; Broschüre, nicht im Buchhandel) Treugott Stillingsfreund: Teuflisches Wirken heute. Zur Definition der Ungüter. Zwei nachtodliche Gespräche mit Hofrat Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1995 (Zusammentreffen in Olpe/Biggesee und in der Altstadt von Bern; Broschüre, nicht im Buchhandel) sowie –  Frommherz Siegmann: Von der Liebe der Stadt Siegen zu Jung-Stilling. Illic (Siona-Verlag) o. J. [1991] (nächst der Kirche Sankt Nikolai in Siegen; Broschüre, nicht im Buchhandel).

Neuerdings erschien aus der Feder von Freimund Biederwacker: Vom folgenschweren Auto-Wahn. Protokoll einer nachtodlichen Belehrung von Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996. Dieses Protokoll (sowie einige weitere Erscheinungs-Berichte) sind auch in Online-Version (das heisst: ohne die den Druckausgaben beigegebenen Abbildungen und Register) als Download-Files abrufbar unter der Adresse <http://www.uni-siegen.de/~stilling/downloads>

3 Jung-Stilling erhielt als Professor für ökonomische Wissenschaften an der Universität Heidelberg durch Erlass des Kurfürsten Karl Theodor von Pfalz-Bayern vom 31. März 1785 die Ernennung zum \“Kurpfälzischen Hofrat\“; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 4), S. 427.

Jung-Stilling hatte dem Wittelsbacher Kurfürsten 1772 seine medizinische Doktorarbeit gewidmet und bei Hofe zu Mannheim diesem im März 1772 persönlich überreicht. Diese trägt die Aufschrift \“Specimen de Historia Martis Nassovico-Siegenensis\“; sie beschäftigt sich mit der Geschichte des Eisenerzeugung im Fürstentum Nassau-Siegen. – Mars = hier: FERRUM, QUIA ROMANIS OLIM FERREUS MARS FUIT; siehe zur älteren Metall-Lehre übersichtlich, in drei Thesen geordnet Anton Lütgens: Metallorum Naturam et Differentias explicans Dissertatio Physica. Kiel (Barthold Reuther) 1707.

Das mit dem Hofrats-Titel verbundene gesellschaftliche Ansehen war zu jener Zeit beträchtlich. Es gewährte dem Träger manche Bevorzugungen, so auch (was Jung-Stilling als reisenden Augenarzt besonders zum Vorteil gereichte) an Wegschranken, Posten, Schildwachen, Stadttoren, Fähren, Übergängen, Brücken sowie an den damals auch innerlands sehr vielen Schlagbäumen mit ihren Maut-, Zoll- und Grenzstationen.

Der Friedensvertrag von Campo Formio (7 km südwestlich von Udine in Venetien) vom 17. Oktober 1797 zwischen Napoléon und Kaiser Franz II., bestimmte in Artikel 20 den Rhein als die Staatsgrenze zwischen Frankreich und Deutschland. Dies wurde im Frieden von Lunéville (südöstlich von Nanzig [französisch: Nancy] gelegen; ehemalige Residenz der Herzöge von Lothringen) am 9. Februar 1801 bestätigt.

In Artikel 6 des Vertrags heisst es genauer: \“S. M. l’Empereur et Roi (nämlich Franz II, der letzte Kaiser des alten Reichs; er legte nach Bildung des Rheinbundes am 6. August 1808 die deutsche Kaiserkrone nieder),, tant en Son nom qu’en celui de l’Empire Germanique, consent à ce que la République française possède désormais (= von nun an) en toute souveraineté et propriété, les pays et domaines situés à la rive gauche du Rhin, … le Thalweg (= die Fahr-Rinne für die Schiffart) du Rhin soit désormais la limite entre la République française et l’Empire Germanique, savoir (= und zwar) depuis l’endroit (= von der Stelle an) où le Rhin quitte le territoire helvétique, jusqu’à celui où il entre dans le territoire batave.\“

Eine ausserordentliche Reichsdeputation, eingesetzt am 7. November 1801, beriet daraufhin in Regensburg (seit 1663 Ort des Immerwährenden Reichstags) über die Entschädigung an deutsche Fürsten, die (links der neuen Staatsgrenze zu Frankreich gelegene) Gebiete an Frankreich abtreten mussten.

Durch besondere günstige Umstände (verwandtschaftliche Beziehungen zu Frankreich traten hinzu: sein Enkel und Thronfolger Karl [1786/1811–1818] heiratete im April 1806 Stéphanie de Beauharnais [1789–1860], die 17jährige Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte) vergrösserte Karl Friedrich von Baden (1728/1746–1811) bei dieser Gelegenheit sein Gebiet um mehr das Vierfache; die Bevölkerung stieg von ungefähr 175’000 auf fast 1 Million Bewohner. Die pfälzische Kurwürde ging auf ihn über; Karl Friedrich wurde damit 1803 vom Markgrafen zum Kurfürsten erhoben. – Wenig später rückte er durch den Rheinbundvertrag vom 12. Juli 1806 nach Artikel 5 gar zum Grossherzog mit dem Titel \“Königliche Hoheit\“ auf.

Mit dem Besitzwechsel der rechtsrheinischen Gebiete der Kurpfalz (so auch der alten Residenz- und Universitätsstadt Heidelberg, der neuen Residenzstadt [seit 1720] Mannheim [mit dem grössten Barockschloss in Deutschland] und der Sommer-Residenz Schwetzingen [mit dem kurfürstlichen Lustschloss samt 76 Hektar grossen Schlossgarten, Moschee, Badehaus und Theater]) an das Haus Baden durch den Regensburger Reichsdeputations-Hauptschluss vom 25. Februar 1803 wurde gemäss § 59, Abs. 1 (\“Unabgekürzter lebenslänglicher Fortgenuß des bisherigen Rangs\“) der \“kurpfälzische\“ Hofrat DE JURE PUBLICO automatisch zum \“badischen\“ Hofrat.

Anfang April des Jahres 1808 wird Jung-Stilling als Berater des Grossherzogs von Baden (\“ohne mein Suchen\“, wie er selbst betont) zum \“Geheimen Hofrat in Geistlichen Sachen\“ ernannt. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen Verlag) 2002, S. 404.

Beim Eintritt von Jung-Stilling in den Himmel kommt ihm Karl Friedrich von Baden freudig entgegen und heisst ihn in der Seligkeit als Bruder herzlich willkommen. – Siehe hierzu und überhaupt zum Übergang von Jung-Stilling in das Jenseits des näheren (unbekannte Verfasserin): Sieg des Getreuen. Eine Blüthe hingeweht auf das ferne Grab meines unvergesslichen väterlichen Freundes Jung=Stilling. Nürnberg (Raw’sche Buchhandlung) 1820, S. 27.

Bis anhin ist nicht geklärt, wer diese Schrift verfasst hat. Im Vorwort heisst es: \“Euch, ohne Ausnahme Allen, ihr geliebten, bekannten und unbekannten Stillingsfreunden, [so!] die ihr ja auch Christus=Freunde seyd! sind diese Blätter gewidmet. Ihr werdet es nicht lächerlich, nicht unschicklich finden, dass sie so spät erst nach dem Hinscheid [so!] des Unvergesslichen erscheinen, wenn ich euch zum Voraus sage: dass ich, als Weib vorerst Männer ausreden lassen – abwarten wollte mit weiblicher Bescheidenheit, was solche zum Denkmal des Allgeliebten aufstellen würden\“ (Orthographie wie im Original). — Als wahrscheinlich gilt inzwischen, dass die literarisch hervorgetretene Schweizer Stillings-Freundin Helene Schlatter-Bernet (1764-1832) den Nachruf auf Jung-Stilling verfasst hat

Jung-Stilling stand nach seinem, aus eigener Initiative gewählten Abschied von der Universität Marburg ab 1803 im Dienste des Hauses Baden. – Siehe hierzu Gerhard Schwinge: Jung-Stilling am Hofe Karl Friedrichs in Karlsruhe, in: Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins, Bd. 135 (1987), S. 183 ff., Gerhard Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung. Eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfelds. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1994, S. 219 ff. (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Bd. 32) sowie zum Verhältnis zwischen beiden Persönlichkeiten auch Max Geiger: Aufklärung und Erweckung. Beiträge zur Erforschung Johann Heinrich Jung-Stillings und der Erweckungstheologie. Zürich (EVZ-Verlag) 1963, S. 237 ff. (Basler Studien zur Historischen und Systematischen Theologie, Bd. 1).

₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪

Karl Friedrich (1728/1746-1811) galt in Karlsruhe gleichsam als Übermensch. Nachdem gelegentlich eines Trauergottesdienstes am 1. Juli 1811 der hochgelehrte katholische Stadtpfarrer und (seit 1805) Grossherzoglich Badische Geistliche Rat Dr. Thaddäus Anton Dereser (1757-1827) nicht in den übertriebenen Lobgesang für den Verstorbenen einstimmen wollte, sondern am Rande einer Predigt die teilweise rohe und schamlose Ausplünderung der katholischen Einrichtungen unter seiner Herrschaft beiläufig ansprach (siehe Anm. 1), da musste er Karlsruhe unverzüglich verlassen.

Siehe zur Person von Dereser kurz die Broschüre von Joseph Gass: Der Exeget Dereser. Eine geschichtliche Studie. Strassburg (Le Roux) 1915 (mit einem Portrait von Dereser) sowie Franz Xaver Münch: Der äußere Lebensgang des Aufklärungstheologen Thaddäus Anton Dereser. Bonn (Dissertation der Katholisch-Theologischen Fakultät) 1929 (auszugsweise im Druck) sowie Bartolomé Xiberta: Artikel \“Dereser, Thaddaeus a Sancto Adamo\“, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 3, Berlin (Duncker & Humblot), S. 605.

Siehe zu den unterdrückenden obrigkeitlichen Massnahmen gegen die katholische Kirche unter der Regierungsgewalt der badischen Grossherzöge näherhin (Franz Joseph Mone [1796-1871]): Die katholischen Zustände in Baden, 2 Bde. Mit urkundlichen Beilagen. Regensburg (Manz) 1841/1843 sowie Carl Bader: Die katholische Kirche im Großherzogthum Baden. Freiburg (Herder) 1860. – Sehr einseitig und unsachlich zur Predigt von Dereser auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Briefe. Ausgewählt und hrsg. von Gerhard Schwinge. Giessen, Basel (Brunnen) 2002, S. 485.

Als Beispiel der bei Hofe zu Karlsruhe genehmen Trauerreden katholischer Geistlicher seien erwähnt –  Bernhard Boll: Trauerrede bey der kirchlichen Todten-Feyer seiner königlichen Hoheit Karl Friedrichs, Großherzogs zu Baden, Herzogs zu Zähringen, gehalten in der Haupt- und Münsterpfarrkirche zu Freyburg den 1. July 1811. Freiburg (Wagner) 1811 (der Zisterzienser und Münsterpfarrer zu Freiburg Bernhard Boll (1756-1836) wurde 1827 erster Erzbischof von Freiburg); –  [Gerhard Anton Holdermann]: Beschreibung der am 30ten Juny und 1ten July 1811 zu Ratsatt Statt gehabten Trauer-Feyerlichkeit nach dem Hintritte unsers (so!) höchstseligen Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Rastatt (Sprinzing) 1811. Holdermann (1772–1843) war katholischer Pfarrer zunächst in Heidelberg und bis 1829 in Rastatt.

Als elektronische Ressource im Rahmen der \“Freiburger historischen Bestände–digitalisiert\“ ist einsehbar –  die in lateinischer Sprache vorgetragene, an Lobpreisungen überladen-theatralische Rede von Johann Kaspar Adam Ruef (1748-1825): JUSTA FUNEBRIA SERENISSIMO DUM VIVERET AC CELSISSIMO PRINCIPI DIVO CAROLO FRIDERICO MAGNO DUCI BADARUM … DIE 22 JULII 1811 IN TEMPLO ACADEMICO PIISSIMA ET GRATISSIMA MENTE PERSOLVENDA INDICIT JOANNES CASPARUS RUEF. Freiburg (Herder) 1811. – Ruef war Professor des katholischen Kirchenrechts an der Universität Freiburg, Oberbibliothekar und (wie Jung-Stilling seit 1806) Grossherzoglich Badischer Geheimer Hofrat. Gleichsam als Heiligen sehen den Verstorbenen –  Aloys Wilhelm Schreiber: Lebensbeschreibung Karl Friedrichs Großherzog von Baden, 1728–1811. Heidelberg (Engelmann) 1811 (Schreiber [1761–1841]) war seit 1805 Professor für Ästhetik in Heidelberg und ab 1813 bis zu seiner Pensionierung Hofgeschichtsschreiber in Karlsruhe)

Vgl. auch –  Gedächtnißreden bey dem Tode Sr. K. Hoheit des Großherzogs Carl Friedrich von Baden. Gehalten von den Pfarrern der drey christlichen Confessionen zu Mannheim. Mannheim (Schwan) 1811 (Brochure), in der sich der reformierte, lutherische und katholische Geistliche an Lob auf den verstorbenen Karl Friedrich offenkundig überbieten.

Geradezu bescheiden wirken demgegenüber andere Predigten, wie etwa –  [Christian Emanuel Hauber]: Kurze Abschilderung Sr. Königlichen Hoheit Carl Friedrichs Grosherzogs (so!) von Baden. Karlsruhe (Macklot) 1811 (Brochure); –  Theodor Friedrich Volz: Gedächtnißpredigt auf den Höchstseeligen Großherzog von Baden Karl Friedrich, gehalten den 30. Junius 1811 in der Stadtkirche zu Karlsruhe. Karlsruhe (Müller) 1811 (Brochure). Volz [1759-1813]), in Jena 1778 bereits promoviert, bemüht sich erkennbar um die im Rahmen des Anlasses mögliche Sachlichkeit.

Aufgebläht, schwulstig und völlig kritiklos sind auch viele der zahlreichen Zentariums-Reden auf Karl Friedrich von Baden, wie –  Karl Joseph Beck: Rede bei der akademischen Feier des hundertsten Geburtsfestes des Hochseligen Großherzogs Karl Friedrich zu Baden … Gehalten von dem derzeitigen Prorector der Albert-Ludwigs-Hochschule. Freiburg im Breisgau (Wagner) 1828. Karl Joseph Beck (1794-1838) war Mediziner und Stifter des \“Corps Rhenania\“ in Freiburg.

Überspannt auch –  Friedrich Junker: Lobrede auf Carl Friedrich, ersten Großherzog von Baden. bei der Säcularfeier der Geburt des unvergleichlichen Fürsten den 22. November 1828 gesprochen in Mannheim / Mannheim (Schwan & Götz) 1829 (Brochure); Junker hatte sich als Interpret des Philosophen Epiktet sowie als Schriftausleger einen Namen gemacht.

Geradezu als Heiligen stellt den badischen Herrscher dar –  Karl Wilhelm Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn: Gemälde über Karl Friedrich den Markgrafen, Kurfürsten und Großherzog von Baden. Ein Beitrag zur Säkular-Feier der Geburt des unvergeßlichen Fürsten Mannheim (Schwan und Götz) 1828 (Drais [1761–1851] ist der Erfinder des Fahrrads (Laufrads, \“Draisine\“); sein Vater war badischer Oberhofrichter und Karl Friedrich sein Taufpate).

Weithin unkritisch gegenüber den augenfälligen Schattenseiten der Regierung von Karl Friedrich neuerdings auch Annette Borchardt-Wenzel: Karl Friedrich von Baden. Mensch und Legende. Gernsbach (Katz) 2006. Dasselbe gilt für Gerald Maria Landgraf: \“Moderate et prudenter\“. Studien zur aufgeklärten Reformpolitik Karl Friedrichs von Baden (1728-1811), als Download-File bei dem URL <http://epub.uni-regensburg.de/10710/>. Für die Schikanen gegen die katholische Bevölkerung und das dadurch hervorgerufene Leid vieler Menschen hat Landgraf kein Wort übrig.

₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪₪

Bei nachtodlichen Erscheinungen wird Jung-Stilling gewöhnlich mit \“Herr Hofrat\“ angeredet, seltener mit \“Herr Geheimrat\“; siehe die in Anmerkung 1 genannten Berichte. Auch Siona, Schutzengel von Jung-Stilling, nennt diesen Dritten gegenüber \“Hofrat Jung\“.

Der Titel ist hier gleichsam als ein fester Bestandteil des Namens (ADJUNCTIO NOMINIS, wie etwa \“Apostel Paulus\“ oder \“Kaiser Karl\“) zu verstehen, und n i c h t als ehrenvolle Benennung (TITULUS HONORIS, wie er zu Lebzeiten Jung-Stillings mit der Verleihung beabsichtigt war).

\“Stilling\“ ist ein individueller Beiname (APPELLATIO PROPRIA; der Sinn dieser Namenszulegung ist beinebens bis heute noch nicht eindeutig und befriedigend erklärt) und wirkt sehr vertraulich. – \“Ohephiah\“ (= der GOtt liebt) ist der Name von Jung-Stilling in der Seligkeit; siehe (Christian Gottlob Barth): Stillings Siegesfeyer. Eine Scene aus der Geisterwelt. Seinen Freunden und Verehrern. Stuttgart (Steinkopf) 1817.

4 Stillings-Freund meint zunächst –  Gönner und Förderer von Jung-Stilling und später dann –  Verehrer oder –  zumindest dem Autor gegenüber wohlwollender Leser der Schriften von Jung-Stilling. Der Begriff wurde in diesen beiden Bedeutungen von ihm selbst eingeführt, und schliesst in jedem Falle auch die weibliche Form ein. – Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen hrsg. von Gustav Adolf Benrath, 3. Aufl. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1992, S. 213, S. 441, S. 513, S. 566. — Auf der anderen Seite gibt es aber auch (und zwar  bis heute!) \“Stillings-Feinde\“; siehe ebendort, S. 316.

Stillings-Freunde leben und lebten nicht nur im deutschen Sprachraum, sondern in aller Welt; siehe beispielsweise Maarten van Rhijn: Jung Stilling en Nederland, in: Nederlands Archief voor Kerkgeschiedenis, Bd. 45 (1963), S. 228 ff.

5 Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 7. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1999, S. 140 ff.

6 Siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Theorie der Geister=Kunde (Anm. 2), S. 150.

7 Jedes Erkennen ist ein lebendiges Besitzen des zu erkennenden Gegenstandes. Das Erkannte kann in dem erkennenden Menschen aber nur nach der Weise des Erkennenden sein (QUIDQUID RECIPITUR, AD MODUM RECIPIENTIS RECIPITUR).

Anders ausgedrückt: die Vernunft vermag einen konkreten Gegenstand nicht durch eine sinnliche, sondern nur durch eine verstandesmässige Erkenntnisform in sich aufzunehmen. Diese Aufnahmefähigkeit ist aber bei den Einzelnen erfahrungsgemäss überaus unterschiedlich (COGNITUM EST IN COGNOSCENTE AD MODUM COGNOSCENTIS).

Daraus kann gefolgert werden, dass auch die Erkenntnis Gottes bei den einzelnen Beseligten objektiv durchaus unterschiedlich ist, wiewohl jeder Beseligte von sich aus gesehen Gott völlig erkennt und damit im individuell höchstmöglichen Grade beglückt ist.

8 Reichenburg (bei Jung-Stilling) = die ehemalige (1720–1787) kurpfälzische Residenzstadt Mannheim am Zusammenfluss von Neckar und Rhein; sie fiel 1815 an Baden. Hier hielt sich Jung-Stilling mehrmals auf; siehe im einzelnen Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 4), S. 777 (Register, Stichwort: Mannheim) sowie unbekannte Verfasserin: Amalie Jung und das Großherzogliche Fräulein=Institut in Mannheim. Ein Lebens= und Charakter=Bild. Weimar (Böhlau) 1873 (über Jung-Stillings Kinder und Enkel in Mannheim) sowie Udo Wennemuth: Geschichte der evangelischen Kirche in Mannheim. Sigmaringen (Thorbecke) 1996, S. 83 (Quellen und Darstellungen zur Mannheimer Stadtgeschichte, hrsg. vom Stadtarchiv Mannheim, Bd. 4).

Jung-Stilling äussert sich gelegentlich einer nachtodlichen Begegnung in der Innenstadt von Mannheim (im Quadrat U 3) am Rande ziemlich kritisch über Mannheim; siehe <http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling>, dort die Datei \“Wirkkraft der Geister\“.

9 Rastatt = Stadt beiderseits der Murg in der Oberrheinischen Tiefebene im Bundesland Baden-Württemberg. Jung-Stilling weilte hier mehrmals; sein ältester Sohn (aus erster Ehe) Jakob Jung (1771–1846) war dort seit 1816 als Gerichtsrat tätig; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 4), S. 775 (Register, Stichwort: Jung, Peter Jakob Helmann).

10 Jung-Stilling studierte in Strassburg Medizin, war ab 1772 sieben Jahre in (Wuppertal-)Elberfeld als Arzt tätig und betätigte sich bis zu seinem Lebensende als Augenarzt. Etwa 3’000 Personen befreite er durch Operation aus der Blindheit; zirka 20’000 Menschen dürfte er ophthalmologischen Rat angedient haben.

Siehe zusammenfassend Gerhard Berneaud-Kötz: Jung-Stilling als Arztpersönlichkeit. Laienmediziner, Arzt, Augenarzt und Staroperateur, in: Michael Frost (Hrsg.): Blicke auf Jung-Stilling. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1991, S. 19 ff. und die dort (S. 39) angegebene Literatur sowie Klaus Pfeifer: Jung-Stilling-Lexikon Medizin. Siegen (Jung-Stilling-Gesellschaft) 1996.

11 Schutter = linker Nebenfluss der Kinzig (die ihrerseits in den Rhein mündet). Die Schutter entspringt am Hünersedel im Schwarzwald, durchfliesst Lahr und mündet nach 55 Kilometer bei Kehl.

12 Eldad (= Gottlieb): Geist, der in das Jenseits abgerufene Seelen von Stillings-Freunden abholt. – Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich (Anm. 7), S. 206, S. 214.

Im irdischen Leben war Geist Eldad unter dem Namen Johann Konrad Pfenninger (1747–1792) Pfarrer an St. Peter in Zürich und Freund sowie Kollege von Johann Kaspar Lavater, mit dem Jung-Stilling in Brüderlichkeit verbunden war. Jung-Stilling warb auch Abonnenten für das \“Christliche Magazin\“, das Pfenninger zwischen 1779 und 1781 herausgab; siehe Johann Heinrich Jung-Stilling: Lebensgeschichte (Anm. 4), S. 666. – Diese Zeitschrift ist als Mikrofiche-Ausgabe im Verlag Olms (Hildesheim) 1994 herausgekommen (Reihe \“Deutsche Zeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts\“).

Wie Jung-Stilling lehrt, können verdiente Menschen zu \“Engeln erreifen\“ und bilden eine besondere Klasse der himmlischen Geister. Jung-Stilling schliesst hier an die Lehre der alten Kirche von den Heiligen an.

Siehe hierzu auch Johann Heinrich Jung-Stilling: Geister, Gespenster und Hades. Wahre und falsche Ansichten (Anm. 2), S. 86 sowie Jung-Stilling-Lexikon Religion, herausgegeben und eingeleitet von Gerhard Merk. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1988, S. XX ff., S. 30 ff.


Jesus, Lord of our salvation,
Let THy mercy rest on me;
Grant me too, when life is finished,
Rest in Paradise with Thee.

William D. Maclagan (1826-1910)



Über Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk

Gerhard Merk (* 8. Mai 1931 in Mannheim) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler, Sozialethiker und Lehrbuchautor.

  • 1931 Geboren in Mannheim
  • 1955 Diplom-Volkswirt, Universität Heidelberg
  • 1956 Diplom-Handelslehrer, Universität Mannheim
  • 1957 Dr.rer.pol., Universität Heidelberg (Thema der Dissertation: „Die Investitionsfunktion“)
  • 1958 Konzernleitung Fried. Krupp, Essen, Zentralabteilung Verkauf, Fachabteilung Marktforschung
  • 1964 Dozent an der Staatlichen Höheren Wirtschaftsfachschule, Siegen
  • 1972 Professor an der Universität Siegen
  • 1996 Pensionierung; weiterhin in Lehre und Forschung an der Universität ohne Bezahlung tätig.

Verheiratet seit 1964 mit Dr.rer.nat. Martha Merk-Jansen, Apothekerin aus Aachen, verstorben am 30. Juni 2010.

Zwei Kinder: Irene (Diplom-Physikerin, Diplom-Informatikerin, Dr.rer.nat.), Judith (Industriekauffrau, Diplom-Kauffrau).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht..

(erforderlich)


Sie können diese verwenden HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>