Vertrauensverlust (lack of confidence)
Die – zumeist unerwartete – Einschätzung der internationalen Gläubiger, dass ein Staat seine Schulden aufgrund sehr hoher Zinsbelastung oder anderer Umstände nicht mehr bedienen kann. Dies führt zu einem raschen Abzug von Kapital und einem Versiegen von Neuzuflüssen, wie etwa 1999 im Falle Brasiliens, 2000 im Falle der Türkei und wenig später bei der Griechenland-Krise zu beobachten war. Jedesmal steht hinter dem Vertrauensverlust in die öffentlichen Finanzen der betreffenden Länder immer eine schwerwiegende Fehlentwicklung (fundamental erroneous trend) – und nicht das Tun übelwollender Spekulanten. – Entmutigende Erwartungen der Wirtschaftssubjekte hinsichtlich der Politik der (neuen) Regierung und der Zentralbank. Dies löst eine Kapitalflucht aus, wie etwa Ende 2005 nach der Wahl des Linkssozialisten Evo Morales zum Präsidenten Boliviens. Selbst hohe Strafandrohungen verhindern dann nicht die Kapitalflucht bzw. das Ausweichen in eine Nebenwährung. – Häufig plötzlich auftretende entmutigende Erwartungen hinsichtlich des Verlaufs volkswirtschaftlicher Krengrössen bzw. der Entwicklung auf dem Finanzmarkt. Das kann wie im Gefolge der Subprime-Krise in eine gar weltweite Finanzkrise einmünden, bei der auch der Interbankenmarkt austrocknet, weil jedes Institut dem anderen misstraut, in diesem Falle hinsichtlich des Bestandes an toxischen Papieren und der Werthaltigkeit (intrinsic value) ausgewiesener Aktiva. Ein Stimmungs-Umschwung ist in einer solchen Lage erfahrungsgemäss wohl nur mit kräftiger Hilfe des Staates zu erreichen. Aufkäufe der Zentralbank haben in dieser Lage erwiesenermassen keine nachhaltige Wirkung (have provably no lasting impact). – Siehe Bankenkrise, Dollarisierung, Dominostein-Effekt, Euroisierung, Europäische Währungsunion, Grundfehler, EZB-Sündenfall, Finanzmarktstabilisierungsanstalt, Furchtthese, Griechenland-Krise, Headline-Hysterie, Herdenverhalten, Interbankenmarkt, Londoner Verfahren, Minhas-Gerais-Problem, Prager Verlautbarung, Risikowahrnehmung, Rush to the exit, Staatsschulden, verweigerte, Stop Loss Rules, VorschattenEffekte, Weginflationierung. – Vgl. Finanzstabilitätsbericht 2012, S. 20 ff. (Vertrauenskrise in der EWU und ihre Gründe), Monatsbericht der EZB vom Januar 2013, S. 53 ff. (Bedeutung des Vertrauens in der Wirtschaft; ausführliche Darlegung; Übersichten; Literaturverweise), Monatsbericht der Deutschen Bundesbank vom Januar 2014, S. 44 ff. (Vertrauensverlust durch Anhäufung von Staatsschulden; Übersichten; Literaturverweise).
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Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk, Dipl.rer.pol., Dipl.rer.oec.
Professor Dr. Eckehard Krah, Dipl.rer.pol.
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